Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 7

Chapter 73,408 wordsPublic domain

Die römischen Frevel machen hier sehr großen Eindruck, und es kommt heute in der Nationalversammlung zur Sprache, was Frankreich für den Papst thun wolle. Ein Wahnsinn der ärgsten Sittenlosigkeit durchraset ganz Europa, fast ärger als der theologische früherer Zeiten; und so wie man sich damals durch Mißdeutung biblischer Stellen eine von allen Banden gelösete, angebliche höhere Moral bildete, stellen jetzt die Anarchisten die höchste Willkürlichkeit ihres hochmüthigen Beginnens hinauf über alle ewigen Gesetze menschlicher Würde. -- Als ich gestern Hrn. -- (einem Quasigesandten der Sicilianer) sagte: gründet man die Freiheit durch Mord? Wird dies die Theilnahme für Italien erhöhen? bemerkte er: aber Hr. Rossi hat viele Fehler begangen. -- Als wenn dies Recht zu, oder Entschuldigung für Verbrechen gäbe!

800 Schuster haben ein Bankett gehalten, wo ihnen einer der neuen Propheten (ein ehemaliger Arbeiter), Herr Peter Leroux sagte: viele Schuster denken und sprechen weit besser ~d’association~, als Mitglieder der Nationalversammlung. Ein Mitglied des Instituts, ein Dichter wie Lamartine, ein General wie Cavaignac, ein Napoleon, -- ist nicht mehr wie ein Schuster! -- ~Ces paroles ont été suivies de vives acclamations!~ -- Schwerlich würde es viel wirken, wenn man diesen Schustern die Geschichte erzählte, vom ~ne sutor ultra crepidam~.

Den 29. November.

Gestern Abend wollte ich mich dem Hrn. General Cavaignac in seiner sogenannten Soiree vorstellen, fand aber die Straße so mit Wagen überfüllt, daß ich ausstieg, um zu Fuße weiter vorzugehen. Bald aber zeigten sich auch hier unübersteigliche Hindernisse. Tausende nämlich von Nationalwache und Officieren rückten in geschlossenen Reihen vorwärts, und ob sie mich gleich mehre Male höflichst durchließen, gelangte ich doch nur bis in das erste Zimmer; wo diesmal keine Hitze, sondern bei offenstehenden großen Fenstern und Gartenthüren ein gewaltiger Zug war. Obgleich ich meinen runden Hut (mit Hülfe einer neuen Erfindung) zusammendrückte und mich vereinzelte schwarze Krähe so schmal machte wie möglich, blieb es doch unmöglich weiter vorzudringen. Kein ~plus ultra~, sondern Rückzug bis zur Hausthür; wo es mir mit Mühe gelang, meinen Namen in ein Buch einzuschreiben. Unterdeß hatte die Polizei die Überzahl von Wagen in andere Straßen gewiesen; der meine war nicht aufzufinden, und so mußte ich den weiten Weg nach Hause laufen. -- Noch nie war es so voll bei Cavaignac, vielleicht in Folge seiner siegreichen Vertheidigung am vorigen Sonnabend.

Ludwig Bonaparte hat sich ein Manifest machen und es gestern verkündigen lassen. Im Vergleiche mit +seinen+ Wünschen, ist Heinrichs IV Wunsch, „eines Huhns im Topfe,“ -- nicht des Erwähnens werth; und gehen seine Versprechungen in Erfüllung, so bricht die goldene Zeit herein, der Himmel fällt auf die Erde, und Jeder steckt davon so viel in die Tasche als ihm beliebt. Aller Streit, alle Unordnung, alle Leidenschaft nimmt ein Ende, und die +entgegengesetztesten+ Personen arbeiten in milchbrüderlicher Einigkeit an dem neuen Paradiese. So sagte schon John Cade: ~I would by contraries execute all things.~

Den 30. November.

