Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 13

Chapter 133,142 wordsPublic domain

-- -- Ich wiederhole: die Anklage, Verweisung, Verhaftung gewisser politisch hervortretender Personen, mag nach alten Landesgesetzen zulässig oder geboten sein: war es aber klug, wenn das Ministerium das Verfahren anordnete oder beförderte? Ohne seine Verhaftung wäre Temme nicht erwählt und gestern von der Linken mit Triumph in der Paulskirche empfangen worden; und die Verweisung von Robertus (sagt man mir) würde in Berlin die Wahl von Waldeck und Behrens nach sich ziehen. Die Irrthümer und Thorheiten, welche sich beide Parteien seit Jahresfrist zu Schulden kommen ließen, sind unzählbar: und wenn einmal etwas Zweckmäßiges und Lobenswerthes dazwischen eintritt, gleich wird das Maß vergessen, und die Freude des Sieges, gleich wie der Verdruß über die Niederlage, verdoppeln gleichmäßig die eilig folgenden Mißgriffe. Ohne derlei Mißgriffe wären die besiegten und selbst gehaßten Demokraten gar nicht wieder auf die Beine gekommen, und ein neuer Umschwung in der öffentlichen Meinung möglich gewesen. Mit Belagerungszustand und Heer regiert man kein Volk von 16 Millionen auf die Dauer. In welcher Macht und Glorie stünde Preußen da, ohne diese unglücklichen Zerwürfnisse. Ein gleich günstiger Augenblick kehrt (wenn er durch die Schuld +beider+ Theile versäumt wird) niemals, niemals wieder! Hr. v. Vincke erzählt mir gestern Abend: welche Note Österreichs an Preußen heute in der Zeitung stehen werde. Ihr Inhalt ist mir (obwohl ich schon öfter davon hörte) so unglaublich, daß ich nicht eher darüber urtheilen will, bis sie anerkannt wird und ich sie gelesen habe. Ist sie wahr, so ist die nächste +kleine+ Folge, daß Hr. v. Schmerling zurücktreten muß und dafür nicht wirken kann; aber auch viel +größere+ Folgen können nicht ausbleiben.

Hundertneunter Brief.

Frankfurt a. M., den 7. Februar 1849.

Gestern ist denn, hoffentlich zum letzten Male, der ganze Weichselzopf hundertmal wiederholter Redensarten über Polen, aufgetischt worden. Die Linke hat vortheilhafter und einseitiger für Polen, geringschätziger von Deutschland gesprochen, als selbst unbefangene polnische Schriftsteller, welche wissen, daß die Wiedergeburt eines gesunkenen Volkes nur aus reuiger Selbsterkenntniß und Besserung hervorgehen kann. Jetzt ist die Aufgabe nicht (wie niemals), die Weltgeschichte rückwärts zu schieben, sondern zu thun, was der gegenwärtige Tag verlangt und erlaubt. Er verlangt und erlaubt aber in keiner Weise, daß eine Herrschaft der Polen über Deutsche begründet, und die ganze Ostgränze Deutschlands und Preußens auf eine unverantwortliche Weise preisgegeben werde. Hieran festzuhalten, ist eine unerläßliche Pflicht, deren Erfüllung aber ganz natürlich den Polen mißfällt. Trotz ihres Lobredens polnischer Einrichtungen, zeigt sich doch ein fast allgemeines Streben, +nicht+ unter eine +polnische+ Verwaltung gestellt zu werden: die Güter sinken im Preise, die Juden kündigen ihre Kapitale, und die Beglückten gehen dem Bankerotte entgegen.

Jede Demarkationslinie zwischen Deutsch und Polnisch hat außerordentliche Schwierigkeiten; daß man aber (wie die Linke wollte) hinter zehn Beauftragten den elften herschickt, und große Karten mit großen Kosten in Kupfer stechen läßt, hilft nicht weiter. Deshalb hat die Versammlung gestern, mit großer Stimmenmehrheit, das bestätigt, was sachverständige preußische und Reichscommissarien vorgeschlagen haben.

