Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 8

Chapter 83,366 wordsPublic domain

Achtundachtzigster Brief.

Paris, den 8. December 1848.

Vor Bonaparte’s Wohnung faullenzen täglich mehre Hundert Bummler, nach den gebratenen Tauben das Maul aufsperrend, die er ihnen versprochen hat. -- Viele Engländer verlassen Paris; sie fürchten im Fall der Wahl Bonaparte’s große Unruhen, ja einen allgemeinen Krieg.

Mit einem Cabrioletkutscher hatte ich soeben folgendes Gespräch: ~Pour qui voterez Vous? -- Certainement pour Bo. -- Croyez Vous qu’il est capable de gouverner la France? -- Point du tout, mais il sera usé plus vite qu’aucun autre!~ -- So denken nicht blos Kutscher, sondern auch die hochweisen Männer verschiedener namhafter Vereine. Später werden Alle sagen: wer hätte das gedacht! Aber: ~tu l’as voulu George Dandin!~

Den 9. December.

Wichtige Begebenheiten drängen sich jetzt auf eine fast beispiellose Weise: der Papst verjagt, ein Kaiser und ein König abdankend, Frankreich morgen für und gegen einen unbekannten Herrscher stimmend, würfelnd, oder losend; in Preußen die Versammlung aufgelöset und eine neue Verfassung gegeben; -- so vieler anderen Dinge nicht zu erwähnen, welche in ruhigeren Zeiten die größte Aufmerksamkeit erweckt hätten. -- Die Italiener richten sich zu Grunde wie die Polen; Mäßigung und Besonnenheit fehlen fast überall, und Leidenschaft wird über Sittlichkeit und Tugend hinaufgesetzt. -- Österreich ersteht aus Todesgefahren, zu einem hoffentlich einigen und großartigen Völkerbunde. -- Für Frankreich wird Gott sein: „es werde Licht,“ doch nicht für immer zurückhalten. Gestern Abend war auf dem Vendomeplatze aber noch Tohu, Bohu; sechs Parteien eiferten für sechs Bewerber, und da L. Bonaparte keine gebratenen Tauben umherreichen ließ, kochten sich die ~citoyens actifs~ selbst einige Prügelsuppen.

Den 10. December.

Heute weissagt man den Sieg Bonaparte’s, weil in Paris (+also+ auch in ganz Frankreich) gutes +Wetter+ ist! Denn nunmehr würden sich die Bauern nicht abhalten lassen, nach den entfernten Wahlorten zu gehen und für ihn zu stimmen! -- Gestern ließ ich mir die Haare verschneiden. Es dauerte wohl eine Stunde; denn es entspann sich (von mir gefördert) ein Streit zwischen dem Haargesellen und einem eintretenden alten Officier. Jener war (obgleich aus der Vendée) ein Verehrer L. Bonaparte’s; der Officier (obwohl aus Napoleon’s Heeren) ein Bewunderer Cavaignac’s. Der Gesell ließ mich, halb geschoren, sitzen, um seinen politischen Zweikampf auszufechten, und ich hörte geduldig zu, um (als Professor des Staatsrechts) etwas zu lernen. -- Ich stimme (sagte heute ein Mann) für Bonaparte, denn er bringt uns Steuererlaß, stete Beschäftigung und Wohlstand. -- Gewiß wird Cavaignac (und das ist einstweilen ein Trost) mit seinen Freunden sich jeder Entscheidung der Wähler, oder der Nationalversammlung unterwerfen und keine Verletzung der Ordnung und der Gesetze dulden.

Nachmittags.

