Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)
Part 12
Daheim las ich Jackson’s Landreise von Bassora bis Hermannstadt, und Degrandpré’s Reise nach Congo und Loango. Beide bestätigten mir (gleichwie Cochrane), daß es trotz aller Mängel bei uns (und überhaupt unter gebildeten Völkern) besser leben ist, als unter rohen, oder ausgearteten. Degrandpré erzählt, daß die Prinzessinnen in Loango einen Gemahl wählen nach Laune und Geiz, und daß sie ihn (sobald sie sein Vermögen durchgebracht) verstoßen und einen Anderen aussuchen. Ein solcher Mann (fährt Degrandpré fort) darf bei Lebensstrafe keine andere Frau haben; er darf sogar keine andere sehen, oder von ihr gesehen werden, und wenn er ausgeht, geht ein Neger mit einem Glöckchen vor ihm her und verkündigt, daß er erscheinen wird. Und auf dieses Zeichen kehren sich die Weiber um und halten die Hände vor die Augen, wenn sie nicht anders ausweichen können. Die Lage des Gemahls einer Negerprinzessin ist sehr traurig, zumal wenn sie alt und häßlich ist, und viel fordert.
Heute wurden einige sehr quere Reden über die Gewähr der Reichsverfassung, aber auch einige gute, und eine vortreffliche von Bassermann gehalten.
Hundertvierter Brief.
Frankfurt a. M., den 31. Januar 1849.
Seit langer Zeit endlich eine politische Freude! Darüber nämlich: daß Preußen endlich sein Schweigen gebrochen, und in einer Weise, wie es ihm unter den deutschen Staaten und Fürsten zukommt, die Initiative ergriffen hat.
Die preußische Note findet nach Form und Inhalt den größten Beifall, und belebt von Neuem die fast aufgegebene Hoffnung, daß, in Friede und Freundschaft, eine neue wahrhaft heilsame Form der Verfassung für Deutschland aufgefunden und angenommen werde.
Obwohl im Innern noch bedrängt, muß nun auch Österreich sich deutlicher und inhaltsreicher aussprechen. Es genügt nicht mehr höflich zu sagen: wir wollen im Bundesstaate bleiben; während man keinen Beschluß berücksichtigt, sondern allen (z. B. hinsichtlich der religiösen Duldung) zuwiderhandelt.
Einige meinen: der König von Preußen hätte sich bestimmter +für+ das erbliche Kaiserthum aussprechen sollen. Ich kann, bei den obwaltenden Verhältnissen, dieser Meinung nicht beitreten. Hinsichtlich der Kaiserwürde konnte er die Initiative am wenigsten ergreifen, bevor Österreichs Stellung zu Deutschland bekannt und anerkannt ist.
Die Demokraten, welche anfangs überlaut für die Allmacht der frankfurter Versammlung in der Hoffnung sprachen, durch ihre Mehrzahl Deutschland zu republikanisiren, haben (seitdem diese Aussicht völlig versperrt ward) bekanntlich, ähnlicher Hoffnungen halber, die Ansprüche und die Macht der einzelnen Staaten und Kammern zu erhöhen und anzupreisen gesucht. Gestern erlitten sie aber in der Paulskirche eine entscheidende Niederlage, indem der Antrag: in jedem einzelnen deutschen Staate könne die Verfassung (ohne Zustimmung der Reichsgewalt) nach Belieben verändert werden, mit großer Stimmenmehrheit verworfen ward. Der gar nicht verhehlte Zweck der Linken bei diesem Antrage ist, auf diese Weise einen Fürsten nach dem anderen zu beseitigen.
Wenn ich lese: unter den preußischen Wahlmännern sind so viel Reactionaire und so viel Demokraten, möchte ich fragen: stehen denn gar keine vernünftigen Leute zwischen diesen beiden Äußersten? -- Das jetzige Ministerium verstand im letzten rechten Augenblicke zu siegen, nicht aber diesen Sieg in genügender und doch gemäßigter Weise zu benutzen. Daher neue Umstellungen der Parteien und Gesinnungen.
