Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 3

Chapter 33,436 wordsPublic domain

Die neue Verfassung Frankreichs ist im Wesentlichen fertig und angenommen. Mit Ausnahme der zunächst praktischen Frage über die Präsidentenwahl, erweckt sie kaum Theilnahme und noch weniger Begeisterung; so sehr ist man an die Verfassungsmacherei gewöhnt, und so wenig Vertrauen hat man zu der Lebensdauer des neugebornen Kindes: ~transeat cum caeteris~. Noch immer hat L. Bonaparte die meiste Aussicht auf Stimmenmehrheit: die Bauern (sagt man) werden ihn wählen, damit er (gleichwie sein Oheim) der Republik den Garaus mache. Noch wollen die einflußreichsten Männer aber sein Schiff nicht besteigen und für ihn das Steuer ergreifen; sie glauben nicht an die Möglichkeit, daß er lange an der Spitze bleibe. Man war im Begriff, die Präsidentenwahl auf den 3. December anzusetzen; weil dies aber der Jahrestag der Schlacht von Austerlitz ist, brachte man den 10. in Vorschlag.

Marquis Brignoles erhielt vom turiner Hofe ein Schreiben: seinem dringenden Wunsche gemäß, werde er von Paris abberufen und Hr. Ricci (ein kriegslustiger Mann) an seine Stelle kommen. -- Hr. v. Brignoles schickte das Schreiben zurück: denn da er jenen Wunsch nie gehegt, könne er ihn, der französischen Regierung gegenüber, nicht anerkennen. Gleichzeitig erklärt diese: sie wünsche, daß Hr. v. Br. bleibe und Hr. Ricci nicht komme. Ohne diese Erklärung zu berücksichtigen, wird Br. dennoch abberufen, wodurch Carlo Alberto (oder seine Minister) hier noch mehr als bisher an Credit verlieren.

Den 28. October.

Das Rad dreht sich hier so schnell, daß das heute wichtig Erscheinende, morgen schon verschwunden ist und Anderem Platz gemacht hat. Doch hängt allerdings Alles zusammen, und Eins folgt aus dem Anderen, z. B. allgemeines Wahlrecht, +eine+ Kammer, Wahl des Präsidenten +nicht+ durch die Nationalversammlung, Lamartine’s Würfelspiel, Beschleunigung der Wahl des Präsidenten, L. Bonaparte’s Bewerbung u. s. w. Cavaignac’s bestimmtes Auftreten hat für den nahen Wahltag, den 10. December entschieden. Man fürchtet ein längeres Provisorium, Intriguen, Banketts und Emeuten während desselben; Cavaignac will sich nicht aufdringen, oder aller Orten über Zögerungen anklagen lassen. Wenn L. Bonaparte gewählt wird, sagte ein angesehener Mann, so drängen sich Intriguanten und Nichtsnutzige aus allen Ländern an ihn, und Frankreich geht einer elenden Zeit entgegen. Des leeren Namens wird man bald überdrüßig werden; -- und was dann? -- Möglich daß, unter +vielen+ bitteren Kelchen, dieser +eine+ vorübergehe.

Auf meine Verhältnisse haben jene Beschlüsse und diese Zustände den bestimmtesten Einfluß. Cavaignac und Bastide werden bis zur Präsidentenwahl in Bezug auf Deutschland keine weiteren Maßregeln ergreifen; sondern (gleichwie England) eine Entwickelung der deutschen Verfassung abwarten. Welche Ansichten ihre etwanigen, unbekannten Nachfolger haben dürften, weiß Niemand; vor dem Januar 1849 rückt mithin +nichts von der Stelle+. Bei diesen Verhältnissen habe ich heute dem Ministerium in Frankfurt vier Möglichkeiten vorgelegt und mich jeder Auswahl unterworfen: 1) mich abzuberufen; 2) meine Sendung niederzulegen, um meinen Pflichten als Abgeordneter in Frankfurt zu genügen; 3) in Form gegebenen Urlaubs auf kürzere oder längere Zeit von hier wegzugehen; 4) hier geduldig abzuwarten und auszuharren. -- Es war gleich unpassend ganz zu schweigen, oder auf Weggehen, oder auf Hierbleiben zu bestehen. Ich zeige meine Bereitwilligkeit zu Jeglichem, was man als heilsam anerkennt für die Sachen, und mit Rücksicht auf meine Persönlichkeit. Das sogenannte Schicksal mag entscheiden.

