Briefe, die ihn nicht erreichten

Part 12

Chapter 123,798 wordsPublic domain

Beständig schweifen die Gedanken zurück zu den verflossenen Jahren. Das Pekinger Häuschen, das Sie uns zu mieten und einzurichten halfen, sehe ich immer wieder vor mir. Mit Mauern umfriedet lag es in der Straße hinter den Gesandtschaften nahe am Hatamen, dort, wo die großen Bäume stehen. Des kleinen Hofes mit der riesigen, verwitterten Steinschildkröte, und der Wistaria mit den hell lila Blütendolden gedenke ich und der vielen Abende, die wir unter dem alten Baume sitzend dort verbrachten. Der Wind spielte in den Zweigen und leise fielen die blassen Blüten auf uns herab. Eine verspätete Biene flog summend durch den Hof. Von jenseits der Mauer drangen die seltsamen, abendlichen Rufe der Verkäufer, die durch die Straßen zogen, aus der großen, grauen Stadt zu uns – Töne aus einer Welt, von der wir allmählich einige kleine Äußerlichkeiten zu unterscheiden lernten, deren Geist und innerstes Wesen uns doch ewig fremd und rätselhaft bleiben werden. Und beklemmend wurde in solchen Stunden das Gefühl unendlicher Ferne und Weite. Einer Last gleich legte es sich auf das Herz. Ein traumhaftes Empfinden der Angst, im Raum verloren, durch unabsehbare Entfernung und unendliche Zeiten von allem getrennt zu sein, das früher einmal unsere Welt gewesen.

Was mag aus unserem Häuschen geworden sein? Was aus den Menschen allen, die ich dort gekannt, die inmitten Tausender fremder und feindlicher Wesen so ahnungslos sicher dahinlebten? Es ist, als seien sie alle weggezaubert, versunken in eine Nacht, die unser Blick nicht zu durchdringen vermag. Immer wieder sehe ich sie alle vor mir, wie sie sich am Morgen unserer Abreise in unserem kleinen Hofe versammelt hatten, um uns Lebewohl zu sagen. Öde und ausgeräumt war alles und Ta dirigierte die Kulis, die sich die letzten Koffer und Kisten aufluden. Man saß auf den Treppenstufen und auf dem Rücken der alten Steinschildkröte herum, und alle Sprachen schwirrten durcheinander. Abschied wurde genommen und Rendez-vous in der Pariser Ausstellung verabredet: Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen! tönt es mir immer wieder in den Ohren. Wie oft und ahnungslos haben wir doch alle an jenem Morgen das Wörtchen wiederholt! Und dazu knatterten die Feuerwerke, mit denen die Chinesen alle Abreisen begleiten, um die bösen Geister zu verscheuchen. Aber die füllten wohl schon damals das ganze Land, unsichtbar lauernd harrten sie ihrer Stunde und keiner von jenen, die da standen, fühlte ihre Gegenwart. Denn das Schicksal schlägt mit Blindheit, die es zu verderben gewillt ist.

Und Sie, der Sie vielleicht der Einzige waren, der ahnend vorausschaute, wo sind Sie, lieber Freund? – das ist die quälendste, unerträglichste Frage. In immer neuen Gefahren glaube ich Sie zu sehen.

Wann werden wir wissen? oder ... werden wir nie wissen?...

47.

_New York_, den 25. Juni 1900.

Mein Tagebuch ist mein einer großer Trost. Ich vertiefe mich ganz in seine Lektüre. In ihm erlebe ich Vergangenes immer von neuem und vergesse zeitweise die qualvolle Gegenwart. Ich kann verstehen, was ganz alte Leute meinen, wenn sie von der großen Freude sprechen, die es gewährt, einen Menschen zu treffen, der uns kannte, als wir jung waren. Mein Tagebuch ist mir wie jemand, der mich schon lange kennt, in dem ich mich wiederfinde, und vor allem ist es mir jemand, der Sie gekannt hat. Wie lang verweil ich doch bei den Seiten, in denen ich etwas von Ihnen wiederfinde!