Hundertfünfter Brief.
Frankfurt a. M., den 1. Februar 1849.
Ich melancholisire gar viel an allen Theilen meines Leibes und Geistes. Augen und Nase leiden durch Tabacksdampf, die Ohren durch Überschwall unreiner Beredtsamteit, die Zunge hat keine Lust am Schmecken, der Magen keinen Fleiß zum Verdauen, die Lungen klagen über verdorbene Luft in der Paulskirche, der H-- seufzt, daß er sechs Stunden auf einer Stelle still sitzen soll, die Beine weigern sich den ungeheuern Schmuz zu durchmessen, der ganze Leib sich dem Sturme und Schneegestöber auszusetzen u. s. w. u. s. w.
Aber, spricht die eitele Eitelkeit: du bist sehr gemeinnützig! Wodurch? Daß ich im Laufe eines ganzen Monates einige Male +Ja+ und einige Male +Nein+ gesagt habe? Das hätte Jeder gekonnt. Zum Reden komme ich nicht, und wenn ich dazu käme, würde es so viel wirken, wie wenn der Hund den Mond anbellt. Gewisse Leute haben ihr bleibendes Nest auf der Rednerbühne gebaut, und da die Klubs (aus ihrer Parteiansicht heraus und +vor+ aller +allgemeinen+ Berathung) entscheiden, wie Jeder stimmen soll, so ist alle Rederei in der Paulskirche eigentlich unnütz, und man sollte nur die Stimmzettel aus den Klubs hinschicken.
Die Gutgesinnten (ruft man mir zu) müssen aushalten. Allerdings, und ich meine, daß ich seit zwei Jahren viel ausgehalten, aber wenig ausgerichtet habe! Im Casino sind lauter Männer, die sich den Gutgesinnten beizählen, und doch können sie bei ihren gesetzgeberischen Bestrebungen nicht von dem Grundgedanken eines feindlichen Gegensatzes von Regierung und Volk loskommen, und drehen und drechseln an Inhalt und Fassung so lange, bis sie hoffen dürfen daß das Vorgeschlagene von der Mehrheit angenommen werde. Auf diesem Wege kommt man aber nicht zur rechten, lebendigen Mitte, sondern zu Halbheiten, die unpraktisch sind und Keinem genügen.
Vorgestern hatte man im Casino einen Satz angenommen: daß in dem Falle aus zureichenden Gründen ein Ort, ein Bezirk in den Belagerungszustand (oder wie man die Maßregel nennen will) erklärt werde, dennoch die Preßfreiheit (oder Frechheit!) +ganz unbeschränkt+ bleiben müsse und binnen +vierzehn+ Tagen der +Reichstag+ zu berufen sei. Gestern trieb mich mein Gewissen in die Versammlung zu gehen, und ich versuchte, das Ungenügende und Unpraktische dieses Vorschlages umständlich darzuthun. In dem Augenblicke kam ein Abgeordneter eines anderen Klubs, und machte einen Antrag, welcher ganz mit dem meinigen übereinstimmte. Dennoch entschied die Versammlung mit 23 gegen 19 Stimmen ihren Beschluß aufrecht zu erhalten. Nun sollte noch berathen und abgestimmt werden: ob dies eine +Partei+frage sei: das heißt, ob die 19 so stimmen +müßten+, wie die 23 +befehlen+. Da ich mich nimmermehr dieser, angeblich weisen Disciplin unterwerfen werde, ging ich fort; -- und habe so wieder einen Abend verloren.
Zu Hause wollte ich mich an Lockhart’s Leben Scott’s erholen. Das Buch ist aber so breit und langweilig, wie Byron’s Leben von Moore anziehend und unterhaltend.
Den 2. Februar.
