Briefe, die ihn nicht erreichten

Part 3

Chapter 33,391 wordsPublic domain

»Nein, es geht doch nichts über reisen und fremde Völker sehen. Aber man darf sie natürlich nicht wie uns beurteilen – es sind ja nur arme Heiden!«

(»Miß Harriet, nehmen Sie noch einmal genau die Maße.«)

»Seien Sie versichert, daß wir alles aufs beste für Sie liefern werden. Wir interessieren uns außerordentlich für Sie. Wir haben noch nie eine Kundin gehabt, die bei der Kaiserin von China gewesen ist.«

Und so verdanke ich es denn der Kaiserin von China, wenn meine New Yorker Kleider wirklich ganz besonders schön ausfallen!

10.

_New York_, Oktober 1899.

Lieber Freund! Haben Sie je von Charles William O'Doyle gehört? anders auch »Chinalack-O'Doyle« genannt? Dieser 50fache Millionär, der heute an der Spitze der größten Eisenbahnen steht, der Bergwerke, Schiffe und Ländereien, groß wie ein Königreich, besitzt, hat seine Laufbahn vor Jahren als Apothekergehilfe in San Francisco begonnen. Wie er dahin gekommen, wer seine Eltern waren, erzählt er heute wahrscheinlich niemandem – aber Geduld, die nächste Generation der O'Doyles wird gewiß entdecken, daß die Vorfahren von Charles W. einst angesehene Großgrundbesitzer in Irland gewesen, unter Cromwell ihres katholischen Glaubens halber verfolgt wurden, verarmten und, vom grünen Eiland vertrieben, nach Amerika auswandern mußten.

In Amerika wird jetzt alles fabriziert, wie in Europa – auch Stammbäume!

Charles W. legte den Grund zu seinem Vermögen durch einen wahrhaft genialen Einfall. Er hatte in San Francisco Gelegenheit, die Chinesen zu beobachten, die damals noch massenweise frei nach Kalifornien einwandern durften und ebenso massenweise nach ihrem Tode in großen schweren Holzsärgen nach Kanton zurückbefördert wurden. Chinesen glauben ja nun einmal nur im eigenen Lande regelrecht begraben werden zu können. Aber die schweren Holzsärge und der teure Transport verschlangen oft alles, was sich der Tote während Jahren erspart hatte, zum großen Ärger der bezopften Erben. Da erfand Charles W. einen eigenen Lack, den er zuerst an allerhand toten Tieren ausprobierte. Damit bestrichen, konserviert sich jeder Tote monate-, ja jahrelang; er dörrt vollkommen aus, wird hart wie Stein und erscheint, als sei er mit einer gelben Lederhaut überzogen. Charles W. nahm ein Patent auf seinen »Chinalack« und damit bestrichen legten nun Tausende toter Chinesen den Weg nach Kanton zurück. Die teuren, nach chinesischem Muster in San Francisco verfertigten Holzsärge waren erspart und der Preis der Überfahrt bedeutend verringert, denn man konnte nunmehr die toten Chinesen wie Sardinen in irgend einen Schiffswinkel fest aufeinander pressen und unterstauen, und sie kamen vollkommen unversehrt daheim an, den hart gedörrten gelben Enten ähnlich, die als große Delikatesse im San Franciscoer Chinesenviertel feilgeboten werden.

Dies war die Grundlage der O'Doyleschen Millionen!

Seitdem macht Charles W. Geschäfte in allen Ländern der Welt, er ist längst aus San Francisco fortgezogen und nach New York übergesiedelt, aber er ist mit China stets in besonderen Beziehungen geblieben. Es wird gemunkelt, daß er, abgesehen von seinen großen chinesischen Bank- und Bahninteressen, durch die Dankbarkeit seiner ersten chinesischen Klienten, denen sein Chinalack manch kleine Erbschaft erhalten, Anteile an kantonesischen Pfandinstituten, Teehäusern und Blumenbooten erworben hat. Mein Bruder kannte ihn schon lange, hat auch von Peking aus Geschäfte mit ihm gemacht, und so war denn Charles W. O'Doyle einer unserer ersten Besucher im Waldorf-Astoria, und gestern Abend waren wir zum Diner bei ihm.

