Briefe, die ihn nicht erreichten
Part 11
Aber wie ist es denn nur alles möglich? Das fragen wir uns immer wieder. Etwas Traumhaftes hat das Ganze, und man ringt, endlich erwachen und all den nächtlichen Spuk abschütteln zu können. Wenn ich an unsere stillen monotonen Pekinger Jahre zurückdenke, sage ich mir oft, »dies ist ja alles nur ein verrücktes Märchen, an das niemand glauben kann«. Über wie vieles wurde doch in China geklagt! Über Hitze, Staub und Moskitos, Überarbeitung, Ärger durch das eigensinnige Tsungli-Yamen oder über die großen Herren zu Hause, denen China ein Buch mit fünf Siegeln ist und die doch alles besser wissen wollen. Aber daß Gefährdung der persönlichen Sicherheit je zum Gegenstand gerechter Beschwerde gegen das Schicksal und die Chinesen werden könnte, wäre keinem in den Sinn gekommen. Unmöglich wäre es uns allen erschienen, und was wir jetzt hören, klingt kaum glaublich – aber wenn ich dann die Zeitungen mit den groß und fettgedruckten Telegrammen sehe und höre, wie alle Menschen nur von China reden – dann weiß ich, daß das Abenteuerlichste, Wildeste und Unwahrscheinlichste in unsern Tagen Wahrheit geworden ist.
Wir haben die Chinesen nur als arme, gedrückte Menschen gekannt! Knechtung, Erpressung und Ungerechtigkeit, wie auch große verheerende Naturkatastrophen schienen sie geduldig zu tragen; vielleicht sahen sie in ihnen nur die verhältnismäßig gleichgültigen Begleiterscheinungen des einen großen Übels, des Lebens. Jahrhundertelang sind sie gezüchtet worden in einem System, dessen Erpressung, Ungerechtigkeit und Betrug so recht auf der ewigen Trägheit und Feigheit der großen Massen beruhen. Jeder hatte dort immer Mächtigere zu versöhnen, umzustimmen, zu erkaufen. Die einzige Erleichterung und Rettung vor der ungeheuren Last war schlaue Überlistung der Bedrücker. Wie so oft in menschlichen Verhältnissen, knechtet dort der Stärkere den Schwächeren und wird dafür von ihm hintergangen. Leicht zu befriedigen schienen mir eigentlich die Chinesen, verlangten nicht mehr, als daß die paar Kupfermünzen, die sie täglich verdienten, ihnen nicht von einem ihrer Peiniger abgerungen würden; daß dies aber oft vorkommen muß, sahen sie alle als alte Weltenregel an, in die man sich philosophisch fügt, wenn man sie nicht listig zu umgehen weiß. Arme, durch Bedrückung schlau und gemein gewordene Menschen, deren Geist viel mehr nach kleinen Schleichwegen, spitzfindigen Verdrehungen und Betrügereien als nach großen Taten zu sinnen schien. Und sie alle sollen mit einemmal zu rasenden Kämpfern geworden sein, die es mit den Herren der Welt aufnehmen wollen?
Ein Rätsel im rätselreichen China.
Seltsam klingt es uns auch jetzt, in hiesigen Zeitungen zu lesen, daß diese selben so elend und stumpf dahinlebenden Chinesen eigentlich Wesen von erstaunlich nervöser Anlage seien, die von Fanatikern hypnotisiert wurden zu wildem Fremdenhaß und blindem Glauben an eigene Unverwundbarkeit und Siegesgewißheit. Mir aber will es scheinen, daß diese Hypnotiseure vor allem ihre Kraft an den Fremden in Peking ausgeübt haben müssen, sie in wunderbaren Sicherheitswahn wiegend.
Miß Tatiana besucht mich häufig und hält lange Reden, in denen sie alle Ministerien der verschiedensten Länder zur Verantwortung zieht. Silberstein traf bei mir mit ihr zusammen und meinte nachher: »Das ist eine Dame, die einen Band Junius-Briefe schreiben sollte.«
Die beiden verhandelten lange über die chinesischen Ereignisse, und Miß Tatiana kam immer wieder darauf zurück, warum nichts von alledem von den angelsächsischen Staatsmännern, denen sie ihr Leben lang vertraut, vorgesehen worden sei.
