Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)
Part 4
Täglich höre ich (hauptsächlich von Gesandten): Sie müssen lesen diese und diese Zeitungen, diese Artikel, diese Anklagen, diese Vertheidigungen, diese Glaubensbekenntnisse, diese Versprechungen, diese Warnungen u. s. w. u. s. w. -- ein Meer nicht auszuschöpfen, so viel Köpfe so viel Sinne, Staatsweise (oder Narren) in Unzahl! Ich kann und will mich nicht entschließen, bei Tage diese ungeheure Menge politischen Heues zu verzehren, bei Nacht es wiederzukäuen und am nächsten Morgen doppelt durch diesen politischen Katzenjammer zu leiden. Ich habe gar keine Anlage, ein solcher gesandtschaftlicher Vielfraß zu werden.
Schon oft ist es in der Geschichte vorgekommen, daß das Schicksal eines Staates oder Volkes von einem Kriege, einer Schlacht abhing; es ist aber wohl noch nirgends geschehen, daß man sich durch lange Berathungen, zahlreiche Beschlüsse, staatsrechtliche Bestimmungen in eine so völlige Dunkelheit und Ungewißheit über alle geselligen Verhältnisse der nächsten Zukunft hineinverirrt, so Alles auf ein Spiel mit (falschen) Würfeln hinausgeführt hat. Es gehört eine mehr als eiserne Gesundheit dazu, Versuche, Experimente solcher Art zu überstehen.
Zu etwas Anderem. Ein Hr. Deschamps hat den +Macbeth+ arrangirt, zurechtgeschnitten, ausgeflickt, zugesetzt, mit Tableauxs, Fackeln, Lampen u. s. w. u. s. w. versehen, -- zu großer Zufriedenheit der Pariser. Es heißt: ich habe mir erlaubt ~de retrancher des scènes parasites, des tirades exubérantes, des expressions affectées ou indécentes. Au 4^e acte je me suis permis des changemens fondamentaux. -- J’ai trouvé des vides à remplir par des paroles et des expressions shakspeariennes.~ -- So versteht, so mißhandelt man, so bewundert man hier den größten aller Dichter!!
Da nicht jeder Freund oder jede Freundin, welche diese Briefe lesen, Paris (oder auch nur einen Wegweiser durch Paris) zu sehen bekommen, mögen einige auserwählte Kleinigkeiten über die angebliche ~Capitale du monde~ hier Platz finden. Sie liegt an 4 Grad südlicher wie Berlin, was sich in der Wärme, den Blumen und Früchten offenbart. Festungswerke und 14 Bastionen durchschneiden Besitzungen und Aussichtslinien, und schützen gegen Feinde, die (wenn Mäßigung in Frankreich herrscht) sich nirgends finden. Einen stets nahen Feind hat aber die Befestigung hervorgerufen und sehr verstärkt: nämlich die Schuldenlast!
Unter Ludwig XI. betrug die Bevölkerung etwa 100,000, unter Ludwig XIV. 500,000, jetzt (innerhalb des Steuerbezirks) eine Million, welche jährlich verzehrt 77,000 Ochsen, 20,000 Kühe, 83,000 Kälber, 460,000 Hammel, 96,000 Schweine u. s. w. Die Verzehrungssteuer beträgt jährlich gegen 35 Millionen Franken. 1842 wurden geboren 15,369 Knaben, 14,844 Mädchen, darunter ¼ uneheliche. Die Stadt hat 55 Thore (~barrières~) und gegen 1100 Straßen. Die Polizei ist getrennt von der Präfektur und eigentlichen Stadtverwaltung. Jeder von den 12 Bezirken hat seinen Maire nebst Zubehör. Die Sparkasse (mit welcher man seit dem Februar sehr willkürlich umging) nimmt von einem Franken an, aber nicht über 500 Franken auf einmal und zahlt 3¾ Procent Zinsen. Jährlich werden im Durchschnitt 5,500 +Kinder+ ausgesetzt!!! welche verruchte Niederträchtigkeit noch immer Beförderer und Schutzredner findet.