Sein Haus liegt dicht am Central-Park. Es hat hohe Türme und eine breite Bogen-Loggia, von der aus man in die herbstlich gefärbten Bäume des Parks und auf den fortwährenden Strom der vorbeifahrenden Equipagen blickt. Auf dem mit blitzenden Kupferplatten belegten Dach stehen zwei große Bronzereiter, ähnlich wie die auf dem deutschen Reichstagsgebäude, bei denen man sich auch immer staunend fragt, wie sie wohl da hinaufgeraten sind. Die Haustür ist massiv geschnitzt und entstammt einem alten befestigten Hause bei Golconda; sie ist mit weit vorspringenden eisernen Spitzen versehen, die einst dazu dienten, den Anprall feindlicher Elefantenreiterei aufzuhalten. Durch diese Tür tritt man in eine weite, weißgoldene Halle. Zwei ägyptische Mumienkasten, reich bemalt und vergoldet, mit Deckeln, deren obere Enden Sperberköpfe darstellen, stehen aufrecht, wie Schildwachen zu beiden Seiten einer wunderbaren Malachittreppe, die zu den oberen Stockwerken führt.

Es ist eine weltbekannte Treppe, über die die Lebemänner zweier Kontinente geschritten; führten ihre Stufen doch einst zu jener berühmten Aspasia des zweiten Kaiserreiches, der sie ein russischer Großfürst geschenkt. In der großen débacle, die das Kaiserreich verschlang, verschwand auch jene Dame. Ihr mit Schätzen gefülltes Haus ward während der Belagerung von Paris durch feindliche Kugeln zerlöchert und dann von Kommunarden geplündert. Ein armenischer Antiquar, der mit richtiger Witterung guter Gelegenheiten in Paris in einem Keller versteckt geblieben war, erwarb in jenen Tagen für ein Spottgeld die Malachittreppe, und von ihm hat sie der jetzige Besitzer erstanden.

Gepuderte Diener mit respektablen englischen Gesichtern standen sich auf den Treppenabsätzen stumm gegenüber.

»Als der Herzog von Hardup neulich verkrachte«, erklärte mir Charles W. O'Doyle, »habe ich nach London telegraphiert und seine ganze Dienerschaft rüberkommen lassen – so war ich doch sicher, Leute zu haben, die in einem anständigen Hause trainiert worden sind.«

O'Doyle ist ein breitschultriger, stämmiger Mann. Sein rotes glattrasiertes Gesicht ist unter dem Kinn bis zu den Ohren von einem kurzen Bart umgeben, der einer Halskrause ähnlich sieht. Große Perlen prangen auf dem Hemde, eine Kette mit allerhand seltenen Berlocks hängt ihm quer über dem Magen. Mit dem spitzen vorspringenden Bauche, über dem sich die breiten haarigen Hände von kostbaren Ringen funkelnd kreuzen, mit dem gutmütigen, halb irischen, halb Yankeedialekt, in dem er fortwährend von seinen verschiedenen Kunstschätzen und ihrem Ursprung spricht, hält man ihn zuerst für einen eingebildeten, aber harmlosen Narren, bis sich unter den buschigen Augenbrauen einmal die schläfrig gesenkten Lider heben und man eine Sekunde lang in die seltsamen Augen blickt; kalt und lauernd sind sie, wassergrün mit kleinen dunkeln Flecken, wie die gesprenkelte Schale von Kiebitzeiern –; hat man einmal in sie hineingeschaut, so glaubt man gern eine jede der vielen Geschichten, die über O'Doyles Skrupellosigkeit im Gelderwerb kursieren.

Mrs. O'Doyle merkt man es auf den ersten Blick an, daß sie aus der früheren Lebensepoche ihres Mannes stammt, und daß sie sich unter ihrer Perlenlast und zwischen den gepuderten Dienern nicht recht wohl fühlt. Von Zeit zu Zeit schaut sie ängstlich nach ihrem Mann, wenn sie sich einer besonderen gesellschaftlichen Schwierigkeit gegenüber sieht, oder wenn sie fürchtet, eine Dummheit gesagt zu haben. Ihr ängstliches, um Vergebung flehendes Benehmen und die kalten, lauernden Augen von O'Doyle – welche Faktoren für eine jener häuslichen Tragödien, die sich täglich neben uns abspielen, ohne daß wir es ahnen!

