Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 15

Chapter 153,440 wordsPublic domain

Erst mit den Griechen tritt Wesen und Begriff der Freiheit in die Welt, denn Alles, was vorher in dieser Beziehung versucht ward, blieb unvollkommen. Mit diesem Begriffe der Freiheit kommt aber noch ein anderes neues Element in die Anordnung der politischen Rechte, welches zuerst ausgesprochen ward von +Solon+. Zwar hat man ihn vorhin getadelt, ich glaube aber, er würde sich hinreichend vertheidigen können, wenn er gegenwärtig wäre!! Was war der Gedanke Solon’s? Daß allerdings die Person frei werden solle, daß aber zu der Person ein Besitz gehöre. So tritt die Frage nach dem Besitze zum ersten Male bei den Griechen in die politische Welt. Was that Solon? Er theilte seine Athener, mit ihrer Zustimmung, in vier Klassen nach den Einnahmen und gab den höheren Klassen größere Rechte, aber wohl gemerkt, auch größere Pflichten. So entstand eine billige Wechselseitigkeit. Wenn nämlich Jemand in eine höhere Klasse kommen wollte oder konnte, mußte er für das erweiterte Recht eine größere Last, eine größere Pflicht in Bezug auf Steuer und Kriegsdienst übernehmen. Nachdem sich jedoch +alle+ Athener in den Perserkriegen groß gezeigt hatten, waren die niederen Klassen nicht mehr geneigt, sich von gewissen Rechten ausschließen zu lassen. Es ward also durch Aristides, um eine größere Revolution zu vermeiden, eine allgemeine gleiche politische Berechtigung eingeführt. Später ging, ich möchte sagen unter dem constitutionellen Monarchen Perikles, die Sache noch gut und im großen Style; nachher aber reihte sich der Verfall Athens zur Zeit des Gerber Kleon und Anderer an dieses allgemeine Stimmrecht und diese unbedingte Gleichstellung.

Ich gehe über auf Rom. Servius Tullius ergriff auch den Begriff des Besitzes, aber anders. Er stufte die politischen Rechte ab, nicht nach den Einnahmen, sondern nach dem Eigenthume. Es würde zu weit führen, wenn ich den Unterschied zwischen beiden Methoden umständlich darthun wollte; ich muß Sie aber darauf hinweisen, daß Servius Tullius sich nicht begnügte, wie Solon Klassen zu bilden, sondern daß er mit der Klasseneintheilung die Centurieneintheilung verband, das heißt, er gab den Reicheren außerordentlich viel größere Rechte und gründete dadurch eine lang dauernde Aristokratie, welche die niedrigste Klasse wie von den Rechten, so auch von den Lasten ausschloß. Dies Bevorzugungssystem der Reichen fand allmälig den stärksten Widerspruch und ward im Wesentlichen durch eine neue politische Form, durch die Tribus zerbrochen. In den Tribus fragte kein Mensch nach dem Gelde; aber es fand desungeachtet keineswegs ein allgemeines Stimmrecht statt, so wie es in unseren Tagen verstanden wird. Jede Tribus, -- durchschnittlich 35 --, bildete nämlich eine Corporation mit einer Stimme. Es waren aber nicht gleich viel Personen in jeder Tribus, sondern der zahlreiche Stadtpöbel Roms ward zusammen genommen in wenige städtische Tribus, und minder viel Personen bildeten eine ländliche Tribus. Später fand man nicht den Übergang, -- obgleich er so leicht schien, wie das Ei des Columbus --, aus der Stadtverfassung in eine Staatsverfassung; man kam nicht auf den Begriff der Repräsentation. Dieser findet sich erst im dreizehnten Jahrhunderte durch sehr verschiedene Personen fast gleichzeitig eingeführt, nämlich durch den Kaiser Friedrich II. und durch die Bettelmönche.

