Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)
Part 6
Die communistischen und socialen Fressereien (oder Hungerleidereien, mit Reden gepfeffert) dauern noch immer fort, und man vergißt niemals lobend zu bemerken, wenn es dabei nicht zu Schlägen gekommen ist. Heute heißt es jedoch: in einem Vereine zu Ehren L. Bonaparte’s, hätten Socialisten die lautesten Einreden erhoben. „Unordnung und Lärm stieg zu solcher Höhe, daß es unmöglich war die Ruhe herzustellen. Die Rednerbühne war förmlich belagert, und tausendfaches leidenschaftliches Geschrei kreuzte sich in der Luft gegen L. Bonaparte, Cavaignac, Ledru-Rollin und alle Bewerber um die Präsidentschaft.“ -- „Ein socialistischer Verein (erzählt man gleich darauf) ward gestört durch Scenen der beklagenswerthesten Art. Verschiedene Abgeordnete, welche man zur +Bergpartei+ zählt (also auch schon verbraucht!!) waren der Gegenstand von Angriffen der allerheftigsten Art u. s. w.“ -- Höflicher ging es doch zu in einem socialistischen +Weiber+klub, zu dem man jedoch, in ungefähr gleicher Zahl, Männer zugelassen hatte. Diese (sagt ein Berichterstatter) waren ohne Zweifel erschienen ~pour chercher des inspirations, ou des enseignemens~. Die Person zahlte 10½ Silbergroschen; Kinder unter zehn Jahren gingen jedoch +frei+ ein und betrugen wohl +deshalb+, etwa ein Sechstheil der ganzen Versammlung. Pierre Leroux bemerkte in einer Rede: wir haben keinen Präsidenten gewollt, sondern eine gemischte Behörde von drei Frauen und drei Männern; auch hat ja die Frau das Recht die Rednerbühne zu besteigen, -- ~_puisqu’elle_ a le droit de monter à l’échafaud~. Madame Gay sagte also: ihr könnt keine Republik gründen ohne die Frauen; auf die politische Vereinigung der Männer, der Frauen und der demokratisch socialen Partei! Gegen den Schluß krähte ein Piphüneken von etwa acht Jahren, den Toast: ~à la fraternité!~ und ein Commissarius erklärte, zur Zufriedenheit wenigstens eines Theiles der Versammlung: das nächste Mal zahle die Person nur sechs Silbergroschen.
Es ist psychologisch merkwürdig, wie die Menschen in gleicher Weise leichtgläubig sind, in Hinsicht dessen, was sie +wünschen+, und was sie +fürchten+. Dies sehe ich jetzt recht deutlich bei der Frage über die Wahrscheinlichkeit der Wahl Cavaignac’s und L. Bonaparte’s. Gewiß bleiben beide die Hauptbewerber, und alle die übrigen erhalten eine weit geringere Zahl von Stimmen. Der Querkopf L. Blanc, dem andere Querköpfe jetzt die Präsidentenwürde angetragen haben, antwortet: die neue Verfassung müsse geändert, und der Abschnitt vom Präsidenten herausgeworfen werden. Auf dem Wege käme dann die vollziehende Gewalt wieder an die Straßenbummler, welche im Monate Junius zu Paaren getrieben wurden. Außer Denen, welche damals ums Leben kamen, hat man 4348 fortgeschickt; ein starkes Purgatorium, welches indeß mancher großen Stadt Noth thäte. -- L. Blanc und Consorten, welche sich so sentimental über Hunger und Kummer ihrer Mitbürger aussprachen, schwelgten (nach vielen Zeugnissen) auf die anstößigste und kostspieligste Weise im Luxemburg und ließen sich z. B. ~purée~ von Ananas und andere Gerichte bereiten, die an Lucullus und Vitellius erinnern könnten. -- Mögen diese Vorwürfe auch ungegründet oder übertrieben sein; so fand doch unter der provisorischen Regierung eine gräuliche, unverständige Verschwendung statt, worüber ich ein andermal vielleicht Einiges mittheile.
