Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 11

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Ich komme soeben aus der Paulskirche und melde in höchster Eile, daß mit großer Stimmenmehrheit verworfen wurden Turnus, Trias, Direktorium, Präsidentschaft, Wählbarkeit jedes Deutschen u. s. w. -- Hierauf kam der Satz zur Abstimmung: „Die Würde des Reichsoberhauptes wird einem der regierenden deutschen Fürsten übertragen!“ Hiergegen verbanden sich Österreicher, Baiern, Schutzzöllner, Ultramontanen u. s. w. aus den verschiedensten Gründen. Sie wollten lieber, daß gar nichts beschlossen werde, und die Versammlung ihren Bankerott an politischer Einsicht und Charakterkraft offen an den Tag lege, als daß sie um Deutschlands willen ihren Vorurtheilen und Leidenschaften entsagten. Dennoch blieb den Vernünftigeren der Sieg mit 48 Stimmen. -- Jetzt kommt zur Abstimmung: Dauer auf mehr oder weniger Jahre, Lebenszeit, Erblichkeit. Es ist sehr die Frage, ob das letzte durchgehe; jeden Falls zieht sich der Kreis, über welchen sich die Regierungen rasch erklären könnten und sollten, immer enger.

Achtundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 20. Januar 1849.

Gestern sah ich zuerst die schöne Müllerin, Lustspiel in einem Akte, worin Hr. Meinhold (Thisbe im Sommernachtstraum) und die Hausmann sehr ergötzlich spielten. Hierauf die Ouverture zur Euryanthe, bei deren Anhören mir immer wieder der Zweifel aufsteigt: ob es rathsam sei, +verschiedene+ Motive aus der +nachfolgenden+ Oper aneinander zu reihen, um +eine+ Ouverture daraus zu bilden. Zuletzt: Häuslicher Zwist und Frieden, von H. v. Putlitz, worin die politische Heftigkeit, Eigensinn und Übertreibung in heiterer Weise verspottet werden.

Ihr seht, daß ich es mit dem Abendbesuche der Klubs oder des Casino (aus den schon mitgetheilten Gründen) nicht übertreibe. Ich erinnere wiederholt an das übermäßige Tabackrauchen (was Augen, Nase und Lungen gleich wenig zusagt), an meine Abneigung, mich in der Politik zu übernehmen und meine Unabhängigkeit preiszugeben. Doch stehe ich auf freundschaftlichem Fuße, und nach dem Wunsche vieler Mitglieder hat mir Einer seine Sprechnummer in der Oberhauptsfrage abgetreten. Dies ist (da ich mich beim Mangel aller Aussicht, daran zu kommen, gar nicht gemeldet hatte) allerdings ein großes Avancement; -- dennoch wird die Verhandlung höchst wahrscheinlich geschlossen, ehe ich an die Reihe komme. -- Wenn ich sehe, wie wenige Redner (auch nur getheilten) Beifall erhalten, ist dies wohl für ein Glück zu achten. Jeden Falls wird Das, was ich sagen will, Vielen nicht gefallen.

Neunundneunzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 22. Januar 1849.

Mir ist zu Muthe, als könnte und würde ich von hier aus keine Briefe mehr schreiben, als wäre das Sondern meiner vielen Papiere und Druckschriften schon eine Vorbereitung zum Einpacken. Mit dieser Woche erreichen wir den Höhepunkt unserer Bestrebungen, mögen wir zuletzt auch zu Stande bringen: viel, wenig -- oder nichts. Gewiß sind wir erst beim Anfange, und trotz des etwanigen Kaiserschnittes werden wir dadurch noch keinen lebendigen, regierenden Kaiser bekommen. Kaum ist wohl ein Abgeordneter in der Lage eines deutschen Geschichtschreibers wie ich, der manches früher Geliebte zum Tode verurtheilen soll, damit neues Leben und eine frische Entwickelung möglich werde.

Den 23. Januar.