In neuerer Zeit ist das allgemeine Stimmrecht, -- ich will nur von Republiken sprechen --, in Frankreich und Nordamerika versucht worden. In Frankreich ist eine Kammer daraus hervorgegangen, die eine Verfassung entwarf, an welche die Franzosen selbst nicht mehr glauben; sie hat ferner die Wahl eines Präsidenten zu Stande gebracht, von der mir mehre Franzosen gesagt haben: wenn in einer Erbmonarchie ein Kronprinz dieser Art wäre, so würde man das stärkste Argument gegen die Erbmonarchie daraus hernehmen können. (Heiterkeit.) -- Ich komme auf Amerika. Man hat gesagt, dort ist kein Census; dies kann ich jedoch nicht als richtig einräumen. Es ist nämlich dort kein Census, insofern man darunter lediglich die Nothwendigkeit versteht, ein größeres oder geringeres Vermögen nachzuweisen; wenigstens besteht ein solcher Census nur in einigen Staaten, oder insofern eigentlich gar nicht, als die Forderungen so gering sind, daß in der That kaum irgend Jemand dadurch ausgeschlossen wird. Hiemit ist aber der vollständige Begriff des amerikanischen Census keineswegs erschöpft; vielmehr ist in Amerika durch die Verfassung fast aller Staaten vorgeschrieben, daß der Wählende Steuern müsse bezahlt haben, und in +allen+ Verfassungen ist gesagt: er müsse ansässig sein, mit welcher Forderung immer die Pflicht des Steuerzahlens verbunden ist; sie ist die Bedingung, ohne welche Niemand zur Wahl kommt. Die Amerikaner meinen überhaupt, Gleichheit wäre nur da, wo gleiche Verhältnisse obwalten; wo aber verschiedene Verhältnisse sind, da liegt eben die höhere Gleichheit in der Verschiedenheit. (Zuruf: Sehr richtig!) Wenn also Geburt, Besitz und Persönlichkeit die Haupteigenschaften sind, nach welchen die politischen Rechte abgestuft wurden, so finden wir doch auch verschiedene Mischungen in den Verfassungen, wo sowohl auf die Personen, als auf den Besitz Rücksicht genommen wird, oder: +Sein+ und +Haben+ sind beide gleichmäßig berücksichtigt.

Meine Herren, fragen Sie, wie wohl ein Amerikaner, wenn er hier in unserem Kreise säße, seine Abstimmung einrichten würde, so dürfen wir, um hiefür zeugen zu lassen, nicht den ersten besten Amerikaner nehmen. Ich will also Den sprechen lassen mit Ihrer Erlaubniß, der nach meinen genauen Untersuchungen, nach meiner festen Überzeugung, der allergrößte Republikaner und Demokrat ist, der jemals in der Weltgeschichte aufgetreten, an dessen Wirksamkeit sich eine ganze neue Welt anreiht, der den Vereinigten Staaten eine neue Bahn vorzeichnete, die sie am Anfange selbst nicht ahndeten, dessen Grundsätze die bewunderungswürdigsten Folgen gehabt, also ein Mann, vor dem Alle Ehrfurcht haben und haben müssen, -- das ist der Präsident +Jefferson+. Er selbst war im Anfange der Revolution als Gesandter in Paris, stellte sehr genaue Beobachtungen an, und erklärte sich darüber in Briefen und Memoiren. Aus diesen will ich mit Erlaubniß der Versammlung eine Stelle vorlesen.

Es kommt darin ein starker Ausdruck vor, welchen ich mir nicht erlauben würde aus Besorgniß zur Ordnung gerufen zu werden, ich habe aber kein Recht, etwas zu ändern, wenn ich citire. Die Stelle ist folgende:

