Briefe, die ihn nicht erreichten
Part 2
Das hiesige Hotel liegt auf waldigem Bergrücken, in größter Einsamkeit, und erinnert an manche Tiroler Burgen. Von unseren Fenstern aus haben wir einen weiten Blick auf ein Gebirgstal, in dessen Tiefe, zwischen hohen Fichten, ein Bach fließt, der, zur Zeit da Eis und Schnee schmelzen, zum reißenden Strome wird. Im Hintergrund erheben sich steile, schneebedeckte Felsen.
Nach der langen Reise ist die hiesige Behaglichkeit an sich ein Genuß. Es ist herrlich, wieder mal in einem Bett zu schlafen, das weder schwankt noch schüttelt, und Mahlzeiten einzunehmen, ohne Sorge, daß der Zug abfährt, oder daß der gegenübersitzende Reisende seekrank wird.
Dicht neben dem Hotel ist ein großes, offenes Schwimmbassin, das von warmen Schwefelquellen gespeist wird. Fichten stehen ringsherum und das laue Wasser, der Sonnenschein und die köstliche würzige Luft bilden zusammen einen so wonnigen Aufenthalt, daß man im Sommer sicher gern Stunden dort verbrächte. Weiter unten, dem Tale zu, sind natürliche Grotten mit sprudelnden Quellen und tiefen Teichen, die geheimnisvoll unter den überhängenden Felsen verschwinden. Das Wasser ist so klar, daß man tief unten auf dem Grund die weißen Sandflächen und die einzelnen Kieselsteinchen schimmern sieht. Ich muß dort immer an die schöne Undine denken. In solch tiefen, klaren Wassern ist sie gewiß, unbewußt glücklich, wie die silbrigen Fischchen, herumgeschwommen, bis sie hinauf zur Welt stieg und unglücklich ward, weil sie sich einbildete, daß es nötig sei, eine Seele zu haben. Hätte doch irgend ein welterfahrenes Wesen der armen Undine erklärt, daß Seelenbesitz der entbehrlichste von allen ist, und daß die kalten, schlüpfrigen Fischchen am besten durch die Welt kommen, mit ihren geheimnisvoll grünlichen Augen, die so tief scheinen und auf deren Grund gar nichts ist.
Wir haben hier einen Offizier kennen gelernt, der die Mounted Police des Distriktes befehligt. Im Winter muß das ein recht einsamer Posten sein, wenn das Hotel geschlossen ist und die ganze Welt weit und breit unter tiefem Schnee begraben liegt. Im Sommer dagegen und auch jetzt noch in den schönen Herbsttagen scheint Kapitän White ein ganz lustiges Leben zu führen. Er ist beständig hier im Hotel und die Damen sehen ihn alle als eine Art Badedirektor an, der für die Vergnügungen der ganzen Gesellschaft verantwortlich ist. In der Halle, wo in zwei großen Kaminen halbe Baumstämme knisternd verbrennen und an den Wänden und auf dem Boden herrliche dicke Felle liegen, flirtet er mit schönen blauäugigen Kanadierinnen, die hier mit allerhand Sports die Saison zubringen; er flirtet mit amerikanischen »Summer Girls«, die es origineller gefunden haben, sich Kanada statt Europa anzusehen, und er flirtet mit blassen, verwaschen aussehenden Engländerinnen aus Hongkong, die alljährlich in immer größerer Zahl hierher kommen, um sich vom dortigen erschlaffenden Klima zu erholen. Es werden täglich große Ausflüge unternommen, zu denen die ganze Gesellschaft meist in Kapitän Whites Coach fährt. Er kutschiert vortrefflich, aber es sieht ganz abenteuerlich aus, wenn er mit seinem Viergespann die steilen Korkenzieher-Wege hinauffährt, in so scharfen Windungen, daß das erste Paar Pferde oft genau eine Etage höher zu stehen kommt, als das zweite und der Wagen. Gestern saß ich bei solcher Fahrt neben Kapitän White, und auch bei den halsbrecherischsten Stellen erzählte er lustig weiter, besonders von den Wintersports und von den hiesigen Indianern. Er sagte mit dem Brustton englischer Selbstgefälligkeit, die Regierung sorge für sie mit Geld und Proviant – ich finde das eigentlich das Mindeste, nachdem man den armen Leuten ihr Land weggenommen und ihnen als besondere Gastgeschenke Trunksucht und allerhand Epidemien gebracht hat. Von Zeit zu Zeit sollen die Indianer noch jetzt große Versammlungen abhalten, bei denen ungeheure Mengen Branntwein getrunken werden und die alten Krieger sich unter lautem Beifall all ihrer einstmaligen Morde und Diebstähle rühmen. Um den Alten an Mut nicht nachzustehen und da Raub und Totschlag im modernen Kulturstaate doch sehr unangenehme Konsequenzen haben, bringen sich die jungen Männer in den Versammlungen eigenhändig große Wunden bei und werden dann auch als Krieger in den Bund aufgenommen.