Heute las ich von einem Morgen, an dem Sie mich abholten, um mir in chinesischen Läden bei Besorgungen für das Häuschen zu helfen. Nur wenige Worte enthält mein Tagebuch darüber, aber die rufen mir alles wieder lebhaft vor Augen.

Ob Sie sich wohl auch noch daran erinnern?

Es war Winter. Wir gingen durch das finstre Tor der Tatarenstadt und dann über die Bettlerbrücke, uns mühsam einen Weg bahnend zwischen langen Zügen mongolischer Kamele, zahllosen wirr durcheinanderfahrenden blauen Karren und einem Gewühl seltsam fremdartiger Menschen: Mongolen, in breitabstehenden Pelzmützen und dicken ockergelben und kupfrig roten Röcken; Chinesen, fröstelnd trotz ihrer vielen wattierten Gewänder, die Hände unter den lang überhängenden Ärmeln verborgen, auf dem Kopf einen spitz in die Höhe stehenden roten Baschlick, der fest um den Hals zugebunden war. Andere trugen über den Ohren kleine Pelzfutterale; man konnte sie oft mehrmals anrufen, sie hörten gar nichts und wurden beständig von Karren und Reitern angerannt.

Das waren die Wohlhabenden, die sich gegen die Kälte zu schützen vermochten, aber auf der Bettlerbrücke, zwischen den kleinen offenen Buden und Garküchen, drängte sich eine Menge grausiger Gestalten; halb nackt waren manche und die abgemagerten Körper zitterten vor Kälte; wir sahen eingefallene Gesichter, blaue Lippen, violette, halb erfrorene Glieder, Wunden und Gebrechen aller Art, Haare struppig verfilzt, Augen, die wie im Wahnsinn starrten. Kaum menschliche Wesen waren sie zu nennen in ihrem Schmutz und ihrer namenlosen Verkommenheit. Und viele waren noch sehr jung, noch Kinder, und mußten doch auch mal eine Mutter gehabt haben! Und der Jammer dieser vielen, besser nie gelebten Leben erschien deshalb so entsetzlich, weil seine völlige Hoffnungslosigkeit so klar vor Augen lag.

Umringt von den Bettlern blieben wir an einer der kleinen Garküchen stehen, wo in alten, hundertfach gesprungenen und mit Draht kunstvoll geflickten Porzellannäpfen, namenlose, seltsam duftende Speisen feil geboten wurden. Heißhungrig schauten die Bettler nach der großen Pfanne über dem offenen Feuer, auf der Fleischabfälle, zu Bällen geformt, in siedendem Fett gebraten wurden. Bläulich stieg der heiße Dunst auf in der kalten Winterluft und gierig sogen die Armen den Geruch brozelnden Fettes ein und drängten sich möglichst nahe an das Feuer. In ihres Daseins Hölle war eine warme Mahlzeit am Feuer einer Garküche wohl das Höchste, was die Erde zu bieten vermag – und Sie ließen allen zu essen geben und blieben dabei, damit auch jeder wirklich sein Teil bekam; denn die Bettler Pekings waren Ihre besonderen Schutzbefohlenen. Wie oft habe ich Sie von dieser merkwürdigen Schar umringt gesehen, die wir Ihre Garde nannten!

Ich fragte Sie nach einigen der seltsamsten Gestalten, Sie kannten sie alle und sagten: »Auch unter diesen rechtlosesten aller Menschen bestehen noch Rechtsstreitigkeiten: Jeder darf nur in bestimmten Straßen betteln; alle zusammen bilden sie eine Gilde, an deren Spitze ein kaiserlicher Prinz steht, dem sie einen jährlichen Tribut entrichten müssen – denn nichts auf Erden wird mehr ausgebeutet, als das Elend, das sich nicht zu wehren vermag.«

Von der Bettlerbrücke bogen wir rechts in kleine Straßen ein. Ich weiß nicht, ob der Anblick all des Jammers um uns her uns darauf gebracht hatte, aber ich entsinne mich, daß wir auf dem Weg von dem geringen Maß an Glück sprachen, das auf Erden zu finden ist, und daß ich sagte: »und diesem bißchen Glück vermögen wir auch nicht mal voll ins Gesicht zu schauen, immer erscheint es uns im Profil, zurück in die Vergangenheit, oder hinaus in die Zukunft schauend.«

»War es denn wirklich gar nicht möglich, dem Glück in der Gegenwart kühn und entschlossen, voll ins Antlitz zu schauen?« sagten Sie leise vor sich hin, und der Klang Ihrer Stimme erschien mir plötzlich beinah fremd, bebend, als benähme Ihnen die eisige Luft den Atem.

