Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 9

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Hierauf erwidern Andere: Frankreich hat durch jene Wahl und auch sonst auf unzweideutige Weise erklärt, daß es die Stegreifsrepublik des Februar nicht will. Die neue, unausführbare Verfassung ist kein +Gut+, sondern ein +Übel+, das man, je eher desto lieber, beseitigen muß. Diese höhere Pflichterfüllung erwartet das Land von Bonaparte, er wird sich nicht erhalten, sobald er sich auf unhaltbare politische Grillen stützen will. Lamartine wie Cavaignac haben den Augenblick versäumt, das Rechte zu thun, deshalb wurden sie zur Seite geschoben. Bonaparte hingegen wird nicht in denselben Fehler verfallen, sondern die Gelegenheit rasch ergreifen und Das thun, worauf man gefaßt ist, und was Alle lauter oder stiller wünschen und erwarten. -- Wir sind (sprechen Legitimisten aller Art) allerdings auf einen solchen Schritt gefaßt; allein er soll keine Monarchie begründen, sondern nur vermitteln und für unsere rechtmäßigen Bewerber Bahn brechen.

Die Stimme des Volkes (entgegnen Republikaner aller Art) hat für Bonaparte entschieden, und wir unterwerfen uns dieser höchsten Gesetzgebung, obgleich wir darin bereits einen traurigen Rückschritt erblicken; sollte aber Bonaparte, unbegnügt mit seinen, bereits allzu großen Rechten, pflicht- und verfassungswidrig vorschreiten, so werden wir (Gesetz und Verfassung vertheidigend) ihn daran nöthigenfalls mit Gewalt hindern und das (vielleicht verführte und verlockte) Volk auf den rechten Weg zu bringen wissen. --

So für jetzt die großen Parteien, welche jedoch aus sehr fremdartigen Bestandtheilen zusammengesetzt sind, die nach ihrem etwaigen Obsiegen sogleich einander feindlich entgegentreten würden. So Orleaniden und Bourboniden, rothe und weiße Republikaner u. s. w. Ein Straßenaufruhr könnte um so eher in Paris eintreten, wenn (wie Etliche behaupten) ein Theil der Linientruppen für communistische Ansichten gewonnen wäre; -- aber Paris und seine Emeuten entscheiden nicht mehr auf die Dauer. Das rechte Gewicht der Parteien wird sich erst durch die Wahlen für eine neue Reichsversammlung herausstellen, welche Wahlen (nach Maßgabe der Ansichten) die Einen so zu beschleunigen, wie die Anderen zu verzögern suchen. Zunächst ist die Bildung eines tüchtigen Ministeriums die Hauptsache, wobei viele Versuche bereits erwiesen haben, daß es (bei dem besten Willen) sehr schwer ist, es aus +einer+ Partei zusammenzubringen, oder Personen aus +verschiedenen+ Parteien für eine harmonische Wirksamkeit zu gewinnen. -- Gewiß sind die Franzosen durch die Wahl ihres Präsidenten den Deutschen um einen Schritt voraus. Möchten die Abgeordneten in Frankfurt nicht so viel Zeit unnütz vergeuden, die Verfassung rasch zur Zufriedenheit aller Staaten entwerfen und es dem Reichsministerium gelingen, die unseligen Mißverhältnisse zu Österreich bald für das Wohl beider Theile zu beseitigen.

Nachmittags.