Wir fuhren gestern nach dem Devil's Lake, einem tiefblauen See klarsten Wassers, der von hohen Felsen umgeben ist. Warum er gerade mit diesem Namen bedacht worden ist, konnte ich nicht ergründen. In allen Ländern kommt aber diese Benennung so häufig vor, daß man unwillkürlich annehmen muß, der Glaube an die Allgegenwart des Teufels sei weit mehr als derjenige an eine andere Allgegenwart im tiefinnersten Bewußtsein der Menschen lebendig.
Der Glaube an Gespenster, an böse Geister, anders auch Teufel genannt, ist ja sicherlich älter als der eigentliche Gottesglauben, denn aus der Angst vor bösen, unerklärlichen Mächten ist aller Kultus entstanden; er diente anfänglich immer dazu, Unheil von den armen Menschen abzuwenden, die von den bösen Geistern verfolgt wurden: die ursprünglichen Kultformen sind immer abwehrender Art und vielen, vielleicht den meisten Menschen, erscheint ihre Gottheit auch heute ja noch als ein erzürntes Wesen, das versöhnt werden muß.
Dieser kanadische Teufelssee erinnerte mich sehr an einen kleinen See in den Pyrenäen, den ich vor Jahren einmal sah. Dort steht auf einem Felsen ein kleines Kreuz, und der baskische Führer zog das breite wollene Barett ab, bekreuzigte sich und sagte, an der Stelle sei ein Liebespaar ertrunken. Jung, wie ich damals war, rührte mich das sehr. Als ich aber bis zu dem Kreuz geklettert war, las ich eine so alte Jahreszahl, daß das Liebespaar, wenn es statt zu ertrinken, alt und grau geworden wäre, und Urenkel erlebt hätte, unter allen Umständen doch längst hätte tot sein müssen. Das dämpfte meine Rührung. So oder so – ein Kreuzchen wäre doch schon längst das Ende – vielleicht war's besser so.
6.
_Banff_, September 1899.
Lieber Freund! Die Welt ist hier so schön, daß ich Ihnen gleich wieder schreiben muß! Ich fürchte, dieser Briefanfang ist nicht sehr logisch – aber Sie werden ihn doch verstehen, Sie haben ja immer alles verstanden – Gesprochenes und Unausgesprochenes.
