Briefe, die ihn nicht erreichten
Part 10
Das Bridgewatersche Haus hier in Tuxedo gefällt mir beinah noch besser als ihr Stadthaus. Es heimelt mich an mit seiner hessischen Bauart. Steinerner Unterbau bis zur Höhe des ersten Stockes und darüber weißer Bewurf, von dem sich die Balken des Fachwerks in warmen, braunen Holztönen abheben. Dazu weit vorspringende Dächer und Giebel über einigen Zimmern, deren Fenster besonders schöne Blicke auf See und Wälder haben. Alte zopfige Engelchen aus grauem Stein sind an einem Balkon verwendet und man sieht, daß alles, was das Haus schmückt, von dem spanischen, eingelegten Täfelwerk des Speisezimmers bis zum schmiedeeisernen Geländer der Treppe, mit Liebe und Verständnis auf langen Reisen gesammelt worden ist.
Der Turm, der einen Vorsprung in dem Haupthof bildet, ist auf einer Seite mit einem Relief geschmückt, das den heiligen Georg, den Drachentöter darstellt. Es stammt aus einem alten bayerischen Bauernhaus. Wenn heute eine Drachensage geschrieben würde, müßte sie ganz anders lauten, als diese alte vom schönen, ritterlichen Georg, der nur die Welt vom bösen Ungeheuer befreien wollte. Heute ziehen viele magere Wichtelmännchen gegen den Drachen aus, der im fernen Cathay seine Heimat hat, aber sie alle wollen nicht etwa den Lindwurm erlegen, sondern durch ihn fett werden. Der moderne heilige Georg legt dem Ungeheuer Ketten an, auf daß es still halte und sich melken lasse.
Die Südseite des Turmes sieht noch ein bißchen leer aus, und Mr. Bridgewater will dort eine Uhr anbringen. Er bat mich, ihm etwas zu skizzieren, was dort oben um die Uhr auf die Wand gemalt werden könnte, wie man es gerade in alten bayerischen Häusern so oft sieht. Ich habe nun um die Uhr eine zwölfstrahlige goldene Sonne entworfen. Die Strahlen entsprechen den Stunden, und auf jede der spitzen goldenen Strahlenzacken ist in gotischen Lettern ein Wort gemalt. Sie lauten in der Reihenfolge: I beginnen, II wollen, III lernen, IV gehorchen, V lieben, VI hoffen, VII suchen, VIII leiden, IX warten, X verzeihen, XI entsagen, XII enden. Der vorrückende Zeiger bezeichnet die Stunde mit dem Wort. Viele sind es, über die man schnell hinwegmöchte, um bei andern lange zu verweilen – aber wir müssen alle Stunden nehmen, wie sie sich unerbittlich folgen auf der großen Lebensuhr, gute und schlimme.
Was für Zeichen mögen wohl über Ihren Zukunftsstunden stehen, lieber Freund? Ich sinne nach und möchte den Schleier so gern etwas lüften können, und dann wieder denk ich, es ist besser, nicht zu fragen und zu forschen und sich nur der gegenwärtigen Frühlingsstunde zu freuen, wie die Mückenschwärme, die über dem See in der Sonne tanzen. Ich wünsche, daß viele, viele und nur schöne Stunden Ihrer harren mögen und diesen Wunsch sollen die wirklichen, warmen, goldigen Sonnenstrahlen mitnehmen und Ihnen bringen, wenn sie heute Abend meinen Blicken entschwinden, um Ihnen zu scheinen, auf der anderen Hälfte unserer schönen Frühlingswelt!
36.
_Tuxedo Park_, Mai 1900.