Den 3. November.
Vorgestern, als wir sämmtlich ausgegangen waren, kommt ein wohlgekleideter, mit Orden geschmückter Mann zur Pförtnerin, giebt sich für einen Bruder, Schwager oder Onkel aus, ohne jedoch Namen und Wohnung anzuzeigen. Sein Gesuch: in unsere Stuben eingelassen zu werden, lehnt die Pförtnerin ein erstes, und als er dringend wiederkehrt, ein zweites Mal ab. Ein drittes Mal ist der ~Chevalier d’industrie~, oder Spitzbube, nicht wiedergekommen.
Siebenundsiebzigster Brief.
Paris, den 4. November 1848.
Umlaufsschreiben der berliner Minister gehen in alle Welt: sie würden die Ordnung aufrecht halten, sobald es nöthig werde! Also, alle die widerwärtigen, ekelhaften, niederträchtigen Worte und Thaten, welche täglich vorfallen und als Fortschritte in der großartigen Entwickelung der Freiheit bezeichnet werden, müssen den Machthabern und Behörden doch als Fortschritte, oder als unschuldiger Scherz erscheinen, wenn man Abgeordneten Stricke zum Aufhängen unter die Nase hält, oder sie prügelt und mit Koth bewirft.
Den 5. November.
Gestern ist die neue Verfassung für Frankreich schließlich angenommen. Theilnahme und Begeisterung war nicht zu spüren; die Freudenschüsse hielt man erschreckt für Beweise eines neuen Aufruhrs. Vielleicht bringt das angeordnete Fest die Leute etwas mehr in Bewegung. Da die Feier der Julitage abgeschafft ist, muß eine neue ~doublure~ auftreten und spielen.
Den 6. November.
Schöne Nachrichten aus Berlin. R. und K. (~par nobile fratrum~) Arm in Arm an der Spitze des souverainen Pöbels. Der erste Minister, ein preußischer General, beschützt von den ärgsten Beförderern der Anarchie, gegen Prügel und Mord. -- Papierne Mittel dagegen, welche nur den Muth der Anarchisten verdoppeln und die Behörden verächtlich machen. -- -- -- Viele Gründe haben einen großen Theil Europas in die jetzigen Wirren gestürzt. Sie sind löblicher und verdammlicher Art. Zu jenen will ich gern das eifrige Bestreben zählen, alles Mangelhafte auf Erden zu verbessern, hieran reiht sich aber sogleich ein doppelter Aberglaube: erstens, daß sich Alles verbessern lasse; zweitens, daß Jeder das rechte Mittel kenne. Persönliche, unbegründete, unduldsame Meinungen werden ausgesprochen und geltend gemacht, wie ewige Wahrheiten: und in dieser dummen Tyrannei stimmt die alte und neue Schule überein. -- Da sich nun aber, in gewissen Verhältnissen, derlei Tyrannei +des+ Einzelnen nicht durchsetzen läßt, addirt man +die+ Einzelnen (unbenannte) Zahlen zusammen, und hofft auf Erlösung durch das allgemeine Stimmrecht. Ein halb, mehr eins (was quantitativ ohne Zweifel die Mehrheit ist), gilt auch für ein qualitativ unfehlbares Übergewicht. So bei der französischen Präsidentenwahl. -- Ein anderer, erst in neueren Zeiten mächtig hervortretender Grund von Umwälzungen ist die immer allgemeiner werdende Meinung: nur das sei das Rechte und beglücke den Menschen, was er selbst wolle und erschaffe. Alles von Natur oder durch Gesetz Gegebene, alle unabänderlichen Verhältnisse seien vom Übel und zu zerbrechen. Und doch ist ohne Achtung, Anerkenntniß und rechtes Verstehen der +gegebenen+ Verhältnisse, gar keine Ordnung und Zufriedenheit auf Erden möglich. Vaterland, Eltern, Geschwister, Zeit der Geburt, Geschlecht, Reichthum oder Armuth, Gesundheit oder Krankheit, Geistesgröße oder Beschränktheit; kurz, die wichtigsten Dinge sind +gegeben+, und wer mit dem Gegebenen nichts anzufangen weiß, oder gar es wegwirft, der wird gewiß nichts Anderes und Besseres erwerben. Hiemit finden wir die Lehre in genauem Zusammenhange: Leidenschaft stehe höher als Begeisterung, Willkür höher als Besonnenheit, und Jeder habe das Recht, sich eine eigene Rechts- und Sittenlehre zu erfinden. Mit Recht sagt ein französischer Schriftsteller: ~le dernier degré de l’abaissement, est la bonne foi dans l’infamie~.