Die jetzige französische Regierung betrachtet Rußlands Fortschritte mit der größten Besorgniß, und wünscht in Ansichten, Beschäftigungen und Bestrebungen der Regierungen und der Völker eine solche Wendung und Übereinstimmung, daß man jenem Umsichgreifen mit größerem Nachdrucke könne entgegentreten. Insbesondere fragte Hr. Minister --, was man in dieser Beziehung wohl von Deutschland erwarten dürfe, denn auf Beantwortung dieser Frage komme vor dem Ergreifen bestimmter Beschlüsse sehr viel an. Ich antwortete (als Privatmann): Rußland hat den Deutschen gegen Napoleon’s Übermacht und Tyrannei treulich beigestanden, und ein Recht auf ihre Dankbarkeit erworben. Sollte daher irgend eine französische Regierung in die alten Gelüste der Eroberung und Unterjochung zurückfallen, so ist es höchst natürlich, daß man alsdann ein Bündniß mit Rußland nicht verschmähen wird. Andererseits giebt es zwischen Deutschen und Russen sehr wenige Punkte der Übereinstimmung, während sich jene gern aufrichtig mit Frankreich verbinden werden, sobald die dargebotene Freundschaft in Thaten übergeht und genugsame Bürgschaft gewährt. Österreich wird großentheils durch Frankreich und England gezwungen, sich an Rußland anzuschließen, und zu dessen Umsichgreifen zu schweigen; es ist zum mindesten eine sonderbare Zumuthung: es solle freiwillig seine italienischen Länder abtreten und durch einen großen Krieg mit Rußland, die Moldau und Walachei erobern. Nur wenn Frankreich, England, Deutschland (einschließlich Preußens und Österreichs) wahrhaft einig sind, werden ihre gerechten Vorstellungen bei dem Kaiser von Rußland Berücksichtigung finden; alle vereinzelten Einreden gegen seine anmaßlichen (aber klug berechneten und kräftig ausgeführten) Plane wird er hingegen für ganz unbedeutend halten und zur Seite legen. Während so viele europäische Regierungen und Völker sich unglücklicherweise streiten und schwächen, steigt Rußlands Macht. Denn so viel man auch gegen das russische Wesen mit Recht einwenden mag, so finden sich dort zwei Eigenschaften, die in so vielen westeuropäischen Ländern leider fehlen, nämlich: Vertrauen zur Regierung, und Gehorsam gegen die Regierung.

Den 11. December.

Der gestrige Tag ist ruhig vorübergegangen, obwohl, bei dem schönsten Wetter, Hunderttausende in Bewegung waren. Überhaupt ist für die Wahlzeit, und so lange noch Jeder obzusiegen hofft, nichts zu befürchten. Auch sind die mächtigsten Vorkehrungen für Erhaltung der Ordnung getroffen, und die Erfahrungen der Junitage haben selbst die kühnsten Empörer eingeschüchtert. Indeß zeigen die demokratischen Festmahle noch täglich Frechheit und Aberwitz in zugleich widerwärtiger und furchtbarer Mischung. So wenn Gesundheiten ausgebracht werden: ~le Christ~, und unmittelbar daneben: ~la méfiance~! Robert Blum, Raspail, Louis Blanc, Mazzini, Danton, Robespierre, u. s. w.

Mit Recht sagt heute das ~Journal des débats~: sonst hätten die Völker ihre wichtigsten Handlungen durch Anrufung Gottes zu heiligen und zu reinigen gesucht; jetzt hingegen habe die französische Republik durch die Stimme ihres Propheten und Rhapsoden zu ihrem Schutzgott erwählt -- den Zufall! ~Jacta est alea! La France joue, elle veut jouer; les yeux bandés, elle tire le gâteau des Rois!~ -- Ich führe die eigenen Worte an, um sie nicht (scheinbar allzuhart) als Fremder auszusprechen.

Den 12. December.

Wenn sich hier der Wind ein Weniges dreht, drehen sich die Wetterfahnen noch weit mehr. Vor acht Tagen solcher Andrang beim General Cavaignac, daß Haus und Hof nicht zureichten und in den Nebenstraßen über 200 Wagen hielten; heute sagt der General aus zureichenden Gründen den Empfang ab, und gestern sah ich wie Haufen Gesindels mit Gebrüll nach seinem Hause eilten und aus vollem Halse schrien: ~à bas Cavaignac!~ -- Höher Gestellte, die vor kurzer Zeit ihm noch schmeichelten und bettelten, haben plötzlich die Entdeckung gemacht: es sei zweifelhaft, ob er und seine Freunde unfähiger, oder unsittlicher wären!