Den 23. November.
Ich denke bisweilen, ich habe gar nichts zu thun, weil es ganz unmöglich ist unter den jetzigen Verhältnissen Erwünschtes zu erreichen; und doch war ich während der letzten Tage in so zerstreuter Weise beschäftigt, daß ich nicht zum Briefschreiben kommen konnte. Ich will heute nicht mit Politik beginnen, weil sich sonst für andere Dinge niemals Zeit findet. Am 15. Nov. war ich Abends bei Alexis von Tocqueville, dem Verfasser des bekannten, verdienstlichen Buches über Amerika. Er ist ein so angenehmer und gefälliger, als gescheiter Mann, und auch seine Frau (eine geborne Engländerin) gewährte eine sehr erfreuliche Unterhaltung. Mit dem Sohne des Geschichtschreibers Preskott gab es ebenfalls mancherlei zu sprechen; doch stand ich, unter vielen fremden Leuten, bald allein, und sah eine Dame gleich verlassen am Kamine sitzen. Gegen allen Gebrauch nahm ich neben ihr Platz und führte mit ihr ein langes Gespräch. Beim Weggehen sagte mir Hr. v. Tocqueville: Lady Elphinstone habe sich theilnehmend nach meinem Namen erkundigt, und dies führte zu einer Einladung, wo ich über 20 Engländerinnen fand, und meine unsterbliche Handschrift für ein Album zurücklassen mußte. -- Eine Mittagsgesellschaft bei Frau von Clermont ward schon dadurch angenehm, daß sie +klein+ war, Mittheilungen also möglich blieben. Bei Rothschild fand ich Abends eine Gräfin Pototzka, die sehr geschickt und ausdrucksvoll sang. Über dem Hin- und Hervorschlagen, was sie (meist aus neueren Opern) singen solle, verging die Zeit, zehnerlei ward angefangen und (besonders durch Unterbrechungen eines Herrn, der sich für geistreich hielt) immer wieder gestört. Ich saß schweigend im Winkel bis sich bei einem Thema aus Figaro dasselbe wiederholte, worauf ich aufstehend bemerkte: bei solcher Musik dürfe man nicht störend dazwischenreden. Später sagte mir die Gräfin: es war heute ja doch nicht Ernst mit der Musik. Es fand sich nämlich sehr unerwartet ein, nicht politischer, sondern musikalischer Berührungspunkt, zwischen ihr und mir. Als Ableiter und Zwischenspiel zwischen dem Gerede, spielte sie sich, ohne daß einer hinhörte, ein Präludium von Sebastian Bach. Dies erweckte mich aus der Zerstreutheit und es kam zu wechselseitigen Bekenntnissen über unsere Verehrung für Händel und Bach. Da sie insbesondere die chromatische Phantasie dieses Meisters rühmte, habe ich ihr halb und halb versprochen mitzutheilen, wie Bach dieselbe vortrug, eine Kenntniß, die ich Forkel verdanke.
Vorgestern mußte ich (an einem Tage) sechs verschiedene Noten an Hrn. Bastide richten, welche ich, mit Weglassung alles unendlich langen und langweiligen Gesandtenbrimboriums, höchst lakonisch nur auf die Sache richtete; schon weil ich +französisch+ schreiben mußte. Doch war ich etwas bange, Herr Bastide dürfte finden, ich sei doch etwas zu cavalierement mit den Formen umgesprungen. Statt dessen lobte er mich von freien Stücken als einen praktischen Mann, der ihm Zeit spare und die Sachen erleichtere u. s. w.