Die Mangelhaftigkeit +jeder+ Demarkationslinie wird sich, ohne Zweifel, in der weiteren Anwendung herausstellen, und das künstlich Getrennte, in Folge der Natur und der Macht, vielleicht wieder zusammenfließen. Der Antrag eines Theiles der Linken: Unterhandlungen darüber zu eröffnen, daß das +ganze+ Herzogthum Posen mit Deutschland vereinigt werde, ward aber abgelehnt, weil man sich erstens der Gefahr nicht aussetzen soll, von den Polen schnöde zurückgewiesen zu werden, und weil sie zweitens bisher darauf beharren, ganz Posen sei polnisches Land, und ebenso Ostpreußen, Westpreußen, Pommern, Schlesien u. s. w. Bei dieser Weise zu schließen, giebt es keinen begründeten Besitz, und ich mache mich anheischig, zu beweisen: dem Papste gebührten alle, einst zum römischen Reiche gehörigen Länder.

Ich habe dem Könige von Baiern Folgendes geschrieben:

„Schon längst hätte ich Ew. Königl. Maj. schreiben und für das mir Übersandte meinen Dank abstatten sollen; aber ein König hat nicht Muße, die Herzensergießungen jedes Dankbaren und Anhänglichen anzuhören. Jetzt ist mir aber das Herz so voll, daß ich wage, wenigstens Einiges auszusprechen.

Es muß eine neue Verfassung für Deutschland +baldigst+ zu Stande kommen, wenn wir unser Vaterland nicht im Inneren und von Außen den +größten Gefahren+ aussetzen wollen. Geht die hiesige Versammlung auseinander, ohne ein großes, würdiges, zufriedenstellendes Ergebniß, so bleibt eine neue Revolution nicht aus, gewaltsamer noch, als die des vorigen Jahres, und den meisten deutschen Fürsten Verderben bringend.

Die Verfassung darf keinen Einheitsstaat bezwecken, auf Kosten der den Deutschen natürlichen Mannigfaltigkeit, und mit völliger Vernachlässigung alles Dessen, was die Stämme und die Regentenhäuser mit Recht fordern. Andererseits darf aber die zur Unthätigkeit und Nichtigkeit führende Zerstückelung Deutschlands nicht fortdauern; man darf sich nicht (im Widerspruche mit der ganzen, deutschen Geschichte) auf eine +unbedingte+ Souverainetät beziehen, welche Napoleon (~timeo Danaos dona ferentes~) höhnisch den deutschen Fürsten darbot, um ihre Knechtschaft (sehr ungenügend) zu verdecken.

Wäre Deutschland ganz abgeschieden von der übrigen Welt, so könnte es vielleicht mit den alten Formen fortleben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit; bei den jetzigen europäischen Staats- und Machtverhältnissen ist dies aber +unmöglich, ohne ganz zu Grunde zu gehen+.

Ich habe Gelegenheit gehabt, hierüber in Paris die bittersten Beobachtungen und Betrachtungen anzustellen. Wenige edle und gescheite Männer (wie Cavaignac und Bastide) sahen ein, daß, für Frieden und Bildung Europas, ein einiges und starkes Deutschland nöthig sei; -- die meisten hingegen stehen noch (trotz der so wesentlich veränderten Verhältnisse) auf dem Standpunkte der feindlichen, betrügerischen Politik Ludwig’s XIV. Sie verspotten die frankfurter Bestrebungen als kindisch, aberwitzig, unsinnig, und ihre Hoffnungen und Weissagungen sind in aller Kürze die folgenden: »Österreich und Preußen trennen sich und gerathen in Eifersucht und Hader. Bei diesem Gleichgewichte liegt Übergewicht und Entscheidung in unserer Hand. Baiern (und hiemit Süddeutschland) ist und bleibt aber, nach wie vor, von uns abhängig. Baiern möchte gar zu gern eine Großmacht sein oder werden; es hat unseren Lockungen weder im spanischen, noch im österreichischen, noch in den Revolutionskriegen widerstanden; es wird auch jetzt von Deutschland, das ihm Entsagungen zumuthet, ablassen, und unseren Höflichkeiten und Versprechungen nicht widerstehen.« -- So und noch viel +ungebührlicher+ für Baiern, lautete Das, was ich täglich in Paris hören mußte; -- dem ich aber, im Vertrauen auf den deutschen Sinn Ew. Königl. Maj., nachdrücklichst widersprach.

Es kann, es wird, es muß ein Ausweg gefunden werden, der ganz Deutschland +einigt+, und in der dadurch unermeßlich vermehrten Macht unseres gesammten Vaterlandes wird jeder einzelne Mensch, jeder einzelne Staat, jeder einzelne König zehnfachen Ersatz für etwanigen (meist nur scheinbaren) Verlust finden.