Die hier verlebten Tage, lieber Freund, haben mir so unendlich wohlgetan, daß es mir Vielgewanderten ganz schwer wird, wieder aufzubrechen und weiter zu ziehen. Ich habe ein unbestimmtes Gefühl, als sei ich in einem stillen Hafen und als warte meiner irgendwo draußen ein stürmisches Meer. Aber das muß ein Rest überangestrengter Nerven sein, die Ermüdung, die von langem Lastentragen zurückbleibt, die Angst vor dem Leben. Eigentlich war mir ja gerade in den letzten Tagen zuweilen so, als hörte ich unzählige kleine Stimmen sagen: »die Welt wird mit jedem neuen Frühling von neuem schön.« Die Schwalben meinten das, und die weißen Lämmerwölkchen am blauen Himmel, die tausend kleinen Insekten und die Millionen Samenstäubchen. Auch der schwarze Kater, der im Hof in der Sonne liegt, schnurrt gegenwartsfroh und zukunftssicher! Und am weltenzufriedensten scheinen Madame Baltykoff und Anstruther, die auch hier zu Besuch bei Bridgewaters sind. Sie hätten es mir gar nicht zu sagen brauchen, ich sah es ihnen gleich an – Madame Baltykoff hat Amerika gründlich studiert und ist dabei zum Ergebnis gekommen, daß das Beste und Behaltenswerteste, das das Land produziert, dieser eine Amerikaner ist. Sie scheint ruhiger geworden; vielleicht fehlte ihr, wie so manchem hin und her geworfenen Schiffchen, nur der richtige Ankerplatz, und sie hat den nun gefunden. Anstruther erklärte mir, Madame Baltykoff sei ihm in jeder Beziehung überlegen (das gehört nun einmal zum Credo jedes netten Amerikaners über alle Frauen, sogar über die eigene); nur in seiner amerikanischen Nationalität besäße er einen großen Vorteil über sie und den böte er ihr an, mit ihm zu teilen. »Nach all ihren Ansichten,« sagte er, »verdient sie eine freie Amerikanerin zu sein.« Mr. Bridgewater meint, diese Verlobung sei ein Schritt zur Amerikanisierung der Welt auf sozialem Wege und in dieser Amerikanisierung erblickt er ja die Aufgabe des kommenden Jahrhunderts. Das einzig Betrübende in der allgemeinen Freude ist, daß Anstruthers Name aus dem Klub der vierzig amüsantesten Männer gestrichen werden muß. Kein Mitglied darf verheiratet sein. Ist es nicht beschämend, daß man in diesem gegen Frauen doch so galanten Lande zur Überzeugung gekommen ist, daß die Ehe sofort geisteslähmend wirkt?
37.
_New York_, Mai 1900.
Wir sind aus Tuxedo hierher zurückgekehrt; und in unseren New Yorker Zimmern, in denen ich alles ganz unverändert vorgefunden, inmitten all der altvertrauten Dinge, die mich nun schon so lang begleiten, habe ich mich gleich wieder völlig eingelebt, als sei ich gar nicht fort gewesen, als hätte ich den letzten Monat nicht erlebt. Wenn ich morgens aufwache, muß ich mich erst besinnen, ob es alles wahr ist: Die plötzliche Reise nach Europa mit allem was ich dort durchgemacht, und dann die eilige Rückkehr hierher. Manchmal scheint es mir wie ein Traum, als wäre ich hier tief eingeschlafen und eben wieder aufgewacht, und als sei alles unverändert, wie es nun schon so manches Jahr gewesen. Aber dann fühl ich mit einem Mal, daß es doch alles anders geworden; ich schaue mich nach der altgewohnten Hoffnungslosigkeit um und sie ist verschwunden. Ich sehe in all dem nicht recht klar, versuche es auch nicht einmal, sondern lasse mich treiben, gedanken- und willenlos. Aber mir will es scheinen, als atme ich freier, als sähe ich in der Ferne ein Lichtchen schimmern. Seit ganz frühen Jugendtagen ist mir keine so still zufriedene Zeit mehr geworden. Mich dünkt, es liegt ein Zauber auf der Welt, als tönten aus der Ferne tausend silberne Glöckchen. Ach, daß doch nichts diese einzige Wunderstunde trüben möchte! Darum fleh ich immer wieder und lausche andächtig auf das leise Glockenläuten, das aus des eigenen Herzens Tiefe schüchtern und hoffend emporklingt.