Sonst kannte selbst die Fabel nur zwei Gefahren, von zweien Seiten, Scylla und Charybdis; jetzt sitzt man, wie ein indischen Büßer wenigstens zwischen vier Feuern und Sonnenbrand von oben. Welch eine klägliche Rundschau bietet Europa: Portugal, im Vergleiche mit den Zeiten Vasco di Gama’s und Albuquerque’s; Spanien, in dessen Landen die Sonne nie unterging; Frankreich, nach 60jährigen Bestrebungen, zum bloßen Lotteriespiele verdammt; Deutschland, wo Centralisation und Partikularismus, Reaktion und Radikalismus sich wechselseitig zu Grunde richten; Italien, Mordfeste feiernd und die Wiedergeburt im überbieten alter Frevel suchend. Möchte man zuletzt nicht in der Verzweiflung nach Rußland fliehen, weil dort doch noch Glauben an eine geordnete Regierung und Gehorsam im Gemüthe zu finden ist!?

Meine gesandtschaftlichen Bestrebungen erinnern mich an Tantalus’ Geschick. Im Augenblicke des ersten Gelingens, die Verwerfung des malmöer Waffenstillstandes. Im Augenblicke des zweiten Gelingens, der wiener Aufstand. Im Augenblicke des dritten Gelingens, die Protestationen der österreichischen Landschaften gegen die Frankfurter, Österreich betreffenden Beschlüsse. Könnte man da nicht alle Geduld verlieren? Kann man sich wundern, wenn Feinde Deutschlands dies benutzen und geltend machen, Freunde aber zweifelhaft werden und zögern?

An den Hrn. Rector der berliner Universität Hrn. Nitzsch.

Soeben lese ich in dem preußischen Staatsanzeiger die Erklärung, welche sehr viele Professoren der Universität in Bezug auf die Verlegung der Reichsversammlung an Se. Majestät den König gerichtet haben. Ich halte es für meine Pflicht, nicht zu schweigen, sondern selbst aus der Ferne dieser Erklärung mit voller Überzeugung beizutreten. Denn abgesehen von allen Gründen, welche man aus der früheren Verfassung, aus Rechtsverhältnissen und Gesetzen, für das von der Krone in Anspruch genommene Recht herleiten kann; erweiset die Theorie durch sichere Schlüsse und die Geschichte durch nur zu zahlreiche Erfahrungen, daß eine Versammlung, deren Dauer und deren Weise zu sein allein von ihr oder doch von ihrer willkürlichen Bestimmung abhängt, allmälig alle Freiheiten untergräbt und Tyrannei begründet.

Sie mag nämlich aus wohlwollendem Eifer und übertriebener Besorgniß, oder aus bewußtem Frevelmuth in dieses Streben nach Allmacht hineingerathen, so steht doch fest daß in dem Maaße, als sie dieses Ziel erreicht und alle heilsamen Gegengewichte zu Boden wirft, sie auch ihrem eigenen Untergange entgegengeht. Zu spät werden alsdann die Verführer gestraft, die Verführten von Gewissensbissen verfolgt, Alle aber (nach schnell vorübergegangener Lobpreisung) von der Mitwelt verläugnet und von der Nachwelt verdammt.

Nur wenn die Versammlung zur rechten Einsicht und dem nothwendigen Gehorsam zurückkehrt, die Krone aber (woran nach den Versprechungen Sr. Majestät des Königs und Sr. königlichen Hoheit des Prinzen von Preußen nicht zu zweifeln ist) weder die Gesetze der Mäßigung überschreitet, noch die zugesagten Rechte verkürzt, wird unser theures Vaterland aus der entsetzlichsten Gefahr errettet werden und einer glücklichen Zukunft entgegengehen.

Eure Magnificenz bitte ich, diese Erklärung der Öffentlichkeit zu übergehen.

Sechsundachtzigster Brief.

Paris, den 1. December 1848.