Ich könnte wiederholen, was alle Zeitungen über die Sitzungen in der Paulskirche berichten; auch wohl einzelne Erläuterungen und Zusätze geben. Mir fehlt aber dazu die frische Lust. Der Parteien sind so viele, die eigensinnig vertheidigten Standpunkte so mannigfaltig, die gescholtenen Sonderinteressen, auf wenig veränderte Weise, in den Klubs so vorherrschend, daß man zu allgemeinen, entscheidenden Schlüssen kaum kommen kann und vergißt, daß kleine Mehrzahlen die Welt nicht begeistern und fortreißen. Die Frage, ob Einer, Drei, Fünf u. s. w. in Deutschland an die Spitze treten sollen, wird mit 40 Stimmen in unseren Tagen schwerlich entschieden.

Die gehaltenen Reden sind zum Theil vortrefflich, zum Theil verkehrt, inhaltsleer und schlecht. Den letzten muß ich eine beizählen, die -- in so stotternder, langweiliger, zerrissener Weise vortrug, daß die Geduld des Wohlwollendsten kaum ausreichte. Die Worte kamen so einzeln, daß mir das famose Wort Zelter’s über die Schaf-- einfiel, welches -- in zwei gereimte Verse übersetzte, womit ich zarte Leserinnen, welche jenen Dichter verehren, nicht entsetzen will. -- Der Mann, sagte mir Jemand, ist zu alt; ein Notabene für mich, der ich mindestens 10 Jahre älter bin. Doch will -- auf neuen Bahnen courbettiren; ich trabe dagegen in gewohnten Wegen. Über das Kaiserthum wollte ich erst +nicht+ reden, gab dann geäußerten Wünschen nach und übernahm eine mir abgetretene Stelle. Nachdem ich mir das im Kopfe zurechtgelegt, was ich wohl sagen wollte, wird mir zugemuthet, meine Stelle an Gagern abzutreten, dessen Worte allerdings hundertmal gewichtiger sind, als die meinigen.

Den 24. Januar.

Die Versammlung hat die Berathung abgeschnitten und sich zum Abstimmen gewandt. Während man über unbedeutende Dinge tagelang geschwatzt hat, will man über wichtige sich nicht unterrichten, weil die Meisten aus ihren Klubs (die nach Sonderinteressen gebildet und gespalten sind) schon eine fertige Meinung mitbringen, -- was denn freilich alles Reden und Berathen ganz unnütz macht.

Von 9-5 Uhr habe ich gestern in der Paulskirche aushalten und sechs namentlichen Abstimmungen beiwohnen müssen; was die Neigung zu gesetzgebern sehr ermäßigen kann, das Heimweh, oder doch den Wunsch der Heimkehr, aber vermehrt. Abends war ich zu S. und zu B. eingeladen, mußte aber zum Erzherzoge gehen, wo ich allerlei Leute, insbesondere aber ihn selbst sprach. Er erzählte unter Anderem, wie er, von den Berathungen auf der Pfingstweide unterrichtet, einige treue Diener zum Zuhören hinausgesandt und auf deren Berichte (in Übereinstimmung mit Schmerling und Peuker) insgeheim Mannschaft nach Frankfurt berufen habe, ohne welche Alles drunter und drüber gegangen wäre. Blum, Zitz, Schlöffel und ähnliche Leute hätten ihn bestürmt, alle Soldaten zurückzuziehen; dann werde man +nachher+ die Barrikaden wieder abtragen; er habe aber (Gottlob) widerstanden und verlangt, daß +vorher+ die völlige Ordnung hergestellt werde. Wäre damals (wie man bezweckte) die frankfurter Versammlung auseinandergejagt worden, wir hätten in ganz Deutschland eine blutige Herrschaft fanatischer Terroristen.

Hundertster Brief.

Frankfurt a. M., den 24. Januar 1849.

Herr Camphausen ist seit einigen Tagen wieder hier, und man munkelt (das Wort ist bezeichnend) von großen Beschlüssen der preußischen Regierung. Noch hat aber keiner von den vielen preußischen Abgeordneten etwas von ihm vernommen, und auch der Erzherzog Johann wußte gestern Abend noch keine Sylbe.

