Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)

Part 18

Chapter 183,389 wordsPublic domain

Wenn eine Frau, die ihren Mann nicht liebt, während er ihr von ganzem Herzen zugethan ist, sich von einem sophistischen, oberflächlichen Menschen beschwatzen läßt, ihn zu ihrem Vertrauten macht, und es vom bloßen Zufall abhängt, daß es nicht zum Ärgsten kommt; so ist es für den Mann die allerbitterste Aufgabe zu überlegen und zu beschließen: ob er die Frau durch Milde erretten, ihren Ruf erhalten, den Kindern ihre Mutter bewahren kann. Reicht er die Hand der Versöhnung, so müßte die Frau ganz nichtswürdig sein, wenn sie ihrer Thorheit nicht Herr werden, und den großen Unterschied zwischen dem vernachlässigten, edeln Manne und dem frivolen Courmacher einsehen sollte. Ich habe aber keinen Begriff davon, wie eine Frau es Jahre lang aushalten kann, ihren Mann dem Liebhaber gegenüber als nichtig zu betrachten und zu behandeln; wie nicht jede offene Erklärung, jede Trennung ihr lieber sein müßte, als ein so erstorbenes, nichtiges Verhältniß, welches dem Rechte und der Sitte gleich sehr widerspricht. Derlei moderne Liebeskränkeleien gelten aber freilich oft für die höchste, parfümirte Gesundheit, und erhalten vornehme Titel, z. B. Wahlverwandtschaften! In der alten, für roh und unwürdig verschrieenen Heidenwelt, führte Penelope keinen Liebesbriefwechsel mit einem Freier, weil ihr Odysseus über Gebühr lange ausblieb; und dieser war ihr in den Armen der Circe noch im höchsten Sinne treu, weil er sich nach der edelsten der Frauen zurücksehnte, sie über alle anderen hinaufstellte; weil es ihm gar nicht einfiel, sie jemals in eine Reihe zu stellen. -- Selbst Phädra weiß, trotz ihrer gottverhängten, wilden Leidenschaft zu Hippolyt, daß Theseus, ihr Gemahl, ein großer würdiger Mann, ein Held ist, dessen sie nicht mehr würdig ist.

Daß Frau v. Stein, im gewöhnlichen Sinne tugendhaft geblieben, will ich gern glauben; möchte aber wissen: ob Herr v. Stein unterdessen eine Schlafmütze oder eine Dornenkrone trug?

So viel als ein zweiter (ketzerischer) Beitrag, zu Eueren Gesprächen mit Tieck.

Ich sehe soeben nochmals in Euerem letzten Briefe, daß man in Berlin über das hier entworfene Wahlgesetz schilt. Ich erklärte schon die Art seiner Entstehung, füge aber noch hinzu: wie darf man verlangen oder erwarten, die Reichsversammlung könne weniger bewilligen und sich minder liberal zeigen als erst Camphausen und dann Brandenburg-Manteufel? Von Berlin aus ist dem allgemeinen Stimmrechte Thor und Thür geöffnet; es ist für jetzt in Deutschland unabwendbar, und erst Erfahrungen, böser oder guter Art, werden die Abänderung oder Beibehaltung herbeiführen.

Den 8. März.

Der Blinde soll nicht von der Farbe reden; -- deshalb habe ich mir Goethe’s Briefe an Frau v. Stein aus der Lesebibliothek geholt und das dicke Buch durchgelesen oder vielmehr durchgeblättert. Chronologisch ergab sich zuerst, daß Frau v. Stein bereits 33 Jahr alt war und sieben Kinder geboren hatte, als der jüngere Goethe sie kennen lernte. Schon hienach möchte Manches, was ich früher schrieb, näher zu bestimmen und zu berichtigen sein: -- es mag aber stehen bleiben; paßt es nicht ganz auf diesen Fall, so paßt es auf andere Fälle. Ohne Zweifel ist es dem sieggewohnten Goethe sehr heilsam gewesen, von Fr. v. St. bei seinem etwas plumpen Andringen zurückgewiesen oder doch gezähmt zu werden. Sie trieb (wie er selbst sagt, II, 35) „das Gesindel aus seinem Herzen,“ ward ihm zur keuschen Muse, und hätte ihn von Dem überzeugen können, was ich in meiner Spreu sage: „die sinnlichste Liebe hat immer die kürzeste Dauer.“ -- Ob in irgend einem späteren Augenblicke das Sinnliche (störend oder fördernd) hinzugetreten, mag ich nicht (allzuneugierig) untersuchen; will aber gestehen, daß mir das Bildniß der guten Frau, welches vor dem ersten Theile steht, gar nicht sehr reizend erscheint.