Hr. Thiers hat sich (wie ich wohl schon meldete) mit großem Rechte der Fertigung einer ungeheueren Menge hypothekarischen Papiergeldes widersetzt, aber dabei weder die Einrichtungen fremder Creditsysteme hinreichend erörtert, noch die Mängel des französischen Hypothekenwesens nachgewiesen. Ein Aufsatz des Hrn. Laferrière verbreitet hierüber ein erfreuliches Licht. Nachdem in neuester Zeit fast alle Zweige der Industrie und der Gewerbe so sehr gelitten haben, wird Werth und Wichtigkeit des französischen Grundvermögens und Ackerbaues von Neuem hervorgehoben. Die französische Revolution, welche ungeheure Massen von Domainen, geistlichen und adligen Gütern auf den Markt brachte, veranlaßte zunächst ein Sinken der Verkaufspreise und eine Zertheilung der größeren Besitzungen. Das aristokratische Grundvermögen verwandelte sich in ein demokratisches. Man rechnet in Frankreich 5 Millionen Landstücke, deren jedes unter 5 Franken Grundsteuer zahlt; 5,250,000, die zwischen 5 und 100 Franken zahlen; 400,000 zwischen 100-500 Fr.; 47,000 über 500 Fr. Die Zahl der kleineren Besitzungen hat sich in neuerer Zeit nicht vermehrt, sondern Zertheilen und Zusammenschlagen hält sich ungefähr das Gleichgewicht. Hiebei zeigen sich zwei sehr merkwürdige Erscheinungen: erstens in Beziehung auf den Ertrag; zweitens in Beziehung auf die Verschuldung des Grundvermögens. Nämlich 1) Geld in Land angelegt, trägt im Durchschnitt ⅖ weniger Zinsen, als in anderen Gewerben oder Unternehmungen. Wenn dennoch die Verkaufspreise des Grundvermögens nicht sinken, so liegt dies in der gesuchten Annehmlichkeit seines Besitzes, und dem Glauben an größere Sicherheit und weniger Gefahr bringenden Wechsel. Diese Erscheinung würde aber 2) großentheils wegfallen, wenn es leicht wäre auf sichere Hypotheken Geld auszuleihen und anzuleihen. Es ist jetzt häufiger und gebräuchlicher zu kaufen und zu verkaufen, als Hypotheken zu suchen und aufzunehmen. So betrugen die Verkaufswerthe zwischen 1832-42 an 1500-1600 Millionen Franken, und die eingegangenen Hypotheken nur 400-500 Millionen. Es erscheint also als eine wichtige Aufgabe dahin zu wirken, daß der Ertrag vom Grundvermögen nicht so weit unter dem Ertrage des Geldvermögens bleibe, wodurch, anderer Übelstände nicht zu gedenken, die Verbesserungen des Bodens und Landbaues ungemein erschwert und vertheuert werden. Vor Allem treten hiebei die Mängel des französischen Credit- und Hypothekenwesens ans Licht. Vor der Revolution wurden Verbesserungen hauptsächlich dadurch verhindert, daß die großen Grundbesitzer auf alle Weise ihre finanzielle Lage zu verbergen suchten und eine Menge stillschweigender Hypotheken (z. B. für Frauen, Minderjährige) vorhanden waren; sodaß der Darleiher fast nie zu einer klaren und gesetzlichen Einsicht gelangen konnte. Trotz aller Besserungsversuche seit 1789 wird noch laut über die jetzigen Einrichtungen geklagt: das ganze Verfahren sei zu weitläufig, langsam und kostspielig, keine genügende Sicherheit über den Werth der Hypothek u. s. w. u. s. w. Öffentlichkeit, Einfachheit, Schnelligkeit, sind die unerläßlichen Bedingungen für die Reform des Hypothekenwesens, und erst wenn diese bewirkt ist, lassen sich nach Herstellung des Vertrauens, auch die Formen für den Credit, Verbindungen, Pfandbriefe, Leihbanken auffinden und anwenden.