Wir haben uns in einem Lande gekannt, das wohl niemand als besonders schön bezeichnen würde, im Gegenteil, es war oft recht öde und häßlich, und über all unseren gemeinsamen Erinnerungen liegt es wie ein Schleier von Wehmut. Und doch, seitdem ich von dort fort bin, fühle ich mich Ihnen niemals näher, als gerade, wenn ich etwas wirklich Schönes sehe. Nach den drei Jahren in Peking, wo mir das Schöne so selten durch die Natur offenbart wurde, sondern wo ich es nur in eines Menschen Herz und Seele fand, ist es mir wie eine Offenbarung, zu sehen, wie köstlich die übrige Welt doch ist. Jetzt beim Anblick dieser herrlichen Berge, wenn die Sonne auf die Gletscher scheint und die Bäche von den Felswänden herabstürzen in einen tiefgrünen See, wenn ich die harzige Luft einatme und an den hohen Stämmen hinauf schaue, die hier standen, lang ehe der weiße Mann das Land betrat – da frag ich mich oftmals: ist dies dieselbe Welt? Hat das alles so gerauscht, geleuchtet, gefunkelt, geduftet, während der drei letzten, grauen Jahre, die ich in jener fernen Stadt verlebt, wo alles so unendlich fremd war und sich mir das Herz oft zusammenzog in beklemmender Angst, wie vor unheimlichem, unabwendbarem Schicksal?
Es ist so schön, wieder etwas schön finden zu können, plötzlich zu fühlen, daß die Jugend und die Begeisterungsfähigkeit nur schlummerten, daß sie aber noch da sind und bloß warteten, wieder aufleben zu dürfen. Es ist so schön, lieber Freund, sich noch einmal freuen zu können – ohne besonderen Wunsch, ohne irgend welche eigennützigen Gedanken, die ganz eigene, harmonische Freude zu empfinden, die die Natur in uns erweckt, die klärt und beruhigt, und durch die das Sorgen, Fürchten und Trauern für ein Weilchen wie in fernem Nebel verschwimmen. In solchen Augenblicken kommt es uns zum Bewußtsein, daß wir selbst eben auch ein Stückchen Natur sind, trotz alles Künstlichen und Gequälten, das uns die Erbschaft von Hunderten von Generationen auferlegt hat, und für einen kurzen Augenblick scheint es uns möglich, zu werden, wie die Lilien auf dem Felde. – Für eine kleine Spanne Zeit vermag das Schöne uns von der Last des Erlebten, des Gewollten, des nie Erreichten zu befreien. Wir atmen einmal frei auf, möchten vergessen und verweilen – aber schon müssen wir wieder hinein in die Mühe und die Qual, die uns Leben sind. –
Doch auch für die kurze Rast sei diesen Wäldern Dank!
7.
_Banff_, September 1899.
In der hiesigen Waldesstille, die so beruhigend auf uns Weitgewanderte wirkt, denke ich oft staunend an das Hasten und Ringen zurück, in dem wir in Peking gelebt haben. Dort schien Streben und Kämpfen, andere verdrängen und sich selbst einen Platz erobern der einzige Zweck des Daseins zu sein. Ich glaube, daß Sie, lieber Freund, verstehen werden, welche Erquickung dieser weltabgeschiedene Frieden mir gewährt. Denn oft, wenn ich Sie in Peking reden hörte, hatte ich die Empfindung, daß Sie das ganze dortige Treiben und Drängen wie von einer Höhe aus betrachteten, zu der all die kleinlichen Motive nicht heranreichten, daß Sie mit Ihren Gedanken in einer Stadt lebten, die allem Niedrigen wirklich eine »verbotene« war.
Sie dachten und fühlten ja sogar für die Chinesen, deren Wünsche und Anschauungen allen anderen als eine quantité négligeable erschienen, und die nur dazu da waren, um mit Gewalt in sogenannte Fortschritte getrieben zu werden, die dafür gestraft wurden, daß sie sich von dem einen hatten berauben lassen, indem der andere sie noch mehr beraubte. Ein jeder stachelte die Chinesen dazu an, gegen die Forderungen des anderen scharf aufzutreten und ihm nichts zuzugestehen, aber im entscheidenden Moment ließ man die Chinesen stets im Stich, es wurde ihnen nie wirklich geholfen, sondern man überließ sie der Gnade des anderen und stellte dann das Gleichgewicht wieder her, indem man selbst mit neuen Forderungen kam.
