Briefe, die ihn nicht erreichten

Part 13

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Die jetzt also ausfahren, schließen sich der größten aller Flotten an, die in endlosen Schiffreihen hinaus segelt in verschleierte Fernen, zu unbekannten Häfen; jener Flotte, die bestanden hat, so lange es Menschengeschichte gegeben, deren Anfang in die nebligen Fernen urältester Vergangenheit reicht, die seit den Tagen der Ägypter, Perser und Griechen von Jahr zu Jahr gewachsen ist, die nimmer enden wird. Sie ist bemannt mit grauen Leidensgestalten, mit den Zahllosen, den Namenlosen, die von jeher die Schuld der Wenigen getragen.

Und alles ist Fügung Gottes.

55.

_Bay View_, 19. Juli 1900.

Wenn mein Bruder nachmittags aus New York zurückkehrt, gehe ich ihm immer entgegen, jedesmal von neuem hoffend, daß er endlich Kunde des Wunders bringen wird. Aber jedesmal schüttelt er schon von weitem den Kopf – keine Nachricht, noch immer keine. Dann fragt er mich, womit ich den Tag verbracht, und wenn ich ihm die stets gleiche Antwort gebe, daß ich Ihnen, liebster Freund, geschrieben habe, sagt er kein Wort, aber ich lese ihm den Gedanken von der Stirn »Wozu noch?« Er spricht ihn jedoch nie aus und läßt mich ruhig gewähren – wie eine hoffnungslos Kranke, die uns jammert und der man so gern ein paar Stunden des Wahnes gönnt. Muß ich nicht jeden jammern? ich und die Vielen, die sich seit Wochen grämen wie ich? Wie ich? Mir ist, als könnte sich kein zweiter Mensch so in Angst verzehren, als sei dies Leid nur einmal möglich in der weiten leidvollen Welt.

56.

_Bay View_, 20. Juli 1900.

Was wird in solchen Zeiten nicht alles wieder in mir wach! Alter Aberglaube ersteht wieder, den ich auf immer für abgetan hielt – selbst in das Handeln mit dem lieben Gott verfalle ich zurück. Wie lang, wie lang ist es doch her, daß ich den alten Kaufherrn mit dem langen Silberbart um etwas angegangen bin, aber heute hab ich ihn stürmisch gebeten: »Laß ihn nur leben, laß ihn nur gerettet sein, und ich will dafür auf alles verzichten, will ihn nie wiedersehen, nie mehr seine Stimme hören, nie mehr seine Hand halten – aber laß ihn leben, laß ihn gerettet sein.«

Ich weiß nicht, ob er mich erhört hat; und doch müßte er es eigentlich, denn es ist ein Handel so recht nach alttestamentlichem Sinn – ich biet ihm mein Leben, mein Glück, mein Alles an, um einen andern zu retten – solche Verträge soll er von altersher geliebt haben!

57.

_Bay View_, 21. Juli 1900.

Gestern noch eine entsetzliche Beschreibung des Endes aller Fremden in Peking und heute bringt Wu-ting-fang dem Washingtoner Auswärtigen Amt ein Chiffre-Telegramm des amerikanischen Gesandten in Peking!

Es ist in allen Zeitungen abgedruckt: »In britischer Gesandtschaft unter fortwährendem Feuer chinesischer Truppen, rascher Entsatz allein kann allgemeines Massacre verhindern.«

Seit Tagen versprach Wu, eine direkte Verbindung mit Mr. Conger herzustellen. Aber niemand glaubte ihm. In seiner Vielrederei, Vielgeschäftigkeit und Wichtigtuerei glich er zu sehr der mouche du coche der Fabel; aber alles soll ihm verziehen sein, was er in seinem Babuenglisch sonst etwa zusammenphantasiert hat, wenn nur dies eine wahr ist, denn es ist doch der erste Hoffnungsschimmer, der uns wiedergegeben ist. Schwach ist er freilich – aber wir können doch wieder hoffen. Die armen, tapferen Menschen halten sich noch immer und sie werden gerettet werden – sie müssen gerettet werden.