Den 7. November.
Dieser Tage fragte mich ein Gesandter: wie oft melden Sie +Neuigkeiten+ nach Frankfurt? Diese Frage traf mich wie ein Vorwurf der Vernachlässigung meiner Pflichten, -- und doch habe ich, aufrichtig gestanden, die Überzeugung --, derlei Neuigkeitsberichte seien eher schädlich als nützlich, -- oder doch überflüssig. -- Aus dem Lesen, ich kann sagen vieler +Tausend+ von Gesandtschaftsberichten in verschiedenen europäischen Archiven, weiß ich, daß kaum ein Gesandter (aus Gründen, die ich hier nicht aufzählen will) dieser Neuigkeitsjägerei entgeht, daß fast Alle ein falsches Gewicht darauf legen. Sie quälen sich, um 3 Uhr zu erfahren, was um 5 Uhr die ganze Welt weiß und woran um 7 Uhr kaum irgend Einer noch glaubt. Dieses Abmühen mit Kleinigkeiten ist das Gegentheil staatsmännischer Übersicht und Voraussicht; es wirft ein falsches Licht auf die wahrhaft wichtigen Gegenstände, verrückt leicht den richtigen Gesichtspunkt und erschöpft die besser zu verwendenden Kräfte.
Aus dem nur zu oft morastigen Boden der heutigen Politik steigen unzählige Blasen (~bubbles~) auf, wer kann sie festhalten, ihnen Dauer geben, sie zeichnen, beschreiben? Der Tag, ja der Augenblick ihrer Geburt, ist auch der Tag und Augenblick ihres Todes! -- Es ist unglaublich, mit welcher Bestimmtheit oft das Entgegengesetzteste erzählt und behauptet wird; z. B. Louis Bonaparte habe gesagt: er werde +niemals+ Krieg anfangen; -- er werde die Steuern vermindern und +sogleich+ Krieg beginnen. Und solcher Geschichtlein könnte ich hunderte auftischen! -- Wichtiger ist es, daß die Gesellschaft der angeblich Gemäßigten keinen Bewerber für die Präsidentenwürde aufstellen will. Das heißt (aus langen Reden in kurzes Deutsch übersetzt): sie wollen dadurch nicht die Stimmen zertheilen, wodurch die Entscheidung an die Nationalversammlung kommen und ohne Zweifel für Cavaignac und die Republik ausfallen würde. Sie betrachten L. Bonaparte als ein Mittel zum Sturze der letzten, und daß alsdann die Regierungsgewalt in irgend einer Weise an sie komme. Bei aller Wahrscheinlichkeit, daß Bonaparte obsiege, steht dadurch noch gar nicht fest, wer etwa mit ihm oder an seiner Stelle regieren werde.
Mehr Friedensliebe, als Cavaignac und Bastide, dürfte schwerlich irgend ein anderer französischer Machthaber besitzen. Die lange Dienstzeit der Soldaten, welche Thiers vertheidigt, soll ein Heer erschaffen, das sich nach allen Weltrichtungen für Eroberungskriege gebrauchen läßt.
Hr. Bastide und Hr. Cintrat sind überzeugt, daß ein mächtiges Österreich (besonders für den Osten Europa’s) nöthig ist, und der von Frankreich wohl aufgegebene Gedanke einer Abänderung der Landesgränzen in Italien, scheint nur in England noch Vertheidiger zu finden. Alle Leute behaupten hier: die französische Politik sei jetzt für Deutschland günstiger und milder, als die englische, und ich muß (so weit die Sachen zu meiner Kenntniß kommen) dieser Meinung beitreten. -- -- --
Achtundsiebzigster Brief.