Übrigens muß eine Art von ~public character~, wie ich jetzt bin, allerhand gewohnt werden. So erzählt der Minister der auswärtigen Angelegenheiten in der -- Kammer: +ich+ hätte an die deutschen Regierungen geschrieben, ihre Gesandten müßten noch hier bleiben; und während es dem deutschen Reichsgesandten nicht gelungen sei, deutsche Junigefangene ausgeliefert zu erhalten, wäre dies dem -- Gesandten gelungen. An dem Allem ist auch nicht ein wahres Wort: ich habe an +keine+ Regierung geschrieben, der Gesandte hat sich um +keine+ Gefangenen bekümmert; mir aber hat Bastide lachend gesagt: all das Gesindel stehe zu Diensten, wenn man sich in Deutschland danach sehne!

Fünfundsiebzigster Brief.

Paris, den 29. October 1848.

Ich weiß nicht, ob unter Bekannten und Unbekannten die Täuschung noch fortdauert: ich lebe hier herrlich und in Freuden, unter interessanten Personen, üppigen Festen, heiteren Zerstreuungen u. s. w. Umgekehrt, nichts von dem Allem! Da ich zu meinen hiesigen Ausgaben keine +bestimmten+ Summen erhalte, sondern im Ganzen das Verbrauchte angeben soll; so gebe ich bei natürlicher Ängstlichkeit und pflichtmäßiger Gewissenhaftigkeit nur das durchaus Nothwendige aus, um dem (so leicht eintretenden) Vorwurfe zu entgehen, ich hätte auf öffentliche Unkosten geschwelgt. Und dennoch muß ich mir gestehen, mein hiesiges Thun sei so viel Geld nicht werth, als ich verbrauche. Unterrichtete Personen, so B--e, sagen mir: wenn auch die Verhältnisse es unmöglich machen, daß Sie +positiv+ viel ausrichten, so ist doch Ihr Einfluß und Ihre Persönlichkeit +negativ+ von großem Nutzen. Sie halten Übeles ab, berichtigen Mißverständnisse und Irrthümer, fördern die Wahrheit, stehen mit Allen in gutem Vernehmen, während viele Andere leicht Alles verdorben hätten u. s. w. -- Mit derlei Trost lasse ich mich denn von einem Tage zum anderen hinpäppeln.

Bei meinem öfteren, früheren Aufenthalte in Paris bin ich als Professor in unzähligen Gesellschaften gewesen; jetzt ißt und trinkt der Quasireichsgesandte beim ~Restaurant~ oder auf seiner Stube; denn Niemand giebt Gesellschaften, und die wenigen sogenannten Soiréen sind entweder so überfüllt, daß man sich nicht rühren kann und an Unterhaltung nicht zu denken ist; oder leer und bisweilen sogar langweilig. Ganze Tage lang läuft man umher nach sogenannten interessanten Leuten, findet sie aber nicht zu Hause; oder wenn dies ausnahmsweise einmal der Fall ist, so haben Alle denselben politischen Butterfrauentrab eingeschlagen. Von anderen Dingen (Kunst, Wissenschaft, Geschichte) ist nicht die Rede, sondern lediglich von den vielen Leiden der Gegenwart und den geringen Hoffnungen für die Zukunft. So summt und brummt man hin und her, wie eine Tagesfliege, stößt mit dem Kopfe gegen helle Fenster oder dunkle Wände, findet aber nirgends einen wahren, beruhigenden Ausgang, nirgends Vertrauen, Heiterkeit und Zufriedenheit. -- So in dem großen Normalbabel, welches aber doch original ist; während Berlin und Wien sich als schlechte, verzerrte Copien darstellen, und nur die Belgier (früher als Affen der Franzosen verspottet) jetzt auf ihren eigenen Beinen, gesund, frisch und muthig einherschreiten.