Ich habe ein langes, merkwürdiges Gespräch mit -- über die europäischen Angelegenheiten gehabt, und will mir, zur Abwechslung, einmal aufreden, es sei nützlich gewesen. Während die europäischen abendländischen Völker sich zu Grunde richten, nehmen die Russen ganze Länder hinweg, und Nordamerika hebt sich mit Riesenschritten. Nach einem Briefe aus Neuyork ist in diesem Jahre die Zahl der Einwanderer weit größer, als je zuvor: Gemäldesammlungen, Bibliotheken, Kostbarkeiten, Silbergeräth u. s. w. werden (vorzugsweise aus +Deutschland+) und zwar nicht zum Verkauf eingeführt, sondern wegen der Unsicherheit im Vaterlande!
Zufolge der aus den Landschaften Frankreichs eingehenden Nachrichten, ist die neue Verfassung daselbst mit ebenso großer Gleichgültigkeit wie in Paris aufgenommen worden, und an manchen Orten schrie der Maire ganz allein: ~vive la république, vive la constitution!~ -- In Rouen druckte man (vielleicht mit Vorsatz) in einem amtlichen Anschlage, statt ~cens~, Census: ~sont électeurs sans condition de _sens_ tous les Français~. -- In einem socialistischen Banket, für und gegen Ledru-Rollin, sagte ein Herr ~Madier de Monjau~: ~il faut toujours aller en avant, des Constituans aux Feuillans, des Feuillans aux Girondins, des Girondins à Danton, de Danton à Robespierre~. -- Mit den berliner Siebenmeilenstiefeln geht man noch schneller vorwärts, als Frankreich von 1789-1793. -- Genug für heute!
Dreiundachtzigster Brief.
Paris, den 23. November 1848.
Es ist, sagte Hr. Bastide, bei der französischen Regierung der Antrag gemacht worden, gemeinschaftlich mit mehren Mächten +neue+ Bürgschaften hinsichtlich des Herzogthums Schleswig zu übernehmen. Wir haben jedoch diesen Antrag +abgelehnt+ und wollen uns nicht weiter in diese Angelegenheit mischen, als alte Verträge, unsere Ehre und ganz unabweisbare Verhältnisse es schlechterdings nothwendig machen. Wir hoffen aber auch, daß man sich deutscher Seits wird billig finden lassen.
In dieser Lage habe ich meine +persönliche+ Ansicht dahin ausgesprochen, daß Recht oder Unrecht keineswegs unbedingt auf einer Seite liege, weshalb man eben unterhandeln, Frieden schließen und der Thorheit ein Ende machen wolle, daß zwei nahverwandte deutsche Stämme sich haßten und bekriegten. Der Anschluß Dänemarks an Deutschland sei natürlich und heilsam, was aber daraus folge, wenn man sich in leidenschaftlicher Aufregung oder kurzsichtiger Berechnung unter russischen Schutz stelle, das zeige die polnische Geschichte. Ja, Dänemark habe es schon im Laufe des 18. Jahrhunderts erfahren und nur mit Mühe einer schon eingetretenen Abhängigkeit und Aufsicht ein Ende gemacht.
Den 24. November.