Die Grobheiten der Linken, das Geschrei der Rechten und die jämmerliche Nichtigkeit der Leitung waren mir gestern so widerwärtig, daß ich die Sitzung vor dem Schlusse verließ. Zuletzt trägt das Alles zu der Selbsterkenntniß bei, daß ich nicht berufen bin zum Parteigliede. Ein solches soll die Fehler seiner Partei verkleinert, die der Gegner vergrößert sehen und darstellen. Ich bin lebenslang zu der Unparteilichkeit des Geschichtschreibers berufen, welche von der Leidenschaft des Tages verworfen und verachtet wird. Ihr ist die +Wahrheit+ das Untergeordnete, Hemmende, Zweckwidrige, Charakterlose; mir ist sie die erhabene Göttin, der ich das ganze Leben hindurch diente und opferte. So befinde ich mich in einer unangemessenen, falschen, höchst unbequemen Stellung.
In Paris war ich nichts; hier bin ich 1/500 eines gesetzgebenden +Körpers+! so büße ich alle Persönlichkeit ein, und werde sie erst in der stillen Heimat meiner eigenen vier Pfähle zusammensuchen müssen. Ich weiß wohl wie stolz Viele auf das ~M. A.~, oder ~M. P.~ sind (~member of Acad.~, ~of Parliament~); wie Wenige aber aus diesem Rummel sind als Personen bekannt, oder einwirkend über den Tag des Abstimmens und Ablesens hinaus. Die Demuth und Bescheidenheit bietet sich mir so natürlich dar, daß ich sie gar nicht (aufrichtig oder lügenhaft) zu suchen brauche.
Ich bin jetzt mit Tagespolitik überpäppelt, überfüttert, übernudelt; ists da zu verwundern, wenn ich mir einige Fasttage verschreiben will?
Ihr könnt mit Recht sagen: dieser ganze Brief sei +parteiisch+, nicht +geschichtlich+; ich sei also aus der Rolle gefallen, die ich mir selbst zuschreibe. Nun, so will ich ein andermal zu diesem mir oft vorgeworfenen +Einerseits+ das +Andererseits+ zu liefern versuchen. Jedoch erst dann, wenn ich +muß+; um durch Pflichtgefühl dem einseitigen Raisonniren und Klagen ein Ende zu machen.
Der Gräfin Hahn Reisebriefe (welche ich zufällig nur angeblättert hatte) lese ich mit Theilnahme und Vergnügen. Die Fremdwörter ließen sich sehr leicht durch einheimische ersetzen, und ihre Aristokratie hat mehr geschichtlichen Boden und regelrechtere Methode, als die jetzt modige demokratische Judenschule. Beide bedürfen einer Reinigung und Verklärung. Jedenfalls ist und bleibt die Hahn eine geistreiche Frau; mehr als ein halbes Schock aufgebauschter Schriftstellerinnen mit einer breiten Sittsamkeit auf breitester demokratischer Grundlage.
Hundertsechster Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Februar 1849.
Ich mache den Brief wieder auf, weil ich den Eurigen vom 29. v. M. soeben erhalte. Es thut mir leid, daß Ihr theilnehmend Euch über meine Abstimmung, den Reichsrath betreffend, ganz unnütze Sorge macht. Ob sie vielen Leuten mißfällt, ist mir ganz gleichgültig; ich stimme lediglich nach meiner wohlbegründeten Überzeugung, verstehe die Sachen so gut wie die meisten Anderen, oder (da es mein Fach ist) noch besser; lasse mich weder von -- noch von -- verblüffen oder ins Schlepptau nehmen, erkenne das Gute und Wahre an woher es auch komme, und stehe auf eigenen Beinen so ehrenwerth da, als Andere auf fremden Krücken. Für eine Schaar Halbwissender ist -- der Großkophta: soll ich auch niederfallen und anbeten; für Andere ist es Hr. --; soll ich ihm den Staub von den Füßen küssen? Ich bin willig, nachgiebig, ja (wie Ihr meint) bisweilen zu nachgiebig und schwach; aber der bloßen Gewaltforderung einer Partei, oder voreiligen Zwangsbeschlüssen, -- weiche ich keinen Finger breit.
