Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)
Part 14
So vernahm ich also, daß das Triumphlied über die österreichische, freies Segeln herbeiführende Note, nicht ohne hineintönende Dissonanzen abgesungen werde. Es bildet sich ein neuer zahlreicher Klub, welcher verlangt, daß der Verfassungsentwurf so geändert und berichtigt werde, daß Österreich im deutschen Bunde bleiben könne. Insbesondere richtet sich der Angriff wider die bekannten Absätze 2 und 3 und die nur verstattete Personalunion. Gagern’s Vorschläge sich mit Österreich zu verständigen, wurden von Vielen angenommen, um härtere Beschlüsse zurückzuweisen; nun aber Österreich nicht darauf eingeht, so sind wir auf den Ausgangspunkt zurückgeworfen. Obgleich die Mitglieder des Casino die eifrigsten Vertheidiger des Verfassungsentwurfes sind, sprach sich doch die Besorgniß aus, ob man die Mehrzahl für sich haben werde; woran sich der Wunsch anreihte, daß die preußische Versammlung später eröffnet werde. Allerdings führt die gleichzeitige Thätigkeit zweier constituirenden Versammlungen zu den größten Unbequemlichkeiten und Unannehmlichkeiten; allein der zunächst für die Vertagung hervorgehobene Grund (10 für Berlin erwählte Abgeordnete hier festzuhalten, um die Mehrzahl nicht zu verlieren) offenbarte nur zu deutlich die schwache Seite des ganzen Baues. Wie kann man sich einbilden, daß die allerwichtigsten Fragen (z. B. über das Kaiserthum, die Aufnahme und Ausschließung Österreichs u. s. w.) durch ein Dutzend Stimmen in der Paulskirche sich auf lange Zeiten hinaus entscheiden und alle Widersprüche beseitigen lassen. Ob man diesem, oder jenem Urlaub verweigert, Einige aus den Speisehäusern vom Frühstück zum Abstimmen herbeiholt -- derlei Kleinigkeiten sollen eine feste Grundlage und Entscheidung herbeiführen, Österreich schrecken, Preußen zwingen, und allen Übrigen den Mund stopfen. Deutschland ist noch nicht einiger, als die hier sich nur zu oft und zu heftig widersprechenden Klubs, von denen keiner das opfern will, was man ein Princip nennt, während es meist nur eine bloße schwach begründete Meinung ist.
Ein solcher sich jetzo breit machender und breitgetretener Satz des angeblich höheren Kosmopolitismus ist: „daß kein Volk jemals ein anderes beherrschen dürfe.“ Jeder kennt die Mißbräuche ungerechter Herrschaft; allein jener Satz unbedingt ~in abstracto~ hingestellt, streicht die ganze Weltgeschichte aus, oder treibt Götzendienst mit dem Mittelmäßigen, Unfähigen, Untergeordneten. Geherrscht haben alle wahrhaft tüchtigen, welthistorischen Völker: Juden, Griechen, Römer, Araber, Deutsche, Franzosen, Spanier, Engländer. Sie haben die Herrschaft mit Recht verloren, sobald sie ihren hohen Beruf mißbrauchten, oder die dazu gehörige Kraft und Seelenstärke einbüßten. So war es vor dem Jahre 1848, und wird auch nachher so bleiben.
Sonderbar, daß man den kleinen, schwachen, ungebildeten Völkern eine völlige Unabhängigkeit vindicirt; sie aber keinem einzelnen Mitgliede eines Klubs verstattet, sondern Unterwerfung unter die bloße Mehrzahl verlangt. Regeln ohne Ausnahmen sind der Tod der lebendigen Mannigfaltigkeit, und finden sich wohl nur in der reinen Mathematik. In der physischen Astronomie herrscht die Sonne, und den Planeten ist nur verstattet sich untereinander ein Weniges zu turbiren.
Man hofft hier in vier Wochen zu Ende zu kommen; doch dürfte es nur ~le commencement de la fin~ sein.
Hundertzwölfter Brief.
Frankfurt a. M., den 13. Februar 1849.