Der Journalist meinte: »Ja, die Nachrichten aus China sind freilich so recht geeignet, die Fundamente des Glaubens an vorausschauende Staatsweisheit stark zu erschüttern. Aber es wird überhaupt viel weniger geplant und gelenkt, als man uns im Geschichtsunterricht lehrt. Die größten Ereignisse kommen meist unerwartet. Man hat sich treiben lassen, ohne viel zu fragen, wohin und steht plötzlich vor überraschenden Tatsachen. Das landläufige Heroentum besteht dann eigentlich nur immer darin, sich mit Geschick aus Schwierigkeiten zu ziehen und es nachträglich so darzustellen, als habe man alles vorausgesehen.«
»Aber«, fragte Miß Tatiana, »hat man denn nicht von Anfang an erkannt, daß diese fremden- und fortschrittsfeindliche Partei unseren kommerziellen Interessen notwendigerweise großen Schaden zufügen muß? Warum hat man sie überhaupt je so anwachsen lassen?«
»Um sie erfolgreich zu bekämpfen«, antwortete er, »hätte man sich offen zum Kaiser und zu seinen Reformfreunden bekennen müssen. Es gab vielleicht einen Moment, wo man das gekonnt hätte. Aber dazu hatte niemand den Mut und niemand sah wohl ein, wieviel auf dem Spiele stand. Die Schicksalsstunde für China war der Staatsstreich der Kaiserin Witwe im September 1898. Daß damals die ganze Welt zuschaute, wie aller Fortschritt vertilgt wurde, nachdem er so lange gepredigt worden war und endlich eine Partei eifriger Bekenner gefunden hatte, und daß man zuließ, daß die finstere Reaktion an seine Stelle trat – das rächt sich heute, denn es rächt sich immer, aus Bequemlichkeit und Angst vor Komplikationen wissentlich das Höhere unterdrücken zu lassen, so schlau es auch im Moment erscheinen mag, Einmischungen zu vermeiden. Wer heute von idealen Gesichtspunkten in der Politik redet, begegnet nur mitleidigem Achselzucken, und doch wäre die Macht, die damals für das ideale Streben der Reformpartei eingetreten wäre, heute wohl die führende in China, und die unvermeidlichen anfänglichen Schwierigkeiten, denen sie begegnet wäre, hätten sicher nicht die Tragweite des Konfliktes angenommen, dessen kleines Vorspiel wir eben erst erleben. Die Vereinigten Staaten hätten diese Rolle übernehmen können, um so mehr, als sie China gegenüber reine Hände haben. Aber um solche Entschlüsse fassen zu können, gehören große, leitende Gedanken – und der Laden, wo Ideen für Staatsmänner und Diplomaten und Bücherstoffe für Autoren verkauft werden, existiert leider noch immer nicht.«
43.
_New York_, den 21. Juni 1900.
Der entsetzliche Traum dauert weiter, keine Nachricht aus Peking, und schlimmer als alles, keine Nachricht von Ihnen. Ach, wo sind Sie, lieber Freund? Meine tägliche Hoffnung ist, ein Telegramm von Ihnen zu erhalten, daß Sie in Schanghai von Ihrer großen Reise ins Innere zurückgekehrt sind. Um diese Zeit müßten Sie doch dort eingetroffen sein. Was kann Sie so lang aufgehalten haben? Ich sehne mich so sehr danach, von Ihnen zu hören, daß das Warten zu einem physischen Schmerz wird.