Ich trete also sehr gern dem Allen bei, was Du (liebe --) gegen Tieck behauptet hast; kann aber diesem auch hinsichtlich seiner Einwendungen keineswegs überall Unrecht geben. Mag jedes Wort, jedes Zeichen, jeder Beweis des Andenkens (sei es auch noch so gering) liebenden Menschen von unschätzbarem Werthe sein, mag man den Unverliebten mit Recht vorwerfen, sie hätten für derlei Erscheinungen weder Sinn, noch das rechte Maß; -- hundertfache Wiederholungen von: guten Morgen und gute Nacht, Spargel und Rehbraten u. s. w. u. s. w., aber dem Publikum zum Durchlesen in die Hand geben, ist eine allzu starke Zumuthung des Herausgebers. Wären Neunzehntel ungedruckt geblieben, der Briefwechsel hätte, wie die sybillinischen Bücher, an Inhalt und Werth gewonnen; ja, sein Werth und der Werth wie die Bedeutung des ganzen Verhältnisses hätte sich eindringlicher herausgestellt. Ich kenne keinen gleich starken Briefwechsel eines ausgezeichneten Mannes, von so wenig bedeutendem Inhalte. Das ist kein Tadel für Goethe, da es ihm gar nicht auf Inhalt und Bedeutung ankam, oder diese für ihn an ganz anderer Stelle und in ganz anderer Richtung lagen. Was aber ihm und Fr. v. St. frische, duftende Blumen waren, trocknet für den fern stehenden Leser zu Heu zusammen. In Goethe’s Briefen an Jacobi, Lavater u. A. findet jener weit mehr, was er sich aneignen kann, und wodurch er zu Gedanken und Gefühlen angeregt wird. Einzelnes kann man freilich aus den Massen des Unbedeutenden heraussuchen (z. B. über Persönlichkeiten, Hofverhältnisse, klägliche Mißverhältnisse); wahrhaft wichtige Briefe (wie der über Lavater) sind aber kaum ein halbes Dutzend in den beiden dicken Bänden -- Doch genug des Betrachtens und Urtheilens, womit ihr beide (A. und T.) nicht zufrieden sein werdet. Indessen ließe sich aus dem Verschiedenen, auch wohl Gemeinsames und Übereinstimmendes zusammenstellen, und jenes gesondert Bleibende als ein ~Suum cuique~ betrachten.

In meinen Briefen kommt noch +öfter+ dasselbe vor, als in denen Goethe’s an Fr. v. St. und Ihr leset sie dennoch geduldig! Also Politik, zu Anfang und zu Ende. Vom Standpunkte des alten Bundestages der 34 Fürsten, war ein Volkshaus etwas Ungedachtes, Unerhörtes, Unsinniges. Jetzt hat Keiner gewagt Einwendungen dagegen +laut+ auszusprechen. Der Gedanke eines Erbkaisers stand ebenfalls in höchster Entfernung, und kaum Einzelne deuteten darauf hin. Selbst die neue Gesellschaft im Weidenbusch sprach sich nur für die +Einheit+ aus, und schwieg vor der Hand über die +Erblichkeit+. Gestern hat sich, sehr unerwartet, die Mehrheit im Verfassungsausschusse +dafür+ erklärt. In Thesi ein wichtiger, merkwürdiger Schritt; ob er aber in die Praxis übergehen kann und wird, ist eine große, schwere Frage?

Ein österreichisches Erbkaiserthum, mit dem Übergewichte +nicht+ deutscher Volksstämme, ist sehr Vielen ein Gräuel, und Preußen kann sich ihm in keiner Weise unterwerfen. Ein preußisches Erbkaiserthum wollen die kleineren Staaten (an sechs Millionen); nicht aber Österreich und die Könige. Ereignisse und Persönlichkeiten werden von Tag zu Tag weiter führen, und zuletzt entscheiden.

Hundertzweiundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 10. März 1849.

Die gestrige Sitzung war merkwürdig genug, um etwas darüber zu berichten. Ich schrieb bereits, daß die Gemäßigten durch irrige Taktik, Zersplittern der Stimmen und unnatürliche Verbindung der Gegner in die Minderzahl gekommen seien. Zunächst sind die beiden ersten Übelstände gehoben, und auch der dritte, schlimmste Umstand scheint einer bessernden Auflösung entgegenzugehen.

In Folge dieser erwünschten Verhältnisse wurden gestern die noch rückständigen Absätze der Grundrechte nach unseren Ansichten und Vorschlägen angenommen, und alle Verbesserungsanträge der Linken fielen durch. Sie bezweckten im Wesentlichen, beiläufig und an ungehöriger Stelle, wichtige Grundsätze oder Maßregeln einzuschmuggeln. Ich gebe Beispiele:

1) Die Gemeine hat die Wahl ihrer Vorsteher und Vertreter, mit +Ausschluß+ des Bestätigungsrechtes der Staatsbehörde -- Verworfen mit 252, gegen 188 Stimmen.