Gestern kam mir die Erklärung der berliner Professoren an den König in die Hände. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, ihr in einem Schreiben an den Rektor, Hrn. Nitzsch, beizutreten. Denn; obgleich ich meine Zweifel, ob die bloße Verlegung nach Brandenburg zum Ziele führen werde, noch immer nicht überwinden kann; so bleibt für mich doch keine +Rechts+frage, sondern nur eine +Klugheits+frage übrig, welche die Versammlung nicht zu entscheiden hatte. Noch weniger durfte sie durch die recht- und formlose Steuerverweigerung, ohne allen genügenden Grund, versuchen überall Anarchie und Bürgerkrieg hervorzurufen. Zu jener Erklärung habe ich mich auch deshalb entschlossen, weil es meiner Natur zuwider ist hinter dem Berge zu halten, und ich nicht den Schein erwecken will, als hege ich der miserabelen akademischen Geschichte halber, eine ~rancune~, oder als wolle ich mich deshalb den Anarchisten zugesellen.

Aber, wie gesagt, der Streit über die Verlegung der Nationalversammlung wäre wohl besser vermieden worden. Geht die Mehrheit +nicht+ nach Br., so ist dies eine Niederlage für die Regierung, gehen +Alle+ hin, so werden die Steuerverweigerer auch außerhalb Berlins schwer zu lenken sein. Die Auflösung der Nationalversammlung läßt sich (da Viele sich gern das Vergnügen einer neuen Wahl machen wollen) wohl durchsetzen; wer aber kann dafür stehen, daß die bevorstehenden Wahlen in der jetzigen aufgeregten Zeit besser ausfallen werden? Wenigstens zeigt hier die englische und französische Geschichte warnende Beispiele.

In einer langweiligen Abendgesellschaft, zischelte gestern ein Herr dem anderen zu: L. Bo. Manifest ist gemäßigt, beruhigend, gemüthlich, weise; -- während ein Dritter seinem Nachbar sagte: es ist die dummste und lächerlichste Posse (~niaiserie~), die mir je vorgekommen! -- In dem ersten Entwurfe hat gestanden: er werde nie interveniren und das Heer um 200,000 Mann vermindern. Dies ist aber ausgestrichen worden, weil man den Eindruck fürchtet, den eine solche Erklärung auf das Heer machen könnte; oder weil man noch Eroberungsgelüste hegt; -- oder aus beiden Gründen zusammengenommen.

Den 2. December.

Die Maßregeln, welche Hr. General Cavaignac für den schändlich behandelten Papst ergriffen hat, finden fast allgemeinen Beifall, wogegen die Theilnahme für die Italiener täglich abnimmt und ihre politische Fähigkeit und Mäßigung von allen Seiten geläugnet wird. Gestern sagte mir ein hochstehender Beamter: man wird ihrer bald so überdrüßig sein, als der Polen. -- Leider hat die Theilnahme für Deutschland in der letzten Zeit ebenfalls so abgenommen, daß man dessen kein Hehl hat. Und zwar aus folgenden Gründen:

1) weil die berliner Reichsversammlung Schlüsse der frankfurter aufgehoben hat, und umgekehrt;

2) weil die berliner Linie alle Einmischung der Reichsgewalt zurückweiset, sobald diese nicht unbedingt Das thun will, was jene verlangt;

3) weil die berliner Zerwürfnisse noch fortdauern und von Frankfurt aus nicht beseitigt sind;

4) weil die frankfurter Versammlung geduldet hat und noch duldet, daß einzelne ihrer Mitglieder willkürlich die Paulskirche verlassen, in verschiedenen Staaten Aufruhr predigen, und an ungebührlichen Kämpfen persönlichen Antheil nehmen. Es sei tadelnswerth, daß man in Frankfurt blos die +Form+ ins Auge fasse, ohne den +Inhalt+ zu berücksichtigen. Oder, wenn man diesen ausnahmsweise auch unterordnen wolle, so hätte man doch nicht Männer, mindestens höchst zweideutiger Wirksamkeit, als Märtyrer dichter Freiheit behandeln und ehren sollen;

5) während man verlange, daß Frankreich die Reichsgewalt und einen Reichsgesandten unbedingt anerkenne, sei man mit Österreich in so unnöthigen Streit gerathen, daß sich dasselbe von Frankfurt lossage und die daselbst gefaßten Beschlüsse weder ausführen wolle, noch ausführen könne. Bevor man sich also an fremde Mächte wende, möge man in der Heimat zur Mäßigung zurückkehren und Einigkeit begründen. Selbst Frankreich sehe ein, daß für Europa’s Wohl ein starkes Österreich nöthig sei, während man in Deutschland unbegreiflicher Weise dessen Zerstückelung und Auflösung wünsche oder anbahne. Österreich werde dazu so wenig die Hand bieten, als Frankreich, wenn man etwa für Elsaß, Bretagne oder Navarra derlei Beschlüsse fassen und aufdrängen wolle.