Die Hitze liegt bleiern auf der Stadt. Tag und Nacht keine Abkühlung. Die Nächte sind am schlimmsten. Sie scheinen so endlos mit den wirren Gedanken, dem fiebrigen Einschlummern und den verschwommenen beängstigenden Visionen, die sie bringen. Dann wird die Hitze zu einem greifbaren Wesen, im Dunkeln lastet sie auf mir wie ein Alpdrücken, ich glaube sie fühlen und fassen zu können. In den Zeitungen steht, wie alle Jahre, es sei dies ein anormaler Sommer, noch nie hätten Menschen und Tiere so sehr unter der Hitze gelitten, noch nie seien so viel Hitzschläge vorgekommen. Es scheint, als sei es den Menschen ein Trost, sich einzubilden. daß gerade ihre Leiden ausnahmsweise groß seien, so groß, daß sie dadurch von einer gewissen Bedeutung würden. Und es ist doch alles bedeutungslos. Leiden scheint nur ausnahmsweise groß, wenn es gerade unser persönliches Leiden ist. Könnten wir den Begriff unseres Ichs erweitern und dadurch mehr Leiden umfassen, so würden uns diese neuen Qualen, die wir bisher kaum ahnten, auch wieder als ganz ausnahmsweise groß erscheinen.
Wenn einst in Millionen von Jahren die Erde tot und eisig durch die Weltenräume kreist, wer wird dann nach den kleinen Wesen fragen, die mal auf ihr an Hitzschlag starben!
Die Stadt ist ganz leer. Wir sind noch hier. Ich möchte auch gar nicht fort. Gerade hier in der furchtbaren Hitze glaube ich manchmal wirklich dort zu sein, wo all meine Gedanken sind. Hinter den hohen Pekinger Stadtmauern. Allein schon die Hitze dort in dieser Jahreszeit, ohne alles andere – welche Marter! Ich bilde mir ein, daran teilzunehmen, von hier aus mittragen zu helfen.
Wie schön wäre es doch, wenn man für andere tragen könnte, wenn man sagen könnte: »Ruh Du Dich jetzt aus, denn nun schieb ich die Schulter unter die Last.« Das Weh der Welt ist aber nicht wie ein Brot bestimmter Größe, je mehr davon essen sollen, desto kleiner müssen die Teile werden. Nein, es wächst mit jedem neuen Gast, es ist immer in Überfluß auf dem Tisch und kämen auch immer wieder neue Millionen hinzu. Tragen helfen! auch so eine Illusion, mit der die große Hoffnungslosigkeit verborgen werden soll. Jeder trägt, was schon mit ihm in der Wiege lag, was mit ihm selbst gewachsen ist, trägt, weil es eben nicht anders geht. Und vor, neben und hinter ihm stehen unabsehbare Reihen von Wesen, die auch alle tragen, jedes seine Last.
In Wahrheit abnehmen kann keiner dem andern etwas, so daß der wirklich frei aufatmete – wir können nur zum eigenen Leid uns noch das des anderen hinzudenken – mit ihm mitleiden.
Mitleiden – ach, wie sehr leide ich hier mit jenen, die ich in Peking gelassen, leide mit Ihnen, lieber Freund! Bald suchen meine Gedanken Sie hinter den düstern Stadtmauern, die mit unheimlichem Schweigen unbekanntes Schicksal so vieler umgeben, bald in dem großen, brodelnden China, von dem aus allen Teilen Nachrichten über Aufstände und Metzeleien eintreffen.
Und mit all meinem Mitleid kann ich so gar nichts helfen!
44.
_New York_, den 22. Juni 1900.
Lieber Freund! In diesen Zeiten wachsender Angst und Sorge denke ich so unablässig an Peking und an alles, was sich dort zutragen mag, daß es mir oft ist, als sei ich selbst dort und ich mich kaum noch erinnere, wo ich mich in Wirklichkeit befinde. Redet mich jemand an, so fahre ich auf, wie aus einem Traume gerissen und muß mich erst wieder besinnen auf die mich umgebende Welt. Stundenlang liege ich nachts wach und sinne nach und suche durch die Gewalt des Willens den Schleier zu lüften, der undurchdringlich zwischen uns liegt. Ich lausche, ob durch das tiefe Schweigen nicht doch eine einzige Stimme dringt, die mir Kunde brächte. Und dann am Morgen das fieberhafte Warten, bis die Zeitungen kommen, der jedesmalige sichere Glauben, heute müssen sie erlösende Nachrichten enthalten – und das jedesmalige Zusammensinken aller Hoffnung, die bittere Enttäuschung – immer das gleiche tiefe Schweigen.