~A son Excellence Monsieur Bastide etc.~
~Monsieur le Ministre!~
~Étant persuadé que d’après Votre bonté connue, Vous communiquerez à Mr. le Général Cavaignac tout ce que j’ai eu l’honneur de Vous dire dans notre dernière conférence, je me range de Vôtre avis: qu’il n’est pas nécessaire et pas même convenable de troubler ou de distraire Mr. le Général, occupé de livrer un combat parlementaire de la plus haute importance.~
~Permettez pourtant d’ajouter quelques mots par écrit, à ce que je Vous ai déjà exposé de vive voix.~
~Oui, Monsieur le Ministre, les gouvernements et les peuples de l’Allemagne, ont commis beaucoup de fautes pendant les six derniers mois, et des individus ont même montré une dépravation affreuse; mais on ne doit pas oublier à quelles difficultés chaque régénération politique est exposée.~
~Et plus qu’aucun peuple, les Français doivent être des juges bien indulgents, qui après 60 ans d’expériences sublimes et terribles ne sont pas encore arrivés à un port sûr et tranquille, mais se trouvent devant un avenir inconnu, exposés au hazard et à une loterie plus dangereuse que l’histoire en a vu jusqu’à présent. S’il était possible que les Allemands pourraient être utiles à la France pour sortir d’une telle position, ils le feraient au plutôt possible et avec le plus grand plaisir; ils croiraient que c’est pour eux un devoir et une gloire.~
~Je ne veux, je ne peux pas croire qu’un autre sentiment règne en France, vis-à-vis de l’Allemagne.~
~Francfort, sans armées, sans finances, sans une grande organisation administrative, a créé et s’est procuré tout cela par la force de l’opinion publique et de la verité. Depuis la papauté on n’a rien vu de pareil. Francfort défend avec un courage héroique la liberté et l’ordre; il s’oppose aux Absolutistes et aux Anarchistes, et devient (ce que personne n’aurait cru il y a trois mois) un médiateur utile, un soutien pour les Rois.~
~Mais parcequ’il reste encore quelque incertitude sur l’avenir de l’Allemagne, parcequ’on a pris à Francfort (comme partout) quelques résolutions peut-être fausses; -- on lui oppose des vieilleries d’une école surannée de diplomatie, et des difficultés sur des syllabes. Certainement tout cela est juste d’après les règles qui sont utiles pour des temps paisibles et ordinaires; mais je ne conçois pas comment on peut y tenir ferme, dans un moment d’une telle grandeur et importance politique, que peut-être pendant des centaines d’années on ne verra de pareil.~
~L’Allemagne certainement ne commencera pas une querelle sur des syllabes; mais si ce ne sont que des syllabes, pourquoi les défendre comme si elles étaient de la plus haute importance? L’Allemagne se fie au Gouvernement présent de la France, qui a défendu et conservé la paix, de la manière la plus salutaire et la plus glorieuse. La France a offert la fraternité à l’Allemagne et celle-ci a accepté cette offre; mais vis-à-vis de l’avenir inconnu de la France, nous désirons de recevoir des garanties si fortes d’union et d’amitié, qu’un autre gouvernement ne soit pas capable de les mettre arbitrairement de côté. Le Gouvernement présent a le pouvoir, et j’espère aussi la volonté, d’unir intimement la France et l’Allemagne: pourquoi pas en faire usage, pour mettre sans aucun retard son propre ouvrage et ses desseins honorables, hors de tout danger. Pourquoi suivre l’exemple malheureux d’autres nations et se soumettre (pardonnez le mot) à la remorque d’une politique qui désire, que la France et l’Allemagne ne soient jamais unies par une amitié sincère et une paix durable. Le Gouvernement présent de la France devrait se hâter de gagner par un service éclatant l’opinion publique de l’Allemagne, qui n’est pas loin de méfiance en entendant prononcer un nom, qui na apporté à elle ni paix, ni amitié, ni bonheur. On dit: tout cela a changé et ne revient pas; je l’espère, mais je crains en même temps, que les doutes et retards d’à présent se peuvent transformer en objections et refus.~
~Quant à ma position personnelle, elle est vis-à-vis de Vous, comme Vous le savez Monsieur le Ministre, la plus agréable et la plus instructive; mais beaucoup de personnes m’accusent que tout ce qui se fait, ou plutôt ne se fait pas, vient de mon incapacité, et que je ne suis retenu à Paris que par vanité, égoïsme, ou intérêt sordide. Je suis prêt à sacrifier mon temps et mon repos, et de m’exposer à des calomnies, si je pourrais être vraiment utile à ma patrie; mais voyant que les résultats de tous mes efforts depuis trois mois sont absolument nuls, mon séjour à Paris me paraît tout à fait inutile.~
~Pardonnez, Monsieur le Ministre, ces élans de confiance et de mélancolie à un homme, qui sent pour Vous la plus haute considération et qui a l’honneur de se nommer Monsieur le Ministre etc.~
Vierundachtzigster Brief.
Paris, den 25. November 1848.