Welch ein Unterschied zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten von Nordamerika. In beiden Ländern steht eine Präsidentenwahl bevor; hier ist aber eigentlich nur von zwei ausgezeichneten Bewerbern die Rede, welche (wer auch obsiege) in allen wesentlichen Dingen die gleiche, bestimmte, nicht zu verfehlende Bahn einschlagen. Nirgends Umwälzungen, Gefahren, oder große Gegensätze; mittelmäßige, gefährliche Bewerber unmöglich, der große Bau fest und gesichert, und die Fahne, welche man auf die Kuppel pflanzt, keine unsichere Wind- und Wetterfahne. -- Wie ganz anders in Frankreich: Alles nochmals in Frage gestellt, Republik oder Monarchie, Krieg oder Frieden, Papiergeld, Bankerott, Recht auf Arbeit u. s. w. Viele Bewerber mit den verschiedensten Richtungen: darunter (so spricht man) ein Unfähiger, ein Hauptconfusionarius, ein rother Republikaner, ein weißer Republikaner, drei, vier Monarchisten oder Legitimisten. Jeder stellt dem Anderen ein Bein, wartet auf des Anderen Sturz und Verbrauchtheit; Jeder beginnt den Bau der bürgerlichen Gesellschaft von Neuem und nach wesentlich verschiedenen Grundsätzen. Niemand weiß wer zunächst obenauf kommen wird; Niemand glaubt, daß der und das Obsiegende auch nur ein Jahr lang sich erhalten und obenauf bleiben werde. -- Das wirbelnde, kreisende Chaos; Jeder wünscht: es werde Licht; aber Der fehlt, der aus eigener Kraft sagen könnte: und es ward Licht. -- Die Formel, „von Gottes Gnaden“, wie sie unser König auslegt, reicht dazu nicht hin. -- +Jedes Recht+ ist von Gottes Gnaden, das meinige, wie das des Königs; aber eben deshalb und weil es von Gottes +Gnaden+ kommt, ist keins unbedingt und unumschränkt.

Zu den obigen, für Frankreich stattfindenden Gefahren, treten noch andere hinzu: Erstens, daß die Massen und Parteien geneigt und gewöhnt sind, die Ergebnisse gesetzlicher Entwickelung zu verschmähen, sobald sie ihnen nicht behagen, um auf revolutionairem Wege ihre eigenen Ansichten durchzusetzen. -- Und so, ohne Grazie, ~in infinitum~! -- Zweitens reichen die +förmlichen+ Bestimmungen der Verfassung nicht aus, die Rechte und die Macht des Präsidenten und der Nationalversammlung zu regeln; man wird darüber hinausgehen, und andererseits dahinter zurückbleiben, das Gesetze Geben und Gesetze Anwenden nicht genau scheiden wollen und scheiden können, mithin zwischen Übermacht und Ohnmacht hin und herschwanken und sich darob vielfach zanken. -- L. Bon. Bewerbung wird von sehr Vielen begünstigt, damit er die Republik stürze; ob aber die Minderzahl der entschlossenen Republikaner sich dem geduldig fügen wird, ist noch immer die Frage. Erhält er nicht zwei Millionen Stimmen, so treten vier Bewerber neben ihn hin, und schwerlich wird dann die Versammlung für ihn entscheiden. So wissen mächtige Regierungen und große Völker nicht, was ihnen bevorsteht und sehen hinaus in eine finstere Nacht der Zukunft; wie kann ich verlangen, daß mein Schicksal (so weit es von Außen kommt) bereits feststehe.

Den 30. October.