Bilder aus jenen vergangenen Zeiten ziehen unablässig an meinen Augen vorbei, und ich möchte jede kleinste Erinnerung an all die damaligen Ereignisse festhalten, wenn sie auch anderen gleichgültig erscheinen – sind sie doch meine Schätze – das Einzige vielleicht, was mir geblieben. Als ob von einem alten verblaßten Gemälde der Staub gewischt würde und man nun die Züge wieder gewahrt, so fällt mir tausend Vergessenes ein. Die Geschichte jener Jahre, in denen wir uns trafen und kannten, rollt sich wieder vor mir auf, und beständig glaube ich zu sehen, wie Sie mich aus den Tiefen der Vergangenheit anschauen.
Beim ersten Anblick mancher Menschen habe ich die dunkle Empfindung gehabt, sie früher schon gekannt zu haben, obschon ich doch genau wußte, daß ich sie in diesem Leben zum erstenmal sah. Wo, wann mochten wir uns wohl getroffen haben? Was war es, das uns früher einmal vereinigt hatte und woran die Erinnerung mich plötzlich leise zu mahnen schien? Niemals habe ich das so sehr empfunden, lieber Freund, als an dem Tage, da ich Sie zum erstenmal sah.
Erinnern Sie sich dessen noch?
Es war bei einem Diner in Peking, im Hause des langjährigen Gesandten von ***, eines der letzten Repräsentanten jener alten politischen Schule, die noch an die unüberwindliche Macht Chinas glaubte und in der Behandlung dieses asiatischen Völkergebildes als ebenbürtigen Großstaates eine Befriedigung der eigenen Diplomateneitelkeit fand.
Ich entsinne mich, daß, als mein Bruder und ich eintraten, die meisten Gäste schon versammelt waren. Der Hausherr erklärte gerade einem neu eingetroffenen Kollegen die verwickelte Frage der Audienzen fremder Gesandten beim Kaiser von China. Er wurde ganz wehmütig über die immer neuen Zugeständnisse, die die Gesandten in der Art ihres Empfanges erlangt hätten, und man merkte ihm an, daß er innerlich ganz auf seiten der Chinesen stand, denn es gewährte ihm eine unendliche Genugtuung, an einem Hofe akkreditiert zu sein, was man bei Republikanern ja mitunter findet, und er nahm es persönlich übel, wenn man diesen seinen Spezialhof nicht so recht als voll gelten lassen wollte. Als ich ihn einmal unmittelbar nach solch einer Audienz traf, sagte er mir würdevoll: »I have just been in the presence of Royalty.«
Ein Stab junger Dolmetscher umgab den alten Gesandten. Mit ihrer Hilfe richteten die Fremden einige Sätze an einen Minister des Tsungli Yamen, eine lebende Mumie, die sich unter den Geladenen befand und kein Wort einer europäischen Sprache kannte. Auch zwei jüngere Chinesen waren zugegen; sie trugen über langen, seidenen Gewändern, weitärmelige Jacken aus zart gefärbtem Damast und auf dem Kopf schwarze Atlas-Käppchen, mit einer großen Perle über der Mitte der Stirn. Offenbar Pekinger Gigerl! Sie wurden mir als Marquis Tschiao fenglo und Bruder vorgestellt, die sehr gut englisch könnten. Ich redete den einen, der mir der ältere schien, als Marquis an, erhielt aber die Antwort: »my brother he be Marquis, me be plain Esquire.« Im verblüffendsten Pidgin Englisch erklärten mir dann die Brüder, daß der ältere nur ein adoptierter Sohn des verstorbenen Marquis Tschiao sei. Während sie mir noch die verwickelte Frage von Adoption in China zu erklären suchten, trat unser Wirt an mich heran.