Lieber Freund, ich glaub, ich erlebe ein Märchen!
38.
_New York_, Mai 1900.
Seit ein paar Tagen bringen die Zeitungen beunruhigende Telegramme aus Peking, und es war mir eine Erleichterung gestern zu lesen, daß die Gesandten Wachen requiriert haben und daß diese wohlbehalten in Peking eingetroffen sind, natürlich nach dem üblichen und obligatorischen Palaver des Tsungliyamens, aber ohne daß ein ernsthafter Versuch gemacht worden wäre, die Truppen am Einmarsch zu hindern. Es las sich wie eine genaue Wiederholung dessen, was wir selbst 1898 erlebt haben.
Wir sollten gestern aber noch mehr über China hören, als was die Zeitungen bringen.
Abends gingen mein Bruder und ich bei Sherry essen. Jetzt, wo die Stadt sich täglich mehr leert, herrscht dort nicht mehr das Gedränge wie im Winter, aber man sieht immer noch genügend glattrasierte, befrackte Herren, eine Gardenia im Knopfloch, und genügend elegante Frauen mit halbhohen Kleidern und riesigen, malerischen Hüten, um glauben zu können, in ein lebig gewordenes Bilderbuch von Gibbons versetzt zu sein.
Nachdem wir uns gerade gesetzt hatten, traten mehrere Herren an einen neben uns reservierten Tisch heran, und Sie können sich unser Erstaunen denken, als wir unter ihnen zwei Bekannte entdeckten, und zwar welche Gegensätze: den Rubinminen-Konzessionär Bartolo und jenen gescheiten Journalisten Dr. Silberstein, den Sie mir einmal als einen der wenigen bezeichnet haben, der seinen Aufenthalt in China zu einem ernsten Studium dieses Landes benutzte. Bartolo kam sofort auf uns zu, ließ unsere Tische aneinander rücken und erzählte uns strahlend, er käme gerade aus London, wo es ihm gelungen sei, ein Syndikat für die Rubinminen in der Provinz Kwangtung zustande zu bringen. »Man reißt sich um die Aktien,« sagte er, »und unsere große Chance ist der Burenkrieg gewesen, denn all die großen Kapitalisten, denen ihre Goldminenaktien jetzt nichts tragen, haben sich mit Enthusiasmus an unserm Unternehmen beteiligt.«
»Ja, glauben die denn, daß die Rubinminen schon sobald einen Ertrag geben werden?« fragte ich und schämte mich meiner geschäftlichen Naivetät, als Bartolo mir mit überlegenem Lächeln antwortete: »O nein, und darauf kommt es ja auch vorläufig noch nicht an. Wir verdienen ja bisher viel mehr an den Kursschwankungen. Unsere Rubinminen-Aktien sind jetzt das große Spekulationspapier! Noch kein Spatenstich gemacht und schon stehen unsere 1 Pfund-Aktien auf 140. Großartig!«
Dann erzählte er weiter: »Besonders auch bei der hohen englischen Aristokratie sind unsere Rubies, wie sie kurzweg genannt werden, sehr beliebt. So schrieb mir kurz vor meiner Abreise die Herzogin von X.: »Lieber Bartolo, die Rubies sollen gut sein, sagt man mir; möchte mich daran beteiligen, bitte um 10 Shares, sende einliegend eine 10 Pfund-Note.« Die alte Dame, die jede Quotierung wie ein Makler kennt, tat plötzlich ganz harmlos, als habe sie keine Ahnung, daß nach dem Tageskurs die 10 Aktien 1400 Pfund wert waren. Na, ich hab mir die Sache überlegt und dann der Herzogin, einer politisch einflußreichen Frau, die man sich warm halten muß, schließlich drei Aktien gesandt und 7 Pfund retourniert und dazu geschrieben, die Rubies seien so gesucht, daß ich nicht mehr hätte auftreiben können.«
In Schanghai, so teilte uns Bartolo mit, ist das schönste Haus am Bund für das Direktorium der Ruby Mines Co. Ltd. gemietet worden.