2) Ihr steht organisirte Bewaffnung zu, als Theil der allgemeinen Volkswehr, und das Recht der freien Wahl der Führer. -- Verworfen mit 242, gegen 191.

3) Die Wahl der Volksvertreter erfolgt direkt, ohne Ausschluß einer Klasse von Einwohnern und unabhängig von einem Census. (Dies sollte für alle einzelnen Staaten gelten.) -- Verworfen mit 300, gegen 131.

4) Die Regierung des deutschen Einzelstaates hat nur ein aufschiebendes Veto gegen die Beschlüsse der Volksvertretung -- Verworfen mit 279, gegen 157.

Hierauf erfolgte ein neuer großer Angriff der Linken. Sie fordert die zweite Lesung und schließliche Annahme des Wahlgesetzes, +vor+ der zweiten Lesung der Verfassung. Schon viermal war dieser Antrag vorgebracht und viermal aus genügenden Gründen verworfen worden. Ich will aus vielen nur zwei anführen:

1) Fand die erste Lesung des Wahlgesetzes erst vor wenigen Tagen, die der Verfassung bereits vor einigen Monaten statt. Ausschuß, Abgeordnete, Regierungen, Publikum, Presse sollen Zeit haben zu prüfen und sich auszusprechen.

2) Es ist ganz verkehrt schließlich ein Wahlgesetz anzunehmen, bevor man in der Verfassung festgestellt hat, ob und welche Kammern stattfinden und welche Abgeordneten gewählt werden sollen.

In der Berathung wurden denn alle hochtönenden, demagogischen Phrasen nochmals zum Besten gegeben; und nebenbei kam deutlicher ans Tageslicht, was freilich dem schärfer Blickenden längst kein Geheimniß war. Die Linke weiß, daß sie ein rein demokratisches Wahlgesetz +nur+ mit Hülfe der Österreicher durchsetzen kann, und diese hiebei (um +andere+ Zwecke zu erreichen) +gegen+ ihre Überzeugung stimmen müssen. Die Sache hat also große Eile und muß zu Stande gebracht werden, bevor jener künstliche Bund auseinanderfällt. Gebt nach (sagt die Linke), bewilligt uns das Wahlgesetz, und dann werden wir wissen, -- was wir hinsichtlich der Einheit, Dreiheit, Fünfheit oder Siebenheit zu thun haben und für welche +nachgiebigere+ Partei wir uns aussprechen wollen!

Vortrefflich antwortete Riesser und erwies: daß man Abstimmungen über große Gegenstände nicht um Nebenzwecke willen, so oder anders einrichten oder gleichsam verhandeln und verkaufen dürfe. Immerdar fordert die Linke Zugeständnisse bestimmter Art, und bietet dafür (scheinbar gutmüthig) allerlei glänzende Hoffnungen. Nicht wenige Österreicher schien die Besorgniß zu ergreifen, sie würden zuletzt getäuscht werden, und Etliche stimmten gestern mit uns; was einen gewaltigen Aufruhr unter der Linken erregte und Einzelne dahin brachte ihnen laut Freundschaft und Hülfe aufzukündigen.

Nochmals ward mit Stimmenmehrheit (260 gegen 182) beschlossen: die Berathung über die Verfassung der über das Wahlgesetz vorangehen zu lassen. Gleichzeitig mindert sich die Zahl der Vertheidiger von sieben verwunschenen Prinzen, die (mit Köpfen oder Beinen) zu einem Kaiser zusammenwachsen sollen. Auch hat Das, was die erste berliner Kammer in ihre Adresse über Deutschland aufgenommen, hier großen Beifall gefunden, und Hoffnung und Muth erhöht. Wenn zu den entschlossenen Gliedern des Weidenbusches, nur noch Einige hinzutreten, so gewinnen sie die Mehrheit über die minder gleich gesinnten Gegner; und es hängt von den berliner Kammern und dem Könige ab, ob Preußen in kühner Weise an die Spitze treten will -- oder ins Schlepptau genommen wird! -- Wer nicht wagt, gewinnt nicht, und auf einen Hieb fällt kein Baum!

Gestern las ich in dem Briefe eines Abgeordneten der ersten berliner Kammer, fast buchstäblich dasselbe über die --, was ich unzählige Male behauptet und ausgesprochen habe. Sie hat durch Unwissende und Böswillige viel gelitten; ihr wird aber auch ein seltenes, und noch seltener so wohlverdientes Glück zu Theil. Daß nämlich kein wahrhaft tüchtiger Mensch ihr nahe kommen kann, ohne die Güte ihres Herzens, die Überlegenheit ihres Geistes und den Adel ihres Charakters anzuerkennen und zu bewundern. -- Das ist denn doch auch ein Balsam auf schmerzliche Wunden!

Hundertdreiundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 11. März 1849.