Sie folgten ihm.
Er stellte Sie vor.
Und sobald ich zu Ihnen aufschaute, hatte ich die ganz bestimmte Empfindung, Sie früher schon gekannt zu haben – und ich wußte doch ganz genau, daß ich Sie zum erstenmal erblickte. Es war ein ganz seltsames Gefühl. Mir war, als stände ich an jener Tür, die für uns verschließt, was wir gewesen vor diesen paar kurzen Erdenjahren, für die unser schwaches Gedächtnis gerade mühsam reicht – und mit Anstrengung aller Fähigkeiten des Denkens und Erinnerns suchte ich diese Tür für einen Augenblick spaltenweit zu öffnen.
Bei dem Diner saßen Sie ziemlich weit von mir, wenn ich mich aber etwas vorbog, konnte ich Sie mir schräg gegenüber erblicken. Immer wieder fragte ich mich »Wann? Wo?« Ein paarmal gelang es mir auch in dem Schwirren und Summen der allgemeinen Konversation den Ton Ihrer Stimme zu vernehmen, und der klang mir so wohlbekannt, als hätte ich ihn jahrelang gehört.
Nach Tisch sprachen wir lange zusammen, und mit jedem Augenblick erschienen Sie mir bekannter und vertrauter und es dünkte mich, als läse ich auch in Ihren Augen ein staunendes Wiedererkennen.
Ich hatte ja seit unserer Ankunft in Peking viel von Ihnen gehört, von Ihren merkwürdigen, abenteuerlichen Reisen in Teilen Chinas, die kaum je von Europäern betreten werden, von Ihren wunderbaren Sammlungen, von Ihren Freundschaften mit den Lamahs entlegener Klöster, die nie mit andern Fremden sprechen, Sie aber dank Ihren buddhistischen Studien beinahe als einen der Ihrigen ansahen. Ich war natürlich sehr gespannt gewesen, Sie kennen zu lernen, aber was ich empfand, als ich Sie nun wirklich sah, hatte nichts mit dem zu tun, was ich von den Umständen Ihres jetzigen Lebens gehört – die Wurzeln dieses Gefühls des Wiederfindens mußten weit zurückgreifen in die grauen Fernen längst vergessener Zeiten.
Auf dem Heimweg in dem blauen zweirädrigen Karren, der auf der holprigen Straße wie ein Schiff im Sturme schwankte und den das Maultier oft nur mit äußerster Anstrengung aus den fußtiefen Löchern herausziehen konnte, und später in meinem kleinen schmucklosen Zimmer des Hotel de Pékin – immer wieder fragte ich mich: »Wann? Wo?«
Aber an jenem Abend fand ich keine Antwort.
45.
_New York_, den 23. Juni 1900.
Wie ich die Antwort fand, will ich Ihnen heute schreiben!
Ihnen schreiben? und weiß doch nicht, wo Sie sind, ob dieser Brief je vor Ihnen liegen wird, ob es für uns noch eine Zukunft geben kann, oder ob das ganze weitere Leben nicht wehes Erinnern sein muß an vergangene Tage.
Und doch ist mir, als umgäben mich Ihre Gedanken, als lauschten Sie irgendwo in weiter Ferne ob nicht ein Wort von mir zu Ihnen dringe.
Sie in der Weite zu suchen, sende ich diese kleine Geschichte aus; halb vergessen, nie wieder berührt, hat sie seitdem verborgen in mir geruht; wie sie nun wieder lebendig vor mir ersteht, fühle ich, daß mit ihr auch das nie ausgesprochene Hoffen in mir schlummerte, sie Ihnen doch noch einstmals am Abend eines schönen künftigen Sommertages ganz leise zuflüstern zu können!