Ich sage mir täglich: „Tadeln ist leichter, als besser machen!“ -- um nicht in bloßes Verneinen und Widersprechen zu gerathen. In Wahrheit verlange ich aber nur daß Männer, die sich für Staatsweise und Volksärzte ausgeben, die eintretenden Thatsachen ernst prüfen und verständig berücksichtigen sollen. Erklärungen, wie die preußische und österreichische, Erscheinungen wie die in der baierschen und sächsischen Kammer, sind von zu großer Wichtigkeit, als daß man dagegen die Augen verschließen darf. -- Spreche ich so, dann verlangt man von mir, daß ich eiligst eine Universalmedicin gegen alle Schwierigkeiten und Krankheiten aus der Tasche ziehe; in welche Quacksalberei zu verfallen, ich nicht thöricht genug bin. Nur so viel weiß ich: daß, wenn eine Krankheit eine ganz andere Wendung nimmt, wenn unvorhergesehene Krisen eintreten, ich nicht nach wie vor dieselbe Arznei eingebe. Und doch wollen Viele, hinsichtlich des Verfassungsentwurfes, jede Ermäßigung oder Abänderung zurückweisen.
Sonderbar, bis zu der Zeit, wo ich nach Paris ging, ließen sich die Preußen schafsgeduldig in der Paulskirche schmähen, und behaupteten (mir widersprechend): jede Vertheidigung erhöhe den Haß und verstärke den Feind. Erst bei Brentano’s unwürdigem Angriff auf den Prinzen von Preußen ging ihnen endlich die Geduld aus.
Jetzt finde ich hingegen die Preußen begeistert für kühnen Angriff, und selbst würdige Männer sprechen: wir müssen den preußischen Erbkaiser durchsetzen, und dafür sogar einen +Krieg+ nicht scheuen. So, die neuesten Zeichen der gewonnenen deutschen +Einheit+; und den scharf gesonderten Parteien in der Paulskirche und den Klubs, stehen draußen gleichgesinnte Eiferer zur Seite. Stimme ich nach den Forderungen der meisten Preußen, so muß ich in vielen Punkten meine Überzeugung unterordnen und preisgeben; stimme ich wider sie, so gelte ich für dumm, schwach und abtrünnig. Könnt Ihr Euch wundern, wenn ich, hin und her geworfen zwischen dieser Scylla und Charybdis, zwischen Grundsätzen wahrer oder falscher Wissenschaft, und der Gewalt herandrängender Thatsachen, mich nicht bequem befinde; wenn ich unfähig bin, den Sturm zu beschwören und wiederum zu selbstständig mich willenlos in das Schlepptau nehmen zu lassen? An Reden (das heißt im kleineren Kreise) lasse ich es nicht fehlen, wenigstens um mein Herz zu erleichtern; auch ist es ganz richtig, daß ich, von aller Theilnahme und Mitwirkung ausgeschlossen, keineswegs sorgenfrei leben würde.
-- -- Werder’s „begeisterte“ Rede über die Eigenschaften, welche ein Mitglied der ersten Kammer haben solle, erinnert daran, daß eine Dame die andere schriftlich bat, ihr einen Hofmeister mit den und den vortrefflichen Eigenschaften auszuwählen. Diese antwortete: noch habe ich einen solchen nicht gefunden; sollte ich aber so glücklich sein, werde ich ihn -- heirathen!
Den 14. Februar.
In Devrient’s pariser Theaterbüchlein finde ich eine Stelle über Lamartine, die ganz mit meinen Urtheilen und Erfahrungen übereinstimmt. Er schreibt von ihm: „Alles, was er sagte, war schief und widersprach sich; aber es klang, und er selbst schien Freude daran zu haben. -- Seine Reden haben die Eigenheit, am Ende immer das Gegentheil von Dem zu sagen, was sie anfangs ausgesprochen haben.“
-- Wislicenus schickt mir aus St. Louis seine Reise nach Nordmexiko. Sie geht den Arkansas aufwärts nach Santa Fé, dann den Rio del Norte abwärts bis el Paso del Norte, Chihuahua, Saltillo, Monterei, Matamoros und über Neu-Orleans nach Hause. Obgleich geschrieben in der einfachen Form eines Tagebuchs, giebt sie doch sehr anziehende Aufschlüsse über Pflanzen, Gestein, Bergeshöhen, Thäler und Flüsse, Menschen und Thiere. Sie erweiset unter Anderem 1) daß große Landstrecken zum Anbau ganz ungeeignet, andere hingegen sehr brauchbar sind; 2) daß reiche Gold- und Silberminen vorhanden sind, ohne die Leute zu bereichern; 3) daß in einigen Gegenden guter Wein gebaut wird; 4) daß die Mexikaner den Nordamerikanern gar nicht widerstehen können, und selbst ein Spott der Indianer sind; 5) daß die Indianer, welche sich beharrlich aller bürgerlichen Ordnung und milden Erziehung widersetzen, und nichts thun als stehlen und rauben, -- ausgerottet werden, gleichwie die wilden Thiere, welche Gott auch geschaffen hat.