Ihre leisen Worte enthielten eine Frage.

Aber ich vermochte nicht zu antworten – fürchtete das Zittern der eigenen Stimme. Fühlte Ihre Augen auf mir ruhen und wagte nicht aufzuschauen.

Ich schüttelte nur schweigend den Kopf.

Der Wind pfiff eisig um die Ecken. Der Boden war hart gefroren. Der Winterhimmel hing schneeschwer herab. Es war, als laste uraltes Unheil auf der ganzen Welt. Fröstelnd empfand ich plötzlich die große Kälte. Eilend, wie vor Gespenstern fliehend, schritten wir weiter.

Wir sprachen beide nicht mehr.

48.

_New York_, den 26. Juni 1900.

Vor einigen Tagen lasen wir, daß der Provikar Hofer, dessen Warnungen niemand in Europa glauben wollte, und der nach China zurückgekehrt ist, sich in Schanghai befindet. Ich telegraphierte ihm, ob er wisse, wo Sie sind, denn ich konnte die Ungewißheit nicht mehr länger ertragen. Und soeben kommt die Antwort: »Muß nach letzten Nachrichten unmittelbar vor Beginn Belagerung Peking eingetroffen sein.«

Also nicht mal mehr die eine schwache Hoffnung, daß Sie vielleicht irgendwo im Innern Chinas sicher und verborgen seien! Daran hatte ich mich während der letzten Tage geklammert. Je schlimmer die Nachrichten über Peking lauteten, desto sicherer und bestimmter nahm ich an, daß Sie nicht dort seien, suchte mir zu beweisen, daß Sie gar nicht dort sein könnten, wollte es nicht zugeben.

Und nun sind Sie doch dort! – All die entsetzlichen Nachrichten, die wir seit Tagen mit Grauen gelesen, sie sind zu lebenden Wirklichkeiten, zu Bildern geworden, die mich unablässig verfolgen, seit ich weiß, daß Sie mit eingeschlossen sind in der Stadt des Leidens.

Jeder einzelne, der dort hinter den finsteren Mauern der Erlösung harrt, muß ja den fremdesten Menschen Mitleid einflößen – aber was ist das neben der Angst und Verzweiflung, die mir das Herz zerreißen um Sie – um Sie, liebster Freund!

Und jetzt gar nichts tun zu können, wo man so gern das eigene Leben gäbe, wo es schon Glück wäre, auch nur mit leiden zu dürfen!

Und inmitten all der Marter plötzlich vor dem eigenen Herzen wie vor einer Offenbarung stehen und sich staunend fragen: Kann das denn sein? Bin ich es denn wirklich?

49.

_New York_, den 27. Juni 1900.

Seit wann weiß ich eigentlich, was Sie meinem armen, in frühem Morgensturm entwurzelten Leben geworden sind? Hab ich es dort in Peking schon geahnt? Hab ich es jetzt erst allmählich entdeckt? Ich weiß es nicht mehr. Mir ist, als hätte es nie anders sein können. – Wir haben es uns nie so ganz gesagt – aber wir beide wußten es doch wohl immer. So vieles lag zwischen uns, hemmend und trennend. – Wozu da reden? Und sind wir nordische Menschen nicht alle etwas Stumme des Himmels? Es ist, als hindere uns eine gewisse Scheu, unsere tiefsten Gefühle auszusprechen. Mit der Feder sind wir viel beredter, da fühlen wir uns allein und frei, als könne niemand hören, was wir lautlos dem Papier anvertrauen.