Die arme Frau hat es nicht einmal fertig gebracht, dem Hause O'Doyle Erben zu schenken – und Charles W. hat deshalb einen Neffen und eine Nichte an Kindesstatt angenommen. Der Sohn war nicht anwesend, dagegen die Tochter, Prinzessin von Armenfelde, die zur Zeit mit ihrem Manne in Scheidung liegt, weil Charles W. den stets von neuem verschuldeten Schwiegersohn nicht zum viertenmal von seinen Gläubigern retten will. So muß sich denn die Prinzessin scheiden lassen, ob sie selbst will oder nicht. Sie wird den Namen ihres Mannes behalten, und Charles W. findet, daß er ihn allmählich teuer genug bezahlt hat. Es war übrigens amüsant zu beobachten, wie sehr die »Prinzeß« der ganzen Familie imponiert, obschon sie doch vor ein paar Jahren auch noch eine einfache Miß O'Doyle war, die aus einer Anzahl armer Verwandten zur Adoption ausgesucht wurde.

Zwei entfernte junge Vettern von Mrs. O'Doyle waren auch anwesend. Der eine erfreut sich der klangvollen Vornamen Washington Montgomery. Ich war ganz gespannt, welcher Familienname für solchen Anfang hochtrabend genug sein würde, und denken Sie sich, er heißt Baggs. Washington Montgomery – Baggs! Es ist ein Sprung wie von einem Palais am Central-Park in eine Mietskaserne der neunten Avenue!

Während die Gäste sich versammelten, zeigte mir Washington Montgomery einige der wundervollen Bilder, die in den Salons hängen, und die in seinen Augen hauptsächlich deshalb Wert haben, weil sie meistens aus historischen Sammlungen fürstlicher Häuser stammen, die unter dem Hammer endigten.

Der zweite Vetter, dessen Name ich mich nicht entsinne, ist offenbar erst ganz kürzlich in das O'Doylesche Millionenreich verpflanzt worden. Als Champagner serviert wurde, ward er ganz aufgeregt und rief laut über den Tisch: »Drink, drink, gentlemen, whilst it's fizzing!«

Der Speisetisch war übrigens ein wahres Entzücken! Ich habe noch nie eine solche Fülle von Orchideen gesehen, außer vielleicht in dem Botanischen Garten von Kalkutta. Ich hätte sie gern alle einzeln bewundert: die langen weißen Dolden, die vom Kronleuchter herabhingen, die grünlichen, braungeäderten, die wie kleine samtige Schuhe aussehen, in denen Feen nachts im Mondschein tanzen; die großen blaßlila, die auf ihren hohen Stengeln so stolz und abwehrend erscheinen, bis daß man ihre verlangend geöffneten purpurnen Lippen gewahrt. Orchideen kommen mir immer vor wie manche schöne Frauen, in deren Nähe man gleich fühlt, daß sie wunderbare geheimnisvolle Dinge erlebt haben müssen. Ich wünschte, ich verstände die Orchideensprache! Es werden darin gewiß die seltsamsten Geschichten erzählt.

Bei diesem New Yorker Diner fehlte es übrigens auch nicht an Geschichten. Beim Öffnen der Servietten fiel jedem Gast ein Etui in die Hand, das irgendein Geschenk enthielt: Manschettenknöpfe, Portebonheurs, Nadeln, Schnallen. Alles im modernsten art nouveau-Geschmack! Kolonel Patterson, der bisherige amerikanische Vertreter in Kairo, rief seinem alten Freund O'Doyle über den Tisch zu: »Aber Charles, wozu hast du denn das gemacht? Hier ist doch niemand, der bestochen werden soll?«

Darauf stürzte sich der Kolonel in eine Flut türkischer Bestechungsgeschichten, die mir aber ziemlich zahm erschienen, weil ich drei Jahre lang chinesische Bestechungsgeschichten gehört habe und der fernste Osten darin dem näheren Orient doch noch über ist. Der Prinzeß, die nie die Gegenwart der herzoglich Hardupschen Diener vergißt, war diese Konversation offenbar unangenehm, sie suchte den Kolonel davon abzulenken und fragte ihn, welche bedeutenden Leute er in Kairo gekannt habe, worauf sie die Antwort erhielt: »Well, Mrs. Princess, da ist ein Mann, der Cromer heißt, who bosses the show, und außer ihm war ich da!«

Und nun, liebster Freund, genug aus diesem Vanity Fair!

Möchte mein Brief Sie wohl antreffen, wo Sie auch sein mögen, und möchten Sie nicht gar zu lang dort bleiben, wo »dort« auch sein möge, da es doch auf alle Fälle von mir sehr weit fort ist!

11.

_New York_, November 1899.