Mit jedem Tage wächst, sehr natürlich, die Aufregung unter dem souverainen Volke (oder vielmehr unter den souverainen, auf und ab sich bewegenden Atomen) darüber, wen sie, nach Belieben, zu ihrem Quasiherrn erwählen wollen. So war gestern Abend ein ungeheurer Zusammenlauf an der Börse, wo man sich über die verschiedenen Bewerber laut in der rücksichtslosesten Weise aussprach, z. B. der ist ein Schuft, der ist ein Dummkopf u. s. w. Von Ehrfurcht, Glauben, Vertrauen, Liebe keine Spur; wohl aber Besorgniß die überstimmte Partei dürfte nicht geduldig gehorchen. Jene groben Bezeichnungen hört man übrigens nicht blos aus dem Munde geringer, sondern auch solcher Personen, welche hoffen, binnen sechs Wochen Frankreich mitzuregieren. Hat doch z. B. gestern Ledru-Rollin bei einem Banket deutlich gesagt: daß Jemand (Cavaignac) durch schlechte Ranke an die Spitze gekommen sei und sich durch schändliche Mittel erhalte. Zwei Männer, welche dieser Verläumdung widersprachen, wurden kurzweg zur Thür hinausgeworfen; recht eigentliche ~argumenta ad hominem~. -- Und sehr sonderbar wird neben solchen Thatsachen der Lehrsatz vertheidigt: daß Niemand sich für einen Bewerber aussprechen dürfe und Alles dem Zufalle müsse überlassen bleiben. Insgeheim aber gehen Boten in alle Lande, werben für L. Bo., versprechen Steuererlaß, Schuldenbezahlung u. s. w. Gestern ist es darüber in der Nationalversammlung zu merkwürdigen Erörterungen gekommen, und der Kriegsminister General Lamoricière hat sich bei dieser Gelegenheit nicht in der jetzt beliebten halben und zweideutigen Weise, sondern sehr bestimmt ausgesprochen. Mehre Diplomaten (welche oft nicht gewöhnt sind gerade aus zu sehen und zu hören, und Talleyrand’s Meinung hegen: die Sprache sei gegeben, um die Gedanken zu +verbergen+) waren über Lamoricière sehr bestürzt und erstaunt. Was war denn aber seiner kurzen Rede deutlicher Sinn? Nichts anders als: „wenn Jemand die soeben gemachte Verfassung umstürzen will, darf er auf meine und meiner Freunde Unterstützung in keiner Weise rechnen.“ Ist denn dies aber nicht ehrlicher und löblicher, als die Verfassung feierlich zu beschwören und die Republik (wie es heißt) ~franchement~ annehmen, während man insgeheim kein Mittel scheut, sie zu stürzen. Diese versteckte, halbe, Wahrheit und Heldenmuth verläugnende Handlungsweise führt aus einer Revolution in die andere und läßt oft Sieger, wie Besiegte, gleich verächtlich erscheinen. Freilich fühlt man, daß kräftige Republikaner (wie Lamoricière) nicht gesonnen sind, geduldig die Republik hinaus eskamotiren zu lassen, wie sie zum Theil hinein eskamotirt ward. Man sieht also, kühn oder verzweifelnd neuen Ereignissen entgegen, wobei Eid und Gesetz nicht gelten werden.
Der große Phrasendrechsler Lamartine hat wieder eine Rede gehalten (nach Lichtenberg’s Ausdruck) „voll der tiefsten Geschwulst;“ Weisheit des letzten Tages hinaufgeschraubt in Propheten- und Offenbarungsstyl, den gleich verschrobene Leute bewundern, der jedem einfachen, christlichen Gemüthe aber widerwärtig sein muß.
Gestern Abend war ich in der sogenannten Soiree bei Herrn Bastide. Er hat eine französische Note, die ich ihm kurz vorher übersandte, sehr freundlich aufgenommen, obwohl sie nicht im Gesandtenstyle abgefaßt war. Daß meine Worte irgend Erfolg haben werden, darf ich indeß bei den jetzigen Zuständen Frankreichs und Deutschlands, gar nicht hoffen. ~Dixi et salvavi animam!~ -- Unter den Damen bei Herrn Bastide war auch Madame Marrast, eine geborne Engländerin, ganz gekleidet wie zur Zeit Ludwigs XV.