„Vor der Gründung der amerikanischen Staaten kannte die Geschichte nur Menschen in der alten Welt, in schmale, übervölkerte Gränzen eingeengt und eingetaucht in die Laster, welche ein solcher Zustand hervorbringt. Für solche Menschen paßt eine, für unsere Staaten ganz verschiedene Regierung. Durch Arbeit, in Ackerbau oder Gewerben, gewinnt hier Jeder seinen Bedarf und Hülfsmittel für die Zeit des Alters. Jeder ist durch sein Eigenthum und seine ihm genügende Stellung, für die Aufrechthaltung von Gesetz und Ordnung wesentlich interessirt. Solcherlei Männer mögen sich mit Sicherheit und Vortheil eine angemessene Controle oder Aufsicht über die öffentlichen Angelegenheiten vorbehalten, welche in den Händen des Gesindels der europäischen Staaten sogleich würde mißbraucht werden, zum Niederreißen und Zerstören aller öffentlichen und bürgerlichen Rechte und Güter. Die französische Geschichte der letzten 25, die amerikanische der letzten 40, ja 200 Jahre, beweiset die Wahrheit beider Seiten dieser Beobachtung.“

Zu Dem, was hier Jefferson anführt, darf ich noch eins hinzusetzen: es herrscht in Amerika eine unbegränzte Achtung vor dem Gesetze; es würde kein Amerikaner jemals neben der gesetzlichen Verfassung, neben den gesetzlichen Behörden, wagen, einen noch so wohlwollenden politischen Gedanken durchsetzen zu wollen.

Ich habe vorhin gesagt, daß der Historiker das +für+ und +wider+ ebenmäßig zu betrachten die Pflicht hat; da es aber hier der Gebrauch ist, sich +für+ oder +wider+ einen Antrag einschreiben zu lassen, so habe ich das +für+ gewählt, obgleich ich in keiner Weise mit allen gemachten Anträgen einverstanden bin. Zuvörderst bin ich der Meinung, daß der Vorschlag des Ausschusses, ganze Klassen auszuschließen, unbrauchbar ist. Ich erkläre mich gegen den Gedanken, durch Bezeichnung des Berufes Leute wegzuweisen oder einzulassen. Hiebei will ich aber noch etwas bemerken, was hier wenigstens mit weniger Nachdruck hervorgehoben worden ist. Man kann nämlich gegen das Zulassen der Bedienten, Tagelöhner und Fabrikarbeiter den Einwand oder die Besorgniß aussprechen, daß der Vorschlag der Zulassung nicht demokratisch genug sei, weil zwar in Zeiten der Unruhe, in denen wir uns leider noch befinden, diese Massen vielleicht über das rechte Maß hinausgehen und für die gewaltige Bewegung, in der man das Heil sucht, ihre Hand anlegen werden -- aber in Zeiten der Ruhe da werden die Bedienten leicht abhängig von ihren Herren, die Tagelöhner leicht abhängig von größeren Grundeigenthümern, der Fabrikarbeiter aber vom Fabrikherrn, und dann bekämen wir eine Aristokratie, die schlechter sein würde, als Das, was wir vermeiden wollen. -- Ich darf Sie, meine Herren, an ein Beispiel erinnern. Ich war zu der Zeit, als die Reformbill berathen wurde, in England, und viele ausgezeichnete Staatsmänner hegten die Meinung, man müsse den kleinen Pächtern das Stimmrecht zugestehen und nicht dazu ein Grundeigenthum verlangen, welches in England überhaupt nur in wenigen Händen ist. Es waren jene Staatsmänner der Überzeugung daß jeder kleine Pächter, welcher das Stimmrecht bekäme, unbedingt für die freisinnigen Whigs stimmen würde. Ich widersprach dem damals und behauptete, es sei das Entgegengesetzte zu besorgen. So kam es auch, denn nach der neuen Parlamentswahl hatte sich herausgestellt, daß vielen dieser mit dem Wahlrechte beglückten Personen die Pacht wäre gekündigt worden, wenn sie nicht eingewilligt, mit ihren Verpächtern zu stimmen. (Stimmen auf der Rechten: Hört!)