-- -- Ein heftiger Angriff auf das Veto des künftigen Reichsoberhauptes ward gestern mit großer Mehrheit zurückgewiesen, die Berathung über das Wahlgesetz aber der zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes vorangestellt. Zu den ausgesprochenen guten Gründen gesellt sich ein verschwiegener, als der wichtigste. Das Wahlgesetz schlägt nämlich vor: Dienstboten, Tagelöhnern, Handwerksgehülfen und Fabrikarbeitern das Wahlrecht zu versagen. Dagegen wird die Linke Sturm laufen; sie hofft eine solche Aufregung herbeizuführen und die für jene Bestimmung Auftretenden dergestalt verhaßt zu machen, daß nicht blos das Wahlrecht unbedingt allgemein ertheilt werde, sondern auch nächstdem die ihnen unbequemen Bestimmungen des Verfassungsentwurfes bei der neuen Berathung durchfallen. So gehen wir den lebhaftesten parlamentarischen Kämpfen entgegen, während man aller Orten neuen Aufruhr ankündigt. Auf letzteren ist man gefaßt, und entschlossen, mit den strengsten Mitteln dagegen einzuschreiten.
Den 15. Februar.
Gestern Abend war im Casino vorläufige Berathung über das Wahlgesetz. Man erklärte sich gegen das allgemeine Wahlrecht, und ebenso gegen die ausgesprochene Ausschließung ganzer Klassen von Personen. Jenes, weil die Besitzlosen sonst ganz allein entscheiden; dieses, weil es verletzt und in sich verschiedene Verhältnisse viel zu gleich behandelt. Deshalb will man, ohne die +ausgeschlossenen+ Personen zu bezeichnen, gewisse Bedingungen der +Zulassung+ aussprechen, z. B. fester Hausstand, Grundbesitz, Einnahme, Steuerzahlung. So kommt man auf Das hinaus, was jetzt als Census verrufen ist; doch waren die Anwesenden überzeugt, man dürfe in dieser höchst wichtigen Sache nicht um Beliebtheit beim niedrigen Volke buhlen (die wir ohnehin nicht besitzen, oder erlangen werden) und sich ebensowenig vor Widersprüchen und Anklagen fürchten, sondern Das befördern, was, nach bester Überzeugung, für unser Vaterland als das Heilsamste erscheint.
Zur allgemeinen Besprechung über das Wahlgesetz haben sich 43 Redner einschreiben lassen. Was werden da für Redensarten und Phrasen ausgespielt werden. Heute kam ein Antrag zur Abstimmung: man solle, +abgesehen+ von allem über die Verfassung Beschlossenen, einen neuen Ausschuß erwählen und +ganz von Neuem+ beginnen. Soviel man auch gegen das Beschlossene einzuwenden, und vielleicht bei der zweiten Lesung zu ändern haben mag, erschien doch eine solche Unfähigkeitserklärung zu stark, und sie fiel mit 110 gegen 298 Stimmen durch.
Hundertdreizehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 16. Februar 1849.
Wenn man einer Sorge ledig wird, tritt eine andere ein. In den ersten Monaten nach Eröffnung des frankfurter Reichstages war dieser allzukühn und nahm volle Allmacht in Anspruch. Der Bundestag ward zur Seite geworfen, ein Reichsverweser aus eigener Macht ernannt; von Fürsten und Regierungen nahm man keine Kenntniß, und diese schwiegen und verkrochen sich, aus Furcht vor den gewaltsamen, revolutionairen Ausbrüchen. Jetzt hingegen steigen deren Ansprüche mit jedem Tage und es ist offenbar genug, daß sie die frankfurter verfassunggebende Versammlung in eine blos berathende Behörde verwandeln und den alten Staatenbund mit wenigen Abänderungen herstellen möchten. Wenn Österreich sein Gewicht in diese Wagschale legt und Preußen schwankt, so könnte leicht das letzte Ziel erreicht, Frankfurt ohne Ergebniß aufgelöset und (wie es schon in Paris und London geschieht) als thöricht und lächerlich bezeichnet werden.