Paris, den 9. November.
Die Franzosen sitzen vor dem Vorhange der Zukunft; und ob sie gleich die Coulissen, Versenkungen, Flugwerke u. s. w. selbst eingerichtet und aufgestellt haben, wissen sie doch nicht, welch ein Stück wird aufgeführt werden, und wer die Hauptrolle übernimmt! „Es giebt (sagte gestern Hr. Berryer bei Rothschild) keinen Zufall. Der Ausfall selbst jedes Glücksspiels (Pharao, Roulette) beruht auf gewissen Ursachen und Gesetzen, beruht auf Logik.“ -- Das weiß zuletzt Jeder; weiß aber damit doch nur, daß er eben nichts weiß, und diese Unwissenheit wird dann als Zufall oder Schickung bezeichnet. -- Daß ich Roulette spielend, weder durch wissenschaftliche Berechnung, noch durch Übung der Hand, ein bestimmtes Ergebniß voraussagen oder herbeiführen kann, stellt jenes Glücksspiel eben auf einen anderen Boden, als das Schachspiel, wo ich mit Sicherheit ein Ergebniß bezwecken und herbeiführen kann. Wer nicht über das Würfelspiel hinauskann und hinauskommt (~jacta est alea~), war und wird kein Staatsmann; auch ist Alles so verfahren, daß die Franzosen genöthigt sind, das dumme Wort nachzuschreien, und abzuwarten: ob ihnen eine gebratene Taube in den Mund oder ein Stein an den Kopf fliegen wird. Die neue Verfassung soll als ein Schild Rinald’s gegen Gefahren schützen, oder als Wünschelruthe unsichtbare Schätze finden lehren; -- ~credat Judaeus Apella!~ -- „Sie ist (sagte mir einer der ersten Staatsbeamten) ein todtgebornes Kind.“ Indessen soll sie nächsten Sonntag, vor unzähligen Zeugen, getauft werden; von denen wenigstens Neunzehntel hoffen und wünschen, daß der erstgeborne Sohn der Verfassung (der Präsident) seine Mutter kurzweg und ohne viele Umstände umbringen möge. -- Cavaignac wird gehaßt von den rothen Republikanern, weil er sie mit eiserner Hand zu Boden schlug, und die Erretteten finden, daß viermonatliche Herrschaft, als Dank, schon zu lange dauert. Alle Abstufungen von Monarchisten fürchten ihn, da er aufrichtig und ehrlich die Republik will, welche weit der Mehrzahl (aus sehr verschiedenen Gründen) in Frankreich zuwider ist. Während dieser Verhältnisse erhebt sich (den meisten Führern unerwartet) Ludwig Bonaparte. Die Massen, durch das allgemeine Stimmrecht gleichberechtigt, ziehen vor dem Namen den Hut ab, erwarten durch ihn Sturz der Republik, Erlaß von Steuern, Eroberungskriege, -- oder was Jedem sonst behagt. Die überraschten ~Meneurs~ sehen, daß sie Dessen, den sie für einen bloßen Popanz hielten, nicht mehr Herr werden können; sie beeilen sich deshalb ihm Komplimente zu machen, ihn zurechtzuschneidern und für ihre Zwecke auf den Trab zu bringen. -- Er ist (sagte mir gestern ein solcher legitimer Schneidergeselle) ~bien élevé, et pas sans intelligence~. -- Um Frankreich zu regieren? fügte ich in fragendem Tone hinzu. -- Er hat, fuhr Jener fort, eine sehr gute Eigenschaft, nämlich sich leiten zu lassen. -- Ich habe bisher geglaubt, der Präsident von Frankreich müsse Andere leiten und nicht des Hofmeisters mehr bedürfen u. s. w. u. s. w. In Wahrheit fördert man (besonders auf dem Lande) die Wahl Bonap., damit Cavaignac durchfalle und die Republik ein Ende nehme. Sobald dies geschehen, sei Bon. gar bald als verbraucht zur Seite zu schieben, und ein legitimer König auf den Thron zu setzen. So weit haspeln diese Parteien Alles gar einträchtiglich ab und zweifeln nicht an der Weisheit und Nothwendigkeit ihrer verwickelten Plane. Wem aber unter vielen Bewerbern der Thron einzuräumen sei: Louis Philippe, Joinville, Heinrich V, Orleans u. s. w. -- das sind ~curae posteriores~, spätere Sorgen! -- Neben all diesen höchst bedenklichen Zuständen wird jedoch in Frankreich das Bedürfniß von Ordnung und Recht täglich allgemeiner gefühlt, und die bitteren Erfahrungen scheinen nicht ungenutzt zu bleiben. In der deutschen Verwirrung ist mehr Unreife und Haltungslosigkeit; während sich Frankreich (wie ein Stehauf) immer wieder rasch auf seine Beine stellt und nach allen Seiten hin Front macht.