Sie sind jünger wie ich und nehmen vielleicht deshalb die Dinge heiterer und leichter. Sonst stehen wir Beide auf derselben Stelle, das heißt: wir haben in Wahrheit -- +nichts+ ausgerichtet. Denn die Anerkennung der Thatsache: daß in Frankfurt ein Reichsverweser und eine Reichsversammlung ist, hat gar keine Bedeutung, so lange man in London und Paris auf alle anderen Wünsche, Hoffnungen und Forderungen gar keine Rücksicht nimmt; z. B. hinsichtlich Italiens, Holsteins u. s. w. +Die Hauptschuld dieser Geringschätzung oder Nichtachtung tragen die Deutschen selbst.+ Der Straßenunfug in München, die Anarchie in Wien, die muthlose Erbärmlichkeit in Berlin, die Frechheit der äußersten Linken u. s. w. Das sind Übel so großer Art, daß sie mit aller diplomatischen Gewandtheit nicht wegzuräumen sind. Um jedoch nicht offen (und leider mit Recht) anzuklagen, versteckt man sich in London und Paris hinter kleinliche Formen und Sylbenstechereien, und wir trösten uns mit der sprachlichen Deutung: +officiös+ und +officiell+ sei dasselbe. Dem ist aber in Wahrheit nicht so. Mißtrauen in das Gelingen der deutschen Bestrebungen, ja der Wunsch dieses Mißlingens leuchtet bei Vielen durch jenen diplomatischen Vorhang und Vorwand hindurch; alle Freunde der Unordnung deuten das Zögern der großen Mächte zu ihrem Vortheile und benutzen dasselbe; dem tüchtigen Ministerium in Frankfurt wird seine Bahn dadurch wesentlich erschwert und 45 Millionen Deutsche müssen (ich wiederhole: leider hauptsächlich durch eigene Schuld) leiden, was sich Engländer und Franzosen schwerlich bieten ließen. Beide nehmen z. B. ein Monopol der Einmischung in die italienischen Angelegenheiten in Anspruch, während sie uns auf bescheiden vorgetragene Wünsche keiner Antwort würdigen. Was würde England sagen, wenn sich Österreich ähnlicher Weise in die irländischen Angelegenheiten mischen wollte. Ich halte Englands Politik in Bezug auf Deutschland für irrig; die diplomatischen Vieillerien -- würde ein Mann von Lord Palmerston’s Energie leicht unter den Tisch werfen, wenn nicht andere als die angegebenen Gründe (bloße Quisquilien) im Hintergrunde lägen. Hat ihn das Provisorium in Palermo etwa von sehr deutlicher Mitwirkung zurückgehalten?

Die Unsicherheit der französischen Regierung und der alte Aberglaube: Deutschlands Schwäche gereiche Frankreich zum Vortheil, -- entschuldigt das Benehmen dieser Macht weit eher, als sich (bei wesentlich anderen Verhältnissen) das Benehmen Englands erklären und rechtfertigen läßt. Und doch: lassen sich nicht alle die offen dargelegten, ostensibeln Gegengründe Frankreichs widerlegen! -- Die deutsche Verfassung (sagt man) ist noch nicht fertig; Niemand kennt die Zukunft und dergleichen.. Ist denn aber die französische Verfassung fertig? Weiß denn Jemand, +wer+ binnen vier Wochen in Frankreich und +wie+ er, mit oder ohne Verfassung, regieren wird? Alle Leute sagen: „L. B. wird zum Präsidenten erwählt, damit er der Republik den Garaus mache und die neue Verfassung ins Feuer werfe.“ -- Mit solchem Glauben oder Unglauben geht man, Gottlob, bis jetzt doch nicht in Frankfurt zu Werke. -- Das deutsche Volk hat die frankfurter Versammlung erwählt, alle Staaten und Fürsten haben sie anerkannt und finden jetzt in ihr eine Stütze. England und Frankreich ziehen es aber vor, Gesandte von Baden, Hessen, Anhalt u. s. w. als sakrosankt anzuerkennen, und dem zerstückelten, ohnmächtigen Deutschland Complimente zu machen, während man den Reichsgesandten als ein ~hors d’oeuvre~ nebenher laufen laßt. Ich gelte seit meiner Jugend für einen Optimisten und mein Wahlspruch ist immer gewesen: ~nil desperandum~; -- aber ich kann die Sonne nicht sehen, wenn Wolken davor stehen, obwohl ich fortdauernd an sie glaube. Glauben Sie nicht, daß verletzte Eitelkeit mich zu dieser ernst-wehmüthigen Betrachtung führt; +persönlich+ geht es mir außerordentlich gut und Hrn. Bastide’s Urtheile über mich sind günstiger als ich je erwarten konnte. Über meine unbedeutende Person kann ich aber Deutschland nicht vergessen.