Ich breche ab, um nicht übermäßig zu langweilen, und gehe auf etwas Statistisches über, was vielleicht mehr anzieht. Binnen fünf Jahren (1839-44) sind in Frankreich von 5,820,129 Kindern 177,741 todt geboren, oder 1 von 33, und mehr in Paris als anderwärts. Bei 153,691 Geburten in Paris (1840-44) sind 263 Frauen in Wochen gestorben, oder eine von 585. Von 1839-44 starben in Frankreich 20,290 Personen an den natürlichen Pocken. Von 153,961 Kindern, die binnen fünf Jahren in Paris geboren wurden, starben 26,049 in den Hospitälern, oder eins von sechsen. Im Jahre 1815 waren 85,808 Kinder in den Findelhäusern; in 25 Jahren wurden 880,639 ausgesetzt, von denen 475,127 starben. In neuerer Zeit nahm die Sterblichkeit etwas ab, die Ausgabe aber zu. Im Verhältniß zur Bevölkerung hat die Zahl der Geburten seit 70 Jahren um 40 Procent abgenommen. Auf 17,000 Menschen kommt ein Wahnsinniger. Die Lebensdauer hat in neueren Zeiten aus vielen Gründen bedeutend zugenommen, ist aber am geringsten unter den ärmeren Volksklassen, besonders in Paris. Die Zahl der Heirathen hat in Frankreich seit 40 Jahren etwa um ⅖ abgenommen und die Zahl der Kinder um ⅙. Es werden um 1/32 mehr Knaben, als Mädchen geboren; dennoch giebt es in Frankreich mehr Frauen, als Männer. Die Zahl der unehelichen Kinder ist in den Städten und den gewerbtreibenden Landschaften größer als in den ackerbautreibenden. Es giebt noch einmal so viel Wittwen, als Wittwer. Die Zahl der Geistlichen (und Mönche) hat in Frankreich seit 67 Jahren um ⅘ abgenommen. -- Ziffern genug, um lange Betrachtungen daran zu reihen.

Den 19. December.

Ihr seht aus Vorstehendem, daß ich mir mit allerhand fremdartigen Beschäftigungen die politischen Grillen zu vertreiben suche. Sie kehren jedoch übermächtig immer wieder zurück. Zwar erkenne ich mit Freuden, daß sich die Zustände in den letzten sechs Wochen sehr gebessert haben; ob aber bald volle Gesundheit folgt, oder nach dem guten Tage des Wechselfiebers der +böse+, -- wer weiß es? In Frankreich treten Provinzialblätter offen für Heinrich V. in die Schranken, wogegen socialistische Zeitungen neue, +gewaltsame+ Umwälzungen für ihre Zwecke anpreisen. Eltern und Kinder, Geschwister, alte Freunde stehen sich feindselig gegenüber; das politische ~Credo~ trennt selbst die heiligsten Bande, und sucht die Erlösung, in und durch das Chaos und die Sünde. ~Discite justitiam moniti et non temnere divos~; -- aber trotz unzähliger Warnungen kümmert man sich nur wenig (oder höchstens aus Furcht) um Gott und Gerechtigkeit.

-- -- Und das Alles schreibe ich des Morgens um 6 Uhr, wo man sonst den heitersten und größten Muth hat! Doch nicht um zu verzweifeln, oder gar Anderen diesen Seelenzustand anzupreisen, sondern um die Gefahren in ihrer ganzen Größe zu erkennen, und den zusammengeflickten Königsmantel Heuchlern und Frevlern von den Schultern zu reißen. Wenn +Jeder ohne Ausnahme+ thut was ihm zukommt, ist der Sieg für Ordnung und Mäßigung gewiß!

Den 20. December.

Gestern besuchten wir das ägyptische Museum. Alles höchst merkwürdig und eigenthümlich, wie Jegliches, was wir von diesem Volke wissen; aber wie selten geschmackvoll und erfreulich. Ihre Kunst erscheint als ein Werk des Zwanges und der unabänderlichen Vorschrift, nicht als ein Werk der Freiheit und Persönlichkeit. Den Sinn, die Begeisterung für diese wichtigsten aller menschlichen Richtungen haben die Hellenen gewiß nicht aus Ägypten geholt, und gar nicht holen können. Nächst dem Vatikan enthält der Louvre, im kleinsten Raume, die größten und bewundernswerthesten Kunstschätze. Wie arm, oder jung (leider, oder Gottlob) sind wir im Vergleiche mit diesen Schätzen. -- Gewiß ein Glück, daß das durch Napoleon’s Gewalt Zusammengehäufte wieder in alle Welt zerstreut ist, um Heiden und Christen zu erfreuen und zu belehren.