Sonderbar wenn die Linke dem Guten widerspricht, blos weil es von der Rechten kommt, erhebt man (mit Recht) ein großes Klaggeschrei: und doch muthet man mir zu, ich soll die Partei über Wahrheit und Einsicht stellen.
Überdies ist es +ganz falsch+, daß blos die Linke dem Gesetzentwurfe widersprochen habe, und ich +allein+, aus Dummheit oder Eigensinn, unter ihre Reihen gerathen sei. Die Linke zählt höchstens ein Viertel der ganzen Versammlung (bei gewöhnlichen Abstimmungen bloßer Parteiung); diesmal stimmte fast die Hälfte der Versammlung wider den Entwurf. Also gehörte die Hälfte der Verneinenden +nicht+ zur Linken, und ich stehe gar nicht so verlassen, wie Ihr zu glauben scheint.
In die Sache selbst mag ich heute nicht umständlich eingehen. Ich hoffe, auf dem von Preußen bezeichneten Wege soll etwas weit Besseres zu Stande kommen, als der begutachtende Reichsrath, zusammengesetzt aus Leuten, die unfähig sind zu begutachten. Den Hunden schmiert man Butter auf die Nase; dann (so sagt man) fressen sie geduldig trocken Brot. -- Daß die Fürsten ebenso dumm sein würden, darauf läuft das ganze Scheingeschäft mit dem Reichsrathe hinaus.
Genug davon; laßt ab von Eueren Sorgen, wehrt Euch, wie ich mich wehre; und wo mein Name steht, soll er stehen bleiben und nicht gestrichen werden. Ich weiß weshalb und wozu.
Soeben sagt mir Hr. Simson: er würde (wenn es ihm als Präsident erlaubt gewesen wäre) auch +dagegen+ gestimmt haben, und Andere entschuldigen sich mit +Klub+beschlüssen, die mich +nicht+ verpflichten. Die Sache kommt +nicht+ zu Stande, trotz der Mehrheit von 11 Stimmen, oder sie wird sich als zweckwidrig erzeigen.
Morgen werde ich wahrscheinlich wider die Rechte und wider die Linke stimmen; denn wenn +alle+ Anträge höchst mangelhaft sind, muß man +alle+ zurückweisen, damit +bessere+ gemacht werden; nicht aber hin und her kapituliren und dummen Gesetzen beistimmen.
Nicht aus der Selbstständigkeit entsteht das Schwanken, sondern aus dem Mangel an Selbstständigkeit; und ist es denn eine als weise anzunehmende Regel, daß 19 stimmen +müssen+, wie es 20 +beliebt+. -- Gar nicht stimmen, das heißt davongehen -- dazu bin ich nur zu geneigt; aber unterbuttern lasse ich mich nicht, und gewissenhafte Pflichterfüllung stempelt nicht (nach Belieben Leidenschaftlicher) zum Rebellen oder Apostaten.
Hundertsiebenter Brief.
Frankfurt a. M., den 2. Februar 1849.
Nachdem ich heute meinen letzten Brief an Euch auf die Post gebracht, ging ich zum Hrn. Präsidenten Simson, fand daselbst den würtembergischen Minister Römer und andere zur Rechten gehörige Abgeordnete. Sie waren in Beziehung auf den Reichsrath +sämmtlich+ meiner Meinung, und hofften, er werde bei der zweiten Lesung in die +Minderzahl+ gerathen. Ja, Simson erzählte, daß ein Mann, der an dem Entwurfe mit arbeitete und +dafür+ stimmte, sich bei ihm nach dem Ausfalle der Abstimmung erkundigte, und dann sagte: so ist das +Beest+ dennoch durchgekommen!! -- Soll ich etwa diesem Beispiele folgen? -- Eßt, trinkt und schlaft +gut+, möget Ihr mich +rechts+ oder +links+ finden. Beschreibe ich auch nicht, ~à la Cesar~, wie ein Koloß die Paulskirche, so werde ich doch, trotz alles Blasens und Stoßens in Fr. und B., wie ein Stehauf, immer wieder auf die Beine kommen. Genug davon.