Lieber Freund! Heute besuchten mich der alte Mr. Bridgewater und seine Töchter. Er hat lange Jahre in Europa zugebracht und war amerikanischer Gesandter in Petersburg, woher mein Bruder und ich ihn kennen. Jetzt lebt er mit seinen Töchtern ganz in New York und in Tuxedo Park. Er steht hier an der Spitze großer, wohltätiger Institutionen, schriftstellert und reist häufig nach Europa, mit jener amerikanischen Leichtigkeit, die eine Art Gottähnlichkeit an sich hat, da sie über Raum, Zeit und Geld erhaben zu sein scheint.

Mr. Bridgewater erzählte mir von der großen Veränderung, die sich in Amerika seit dem Kriege gegen Spanien in der öffentlichen Meinung und in den politischen Anschauungen vollzogen habe. Diese Veränderung drückt sich in einem enorm gesteigerten Selbstgefühl aus. Die ganze Nation ist vom Glauben, zu etwas Besonderem bestimmt zu sein, erfüllt, ein Glaube, durch den schon soviel Großes auf der Welt erreicht worden ist. Sie fühlt sich als politische Erwählte des Herrn. Und es ist eine ganz amüsante Mischung der Gefühle, vor denen man als Zuschauer steht: ganz trocken prosaische Berechnungen von künftigen Handelsvorteilen, die errungen werden sollen, und daneben eine beinah religiöse Begeisterung für den Beruf, andern Licht und Freiheit zu bringen, aber nicht etwa nur den wilden Völkern – da haben wir ja alle dieselbe Pretension, Händler und politisch-religiöse Apostel zu sein –, sondern gerade auch uns armen, umnachteten Europäern. Amerika fängt an, nach allen Seiten seine Fühlfäden auszustrecken – kann wahrscheinlich gar nicht anders, denn man empfängt hier den Eindruck einer angesammelten Kraftfülle, die ungeduldig auf den Moment wartet, sich zu betätigen, der dabei gar keine Wahl bleibt, sondern die durch die Logik der Dinge getrieben werden wird, sich weitere Grenzen zu suchen, sich in immer neuen Weltfragen geltend zu machen.

Wie der einzelne Amerikaner sich schon seit jeher stets den Besten jedes anderen Landes gleichgefühlt hat, und sein persönlicher Unternehmungsgeist keine Schranken kannte, so hält sich Amerika jetzt als Nation auch für fähig und berechtigt, alles zu erringen, was es will. Und was Amerika will, ist die Welt. Die Welt will ja jeder, der auch nur die geringsten Chancen hat, sie je zu besitzen – und die Chancen Amerikas sind unheimlich gut! Schon deshalb haben die Amerikaner soviel Aussichten, ihre Ziele zu erreichen, weil sie alles mit ihrem großen Sinn fürs Praktische, ihrer angeborenen Organisationsgabe anfassen; weil es eine Nation selbständiger Menschen ist, die individuell genommen, dem Europäer überlegen sind. Ursprünglich stammen sie ja gerade von jenen ab, denen es in Europa zu eng und unfrei war, von Leuten, die durch ihr Unabhängigkeitsgefühl in neue Welten getrieben wurden, wo sich ihre Persönlichkeit ungehemmt entfalten konnte. Diese ererbte Eigenschaft bildet den Grundzug der neuen Rasse, und es hat sich in ihr eine ganz andere Initiative und persönliches Verantwortungsgefühl ausgebildet, als im alten Europa. Vor allem anderen lernen die Amerikaner für sich selbst zu sorgen und sich nicht auf die Führung anderer zu verlassen.

Eine Folge ihrer kräftigen Jugendlichkeit ist es, daß sie die politische Nervosität, an der man in Europa so oft leidet, noch nicht kennen. Die in manchen europäischen Ländern so beliebte Beschwichtigungsformel: »Laßt nur die anderen koloniale Gebiete erobern, sie werden schon dran verbluten«, ist den Amerikanern ganz fremd. Eine Auffassung, die ungefähr so klingt, als ob ein Eunuche sich damit trösten wolle, daß man durch Liebesaffairen mitunter in Unannehmlichkeiten geraten kann. Die Nordamerikaner dagegen haben vorläufig durch Verkündigung der Monroe-Doktrin ihren ganzen Erdteil für Tabu erklärt, sie möchten aber am liebsten diese Doktrin auf die ganze Welt ausdehnen, wobei sie besonders den fernen Osten im Sinn haben, seitdem sie dort Fuß gefaßt haben. – Vorläufig spricht man in Amerika freilich nur von friedlicher, kommerzieller Expansion, aber Überraschungen kann es auf diesem Wege leicht geben, denn seit dem spanischen Krieg gibt es in Amerika eine Partei, die keine Scheu mehr vor europäischen Mächten kennt und sich allen ebenbürtig glaubt. Diese Leute würden bereit sein, es mit jedem aufzunehmen und, wie Mr. Bridgewater durchblicken ließ, am liebsten mit dem, den sie für den gefährlichsten Konkurrenten halten. Mr. Bridgewater warf die Bemerkung hin, daß an England als möglichen Feind am wenigsten gedacht werde. Mit ihrer einstmaligen Mutter würden die Amerikaner am liebsten gemeinsame Sache machen, um eine Art politischen Riesentrust zu schließen, zur endgültigen Regelung der Welt.