Einundneunzigster Brief.

Paris, den 21. December 1848.

So wäre denn L. Bonaparte, nach dem Wunsche einer ungeheueren Mehrheit der Franzosen, zum Präsidenten der Republik erklärt. Er und sein Nebenbuhler (oder Mitbewerber) Cavaignac reichen sich freundschaftlich die Hand und versprechen gleichmäßig für das Wohl ihres Vaterlandes zu wirken! Wer freute sich nicht dieser Aussicht auf Ordnung und Dauer, dieses heiteren Tages unter so vielen trüben, fast hoffnungslosen! Doch könnten Deutungslustige als Weissagung bemerken: daß am Geburtstage der Republik, Regen, Sturm und Schneegestöber herrschten, und am Tage der Verkündigung Bonaparte’s das schöne Wetter in so bittere Kälte umsetzte, daß heute früh unsere Fenster dick zugefroren waren.

Bedenklicher aber ist es allerdings, daß man aus jener Verkündigung das höchste Geheimniß machte und selbst die Abgeordneten nicht wußten, was in der Sitzung geschehen solle. Die am besten Unterrichteten hatten erklärt: mit jedem Tage wachse die Gefahr, und diese Furcht bezog sich weit mehr auf die Imperialisten, als auf die rothen Republikaner. Diese schelten bis jetzt ohne Erfolg, die Legitimisten zeigen sich einstweilen höflich; die Kammer wird täglich matter und wahrscheinlich sich selbst opfern und umbringen, bevor sie alle die versprochenen organischen Gesetze zu Stande bringt.

Gewiß wird die neue Kammer (unter ganz anderen Einflüssen als denen Lamartine’s und Ledru-Rollin’s gewählt) sehr verschiedene Ansichten mitbringen und zu Tage fördern. Daß die Minister ausscheiden mußten, hat keinen Zweifel; dieser Wechsel wird sich aber auch auf viele Präfekten und andere Beamten erstrecken. So nachtheilig derlei Veränderungen in der Regel wirken, so sind sie diesmal doch wohl eher zu rechtfertigen als sonst. Wenigstens klagt man laut über die von der provisorischen Regierung verfügten Anstellungen. Die Minister (obwohl sie kaum das Licht der Welt erblickt haben) werden nach hiesiger Weise schon angegriffen: sie seien nur ~doublures~, ~remplaçants~, ~dii minorum gentium~ und dergleichen. Ihre durch Bonaparte ausgesprochene Erklärung lautet indeß verständig, und man sollte ihnen doch Zeit lassen zu handeln, ehe man sie ~a priori~ verdammt.

Die Furcht vor einem Kriege scheint mir bei Vielen übertrieben, denn 1) fehlen zureichende Gründe, 2) Geld, 3) Credit, 4) Sicherheit des Obsiegens, 5) würde das gute Verhältniß zu England aufhören und Algier vielleicht verloren gehen, 6) ist Bonaparte kein Feldherr und darf (sofern er an der Verfassung festhält) das Heer nicht anführen und den Krieg nicht allein erklären.

Nur die italienischen Angelegenheiten (für besonnene, vorsichtige Leute ein ~noli me tangere~) könnten zu größeren Zerwürfnissen führen. Doch nimmt die Theilnahme für die Italiener seit den neuen Ereignissen in Florenz, Rom und Turin hier täglich ab, und der neue sardinische Gesandte, Hr. Ricci, hat bis jetzt diese Stimmung keineswegs verbessert. Er nennt (wie mir heute Jemand sagte) die Verbindung von Mailand, Parma, Modena u. s. w. mit Sardinien ein ~fait accompli~; während selbst die englische Politik von der antiösterreichischen Richtung etwas abzulassen und ihre Blicke etwas weiter östlich zu richten scheint.