Unter so vielen, sich drängenden großen Begebenheiten, welche der Geschichte reichen Stoff darbieten, sollte der Geschichtschreiber sich glücklich und wohl befinden! Woher kommt es nun, daß ich so verstimmt, so geistig und leiblich unwohl, so seekrank bin? Es kommt daher daß mir fehlt, was ich verehren und bewundern, woran ich mich erheben und stärken, wodurch ich neue Lebenslust und Lebenskraft gewinnen könnte. Statt ächter Weisheit höchstens Pfiffigkeit, statt edler Festigkeit schlangengewandte Fuchsschwänzerei, statt kühnen Verkündens der Wahrheit nur Heucheln, Schweigen, oder schlecht verdecktes Lügen, Götzendienst getrieben mit unsinniger Leidenschaft, Ehre geopfert dem gemeinsten Eigennutz und die Massen des ungebildeten Volkes als Fußschemel benutzt für Ehrgeizige und für die Brut ihrer gierigen Helfershelfer. -- So sieht das aus, was in Frankreich meist zu Tage kommt, und jeden Theilnehmenden doppelt betrübt. Ist es ein Wunder, wenn große Herrscher (wie Kaiser und König Friedrich II) am Ende ihres langen, thätigen Lebens, das bittere Ergebniß aussprachen: die Menschen seien eine schlechte Race! -- Man muß sich täglich zurufen: nil desperandum, und vertrauensvoll glauben, wo man mit schwachen Augen die göttliche Führung nicht deutlich erkennt.

Die Berechnung aller Störungen der Planeten- und Kometenbahnen ist leicht und einfach im Vergleiche mit den Vorherbestimmungen politischer Ereignisse, in unserer aufgeregten und verwirrten Zeit. Und doch wird man immer wieder zu diesen erfolglosen Versuchen hingetrieben, sobald sich die Elemente der Bahnen irgend verändern. Also, wenn Cavaignac nicht Präsident wird, was wird er thun? Ich meine er wird sich der Entscheidung unterwerfen und sich niemals (was Einige thöricht, oder böswillig verbreiten) mit den rothen Republikanern verbinden. Ob er aber ruhig dem Versuche zusehen würde, die ganze Republik umzustürzen, das ist eine andere Frage. Gewiß wird er nach einigen Monaten billiger beurtheilt und höher gestellt werden, als in diesen Tagen der Leidenschaft. Daß er und Bastide ehrlich denken, sprechen und handeln, ist Vielen unbegreiflich und unglaublich, oder Beweis der bloßen Unfähigkeit.

Trübe Aussichten nach allen Seiten; obwohl die Grundlage der Hoffnung unzweifelhaft bleibt, daß 99/100 des Volkes Ruhe und Ordnung wollen, obgleich sie über Mittel und Wege zu diesem Ziele meist im Dunkeln, oder im Irrthume sind.

Möchten nur in unserem Vaterlande 99/100 für Ordnung und Gesetz mit Festigkeit auftreten. Freilich klagen die Demokraten laut, daß die Verfassung +oktroyirt+ sei: das heißt zu deutsch +gegeben+. Wenn aber das Gegebene gut ist, so nehme ich es dankbar an; auch ist ja der +zweiten+ Versammlung das Recht des Verbesserns und Bestätigens zugestanden. Unwahr ist es ferner, daß man Gegebenes in jedem Augenblicke nach Willkür zurücknehmen +könne+; oder daß Vertragsmäßiges, oder von unten herauf zu Stande Gebrachtes, immer sei heilig gehalten worden. Schon die französische Revolutionsgeschichte bietet viele Beweise des Gegentheils.

