Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 10

Chapter 103,279 wordsPublic domain

Ich fahre fort mich selbst zu orientiren, was, nach so langer Abwesenheit, doppelt nöthig ist. -- Die Franzosen sagen: die frankfurter Versammlung wird nichts Gescheites zu Stande bringen, sie wird nur einen neuen Streit herbeiführen zwischen Österreich und Preußen, Katholiken und Protestanten, Nord- und Süddeutschland; und dann -- entscheiden und regieren +wir+! Dies ist möglich, aber trotz unermeßlicher Schwierigkeiten, doch nicht nothwendig. Wir sahen, daß traurige Erfahrungen über das Zerfallen Deutschlands und seine politische Richtigkeit, neue Begeisterung hervortrieben für größere Einheit und Centralisation. Diese kann und darf aber keine französische sein; sie muß Stämme und Staaten berücksichtigen und am Leben lassen. Solch einen Mittelweg für die kleineren Staaten aufzufinden, ist das Leichtere; die Hauptschwierigkeiten treten erst bei den beiden, oder den drei größten ans Licht. So lange man sich an +allgemeinen+ Bestimmungen ergötzte, fand sich die Zustimmung leicht; und Jeder wähnte sie würde +ihm+ zu Gute kommen. Als aber endlich die Hauptfrage nicht länger zu umgehen war: wer Kaiser werden solle, fuhr Alles auseinander, und aus dem Chaos entwickeln sich zwar neue Parteien, aber keine harmonische Ordnung, kein Kosmos! Scheidet Österreich aus dem Bunde aus, oder tritt es nur in ein loseres Verhältniß, so ist Einheit und Macht Deutschlands nicht vermehrt, sondern verringert, und die österreichischen Deutschen könnten allmälig ihrem Vaterlande so entfremdet werden, wie die französischen und russischen. Österreich will sich keinem preußischen, Preußen keinem österreichischen Kaiser unterwerfen (und Baiern liebäugelt mit Frankreich), wenn der Kaiser so große Rechte erhält, als man ihm hier zuweisen will. Ohne bedeutende Rechte bleibt aber das Kaiserthum ein leerer Name; und wenn es nicht Anklang und Gehorsam findet, so würde der Erwählte wenigstens Gehorsam und Anerkenntniß erst durch Krieg und Gewalt erzwingen müssen. In diesen Nöthen wollen Manche sich mit einem verengten, kräftigeren Bundestage begnügen (also gewissermaßen einen Rückschritt thun); Andere glauben das einzige Rettungsmittel sei: +Preußen+ an die Spitze zu stellen, und so den Gedanken, daß es in Deutschland aufgehen müsse, erst zu Verstande zu bringen. Noch weiß Niemand, wofür sich die Mehrheit in der Paulskirche aussprechen wird: allein solch ein Beschluß (vielleicht, beim Widerspruche der Österreicher, nur durch wenige überschießende Stimmen herbeigeführt) ist keineswegs von entscheidender Allmacht. Wie, wenn Die da draußen stehen, sich +nicht+ unterwerfen, oder der Erwählte aus romantischen oder politischen Gründen ablehnt? Gewiß ist für Preußen eine Erhöhung seiner Macht nur dadurch möglich, daß es +nicht+ den alten Partikularismus stützt und vertritt, sondern den Gedanken größerer +deutschen+ Einheit und Macht sich aneignet und dadurch neue Bahnen eröffnet. -- Allerdings mit Vorsicht und Weisheit; aber ohne Unentschlossenheit und Feigheit. Wäre das Ergebniß der frankfurter Bestrebungen gleich +Nichts+, so ist damit keineswegs dem Alten neue Lebenskraft gegeben, sondern wir gehen einer neuen schlimmeren Revolution entgegen, welche mit dem Wegjagen vieler Fürsten zwar nicht +endigen+, aber dies doch +zunächst+ herbeiführen könnte. -- Die nächste Woche wird +hier+ viel entscheiden; möge man in Berlin dann mit mehr Entschlossenheit vorgehen.