Gebe der Himmel seinen Segen, daß eine neue Verständigung zwischen Österreich und Deutschland, und die Verfassung für beide Länder baldigst zu Stande kommt. So lange dies nicht geschieht, bleibt der Quasireichsgesandte bei den hiesigen Regierungen eine Null. Ja, während die vorige dem frankfurter Bestreben freundlich gesinnt war und eine engere Verbindung mit Deutschland wünschte, äußern sich Einige, welche sich der neuen Regierung zuwenden, auf eine so geringschätzige und spöttische Weise über Frankfurt, daß ich vor Kurzem in einer Gesellschaft einen solchen Zweikampf anzunehmen und die Ehre Deutschlands zu verfechten genöthigt war. Vergessen Sie, sagte der Wirth dem Haupttadler und Spötter, vergessen Sie nicht, mein Herr, daß die Deutschen zwei Mal in Paris waren!

Den 22. December.

An den Hrn. Präsidenten und Minister von Gagern.

Alle Deutschen, hochverehrter Herr Präsident, blicken auf Sie mit Liebe und Vertrauen. Möchte Ihnen das schwere Werk gelingen, unser Vaterland zu einigen; denn bevor dies zur Zufriedenheit aller Staaten geschehen ist, fehlt uns daheim Glück und Wohlstand, und im Auslande diejenige Achtung, welche ein großes Volk nicht verscherzen kann, ohne sich selbst mittelbar zu Grunde zu richten. Mir fehlt es nicht an Muth, mein Vaterland hier zu vertheidigen, auch wohl den 60jährigen, so oft mißlungenen politischen Versuchen der Franzosen gegenüber, zu rechtfertigen.

Allein jeder scheinbare Sieg, jede erneute Hoffnung wird zu Schanden, wenn aus Frankfurt Nachrichten hieher gelangen von der leidigen Zerwürfniß mit Österreich, dem leidenschaftlich einseitigen Bilden und Umstellen der Parteien u. s. w. Verhehlen ja Viele gar nicht ihre Freude, daß (wie sie laut versichern) das gesammte Bestreben Deutschlands für eine politische Stärkung und Wiedergeburt schwächlich, lächerlich und verächtlich, -- mit +nichts+ endigen, und Frankreich alsdann die Ohnmächtigen, Gebeugten, Blasirten ins Schlepptau nehmen und nach Belieben gängeln werde.

Abends.

Heute besuchte ich meinen persönlichen Gönner, Hrn. Bastide, welcher jetzt Rue Ferme des Mathurins in philosophischer Ruhe au 5^{me} wohnt und die Gesandtschaft in London abgelehnt hat. Er erzählt mir, daß General Cavaignac alle seine Minister zu sich berief, und daß er ihnen eine treffliche, tief ergreifende und rührende Rede hielt. Einstimmig gelobten sie, der neuen Regierung (sofern sie sich innerhalb der gesetzlichen Schranken bewege) kein Hinderniß in den Weg zu legen, an keinen Intriguen Theil zu nehmen, sondern sie mit allen Kräften ehrlich und redlich zu unterstützen. -- So die verschrienen Gegner Bonaparte’s.

Ganz anders viele der angeblichen, für ihn stimmenden Freunde. Sie können den Verdruß und Ärger, daß ihre Intriguen zu nichts geführt haben und sie sich getäuscht sehen, gar nicht verhehlen. So greifen sie die, von ihm bei seiner Einführung gehaltene, sehr gemäßigte Rede aufs Heftigste an. Sie sei, sagen zuvörderst Akademiker, in schlechtem Französisch abgefaßt und die Worte ~réactionnaire~ und ~utopiste~ gebe es gar nicht in ihrer Sprache. Täglich aber werden diese Worte in Schriften und Zeitungen gebraucht und auch Becherelle zeugt dafür in seinem vortrefflichen Wörterbuche.