Über die neue preußische Verfassung läßt sich viel hin und her streiten. Gewiß bedarf Einzelnes näherer Bestimmungen und Berichtigungen. So macht ein ganz unbeschränktes Vereinigungsrecht (einschließlich aller Klubs) jede Regierung unmöglich, oder sprengt sie auseinander. Selbst in Frankreich hat die Regierung das gesetzliche Recht sogleich beschränkend einzugreifen, wenn die öffentliche Sicherheit bedroht erscheint. Schon der Plan, durch ein Netz demokratischer Klubs den ganzen preußischen Staat zu umspinnen und die Wähler zu verführen, zeigt die höchsten Gefahren, sobald nicht die verständigsten und allgemeinsten Gegenmittel, wider dieses Gift, angewandt werden. Denn über das Bewilligte hinaus, noch mehr fordern und durchsetzen, hieße die Monarchie stürzen, und Das herbeiführen, was man hier erlebt. -- Politik, und nichts als Politik!! --

Gestern war ich bei der Gräfin Potocka, ihrer Einladung folgend. Sie hat mich verjüngt, indem sie nämlich Mozartsche Sonaten mit einer Geige (diesmal mit einem Violoncell) begleitet, spielte, die ich schon als Gymnasiast mit Hrn. Kaufmann, und nachher unzählige Male in Halle mit Kroker spielte. ~Tempi passati!~ -- Da sich in den Abendgesellschaften Niemand die Mühe giebt Einen vorzustellen, so bewegt sich Alles durcheinander wie die Atome Epikurs, oder (ohne ~Harmonia praestabilita~) wie Leibnitzens Monaden. Gestern fragte ich einen Herrn: wer ist der Mann? Zur Antwort: Ich sehe ihn seit Jahren in allen Gesellschaften, weiß aber nicht, wie er heißt. Er ist Legitimist, sehr langweilig und lacht immer. -- Das heißt nun Geselligkeit im höheren Style!

Neunundachtzigster Brief.

Paris, den 13. December 1848.

Die Wahl Bonaparte’s zum Präsidenten Frankreichs ist so gut wie entschieden; nicht sowohl aus Vorliebe für seine Person, als in der Absicht durch ihn Zwecke verschiedener, ja +entgegengesetzter+ Art zu erreichen; vor Allem aber, weil man in Frankreich die +Republik nicht will+. Dies wird auch den +hoffnungsvollsten+ oder +verblendetsten+ Demokraten in Deutschland nicht verborgen bleiben. -- Möge für Frankreich ~vox populi~ wirklich ~vox dei~ sein und werden.

Vor der Hand lauten die Äußerungen der künftigen Machthaber ganz friedlich, auch fühlen sie, daß ein Krieg dem freundschaftlichen Verhältnisse mit England ein Ende machen und Rußland (das man scheut) herbeiziehen würde. -- Die künftige Regierung wird dem deutschen Reichsgesandten einen officiellen Charakter gewiß +nicht+ zugestehen, bevor die Reichsverfassung entworfen und +allgemein angenommen+ ist. Vor Allem macht hier der unglückliche Streit mit Österreich den unangenehmsten Eindruck. Man spottet über diese neue Methode, eine größere deutsche Einheit herbeizuführen und über die bewundernswerthen Ergebnisse derselben; man nennt den ganzen Hergang ~une querelle d’Allemand~! -- Hoffentlich ist Alles in bessere Ordnung gebracht, bevor der neue Minister der auswärtigen Angelegenheiten mir hierüber Vorlesungen hält -- oder mich examinirt.

Mittags.

Gestern sahen wir: „die goldene Eier legende Henne.“ Dies Wunderwerk dauerte etwa 5 Stunden; ich war aber um 11 Uhr so augenmüde, daß ich nach Hause ging. A. wird umständlich berichten, von Himmel und Hölle, raschen Verwandlungen, glänzenden Erleuchtungen, prachtvollen Dekorationen, Tanzen aller Art, Mädchen in der Gestalt von Leiern und Guitarren, oder von Eseln, Schafen, Truthühnern und Gänsen u. s. w., Alles kostspielig, nie gesehen, erstaunenswürdig. -- Und doch, -- bei ernster Würdigung --, ein trauriger Beweis: daß Gedanken und Gefühle, Schönheit und Wahrheit, Maß, Harmonie und Zusammenhang, daß die ächte höhere Kunst verkannt und geopfert werden, und die oberflächlichste Sinnenlust darüber hinaufgestellt ist. Schon Aristoteles wußte, daß dies den Untergang ächter Tragödie und Komödie herbeiführe; die Römer erfuhren, daß bei dieser geistigen Faullenzerei auch Sittlichkeit und Charakter ausarten, und die Pariser sind, hinsichtlich dieser Dinge, auf dem geraden Wege in byzantinische Zustände zu gerathen.