Mittags.

Es ist nur +eine+ Stimme darüber, daß, trotz aller förmlichen Verfassungsmacherei, Niemand etwas über die Zukunft wissen könne. Der Präsident wird in derselben Weise gewählt wie die Nationalversammlung, weil aber +später+ als diese, wird er sich des +neuesten+ und +größten+ Vertrauens rühmen und danach handeln wollen. Treten etwa im Mai neue Wahlen für die Nationalversammlung ein, so kehrt sich die Zeitrechnung um und die Versammlung nimmt die größte Macht in Anspruch. Nach der Verfassung kommt ihr der größere, dem Präsidenten der kleinere Theil dieser Macht zu; der Buchstabe solcher Urkunden hat aber niemals in Frankreich entschieden. -- Der Geschichtschreiber soll das Band der Ursachen und Wirkungen nachweisen; wie ist dies aber da möglich, wo man Alles einem Glücksspiele, einer bloßen Lotterie preisgiebt? Höchstens kann man den Gründen nachspüren, welche veranlaßten, daß man so ~quitte à double~ spielt. -- Dennoch sind die Franzosen weiter in ihrer staatsrechtlichen Entwickelung, als die Deutschen; in so fern als sich die große und nicht unthätige Mehrzahl für Ordnung und Recht verwendet; während die deutschen Wühler sich für die rechten Erlöser ausgeben und die Massen noch immer verführen. Wie lange wird dieser Götzendienst dauern? -- Wird Gesetzlichkeit in Wien zurückkehren, oder Berlin in einen ähnlichen Abgrund der Anarchie versinken?

Es klingt mir in den Ohren immer wieder: ~multa agendo, nil agimus~. Aber wenn man uns mißachtet, wer anders trägt die Hauptschuld, als wir selbst? Als ich vor zwei Monaten meine nicht gehaltenen Reden drucken ließ, wollte die Linke durch die Reichsgewalt alle einzelnen Staaten (angeblich zum Heile Deutschlands) vernichten; jetzt fordert sie die Herrschaft für die einzelnen Staaten und will (wieder zum angeblichen Heile Deutschlands) die frankfurter Versammlung auseinanderjagen. Und zahllose Dummköpfe stimmen in das erste, wie in das zweite Geschrei ein, ohne zu merken, worauf es beide Male abgesehen war und ist. -- Krisen dauern nicht lange, das zeigt der Februar, März, Mai, Juni u. s. w.; aber Krankheiten können 30 Jahre lang währen, für ein Jahrhundert abschwächen, oder mit dem völligen Tode des Einzelnen, oder der Völker endigen. -- Wie arm ist diese letzte Zeit an großen Männern und Charakteren; das Mittelmäßige macht sich überall breit und gilt für +groß+, so lange es +neu+ ist. Bald darauf wird es freilich verhöhnt und mit Füßen getreten. Und dennoch drängen sich Unfähige, Lahme, Schwindelige zu diesen Tempeln, um den ~Salto mortale~, durch das politische Faß hindurch zu wagen! ~Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.~

Sechsundsiebzigster Brief.

Paris, den 1. November 1848.