So in aller Kürze die Urtheile, wobei ich mich noch freuen soll, daß sie mir nicht stärker vorgetragen werden! Einzelne Gesandte sind so mitleidig, mich zu meiner Stellung zu condoliren, und wenn ich mich wahre und vertheidige, machen sie (leider!) +meiner Person+ Komplimente, während sie die +sachlichen+ Darstellungen und Forderungen ablehnen. Einzelne, die in ihren eigensten Interessen verletzt werden, sprechen schon die Hoffnung aus: es werde Alles beim Alten bleiben!

Mittags.

Ich habe gestern, ich weiß nicht zum wievielsten Male, auf Auslieferung der Mörder des Fürsten Lichnowsky gedrungen, und zwar in einer ungeduldigen, fast barschen Weise. Die Schuld der Zögerung liegt aber nicht an dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, sondern am Justizministerium, wie man in Frankfurt durch Hrn. Tallenay bereits wissen wird. Ein vieljähriger Beamter jenes Ministerii sagte mir: „Ihre Forderung ist klar und gerecht, aber man fürchtet sich vor den Journalen.“ Da entfuhr mir das Wort: „~c’est misérable~.“ -- Anstatt mich (wie ich fürchtete) deshalb zurechtzuweisen, erwiderte jener Beamte: „Sie haben vollkommen Recht!“

Siebenundachtzigster Brief.

Paris, den 3. December 1848.

Warum (sagte mir Baron R.) besuchen Sie uns Abends nicht öfter? -- Ich bin oft übler Laune, oder vielmehr so niedergeschlagen, daß ich für Gesellschaften dann nicht tauge. -- „Mir geht es ebenso; aber es hilft zu nichts. Auch erscheinen mir die Verhältnisse allmälig sehr viel besser zu werden. Welch wilde, ungemäßigte Leidenschaften im Februar und Junius. Jetzt dagegen müssen alle Parteien sich bezähmen und den Gemäßigten anschließen, Cavaignac wie Bonaparte; und Lamartine (der einst mit Ledru-Rollin fraternisirte) erklärt: er will die rothe Republik aufs Äußerste bekämpfen. Die Gemäßigten werden in Frankreich herrschen und (da Deutschland ja alles Französische nachäfft) auch in Deutschland die Oberhand behalten.“ -- Ich freute mich dieser heiteren Betrachtungsweise, obgleich mir der Weg zum Besseren noch nicht so gerade aus zu laufen scheint. ~Per tot ambages, per tot discrimina rerum, tendimus in Latium.~ In England dauerten die politischen Stürme, während des 17. Jahrhunderts, an 60 Jahre; Frankreich ist nach gleichem Zeitraume noch nicht am Ziele; Deutschland wüthete 30 Jahre wider sich selbst, und kommt (einmal aufgeregt) nicht leicht und schnell zur Ruhe. -- Und doch sehnt sich weit die Mehrzahl nach dieser Ruhe. Die Minderzahl, gewiß die thätigere, ist hingegen jetzt fanatisirt für politische Lehrsätze und Bekenntnisse, wie die Vorzeit für theologische Formeln. Von Besonnenheit, Sittlichkeit und liebevollem Christenthume ist dabei nicht mehr die Rede. Frevler, als Märtyrer ächter Freiheit dargestellt und erhoben, Unschuldige ermordet, und der Beförderer alles Guten, der wohlwollende Vater der Christenheit mit der niederträchtigsten Undankbarkeit behandelt und mit Mühe Mörderhänden entflohen. Wenn ein Hund auf der Straße schreit, stehe ich auf und suche den etwa Verfolgten zu schützen; statt dessen lesen sich diese neurömischen Senatoren, während Rossi’s Todesröcheln, ihre langweiligen Sitzungsprotokolle vor, und nennen diese bestiale Stumpfheit, stoische Größe. Kein römischer Bürger ergreift den siegesfrechen Mörder, kein römischer Edler reicht dem in Todesgefahr schwebenden Papste hülfreich die Hand, und durch Feste zu Ehren des Mörders schänden sich Städte und Landschaften. So sind die Zeugnisse für die Fähigkeit Italiens zu einer politischen und sittlichen Wiedergeburt. Schreibt doch selbst die ultraliberale Arkonati: die Demokraten haben Alles zu Grunde gerichtet!