Ich habe allerdings den Muth gebilligt, den man in Berlin gegen Anarchisten und Pöbel gezeigt hat, und freue mich der bis zum März 1849 eintretenden Ruhe. Aber diese Ruhe ist nur ein Waffenstillstand, und kein Friede. Die Demokraten werden das Bewilligte annehmen, und von diesem +neuen+ Ausgangspunkte weiteren Boden zu gewinnen suchen. Die Rechte dagegen wird klagen, daß man sie und ihre (freilich erbärmlich schwach vertheidigten) Grundsätze, an die Linke preisgegeben und geopfert habe. Wollte man +so viel+ geben, glaubte man mit einer Verfassung, wie die neue, monarchisch fortregieren zu können, so hätte man nicht ~much ado, about nothing~ erheben sollen. Denn selbst die Linke verlangte (~reservationes mentales~ abgerechnet) wenigstens bis zum Anfange des Herbstes nicht mehr. -- Wird die Presse, werden die Klubs (ich wiederhole es) nicht, wenn Selbstbeherrschung fehlt, durch Gesetze in Zucht und Ordnung gehalten, welche zugleich ernst und freisinnig sind, so ist auf dem Festlande Europas keine ruhige, geordnete Regierung möglich. Man wird zwischen ~émeutes~ und ~coups d’état~ immer hin und her schwanken. Trotz dieser Wolken und Schwarke, hoffe ich doch, das Hauptungewitter ist vorüber, und wir gehen einer besseren Zeit entgegen.

Den 14. December.

Die ungeheure Zahl Derer, welche sich für L. Bonaparte erklärten, übersteigt alle und jede Erwartung, oder Vermuthung; +Niemand+ hat +diesen+ Ausgang vorhergesehen, und insbesondere sind die überklugen, allzupfiffigen, unaufrichtigen Parteiführer erstaunt, ja (wenn das Wort erlaubt ist) verblüfft. Lamartine, den die Eitelkeit noch vor 14 Tagen antrieb, als Bewerber um die Präsidentenwürde aufzutreten, ist trotz seiner prophetisch-asiatischen Phrasendrechselei so durchgefallen, daß er wenigstens Grund hat einzusehen, man halte ihn nicht für einen zum Herrschen gebornen Staatsmann. -- Ledru-Rollin und Raspail müssen sich ebenfalls überzeugen, bei welcher +kleinen Minderzahl+ ihre wilden, tollen Ansichten Beifall finden. Höher hinauf sehen sich die Legitimisten aller Farben und Abstufungen getäuscht; sie dachten mit L. Bonaparte zu spielen, ihm eine +nur geringe+ Überzahl von Stimmen zu verschaffen und ihn dann zur Seite zu werfen, um irgend einen ihrer vielen Plane durchzusetzen. Nun ist ihnen der Popanz oder Mannequin über den Kopf gewachsen, und steht auf einer beispiellos breiten Grundlage. Schwerlich hat er Lust, den General Monk zu spielen; wahrscheinlich begnügt er sich zunächst mit den großen Rechten, welche ihm die Verfassung giebt. Für diesen Fall ist General Cavaignac mit seinen Freunden fest entschlossen, ihn wider jeden etwanigen Angriff mit aller Kraft zu schützen; und sein jetziger Gegner verwandelt sich vielleicht in seinen tüchtigsten Vertheidiger. Gewiß darf er dem ehrlichen, versöhnten Republikaner mehr vertrauen, als den falschen Freunden, die ihn lediglich als Mittel gebrauchen wollten. Diese +ganz entschiedene+ Wendung ist ohne Zweifel für die +nächste+ Zukunft ein Glück für Frankreich; sie macht gewaltsame Veränderungen unmöglich und erweckt Vertrauen für die Dauer der Zustände. -- Das noch Spätere, -- wer kennt es? Drouyn de l’Huys, der bisherige Vorsteher des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, soll dies Ministerium erhalten. Ich habe ihn als einen verständigen, gemäßigten Mann kennen lernen, dessen Ansichten über die europäischen Verhältnisse mit den meinigen übereinstimmten. Daraus folgt aber freilich nicht, daß man sich hier für das Deutsche und dessen weitere Entwickelung begeistere, so lange Uneinigkeit und Parteisucht in unserem Vaterlande fortdauern.