So sind und bleiben wir denn ein Heer ohne Feldherrn, eine Schiffsmannschaft ohne Steuermann, eine Heerde ohne Hirten. Jeder saugt sich seine angebliche Begeisterung und Weisheit aus den Fingerspitzen, oder Nichtsthun und Abwarten sagt allen verneinenden, inhaltslosen Seelen so zu, daß sie sich dabei wohlbefinden, wie die stummen Fische im Wasser.

Wahrlich das Wunder der Leibnitz’schen, vorherbestimmten Harmonie müßte eintreten, wenn wir Alle harmonisch berathen und beschließen sollten! Gestern ist dies Wunder ausgeblieben, wie folgende Abstimmungen über Art und Dauer der Kaisergewalt zeigen. Es erklärten sich in Bezug auf die

Erblichkeit dafür 211 St., dagegen 263. Lebenslänglich „ 39 „ „ 413. Zwölfjährig „ 14 „ „ 264. Sechsjährig „ 196 „ „ 264. Dreijährig „ 120 „ „ 305.

Der Vorschlag, den Kaiser auf ein Jahr zu wählen, ward zurückgenommen.

So sind also +alle+ Vorschläge ohne Ausnahme verworfen worden, woraus man die politische Unfähigkeit der frankfurter Versammlung und Entgegengesetztes begründen wird. Die Republikaner wollen die Versammlung auflösen, um durch neue Wahlen obzusiegen und Revolutionen herbeizuführen; die Absolutisten behaupten, es müsse nunmehr alles Nöthige +allein+ durch die verschiedenen Regierungen geschehen. Beide Wege führen ins Verderben.

So wunderlich jene Abstimmungen auch erscheinen, ist doch kein Grund deshalb zu verzweifeln. Sie beweisen nur Unklarheit und Unreife, und selbst bis zur zweiten Lesung des Gesetzentwurfs werden Überlegungen und eintretende Thatsachen hoffentlich einem inhaltsreichen Ziele näher führen.

Merkwürdig ist es, daß die größte Minderzahl sich für die Erblichkeit aussprach; -- obgleich sich die verschiedenartigsten Gegner Preußens dawider vereinigt hatten. Überhaupt zeigen sich die +Sonderinteressen+ in der Paulskirche und den Klubs ebenso sehr wie +außerhalb+; und der unzählige Male verurtheilte Bundestag glaubt schon an eine fast unveränderte Auferstehung!

Gott segne die Wahlen für den neuen preußischen Reichstag! Da liegt die größte Gefahr!

Hunderterster Brief.

Frankfurt a. M., den 25. Januar 1849.

-- -- In alle diese Nichtigkeiten, oder Kleinlichkeiten, tönten indeß Nachrichten sehr ernsthaft hinein, über die vielen Verfolgungen angeblich politisch-schuldiger Personen in Preußen. Dies buchstäblich scheinbar gerechte, in Wahrheit leidenschaftliche Verfahren reizt zum Widerspruche, führt zu Lossprechungen und erhebt nicht blos in den Stand angeblicher Märtyrer, sondern auch in den Stand wirklicher Reichstagsabgeordneten.

Den 26. Januar.