Äußeren Schicksalszwanges hat es bedurft, um klar zu sehen, der Angst, die die Schleier zerriß.

Wenn ich an meine jungen Jahre denke, die des Lebens schönste sein sollten, so habe ich immer nur die eine Erinnerung an eine Last, die über meine Kräfte ging, die ich weiter trug, weil ich mir nicht zu helfen wußte, weil ich im Ertragen nicht schwach war, aber wohl viel zu schwach und öffentlichkeitsscheu, um selbst mein Schicksal in die Hände zu nehmen und es nach eigenem Willen umzuwandeln. Ich trug es wie es nun einmal war.

Ich habe einige Frauen vom Übermenschtypus gesehen, die dasjenige einfach abschüttelten, was sie in der freien Entfaltung ihres Ichs hinderte; die schicksalsstark waren und selbstgestaltend in ihr Leben eingegriffen; denen die eigene Person das Idol war, vor dem sich alles beugen mußte. Ich habe auch Frauen gekannt, die zwei getrennte Leben führten, ein Leben vor aller Augen offen, kalt, grau, von unendlicher Langeweile; und daneben ein anderes, verstecktes, voll süßer Geheimnisse, voll erstohlenen Glücks, das die Leere und Öde des ersteren ersetzen mußte.

Beide Arten von Frauen habe ich angestaunt, vielleicht auch etwas beneidet, aber ich hätte keine je nachahmen können – es wäre allzusehr meiner innersten Natur zuwider gewesen.

Ich habe gewartet. Gleich vielen Frauen, die ihr Leben lang nichts tun als warten.

Die Wandlungen in meinem Leben sind immer von außen gekommen.

Nach Jahren, in denen die goldene Jugend schwand, ward mir die allzu schwere Last, ohne mein Dazutun, wenigstens teilweise abgenommen. Aber sie hatte mir ihren Stempel gelassen. Das Gebücktsein war mir geblieben, wie den Bäumen, die sich jahrelang vor dem Nordsturm beugen mußten. Alle Schwungkraft hatte ich verloren. Hoffnungslos schaute ich um mich. Was konnte das Leben noch enthalten?

Wanderjahre folgten und brachten etwas äußere Zerstreuung. In mir war es ganz still geworden. Ich hielt es für Todesstille, die ja für so viele lange vor dem Tode kommt.

So kam ich nach Peking.

Damals wähnte ich, des Lebens Kampf sei überwunden, und wunschlos lebte ich hin in wachem Traume. Wie blasse Nebelbilder glitten die Tage an mir vorüber. Müde, müde war ich, gleich allen, die nur noch des Endes harren.

Da kamen Sie.

Wie soll ich das schildern, was unbewußt, ungesucht geworden, woran ich nie rührte, was ich nicht sehen wollte. Die wir viel gelitten, wir scheuen uns davor, die dunkelsten, verborgensten Tiefen des eigenen Herzens zu durchleuchten, wir gehen rasch an diesen Schlupfwinkeln alter und neuer Leiden vorbei, wie Kinder schnell durch ein finsteres Zimmer laufen. Das Leben hat uns Angst vor dem Unbekannten gelehrt, wir wissen, daß es meist neues Weh bedeutet, drum rühren wir nicht daran, schreiten vorsichtig und reden leise. Mutlos war ich geworden. Wollte nicht sehen, daß wir nach allem Erlebten, doch immer noch Träger vieler Möglichkeiten sind, die verborgen in uns ruhen, harrend nur einer gewaltigen Kraft, die sie unter Schmerzen ins Leben rufe.

Ich wähnte, mein Tag ginge schon zur Neige, und es ward noch einmal Licht. Ist es eine gütige, wärmende Sonne, die den Abend reicher und goldener bescheinen wird als es der ganze müde Tag je gewesen? Ist es ein grell sengender Blitz, der aus dunklem Gewölk niederfährt und das verwüstete Land noch einmal fahl bescheint? Ich weiß es nicht. Weiß nicht, welch Himmelszeichen über uns steht. Kann nicht der Zukunft Schleier durchdringen. Aber die gewaltige Kraft, die Verborgenes, Schlummerndes ins Leben ruft, sie ist gekommen in Sorgen und Bangen; sie drückt mir die Feder in die Hand zu Worten, die ewig ungeschrieben geblieben wären, ohne diese Angst um Sie!