Hier in Frankfurt lebt man fast allgemein der Überzeugung: es hänge jetzt wesentlich von Baiern ab, ein glückliches Ziel für Deutschland zu erreichen. Um der Sache, um Ew. Königl. Maj. Person willen, wünsche ich mit aller Kraft des Geistes und Herzens, daß dieser Glaube, diese Überzeugung die rechte sei, und in wenigen Tagen, von München aus, alle uns umringenden Sorgen verscheucht werden! Mit größter Verehrung und Anhänglichkeit u. s. w.“

-- -- Gestern wollte ich Rossini’s Barbier von Sevilla für 48 Kreuzer +ganz+ hören, hatte aber an der Hälfte genug. Die Agrémens, Solfeggien, Gurgeleien, Carillons sind in übermäßiger Weise aufgetischt; welch ein Unterschied, wenn ich diesen Figaro mit +dem+ Mozart’s vergleiche. Unglücklicherweise hatte ich Lablache, die Grisi &c., noch im Gedächtniß; sodaß die hiesige Aufführung natürlich sehr dahinter zurückblieb.

In diesem Augenblicke komme ich von dem ersten erfreulichen Spaziergange beim schönsten Wetter zurück. Gingen wir doch so gewiß einem politischen Frühlinge, als einem natürlichen entgegen; wie gern wollte ich noch einigen Schnee und Eis ertragen!

Die berliner Wahlen haben mich betrübt, aber nicht im Mindesten überrascht. Die irrigen Ansichten der Umwälzer, das verkehrte Wahlgesetz, der thörichte Eifer der Reaktionaire, die Zerfallenheit der Conservativen, die Thätigkeit und Einigkeit der Radikalen und die Mißgriffe des Ministeriums mußten in einer Stadt von 400,000 Einwohnern derlei Ergebnisse herbeiführen. Stellen die Landschaften das Gleichgewicht nicht wieder her, so gehen wir traurigen Ereignissen entgegen!

Ich lese mit größtem Erstaunen, was Lord Palmerston im Parlamente über die Verhältnisse Englands zu Österreich gesagt hat. Danach sollte man glauben, es habe die größte Freundschaft gegen seinen ältesten Bundesgenossen gezeigt, ihn gegen ehrgeizige Nachbarn und empörte Unterthanen geschützt, für eilige Herstellung des Friedens gewirkt u. s. w. -- Und nun erinnere ich mich, in welcher Verzweiflung Hr. v. T. über Normanby und Palmerston war, und wie er sich Trost bei Bastide holte!! -- Bezweckt Palmerston nur, durch diese plötzliche Lobrede sich als Minister zu erhalten? Will er täuschen? Hat er sich von den Phantasien N--s und M--s frei gemacht? Ist er der Italiener überdrüssig? Hat er gründlich eingesehen, er müsse eine andere Richtung einschlagen? Oder sind die Berichte ungenau? -- Die Zeit wird Alles aufklären. --

Hundertzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 8. Februar 1849.

Ist es nicht ein Unglück, daß in der Hauptstadt eines Königreiches lauter Männer gewählt werden, die nach ihrer innersten, ja nicht einmal verhehlten Überzeugung den König wegjagen und eine Republik gründen möchten, welche ohne Bürgerkrieg nicht zu Stande kommen und niemals, in unseren Verhältnissen, Ordnung begründen und Dauer gewinnen kann? Und doch wird dieser furchtbare Versuch (womit auch Süddeutschland sehr bedroht ist) nicht ausbleiben, wenn die Regierungen abwechselnd klägliche Schwäche und übertriebene Härte zeigen.

Freilich ists am leichtesten, scheinbar großartig und folgerecht immer zu loben oder immer zu tadeln, stets zu hoffen oder stets zu verzagen; in Wahrheit aber ist solch einziger Leisten für den Staatsmann unbrauchbar, und auch für den gewöhnlichen Beobachter nur eine oberflächliche Angewöhnung. Dadurch daß der, von Verblendung und Vorurtheilen gereinigte Spiegel des menschlichen Gemüthes das Verschiedene verschieden zurückspiegelt, wird er nicht zum Chamäleon; sondern hinter den Bildern und Eindrücken steht der ordnende Verstand und der handelnde Charakter!