Leider lauten die Nachrichten über die berliner Versammlungen und Wahlen so traurig, wie ich vorher gesehen und gesagt. Welch ein Unterschied, wenn ich die vorjährigen Versammlungen damit vergleiche. Alle Leidenschaften gesteigert, Klugheit und Mäßigung hingegen vermindert! Aber nicht ohne Schuld der Regierung, welche den Sieg in eine Niederlage verwandelt. -- -- -- Wie lange die hiesige Versammlung noch beisammen bleibt und ich ihr beiwohnen werde, weiß ich noch nicht; gewiß wünschen weit die Meisten den Schluß, und sehnen sich nach der Heimat. So haben wir gestern 14 Sätze über das Reichsoberhaupt angenommen, und nur einer über den Titel: +Kaiser+, führte zu Berathungen und zu namentlicher Abstimmung. Die Österreicher und die Baiern sind gegen eine so vornehme Benennung und noch mehr die Republikaner; deshalb ward der Titel mit nur 214, gegen 205 Stimmen angenommen. Das Recht der Kriegserklärung wiesen ihm dagegen 282, wider 136 Stimmen zu. Wäre nicht anzunehmen, daß bei der zweiten Lesung der Verfassung erhebliche Berichtigungen eintreten und die stummen Regierungen endlich reden werden, so ginge ich schon jetzt davon. Überdies wird die Einheit Deutschlands immer schwächer vertreten, und fällt ganz dahin, wenn Preußen nicht mächtig bleibt und sich muthig dafür ausspricht. Ist doch die sächsische Kammer ganz den Radikalen preisgegeben.

-- Äußerung: es sei +besser+, wenn die Wahlen überall +schlecht+ ausfielen, beruht auf dem unheilbringenden und unsittlichen Grundsatze: es muß erst +recht schlecht+ werden, ehe es +besser+ wird. Allerdings zeigt der Welt Lauf nur zu häufig, daß dies der Fall ist, und keine Macht hinreicht die unglückliche Richtung zu überwältigen. Dies rechtfertigt aber Diejenigen nicht, welche die Hände in den Schoß legen, oder sich nur hinter den Ohren kratzen, und gleich Unglücksvögeln sich und Anderen den Muth austreiben und Wehe schreien. Welch voller Gegensatz zu dem trunkenen Wahnsinn der --; und doch führen beide Richtungen gleichmäßig ins Verderben.

Du hast sehr Recht, daß kein Mensch, der noch seine fünf Sinne hat, sich einbilden kann, er bewege die Welt; aber das Evangelium lehrt schon, daß man auch das allerkleinste anvertraute Pfund nicht soll unbenutzt lassen. Und wenn sich Leiden hinzugesellen, so darf man nicht blos jammern und bämmeln, sondern soll muthig ertragen lernen. Es ist eine bloße ~Escapade~ des Nichtwollens und Nichtthuns, zu sagen: die Franzosen und ihre Literatur sollen und werden uns erretten.

Ich bin sehr begierig auf Goethe’s Briefe an Frau von Stein und danke für Deine lebendige und geistreiche Kritik. Mit Stilling’s Richtung und Wesen stimme ich in keiner Weise zusammen. Diese hochmüthige Demuth, diese aufgeputzte Keuschheit, dies Liebäugeln mit unserem Herr Gott (wofür er sich bedanken soll), dieses Heucheln vor sich selbst, oder diese Großthuerei mit einem Pfennig von Wahrheit, neben geistig verbuhltem Kartenlegen und Volteschlagen; -- ist mir durchaus zuwider. -- „Doch, richtet nicht;“ so breche ich ab, bis mir ein Vertheidiger Stilling’s gegenüber steht und meine voreiligen Urtheile berichtigt.

Hundertzweiter Brief.

Frankfurt a. M., den 27. Januar 1849.

Ich sage mir täglich und schreibe es Anderen ins Stammbuch: „+Nicht verzweifeln+;“ zum Theil, weil ich Muth habe, zum Theil aber auch, weil ich dessen selbst bedarf. Denn, wahrlich, der Himmel ist keineswegs heiter, und der Sturm, welcher seit mehreren Tagen von der Mainbrücke her gegen meine Fenster tobt, tönt mir wie eine herbe Warnung, oder Weissagung für Deutschland.

Ich will nicht zurückkommen auf den Mißbrauch, den das preußische Ministerium von seinem Siege gemacht und wie viel Boden es dadurch verloren. Ich will der Ungebühr der Demokraten diesmal nicht erwähnen: sind denn aber die Rückläufigen klüger, welche -- -- und ähnlich Gesinnte als Bewerber aufstellen, dadurch Gemäßigte zurückschrecken und ihren ungemäßigten Gegnern in die Hände arbeiten? Ist denn das wahre Heilmittel, die alten Thorheiten nochmals auszuspielen, und kann man Leuten vertrauen, die den Fuchspelz der Freisinnigkeit und Duldung nur übergeworfen haben?