Es läßt sich von den allgemeinen Bemerkungen, welche zu machen Sie mir erlaubt haben, nicht füglich die Frage trennen: ob eine direkte oder indirekte Wahl vorzuziehen sei. Jede zeigt eigenthümliche Vorzüge, doch stimme ich für die erste. Man hat in Frankreich den Versuch gemacht, in Abstufungen wählen zu lassen, indem man dem niedriger Besteuerten ein geringeres, dem höher Besteuerten ein größeres Recht einräumte. Dieser Versuch ist vollkommen mißglückt und hat die größte Unzufriedenheit hervorgerufen; denn er beruhte nicht blos auf einer Abstufungsnachweisung der Steuern, welche praktisch schwer durchzuführen ist, sondern er theilt gar leicht auch jede Kammer, ich möchte sagen, in zwei feindliche Lager, sodaß alle Vermittelungsversuche, sie auszusöhnen, vergeblich sein dürften. Wenn in England der Herzog von Southerland, welcher wohl hunderttausend Pfund jährliche Renten bezieht, im Verhältniß, oder doch bedeutend mehr Stimmrecht haben sollte, als ein anderer wahlfähiger Bürger, so würde man sich dagegen gewiß auflehnen. Ich wünsche also keine Stufen, keine Wahlmänner, keine Doppelwahlen.

So kommen wir denn endlich auf den Census. Ich will hier der Merkwürdigkeit halber Jemand erwähnen, welcher in neuerer Zeit oft in einer ehrenvollen Weise angeführt worden ist, die er nicht verdient. Man schlug in Frankreich vor, daß die ärmeren Klassen von dem Steuerzahlen befreit werden sollten. Robespierre behauptete dagegen, es sei eine Ehre, Steuer zu zahlen, und wer sich dieser entschlagen wolle, der stehe nicht an der rechten Stelle. So betrachtet man diese Sache auch in Amerika. Dort sagt man: ich würde mich schämen, zu wählen, wenn ich nicht zum allgemeinen Besten meinen Steuerbeitrag entrichtet hätte. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut!) -- Meine Herren! Wir stehen auf einer bedenklichen Stelle; ich will nicht weit abschweifen, aber es hängt Alles zusammen, und deshalb gebe ich Ihnen Folgendes zu bedenken: Wenn wir jetzt in der Zeit der Bewegung abstimmen und für die wichtigsten Vorschläge nur eine kleine Majorität zusammenbringen, wenn wir glauben mit zehn Stimmen Mehrheit einen Reichsrath, mit einer Majorität von zwanzig Stimmen ein Wahlgesetz und mit einer Stimmenmehrheit von vielleicht fünfundzwanzig einen Kaiser machen und der Weltgeschichte eine neue große Wendung geben zu können, so irren wir uns; diese Meinung, diese Hoffnung ist auf Sand gebaut. Wenn wir uns nicht vereinigen und mit einer imposanten Mehrheit einen Beschluß zu Stande bringen, so wird dies Zwiespalt erzeugen: Jeder wird glauben, das Vaterland zu retten, aber Keiner wird es retten. (Stimmen auf der Rechten: Sehr gut! sehr wahr!)