Ich sehe ein daß, um Willkür und Zufall +hier+, wenigstens einigermaßen auszuschließen, gleichgesinnte Männer zusammentreten und sich einer gewissen Ordnung und Zucht unterwerfen müssen. Meine natürliche, wohlbegründete Abneigung gegen alle Klubs (diese Zeugnisse unreifer, leidenschaftlicher politischer Zustände) fand aber gestern, im sogenannten Casino, neue Bestätigung. Man forderte: daß jedes Mitglied so in der Hauptversammlung stimmen +müsse+, wie die Mehrheit des Klubs beschließe. Ich erklärte mich bestimmt gegen diese Tyrannei, welche alle Berathungen im Plenum überflüssig, und alle Berichtigungen einseitiger Ansichten und Beschlüsse unmöglich macht. -- Sie sind, sagte mir ein Eingeweihter, in Ihren Ansichten noch sehr jungfräulich. -- Die Jungfrau wird aber ihre politische Unschuld, oder Schuldlosigkeit und Selbstständigkeit zu vertheidigen wissen!

Hr. Tallenay, mit dem ich eine lange Unterredung hatte, bestätigt mir, daß Hr. Bastide zweimal hieher geschrieben und den bestimmten Wunsch ausgedrückt habe, daß man mich in Paris lassen möge.

Dreiundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 12. Januar 1849.

Gestern habe ich sechs Stunden lang Reden über das Verhältniß Österreichs zu Deutschland angehört, und heute und morgen steht mir ein gleiches Schicksal bevor.

Die Sache steht so: Die Absätze 2 und 3 des Verfassungsentwurfes erlauben nur eine Personalunion deutscher und nichtdeutscher Staaten. Diese Bestimmung war offenbar ein für Österreich hingeworfener Fehdehandschuh, -- mindestens eine Unhöflichkeit, oder, wie die Studenten sagen: ein Tusch; -- und so hat Österreich sie betrachtet und aufgenommen. Es erklärte: in solcher Weise +nicht+ in den neu zu bildenden Bundesstaat eintreten zu können; es müsse vor einer Unterwerfung unter die frankfurter Beschlüsse eine +Vereinbarung+ vorhergehen. Diese Forderung, welche dem Glauben (oder Aberglauben) an die Allmacht der frankfurter Versammlung geradehin widersprach, ward hier um so bestimmter zurückgewiesen, da man fürchtete: jeder einzelne Fürst werde ähnliche Ansprüche machen, und dann gar nichts zu Stande kommen. Für die kleineren Staaten ist diese Besorgniß übertrieben; für die größeren reicht es nicht hin, sie von oben herab zu behandeln.

Am wenigsten kam man hinsichtlich Österreichs durch jene Erklärung von der Stelle; man konnte nicht länger vornehm um die Sache herumgehen, man mußte darauf eingehen. Die üble Laune richtete sich nun zuerst gegen Hrn. v. Schmerling: er ward, als Österreicher, von allen Seiten mit Vorwürfen überhäuft, und zuletzt dahin gebracht sein Ministerium niederzulegen. Hr. v. Gagern, sein Nachfolger, mußte aber (wollend oder nichtwollend) die unvermeidliche Sache in die Hand nehmen, und dies um so mehr, da spätere Erklärungen Österreichs in der Hauptsache wenig änderten, die unbedingte Allmacht der frankfurter Versammlung nach wie vor läugneten, und deutlich genug aussprachen, daß man die gefaßten Beschlüsse ändern müsse, oder Österreich sich auf die ihm schlechthin nothwendige Weise abschließen und nur im engeren Bunde mit Deutschland bleiben werde. Hr. v. Gagern sprach sich in seiner, der Reichsversammlung übergebenen Erklärung (unter sehr allgemeinem Beifalle) gegen jede +Vereinbarung+ aus, verlangte aber Vollmacht zur +Unterhandlung+ mit Österreich. Weil indessen die Unterhandlung doch keine Scheidung, sondern eine Verständigung und Einigung bezweckt (wo Einer dem Anderen nichts befehlen, oder die Befehle nicht durchsetzen kann), so geht praktisch Begriff und Anwendung so ineinander über, daß es ein deutsches Professorenvergnügen ist, sie mit wichtiger Miene auseinanderhalten zu wollen.