Ich habe nirgends so sehr wie in Peking den Erfolg verachten gelernt, weil ich einmal ganz aus der Nähe gesehen habe, womit er erreicht wurde, von den einen durch Bestechung, von den anderen durch Drohen mit roher Gewalt. Die armen Chinesen sind nun einmal gegen Geld und Kanonen, innerlich und äußerlich, widerstandslos. Setzen sie sich aber einmal zur Wehr, so steckt immer eine andere Macht dahinter, die eben mehr bestochen, oder mehr gedroht hat, von der mehr zu gewinnen oder mehr zu fürchten war. Ich erinnere mich sehr gut, wie Ihr Freund Li Hung Tschang sich ein paarmal fremden Forderungen widersetzte und auch wirklich nicht nachgab. Das war eben, weil hinter ihm eine andere fremde Macht stand, vor der er noch mehr Angst hatte als vor den Fordernden. Und die ganze europäische Erbärmlichkeit kam dann zutage, indem man wohl über Li Hung Tschang herfiel, die fremde Macht aber unerwähnt ließ – weil man vor der eben selbst auch Furcht hatte.
Die Pekinger Luft hat nun einmal einen ganz besonderen Einfluß auf die weißen Männer, entweder sie werden dort chinesischer als die Chinesen und zu leidenschaftlichen Freunden und Verteidigern Chinas, wie die meisten Dolmetscher, Zollbeamten und Diplomaten der alten Schule, oder, und das sind die Jüngeren, sie werden von einem Taumel des Übermenschtums erfaßt, der in einer grenzenlosen Verachtung alles Chinesischen wurzelt. Sie predigen, man solle zugreifen, sich nehmen, was man brauche, einzig das tun, was die eigene Herrenmoral fordere, denn so allein könnten Nationen und einzelne groß werden. Der Kern der Sache ist, sie trachten danach, einem anderen unrechtmäßigerweise etwas fortzunehmen. Dazu werden die großen Worte »Patriotismus, Expansion, neue Absatzgebiete, Stützpunkte« ausgekramt – und dazu drapieren sich ganz harmlose Bureaukratenseelen als Cesar Borgias, als Schüler Macchiavellis und Nietzsches. Aber das Herrentum läßt sich nur improvisieren, so lange man ausschließlich mit Chinesen zu tun hat; wird die Lage ernster, stehen hinter dem Chinesen Mächtigere, dann tritt eine sehr unherrenmäßige Nervosität an die Stelle der Kraftmenschpose. – Trotz allem, was darüber gesagt wird, sind wir eben keine Generation der Übermenschen. Wir sind Zweifler, Spötter, Unzufriedene – zum Übermenschtum fehlt uns das Zeug. Dazu müßten wir vor allem an uns selbst glauben – und wer tut das heute noch? – Sind wir ehrlich, so haben wir uns doch alle als armselige Blechgötzen erkannt – vielleicht imponieren wir noch den Wilden, uns selbst aber doch sicherlich nicht.
8.
_Im Eisenbahnzuge_, Oktober 1899.
Lieber Freund, wir haben das reizende Banff verlassen. Die Bergketten, die tiefen grünen Wälder liegen längst hinter uns. Einen ganzen Tag schon fahren wir durch die weite Ebene. Wir haben zum Fenster hinaus geschaut, haben hier und da ein paar Seiten eines Buches gelesen und die anderen Reisenden beobachtet. Nun wird es Abend, die Schatten werden länger, und im fernen purpurnen Westen neigt sich die Sonne anderen Welten zu. Mir ist, als ob graue Wesen aus der Erde aufsteigen, die mich stumm anblicken und in deren toten Augen ich die Frage lese: »Was hast Du aus uns gemacht?« Es sind Pläne und Hoffnungen, Träume, Wünsche und Ideale – lauter Dinge, mit denen wir vor langen Zeiten, am frühen Morgen des Lebens, die Fahrt begannen, die wir damals hüteten, als das kostbarste, was wir mit uns nahmen, als unseren höchsten Besitz. Es war, als gehörten uns seltene, goldige Samenkörner, aus denen ein märchenhafter Garten erstehen sollte, voll schöner, noch nie dagewesener Blumen. Aber statt einen Garten anlegen zu können, haben wir im Laufe der Reise die Samenkörner alle allmählich am Wege verloren, die einen früh, die anderen spät. Manche sind verschwunden, ohne daß wir es selbst recht merkten, wie Träume, die beim Erwachen verweht sind, niemand weiß wohin, die Erinnerung an sie sogar ist tot. Um andere haben wir gekämpft und wollten sie durchaus festhalten, sie sollten ja zum stolzesten oder liebsten Schmuck des künftigen Gartens werden – und wir haben sie doch hingeben müssen, haben auch sie verloren, in bitterem, alle Freude vernichtendem Schmerz.