Die hiesigen Abgeordneten (von denen sehr viele nicht über die Spaziergänge Frankfurts hinausblicken) glauben noch immer an ihre Allmacht und freuen sich darüber. Auf jede Weise lehnten sie eine Vereinbarung mit den einzelnen Fürsten und Regierungen ab, und beschlossen Dinge, welche nothwendig zum Streite mit Österreich führen mußten. Weil (heißt es) unsere Paragraphen unveränderlich sind, muß Österreich sich unterwerfen, oder draußen bleiben. Umgekehrt will man aber auch Preußen nicht, weil es eine Großmacht ist, während Baiern sich aufbläset, um eine zu werden.

Unterdeß suchen die Österreicher Alles in die Länge zu ziehen, aus natürlichen Gründen und unbekümmert um die übelen Folgen, welche daraus für das übrige Deutschland hervorgehen. Daß die beiden Hauptstaaten, Österreich und Preußen, so erkrankt sind, ist der Hauptgrund aller Verwirrung, und dem guten Willen einiger kleinen Staaten steht offene Fehde gegenüber, wie sie die sächsische radikale Kammer ankündigt.

Es ist eine große Täuschung zu glauben: man könne mit Majoritäten von 10-20 Stimmen ganz Deutschland umgestalten und zu willigem Gehorsam vermögen.

Es ist ferner ein großes Unglück, daß man die Vorzüge der Monarchie immer nur theoretisch und geschichtlich darthun kann, während die Massen allein durch Persönlichkeiten in Bewegung gesetzt und begeistert werden. In der Republik hält sich Jeder für die rechte und größte Person; und so gewinnt sie täglich mehr Boden, bis (wie in Frankreich) die Noth und die Gewalt zur Demuth zwingt.

Mir sagte Jemand: ich habe durch mein Buch über Amerika wesentlich, und mehr als irgend Jemand, die demokratische Richtung gefördert. Soll ich die Wahrheit verhehlen, und habe ich nicht auf jeder Seite gewarnt: man solle, bei ganz anderen Verhältnissen, nicht in dumme Nachäfferei verfallen?

Die Republik kann bei uns versucht werden, aber nicht Dauer gewinnen. Auch ist zwischen Voigt und Washington, Schlöffel und Jefferson einiger Unterschied.

Die Besorgniß: es möchten die Fürsten und Regierungen gegen den frankfurter Verfassungsentwurf erhebliche Schwierigkeiten erheben, hat (wie gesagt) nicht zu einer offenen Mitberathung geführt; wohl aber hat man (meist um sie zu beschwichtigen) in den Verfassungsentwurf ein Kapitel aufgenommen, betitelt: der +Reichsrath+. Als ich gestern dagegen stimmte, haben Die, welche mich zu ihrer Partei zählen, theils mit Achselzucken ihren Unwillen zu erkennen gegeben, theils mit lauten Vorwürfen. Der Eine sagte: sie haben den Kaiser zu Grunde gerichtet; der Andere, es fehlt an aller Disciplin; der Dritte: was die Linke befürwortet, muß man jedesmal verwerfen u. s. w. -- Ich ließ mich nicht verblüffen und blieb die Antworten nicht schuldig.

Jene machen Partei, welch unerlaubtes Beginnen! Aber unsre Partei, freilich versteht sich von selbst.

Ähnlich sprachen vor 200 Jahren die Katholiken und Protestanten zu ihrem und des Vaterlandes Verderben; auch ihnen standen die Parteiansichten höher, die Wahrheit, Liebe und Versöhnung. Niemals werde ich mich einer solchen Knechtschaft unterwerfen. Und sollte ich (das ginge noch an) wenigstens ~jurare in verba magistri~; -- nein, ~discipulorum in Klubbo~! -- Gern lasse ich Anderen ihre Freiheit, behaupte aber auch die meine.