Aber nun nur Eile, aus Barmherzigkeit Eile, daß uns nicht noch in letzter Stunde unser Liebstes entrissen werde! Denkt der Ärmsten, die dort hinter den hohen grauen Mauern harren und horchen, ob sie den dröhnenden Schritt der heranrückenden Befreier vernehmen – denkt auch der Ärmsten, welche in allen Ländern mit sehnsüchtigem Herzen harren und horchen auf den ersten Ton lieber Stimmen, die von jenseits der hohen grauen Mauern nach langem Schweigen wieder erklingen und von all den Leiden der letzten Wochen reden werden.

Oh! Eilt euch! eilt euch!

58.

_Bay View_, 28. Juli 1900.

Es ist beinahe, als ob die Welt es nicht wahr haben wolle!

In Europa glaubt man jetzt ebenso hartnäckig an das Pekinger Massacre, wie früher an die Bedeutungslosigkeit der Boxer-Bewegung. Nur mit Sensen sollten die Aufständischen bewaffnet sein, ein starker Regen, hieß es, würde sie auseinandertreiben. Jetzt kann man sie nicht furchtbar genug schildern. Vor wenigen Wochen wurden Wachen von 30 Mann für jede Gesandtschaft als überreichlich erachtet – heute sollen 60000 Mann nötig sein, um von Tientsin nach Peking zu marschieren. Die sich mehrenden Nachrichten chinesischer Vizekönige, daß die Fremden noch am Leben seien, werden alle als Täuschungsversuche hingestellt, hinter denen sich schauerliche Pläne verbergen.

Ach, das Schauerliche wird sein, wenn man durch dies lange Reden und Zaudern wirklich zu spät kommen sollte!

59.

_Bay View_, 6. August 1900.

Endlich scheint doch das Zaudern vorbei! Die Truppen sind von Tientsin aufgebrochen!

Stündlich verfolge ich nun mit den Gedanken ihren Zug, sehe in der Erinnerung beständig das Land zwischen Tientsin und Peking, wie ich es gerade jetzt vor vier Jahren zuerst erblickte, sehe die wehenden grünen Hirsefelder wieder und den braunen Peiho, auf dem die schwerfälligen Boote, mit großen Segeln besetzt, träge stromaufwärts glitten, den endlosen Windungen des Flusses folgend. Damals gab es noch keine Eisenbahn – heute existiert sie nicht mehr! In Hausbooten reisten wir den Peiho hinauf. Vier Tage dauerte die heiße Fahrt. Und all die Namen, die heute die Zeitungen füllen, Ho-hsi-wu, Pei-tsang, Yang-tsun, vernahmen wir damals zum erstenmal, sahen diese grauen Hüttenflecken, die jetzt geschichtliche Orte geworden, an denen Schlachten geschlagen werden.

60.

_Bay View_, 10. August 1900.

Manchmal ist mir, als hörte ich ganz deutlich Ihre Stimme. – Dann geht ein Zittern durch mich, der Atem stockt, die Herzschläge fliegen, und ich schließe die Augen und lausche in namenlosem Glück.

Bald, bald muß es ja sein. Zuerst werde ich gar nicht auf die Worte achten können und nur immer den lieben Klang trinken. Wie lang ist es doch schon her! Wissen Sie es noch? Haben Sie sich auch so unsagbar, so unaussprechlich gesehnt? So wie ich gesehnt?

Aber in wenigen Tagen muß ja die furchtbare Angst und Trennungszeit vorüber sein. Bald, bald müssen die Befreier vor Peking stehen.

Nicht wahr, liebster Freund, dann kommen Sie auch gleich, gleich! auf dem schnellsten Schiff, auf dem kürzesten Weg – ich kann es ja nicht länger ertragen.

Was liegt Ihnen noch an alten chinesischen Handschriften? Mögen die doch alle untergehen! Ich gebe Ihnen dafür mein ganzes Herz, darin zu lesen, und was in ihm steht, ist auch schon alt, ist nicht schwer zu enträtseln und dünkt mich eine so jugendschöne Entdeckung.