»Ja,« fuhr er fort, »die Sache soll im großen Stil betrieben werden, darüber sind wir uns in London ganz einig. Ein großes Haus in Schanghai, eines in Peking und Reklame gemacht und Gesellschaften gegeben; vor allem wollen wir auch die Chinesen ranziehen, Feste und Diners, und dann so beim Kaffee und Likör die noch schwebenden Fragen glatt und rasch erledigt. Das ist so mein Prinzip. Meine jungen Mitarbeiter hier werden mir trefflich sekundieren.«
Dabei deutete er auf zwei Sprößlinge vornehmer Häuser, die ihn begleiteten und die er uns als Marchese del Monte Victorioso und Vicomte le Ruinard vorgestellt hatte. Der Marchese del Monte Victorioso, der diesen Titel seines Vaters leihweise und für überseeische Zwecke trägt, ist ein schöner junger Mensch, das glückliche Resultat italienischer und angelsächsischer Blutmischung. Ob die Rechnung für seinen Frack, dem es nicht gelang, diese herrliche Antinousgestalt zu verunzieren, wohl bezahlt ist? Chi lo sa. Aber manche der anwesenden Damen warfen ihm unter den großen malerischen Hüten recht vielversprechende Blicke zu; und ich sagte mir, daß Jugend, Schönheit und ein wenn auch nur geliehener Titel wohl Gewinn bringenderes Kapital als alle Rubin-Minen-Aktien sind. Ich kann mir Monte Victorioso schon als Hauptfigur beim Korso des Bubbling Well Road, den Rennen, dem Country Club und all den sonstigen sozialen Vereinigungen denken, mit denen man in Schanghai wie anderswo die Leere des Daseins zu verbergen sucht. Geschäftlich wird er wohl so wenig wie sein Begleiter dem guten Bartolo viel nützen, aber diesem scheinen diese betitelten Jünglinge an sich eine Freude zu sein, obgleich es nur schwarze oder zum mindesten graue Schafe sind, die er ihren betreffenden Familien für eine Weile freundlichst abnimmt. Le Ruinard wird von seinen Eltern verschickt, um ihn dem Einfluß einer kostspieligen Pariserin zu entziehen. Er saß ziemlich niedergeschlagen da, bis er erfuhr, daß wir lange in Peking gewesen. Da taute er auf und verlangte allerhand Auskünfte über das soziale Leben der chinesischen Hauptstadt. Ich hörte ihn meinem Bruder leise zuflüstern: »et les dames de la cour de Pékin? quelque chose à faire?«
Ich fürchte, es gibt die verschiedenartigsten Enttäuschungen für Leute, die nach Peking auswandern.
Die zwei brillanten Attachés der Ruby Mines Co. Ltd. empfahlen sich übrigens bald, denn sie reisen morgen mit Bartolo via San Francisko nach China, und sie wollten offenbar ihren letzten Abend in der vollen Zivilisation genießen.
Wir blieben zurück mit Bartolo und Dr. Silberstein, der, auf der Rückreise aus Asien, jetzt einige Zeit hier bleiben will, um eine englische Ausgabe seines Buches über China vorzubereiten. Ich fragte nach beider Meinung über die beunruhigenden Telegramme aus Peking.