Bedeutender erscheint der Gegensatz in dem Majoritäts- und Minoritätsgutachten des vorberathenden Ausschusses, über Gegenstand und Umfang der Unterhandlung. Die Mehrzahl will, daß dieselbe sich lediglich erstrecke auf das Verhältniß der +nicht+deutschen Landschaften Österreichs zu Deutschland. Man setzt dabei voraus, daß die +deutschen+ Landschaften unbedingt zu Deutschland gehören und den frankfurter Beschlüssen unterworfen sind. Aber gerade diesen Punkt läugnet Österreich, und gewiß ist es praktisch unmöglich, bei einer diplomatischen Verhandlung über die Verhältnisse des österreichischen Staates, derlei Gränzbestimmungen für auszusprechende oder zu verschweigende Gründe und Gegengründe inne zu halten. Deshalb erklärt sich die Minderzahl des Ausschusses dafür, den Gagern’schen Antrag ohne eine Beschränkung zu genehmigen.

Da große geschichtliche Ergebnisse niemals durch bloße Wünsche und Wortbestimmungen herbeigeführt und entschieden werden, so könnte man jenen Streit und Gegensatz für unbedeutend halten; er bekommt aber schon +jetzt+ dadurch eine erhebliche Wichtigkeit, weil Hr. v. Gagern erklärt: er könne unter obigen Beschränkungen die Angelegenheit und Unterhandlung nicht übernehmen. Die Annahme des Majoritätsgutachtens würde also einen verderblichen Ministerialwechsel herbeiführen; denn es fehlt dazu (wie schon zwei verunglückte Versuche beweisen) zwar nicht an ehrgeizigen Raisonneurs (besonders auf der Linken), wohl aber an wahren Geschäfts- und Staatsmännern.

Den 13. Januar.

Gehen wir näher auf die Sache selbst ein, so treten uns allerdings die größten Schwierigkeiten entgegen. Staaten von höchst verschiedener Größe, Macht, Neigungen, Gewohnheiten, Erinnerungen, Bildungshöhe u. s. w. sollen friedlich und freundlich zu einem harmonischen Ganzen vereinigt werden; man soll gleichmäßig die Macht der größeren, und das Recht und den Lebensanspruch der kleineren berücksichtigen, die Starke im Innern und nach Außen erhöhen durch kräftigere Einheit, und doch nicht in eine Centralisation verfallen, welche die Mannigfaltigkeit und das örtliche Leben ertödtet.

Der unbedingte Haß gegen die Vergangenheit, die Verachtung alles Deutschen vor 1848, erzeugte hiebei zunächst eine schiefe Stellung; es war eine durchaus einseitige Betrachtungsweise. Und von hier aus geriethen manche der in Frankfurt gesetzgebernden Männer in den leidigen Butterfrauentrab deutscher Abstraktion und inhaltlosen Theoretisirens. So passen denn viele der ausgesprochenen, bewunderten und eigensinnig vertheidigten Bestimmungen ebenso gut (oder ebenso schlecht) für China, wie für Deutschland.

Ich wiederhole es: man rechnete mit unbenannten Zahlen und Größen, und freute sich dieses scheinbar allgemein gültigen Verfahrens; jetzt aber, wo diese Größen sollen benannt und zu den Begriffen bestimmte Personen gefunden werden, zeigen sich erst, wie jeder Verständige vorhersehen konnte, die größten Schwierigkeiten. Sie können nur gehoben werden, sobald man jene Allgemeinheiten modificirt und berichtigt. Hiezu haben aber die eingebildeten Väter des neuen, angeblich unfehlbaren und unabänderlichen politischen Evangeliums, nicht die mindeste Lust.