Freilich zeigen revolutionaire Zeiten am meisten, daß Verstand und Charakter nicht ausreichen, geselligen Krankheiten vorzubeugen und sie zu heilen. Das entbindet weder von pflichtmäßiger Thätigkeit, noch darf man den +Glauben+ an eine höhere Vorsehung aufgeben, weil man die Weisheit ihrer Führung nicht überall (mit beschränkten Gaben) sieht und begreift. Für menschliche Betrachtungsweise bleibt es indessen tragisch zu sehen, wie einzelne Menschen und ganze Völker sich leiblich und geistig zu Grunde richten und dem Tode, der Auflösung, entgegeneilen. So helfen krampfhafte Zuckungen den Polen nicht zu neuem Leben; so scheint die pyrenäische Halbinsel die Mittel einer Wiedergeburt nicht finden zu können. Wird Italien, Frankreich und selbst Deutschland einem ähnlichen Schicksale verfallen?

Den 9. Februar.

Gestern habe ich in der Paulskirche meist entsetzlich lange und langweilige Reden aushalten müssen, über Grundsätze und Plane, welche längst durch Wissenschaft und Erfahrung widerlegt sind. Man verdummt ganz auf diese Weise und kann die Frage nicht unterdrücken: ob dies nicht ein unverantwortliches Vergeuden seiner Zeit sei?

Ich bin im abgelaufenen Jahre Reichstagsabgeordneter und Reichsgesandter gewesen, bin Excellenz gescholten worden, habe mich in ~routs~ und ~soirées~ umhergetrieben, Europas Wohl und Weh durch meine Hände gleiten lassen, Verfassungen und Grundrechte accouchiren helfen u. s. w. u. s. w., -- und doch in keinem Jahre meines Lebens so wenig gethan und zu Stande gebracht, als in diesem! Es wird auch nicht die geringste, nachweisbare Spur einer nützlichen Thätigkeit zurückbleiben; Alles verschwindet, sehr natürlich, in den großen Wogen der Zeit. -- Vor mir liegen meine (schön abgeschriebenen) Berichte aus Paris. Was steht denn drinnen? Eigentlich nichts!

Zu dieser Jeremiade kann ich mir freilich (nur allzu leicht) den zweiten Theil machen. Allerdings habe ich einst auch im historischen Rohre gesessen (Bibliotheken und Archive) und Pfeifen daraus geschnitten; aber die Pfeifen trocknen zusammen, und jedes Jahr bringt neues Rohr und neue Rohrsperlinge, die das große Wort führen. Dann liegen meine geschichtlichen Arbeiten so gut (oder so schlecht) ~in praesepio~ und begraben, wie Gesandtschaftsberichte und Abstimmungen. Vielleicht schwimmt nur einige leichte +Spreu+ oben, während der schwere gelehrte Packwagen untergesunken ist.

Zu etwas Anderem! Habt Ihr wohl gesehen, wie ein Teckel um einen großen Jagdhund herumspringt, ihn zwickt und anbellt? Der Große schaut ringsum, läßt sich in seiner Weltbetrachtung nicht stören, und verkündet endlich mit einem mächtigen +Wau!+ das Ergebniß derselben. Freudig und schwanzwedelnd denkt und sagt hierauf der kleine Teckel: er habe dem Großen zu Gedanken und Empfindungen geholfen; ein Geburtshelfer wie Sokrates! -- So der kleine Eckermann und der große Goethe; -- Alles (wie man höflichst hinzusetzt) ~sans comparaison~! -- Ich nahm gestern den dritten Theil der E. Gespräche in die Hand: Einzelnes von Goethe vortrefflich; Anderes so unbedeutend, daß es nur da ist Bogen zu füllen und Eckermann’sche weisheitsvolle Betrachtungen anzuhängen.

Den 10. Februar.

Ich tadele mich selbst, daß ich die außerordentlich günstigen Gelegenheiten, mich in einzelnen Tugenden zu üben, nicht sorgfältiger und dankbarer benutze. Sich stundenlang über Dinge belehren zu lassen, deren Erforschung man das ganze Leben gewidmet, und zwar von Leuten, die gar nichts davon verstehen, -- ist das nicht die größte und schönste Geduldsprobe, die man sich nur wünschen kann? Dennoch ergreift mich Ungeduld, vor Allem über die Zeitvergeudung. Gestern eilte ich deshalb mit meinem Nachbar hinaus: wir gingen in der Sonne spazieren, nahmen ein Mittagsfrühstück ein und nach der Rückkehr gab derselbe Redner noch immer seine Weisheit zum Besten.