Was kümmert Sie noch China? Mag doch der Norden mit Wutki und der Süden mit Ale verzehrt werden, mögen sich die jüngeren Hungernden auch noch jeder seinen kleinen Imbiß zusammenstehlen, aus den Krümeln, die von den Mahlzeiten der älteren, erfahrenen Weltenräuber abfallen – oder mag es zu gar keinem Muspili kommen, sondern alles hübsch im Sande verlaufen, wie man es hier möchte, wo der Wunsch to be well out of it schon laut wird – mag man in ein paar Monaten schon wieder von den unerschütterlichen alten Freundschaftstraditionen reden und der alten Kaiserin die Hand schütteln – was kümmert es uns?

Kommen Sie nur bald, bald von dort zu mir. Dann mag es meinethalben China für die Chinesen heißen – wenn nur China mir Sie zurückgibt, wenn nur wir beide für einander sein können!

61.

_Bay View_, 12. August 1900.

Alte Briefe der Belagerten treffen jetzt allmählich in Tientsin ein und werden in den Zeitungstelegrammen veröffentlicht. Sie sind von Boten gebracht worden, chinesischen Christen, denen es gelang, durch die Schleusen, oder selbst als Boxer verkleidet, im Gedränge heimlich aus Peking zu entweichen. Wahre Notschreie sind es, bei denen das Herz sich zusammenkrampft! Und immer dieselbe Bitte »rasche Hilfe, sonst kann sie nichts mehr nützen.«

In manchen der kleinen Zettel ist angegeben, für wie viel Tage der Proviant noch reichen könne, und man rechnet rasch nach – und oft ist die Frist schon überschritten.

_Eine_ Zahl enthalten die Briefe auch immer – die der Toten.

Und wie sie mit jedem neueren Briefe wächst, diese Zahl derjenigen, für die alle Hilfe zu spät kommen wird!

Und die Angst – wer ist schon mitgezählt worden? Wen wird das Los noch treffen?

Frühestens am 14. sagt man hier, können die Entsatztruppen in Peking sein. Die ganze Welt ist erstaunt über ihr rasches Vordringen – und meiner Ungeduld dünkt es noch immer so langsam! Flügel möchte ich ihnen geben!

Eine so namenlose Angst erfüllt mich gerade vor diesen letzten Tagen und Stunden.

62.

_Bay View_, 13. August 1900.

Heute Nacht, liebster Freund, wachte ich auf und bildete mir ein, wieder in Peking zu sein. Ich muß im Schlaf ein Geräusch gehört haben, das sich in meinen Träumen zu dem Aufeinanderschlagen zweier Bambusstäbchen verwandelte, womit die chinesischen Nachtwächter ihre nächtlichen Runden begleiten. Wie oft habe ich diesem leisen, dann lauter werdenden, dann wieder verhallenden tak, tak, tak, gelauscht. In heißen Mitsommernächten, wenn die Moskitos gegen die Netze schwirrten und die ganze Erde die Hitze auszuströmen schien, die sie tags über eingesogen hatte, da hörte ich, wie eine dumpfe monotone Begleitung all meiner nächtlich wirren Gedanken diesen gleichmäßigen Klang. Und in kalten Winternächten in Peking, wenn der Schnee die große, graue Stadt, die hohen Mauern und die weite Ebene draußen bedeckte, und die ganze lebende Welt in tiefer Stille untergegangen schien – da tönte es in der großen Ruhe wie letztes, alles überdauerndes Leitmotiv: tak, tak, tak – Freud, Leid, Tod – Freud, Leid, Tod!

Besonders erinnere ich mich einiger Frühlingsnächte, da ich in Peking schwer krank lag und des Lebens Funken wie ein schwaches Irrlicht unstet zwischen mir und dem großen grauen Nichts da draußen hin und her sprang, nicht wissend, ob es gehen oder bleiben solle. Die Fenster standen weit offen; aus dem Hof drang der Duft des weißen Flieders herein; von meinem Bette aus sah ich in den sternbesäeten Himmel. Ein großes Gefühl unendlicher Schwäche überkam mich und doch seliger Befreiung – es war mir als schwebe ich gerade hinein in das tiefe Nachtblau, wo die Sterne winkten – und dazu klang es von der fern unter mir verschwindenden Erde wie leise Schicksalsworte: Freud, Leid, Tod – Freud, Leid, Tod!