Am meisten traten die angedeuteten Mängel hervor, bei dem Abschnitte vom Kaiser, oder dem Reichsoberhaupte. Mit freigebiger Hand wies man ihm Rechte zu, und Viele stimmten in der Hoffnung bei, Demjenigen, dem sie das Kaiserthum zugedacht, werde es mit der reichen Ausstattung angeboten werden, und er müsse es natürlich mit großem Danke annehmen. So die Frühlingsträume, aus denen man aber jetzt sehr unangenehm aufgeweckt wird. Österreich will sich der +gesammten+ frankfurter Gesetzgebung entweder gar nicht, oder nur dann unterwerfen, wenn man die Fülle kaiserlicher Macht in seine Hand lege. Hiedurch, sagen Österreichs Gegner, wird der Schwerpunkt des Deutschthums aus Deutschland hinaus verlegt, und Preußen fügen mit Recht hinzu: sie könnten ihr Dasein (hervorgegangen aus so vielen Kämpfen) nicht selbstmörderisch einer lange feindlichen, zu drei Viertel undeutschen Macht opfern. Ja, Preußen selbst will sich durch eine, vielleicht sehr geringe, Mehrheit in der Paulskirche nicht eine Würde zuweisen lassen, im Falle es dieselbe erst gegen einen großen Theil Deutschlands erkämpfen müßte. Baiern und Hannover zeigen unverhohlen ihre Abneigung und blicken schon hin nach auswärtiger Unterstützung; Andere sagen höchstens: wir müssen ~bonne mine à mauvais jeu~ machen, -- und so wird das zur Einigung vorgeschlagene Kaiserthum schon jetzt ein Zankapfel der bedenklichsten und unangenehmsten Art.

Was ist bei diesen traurigen und gefährlichen Verhältnissen zu thun? Es müssen 1) die Regierungen nicht (wie zur Zeit der Wahl des Reichsverwesers) die Hände in den Schoß legen, sondern sich +eiligst+ über ein Mittleres vereinigen und den besonneneren Männern in der Paulskirche zu Hülfe kommen. Gar nichts thun, oder eigensinnig widersprechen, hilft zu nichts, ja es erhöht die Gefahren.

2) Wenn Österreich, Preußen und Baiern sich unverständig und endlos streiten, so bricht Deutschland auseinander und Fremde entscheiden über unser Vaterland.

3) Bestehen die kleineren Fürsten auf ihrer napoleonischen Souverainetät, so sind ihre Tage gezählt.

4) Berichtigungen finden in Frankfurt am besten Eingang, wenn die Abgeordneten wissen, was ihre Regierungen wünschen und bezwecken. Wir Preußen leben aber in dieser Beziehung in +völliger Unwissenheit+. Hr. -- ist, wie Alle klagen, stumm wie ein Fisch; entweder weil er nichts weiß, oder zum Schweigen angewiesen, oder von Natur dazu geneigt ist. Ändert sich dies nicht binnen 8-14 Tagen, so „wie Schafe gehen, gehen wir zerstreut, ein Jeder seinen eigenen Weg.“ Gott bessere es!

Vierundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 14. Januar 1849.

Gestern war ein sehr schwerer Tag. Die Sitzung dauerte von 9-2 Uhr und von 3-8 Uhr; -- bei schrecklicher Hitze. Denn die heiße, trockene Luft strömte durch Gitter aus der unterirdischen Heizung betäubend hervor, und hätte ich nicht das Gitter neben meinem Sitze durch gedruckte Reichstagsweisheit zugedeckt, wäre ich wohl in Ohnmacht gefallen.

Wenigstens krönte der Sieg die lange Anstrengung: das Ministerium Gagern ist erhalten, und die Gefahr, ein Ministerium der Linken zu bekommen, diesmal vorübergegangen. Ja, der Erzherzog hätte schwerlich je ein solches ernannt, und die steigende Macht der einzelnen Regierungen hätte vielleicht den ganzen Reichstag auseinander zu sprengen versucht. Scheinbar für diese ein Gewinn, der aber nach kurzer Frist neue Revolutionen herbeiführen würde.