Äußeren Schicksalszwanges hat es bedurft, der Not dieser Tage, die mich in mir sehen lehrten. Heute weiß ich, was Sie mir geworden.

50.

_New York_, den 29. Juni 1900.

Die Seymoursche Kolonne ist nach Tientsin zurückgekehrt – und sie ist nie nach Peking gekommen! Alles Hoffen, daß sie doch dahin gelangt sei, war vergeblich.

Nichts, nichts über Peking ist bekannt – und ich weiß nur, daß Sie dort sind.

Es heißt, chinesische Vizekönige im Süden hätten Telegramme erhalten, daß die Gesandtschaften sich am 25. Juni noch hielten. Und die ganze Welt läßt sich das bieten, daß den chinesischen Beamten in Schanghai andauernd Nachrichten zugehen über das, was in Peking geschieht, daß die Fremden aber kein Telegramm von dort erhalten können!

Warum bemächtigt man sich denn nicht des Telegraphen-Taotais Sheng in Schanghai und sagt ihm: Binnen vier Tagen erhalten sämtliche Regierungen Chiffre-Telegramme ihrer Gesandten, oder du wirst geköpft! Das würde wirken.

Aber gegen große Mandarine ist man ja noch nie scharf aufgetreten!

51.

_New York_, den 3. Juli 1900.

Heute sagt ein Telegramm, in Tientsin sei ein Bote Sir Robert Harts aus Peking eingetroffen, der einen vom 25. Juni datierten Zettel gebracht habe, die Lage sei verzweifelt, die Fremden in der englischen Gesandtschaft vereinigt, wo sie beschossen würden.

O Gott und zu wissen, daß Sie dort sind!

Ob es noch andere Menschen gibt, die dieselbe Verzweiflung empfinden können wie ich? Und die Empörung, wenn man dann in derselben Zeitung, wo dieser Notschrei steht, spitzfindige Erörterungen darüber liest, ob eigentlich ein Krieg mit China bestände oder nicht, sowie Äußerungen des langjährigen Bewohners und Kenners Pekings, Herrn von Soundso, der erkläre: Prinz Tuan könne unmöglich so gehandelt haben, wie erzählt werde, er sei zwar rauh, aber ehrlich und gutmütig.

Ich glaube wahrhaftig, es gibt noch Leute, die sich was darauf einbilden, so einen chinesischen Prinzen gekannt zu haben.

Oh über den unvertilgbaren Snobismus der Welt!

52.

_New York_, den 6. Juli 1900.

Diese entsetzlichen Nachrichten in den Zeitungen – ein Martyrium, sie lesen zu müssen. Die schauerlichsten Einzelheiten, die auf dunklen Wegen über die letzten Kämpfe in Peking bekannt geworden, werden herausgegriffen und dann in riesigen Lettern fett gedruckt als Überschriften, die Leiden all der Unglücklichen zur geschäftlichen Spekulation ausgenutzt, die auf das Sensationsbedürfnis der Menge rechnet. Und nicht nur die Gleichgültigen lesen das, nein auch die, denen es an die innersten Wurzeln alles Lebens und Empfindens greift. Sie sehen all die furchtbaren Bilder vor den inneren Augen, Tag und Nacht! Wird nichts sie je mehr verwischen?

Und sie müssen auch lesen, daß man die Gesandtschaften als verloren aufgegeben und sich damit abgefunden hat. Es sei überflüssig, heißt es, nochmals Leben zu riskieren, um ihnen zu Hilfe zu eilen, da doch alles längst vorbei sein müsse. Man spricht sogar davon, Tientsin zu räumen. Im Herbst, wenn Hitze und Regenzeiten vorüber, solle dann ein schöner, großer Strafzug ausgeführt werden.

Was liegt uns an Strafe, die wir um unsere Liebsten bangen! wir wollen Rettung!

53.