Brechen wir jedoch nicht voreilig und ohne Selbsterkenntniß den Stab über Andere. Oder sind denn die Anzeichen, ja die Thaten in Deutschland besser? Ich ward unterbrochen und so möge denn dies Klagelied unbeendet bleiben.

L. Bonaparte und seine Partei benutzen alle Mittel für ihre Zwecke, werden aber nicht minder benutzt. Jemand der die Herabsetzung, oder Abschaffung der Salzsteuer wünschte, überredete jene Partei, daß Bonaparte viele Stimmen gewinnen werde, sofern er sich dafür erkläre. Ohne Rücksicht darauf, daß leichtsinnige Versprechungen zuletzt bittere Früchte tragen, gehen die Stimmenjäger auf jenen Vorschlag ein, lassen 300,000 Exemplare einer darauf bezüglichen Erklärung auf ihre Kosten drucken; -- und der Bittsteller hat +seinen+ Zweck erreicht, ohne daß es ihm einen Heller kostet. -- Ein angesehener Mann aus Südfrankreich sagte mir: wir lieben die Republik nicht, haben auch keinen besonderen Gefallen an Cavaignac; aber wir stimmen für diesen, weil wir keine neue Revolution wollen. Unsere Bauern dagegen, wenn ein +Schwein+ Bonaparte hieße, sie würden es zum Präsidenten erwählen. -- In einem vertraulichen Gespräch mit -- sagte ich ihm: ich bin hier in Paris völlig unnütz, verderbe meine Zeit, und treibe mich auf den Gassen umher, oder in langweiligen Soireen. Wäre nur mehr Trost in Frankfurt oder Berlin, ich ginge sogleich davon. -- Von hier war der Übergang leicht zur Beurtheilung der Gesandten und ihrer Wirksamkeit überhaupt, wobei ich den in meiner +Spreu+ angegebenen Ton wieder anschlug. Sogleich übernahm jener, seit 30 Jahren angestellte Beamte die Oberstimme, machte seinem Herzen Luft und schloß: „Glauben Sie, mein Herr, ich habe viele Gesandten gekannt, die bei ihrer Ankunft handlich verständig waren; allmälig aber wurden sie (anmaßlich mit Kleinigkeiten beschäftigt) -- ~des Sots~.“ -- Das spüre ich auch schon, fügte ich der Wahrheit gemäß hinzu! -- Nun, das Ende ist abzusehen, hoffentlich ehe ich ganz verdumme! Denn nachdem ich mich hier, ~pro patria~, abgemüht, gequält, und (ohne meine Schuld) nichts ausgerichtet habe, wird man (+sobald+ die Verhältnisse sich +günstiger+ gestalten) einen +Anderen+ herschicken, +ihm+ die bis dahin endlich gebratene Taube ins Maul stecken, mich aber (als unbrauchbar) zur Seite schieben. Ich bin so auf Alles gefaßt, daß derlei Erfahrungen meine Kreise nicht stören, sondern eher ergänzen werden.

Den 4. December.