Der laute Zorn entsteht nur daher, daß sich Bonaparte +gleichmäßig+ wider jene zwei Parteien und Richtungen erklärt hat. -- Verständig und fern von Eitelkeit ist seine, mir von guter Hand mitgetheilte Äußerung: „er täusche sich nicht über die Menge der auf ihn gefallenen Stimmen. Die meisten danke er seinem Namen, andere (aus bekannten Gründen) den Legitimisten und Socialisten, die wenigsten seiner Person.“

Die Gefahren, welche Bonaparte’s Einführung beschleunigten, waren sehr groß. Am 19. Abends (so wird erzählt) entdeckte man eine doppelte Verschwörung. Die eine Partei wollte ihn zum Kaiser erheben, -- und die andere wollte ihn umbringen! Krankheitsstoff in Menge; vor der Hand mit Ernst und Klugheit beseitigt; hoffentlich für lange Zeit zum Wohle Frankreichs!

Zweiundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 8. Januar 1849.

Meine Abreise von Paris war für mich zwar keineswegs unerwartet, aber doch so eilig, daß es mir an Zeit fehlte über Einiges Bericht zu erstatten. Ich will versuchen dies einigermaßen nachzuholen.

Schon Anfangs November entwickelte ich die Gründe, weshalb man mich abberufen, unbestimmten Urlaub ertheilen, oder auszuharren anweisen möge. Hierauf erhielt ich keine Antwort, wiederholte jedoch mehre Male weshalb (ungeachtet der höflichsten persönlichen Behandlung) meine Stellung eine falsche, keine Aussicht auf größeren Erfolg vorhanden sei, und mir die Fortdauer dieses Verhältnisses unerträglich werde. Dies Alles berücksichtigend ging Hr. von Gagern auf meine Gründe und Wünsche ein; was auch für die Sachen selbst ohne Zweifel das angemessenste war.

Zugleich entging ich dadurch einer neu bevorstehenden Unannehmlichkeit, von der ich erst Kunde erhielt, nachdem ich glücklicherweise schon meine Abreise amtlich angemeldet hatte. Der etwas rauhe, aber kenntnißreiche, rechtliche C. suchte mich nämlich zu bewegen, in Paris zu bleiben: die französische Regierung wünsche es, und habe diesen Wunsch in Frankfurt wiederholt erklärt; mit allen Gesandten stehe ich auf dem besten Fuße, ich könne ruhig in Paris abwarten, daß die deutschen Wirren sich aufklärten. Wenn ich auch positiv nicht viel ausgerichtet, so hätte ich doch viel Schädliches verhindert, auf Verständigung hingewirkt, keinen unnützen Zank erhoben, richtige Ansichten verbreitet u. s. w. -- So schmeichelhaft dies Alles auch für mich war, fehlte es doch nicht an Gegengründen für einen Mann meines Alters, meiner sonstigen Stellung u. s. w. Auf Einzelnes eingehend fragte ich endlich: wird man, wenn das ~Corps diplomatique~ dem Präsidenten vorgestellt wird, mich vielleicht vergessen? -- Nach einigem verdrießlichen Zögern sagte Hr. C.: das ist möglich, Sie werden dann aber besonders vorgestellt werden. -- Sehr angenehm für meine Person, den Präsidenten so ~tête-à-tête~ zu sehen und zu sprechen; aber den Hrn. -- und -- als der dritte Mann zugesellt und gleich wie sie behandelt zu werden, das wäre meiner Stellung und meines Vaterlandes unwürdig, und ich würde mich zu einer solchen Audienz nicht einfinden, selbst wenn man es mir von Frankfurt aus beföhle.

Meine schon +vorher+ fest angesetzte Abreise hat also der französischen und der deutschen Regierung, sowie mir, große Unannehmlichkeiten erspart.

Daß meine Sorgen in Frankfurt zwar anderer Art, aber nicht geringer, sondern noch größer und bitterer sein würden, wußte ich vorher; und die erste ernste Sitzung (über die Auflösung der preußischen Reichsversammlung) bestätigte meine traurigen Befürchtungen nur zu sehr. Welch ein Mangel an Unbefangenheit, Mäßigung, Wahrheitsliebe; welche gehässige Leidenschaften, welches Verläugnen und Zurückweisen aller Liebe und Versöhnung! Und aus der Hexenküche solcher Bestandtheile soll Deutschlands neue und größere Freiheit hervorgehen!! -- Diesmal zerstörte das Ungemäßigte sich selbst, und es kam zu dem besten Ergebnisse und Beschlusse; -- nämlich zu gar keinem!