Bartolo erklärte, das seien alles nur künstlich von einigen Spekulanten lancierte Nachrichten, um die Rubies zu drücken und sie billig kaufen zu können. Silberstein aber nahm die Nachrichten sehr ernst und sagte, sie seien der erste offene Ausdruck dessen, was man schon seit langem habe kommen sehen können. »Seit Monaten,« sagte er, »beginnt sich etwas tief in den Untergründen der dortigen Welt zu regen, als ob der Drache, der im Schoß der Erde ruht, sich mißmutig dehne und recke. In die innerste chinesische Volksmasse ist Leben gekommen. Lange haben die gelben Millionen nicht als Faktor gegolten, der bei Zukunftsrechnungen in Betracht kam. Jetzt scheint es, als wollten sie ihre lange Apathie abschütteln und mir ist oft, als holten sie zu einem großen Schlage aus.«
»Aber bester Herr,« unterbrach ihn Bartolo, »die Chinesen sind doch ein zufriedenes, leicht zu regierendes Volk!«
»Ja, das sind sie,« meinte Silberstein, »aber die Unzufriedenheit ist diesem resigniertesten aller Völker künstlich beigebracht worden. Sie verlangten nur das Leben mit all seinen Unvollkommenheiten ruhig weiter gleiten zu lassen, wie es seit den Tagen der Klassiker geschehen, aber immer zahlreichere Leute sind gekommen, die ihnen von Fortschritt und Wechsel sprachen und die alle irgend einen Artikel hatten, den sie ihnen als unentbehrlich aufdrängen wollten, Religionen, Kriegswaffen, Eisenbahnen und Dampfschiffe. Die fremden Maschinen haben Tausende um ihre kleinen Erwerbe zittern lassen und nicht genug, daß sich die Lebenden bedroht fühlten, auch die Toten wurden in ihrer Ruhe gestört, denn bei den neuen Bauten auf den fremden Konzessionen und bei der Trace der Eisenbahnen konnte man nicht Rücksicht nehmen auf die durch das ganze Land zerstreuten Gräber. Dies erscheint allen Chinesen als höchster Frevel. Sie mußten auch sehen, wie die Konvertiten des neuen Glaubens durch ihre geistlichen Hirten in all ihren weltlichen Angelegenheiten starken Schutz fanden, zum Nachteil ihrer heidnischen Brüder. So wurden diese religiös indifferenten Menschen aus ganz irdischen Gründen allmählich fanatisch und ihr politischer Hass erwachte, als sie immer mehr gewahr wurden, daß die Fremden China geringschätzig als eine Melone ansahen, die reif ist, in Stücke geteilt zu werden. – Seitdem sind Sekten entstanden zur Vertreibung der Fremden; zuerst ließen die Autoritäten sie nur gewähren, heute schützen sie sie schon offen.«
»Lieber Doktor,« sagte Bartolo, »Sie sind wie so mancher in der Melancholie eines prolongierten Aufenthalts in Peking zum Schwarzseher geworden. Ich bitte Sie, all unsere Nachrichten lauten doch ausgezeichnet, na, und sollten die chinesischen Autoritäten wirklich mal etwas Schwierigkeiten machen, mit der richtigen Mischung von Drohung und klingenden Gründen hat man sie noch immer überzeugt, und ernsthaft werden Sie doch nicht von Gefahr durch chinesische Aufständische reden wollen – ist ja elendes Pack; werfen Sie einem chinesischen Volkshaufen eine Hand voll Kupferkäsch hin, und sie werden alles vergessen, um sich darum zu raufen, und vor einem europäischen Soldaten laufen hundert chinesische davon.«
»Ja, ich weiss,« antwortete Silberstein. »Das ist die Ansicht der modernen Schule über China. Ich teile sie nicht und glaube, dass wir vor großen Ereignissen stehen, die nichts mehr abwenden kann, und die sich logisch aus unserm eigenen Verschulden aufbauen.«
39.
_New York_, 5. Juni 1900.
Der große Bartolo und seine beiden eleganten Adjutanten sind abgereist. Vorher sandten sie mir noch einen riesigen Korb voll tief purpurroter Rosen, der sehr passend mit rubinfarbenen Bandschleifen verziert war. Ihre Karten lagen dabei in einem Kuvert, auf dem das Motto prangte: »Rubi gagne«.