Ich möchte nochmals auf etwas zurückkommen, denn ich habe darüber Erfahrungen gemacht: ~experto crede Ruperto~! Zurückkommen also möchte ich auf das Wort des Herrn Vogt über die Abschickung historischer Gesandten. Es hat dieses Wort noch eine andere Bedeutung, als die oben erwähnte; es hat eine tiefsinnige, furchtbare Bedeutung. Es weissagt: Ihr werdet nicht blos im Jahre 1848, sondern auch in Zukunft +historische+ Gesandte abschicken. Was heißt das? Es heißt: diese Leute werden in zierlichem Style und auf dem feinsten Postpapiere berichten über die Art, wie andere Völker die Blätter der Weltgeschichte mit ihren Thaten erfüllen; von uns, von unseren Einwirkungen, Thaten und Entscheidungen, von unserem eigenen Volke wird aber nicht die Rede sein. Ich habe das bitter erfahren. Man hat mich mit der größten Höflichkeit und Achtung, ja mit ausgezeichnetem Vertrauen empfangen und behandelt, so weit es meine Person betraf. Aber konnte ich mich eitel hiemit trösten, wenn ich täglich sehen und hören mußte, wie man mein Vaterland, wie man die Reichsversammlung, die Centralgewalt betrachtete und gering achtete? (Stimmen: Hört! hört! -- Bewegung). -- Sie erlauben mir zum Schlusse nochmals einige Worte von Jefferson mitzutheilen. Er sagte zu einer Zeit, welche in gewissem Sinne der unseren ähnlich war: „Mögen Alle den heiligen Grundsatz im Herzen tragen, daß, weil der Wille der Mehrheit in allen Dingen entscheidet, dieser eben deshalb gerecht und vernünftig sein muß, und daß die Minderheit ihre gleichen Rechte besitzt, welche man durch gleiche Gesetze beschützen soll, und welche zu verletzen Unterdrückung sein würde. Laßt uns deshalb, ihr Mitbürger, uns vereinen zu einem Herzen und einem Sinne. Laßt uns im geselligen Umgange die Harmonie und Liebe herstellen, ohne welche die Freiheit, ja das Leben selbst nur traurige Dinge sind. Laßt uns bedenken, daß wir aus unserem Lande die religiöse Unduldsamkeit verbannt haben, durch welche die Menschen so lange litten und bluteten, daß wir aber nur wenig würden gewonnen haben, wenn wir eine politische Unduldsamkeit beförderten, welche ebenso gottlos und zu gleich bitteren und blutigen Verfolgungen fähig ist.“ (Im Centrum und auf der Rechten lebhafter Beifall.)

Hundertvierzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 18. Februar 1849.

Hiebei erhaltet Ihr einige Exemplare meiner Rede über das Wahlgesetz zu beliebiger Vertheilung. Bei Beurtheilung dieser, mangelhaft und lückenhaft erscheinenden Rede, bitte ich zu beherzigen:

1) Daß mir erst eine halbe Stunde vor dem wirklichen Halten, unerwartet eine Redestelle abgetreten wurde.

2) Daß andere Redner bereits die Hauptpunkte umständlich und genügend beleuchtet hatten. Ich konnte also nicht dasselbe noch einmal sagen, sondern nur (von meinem Standpunkte aus) einige geschichtliche Bemerkungen beibringen.

Ihr tadeltet mich wohl, ich sei „stumm wie ein Fisch“; jetzt werdet Ihr mir bald zurufen: „sprich nicht zu viel, sondern höre mehr.“ -- Ich habe nämlich nicht blos gestern Vormittag in der Paulskirche, sondern auch gestern Abend im Weidenbusche vor einer sehr zahlreichen Versammlung gesprochen, welche rathschlagte: wie man sich bei der neuen Stellung der Parteien und der zweiten Lesung des Verfassungsentwurfes benehmen, woran man festhalten müsse, und worin man nachgeben könne.

In meiner Rede erinnerte ich an die frühere, übertrieben getadelte Mannigfaltigkeit Deutschlands, an die noch nicht ausgestorbene Vorliebe für dieselbe und wie schwer es mir geworden, immer mehr die nothwendige größere +Einheit+ anzuerkennen. Diese Einheit müsse, insbesondere dem +Auslande+ gegenüber gestärkt werden, wofür ich viele pariser Erfahrungen als Beweise anführte. In Paris hätten sich die Feinde Deutschlands über die §. 2 und 3 aus den und den Gründen sehr gefreut; wenn aber Österreich jetzt blos einige Änderungen des alten Bundestages bezwecke, so reiche dies nicht aus, und noch weniger sei Baiern zu seinen Widersprüchen hinreichend berechtigt u. s. w. u. s. w.

Den 19. Februar.

Gestern war ich auf einem großen Mittagsmahle beim Präsidenten Simson, zu welchem (sehr vernünftig) Abgeordnete aller Farben und Parteien eingeladen waren. Dies ist weit besser als das schroffe Absondern: man lernt sich kennen und verständigt sich besser im Gespräch, als durch lange Parteireden in der Paulskirche.