Neben dem Kaiser, dem Volkshause und dem Staatenhause, soll der Reichsrath stehen, zusammengesetzt aus Männern, welche die einzelnen Staaten schicken, um von der Reichsregierung eingebrachte Gesetzentwürfe zu begutachten. Der Reichsrath ist also kein Staatsrath, keine Behörde von Beamten, keine Gesellschaft von Sachverständigen. Man will (sagt man mir) hiedurch die Fürsten gewinnen für den Verfassungsentwurf. Besser durch offene Mitberathung, als durch eine Einrichtung, welche in dieser Weise noch nie in der Welt da gewesen ist. Die beiden Kammern, die verantwortlichen Minister, die befragten Sachverständigen, sowie ~reports~ nach englischer Weise, reichen vollkommen hin alle Zwecke zu erreichen. Was würden die Nordamerikaner sagen, wenn man ihrer Verfassung solch ~hors d’oeuvre~, solchen Hemmschuh anlegen wollte? Einige hoffen in dieser Weise den alten Bundestag einzuschmuggeln; Andere stimmen dafür, weil es gar keine Bedeutung habe. -- Und in der That, wenn die Reichsregierung (was ihr jedesmal frei steht) den Gesetzesvorschlag von einem +Einzelnen+ einbringen läßt, findet gar keine Begutachtung statt. -- Diese Begutachter werden mit den im Hintergrunde stehenden Regierungen (und es ist ja der Zweck ihr Gewicht zu erhöhen) briefwechseln, Zeit verderben, widersprechende Ansichten entwickeln, und Kaiser und Reich das Leben sauer machen, bis die Kammern (nothwendig entscheidend) dazwischentreten, und die Gutachten nach Belieben berücksichtigen, oder -- zur Seite werfen.

Mögen diese, nur angedeuteten, leicht zu mehrenden Gründe auch unzureichend sein, jedenfalls steht die Sache so, daß Jedem frei bleiben muß, seine Überzeugung auszusprechen.

Ob wir etwas zu Stande bringen? Wer weiß es? -- Ich habe zwei meiner wenigen Lebensjahre (seit der Stadtverordnetenwürde) ganz den öffentlichen Angelegenheiten geweiht, und es wächst die Sehnsucht mich in mein Schneckenhaus zurückzuziehen.

Hundertdritter Brief.

Frankfurt a. M., den 28. Januar 1849.

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich las soeben eine Reise des Engländers Cochrane, welcher zu Fuße durch Sibirien nach Kamtschatka und zurück gewandert ist. Die Hauptgenüsse sind: rohe Fische, 43 Grad Kälte, ein wundes Gesicht, grobe Kosaken, stinkende Jakuten, nasse Kleider, Eiszapfen an den Haaren, und dergl. mehr!!

Den 29. Januar.

Solltet Ihr finden, daß ich (und Andere noch mehr) zu unzufrieden mit den sie umgebenden Verhältnissen sind und sich hinauswünschen, so hat es doch wohl noch Keiner so weit gebracht wie der oben erwähnte Cochrane, welcher, als er aus Sibirien zurückkehrend, Europa betritt, ausruft: „Ich wähnte (in Sibirien) den Sitz des Elends, Lasters und der Grausamkeit zu finden, und nun wußte ich daß ich den Sitz der Menschlichkeit, Gastfreiheit und Güte im Rücken gelassen habe. Ich fühlte den Wunsch umzukehren und meine Tage drüben zu beschließen. Ja, dies Verlangen ist noch jetzt so stark, daß es mir kein Opfer kosten würde, der Politik, dem Kriege und anderen Dingen, die das civilisirte Leben mit sich bringt, den Rücken zu wenden, um in Mittelsibirien, sicher vor Störungen von innen und außen, behaglich zu leben.“ -- Die eigenen Erzählungen Cochrane’s dürften aber schwerlich Jemand verführen, seine Bewunderung Sibiriens zu theilen und sich dahin zu wünschen.