Die Berathungen über das Budget gewähren einen sehr traurigen Eindruck. Von 1800 Mill. Ausgaben jüdelt man 5-6 Mill. hinweg, meist auf Kosten der Beamten, welche um so mehr auf ungerechten Erwerb hingewiesen werden. Hingegen bleibt die täglich erhöhte +Friedens+ausgabe für ein Heer von 500,000 Mann ein ~noli me tangere~. -- Erweiset man, daß Frankreich von Außen nicht bedroht ist, so wird geantwortet: wir brauchen solch Heer im Innern. -- Nach Widerlegung auch dieses Einwandes, gesteht man endlich ein: man müsse so viele Leute füttern, ihnen Brot geben und einige Zucht beibringen, weil sie sonst nicht zu bezähmen seien.
Den 10. November.
Beide Paturots sind von Louis Reybaud, und Malvina ein vortrefflich erfundener und durchgeführter Charakter. -- Mehre andere Romane enthielten so ordinaire, liederliche Geschichten, mit ~assa foetida~ gewürzt, daß ich mich durch einen Riesensprung in eine ganz andere Welt versetzte, das heißt: auf der Straße den Flavius Josephus kaufte, nach vielen Jahren diesen Schriftsteller nochmals lese, und den alten Glauben, oder das alte Vorurtheil bestätigt finde, daß die auserwählten Juden ungezogene Kinder waren und nicht viel taugten. -- Einseitiger Trost für die Mängel der Gegenwart.
Ich habe Gelegenheit gesucht und gefunden, mit Schneidern, Schustern, Kaufleuten, Buchhändlern, Kutschern u. s. w. über die jetzigen Verhältnisse zu sprechen, aber auch +nicht einen+ Freund oder Bewunderer der Republik gefunden. Vielmehr suchen Alle den Grund +jedes+ Übels jetzt in der Revolution des Februars. Auch die Nationalversammlung, gewählt unter dem stärksten Einflusse der Sieger, hat Beschlüsse gefaßt, welche ihr eigenes Werk untergraben; ja, Viele glauben so wenig an dessen Dauer, als früher die Urheber an die Dauer der Verfassung von 1791. Gewiß hat Paris ungeheuer verloren: der Ausfall an Stadteinnahmen für 1848 wird auf 10 Millionen und für 48 und 49 auf 60 Procent angeschlagen. Schon jetzt (vor Eintritt des harten Winters) erhalten 265,000 Personen, eine für die Stadt sehr drückende und doch für die Empfänger sehr unzureichende Unterstützung. Nur +Arbeit+ könnte helfen; aber es fehlt noch mehr an Arbeitgebern, als an Arbeitslustigen. -- Die neue Verfassung macht der jetzigen Nationalversammlung ein Ende; wenn diese aber vorher noch die sogenannten organischen Gesetze entwerfen und annehmen will, so muß sie ihre Lebensdauer sehr verlängern; -- vorausgesetzt, daß das souveraine Volk, oder der emporwachsende Präsident, damit einverstanden sind. Übrigens beziehen sich jene geforderten, oder versprochenen organischen Gesetze, fast auf alle Theile des geselligen Lebens: Verantwortlichkeit der vollziehenden Gewalt, Staatsrath, Wahlgesetz, Organisation der Landschaften und Ortschaften, Rechtspflege, Unterricht, Heerwesen, Presse, Belagerungsstand. -- Bevor das Letzte festgestellt ist, wird der Grundbau des Anfangs vielleicht schon zusammenstürzen. Denn, wie gesagt, der Sturz der Republik ist offener oder geheimer Zweck der Meisten; wo sich dann weiter fragt: ob die Republikaner dies mit Gewalt verhindern werden, und ob man (sofern sie in Paris obsiegen sollten) in den Landschaften gehorchen will. Nimmt die französische Republik ein Ende, mit Spott oder Schrecken, so werden ähnliche thörichte Gelüste in Deutschland schneller absterben; dem Frieden aber sind Cavaignac und Bastide geneigter, als ihre wahrscheinlichen Nachfolger.