Ist man aber hiemit wirklich an einem löblichen, genügenden Ziele angelangt? Ich glaube keineswegs! Mag man den alten Bundestag übertrieben getadelt haben, und sein Übelthun, oder Nichtsthun, mehr durch die +Personen+, als durch die +Form+ herbeigeführt sein, gewiß genügt ein solcher vielköpfiger Fürstentag dem inneren Bedürfnisse Deutschlands nicht, und noch weniger seinem gefährlichen Verhältnisse zum Auslande. Die beschlossenen Grundrechte bedürfen einzelner Verbesserungen, aber sie sind viel zu sehr aus wirklichen Bedürfnissen hervorgegangen, als daß man sie, im Widerspruche mit fast allgemeinen Wünschen und Überzeugungen, verwerfen dürfte. Ebensowenig kann jetzt eine deutsche Verfassung ohne Volkshaus und Volksvertretung Boden gewinnen.
Es ist möglich, daß wir an Mattigkeit, Uneinigkeit, oder durch Gewalt sterben; aber aus unseren Gebeinen würden Rächer erstehen, es dürfte sich ein neuer, größerer Sturm erheben, und zuerst die kleineren, dann die größeren Fürsten von der deutschen Erde hinwegfegen. Hierauf vielleicht eine wilde Republik, und dann der Sieg der Despotie, unter obligater, theuer bezahlter Mitwirkung fremder Mächte. Die kleineren Fürsten scheinen am ersten erkannt zu haben, um was es sich handelt und was auf dem Spiele steht; nicht so die neu geschaffenen Könige. Allerdings muß man Vieles begraben, was abgestorben ist, und woran Niemand mit größerer Zärtlichkeit hing, als ich; Wünsche aber beleben nicht, und jede Wiedergeburt erfordert eine andere und neue Gestaltung.
Mit welcher Theilnahme betrachtete ich in meinen Kinderjahren die homannsche Karte des schwäbischen Kreises. Die unerbittliche Hand einer revolutionairen Zeit hat dies Alles weggewischt und mit +einer+ Farbe überstrichen, welche (jeder Mannigfaltigkeit entbehrend) an den Mangel aller Farbe in dunkler Nacht erinnert. Statt all der verschiedenen Eigenschaften, Organisationen, Qualitäten, nur gleichartige Quantitäten, Volksmenge und ein Divisionsexempel, welches man constitutionelle Repräsentation nennt!
+So+, wenn ich theilnehmend rückwärts blicke; der Historiker soll aber ein zweiköpfiger Janus sein und auch vorwärts sehen und forschen. Man liebt und ehrt seine Voreltern, aber jedes Geschlecht muß seine eigenen Kinder zeugen.
Alle europäischen Regierungen haben sich concentrirt und innerlich gestärkt; ihnen gegenüber ist ein zerstückeltes, vielköpfiges, vielerlei wollendes Deutschland immer im Nachtheile. Man muß sich +unterordnen+, um nicht +unterzugehen+!
Ich habe es mir mit dem Nachlesen vieler stenographischen Berichte pflichtmäßig sauer werden lassen und die hiesigen Berathungen mit den pariser Erfahrungen zusammengestellt. Kommen +wir+ nicht in das gelobte Land, sollen wir doch Weg und Richtung andeuten; aber freilich kommt unendlich viel darauf an, +wer+ den Weg betritt: ob 1640 der große Kurfürst, 1740 Friedrich II., 1840 Friedrich Wilhelm IV. Schon mehre Male hat Glück und Gelegenheit diesem ihre Stirn zugewandt; ich ehre seine Zweifel, aber wer nicht wagt, gewinnt nicht.
Gestern Abend wohnte ich im Casino wieder Berathungen über das Wahlgesetz bei. Man kann dafür leicht hundert Vorschläge machen; indem aber Jeder sein Lieblingskind in der Paulskirche zur Taufe präsentiren will, zersplittern sich Ansichten und Kräfte, Glaube und Vertrauen entweicht den Schwankenden, und die +einstimmig+ auf ganz allgemeines Wahlrecht dringende Linke wird über die vielen zwiespaltigen Weisen obsiegen. Wären wir Alle einig, so würden wir wohl einen mäßigen Census (an Einnahmen und Steuern) durchsetzen und Diejenigen ausschließen, welche man als Proletarier bezeichnen muß. In ruhigen Zeiten fallen diese in die Gewalt reicher Grundbesitzer und Fabrikherren; in unruhigen Zeiten schlagen sie hingegen diese todt, oder werden doch auf anarchischem Wege ihre Herren.