Zur Sache ward nach dreitägiger Berathung beschlossen: das Ministerium solle mit Österreich über seine Stellung zu Deutschland verhandeln und sich verständigen. Man will, sagten die Gegner, Österreich hinausstoßen, man will Deutschland theilen. Sie nahmen keine Rücksicht darauf, daß unzählige Male erwidert ward: Niemand habe diese Absicht. Auch konnte man mit Recht behaupten und hoffen, freundliche Unterhandlungen, geleitet von verständigen, wohlgesinnten Männern, dürften eher zu einem erwünschten und erfreulichen Ziele führen, als Beschlüsse und Befehle der Paulskirche, auf welche Österreich zeither fast gar keine Rücksicht genommen hat, und in der That nicht füglich nehmen konnte.

Es ist ein fast unlösbares politisches Räthsel: wie Österreich ein Gesammtstaat bleiben, oder werden könne, und doch der deutsche Antheil dem deutschen +Bundes+staate einzuverleiben und zu unterwerfen sei. Noch weniger können alle nichtdeutschen Bestandtheile des österreichischen Staates in den deutschen Reichstag aufgenommen und daselbst vertreten werden. Je schwieriger aber die Verhältnisse sind, je weniger sich jene nichtdeutschen Bestandtheile geneigt zeigen, eine Unterwerfung unter das Deutsche zu dulden; um so vorsichtiger und zarter muß man verfahren, um ein Band nicht ganz zu zerreißen, dessen Deutschland, ja ganz Europa bedarf. Nur das wird Lebenskraft und Bestand haben, worüber alle Theile sich freiwillig einigen und vertragen; Wünsche, oder in Befehle verwandelte Wünsche, reichen hier nicht aus.

Morgen kommen wir an die, wo möglich, noch schwierigere Frage: über des Reiches Oberhaupt. Viele wollen, aus verschiedenen Gründen, eine mehrköpfige Spitze. Die Einen nämlich, weil alsdann mehre Fürsten berücksichtigt und für den Plan gewonnen werden; die Anderen, weil sie hoffen, durch eine republikanische Form der höchsten Gewalt, allmälig alle untergeordneten Formen zu beseitigen.

Nur wenn wir einen minder mächtigen Fürsten an die Spitze stellen (sagen wiederum Andere) wird die Freiheit, ja das Dasein der Übrigen, erhalten; -- ein Mächtiger, mit Kaiserrechten, wird Alle unterjochen.

Ohnmächtige Scheinkaiser (erwidert man) haben Deutschland nur zu viel Schaden gethan; der Mächtigste allein kann ordnen, schützen; ihm gebührt die Führung von Natur und von Rechts wegen.

Wir haben zwei Übermächtige, der Vorzug aber gebührt Österreich, nach geschichtlichem Vorgange. Ja, wenn es seine außerdeutsche Macht in die deutsche Wagschale legt, so bringt dies doppelten Gewinn und verdoppelt auch den Anspruch.

Die undeutschen Bestandtheile Österreichs verwickeln Deutschland in undeutsche Richtungen, Zwecke und Kriege. Es giebt nur eine wahrhafte, durch und durch deutsche Großmacht -- nämlich Preußen! Dies übergehen, zurückstellen zu wollen, wäre so einfältig, als ungerecht, als unmöglich.

Stellt man Preußen an die Spitze, so zürnt Österreich, und Baiern schließt sich an dasselbe, oder an Frankreich an.

Österreich wird seinen wahren Vortheil als abgeschlossenen Gesammtstaat einsehen lernen und sich aufs Engste mit Deutschland verbinden; Baiern aber nicht vergessen, wie schlecht ihm das Bündniß mit Frankreich im spanischen und österreichischen Erbfolgekriege bekommen ist. Auch würde der deutsche Volkssinn die baierische Regierung bald von derlei Irrwegen zurückbringen.