Ich hatte mich heute Morgen gerade hingesetzt, um Ihnen dies zu beschreiben, als ich die Zeitung aufnahm und die erstaunlichen Nachrichten fand, daß die Huangtsung-Station an der Peking-Bahn von Boxern verbrannt worden ist und daß französische und belgische Ingenieure von der Luhan-Bahn vor den Rebellen nach Tientsin geflüchtet sind, wo sie nach großen Leiden eintrafen. Missionare sind an verschiedenen Orten mit Konnivenz der Mandarine ermordet worden. In Tientsin selbst wird ein Angriff der Boxer erwartet, und in Peking soll sich die Lage sehr verschlimmert haben.
Während der letzten Tage waren die Telegramme gerade ganz beruhigend gewesen; es hieß, daß seit der Ankunft der Gesandtschaftswachen völlige Ruhe in Peking herrsche. So hatte ich denn Boxer und alle anderen Realitäten vergessen und hatte weiter Märchen geträumt.
Und nun kam das Erwachen, und mir ist, als sei ich unsanft aufgerüttelt worden.
Wie ich gerade all die Nachrichten gelesen hatte, kam Miß Tatiana de Gribojedoff ganz aufgeregt zu mir gestürzt und sagte, sie habe gehört, daß wir wieder in New York eingetroffen seien, und wir wären gerade diejenigen Menschen, mit denen sie alles besprechen müsse. Dabei zog sie gleich eine Zeitung aus ihrem Beutel und las mir die Telegramme mit bebender Stimme vor. Sie ist entrüstet, daß nichts vorgesehen und geschehen sei, um alledem vorzubeugen. In allen chinesischen Begebenheiten sieht sie nur das Ergebnis russischer Aufwiegeleien, die zu konterkarrieren die Angelsachsen von Gott berufen sind, und im Tone von jemand, der persönlich Rechenschaft verlangen kann, fragte sie: »I wonder what Salisbury is about?« Darauf konnte ich ihr keine befriedigende Antwort geben, aber statt dessen mußte ich ihr über alle chinesischen Lokalitäten Auskunft erteilen. Der Beutel enthielt auch noch eine zusammenlegbare Karte Chinas. Die wurde ausgebreitet und ich mußte Miß Tatiana alle Punkte zeigen und auf tausend Fragen antworten. Mir war recht bang zu Mute, aber lachen mußte ich doch, wie Miß Tatiana die Stirn kraus in die Höhe zog und all meinen Ausführungen auf der Karte mit einem Ernste folgte, als laste auf ihr die Verantwortung für die Disposition eines Feldzuges. Sie setzte mir auseinander, Amerika habe in China eine große Mission, es müsse die Ruhe herstellen, die offenbar nur durch russische Umtriebe gestört sei, und darüber wachen, daß diese Begebenheiten nicht zum Vorwand für Länderräubereien benutzt würden. Zum Schluß kündigte sie mir an, sie werde, bis die Lage sich geklärt habe, in New York bleiben und häufig zu uns kommen, um mit uns zu konferieren.
Wir Menschen kämen ohne Sorgen offenbar vor Langeweile um, und Miß Tatiana, die keine einzige wirkliche hat, schafft sich daher selbsterwählte auf politischem Gebiet.
40.
_New York_, 14. Juni.
Seit Tagen habe ich die Empfindung, als ließe die ganze Welt sich treiben, ohne zu wissen wohin, als laste Unheimliches, Undurchdringliches auf ihr. Und die heutigen Telegramme sind wie ein Zerreißen des Schleiers – wie wenn bei Schiffahrt im Nebel plötzlich ein Felsen in drohender Nähe auftaucht.
»Gesandtschaftsmitglieder in P. attackiert, die englische Sommergesandtschaft zerstört, Prinz Tuan und andere Fremdenfeinde in das Tsungli-Yamen ernannt.«
Und nur die ganz kleinen Gesandtschaftswachen! Was können die ausrichten, wenn es ernst wird?
Heute steht ein Telegramm vom amerikanischen Gesandten in Peking in den Zeitungen; er bittet um 2000 Mann. Aber wann können die dort sein?