Es war am Morgen nach dem Diner des alten Gesandten. Lautlos trat meine filzbesohlte Amah in das Zimmer. Ihr schwarzes Haar war glatt zurückgestrichen und am Hinterkopf künstlich zu einem Horn gedreht. Sie trug jahraus, jahrein lange indigoblaue Baumwollgewänder; Winters waren sie dick wattiert und mit zunehmendem Froste zog die Amah eines über das andere, bis daß sie wie eine Tonne aussah und ihre Arme wie riesige Würste von ihr abstanden. Sommers dagegen, wenn all die wattierten Mäntel auf dem Pfandhaus ruhten, erschien sie ganz schlank. Die Amah war Christin und in der Klosterschule des Petang von den französischen Nonnen erzogen. Sie hatte dort einige Worte Französisch aufgeschnappt, was den Verkehr entschieden erleichterte, wenn man erst mit ihr übereingekommen war, was jedes Wort in ihrer Gebrauchsweise eigentlich bedeuten sollte.
An jenem Morgen sah sie strahlend aus und sagte mir: »Joli Monsieur hat ein Geschenk für Madame geschickt.« Wer Geschenke machte war nach der Amahs französischem Sprachgebrauch immer joli; sie urteilte offenbar nach dem Grundsatz »handsome is who handsome does.« In den schmalen gelblichen Händen hielt sie eine grüne Nephrit-Schale, die mit rosa Magnoliablüten gefüllt war.
Zwischen den Blumen aber lag Ihre Karte.
Ich beugte mich über die Blüten und wie ich ihren süßen Duft einsog, überkam mich ein seltsames Gefühl des Schonerlebten. Es war mir, als träume ich, als müsse ich nun handeln, wie es mir eine geheimnisvolle, unsichtbare Macht eingab. Mechanisch ergriff ich einen der braunen Zweige, an dem zwischen gelben, pelzigen Schutzblättchen zwei schöne rosa Knospen sich öffneten. Mechanisch trat ich vor den ziemlich blinden, zersprungenen Hotelspiegel und, wie fremdem Willen gehorchend, hob ich den Blütenzweig über mir in die Höhe, schlang eine Strähne meines Haares mehrmals zwischen den beiden Blumen durch und befestigte sie so auf meinem Kopfe.
Im Augenblick aber, als ich dies getan und mich vorbeugte, um besser in dem blinden Spiegel zu sehen, verschwanden plötzlich die Wände des kleinen Hotelzimmers und mit ihnen die Möbel, die Amah und alles, was noch vor einer Sekunde um mich gestanden hatte. Ich selbst war verschwunden und doch sah ich.
Ich sah ein spiegelglattes Meer, über dem der wolkenlose Himmel in endlosen Höhen blaute. Manchmal hob sich die schimmernde Fläche, als seufze die See im Traume; dann kräuselte sich ein kleines Wellchen am goldig flimmernden Strand entlang und versank wieder in das lautlose ewige Blau. Am Ufer saßen zwei Menschen. Sie waren beide hoch und kräftig gewachsen und mit weichen Fellen unbekannter Tiere bekleidet; goldblondes Haar hing beiden über die Schultern herab und ihre Augen waren blau und klar und doch so unergründlich tief wie das weite Meer vor ihnen. Über beiden lag ein unendlicher Zauber von Jugend, von Frühmorgen, von Weltenbeginn. Der Mann beugte sich zum Meere und griff nach einer großen, offenen rosa Doppelmuschel, die von einer Welle leise herangespült wurde. Er reichte sie der Frau. Die nahm sie, hob sie über sich in die Höhe, schlang eine Strähne ihres Haares mehrmals zwischen den beiden rosa schimmernden Muschelhälften hindurch und befestigte sie so auf ihrem Kopfe. Dann wandte sie sich lächelnd zu dem Manne. – – Der aber hatte Ihre Züge angenommen, und das Bild der Frau, das sich in seinen Augen spiegelte – war mein eigenes!
Ich wollte mehr und tiefer schauen – doch die Vision entschwand – das blaue Meer ward grau und trübe – die beiden Gestalten versanken.
Ich befand mich wieder in dem dürftigen Pekinger Hotel-Zimmer; vor mir hing der kleine gesprungene Spiegel; die Amah stand neben mir, als sei nichts vorgefallen.