Wenn das baierische Volk auch nicht französisch gesinnt ist, verwirft es doch einen norddeutschen, protestantischen Kaiser.

Baiern wird und muß Folge leisten, sobald Preußen sich mit Österreich oder dem übrigen Deutschland verständigt hat.

Man kann für Preußen nicht mit voller Sicherheit stimmen, so lange man nicht weiß, ob der König die Kaiserwürde annehmen und mit aller Kraft behaupten will.

Der König kann hierüber nicht entscheiden, bevor er weiß, ob in Frankfurt wirklich eine große Mehrheit ihn erwählt, und ob die deutschen Fürsten beistimmen.

Eine solche Mehrheit findet sich nur bei thätigem Mitwirken, und das deutsche Volk wird, heftiger als im vorigen Jahre, wider diejenigen Fürsten aufstehen, welche seiner Entwickelung entgegentreten und ihren Sondergelüsten nachhängen. Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Handeln ist besser als verneinen, und wenn der große Kurfürst vor der Schlacht bei Fehrbellin, Friedrich II im Jahre 1740, Friedrich Wilhelm III im Jahre 1813, sich nicht rasch und kühn entschlossen hätten, -- Preußen hätte keine größere Geschichte, als der übrige Ameisenhaufen kleiner deutscher Staaten.

So viel heute zur Probe, aus den Vorreden, den pourparlers; bald mehr, und hoffentlich Gescheites und Entscheidendes.

Ihr macht mir vielleicht den Vorwurf, daß ich (gleichwie Buridans Esel) auch nicht wisse, was ich wolle. Ich folge aber dem Beispiele des großen Staatsmannes Lord Burleigh, der für sich und seine kluge Königin Gründe und Gegengründe immer aufs Unparteiischste und Vollständigste entwickelte, und dadurch eben zu der Gewißheit kam, was endlich zu thun, wo das größere Gute, wo das kleinere Übel sei.

Fünfundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 16. Januar 1849.

Ich hatte gestern ein langes Zwiegespräch unter vier Augen mit dem Erzherzoge Johann. Er behauptete: erstens mit vollem Rechte, daß es ein sehr großes Unglück für Deutschland und für Preußen sei, wenn die hiesige Reichsversammlung nicht +vor+ dem Anfange der berliner Versammlung ihre Arbeiten beendigt habe. Zu dieser unglückseligen Verzögerung trügen aber

zweitens nicht blos, die hiesigen Abgeordneten, sondern noch mehr die Regierungen der einzelnen deutschen Staaten bei, durch Unentschlossenheit und Unthätigkeit. Deshalb wäre es

drittens, das wirksamste, imponirendste, gewinnendste Mittel, wenn alle Fürsten Deutschlands +eiligst selbst+ hieher kämen und einen großen Reichstag bildeten und vervollständigten. Oder sie sollten wenigstens sämmtlich gewiegte Männer mit ganz +unbeschränkten+ Vollmachten hieher senden, um die hochwichtigen Sachen endlich zu einem einigen, inhaltsreichen Ziele zu führen.

Er selbst, der Erzherzog, wolle dann (ohne etwas für sich zu verlangen oder anzunehmen) gern in seine stille Heimat zurückkehren.

In der hiesigen Versammlung wogen die verschiedensten, entgegengesetztesten Ansichten, Absichten und Zwecke dergestalt auf und ab, daß man gar nicht absehen kann, wofür sich eine, so lange die Österreicher mitstimmen (wahrscheinlich +geringe+), Mehrheit entscheiden wird. Eine solche geringe Mehrheit hat aber wenig Gewicht, und führt eher zu Widersprüchen und Unordnung, als zu Einheit und Ruhe. Nur die Fürsten und Regierungen können durch Erklärungen, welche zugleich gemäßigt und bestimmt sind, dem Schwanken ein Ende machen und eine löbliche, gemeinsame Richtung herbeiführen.