Nehmen wir auch an, daß die neue Verfassung von gar keinen +äußeren+ Gefahren bedroht wird, werden doch +innere+ Gründe ihre Gesundheit und Wirksamkeit untergraben. So schön und wohlwollend zunächst auch die einleitenden Sätze lauten, weisen sie doch auf ernste Pflichten hin, von denen sich nur zu Viele gern entbinden, und erwecken Hoffnungen, welche man zu erfüllen außer Stande ist. So z. B. wenn es heißt: die Republik werde das Wohlbefinden (~l’aisance~) eines Jeden +vermehren+, durch +Verminderung+ der Steuern u. s. w. Auch der Satz: Jeder solle nach Maßgabe seines Vermögens zu den Abgaben beitragen, würde eine verderbliche Umgestaltung des ganzen Steuerwesens herbeiführen. +Eine+ Versammlung von 750 Abgeordneten, erwählt nach allgemeinem Stimmrechte, und ihr gegenüber +ein+ in ähnlicher Weise erwählter Präsident, ist gewiß nicht die rechte Form für lebendige, harmonische Bewegung und ewigen Frieden. Was Eide der Abgeordneten, Direktoren, Consuln, Präsidenten zur Erhaltung unbrauchbarer, oder gering geschätzter Formen helfen, hat die Erfahrung der letzten 60 Jahre hinreichend erwiesen; und doch hängt auch diesmal die ganze Verfassung an diesem Strohhalme!
Wenn man gezwungen ist, hundertmal dasselbe zu denken, so ist es natürlich, daß man wenigstens zehnmal dasselbe schreibt. Habt also Nachsicht mit meinen Wiederholungen. Ich erzählte wohl schon, daß der Verein der Straße Poitiers keinen Candidaten für die Präsidentenwürde vorschlagen will. Dieser Beschluß richtet sich unmittelbar wider Cavaignac, und fördert mittelbar L. Bonaparte. Wenn nun Thiers hinzusetzt: er wolle nicht Minister eines Präsidenten sein; -- heißt das: Bon. solle sich darüber hinaus +erheben+, oder schon vorher +beseitigt+ werden? Das Benehmen dieser Männer mag pfiffig sein, oder aufgezwungen durch Verhältnisse; gewiß ist eine negative Stellung solcher Art untergeordnet, und nicht in kühnem Style patriotischer, des Herrschens fähiger und würdiger Staatsmänner. Ich habe darüber vielerlei Streit, weil künstliche, schlaue Bemühungen, besonders die Diplomaten mehr interessiren und imponiren, als die Einfachheit eines edelen und muthigen Benehmens. -- Man verdammt alle Erbfolge der Herrscher aus mancherlei Gründen, und will doch Bon. erheben, weil er der Neffe eines namhaften Mannes ist. Man schämt sich dieser Folgewidrigkeit, und weiß doch nicht, wie man ihr entgehen soll!
Neunundsiebzigster Brief.