Die Schwierigkeit der Aufgaben steigt hier mit jedem Tage. Die preußische Note fand und findet Beifall als verständiges, gemäßigtes, +erstes+ Wort; dem aber nothwendig mehre folgen müssen, um irgend ein Ziel zu erreichen.

Nicht blos die ganze Versammlung und die Regierungen bedürfen des Muthes, der Mäßigung und der Einsicht; sondern jeder Einzelne (der nicht willenlos irgend einer Strömung folgen will) geräth in schwierige, unangenehme Verhältnisse.

Die schwierigste aller Fragen betrifft Österreich. Sehr natürlich wünscht dasselbe die Sachen in die Länge zu ziehen, damit es sich unterdessen ordnen und dann mit verdoppeltem Nachdrucke auftreten könne; aber ebenso natürlich und aus nicht minder wichtigen Gründen wünscht man hier +rasch+ zum Schlusse zu kommen. Österreich tadelt die vorgeschlagene Centralisation und die Hinneigung zum Einheitsstaate; Frankfurt tadelt, daß Österreich im Wesentlichen den alten Staatenbund beibehalten, oder dahin zurückkehren wolle. Soll der hier bezweckte Bundesstaat und die hier entworfene Verfassung zur Anwendung kommen, so kann und wird Österreich nicht beitreten; soll es hingegen beitreten, so muß man wesentliche, bereits angenommene Punkte abändern und verwerfen. Binnen kurzer Zeit kommen wir zur zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes. Hat sich Österreich nebst den übrigen Staaten bis dahin +nicht+ bestimmt ausgesprochen, so wird man (darum unbekümmert) vorwärts gehen und das +zwei Mal+ Angenommene und Bestätigte schwerlich ohne großen Zank und Lärm einer neuen Prüfung und Abänderung unterworfen werden. Und doch sind nicht Wenige der Meinung: man solle hier erst Alles fertig machen lassen, ehe man sich ausspreche, oder Wünsche und Zwecke auch nur andeute. Dies ist ganz richtig, wenn zwei bestehende, geordnete, staatsrechtliche Körperschaften +nach+einander unter sich verkehren. Hier lauert im Hintergrunde der Anspruch der Reichsversammlung auf Allmacht, und der Regierungen auf ein unbedingtes Veto. Die kleineren Staaten, welche spüren daß es sich um ihr Sein oder Nichtsein handelt, haben sich meist freundlich und für Preußen ausgesprochen; Baiern benimmt sich am unbequemsten, und möchte am liebsten, mit Österreich und Preußen gleichberechtigt, als der dritte dastehen. Solch Triumvirat hat aber wenig Vertheidiger; die Trias ist fürs Innere zu wenig, fürs Äußere zu viel. Rußland und Frankreich gegenüber muß sich Deutschland so einigen und dadurch so stärken, daß diese Mächte Ehrfurcht davor bekommen +müssen+, sonst bleibt unser Vaterland der Spielball für fremde Interessen und Zwecke. -- Gut daß das Papier zu Ende ist und meinen politischen Kannegießereien ein Ende macht.

Hunderteilfter Brief.

Frankfurt a. M., den 11. Februar 1849.

Gestern las ich den dritten, mir noch unbekannten, Theil von Huber’s Skizzen aus Spanien: ein lebendiges Bild der aufgelöseten Zustände des Landes und des herzzerreißenden Elends der Vertriebenen. Murillo und die Alhambra können darüber kein Licht verbreiten; die Nacht der Gegenwart wird hiedurch vielmehr doppelt finster. Mein Gott, mein Gott! wenn vielleicht Deutschland nach 30 Jahren ähnliche Erscheinungen darböte, und alle jetzt Mitwirkenden, wenn auch nicht als Verbrecher, doch als verblendete Mitschuldige erschienen!!

Gestern begegnete ich einigen der verfassungmachenden Professoren, strahlend (~rayonnants~) vor Freude über die österreichische Note. Nun, riefen sie, haben wir Fahrwasser, nun segeln wir vorwärts mit vollen Segeln!

Ist es bloße Beschränktheit, bloßer Eigensinn, wenn mir die Lage der Dinge nicht so heiter erscheint? Was zeigt die preußische und die österreichische Note?