Eine neue Karikatur zeigt Lamartine, wie er dem Louis Philipp einen Fußtritt giebt. Cavaignac wie er dem Lamartine einen Fußtritt giebt. Bonaparte wie er dem Cavaignac einen Fußtritt giebt. Morgen (heißt es dann) die Fortsetzung.

Ich mache mir Vorwürfe (und Sie werden es noch mehr thun), daß es mir an aller Lust fehlt, auf die Jagd nach berühmten Leuten auszugehen, und daß mir das beneidete Glück sehr ~répandu~ zu sein, als die höchste und leerste Unbequemlichkeit erscheint. Komplimente schneiden und Phrasen drechseln, wovon Kopf und Herz nichts wissen, ist meiner Natur ganz zuwider, und das Wort erstirbt mir im Munde, wenn mir (nur zu oft) einfällt, was ich im ~Palais de la verité~ sagen würde! -- Deshalb kann ich mich nicht entschließen -- nochmals aufzusuchen, weil mir dies wie eine Art von Lüge und muthloser Schmeichelei erscheint; deshalb befinde ich mich nur halb bequem mit Thiers, weil ich (anderer, neuerer Dinge nicht zu gedenken), mich mit ihm über viele Stellen in seiner Geschichte der Revolution (die ich hier wieder lese) streiten möchte. So z. B. wenn er von den ~perfidies~ Pitt’s gegen den Convent spricht, und daß jener: ~par une logique machiavélique désenchantait les Anglais de la liberté française~; wenn er Burke blos als ~déclamateur véhément~ bezeichnet und seine ~violence absurde~ rügt; wenn er die Erzählung von der Hinrichtung Ludwigs XVI mit der Bemerkung schließt: „die Völker zeigen eine brutale und falsche Freude, bei der Geburt, der Thronbesteigung und dem Fall der Fürsten!“ -- Welch eine Zusammenstellung, oder Gleichstellung, an +dieser+ Stelle!!! --

Den 16. December.

Ich war gestern bei Hrn. C., der auf mein Andringen nochmals über die Mörder Lichnowsky’s an den ungebührlich zögernden Justizminister geschrieben hat; nicht minder aber deshalb, weil am Thorschlusse die jetzige Regierung Das noch thun möchte, was die nächste (schon aus Geist des Widerspruchs) gewiß bewilligen wird. -- „Cavaignac (sagte Hr. C.) hat sich durch seine Umgebungen zu Grunde gerichtet.“ -- „Werden +die+ Bonaparte’s besser sein.“ -- „Keineswegs, dies Übel kehrt immer wieder. Warum wollen Sie nicht hier bleiben? Sie sind gern gesehen und Ihre Stellung ist der des Hrn. Tallenay in Frankfurt gleich.“ -- „Ich bin zu alt, verderbe meine Zeit, und finde Niemand, den ich aus vollem Herzen bewundern könnte.“ -- „Wo giebt es derlei Männer, etwa den Papst, vielleicht den König von Neapel, weil er sich selbst zu helfen wußte. Nach großen Zeiten folgt immer eine der Erschlaffung und Mittelmäßigkeit.“

-- -- -- Durch alle Reden des Hrn. -- leuchtete die Besorgniß hindurch, daß unser Vaterland einig und mächtig werde, sowie die Lehre der alten Diplomatie, Frankreich müsse es schwächen und seine Entwickelung stören! Nebenbei das Echo jedes kleinen deutschen Gesandten, der ohne Archimedes zu sein, doch schreit: ~noli turbare circulos meos~. -- Die Hauptaufgabe der Deutschen (sagte ein zum Minister bestimmter Mann) ist die Slawen zu befreien. -- Wollen Sie, erwiderte ich, mir sagen, wie dies anzufangen sei? -- Jetzt wandte sich das Gespräch auf die Polen, wobei +weit+ mehr Tadel als Lob zum Vorschein kam.