-- hat Unrecht, einen Tadel gegen +Regierungs+maßregeln noch jetzt als einen Tadel gegen die +Person+ des Königs zu betrachten, oder gar bei mir eine dumme oder gehässige Rancune vorauszusetzen. Ich bin ein besserer Königsfreund, als Viele, die sich in Potsdam damit breit machen: und nie würden meine Rathschläge (obwohl ich die Weisheit nicht gepachtet habe) ihn in alle die über ihn hereingebrochenen Leiden geführt haben.
Den 3. Februar.
Ich habe wieder ein Stück in den Reisebriefen der Gräfin Hahn gelesen, und finde, daß sie in vielen (mir vorgeworfenen) Ketzereien mit mir übereinstimmt: z. B. in ihren Urtheilen über Rossini und Donizetti, über Petrarka’s weichliche und wabliche Sonette, über die ~Campagna di Roma~ („hat man bei der melancholischen Campagna den Muth, von einer anderen Pracht zu sprechen, als der der Vergangenheit“): über Südfrankreich und insbesondere die Provence (z. B. „die suche ich in meinem Leben nicht wieder auf. Wer in aller Welt hat diesem unschönen, dürren, von der Sonne versengten, von dem Mistral vertrockneten Lande, mit ruinirten Städten, mit wüsten Bourgaden, den Ruf der Schönheit beigelegt? u. s. w.“). -- Zwei sehr gute und seltene Eigenschaften hat die Hahn als Reisebeschreiberin: sie lügt nicht, und spornt sich nicht zur Bewunderung des Mittelmäßigen.
Liebe --! Ich wollte Dir auf Deinen anziehenden, ernsten und scherzhaften Brief recht umständlich antworten; aber es fehlt an ruhiger Zeit, und die Sache hat auch an sich große Schwierigkeiten. Darum heute nur einige Worte: mündlich mehr.
Die Alten (das heißt Griechen und Römer) betrachteten alle Geschlechtsverhältnisse viel einfacher als wir, und quälten sich damit nicht so viel auf und ab, hin und her. Waren sie herber, roher, plumper; so hätschelten sie anderntheils nicht das Mangelhafte und stellten krankhafte Zustände nicht (unter dem Titel von Poesie) über die einfache Gesundheit hinauf.
Die Sittenlehre über die Geschlechtsverhältnisse ist überaus unvollständig und verwirrt; theils weil man von falschen Grundsätzen ausgeht, theils weil man bei der Behandlung dieses wichtigen Kapitels den erkünstelten Anstand über den natürlichen Verstand hinaufsetzt, und um die Sachen herumgeht, wie die Katze um den heißen Brei.
Ich habe eine Abneigung gegen alle Liebesromane, welche ungesunde, widerwärtige Verhältnisse unter das Vergrößerungsglas setzen, anatomiren, chemisiren und das Präparat in ästhetischem Weingeiste aufbewahren. Daher kann ich mich an Rousseau’s Heloise nicht erbauen, für die Wahlverwandtschaften nicht begeistern; daher habe ich keine Freude an den Gegensätzen in Goethe’s Geschwistern. Ja, ich wage es, zu behaupten: daß in Romeo und Julie ein kranker Bestandtheil liegt, der zum Untergange führt: -- obgleich ich gern zugebe, daß ein seliger Tod besser ist, als ein todtes Leben.
Untersuchungen, ob eine Frau keusch, ein Mädchen verliebt war, was Goethe mit seiner Friederike, oder mit Frau von Stein, oder -- und -- mit der L. vorgenommen haben, sind unnütz und meist vorwitzige und tadelsüchtige Neugier.