Als ich gestern meine Theilnahme über die unglücklichen Zustände in Toskana aussprach, fragte mich ein florentiner Diplomat, etwas de haut en bas, was ich daran auszusetzen hätte, es stehe daselbst sehr wohl. Ich ließ mich aber nicht verblüffen, sondern antwortete sehr deutlich, ~à la Lamoricière~. Auch hätte mich die Diplomatie noch nicht überzeugt, daß z. B. unsere berliner Zustände vortrefflich wären u. s. w. Hierauf wollte mich Hr. Ricci (der hier sehr schlecht angeschrieben ist) über die italienischen Angelegenheiten zugleich ausfragen und bekehren. Statt dessen ergriff ich die sokratische Methode und fragte: glauben Sie, daß ein fremdes Volk die Freiheit bringen kann? daß man durch Vermittelung den Dank der Österreicher und Italiener erlangen wird? daß sich die Italiener nicht mehr untereinander streiten und verfolgen werden u. s. w. u. s. w. So halfen meine Fragen wenigstens so viel, daß ich nicht zu antworten brauchte.
Zur Abwechslung und Erholung von derlei diplomatischen Exercitien, lese ich Cousin’s Vorträge über Geschichte der Philosophie mit großer Theilnahme. Obwohl mir fast alle Werke über diesen Gegenstand sehr genau bekannt sind, finde ich doch hier manche eigenthümliche Zusammenstellung und den wissenschaftlichen Standpunkt eines Franzosen. Die deutschen Leute von Fach werden seinen Eklekticismus tadeln; zufolge meiner geschichtlichen Natur lasse ich es mir aber gern gefallen, daß er jedem philosophischen Systeme sein Recht widerfahren läßt: also der Philosophie der Sinnlichkeit, des Geistes, des Zweifels und der Mystik. Der Beweis, daß keine dieser Schulen allein ausreicht, sondern in jeder Bestandtheile der Wahrheit und des Irrthums liegen, ist vortrefflich durchgeführt. -- Eine, nach deutschen Quellen von Cousin entworfene Darstellung der letzten Lebensjahre und Lebenstage Kant’s, habe ich mit größter Theilnahme und Rührung gelesen. Welch ein ~avis à un vieux lecteur~!
Den 26. November.
General Cavaignac hat sich gestern meisterhaft gegen alle wider ihn erhobenen Anklagen vertheidigt, und für jeden unbefangenen Freund der Wahrheit einen vollen Sieg erfochten. Seine Beredtsamkeit war die eines rechtlichen Mannes, eines ehrenwerthen Charakters. Kein Wort zu viel, keine Phrasen, keine Zweideutigkeiten, keine schlecht verdeckten Widersprüche, keine schwülstigen oder heimtückischen Berufungen an die Leidenschaften, kein flitterhafter non sens; -- in Allem das vollständige Gegenstück zu der Beredtsamkeit Lamartine’s, und zu der Unfähigkeit -- zu sprechen und zu handeln. -- Kaum Einem in der Nationalversammlung ist es wohl zweifelhaft geblieben, daß Cavaignac mit Unrecht angeklagt ward; und die sich der Abstimmung enthielten, thaten es meist aus Feigheit oder Parteizwecke halber. Man mag den Sturz des Königthums bejammern, die Republik hassen oder verachten; läugnen aber kann man nicht, daß Cavaignac ein Mann ist, in größerem Style, als alle seine bisherigen Gegner.