Ich habe den Lukan zur Hand genommen, den ich seit meiner Universitätszeit nicht angesehen. Ich bin zu alt Epopeen zu lesen (Homer und die Nibelungen ausgenommen) und so überspringe ich gar Vieles. Es läßt sich allerdings nachweisen, daß und wo der jugendliche Dichter sich Übertreibung und Schwulst zu Schulden kommen läßt; allein die immer dasselbe wiederholenden Kritiker scheinen mir ihn unbillig zu behandeln, und seine Persönlichkeit zu gering anzuschlagen. Dem maßhaltenden Virgil waren der ~pius Aeneas~ und die römischen Anfänge ein Gegenstand mäßiger Begeisterung, die sich mit Schmeicheleien gegen Augustus sehr wohl vertrug; Lukan’s Seele war ergriffen von dem furchtbaren Schicksale seines Vaterlandes, und Pompejus, Cäsar, Cato drängen ihn zu muthiger, großartiger Rede, und endlich zu einer Verschwörung gegen Nero und zum Tode für sein Dichten und Handeln. Die Aeneis ist ein gemachtes, erkünsteltes Werk; ihm fehlt die Natur Homer’s und der Zorn Lukan’s. Das ~arma virumque cano~ läßt mich ruhig abwarten, was der etwas mattherzige Held vielleicht vollbringen wird; Lukan’s erste Verse zwingen durch ihre Kraft und Wahrheit zu tieferer Theilnahme:

~Bella -- plus quam civilia, Jusque datum sceleri canimus, populumque potentem In sua victrici conversum viscera dextra Cognatasque acies, et rupto foedere regni Certatum totis concussi viribus orbis In commune nefas.~

Cäsar und Pompejus mit scharfen, treffenden Zügen meisterhaft geschildert: dieser geworden ~magni nominis umbra~; -- jener ~nescia virtus stare loco~, -- ~solusque pudor non vincere bello~, -- ~gaudensque viam fecisse ruina~.

Über das Recht der Beiden die berühmten Verse:

~Quis justius induit arma, Scire nefas: magno se judice quisque tuetur: Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni!~

Wie geschickt und ernst sind die entgegengesetzten Lehren von Vorherbestimmung und Zufall in höchster Kürze dargestellt, mit dem bedeutenden Schlußworte: ~liceat sperare timenti!~ -- Wie furchtbar die Beschreibung der Leiden und Folgen des Bürgerkrieges:

~Omnibus hostes Nos reddite populis; civile avertite bellum!!~

Wie überraschend und wahr das Wort:

~Nunc flere potestas Dum pendet fortuna ducum; quum vicerit alter, Gaudendum est!~

Wie schmerzlich die Worte:

~Non ante revellar, Exanimem quam te complectar Roma, tuumque Nomen libertas, et inanem prosequar umbram!~

Cato’s Grundsätze:

~Servare modum, finemque tenere, Naturamque sequi, patriaeque impendere vitam, Nec sibi, sed toto se genitum credere mundo.~

Eine Wahrheit und Weissagung zugleich:

~Libertas, inquit, populi, quem regna coercent, Libertate perit, cujus servaveris umbram, Si, quidquid jubeare, velis. -- Venia est haec sola pudoris, Degenerisque metus, -- nil jam potuisse negari!~

Ich breche ab aus Besorgniß, Ihr werdet über meine lateinischen Anführungen zu sehr schelten. Laßt sie Euch von einem der vielen schulgelehrten Freunde übersetzen, und Ihr werdet für ihren Werth stimmen.

Den 30. Januar.

Gestern hatte ich die redliche Absicht, im Casino den Vorberathungen über einen neuen Theil der Verfassung (die Gewähr) beizuwohnen; aber eine Unzahl dampfender Cigarren verdarben die Luft dergestalt, daß ich Kopfschmerzen und Augenschmerzen bekam, und meinem einfachen Abendbrote im Schwan nachging.