Jede Revolution stört und unterbricht den Gang ruhiger Thätigkeit, mindert die Einnahmen und vermehrt die Ausgaben. Schon aus diesem finanziellen Gesichtspunkte sind alle Diejenigen verantwortlich und strafbar, welche ihre Nothwendigkeit herbeiführen, oder sie ohne genügenden Grund veranlassen. Das Deficit der Staatseinnahmen schlägt man in Frankreich für 1848 auf mindestens 300 Millionen Franken und ebenso hoch für 1849 an. Wie will man, wie kann man diesen Mangel decken? Steuererhöhungen sind unter den obwaltenden Umständen fast unmöglich, oder doch uneinträglich; Anleihen verstärken die ohnehin sehr große Schuldenlast und dürften nur unter den lästigsten Bedingungen zu Stande kommen; Papiergeld führt zu schlecht verdecktem Bankerott. Wenn also die +Einnahme+ sich nicht steigern läßt, muß man die +Ausgaben+ mindern. Abgesehen davon, daß jede Verminderung derselben auf Gewerbe und Geldumlauf nachtheilig wirkt, reicht das Streichen einiger Millionen, an diesem oder jenem Titel, kaum hin den funfzigsten Theil der vorhandenen Lücke auszufüllen; nur eine große Verminderung im Heerwesen könnte dazu hinreichen. Ob nun gleich Frankreich fast unangreifbar und nicht die geringste Gefahr eines fremden Angriffs vorhanden ist, wird es doch zu einer großen Ersparung bei den Kriegsausgaben nicht kommen. Denn die französischen Soldaten wollen nicht entlassen, nicht in ihre Heimat entsandt sein; sie betrachten meist ihre Stellung und Einübung nicht als etwas Vorübergehendes, sondern als Beruf und Erwerbszweig fürs ganze Leben. Daher behält man das System der Stellvertreter bei, und dringt auf eine lange Dienstzeit; während wir (bei allerdings sehr verschiedenen Verhältnissen) eine andere Richtung eingeschlagen haben. So wenig wie unsere Officiere in Masse eine Verabschiedung wünschen, ebensowenig die französischen Officiere und Soldaten. +Hier+ ist also Schwierigkeit, Widerspruch und Gefahr doppelt groß, und dem Finanzwesen dieser Rettungsweg so gut wie verschlossen. Doch klebt und kleckst jeder französische Finanzminister so viel glänzende Schönpflästerchen auf sein Budget als irgend möglich, und die Nationalversammlung freut sich des bunten Farbenspiels, bis der Anputz schmuzig wird, abfällt und nur Narben und Flecke zurückläßt.

Beide Einstellungssysteme, +mit+ und +ohne+ Stellvertreter können angemessen sein: jenes, wo mehr Leute Soldaten werden wollen, als man jemals braucht; dieses, wo eine allgemeine kriegerische Vorbildung nöthig ist, um einen Staat in seiner politischen Höhe zu halten. Daneben, neben dem Heere und der Landwehr, läßt sich auch eine passende Stelle für eine Bürgerwehr finden. Wenn diese aber die eigentlichen Soldaten bei Seite schiebt, Wachen bezieht, Schildwach steht, sich eiteler Paraden freut u. dergl., das heißt faullenzt, statt zu arbeiten; so ist dies zugleich ein sittlicher und ein ökonomischer Verlust. Zwei Heere kosten noch einmal so viel als eins, und wenn nun gar die Bürgerwehr berathet, beschließt, sich über die Stadtbehörden hinaufsetzt, und anstatt wesentlich zu gehorchen, wesentlich ungehorsam wird; so ist dies (trotz aller Rederei, Anmaßung und Vornehmthuerei) ein verderblicher und verdammungswerther Zustand.

Den 2. November.

Der größte Theil der Journale spricht sich gegen L. Bon. aus, und Viele meinen: wenn die Präsidentenwahl noch einige Monate hinausgeschoben wäre, würde er schon vor derselben politisch gestorben sein. Nur die Presse, welche ihn früher aufs Härteste beurtheilte und heruntermachte, hält ihm jetzt eifrige Lobreden. Lob und Tadel ward vor drei Tagen auf einem großen Bogen nebeneinander gedruckt und an den Straßen angeschlagen. Diese Blamage für die Presse, welche den General Cavaignac täglich, bis zum Ekel, angreift und anklagt, hätte ihm willkommen sein müssen; höher stehend oder edler fühlend, ließ aber die Regierung jenen Anschlag abreißen, weil eine aufregende politische Straßen- und Mauerliteratur hier verboten ist.