Tadelt mich nicht, wenn ich gar viel rechts und links schaue: man hat einen steifen Hals noch nie für ein Glück gehalten, und Schauklappen will ich mir weder selbst vorbinden, noch vorbinden lassen. Freilich ist mein +Einerseits+ und +Andererseits+ sehr dürftig im Vergleiche zu der Mannigfaltigkeit der Ansichten und Wünsche, welche in zahlreichen Eingaben ausgesprochen werden. Zum Beispiele vom demokratischen Klub in Insterburg: die Nationalversammlung habe die Freiheit an die Camarilla geopfert, das Volk werde über sie zu Gericht sitzen und nur 89 Mitglieder der Linken anerkennen. -- Aus Lemgo: die Reichsversammlung solle das Vergangene wieder gut machen, oder ihr Mandat niederlegen. -- Aus Heinichen: die Rechte der Versammlung besitzt nicht das Vertrauen der Nation. -- Aus Weilburg: man solle den Mord des Freiheitshelden Blum rächen. -- Aus Künzelsau in Würtemberg: die deutschen Fürsten sollen im Römersaale +würfeln+. Wem Gott in seiner Allweisheit den höchsten Wurf verleiht, -- der soll in Deutschland regieren. -- Von Helmuth Riehn in Estebrüge: Fürst Metternich und seine Anhänger sind unter gewissen Bedingungen zu amnestiren und an die Spitze der Regierung des deutschen Reiches zu stellen, und auch den Jesuiten Theilnahme an allen Freiheiten einzuräumen! --
Den 17. Februar.
Ihr werdet es unfolgerecht von mir finden, daß ich erst auf die Klubs schelte, und jetzt fast jeden Abend auf mehre Stunden ins Casino gehe, oft spreche und selbst auffordere im Kampfe nicht dadurch zu unterliegen, daß Jeder auf seiner Meinung besteht und die Stimmen zersplittert. Wie aber die Dinge liegen, muß man unter zwei Übeln das kleinere wählen, und da ich in der Paulskirche nicht zu Worte kommen kann, will ich wenigstens im kleineren Kreise versuchen meine Pflicht zu thun und nicht als bloße Null zu erscheinen.
Auf die Prüfung des Wahlgesetzes wird hoffentlich die zweite Lesung des Verfassungsentwurfes folgen. Leider zögern aber viele Regierungen noch immer, bestimmte, inhaltsreiche Erklärungen abzugeben, und Partikularismus wie Centralisation wird in den Ständeversammlungen und der Paulskirche mit Leidenschaft verfochten. Was soll man anfangen mit Redensarten wie: es +schwebe+ der österreichischen Regierung die +Möglichkeit+ einer guten Verfassung vor; eine solche sei kein bloßer +Traum+, man könne sich ihr +allmälig+ nähern u. s. w. Solche diplomatische Blasen (~bubbles~) täuschen Niemand und helfen zu gar nichts. Deutlich ist nur was Österreich +nicht+ will; und wenn ich dies auch nicht tadele, so kommen wir doch nicht vorwärts, ehe es sagt, +was+ es will. -- Oder wir beschließen hier ohne Fingerzeig und Weisung; das führt dann nur zu Vorwänden das Mißfällige zu verwerfen, und nach Auflösung der hiesigen Versammlung zu dem Wahne: die alte Kabinets- und Bundespolitik könne sich wieder in dem alten Großvater- und Schlafstuhl niederlassen, ohne jemals gestört zu werden.
Wenn die berliner Versammlung verständig und gemäßigt ist, wenn Preußen dadurch erstarkt, wenn es mit Frankfurt einig bleibt, die bereits ergangenen, günstigen Erklärungen der kleineren Regierungen dankbar und freundlich annimmt, die größeren beruhigt, so steht Deutschland (wie auch Österreich sich stelle) eine große und schöne Zukunft bevor; -- sonst geht und fällt Alles auseinander, wie die Kirchenversammlung von Basel 1448 vor 400 Jahren!
Nachmittags.
Viele wünschten, daß ich über das Wahlgesetz in der Paulskirche sprechen sollte, und so ist dies, weil mir Jemand seine Stelle abtrat, heute geschehen. Daß der Unparteiliche am wenigsten gefällt, ist natürlich; doch bin ich äußerlich gut davongekommen und Mehre haben mir ihren Beifall bezeigt. In den stenographischen Berichten werdet Ihr die Rede bald lesen. Es ist mir lieb, daß ich doch habe ein Lebenszeichen geben können! --
Raumer’s Rede vom 17. Februar 1849.