Paris, den 11. November 1848.
In einem Rundschreiben an alle Behörden, sagt Gen. Cavaignac: „das allgemeine Stimmrecht enthält die ganze Revolution; die des Februar ist eine unverletzliche Revolution durch das ganze Volk.“ -- Wie aber, wenn die Stimmen+mehrheit+, welche allein entscheiden soll, sich gegen die Republik erklärt? -- Er sagt ferner: „das politische Grundgesetz (die Verfassungsurkunde) stellt sich jetzt neben dem ewigen Gesetze der Ordnung und Festigkeit (~stabilité~), welche die nothwendige Bedingung aller menschlichen Gesellschaft ist. Beide sind +forthin+ unzertrennlich. Das Dasein der Republik ist unlösbar verbunden mit guter politischer und sittlicher Ordnung. Die Republik ohne gute Ordnung, gute Ordnung ohne Republik, sind von jetzt an zwei gleich unmögliche Thatsachen: wer sie trennen, oder eine der andern opfern wollte, ist ein gefährlicher Bürger, welchen die Vernunft verdammt und das Land zurückstößt.“ -- So das Glaubensbekenntniß eines gläubigen Republikaners am 10. November 1848. Wird es schon am Tage der Präsidentenwahl, den 10. December, oder bald nachher, Abänderungen erleiden??
An dem Budget für das Ministerium des öffentlichen Unterrichts hat man kleinlich geknausert, auf Kosten der Bibliotheken, Museen, Archive, Schulen u. s. w., und doch verhielt sich die ganze Ausgabe wie 5 Franken zu 1500 Franken der Staatsausgabe. Und in das Lobpreisen zahlloser Fortschritte ruft Victor Hugo hinein: ~l’ignorance est un plus grand péril que la misère; elle nous déborde, nous assiége, nous investit de toutes parts~ u. s. w.
Nachmittags.
Es fehlt hier nicht an ergötzlichen, zeitvertreibenden Planen, wie deren zwischen 1795 und 1815 so viele entworfen wurden: z. B. Henri V bekommt keine Kinder, adoptirt den Grafen von Paris, die älteren und jüngeren Bourboniden fallen sich in die Arme, und die letzten erhalten für geduldiges Abwarten, das Verdienst doppelten Edelmuths. So die Hofleute; was die Bürger von Paris oder auch nur die Gamins wollen, wird vor der Hand nicht berücksichtigt. -- Daß diese völlige Ungewißheit der Zukunft Frankreichs auch für Deutschland gefährlich und unheilbringend ist, brauche ich nicht umständlich zu beweisen.
Die +deutschen Zustände+ haben den wesentlichsten Einfluß auf die Beurtheilungen und Maßregeln des Auslandes. Nach der Fehlgeburt des Dahlmann’schen Ministerii stiegen hier Frankfurts Aktien außerordentlich; seitdem hat indeß mancherlei wieder zum Schwanken und Sinken derselben und zu dem, leider richtigen, Glauben beigetragen: es stehe noch schwach mit der deutschen Einheit und deshalb auch mit der Reichsgewalt. Dahin rechnete man z. B. den Aberglauben, daß +Polen+ (welche in wiener Studentenröcke krochen) +die deutsche Freiheit gegen Slaven+ schützen wollten, ferner die Pöbelherrschaft in Berlin, den dortigen übereilten Beschluß, Posen betreffend u. s. w. Vor Allem aber fürchtet (oder hofft) man, daß die frankfurter Entscheidung über Österreich den allernachtheiligsten Einfluß auf die Einheit und Macht Deutschlands haben werde; man vergleicht diesen Beschluß mit dem ersten über den malmöer Waffenstillstand, und sieht darin einen neuen Beweis von Staatsweisheit -- oder Thorheit. Wie dem auch sei, ein Reichsgesandter hat eine schwere, ja unmögliche Aufgabe zu lösen, wenn er dies Alles lobpreisen und rechtfertigen soll; besser, er sagt den Franzosen: ~intra peccatur et extra Iliacos muros~.