Heute Nacht hier in anderem fremden Lande habe ich im Traum wieder den altgewohnten Ton vernommen. Er zittert mir im Herzen weiter, aber ich höre nur immerwährend das eine Wort: tot, tot, tot! Und eine namenlose, unbeschreibliche Angst hat mich erfaßt, ein brennender Wunsch dorthin zu eilen, eine wahre Verzweiflung, hier still sitzen zu müssen. Ich möchte helfen und retten, und dann klingt es immer wieder: tot, tot, tot!

Es ist wie eine quälende, verzehrende Sehnsucht, Sehnsucht nach Ihnen, liebster Freund, Sehnen, Sorgen um Sie. Mir ist, als müßte ich Ihnen grad heute noch tausend und abertausend Liebes sagen, Sie schützen und nicht von mir lassen. Warum nur heute gerade dies Bangen und Zittern, dies Grauen, das mir keine Sekunde Ruhe läßt, das mich vom Haus an den Strand, vom Strand wieder ins Haus treibt, das nicht weichen will, wie sonst nächtliche Spukgestalten, die aus den Träumen ins Wachen übergehen, sondern ein Grauen, das wächst und wächst, auch jetzt während ich Ihnen schreibe. Warum das heute, wo die Retter Ihnen doch schon ganz nahe sein müssen? – Und dazu immer der leise Klang, wie ich ihn schon nachts im Traum vernahm: tak, tak, tak. Er verfolgt mich förmlich. Ich will nicht und muß ihn doch beständig hören. Ich halte mir die Ohren zu, da vernehm ich das Pulsieren des eigenen Blutes, tak, tak, tak. Wie Glockenläuten dröhnt es, wie beständiges, regelmäßiges Schießen klingt es tak, tak, tak. – Was will es mir nur sagen? Ich lausche und lausche. Jetzt ist es ganz leise geworden ... Wie aus weiter Ferne, wie letztes versagendes Herzklopfen dringt es zu mir ... tot, tot, tot ...

Was soll das? Was soll es?

O die Angst! Das Grauen!

63.

_Bay View_, 17. August 1900.

Endlich, endlich! Nun ist es wirklich wahr! Die ersten Depeschen der Gesandten sind in den Zeitungen abgedruckt. Gerettet, wirklich gerettet, wiederhole ich immer von neuem!

Seit diesen ersten Nachrichten weiß ich nicht mehr, was ich tue und sage, weiß nicht, ob ich lache oder weine!

Es scheint beinah unglaublich, daß einmal die Hoffnung Recht und die Verzweiflung Unrecht gehabt haben sollte!

Und in der Freude des Herzens, das zum Himmel jauchzt und dann wieder ängstlich bebt und fragt: »Ist's denn wahr? Ist's denn wahr?« – in diesen ersten Augenblicken eines wie neu geschenkten Lebens ist es mir, als seien Sie hier dicht bei mir, als erlebten wir es alles zusammen. Es ist ja unmöglich, daß eine solche Glückseligkeit mein ganzes Sein erfüllen kann, und Sie nichts davon wissen sollten. – Sicher wissen Sie's! Ich fühl es ja so deutlich, daß Sie hier ganz nahe bei mir sind, wenn auch die armen noch verweinten Augen Sie nicht zu schauen vermögen.

Sicherlich werden wir uns bald wiedersehen! Es wird ein schöner Abend kommen, an dem wir auf goldigem Strande zusammensitzen und hinausschauen auf das weite Meer, das sich durch Sturmestage zur Ruhe hindurchgekämpft hat, und ein solches Glück des Wiederfindens wird in uns sein, daß keine Sprache je das Wort dafür ersann, daß wir kaum zu atmen wagen, daß wir die Sekunden zu Ewigkeiten wandeln möchten. Ja, so, ganz so wird's sein.

64.

_Bay View_, 18. August 1900.