Das ist das Weltzukunftsbild, wie es mir ein Amerikaner entwarf. Ich sende es Ihnen in jenes ferne Land, dessen urprosaische, enthusiasmuslose Söhne nur in den Sorgen der täglichen Gegenwart aufgehen und nie Spekulationen über die Zukunft anzustellen scheinen. Und doch könnten vielleicht gerade diese, allen Zukunftsgedanken so abgewandten Leute in der Weltzukunft ein großer Faktor werden – – denn über uns allen steht das Schicksal, und es läßt Handlungen und Gedankenströmungen, einzelne Menschen und Völker oftmals genau den entgegengesetzten Zwecken nützen, denen sie ursprünglich dienen wollten.

12.

_New York_, November 1899.

Lieber Freund!

Wir haben einen sehr angenehmen Abend bei Bridgewaters verbracht. Schon ihr Haus zu sehen, ist eine wahre Freude. Alle Räume sind mit individuellem Geschmack eingerichtet und mit viel schönen Dingen geschmückt, die Mr. Bridgewater und seine kunstsinnigen Töchter auf ihren Reisen gesammelt haben. Das Haus hat seine eigene Physiognomie, viel Erlebtes liegt darin und es bleibt uns in der Erinnerung, wie eine ausgeprägte Persönlichkeit. Der alte Mr. Bridgewater ist in diesem Hause geboren und bewohnt es jetzt mit Kindern und Enkeln – das ist in New York an sich schon eine Merkwürdigkeit.

Nach dem O'Doyleschen Fest war dieses Diner wie die Offenbarung einer anderen amerikanischen Welt – und beide Häuser liegen doch nur ein paar Blocks von einander entfernt! Wir hören aber so viel von der amerikanischen Gleichheit reden, davon, daß der Präsident aller Welt die Hände schüttelt, daß wir leicht auf den Gedanken kommen könnten, die amerikanische Gesellschaft sei eine einzige gleiche Brühsuppe, aus der, als Klöße, nur etliche Vanderbilts herausragen. Aber ganz im Gegenteil. Die hiesige Gesellschaft zerfällt in zahllose verschiedene Koterien, die himmelweit von einander entfernt sind. Es sind ja alles Amerikaner, und gewisse Rasseneigenschaften werden sie wohl gemeinsam haben, aber zwischen der O'Doyleschen und der Bridgewaterschen Koterie z. B. ist ein Unterschied, wie zwischen einem rohen Stück Rindfleisch und einem im Café Anglais servierten Tournedos à la Rossini. Und die Tournedos achten strengstens darauf, daß niemand von den Rindfleischens sich bei ihnen einschmuggele. Im Sinn für aristokratische Exklusivität, haben die Amerikaner uns Europäer vielleicht schon überflügelt. Ein jeder, der etwas auf sich hält, muß hier in der Wahl seines Umgangs auch deshalb selbst so streng sein, weil die Amerikaner niemand haben, der die nötige erhabene Stellung einnimmt, um einem anderen den allgemein gültigen sozialen Segen erteilen zu können. Ich hörte kürzlich eine Amerikanerin sagen, das sei in europäischen Städten, wo es Höfe gibt, so bequem, da könne man ruhig all die Leute kennen, die zu den kleinen, auserlesenen Hofgesellschaften befohlen würden (nicht etwa zu den großen Aufwaschefesten, da liefe zu vieles mit durch); aber von denen, die auf der kleinen Liste ständen, könne man mit Sicherheit annehmen, daß sie sozial wünschenswert seien. Aber in Amerika gibt es kein offizielles soziales Haarsieb.