Welch dürftiges Ende uns auch bevorstehe, die Gedanken von Grundrechten, einem Volkshause und der Einheit Deutschlands werden nicht wieder verschwinden, sondern durch Zank und Uneinigkeit hindurch immer wieder hervorbrechen. Ich mache Euch aufmerksam auf die vortreffliche Rede Bassermann’s (in No. 172 der Berichte) über das Wahlgesetz. Nach solchen Vorgängern hätte ich (selbst bei größerem Talent, als ich besitze) nur Ähren lesen können.

Hundertfunfzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 20. Februar 1849.

Meine Weissagung ist eingetroffen: alle Vorschläge, das allgemeine Wahl- und Stimmrecht mehr oder weniger zu beschränken, sind durchgefallen; ja, man war nahe daran, es auch Bankerottirern und Bettelleuten zu verleihen!

Den 21. Februar.

In der Stunde, wo man gestern jede Beschränkung des Wahlrechts (selbst die Ansässigkeit und das Steuerzahlen) verwarf, erhob sich ein so furchtbarer Sturm mit solchen Regengüssen, wie ich es fast nie erlebt habe: -- möge dies kein Omen sein!

Politische Sorgen hat jetzt fast jeder Mensch; gestern aber steigerten sich die meinigen darüber, was Pflicht und Gewissen gebiete? Man muß darüber ins Klare kommen, was man (bei täglich steigenden Gefahren, und so vielen wichtigen, neu eintretenden Thatsachen) thun, was man vertheidigen, aufgeben, wie man stimmen wolle.

Die neue Gesellschaft des Weidenbusches (von der ich schon schrieb) will sich zu folgendem Programm bekennen:

1) Bildung eines Staaten- und Volkshauses;

2) Einheit der Reichsgewalt;

3) Annahme der Absätze 2 und 3 vom Reiche.

Das Staatenhaus ist nothwendig um der Fürsten und Stämme willen; ohne ein Volkshaus bleiben die Deutschen wesentlich hinter der politischen Entwickelung anderer Völker zurück, und seit 1000 Jahren hatten sie +einen+ Kaiser; obgleich viele Leute jetzt schreien, als wäre dies eine funkelhagelneue Erfindung. Alles auf diese Punkte bezügliche +Einzelne+ bleibt (um nicht abzuschrecken, vor der Hand zur Seite gestellt. Kommt Zeit, kommt Rath. -- So weit konnte ich ohne Bedenken mitgehen; ernstere Zweifel hegte ich über die Absätze 2 und 3. Sie lauten: §. 2. „Kein Theil des deutschen Reiches darf mit nichtdeutschen Reichen zu einem Staate vereinigt sein -- §. 3. Hat ein deutsches Land mit einem nichtdeutschen Lande dasselbe Oberhaupt, so ist das Verhältniß zwischen beiden Ländern nach den Grundsätzen der reinen Personalunion zu ordnen.“ Ihr erinnert Euch, daß ich mich in Paris lebhaft wider diese Sätze erklärte, und darin einen Quell des Unglücks und der Zerwürfniß sah. Mir schien es zum mindesten unverständig, eine solche Herausforderung Österreichs an die Spitze zu stellen, und eine Hinausweisung anzudeuten. Seitdem habe ich hier im dritten Bande der stenographischen Berichte, alle Reden und Verhandlungen nachgelesen. Die für jene Sätze ausgesprochenen Gründe hoben keineswegs alle meine Zweifel, und die sehr große Mehrheit, welche sich dafür aussprach, war für mich auch noch nicht entscheidend. Wohl aber geben +neue Thatsachen den Dingen und den damit in unzertrennlicher Verbindung stehenden Beschlüssen eine andere Gestalt+. Zuerst nämlich erklärte Österreich: es wolle +nicht+ in den +Bundesstaat+ eintreten, sondern nur einen engeren Bund schließen; und diesen zu Stande zu bringen erhielt das Reichsministerium Auftrag von der Reichsversammlung. -- Nunmehr änderte aber Österreich seine Ansicht und erklärte: es wolle +keinen Bundesstaat+, +kein Oberhaupt+ (es sei denn ein Habsburger) und nur eine Art von Herstellung des alten Staatenbundes mit oligarchischem Vorherrschen der vier Könige. So viel in und zwischen den Zeilen. Reichstag und Reichsgewalt ist für Österreich gar nicht da, oder nur eine berathende Behörde, deren sämmtliche Beschlüsse zu verwerfen ihm frei stehe. Diesem Beispiele folgen die kleinen Königreiche gar gern; was uns zurückwirft, bis diesseits alles Anfanges.