Zeither hat man sich in Frankfurt meist mit bloßen Allgemeinheiten beschäftigt und, ich möchte sagen, mit unbenannten Zahlen gerechnet. Nun zu dem Abstracten das Concrete, zu der leeren Allgemeinheit der besondere Inhalt hinzukommen soll, und Alles sich in Fragen um bestimmte Landschaften und Personen verwandelt; -- da zeigt sich Mangel deutscher Ideologie, und praktische Ungeschicklichkeit.

Tadeln ist indeß viel leichter als Bessermachen, und für die Lösung der schwierigsten aller politischen Aufgaben, die je einer Versammlung vorlagen, darf man mit Recht Geduld und Nachsicht in Anspruch nehmen. Rom ist nicht in einem Tage gebaut, und wenn die Franzosen nach 60 Jahren noch nicht beim Ziele angekommen sind, brauchen wir nach sechs Monaten noch nicht zu verzweifeln; wir dürfen nicht verlangen, daß der erste Versuch vollständig glücke, und Säen und Ernten auf denselben Tag falle.

Wie viele Thürme haben keine Spitze; natürlich also, daß wir die ungeheueren Schwierigkeiten bitter fühlen, welche sich bei dem Unternehmen aufthürmen, unserem politischen Baue eine Spitze aufzusetzen. Wer weiß: ob und wie sie zu Stande kommen, ob sie Dauer gewinnen wird?

Allein wir haben doch eine Grundlage, auf welcher sich immer fortbauen läßt. Was sich auch im Einzelnen gegen die beschlossenen Grundrechte der Deutschen sagen läßt, im Ganzen und Großen zeigen sie große und wesentliche Fortschritte, und versperren die Möglichkeit in viele alte Verkehrtheiten und Ungerechtigkeiten zurückzufallen. Sie sind wenigstens bestimmter gefaßt, greifen besser in wirkliche Verhältnisse hinein, und stellen das Erreichbare in einer nützlicheren Weise dar, als die ~droits de l’homme et du citoyen~ der französischen Verfassungen.

Fragte man blos die Fürsten, so wäre ihnen gewiß die Herstellung eines in etwas veränderten Bundestages bei Weitem das liebste. Das Andenken an die Einseitigkeit und zugleich Richtigkeit der unselig verstorbenen Einrichtung, macht aber eine Auferstehung derselben völlig unmöglich. Sie würde bald ein zweites Mal in viel furchtbarerer Weise vernichtet werden. -- Das Höchste, was sich jetzt in dieser Richtung begründen läßt, ist ein Staatenhaus; das Volkshaus zu beseitigen wäre ganz unmöglich; ein Versuch der Art würde mit demokratischen Siegen und Verjagen der Fürsten endigen.

Beide Häuser bedürfen eines lebendigen, gewichtigen, mächtigen Mittelpunktes. Dieser kann nicht am Umkreise liegen, nicht von den alten Fürsten und Regierungen repräsentirt oder ersetzt werden. Ziehen wir den Kreis enger, übergeben wir die vollziehende Gewalt etwa dreien, die in Wien, Berlin und München hausen, so ist schwer ein richtig eingreifendes Verhältniß zu dem an +einem+ Orte befindlichen Reichstage aufzufinden. Bei steigenden Schwierigkeiten, hat man gar viele Möglichkeiten ersonnen sie zu beseitigen: Vorschlag und Wahl, Abwechslung (Turnus) nach mehr oder weniger Jahren, Wahlkönig, Erbkaiser. Hätte man blos mit der Theorie zu thun, so fände man wohl was das Vorzüglichere sei; -- die Widersprüche liegen aber außerhalb der Theorie, und die ~ultima ratio~ kümmert sich nicht um dieselbe und ihre Weisheit.

Den 9. Januar.