Neunzigster Brief.

Paris, den 17. December 1848.

Gestern Abend ¾7 Uhr gingen wir ~le val d’Andorre~ von Halevy zu hören, und kamen um Mitternacht zurück. Eine angeblich veredelte, in Wahrheit verschlechterte, unmotivirte, langgedehnte, „+diebische Elster+.“ Unter allen französischen Operntexten, die ich kenne, der trivialste, und doch eine peinliche Marter durch ganze Akte hindurch. Musik aller Art, mit Erinnerungen an Bellini, Spontini und A., dieselben oberflächlichen Kunstmittel, ich weiß nicht wie oft angewandt: z. B. schnelles Plappern, Hinaufschreien in die höchste Oktave und dann ein Mundausspülgurgeltriller. Die leichtfertigste Tanzoper Auber’s wäre mir lieber gewesen, als diese sentimental-criminale Strapatze; -- größerer Meister nicht zu gedenken! -- Doch wozu kritisiren? Die Pariser füllen das Haus; es gehört zum guten Ton das Stück zu sehen und zu loben, und ich bin nur ~un barbare du Nord, qui a l’esprit désapprobateur~! -- ~Incidit in Scyllam, qui vult evitare Charybdin~; so gerieth ich, um der politischen Plage und Cholera zu entgehen, in eine nicht geringere der Kunstentwickelung des letzten Tages. Vielleicht ruft mir aber Jemand zu, es gehe mir wie Hobbes, von dem der ehrliche Jöcher sagt: „er ist so moros gewest, daß er jedermänniglich contradiciret.“ -- Auf Verlangen sende ich dann zur Widerlegung, oder zum Zeichen der Unparteilichkeit, eine Recension, wo Text und Musik jener Oper bis in den Himmel erhoben wird! -- Nun, mir auch recht, meinsgefallen, ~chacun a son goût etc., etc., etc.~

Den 18. December.

Wenn ein Hirte täglich seine Schafe in den Stall hinein- und wieder herauszählt, so hat er es mit sicheren Wirklichkeiten zu thun, und über das Ergebniß hegt er keinen Zweifel. Ein Gesandter in Paris hingegen muß täglich die +Möglichkeiten+ zusammensuchen, und er weiß nie mit Gewißheit woran er ist, und welche sich in Wirklichkeit verwandeln wird. Also: die Wahl Bonaparte’s zum Präsidenten hat allerdings erwiesen:

1) daß die große Mehrzahl des Volkes eine ruhige, dauernde Regierung will;

2) aber zu gleicher Zeit, daß man die Republik +nicht+ mag.

Das sieht nun allerdings sehr bestimmt und positiv aus; hebt sich denn aber eins und zwei, ~a~ und ~b~ nicht untereinander auf, und drängen sich nicht neue Möglichkeiten in den Vordergrund? Jede dieser Möglichkeiten hat eifrige Vertheidiger, welche die Nothwendigkeit ihrer Verwirklichung zu erweisen suchen. Ich gebe Beispiele: Dauer, Sicherheit, Vertrauen (sprechen Viele) ist der höchste Zweck, deshalb soll man an der vorhandenen, gegebenen, an der soeben beschworenen Verfassung +nichts+ ändern und eingedenk des Spruches sein: ~le meilleur est l’ennemi du bien!~ Hier allein ist und wird Bonaparte verpflichtet; er sichert sich und das Wohl des Landes, wenn er diese Pflicht gewissenhaft erfüllt.