In den Mühen und Sorgen des täglichen Lebens, die uns wie Opium vom Schicksal gegeben werden, um die größeren Leiden zu vergessen, denken wir kaum all des vielen Verlorenen. Aber an den Abenden langer Reisetage, wenn das Buch der Hand entgleitet und wir müde aus dem Fenster hinausstarren, wenn der Zug durch weite Ebenen braust und sein Schatten, riesengroß verlängert, über der wehenden Grasfläche neben uns dahineilt, wenn überall um uns die festen Formen sich auflösen und verschwimmen in dämmerigem Grau – dann greifen uns unsichtbare Hände kalt ans Herz, unendliche Wehmut, vergebliches Sehnen, bitteres Erinnern erfüllen uns ganz. Das ist die Stunde, wo Verlorenes, Totes aufersteht, wo wir plötzlich gewahr werden, wie arm wir geworden.
Der geträumte Märchengarten liegt plötzlich wieder vor uns, so schön, so beglückend, wie wir ihn einst geplant, in jener Zeit, da wir das felsenfeste Bewußtsein hatten, zu ganz Besonderem berufen zu sein; aber statt der damaligen Zuversicht, statt des Glaubens an uns und unsere Bestimmung, erfüllt uns heute nur bitteres Weh; wir wissen ja, daß wir all die goldigen Blumensaaten verloren haben, die einen erstarrten in Eis und Schnee, die anderen verbrannten in sengender Glut – nimmer werden sie keimen und blühen. Mit Nichtigkeiten und Eitelkeiten sind die Jahre verstrichen, wir haben sie vergeudet in der Jagd nach dem Unwesentlichen und vertrauert in den Sümpfen der Entmutigung – und darüber ist das Höchste und Beste in uns gestorben, das Kostbarste ist verloren gegangen.
Und nun ist es zu spät! –
Wir möchten die Zeit anhalten, zurückeilen, nochmals anfangen und alles so ganz anders und besser beginnen! Aber nie können die Räder der Zeit sich für uns rückwärts drehen, und der Zug braust unaufhaltsam über die Ebene weiter; wie ein Ungeheuer breitet sich sein Schatten über die Fläche, wie ein Ungeheuer führt uns das Schicksal eilend weiter. Willenlos müssen wir ihm folgen, die wir nicht stark genug waren, selbst Schicksal zu werden, die wir die Jahre vergeudet und dann vertrauert.
Und die ganze Fahrt – wohin? wozu? –
Selig, wer sich aus der Kette der Verluste, als Opium letzter Stunde, den Glauben an ein Ziel gerettet.
9.
_New York_, Oktober 1899.