Erstens, daß Preußen und Österreich über wichtige Dinge uneinig sind, und das erste sich gegen Frankfurt nachgiebiger und freundlicher erweiset, als das letzte. -- Ist diese Uneinigkeit für ein +einiges+ Deutschland wirklich ein Gegenstand der Freude, und die despotische Klugheitsregel: ~divide et impera~, an der Zeit?

Zweitens, Preußen kann sich um die Kaiserwürde nicht bewerben und der Gefahr des Zurückweisens aussetzen; es darf sich um einiger frankfurter Stimmen willen nicht ganz mit Österreich (ja vielleicht auch mit anderen Mächten) überwerfen, und der Ruf: „das preußische Volk wird den König +zwingen+“! will die Gesundheit starken, durch Einimpfen einer neuen Krankheit!

Drittens, Österreich will weder freiwillig aus dem deutschen Bunde scheiden, noch sich gutwillig und gehorsam hinausweisen lassen. Wer soll, wer kann es zur Unterwerfung zwingen?

Viertens, Österreich erklärt feierlich: es werde eine deutsche, +über+ dasselbe hingestellte, Reichsmacht nicht anerkennen.

Fünftens, es verwirft wesentliche Punkte der hier vorläufig angenommenen Verfassung, insbesondere die Sätze 2 und 3.

Die hiesigen Urheber der Verfassung wollen (so scheint es) aus dem Allem erweisen, daß Österreich aus Deutschland ausscheiden und die österreichischen Abgeordneten die Paulskirche verlassen +müßten+. Der Verfassungsentwurf sei +unverändert+ aufrecht zu halten und nunmehr rasch und mit Nachdruck durchzusetzen. Sie bleiben bei der allgemeinen Verehrung ihres abstrakten Werkes stehen, haben sich um die Möglichkeit seiner Verwirklichung, um den Inhalt der bis jetzt ganz leeren Form, gar nicht bekümmert und glauben mit Hülfe ihrer Paulskirchenallmacht jede Schwierigkeit, jeden Widerspruch leicht zu beseitigen. Ob aber Fürsten und Volksstämme dem Allem beistimmen, ob die (fast immer uneinige) öffentliche Meinung sich dafür erklären werde, ob man Hindernisse mit Gewalt wegräumen dürfe und könne; -- diese, und ähnliche praktische Fragen lassen sich nicht kurzweg und von oben herab zur Seite werfen.

Wenn sich Österreich vom deutschen Bunde trennt, so ist zu befürchten daß die daselbst wohnenden Deutschen sich nach 100 Jahren zu ihrem Vaterlande so verhalten werden, wie die Elsasser, Kurländer und Liefländer; sie sind in Gefahr daß die zahlreicheren fremden Völkerstämme sie absorbiren und beherrschen.

Andererseits erfordert die Unparteilichkeit zu gestehen: man widersetze sich mit Recht der Richtung, welche für Deutschland eine +neue+ Zeit, lediglich durch eine Art von Herstellung des +alten+ Bundestages herbeizuführen wähnt. Die einzige Rettung liegt in wechselseitiger Verständigung und Mäßigung; die erste darf sich aber nicht auf einseitige Befehle gründen, und die letzte nicht in ein schwächliches Verläugnen und Aufgeben aller Grundsätze hinabführen. +Diese+ Gefahr ist jedoch in unseren Tagen deshalb nicht gar groß, weil man alle Weisheit meist in dem Äußersten, den Extremen sucht, und angeblich auch daselbst findet.

-- -- Gestern Abend ging ich noch einmal in den, schon oft mit Beifall gegebenen, Sommernachtstraum. Man kann mit der Aufführung sehr zufrieden sein; unter Anderen spielten die beiden Liebespaare viel frischer und lebendiger als gewöhnlich, die Handwerker ergötzlich und die Hausmann (Puck) keck, heiter und anmuthig, ohne in falsches Kokettiren, oder Übertreiben hineinzugerathen. Ich fand Lehre und Trost außerdem darin, daß es neben so vielen vergänglichen Wirklichkeiten, ewige, beseligende +Träume+ giebt!

Den 12. Februar.

Wäre ich ein Schinken oder eine Wurst, so würde ich mich gestern Abend in der Rauchkammer des Casino sehr wohl befunden haben, aber als unschuldsvoller Mensch!! Doch hielt ich lange genug aus, um mancherlei +schweigend+ anzuhören; denn fürs +Reden+ wäre ich gewiß in noch größere Gefahren gerathen.