Als ich heute früh erwachte, schien die Sonne strahlend in mein Zimmer; blinzelnd mußte ich mich erst an den Glanz gewöhnen. Noch halb im Schlaf, hatte ich die Empfindung, daß etwas Wunderbares, Wunderschönes meiner warte – zuletzt ist mir als Kind so zu Mut gewesen, wenn ich am Weihnachtsmorgen erwachte und mich noch halb träumend erinnerte, daß nebenan im Wohnzimmer der Baum stände mit allen Geschenken. Nicht nur draußen schien aber heute früh die Sonne; nein, in mir selbst strahlte es von Glück und Seligkeit und auch an diesen Glanz mußte ich mich erst blinzelnd gewöhnen – nach der langen Sorgennacht.

Die Welt ist schön, die Welt ist gut – weil Sie leben, liebster Freund! Was spricht man denn von irdischem Jammertal – ein blühender Garten ist's – Sie leben ja! Schmerz und Leid soll alles sein? Oh, es gibt so wonniges, tief inneres Glück – Sie leben ja! – Mir ist, als erwache ich erst der Welt, wie sie wirklich ist – meiner Welt – wie ich sie sehe – wie ich sie fühle. Die anderen Leute gehen herum, als sei nichts Besonderes vorgefallen – und es ist doch alles neu und anders als bisher, und alles hat einen tiefen Sinn bekommen, ist verständlich geworden – denn Sie sind gerettet. Sie leben, Sie müssen leben.

Um das auszudrücken, was ich empfinde, fände ich keine eigenen Worte, kann nur wiederholen, was jener Größte in Wort und Ton gedichtet: Winterstürme wichen dem Wonnemond! – Immer wieder klingt es in mir: Winterstürme wichen dem Wonnemond! – Ich weiß wohl, positivere Geister als ich würden darüber lächeln: Sie in Peking, ich hier am Atlantischen Ozean und – Wonnemond? Und es ist doch so, dieses Gefühl grenzenlosen Glücks, unendlicher Dankbarkeit.

Hat ein Gott die Menschen erschaffen, wie seit viel hundert Jahren den Kindern gelehrt wird, so sei Ihm Dank, daß er Sie geschaffen. Haben seit Äonen unbewußt wollende Zellen in dunklem Triebe sich so gefügt, daß schließlich der Mensch erstand, so sei Dank jenen unendlich Kleinen, aus denen Sie wurden! Mein Gottesgeschenk, mein Weltenwunder! Was liegt an Namen und Glauben! Empfindung ist alles, was wir wissen – Winterstürme wichen dem Wonnemond!

65.

_Bay View_, 19. August 1900.

Gleich nachdem die erste sichere Nachricht kam, habe ich Ihnen telegraphiert und Sie gebeten, mir sofort Nachricht zu geben, denn ich muß es von Ihnen selbst hören, daß Sie gerettet sind, muß mein eigenes Telegramm von Ihnen in der Hand halten können, ein Wort des Glücks, für mich allein bestimmt, in dem großen Jubelklang, der durch die Welt tönt.

Nun warte ich – o, wie ich warte! – auf die erste Kunde, die von Ihnen wieder zu mir dringen wird, nach der langen, langen Zeit.

Dieser Brief soll erst abgesandt werden, wenn ich Ihr Telegramm habe – denn ich werde ihn ja gar nicht mehr nach Peking zu schicken brauchen. Sicher reisen Sie doch gleich von dort ab. Was soll Sie denn auch hindern, wenn ich Sie rufe – und ich rufe Sie, liebster Freund, rufe Sie mit solcher Sehnsucht, daß Sie es fühlen und hören müssen, wo Sie auch sind und durch die dicksten chinesischen Mauern hindurch!