Lieber Freund! Nach viertägiger Fahrt sind wir endlich hier eingetroffen. Müde und verstaubt kamen wir gestern Abend an und fuhren gleich nach dem Waldorf Astoria. Ich wartete in der großen Halle des Hotels, während mein Bruder sich nach unseren Zimmern bei den Direktoren erkundigte, die wie Kronjuwelen oder Verbrecher hinter Gittern sitzen. Während ich so wartete, bildete sich allmählich ein Gedränge um mich, das ich mir nicht zu erklären wußte, da ich mich weder schön noch abschreckend genug fühlte, um ein derartiges Interesse bei meinen Mitmenschen zu erregen. Das Rätsel löste sich aber bald. Nicht ich, sondern unser chinesischer Diener Ta-kwan-li war der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Während er gleichmütig neben mir stand, in jeder Hand eine Reisetasche, auf seinem guten runden Gesicht den Ausdruck vollkommenster Indifferenz, und die kleinen geschlitzten Augen so zugekniffen hielt, als lohne es sich gar nicht, sie zu öffnen, um diese ganz neue Welt zu betrachten, standen Herren und Damen um ihn herum, riefen andere herbei, ihn auch zu begaffen, und tauschten allerhand Bemerkungen über sein Äußeres aus. Der Orientale, dem doch alles so gänzlich neu und befremdend sein mußte, war dem westlichen Menschen mal wieder ganz überlegen durch seine angeborene und anerzogene Ruhe. Er zeigte weder Erstaunen noch Neugier und sagte nur: »Wenn sie mich genug betrachtet haben, werden sie wohl aufhören.«
Die unmittelbare Folge von Tas Aufsehen erregender Anwesenheit war, daß sich sofort Reporter der verschiedensten Zeitungen bei uns melden ließen. Sie waren voller Neugier, China und besonders die alte Kaiserin betreffend, über die sich nach dem Staatsstreich offenbar wahre Sagenkreise gebildet haben. »Ob wir an den Fortbestand Chinas glaubten? Ob es zu einer Aufteilung kommen würde? Ob Li Hung Tschang wirklich in russischem Solde stände? Welchen Mächten die Kaiserin zuneige?« Wir suchten uns aus all den verfänglichen Fragen herauszuziehen, indem wir wiederholten, daß wir ja keine Diplomaten, sondern einfache Privatleute seien – aber es war schwer, diese professionellen Frager los zu werden. Schließlich ließen wir durch Ta jedem neuen Besucher sagen, daß wir von der Reise sehr müde seien und niemand mehr sehen könnten. Da hörten wir denn durch die Tür, wie sie nun mit Ta ein Kreuzverhör anstellten. Besonders wollten sie wissen, wie ihm New York gefalle, was ja immer die erste Frage ist, die Amerikaner stellen. Ta entwickelte wieder die größte Ruhe und würdevolle Zurückhaltung, indem er antwortete, er sei ja eben erst bei Nacht angelangt und habe noch nichts erblicken können, es schiene ihm aber, daß die Amerikaner noch nicht viel Leute aus fremden Ländern gesehen hätten.
Heute Morgen stand ich ganz früh auf, setzte mich ans Fenster und sah die große Stadt erwachen. Wir wohnen im achten Stock, die Menschen unten in der Avenue sehen wie Ameisen aus, und dabei sind wir noch nicht auf der halben Höhe des Hotels. Über seinem letzten Stockwerk ist eine Terrasse angelegt, ein sogenannter Dachgarten, wo man in den heißen Sommernächten Musik hören, kalte Getränke einnehmen und ein bißchen kühle Brise einatmen kann. Auf mehreren der höchsten Gebäude der Stadt, den achtzehn, zwanzig und noch mehr Stockwerke hohen Himmelskratzern, sind solche Vergnügungslokale errichtet – hell erleuchtet, scheinen sie nachts wie unbewegliche Ballons im dunkeln Himmel zu hängen. Von unsern Fenstern aus haben wir einen schönen weiten Blick auf die Fünfte Avenue und die Dreiunddreißigste Straße, bis auf das Wasser des East River, auf dem früh noch nächtlicher Nebel lagert. Das Astorsche Haus, uns unmittelbar gegenüber, das ich vor Jahren so massiv und prächtig fand, ist längst überflügelt durch die neuesten Riesenbauten. Aus dem bläulichen Morgendunst tauchen sie auf wie Werke eines neuen Geschlechts, voll noch ungeahnter Möglichkeiten, wie die Schlösser künftiger Märchen, gigantisch, himmelstürmend und schön in ihrer Art, weil sie so vollkommen zweckentsprechend sind.