Bei Mr. Bridgewater wird offenbar sehr fein gesiebt, und ich habe da angenehme Menschen getroffen. Ich glaube, die Gäste waren alle reich. Ich habe aber für diese Annahme nur den einen Anhaltspunkt, daß sie vieles als durchaus selbstverständlich ansahen, von dem ich weiß, wie schrecklich teuer es hier ist. Keiner von ihnen erwähnte Geld oder Geschäfte. Ich glaube, man könnte ihren »set« den der Geistesaristokratie nennen. Nur darf man in diesem Fall den Begriff Geistesaristokratie nicht mit Schlapphüten, übergeknöpften Manschetten und Smoking-Jacken am Vormittag in Verbindung bringen.

Ich saß bei Tisch neben einem Mr. Anstruther, der zum Klub der vierzig amüsantesten Männer New Yorks gehört. Er war recht nett und unterhaltend, äußerte aber leider nichts so erstaunlich Amüsantes, daß es nicht auch außerhalb dieses Klubs hätte erdacht werden können. Ich wartete den ganzen Abend darauf, wie auf das Bukett beim Feuerwerk. Aber es stiegen nur einzelne Raketen auf.

Es gehört doch Selbstvertrauen dazu, sich um die Mitgliedschaft dieses Klubs zu bewerben! Ich fragte, was man denn täte, wenn man blackballiert würde, und ob man dann sein Lebenlang die Etikette trüge, ein langweiliger Mensch zu sein? Mr. Anstruther antwortete: »Dann geht man nach Hause und schreibt ein gescheites Buch und nennt es: a clever book by a bore.«

»Das ist möglicher, als es zuerst klingt,« meinte Bridgewater, »denn es ist leichter, ein gescheites Buch zu schreiben, als im täglichen Leben amüsant zu sein – Bücher werden mit dem esprit d'escalier geschrieben, der häufig vorkommt, amüsant ist man durch die viel seltenere Gabe der repartie, und vor allem durch Sinn für Humor.«

»Und wegen dieses Sinns für Humor sind amüsante Menschen eigentlich nie lustige Menschen,« sagte Anstruther, »denn der Humor sieht die traurige Komik des Lebens, den Widerspruch zwischen Aspirationen und Leistungen, zwischen dem, was man sich einbildet, und dem, was wirklich ist. Humor existiert deshalb auch selten bei jungen Menschen, er kommt mit den Jahren, und in gleichem Maße, wie er wächst, schwindet die Fähigkeit eigentlicher Lustigkeit.«

Da Mr. Bridgewater soviel im Ausland gelebt hat, sind Fremde häufig bei ihm zu Gaste, und wir trafen dort eine russische Witwe, Madame Baltykoff, eine Schriftstellerin, die Mr. Bridgewater in Petersburg gekannt hat und die nach New York gekommen ist, um das amerikanische Leben zu studieren und dann das unvermeidliche Buch darüber zu schreiben. Madame Baltykoff ist jung und hübsch, voller Interesse und Begeisterung für amerikanische Einrichtungen; natürlich erwidern das die Amerikaner, indem sie ihrerseits von Madame Baltykoff begeistert sind. Anstruther scheint besonders für sie zu schwärmen. Mir gefällt an ihr, wie sie aus dem Enthusiasmus leicht in Witz und Spott überspringt, alles plötzlich wieder in Frage stellend. Heiliger Ernst und Blague, ungefähr zu gleichen Teilen – eine echt slawische Mischung.

Die Amerikaner, die bei dem Diner zugegen waren, sind alle weitgereiste und gebildete Leute, besonders auch die Frauen. Aber keiner von ihnen scheint tätigen Anteil am amerikanischen politischen Leben zu nehmen. Sie waren offenbar stolz auf ihr Land, aber sie schienen es als einen Eilzug anzusehen, mit dem sie gern zu reisen bereit sind, aber dessen Führung sie lieber andern überlassen. Denn in Amerika zeigen gerade die Besten eine gewisse Scheu davor, sich an den öffentlichen Angelegenheiten handelnd zu beteiligen – na, um so besser, denn es ist auch so schon ein genügend gefährlicher Konkurrent.

Der alte Mr. Bridgewater schien am meisten Interesse an Regierungsgeschäften zu nehmen; vielleicht ist es eine Folge seines langen Aufenthalts in Ländern, wo die geringste Verbindung mit der offiziellen Welt denjenigen Glanz verleiht, den hier eine noch so entfernte Verwandtschaft mit den Vanderbilts oder Astors gewährt.