Noch immer steigen und sinken die Leute hier mit ihren Hoffnungen; cartesianischen Täucherlein vergleichbar, oder dem Barometer zur Zeit der Äquinoctialstürme. So muß ich heute Bonaparte’s Aktien höher notiren als gestern, da der Marschall Bugeaud sich für ihn erklärt hat, und zwei aus den Landschaften kommende Männer die allgemeine Stimmung des Landvolkes für ihn bezeugen. Hingegen sind die, Erhaltung der Ruhe bezweckenden, Bürger meist für Cavaignac. Alle nehmen mit äußerlicher Höflichkeit noch immer den Hut ab vor dem allgemeinen Stimmrechte, während es Viele innerlich zum Teufel wünschen. Übrigens macht es einen höchst unangenehmen Eindruck, daß kaum irgend Jemand (und die Hochgestellten noch weniger, als die Geringen) die Wahrheit sagt, sondern daß sie Anderes denken, fühlen und bezwecken, als sie laut aussprechen. Daher der laute Ruf: ~nous acceptons franchement la république~, während man sie zu stürzen sucht; Lobpreisungen auf L. Bonaparte, während man alle Plane auf seine angebliche Nichtigkeit gründet; unermeßliche Versprechungen Bonaparte’s, von denen er selbst und seine Gehülfen ohne Zweifel wissen, daß er sie niemals erfüllen kann; Versagen der Abstimmung für Cavaignac in der Nationalversammlung, keineswegs weil die Sache unklar war (~non liquet~), sondern unter vielfachen Vorwänden, um ihm zu schaden: Zurückhalten der Äußerungen über die Bewerber zur Präsidentur, keineswegs aus Nichtwissen, oder Nichtwollen; sondern um Andere in die Grube fallen zu lassen, und diese nachher zuzudecken. Der über dieser Grube auferbaute Herrscherthron könnte aber leicht auch zusammenstürzen. Die Legitimisten hoffen, die Bonapartiden zu dupiren und umgekehrt; und jene vertreiben sich die Zeit mit einem Plane, der auf erhabener Grundlage ruht; nämlich daß Henry V kein Kind zeugen, seine Frau keins in die Welt setzen kann u. s. w.

Zwischen all diesen Mummereien und tragikomischen Fastnachtsspielen, erheben allein die Blutrothen unverhohlen und rücksichtslos ihre Brandfackel, um alle jene Schauspielerbanden heimzuleuchten und die Coulissen, hinter denen sie sich verstecken, niederzubrennen. Mit Cavaignac und seinen Freunden (das wissen sie) ist nicht zu spaßen; wenn aber die Katzbalgereien über Bonaparte’s Beherrschung, oder Beseitigung losgehen, hoffen sie der uneinigen Gegner Herr zu werden. So hier die Zustände, die Aussichten; -- und doch siegt, durch Gottes mächtige Hülfe (welcher Menschenfreund wünschte es nicht) vielleicht die sehr große Mehrzahl Derer, welche aufrichtig Ruhe und Ordnung erflehen.

Den 6. December.