_New York_, den 12. Juli 1900.

Heute besuchten mich ganz fremde Leute, ein alter Mann und eine alte Frau. Sie sagten, sie hätten einen Sohn in Peking gehabt – und das genügte mir; die fremden Leute standen mir mit einemmal ganz nah. Aber sie sagten, sie hätten ihn gehabt, nicht, daß sie ihn hätten. Sie sind ganz überzeugt davon, daß dort hinter den hohen Mauern alles zu Ende ist, daß keiner mehr lebt. Beide hatten etwas Resigniertes, wie alte Leute, denen ihre Liebsten einer nach dem andern weggestorben sind, bis Unglück schließlich als das allein Selbstverständliche erscheint. Die alte Frau hatte etwas frischen Krepp auf ein schäbiges schwarzes Kleid gesetzt, das aussah, als sei es in einer Reihe von Trauern aufgetragen worden. Sie hatten irgendwie erfahren, daß wir in Peking gewesen, und hatten nur die Sehnsucht, einmal über alles dortige reden zu hören und zu fragen, ob wir den Sohn vielleicht gekannt hätten. Sie erwarteten keine Ermutigung, sie waren ganz hoffnungslos. Und das war mir das Entsetzlichste, zu sehen, daß andere, die auch ihr Liebstes dort haben, es als ganz rettungslos verloren bereits aufgegeben haben. Das eigene weiter hoffen wollen erschien mir mit einemmal beinah kindisch und töricht. Alles, womit ich mir täglich ein wenig neuen Mut einzureden suche, ist so kläglich schwach, hat eigentlich kaum eine einzige vernünftige Begründung – auch heute steht es wieder mit voller Sicherheit in den Zeitungen, daß kein einziger Fremder mehr in Peking am Leben ist. Die beiden alten Leute haben sich still dahineingefunden und werden nun so weiter leben und noch mehr Trauern tragen.

Aber ich kann nicht – o Gott, nein, ich kann nicht!

Und wenn sie alle auch sagen, daß alles hoffnungslos vorbei ist und wenn auch die Glocken zu Trauergottesdiensten läuten – ich kann's nicht glauben – will's nicht glauben. Und ich schreibe Ihnen weiter, liebster Freund, schreibe Ihnen, weil ich nicht anders kann, weil mir ist, als bildeten diese Zeilen die letzte Brücke zwischen uns. Hörte ich auf, Ihnen zu schreiben, so wäre es mir, als bestätigte ich damit das entsetzliche Unheil, als hätte ich es geschehen lassen – so aber glaube ich, Sie zu halten, Sie zum Bleiben zu zwingen, weil ich Ihnen noch so viel, so sehr viel zu sagen habe. All unsere zusammen verlebten Jahre, von denen ich jetzt erst ganz fühle, wie sehr wir sie zusammen verlebt haben, sie ziehen in Bildern an mir vorbei; und ich möchte sie Ihnen schildern, und jeder Satz begänne dann: »Erinnern Sie sich? wissen Sie noch?« Ich weiß es ja, daß Sie noch wissen, daß Sie sich erinnern – denn jene Jahre sind Ihnen das, was sie mir sind – das worauf man von Anfang an gewartet, was man nie vergißt, was in letzter Stunde noch vor den Augen stehen wird, als einziges, was zu leben wertgewesen.

54.

_Bay View_, den 16. Juli 1900.

Während der letzten Zeit bin ich viel krank gewesen. Es ist, als ob meine Kräfte ganz allmählich schwänden. Jeden Morgen fühle ich, daß mein kleiner Vorrat an Widerstandskraft wiederum ein bißchen abgenommen hat. Die Hitze und Schwüle der Stadt seien schuld daran, meinte der Arzt, Seeluft würde mir gut tun. Ich weiß es anders. Die fortwährende namenlose Angst nagt an mir Tag und Nacht; und nur das, was wie ein Wunder wäre, kann mir noch helfen.

Aber mein Bruder wünschte so sehr, etwas für mich zu tun, für die doch nichts mehr zu tun ist. Da hab ich mich gefügt, und wir sind in dies nahe Seebad gezogen.