Das erste, was ich heute tat, war, mich mit der Ausschmückung meines äußeren Menschen zu beschäftigen, denn ach, im Sonnenlicht westlichster Zivilisation besehen, erscheint meine chinesische Garderobe doch nicht ganz up to date. Ich fürchte, ich werde die Werke Tientais, dieses einzigsten Pekinger Schneiders, der für die Europäer alles fabrizierte, von Fracks bis zu Maskenkostümen, Ballkleidern und Layetten, nur noch als Reliquien vergangener Zeiten bewahren. Als ich heute in die Salons eines großen Schneidergeschäfts trat und unwahrscheinlich schlanke Damen mit kunstvoll frisiertem rotgoldenem Haar die letzten Modeschöpfungen anlegten und darin vor mir zwischen langen Spiegelreihen auf und ab stolzierten, mußte ich lächeln im Gedanken an das letzte Schneideratelier, in dem ich vor wenigen Wochen noch gewesen – das Atelier Tientais. – Ein paar Schritte von der englischen Gesandtschaft lag es, dicht an der Brücke, die über den Kanal führt. Aus dem Sumpf und den Löchern der Straße konnte man sich auf die Karikatur eines Trottoirs retten, das auch nur aus ein paar übereinander geworfenen Steinen bestand. Schaute man durch die offene Tür in die Schneiderhütte, so sah man ein niedriges Zimmerchen, dessen Wände mit Modebildern besteckt waren; mehrere Chinesen saßen darin, eifrig nähend an Herren- und Damenkleidern; in einem Winkel lag ein Haufen englischer Stoffe, die zu »Nummer-Eins«-Kostümen verarbeitet, von der Pekinger europäischen jeunesse dorée bei den Frühlings- oder Herbst-Rennen eingeweiht wurden.
Andre Städtchen! andre Mädchen! Wie würde Tientai staunen, wenn er hörte, daß die Säle mit den Spiegelscheiben, vor denen die blonden Houris auf und ab paradieren, die Behausung eines amerikanischen Tientais sind.
Als ich meinen Namen und meine Adresse angab, ertönten kleine Schreie freudigen Erstaunens von der Direktrice, den Verkäuferinnen und den schönen Probiermamsells: »Was, Sie sind die Dame, die gestern aus Peking angekommen ist?« »Wir haben es alles in den Morgenblättern gelesen.« »Sie wohnen im Waldorf und haben einen Chinesen mitgebracht.«
Alle wollten mich nun bedienen, und jede hatte eine andere Frage über China und vor allem über die alte Kaiserin; die Existenz anderer Kunden schien vergessen. Aber die Direktrice, Madame Blanche, führte mich in einen kleinen Nebensalon, und während ich die ausgewählten Kleider anprobierte, schwirrten Fragen an mich und Weisungen an die Rock- und Taillenarbeiterinnen wirr durcheinander.
»Und ist die alte Kaiserin wirklich eine so böse Frau?«
(»Miß Caroline, bitte die Taille etwas enger.«)
»Wir haben so viel Sympathie für den armen kleinen Kaiser.«
(»Miß Harriet, bitte, straff über den Hüften und von den Knieen an weit und faltig.«)
»Ist es wahr, daß sie ihn auf einer kleinen Insel gefangen hält?«
(»Recht weit über die Büste, Miß Caroline, das Fichu voll drapiert, du flou toujours du flou.«)
»Was kann man aber auch von einer Heidin erwarten!«
(»Miß Harriet, den Rock recht lang, das gibt etwas schwebendes.«)
»Und hat der Kaiser wirklich dreihundert Frauen?«
(»Die Ärmel enger, Miß Caroline.«)
»Natürlich haben Sie die Kaiserin gesehen! Wie interessant muß das gewesen sein! Aber von Toilette haben die Damen des Pekinger Hofes wohl nur wenig Idee?«
(»Mehr Grazie im Faltenwurf, Miß Harriet, soignez la ligne.«)
»Saß die Kaiserin wirklich auf einem goldenen Drachen?«
(»Miss Caroline, il faut avantager madame.«)