Meine Herren! Herr Vogt hat vor einiger Zeit gesagt, daß die Reichsgewalt historische Gesandte abgeschickt habe.
Ich weiß nicht, ob Herr Vogt bei dieser Gelegenheit auch an mich gedacht hat; im bejahenden Falle nehme ich seine Bezeichnung dankbar an und bitte um die Erlaubniß, auch heute diesen geschichtlichen Charakter nicht verläugnen zu dürfen.
Worin besteht der Unterschied zwischen einem Redner und einem Geschichtsforscher? Darin, daß der Redner das Recht und die Pflicht und die Geschicklichkeit hat, +eine+ Ansicht mit aller Kraft des Kopfes und des Herzens zu vertheidigen, wodurch er in der Regel weit größeren Beifalls gewiß ist, als Derjenige, welchem es obliegt, die Ansichten von einer oder von mehren verschiedenen Parteien mit voller, wo möglich gleicher Unparteilichkeit zu entwickeln. Je mehr man aber auf diesem Wege fortschreitet, meine Herren, desto mehr überzeugt man sich, daß die Wahrheit und das Recht höchst selten allein auf +einer+ Seite -- auf der rechten oder der linken -- liege, sondern daß in jeder Ansicht ein Element des Rechts und der Wahrheit ist, und daß da, wo vielleicht das Unrecht allein vorzuwalten scheint, man doch den Glauben und die Überzeugung haben kann, daß eine höhere Fügung Alles zum Besten zu lenken wisse. Ich bitte also um die Erlaubniß, hier nicht mit schwächeren Kräften, weit größeren Talenten im Reden nachzustreben, sondern (ich möchte sagen, schon der Abwechslung halber) mir zu erlauben, einige historische Bemerkungen einzuflechten, die sich allerdings denn doch auf die Sache beziehen.
Die Aufgabe, in welchem Maße die politischen Rechte ausgeübt werden sollen, ist im Ablaufe der Zeiten sehr verschieden gelöset, oder doch der Versuch gemacht worden, sie zu beantworten. Die erste Form der Lösung ist die: daß eine ausgezeichnete Persönlichkeit (ohne Rücksicht auf alle Anderen) mit Übermacht die Geschicke bestimmt. Diese Methode findet hier ganz mit Recht keinen Beifall; ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, daß sie keineswegs immer so schädlich gewesen ist, wie man bisweilen behauptet. Nicht allein Monarchen haben auf diesem Wege die Weltgeschichte in großem Style gefördert (wie Karl der Große, Peter der Große und Friedrich der Große), sondern vorzüglich in der alten Welt wußte man auch, daß einzelne Männer von hohem Geiste oft geschickter sind Sachen zum Ziele zu führen, als zahlreiche Versammlungen. Deshalb sind Moses, Lykurg, Solon, Numa Pompilius, Servius Tullius denkwürdig für alle Zeiten. Indessen ist hiemit die Aufgabe nicht für alle Zeiten gelöset. -- Die nächste Form war nun die, daß man sich verließ auf die +Geburt+, und mit ausschließlicher Rücksicht auf sie politische Rechte ertheilte; eine Ansicht, die jetzt ebenfalls höchst mangelhaft und thöricht erscheint. Sie ist aber auch nicht ohne Merkwürdigkeit; denn keine Ansicht hat sich in der Weltgeschichte länger erhalten als diese. Gebildete Völker, wie die Inder und Ägypter, haben sehr schroffe Kasteneintheilungen, welche, je widerstrebender sie für uns sind, um so mehr einer Erklärung bedürfen. Diese Erklärung lief nun wohl darauf hinaus, daß man sagte: wenn gewisse Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft betrachtet werden als +gegebene+, wenn sie keine Veranlassung darbieten zum Zweifeln, Wählen, Zaudern, so ist allem Streite ein Ende gemacht. Sobald der Eine weiß, er ist geboren als Krieger, sobald der Andere weiß, er ist geboren als Kaufmann u. s. w., so bleibt die bürgerliche Stellung unwandelbar geordnet und der Staat hat ebensowenig Noth mit Regelung dieser Verhältnisse, als damit, daß Jemand als Mädchen oder als Knabe, in diesem oder jenem Lande u. dgl. geboren ward. --