20. August 1900.

Ich bin so ungeduldig. Kann das Warten auf Ihr Telegramm kaum mehr ertragen. Dann beruhigt mich mein Bruder und erklärt mir immer wieder, daß jetzt Telegramme viel langsamer als sonst nach Peking gehen. Ich sehe es ja auch ein, daß es gar nicht anders sein kann, und sicher warten viele Menschen jetzt gerade so wie ich auf ein paar liebe Worte und müssen sich auch gedulden, wie ich – und dann denk ich doch immer wieder, dies eine einzige kleine Telegramm könnte doch recht schnell durchgelassen werden, denn es trägt so viel Glück in sich, daß es den Vorrang vor allem andern auf der Welt verdient!

21. August 1900.

Heute, liebster Freund, fühle ich, daß ich ganz sicher von Ihnen Nachricht bekommen muß, und dann soll der Brief gleich abgehen. Er soll Ihnen sagen ...

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Zuerst waren mir die Worte ein leerer Schall. Sie bedeuteten gar nichts. Erst ganz langsam hab ich sie verstanden. Die See draußen rauscht weiter, und die Wellen schlagen gegen den Strand – ganz so wie vorhin in der blaßfernen Zeit, da ich die Worte noch nicht vernommen. Er wird das Rauschen nie mehr hören. Bedeutet es das, wenn sie sagen, daß er tot ist? Und der Brief an ihn liegt begonnen vor mir.... Er wird ihn nie mehr lesen. Ist es das, was sie damit meinen, daß er tot sei? Heißt es, daß nichts von mir ihn je noch erreichen kann? Daß die ganze Welt für ihn nicht mehr ist, daß ich für ihn nicht mehr bin, weil er selbst nicht mehr ist? Heißt es das?

Ich höre immer nur dieselben Worte – _er ist nicht mehr_. Zuerst verstand ich's nicht – nun ist es alles, was ich noch weiß. Die Worte füllen die Welt – alles andere ist versunken.

Hätte ich ihn doch nur ein einziges Mal noch sehen können! Wär ich doch wenigstens zu allerletzt bei ihm gewesen! Daß er da allein sein, allein sterben mußte! Seine Verlassenheit ermaß ich an der eigenen Vereinsamung, seinen Jammer an meinem Jammer.

Jahrelang hat er mich umgeben mit Zartheit und Fürsorge, hat mich geliebt – wie sehr, weiß ich erst jetzt – ich durfte damals ja gar nicht dran denken – mußte vorbeigehen – wo er mir sein ganzes Leben gab.

Ach, gäb es doch nur eine Stunde, von der ich mir jetzt sagen könnte, die habe ich ihm ganz geschenkt, deren hat er sich mit den allerletzten Gedanken sicherlich noch erinnert!

Hätte ich doch selbst den Trost solch einer einzigen Erinnerung!

Aber nichts durfte ich ihm sein. Nicht einmal in seiner letzten Stunde konnte ich bei ihm sein. Allein mußte er sterben.

Hätte ich ihm doch nur ein einziges Mal noch sagen können: »Nicht wahr, Du hast es doch immer gewußt, wie sehr ich Dich geliebt?«

Ach, daß ich doch bei ihm unter der Erde ruhte! –

* * * * *

Ich sehe immer nur ein endloses Trümmerfeld – wie öde der Weg, der nirgends hinführt – das war mein Leben.

* * * * *

Wie Erinnerungen unzähliger Existenzen steigt es in mir auf. In ihnen allen war er, war ich. Wir wissen es nur nicht mehr. In ihnen allen haben wir uns gesucht, ich fühl es dunkel. Aber fanden wir uns je dauernd? Oder war es immer nur wie staunendes Erkennen und rasches Auseinandermüssen?

Müde bin ich, müde wie von unzähligen Existenzen. Möchte tief schlafen. Aber traumlos, von nichts mehr wissen.

Ach, daß zwischen dem Gehendürfen und Wiederkehrenmüssen doch eine lange Zeit tiefer Ruhe läge!

Wie langsam doch die Stunden schleichen in den langen, qualvollen Nächten. Das fortwährende Grübeln, ob es nicht zu verhindern gewesen wäre, wenn ich dort geblieben wäre.

Jetzt weiß ich, warum wir fort sollten: ich sollte gerettet werden, denn ihm ahnte wohl schon damals vieles.