Will Österreich +staatsrechtlich+ aus +allen+ seinen Ländern +ein+ Reich bilden (anders denn zuvor), so bleiben seine Deutschen immer in der Minderzahl und können allerdings in diesem Sinne nicht +zweien+ Staaten angehören. Ist dies nicht der Fall, so hat Österreich schwerlich die Macht, aber gewiß nicht das Recht, von vorn herein eine neue und engere Einigung Deutschlands zu verwerfen, und ein Band vorzuziehen, das nicht bindet, sondern nur nach seinem Belieben gängelt. Waren also die Absätze 2 und 3 anfangs eine Art von Herausforderung, so sind sie jetzt vielmehr eine Art Abwehr, oder ein nothwendig gewordenes Mittel, die Dinge aus dem Schwebeln, Nebeln und Träumen heraus ins Klare zu bringen.

Man kann, wie die Dinge jetzt stehen, die Zukunft Deutschlands nicht aufgeben, um der Zukunft Österreichs willen; das ganz deutsche Preußen nicht um alter Traditionen willen, zurückstellen gegen den bunt gemischten österreichischen Staat. Wenn sich Preußen (zufolge seiner neuesten Noten) nicht nochmals von wiedergebornen Metternichs will in das Schlepptau nehmen lassen, wenn es nicht (blos rückwärts sehend) zur Salzsäule werden will, so hat es ganz Recht. Es muß (wie im Zollvereine) im Wege freien Vereines vorwärts gehen. Schon stehen alle kleineren deutschen Staaten auf seiner Seite; verliert man den Muth nicht, vergißt man der Mäßigung nicht, stellt man die Bedingungen nicht zu hart, die Formen nicht zu verletzend, so dürften die Widersprechenden allmälig nachgiebiger werden. Haben wir nur erst einen Kern, so wird bald mehr daran anschließen. Thut der preußische Landtag in der nächsten Zeit seine Schuldigkeit, geht er mit Frankfurt Hand in Hand, so blühet Hoffnung und nahet Erfüllung. -- Wo nicht, so gehen wir verspottet von hier nach Hause, und eine bittere Reue und Strafe wird die Weigernden, Störenden, Zweideutigen treffen!

-- -- Ich las Allerlei in Johnson’s Leben englischer +Dichter+. Man erwartet ein glänzendes, poetisches, glückseliges Leben! -- findet aber meist Unzufriedenheit, Neid, Armuth, Unordnung, Speichelleckerei, Grobheit u. s. w. u. s. w.!! -- schlechter, als die gewöhnlichste Prosa des täglichen Lebens. Doch giebt es Ausnahmen; oder man könnte auch sagen: unter allen Poeten zur Zeit der Königin Anna, gebe es keinen einzigen Dichter!

Nachmittags.

Die bekannte preußische Note hat großen Beifall gefunden; jedoch nur als ein +erstes+ Wort, dem mehre folgen müßten. Indeß hatte sie sogleich die günstige Wirkung, viele kleinere Fürsten zu überzeugen, daß ihr Dasein nur dadurch könne gerettet werden, wenn sie durch eine starke Reichsgewalt gegen das Ausland und die Demokraten geschützt würden.