Irrig aber ist es, zu behaupten: nur die Liederlichen setzten voraus, bei den Weibern sei keine Tugend zu finden. Im Gegentheil erfahren sie am häufigsten, daß Tugendhafte sie abweisen; während andere, minder kühne oder minder unverschämte, Männer nicht Gelegenheit haben, darüber Erfahrungen zu machen. Viel schlimmer als jene Bonvivants sind aber die prüden Fischnaturen, die scheinheiligen Frömmler, die verwelkten Sünder und Sünderinnen, welche sich eine Keuschheitstarnkappe überhängen.
Man soll bei Beurtheilungen solcher Dinge nicht die Persönlichkeit und die ganz individuellen Verhältnisse übersehen, welche bald lossprechend, bald erschwerend sind. -- Und nun gar bei ganzen, bei polygamischen Völkern! Wäre ich der türkische Sultan, also im Muhamedanismus erzogen, hätte ich gewiß ein vortreffliches Serail; mir erscheint eine solche Sammlung schöner Frauen viel anziehender, als ein Stall voll Pferde und Hunde. Niemand braucht hier vor Schrecken drei Kreuze zu machen; mit drei Thaler Diäten kann man kein Serail anlegen.
Nur Dichter und Künstler werden jetzt von Frauen und Mädchen gehätschelt; andere ehrliche Leute haben von derlei freiwilligen Liebschaften nichts zu fürchten; beim besten Willen kommen sie in keine Gefahr, -- kommen also auch natürlich nicht darin um.
Die Legende, daß Goethe der Vater des Hrn. v. Stein sei, hörte ich schon vor vielen Jahren; zugleich aber L. Tieck’s Widerlegung: er sei geboren, +ehe+ seine Mutter Goethe gekannt. Zweifler werden freilich fragen: was nachher geschehen sei? Was kümmerts mich!
Den 4. Februar.
Die österreichische, wichtigste Frage ist noch immer nicht gelöset. Der Traum eines Reiches der Mitte von 70 Millionen findet nur wenige begeisterte Anhänger. Und diese vergessen, daß die anderen Staaten eine solche napoleonische Übermacht nicht wollen, und nicht wollen können. Wohl aber sollten die 70 Millionen sich über freundschaftliche Verhältnisse verständigen, und so viel Einheit und Centralisation eintreten, daß Deutschland, dem Auslande gegenüber, nicht eine Null bleibe. Der Feindesgabe unbedingter Souverainetät müssen die deutschen Fürsten entsagen, und sich (wie selbst nach der alten Reichsverfassung) nur als Glieder eines größeren Ganzen betrachten, sonst werden sie binnen wenigen Jahren fortgejagt, und die Republik siegt, wenigstens auf einige Zeit.
Hundertachter Brief.
Frankfurt a. M., den 5. Februar 1849.