Ich muß immerwährend an Hofer denken. Man solle Kavallerie in der Nähe bereit halten, das sei das Wichtigste, sagte er. Ach wie recht hatte doch dieser streitbare Kirchenmann!
Er und manch andere Missionare und auch die China-Association in Hongkong haben gewarnt, und schon in den Schanghaier Märzzeitungen stehen eindringliche Artikel über eine große kommende Gefahr. Es ist als hätte alle Welt das Unheil nahen sehen, nur nicht die eigens dazu aufgestellten Schildwachen.
Unbeachtet sind die Warnrufe verhallt. Man wollte sich im bequemen, tatenscheuen optimistischen Glauben, daß ja alles ganz gut stände und die Welt ein netter behaglicher Aufenthaltsort sei, nicht stören lassen, wollte Weitläufigkeiten, Parteinahmen und Einmischungen vermeiden, und in der großen Sehnsucht nach Ruhe alle dem aus dem Wege gehen, wodurch neue Aktenrubriken entstehen können.
Und besondere Umstände kamen noch dazu. Die Amerikaner sagen es selbst in ihren Zeitungen, daß sie nicht in der Lage seien, Landtruppen nach China zu senden, weil sie sie in den Philippinen brauchen. Die Engländer haben gerade genug mit den Buren zu tun. »Unsere Zähne sind leider in Afrika«, hat ihr großer Mann geantwortet, als man neulich in ihn drang, den Chinesen die Zähne zu zeigen. Die Franzosen haben auch ein besonderes Interesse daran, daß es in China ruhig bleibt, denn in Ausstellungsjahren soll immer alles eitel Glück und Freude sein. Ausstellungen sind für Völker, was Verlobungen im Familienkreise sind; da stellt man sich auch an, als sei alles herrlich und schön, alle Fehden werden für ein Weilchen begraben und man tut so, als sei Grund zu allgemeiner Freude. Aber die dunkeln, unerforschten Kräfte, die uns treiben, die unerbittliche Schicksalsmacht, die über uns steht und das werden läßt, was wir nachher Geschichte nennen, – die kehren sich nicht an Völker- und Familienfeste, nehmen keine Rücksicht auf das müde Ruhebedürfnis alternder Geschlechter – die führen uns unaufhaltsam weiter, wir wissen nicht wohin – und im dichten Nebel ragen dann plötzlich vor uns drohende Felsen aus dem Meere empor.
41.
_New York_, 17. Juni 1900.
Mit Angst und Spannung heute früh die Zeitung geöffnet, Schlimmes erwartend, aber doch nicht dies Entsetzliche: »Die Gesandtschaften angegriffen, ein Gesandter ermordet« – und diese Mitteilung selbst – dunkel, gerüchtweise, wie Unheilsbotschaften sich im Osten stets verbreiten, so daß man noch tausendfach Unheimlicheres dahinter vermutet. Alle telegraphische Verbindung mit Peking ist abgeschnitten. Die Nachrichten sickern durch auf geheimnisvollen Umwegen. Es ist, als ob hinter einer verschlossenen Türe eine grausige Tragödie sich abspielte – plötzlich hört man Stöhnen, Blut rinnt über die Schwelle, man weiß nicht, was geschehen ist, fühlt nur, daß es Furchtbares, Unerhörtes sein muß, da, hinter der Tür – man möchte helfen, das Schloß sprengen, die Tür einstoßen, eilen und retten – und man kann und kann nicht. Es ist wie ein quälendes Alpdrücken.
42.
_New York_, 19. Juni 1900.
Die Taku-Forts sind eingenommen.
Das muß doch die Chinesen einschüchtern! Und nun wird doch sicher die Entsatzkolonne, die Admiral Seymour führt, bald in Peking anlangen oder vielleicht schon dort sein. Ein paarmal wurde ihre Ankunft schon gemeldet, dann aber widerrufen.