Ernsthaft gesprochen, wird mir mein hiesiges Leben täglich leerer, langweiliger und widerwärtiger. Denn es fehlt mir (leider oder Gottlob) an aller Eitelkeit, die sich etwas darauf zu Gute thun könnte, hier ~envoyé extraord.~ des deutschen Reiches zu sein. In Wahrheit bin ich nur ein ~flaneur~, und faullenze in einer Weise, wie ich es nie gethan habe. Man sagt mir von mehren Seiten: ich wirke sehr nützlich, ich sei beliebt, man wünsche mich hier zu behalten, man werde mich schwerlich ersetzen können u. s. w. -- Larifari, was ich hier thue, kann Jeder thun; ich aber könnte, wo nicht Besseres, doch etwas thun, was mir persönlich erfreulicher wäre. Aber wo, wie? „Denn zur Strafe meiner Sünden, kann ich keinen Ausgang finden.“ Für Werke der Wissenschaft bin ich zu alt, oder es fehlt doch die Gemüthsruhe, welche mir erlaubte, im vorigen Jahre über den römischen Senat und die großen Kirchenversammlungen zu schreiben; es fehlt die Heiterkeit, mich drei portugiesischen Frauen in die Arme zu werfen, welche ich dem wissenschaftlichen Vereine vorführen wollte, die aber jetzt in meinem Pulte eingesperrt liegen. -- Wäre nach tausend Jahren von allem Geschriebenen und Gedruckten nichts übrig, als meine Briefe aus Frankfurt und Paris, so würden sie viele Philologen, Editoren, Commentatoren, Kritiker, Setzer und Drucker beschäftigen; jetzt haben sie nicht so viel Gewicht und Bedeutung, alte Freunde zu einer Antwort zu bewegen. -- Vielleicht kommt bald eine Nachricht aus Frankfurt, welche mich -- dahin bringt, irgend ein Bund Heu muthig aufzuessen.

Die jetzige Regierung Frankreichs, wenigstens zum Theil hervorgegangen aus dem Streite über die Festmahle (~banquets~), kann dieselben nicht füglich verbieten; auch hemmt die Furcht vor den drastischen Juniarzneien, lauten Skandal. -- Der Sinn Mancher offenbart sich indessen, wenn sie Blanc und Raspail als Märtyrer der Freiheit leben lassen, und d’Alton Shee vor Allem die Ausrottung schlechter Gewohnheiten verlangt. Die schlechteste von allen (fährt er fort), welche uns die Monarchie (!) hinterlassen hat, ~est la transmissions de l’hérédité et des noms~!! -- Dies zum Troste gegen den Ärger über Narrheiten in Deutschland.

Viele gemäßigte Republikaner, welche sehen, welche Gefahren ihrem aus dem Stegreif erschaffenen Werke drohen, sagen: der National (die heftige Partei) hat die Republik zu Grunde gerichtet. Allerdings hat diese Partei ihren Sieg leidenschaftlich und eigennützig ausgebeutet (wie alle politischen Sieger in Frankreich); aber auch abgesehen davon, und von gerechtem Tadel, führt die Neigung und die Gewohnheit des Veränderns, selbst gesunde, natürliche Kinder hier zu raschem Tode. Als Rettungsmittel für die Republik ist vorgeschlagen worden, alle Bonapartiden in der Nacht gefangen zu nehmen und nach Cayenne zu schicken. Der Gedanke ward aber aus mehren Gründen abgelehnt. Wenn man die geheimsten Berathungen dieser Art ausplaudert, so ist dies ein Zeichen, daß man nicht mehr an die Festigkeit der bestehenden Regierung glaubt. -- Die Partei des National wünschte sich mit der alten Opposition, der dynastischen Linken, zu verbinden; diese erwidert jedoch: helft euch selber, wir haben mit Cav. und L. Bon. nichts zu schaffen. -- Wahr; allein hiedurch stimmt sie dem ~jacta est alea~ Lamartine’s bei, und wartet ab, wer da Licht in diese Nacht der Zukunft tragen werde.