Ich lese in der Spiker’schen Zeitung vom 2. Febr. ein Lob meines Benehmens in Paris. Es ist dies, wie es scheint, von Einem ausgegangen, der die Verhältnisse kennt und Zeugnisse für mich wirklich gehört hat. Für solche Kenntniß spricht auch die sehr richtige Bemerkung, daß (wenn ich mich, wie man sagt, vergaloppirte) „meine Lage sehr leicht an das Lächerliche streifen konnte.“
Die Gräfin Hahn und Mad. Funk sprechen einstimmig so begeistert von den Murillos in Sevilla, daß ich meine ungläubigen Zweifel gern ihrem +Schauen+ unterordne. Unter den Werken, welche ich sah, waren die, welche geringere Gegenstände (z. B. Betteljungen) behandelten, allerdings scharf und bestimmt ausgeprägt; bei höheren Charakteren schien mir bisweilen Genauigkeit der Form, der Zeichnung, der Umrisse zu fehlen, und das Colorit zu verschwommen, fast wasserfarben zu sein. Wenn man, um die Köpfe zu rechtfertigen, mit tadelndem Seitenblick auf die Antike sagt: er habe das +Menschliche+ darstellen wollen, so muß ich berichtigend hinzufügen: die Antike ist ja keineswegs (wie man andeutet) das Conventionelle, Erkünstelte, Pedantische, Überspannte; sie ist vielmehr (recht verstanden) das Menschliche, Natürliche, Angemessene, von Unvollkommenheiten und Mängeln Gereinigte, Schöne, bis zum Göttlichen Erhabene und Verklärte. Auch entbehrte die alte Malerei (ja selbst die Bildhauerei) nicht des Komischen; aber ein Fechter sah nie aus wie Zeus, einer Athene gab man nicht den Kopf einer Köchin, einer Aphrodite nicht die Haltung einer liederlichen Person. Es ist bald gesagt: unsere Kunst stehe (vermöge einiger christlichen, früher ungekannten Gedanken) höher als die der Griechen; aber Gedanken geben noch keine darstellende Kunst (wie so viele christliche Völker erweisen), und viele Künstler haben zwar gedacht, aber nichts vollbracht.
-- -- Die Eigenschaft leicht zu vergessen, wird oft nicht genug gerühmt. Ich besitze wohl in zu starkem Maße, habe aber dann beim Wiederlesen eines Buches, beim Wiederhören eines Schauspiels, das Vergnügen eines neuen Genusses, und zugleich das angenehme Aufdämmern einer früheren Anschauungsweise. Bei der steten Verschiedenheit der obwaltenden Umstände und des inneren Seelenzustandes, tritt Alt und Neu in eine eigenthümliche anziehende Verbindung. So geht mir es in diesem Augenblicke beim Wiederlesen der Erinnerungen der Gräfin Hahn aus Frankreich, und ich rathe Euch, sie, nach Euerem zweiten pariser Aufenthalte, ebenfalls wieder in die Hand zu nehmen.
-- -- Es fällt mir ein, daß ich so lange nichts über die Sitzungen in der Paulskirche berichtet habe; Ihr erfahrt ja aber Alles aus den gedruckten Berichten. Heute haben wir nichts gethan, als drei Präsidenten für einen Monat gewählt, und dann beschlossen, die Sitzung zu schließen, weil der zu berathende Bericht nicht (wie die Geschäftsordnung vorschreibt) 24 Stunden in den Händen einiger Abgeordneten war, sondern erst 23 Stunden 25 Minuten. So streng gesetzlich ist die Linke, -- wenn es ihr bequem ist. Morgen erwarten uns Ströme und Lawinen aufgebauschter Worte, über Polen und Posen. ~Semper idem~! Jetzt ist der Nebenzweck (oder der Hauptzweck), für Preußen ein Verhältniß herbeizukünsteln, oder einzuschmuggeln, welches dasselbe hinsichtlich der Sätze 2 u. 3, über die Personalunion, mit Österreich gleichstellt. Ich hätte mich auch einmal wieder (ohne Erfolg) zum Reden melden können; die verständige Seite ist aber bereits gut vertreten, und ich fühle keine Begeisterung für die unangenehme, verfahrene Sache. Ich werde für das Überlassen der Festung Posen an die Polen und Russen stimmen, sobald die Franzosen Straßburg, die Österreicher Mantua, die Engländer Gibraltar, und die Russen ihre polnischen Festungen großmüthig Denen einräumen, welche darauf etwa Anspruch machen.
Vorgestern sprach ich Bunsen, theils über die Gegenwart (Schleswig-Holstein, dumm verschlungen), theils über Ägypten. Die Vorarbeiten zum vierten Bande seines Werkes sind beendet, und das Haupträthsel über die Hyksos löset sich am besten, wenn man einfach einräumt und einsieht, daß die biblischen Quellen im allerhöchsten Grade lückenhaft und mangelhaft sind.
Den 6. Februar.