Aber es ist die +allerhöchste+ Gefahr im Verzuge. +Vor+ den letzten Beschlüssen der hiesigen Versammlung erscheint eine heilsame Einwirkung, Verständigung und Abänderung noch möglich; +nachher+ ist die Versammlung, wenn nicht doppelt mächtig, doch doppelt ungefüge und eigensinnig. Läuft aber das ganze Bestreben auf diesem Wege auf +nichts+ hinaus, kommt es zu keinem Ergebniß, so wird eine zweite, ärgere Revolution, über kurz oder lang, nicht ausbleiben.

Sechsundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 17. Januar 1849.

Da ich vorgestern ein langes Zwiegespräch mit dem Erzherzoge Johann gehabt, hielt ich mich für entschuldigt, gestern bei der gewöhnlichen Abendvorstellung auszubleiben. Sechsstündigem Redenhören sollte eine +bequeme+ Erholung in +Haustracht+ folgen. Zuvörderst aber strafte sich mein Mangel an vorsichtiger Aufmerksamkeit dadurch, daß ich eine gute halbe Stunde zu früh ins Schauspielhaus kam; denn es ging nicht um 6, sondern um halb 7 Uhr an. Graf Waldemar von Freitag gewährte aber keine heitere Erholung. Das Stück ist auferbaut auf dem Grunde des +Leichtsinnes+ und der +Sentimentalität+; und die Deutschen ziehen nur zu gern in derlei Gebäude, um jenen, durch das Dach der letzten, zu rechtfertigen, oder doch zu entschuldigen. Erbärmliche Mißverhältnisse und Lebensstörungen können allerdings aus kleinen Versehen hervorgehen und selbst viel zu hart bestraft werden; aus solcher Klemme, solcher Marterei erwächst aber kein wahres Kunstwerk. Es kann sich weder zu voller Heiterkeit erheben, noch die Theilnehmenden durch eine großartige tragische Wendung reinigen. Sie ziehen sich höchstens aus der Falle, wie der Fuchs, der den Schwanz zurückläßt; -- was aber weder recht komisch, noch tragisch ist. Die Darstellung war besser, als das Stück, konnte aber doch keine lebhafte Theilnahme erwecken.

Siebenundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 19. Januar 1849.

Die Oberhauptsfrage schwebt noch immer, und die letzte Abstimmung wird gewiß zu keiner so entscheidenden Mehrzahl führen, daß man mit Sicherheit darauf weiter bauen kann. Gegen das preußische Erbkaiserthum stimmen die Österreicher, die Ultramontanen und die meisten Baiern. Deutschland bedarf Preußens noch mehr, als umgekehrt; und wenn nicht die große Sorge wäre, daß +wir uns selbst zu Grunde richten+, -- wäre ich fast sorgenfrei. Der Plan, über welchen sich +alle+ Regierungen einigten, wäre der +beste+, welchen Inhalts er auch sein möchte. Aber die Regierungen sind und bleiben stumm, und in der Paulskirche spielt man das Kinderspiel, alles Positive gegenseitig aufzuheben, bis nichts als das kahle bloße Nichts übrigbleibt. Es taugt (so heißt es) kein Präsident, kein Wahlkaiser, kein Wechsel, kein Direktorium, kein Erbrecht u. s. w.

Ich wiederhole: ohne +große Majoritäten+ und festen Willen ist alles Beschließen erfolglos, und auf +jene+ ist bei den jetzigen Verhältnissen gar nicht zu rechnen. Dann verdoppelt die Linke ihr Geschrei über die Nichtigkeit der frankfurter Versammlung, und erweiset die Nothwendigkeit einer neuen Revolution. Aber alle diese Gefahren reichen bis jetzt nicht hin, sich bei Zeiten zu versöhnen: man ist fast immer nur conservativ, oder kühn, je nachdem es den Leidenschaften und Vorurtheilen zusagt.

Nachmittags.