Aber meine Frage: »Wann? Wo?« war beantwortet.
In Uranfangszeiten haben wir beide zusammen an sonnigem Strande gesessen – vielleicht war ich einstmals das erste Wesen, das sich schmückte – einem anderen zu gefallen.
Die grüne Nephrit-Schale, die Sie mir mit den Magnolienblüten sandten, hat mich nie verlassen. Sie steht auch heute vor mir, und ich starre auf die seltsamen, fremden Schriftzeichen, die in den harten grünen Stein gemeißelt sind und die da bedeuten: was einmal auf dem ewigen Rade der Zeiten gewesen, muß stets von neuem wiederkehren.
Wirres Vergangenheitserinnern, banges Zukunftsahnen durchschauert mich. Im Dunkeln tasten wir umher, bis wir in völliger Nacht versinken – wissen nicht, woher wir kommen, noch wohin wir gehen.
46.
_New York_, den 24. Juni 1900.
Immer dieselben widersprechenden Nachrichten in den Zeitungen. Die Schilderungen entsetzlicher Metzeleien, daneben die Versicherungen chinesischer Gesandten, daß die Fremden in Peking noch am Leben seien, daß ihnen irgend ein chinesischer General beistände. Was soll man glauben? Ach, man glaubt ja bis zuletzt immer, was des Herzens heißester Wunsch ist.
Ich habe angefangen mein Pekinger Tagebuch wieder durchzulesen. Auf jeder Seite steht Ihr Name, lieber Freund, und daneben irgend eine neue Freude, die Sie sich für mich ausgedacht! Damals nahm ich es alles so hin – als könne es nicht anders sein. Jetzt erst beim Lesen ist es mir, als spräche aus den vergilbten Blättern eine ferne Stimme zu mir und erzählte mir leise von Dingen, die ich nur dunkel geahnt. Jetzt versteh ich – jetzt, wo vielleicht ... Aber ich will das Entsetzliche nicht denken – es darf nicht so enden! Ich habe ja auch gar keinen sicheren Anhaltspunkt dafür, daß Sie mit in Peking eingeschlossen sind – nur daß es so ungefähr die Zeit ist, in der Sie von Ihrer Reise zurück sein sollten. Aber wie oft dehnen sich solche Reisen im Innern länger aus, als man zuerst berechnet, und wenn Sie unterwegs von den Unruhen hörten, werden Sie doch sicher nicht den gefahrvollen Weg nach der Küste eingeschlagen haben, sondern werden wohlgeborgen bei einem Ihrer Freunde geblieben sein. Denn Sie hatten deren ja so viele unter den Eingeborenen und sind mir immer als der eine Fremde erschienen, der wirklich Fühlung mit den Chinesen hatte. Sie kannten Palastbeamte, Zensoren, Gildenhäupter, Literaten, während so manche andere Europäer beinah einen gewissen Stolz hineinsetzten, von den Kindern des Landes möglichst wenig zu wissen. Jetzt ist es mir ein Trost, mich daran zu erinnern, daß Sie auch unter den Mongolen, die jeden Herbst nach Peking ziehen, Freunde hatten, und unter den Händlern, die die fernen Provinzen durchstreifen, um für reiche Sammler berühmten alten Vasen nachzuspüren. Von all diesen Leuten erhielten Sie stets Nachricht von Dingen, die anderen verborgen blieben, und Sie haben gewiß die Ursachen und das Entstehen dieser neuesten Begebenheiten, die uns als plötzliche Erscheinungen überraschen, lange im voraus gekannt. Sie sind ja vielleicht der einzige Europäer, der China so gut kennt, daß Sie spurlos in den Volksmassen untertauchen könnten – den Strickland Chinas hatten Kipling-Schwärmer Sie einstmals genannt. Wenn irgend einer, mußten Sie sich retten können.
Wenn ich doch aber nur eine Silbe von Ihnen hörte!
Ach, dies fortwährende Grübeln und Sehnen – dies Wissenwollen und doch Zittern vor dem Wissen.