Aber was sollen Welt und Leben ohne Dich? Und wenn Du es tausendmal nicht willst – Du ziehst mich Dir doch nach. Unsichtbare, unzerreißbare Fäden ketten uns aneinander seit Uranfangszeiten. Und ich folge Dir, weiß schon oft kaum, ob ich noch hier bin. Das ist der einzige Trost.

Seitdem ich von Dir getrennt bin, lebe ich ja nur scheinbar hier, eigentlich ganz wo anders. Bei Dir. In jener Stadt wo wir während Deines Lebens zusammen waren und in noch ferneren weiteren Landen. Überall, wo Du hier auf Erden geweilt, haben Dich meine Gedanken begleitet, auf allen Reisen waren sie mit Dir – ich habe durch die Sehnsucht so ganz bei Dir gelebt, daß ich Orte kenne, in denen ich nie gewesen. Endlose Ebenen habe ich mit Dir durchzogen, wilde Felsenpässe habe ich neben Dir überschritten, steile Berge sind wir zusammen emporgeklommen, im Dunkel sagenhafter Tempel habe ich mit Dir gestanden, mit Dir uraltem Weisheitsspruch gelauscht. – Das war mein eigentliches Leben, dort bei Dir war stets mein wahres Ich.

Nun bist Du noch viel weiter fortgezogen zu allerfernsten Stätten. Aber auch dahin folg ich Dir. Ich muß Dir durch alle Zeiten schon so gefolgt sein, seit es Leben und Willen gab. Und geht Dein Weg durch die Weltenräume, zu anderen Erden, Monden und Sonnen, durch tiefe Nacht und weiß glühende Helle – ich folge Dir – ich kann nicht anders!

* * * * *

Mich dünkt, als läg ich hier seit vielen Wochen. Und es sollen doch nur wenige Tage sein. Raum und Zeit verschwimmen für mich. Die Minuten enthalten so endloses Leid, so verzehrende Sehnsucht, daß ich sie mühsam wie Ewigkeiten durchlebe. Vergangenes scheint so nahe, daß ich mit der Hand danach greife ... aber die Hand selbst verschwimmt ... das Fußende des Bettes schiebt sich in unendliche Weiten ... ich sehe den eigenen Leib nicht mehr ... er ist zur ganzen Welt geworden ... und schmerzt ... schmerzt vom ganzen Weltenweh.

Ich kann die Feder kaum halten ... alles verwirrt sich ... und alles schmerzt ... immer ärger. Kälte ... Finsternis. Ich kämpfe gegen das Dunkel ... das Grauen. Ich will, will, will – bei klarem Bewußtsein sterben. Keine Angst – keine Verzerrungen ... der Abgrund ... das Entsetzen!... aber doch ... Freude!... Freude!... zu Dir.

* * * * *

Warum haben sie mich noch einmal geweckt? Warum die Qual noch verlängert? Ist es denn noch nicht genug? Ich schlief schon ... hielt Deine Hand ... es schien ... vollbracht ... und nun?... ich finde Dich nicht mehr ... wo ... wo war es doch?... warten ... immer wieder warten ... und dann?... nichts?...

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Nachwort.

Meine Schwester, die die vorstehenden Briefe geschrieben, unser Freund, der sie empfangen sollte, ruhen nun beide. Sie hier am Strande des Atlantischen Ozeans, er in der fernen chinesischen Erde.

Als wir im Mai 1900 von Berlin zurückgekehrt waren, wo mein seit Jahren rettungslos geisteskranker Schwager gestorben war, hatte ich gehofft, daß das Leben meiner Schwester nun vielleicht doch noch nach dem schweren, drückenden Tag einen versöhnenden Abend bringen könne. Es schien mir, als lebe sie auf, sich selbst dessen kaum bewußt. Aber während der entsetzlichen Wochen, in denen die ganze Welt über das Schicksal der in Peking Eingeschlossenen in qualvoller Ungewißheit bangte, verzehrte sie sich in Angst um unsern Freund; und als dann die Nachricht seines Todes eintraf, nachdem wir schon alles für gerettet und gewonnen gehalten hatten, erlosch ihr Leben nach wenigen Tagen.