~A Monsieur le Général Cavaignac.~
~Permettez que je Vous adresse mes félicitations _les plus sincères_ de Votre admirable et éloquente défense, et de Votre victoire glorieuse! J’ai l’honneur etc.~
~Monsieur Bastide à Monsieur de Raumer.~
~Monsieur!~
~Je viens de recevoir une dépêche de Francfort, dans laquelle se trouve textuellement la phrase suivante: Il n’est plus question de l’envoi de Monsieur de Rantzau non plus que de celui de Mons. de Nostiz comme réprésentant du pouvoir central à Paris, et provisoirement du moins, Monsieur de Raumer, y conservera son poste actuel.~
~Permettez de me féliciter de cette nouvelle, qui me donne l’espérance de conserver avec vous les excellents rapports que je suis heureux d’entretenir!~
~Votre tout devoué Jules Bastide.~
~25. nov. 1848.~
Fünfundachtzigster Brief.
Paris, den 27. November 1848.
Allerdings hat jeder Tag seine eigene Sorge! Wer aber kann herzlos die Leiden voriger Tage ganz vergessen, oder die Augen gegen eine herandringende Zukunft verschließen, die man fördern oder bekämpfen soll? Wenn ich die Dinge aus der Vogelperspektive des Historikers betrachte, so sehe ich neben den durch Wolken verdunkelten Landschaften, auch die erleuchteten; der Abendstern wird zum Morgensterne und den fernab donnernden Gewittern folgt der versöhnende Regenbogen. Jetzt aber krieche ich gezwungen wie ein Wurm an der Erde, sehe Alles in größter Nähe, gleichsam durch ein Mikroskop, welches das Natürliche bis zum Entsetzen vergrößert. Wie kann und darf man dem entgehen? Selbst (abgesehen von Dem, was Pflicht und Beruf gebieterisch fordern) nähme man Flügel der Morgenröthe und flöhe zum äußersten Meere, so würden die Nachtvögel der Zeitungen folgen, und ihr betäubendes Mordgeschrei erheben. -- Wieder ein Mord mehr vollbracht durch die heutigen Assassinen, welche in der Praxis den alten gleich stehen, durch ihre nichtswürdig ausgebildeten, besonnenen Theorien aber noch verruchter erscheinen. Kaum ist der heilige Vater in Rom den Händen einer Bande entgangen, gegen welche gewöhnliche Straßenräuber fast unschuldig erscheinen.
Wie kann man hoffen, solch eine sittliche Ausartung, durch weiße Salben und Constitutionsgichtpapier auszuheilen oder zu vertilgen? Wie kann man sich wundern, wenn Ärzte einer anderen Schule (wie Windischgrätz) versuchen, mit Schneiden und Brennen eine Besserung aufzuzwingen? So weit ist es gekommen, daß man sich fast des Verkehrten freut, in der (freilich oft täuschenden) Hoffnung, dies werde auf den Weg des Besseren zurückführen! So hat das Verweigern der Steuern in Berlin, das Verwerfen der Frankfurter Vermittelung, und das Übertriebene der von der Linken vorgeschlagenen Bedingungen, Vielen die Augen geöffnet, und der Regierung mehr genützt als geschadet. -- Es giebt in unseren Tagen leider viele Fälle, wo man kaum weiß, was man thun soll; gewiß aber hätte ich mich in Berlin, in jeder Weise, obigen Thorheiten, oder Verbrechen widersetzt, und mich in Paris bei der Abstimmung über Cavaignac, nicht durch Parteizwecke vom Abstimmen für Wahrheit und Recht abhalten lassen.
Wie im Sprechen und Handeln wird auch im Schreiben nur zu oft die Wahrheit umgangen und entstellt, z. B. von den Geschichtschreibern der Revolution. Bei Mignet ist der König mit seinen Freunden für jede That zurechnungsfähig, die Jakobiner sind gerechtfertigt ~par la force des circonstances~; bei Thiers hat Napoleon überall Recht, und jeder widersprechende Unrecht; Blanc schreibt baaren Unsinn für unsinnige Zwecke, und Lamartine giebt Dekorationsmalereien auf Glanzpapier, mit Goldschaum aufgehöht.
Den 28. November.