Die allgemeine augsburger Zeitung thut alles Mögliche, gute Briefschreiber zu werben, und doch sind deren Weissagungen, wenn auch nur auf 24 Stunden hinaus, in der letzten Zeit ganz zu Schanden worden. Obgleich ich mich also keineswegs auf diesen gefährlichen Weg begeben will, kann man es doch nicht unterlassen, an dem Vorabende großer Begebenheiten die +verschiedenen Möglichkeiten+ ins Auge zu fassen: wenn auch eine derselben vielleicht bereits zur +Wirklichkeit+ geworden ist, ehe der Brief ankommt. Also: 1) wenn +Cavaignac+ zum Präsidenten erwählt wird, so stehen ihm zur Seite, sein Verstand, seine Ehrlichkeit, seine Charakterkraft, die wirklichen Republikaner und alle Die, welche durchaus keine neue Umwälzung wollen, und denen jede vorhandene Einrichtung lieber ist, als alle künftigen. Wider ihn sind alle Legitimisten, alle Kriegslustigen, die Feinde des National, und die ungeheure Zahl Derer, welche wenigstens in dem +einen+ Punkte übereinstimmen, daß sie keine Republik wollen. Endlich hassen und fürchten ihn zugleich alle rothen Republikaner. -- 2) Wenn L. Bonaparte gewählt wird, so muß das (ohnehin schon laute) Geheimniß an den Tag kommen, daß sehr wenigen einflußreichen Personen etwas an seiner Person gelegen ist, sondern die Meisten sich seiner nur als Mittel für ihre eigenen Zwecke bedienen wollen. Diese Zwecke sind aber so verschieden, ja entgegengesetzt, daß schon die Bourboniden und Orleaniden sich darüber schwerlich vertragen werden, und Niemand voraussagen kann, wer in dem bevorstehenden Kampfe obsiegen wird. Die rothen Republikaner, welche in Bonaparte’s Erhebung einen ungeheuern Rückschritt sehen, reden laut davon, Gewalt wider ihn zu gebrauchen. Sie bringen Gesundheiten aus: „nieder mit den Rentiers und den Eigenthümern.“ Es gehört eine Leitung dazu, wie sie Cavaignac im Juni übte, um solcher Wüthigen Herr zu werden; ist Bonaparte mit seinen Freunden dieser drohenden Gefahr nicht gewachsen, so kann das größte Unglück nicht ausbleiben. Jedenfalls +hoffen+ die sogenannten Freunde Bonaparte’s +nach+ seiner Wahl auf +Veränderungen+ in +monarchischer+ Richtung; und ebenso +fürchten+ alle Republikaner einen Umsturz ihrer kaum gebornen und getauften Verfassung. Ich stimme gegen Cavaignac (sagte mir ein Bücherantiquar), weil ich die Republik +nicht+ will; ich stimme für Bonaparte nicht seinetwegen, sondern +weil+ ich die Herzogin von Orleans und die Regentschaft will. -- Kommt die Entscheidung über die Präsidentenwürde an die Nationalversammlung, so wird sie sich für Cavaignac aussprechen, theils aus persönlicher Achtung, theils weil viele Mitglieder (in jener ersten Aufregung erwählt) wirklich republikanisch denken. Hieraus folgt aber noch nicht, daß das, jetzt anders gesinnte Land sich ruhig dieser Entscheidung unterwirft. Neue Wahlen bringen neue Ansichten, und der letzte Abdruck dieser Volkssouverainetät hat ja nach französischer Theorie und Praxis immer Recht, bis die Presse, oder die Preßbengel einen noch neuern zur Welt bringen. Daß die Präsidentur und die neugebackne Verfassung wirklich den Franzosen auf vier Jahre willkommene und hinreichende Nahrung geben werde, ist, nach allen geschichtlichen Erfahrungen unwahrscheinlich. Die Wahl des nächsten Sonntags ist höchstens ~le commencement de la fin~. -- Ich sende Euch lauter Variationen +desselben+ Themas; kann es denn aber anders sein? Und wenn ganze Völker wie Thiere in der Mühle umhergehen, wie soll da der Einzelne im Stande sein einen geraden Weg, festen Schrittes zu verfolgen! -- Ich sprach von Möglichkeiten; deren werden so viele ersonnen und zusammengekünstelt, daß in dem Augenblicke, wo man die eine, aus Gründen, für die wahrscheinlichere erklären möchte, durch politische Taschenspielerei plötzlich das Gegentheil hervorgedreht wird. So scheint es ganz natürlich, daß Freunde der Republik für den Republikaner Cavaignac stimmen, während jetzt Mehre sagen: +Nein+, die +Gegner+ der Republik müssen ihn zum Präsidenten ernennen; denn wenn selbst unter +seiner+ Leitung die Republik sich nicht halten wird und nicht halten kann, so ist sie für immer abgethan und man kehrt zum rechten Königthume zurück. Bonaparte dagegen bringt lange untaugliche Mittelzustände, und der Einwand bleibt, daß, unter einem +tüchtigeren+ Führer, die Republik sich hätte halten können und sollen. Cavaignac führt also (besonders nach neuen, unzweifelhaft monarchisch ausfallenden Wahlen) zum völligen, raschen Tode der Republik; durch Bonaparte wird sie zwar erkranken, aber sich leicht wieder erholen zu neu versuchter Lebensverlängerung.