Ich bin so müde, so hoffnungslos. Warum noch irgend etwas? Warum irgend etwas nicht? Was kann noch Wert haben, wenn das Eine, Entsetzliche geschehen durfte? Es ist jetzt ja doch alles einerlei.

Das Eine aber, was ich nicht ertragen kann, ist, wenn fremde, wohlmeinende Menschen mir sagen: »Wie müssen Sie froh sein, daß Sie nicht in Peking sind!« Oder: »Es ist doch eine wahre Fügung Gottes, daß Sie wenige Monate vorher abgereist sind.«

O nein, ich bin nicht froh, fort zu sein! Wachend und träumend habe ich ja nur den einen Wunsch, in Peking zu sein, seitdem ich weiß, daß Sie dort sind. Dann wären wir doch zusammen – und was läge mir dann daran, alle Leiden erdulden zu müssen? Sie wären ja alle leichter zu ertragen als getrennt sein und nichts von einander wissen. Und wenn es zum Schlimmsten käme und keine Rettung möglich wäre? Lebendig sollten uns die Wilden nicht bekommen; und in meinem letzten Blick würden Sie noch Glück und Dank lesen, Dank für Leben wie für Tod, für alles, was Sie mir gegeben.

Und warum soll es eine Fügung Gottes sein, daß ich gerettet bin, während vielleicht viele Frauen und kleine Kinder auf entsetzliche Weise umgekommen sind? Die waren doch so unschuldig wie ich an all der Verblendung, die allein das Furchtbare möglich gemacht hat. Welch ein Gott, der solcher Auswahl fähig wäre! Wir würden uns ja von jedem Menschen mit Abscheu wenden, der, in solch göttlicher Allmachtsstellung, nicht jeden Unschuldigen retten wollte. Der Gott so vieler Menschen erreicht in den Handlungen und Erwägungen, die sie ihm andichten, aber nicht einmal ein bescheidenes, menschliches Mittelmaß – es ist eben nicht Gott, der die Menschen sich zum Bilde geschaffen, sondern die Menschen haben sich einen Gott konstruiert, nach dem Entsetzlichsten, was sie in der eigenen Natur fanden.

Ein Gott! der Tausende für die Fehler einzelner leiden läßt!

Was muß in Peking während dieser letzten Wochen von Unschuldigen schon erduldet worden sein, und was wird noch alles folgen? Von allen Ländern aus fahren jetzt Schiffe nach dem fernen Osten; sie sind voller Menschen, die bis vor wenigen Tagen von China vielleicht nur wußten, daß dort die Männer Zöpfe tragen und die Frauen auf winzigen Füßen einhertrippeln. Diese Kosaken und Franzosen, Engländer und Italiener, Söhne deutscher Gauen, Amerikaner, Japaner, sogar Inder – wozu ziehen sie aus? An einem entlegenen Erdenwinkel werden sie unbekannte gelbe Männer treffen, die ihrerseits von ihnen nie vorher gehört haben. Tausende von Meilen trennten sie bisher von einander, und sie konnten weder Freund noch Feind sein, denn sie wußten nicht einmal von der gegenseitigen Existenz. Trotzdem wird jetzt einer den andern umbringen, und man wird das schön und patriotisch nennen.

Wie sinnlos scheint es doch alles!

Viele ziehen jetzt aus jung und gesund und werden nie wiederkehren, durch Krankheiten mehr noch als durch Kugeln hingerafft. Andere werden wohl zurückkommen, aber wie? Und alles, um die Fehler anderer zu sühnen!

Und wenn man nun an die Chinesen denkt, an diese armen Unbekannten. Wie viel noch namenloseres Elend wird dort entstehen? Aber auch da wird es nicht die eigentlich Schuldigen treffen, sondern auch wieder die, so sich nicht wehren können, jene Klasse Menschen, deren jahrtausendelanges Leiden in allen Ländern und bei allen Völkern gleichsam eine unterste Erdschicht bildet, auf der sich alles andere aufbaut, alles, worin wir es so herrlich weit gebracht.