Nach kläglichem Sinken sind (wie ich schon gestern schrieb) unsere Aktien in den letzten drei Tagen über alle Erwartung gestiegen, und die Aussichten bleiben noch immer günstig. So traf ich gestern beim Präsidenten Simson einen, neu angekommenen österreichischen Abgeordneten, welcher die Sendung von Heckscher, Hermann und Schuselka nach Olmütz ganz thöricht fand, und über die Verbindung vieler seiner Landsleute mit der Linken empört war. Dieser grundlose und grundsatzlose Bund löset sich täglich mehr auf, und jede Partei sieht abgekühlt ein, daß die andere sie nur als Mittel für ihre Zwecke benutzen will. Die Österreicher spüren: es sei nur darauf abgesehen, mit ihrer Hülfe ein Wahlgesetz durchzutreiben, das in ihrer Heimat am wenigsten anwendbar und nützlich sein würde; auch sagt ihnen die Linke gerade heraus: nachdem dieser Zweck erreicht worden, wolle sie sich für, oder gegen Österreich erklären, je nachdem es ihr bequemer erscheine. Nach vielem Reden +für+ die Einheit, liebäugelte die Linke (aus Haß gegen, und Furcht vor Preußen) mit der Vielheit, und den österreichischen, unklaren Vorschlägen. Jetzt scheint ihr Preußen doch annehmlicher, als Österreich im Bunde mit Rußland. Wenigstens möchten Manche sich der über 200 Mann starken entschlossenen Gesellschaft des Weidenbusches lieber nähern, als sich dem schwarzgelben Österreich, oder dem blauweißen Baiern hingeben.

Ich wiederhole, daß es sehr irrig ist zu wähnen, mit der diesjährigen Vereitelung frankfurter Bestrebungen wären gewisse Grundgedanken von Einheit und Freiheit in Deutschland ausgetilgt. Ohne Annahme und Durchführung des +Wesentlichen+ in den Grundrechten, und ohne ein, das Ganze darstellendes und zusammenhaltendes +Volkshaus+ kann man in Deutschland nicht mehr auf die Dauer regieren: weder Einer, noch Drei, noch Fünf, noch Sieben, noch 34!

Da man, so viel als irgend möglich (conservativerseits) die Bemerkungen der einzelnen Regierungen berücksichtigen will; so kommen wir auch in dieser Richtung einer friedlichen Lösung immer näher. -- Mit Recht sieht man ferner täglich mehr ein: das Zerspalten in viele Klubs, nach gewissen kleineren Verschiedenheiten der Ansichten, sei (wie ich stets behauptete) unrathsam, ja schädlich; es komme vielmehr darauf an, wenige große Grundsätze aufzustellen, dafür eine überlegene Zahl zu gewinnen, und dann wie eine Phalanx für das als recht Anerkannte einzustehen: -- uneingeschüchtert durch Drohungen, unverlockt durch Schmeicheleien!

Hundertvierundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 12. März 1849.

Unsere Berathungen werden täglich wichtiger und anziehender. Die neue österreichische Verfassung stimmt in der That mit der +ersten+ Erklärung der österreichischen Regierung, welche den Eintritt in einen deutschen Bundesstaat ablehnte, und woran sich der Auftrag an das Reichsministerium reihte, Verhandlungen über einen weiteren Bund oder eine zweite Einigung mit Österreich anzuknüpfen. Die neueste Erklärung: es gebe künftig nur ein österreichisches Reichsbürgerrecht und +einen+ staatsrechtlich vereinigten österreichischen Staat, muß die Folge haben: entweder daß wir uns hier mit einem Bundestage begnügen, der noch loser und bedeutungsloser ist als der alte; oder daß wir die Form des Bundesstaates für Alle feststellen, welche in ihn eintreten wollen, und die Verhandlungen über eine Einigung mit Österreich besonders fortführen. Allmälig wird der Bundesstaat (wie der Zollverein) sich erweitern.

In dem Maße wie Österreich sich absondert, tritt Preußen in den Vordergrund. Es wäre unverantwortlich, wenn der berliner Reichstag, um untergeordneter Zänkereien willen, die unendlich wichtigere Frage über die Einigung und Beherrschung Deutschlands aus den Augen verlöre, und uns nicht kräftigst unterstützte. Es wäre bejammernswerth, wenn der König aus einer ursprünglich sehr edeln, aber falsch verstandenen Ritterlichkeit, vor dem entscheidenden Schritte zurückbebte, und statt als ordnender Steuermann an die Spitze zu treten, Deutschland einem unausbleiblichen Sturme und der Gefahr des Unterganges preisgäbe.

In dem Maße, wie in den Reihen unserer Gegner Fragen, Zweifel und Uneinigkeit hervorbrechen, wird die Gesellschaft des Weidenbusches einiger und muthiger. Sie will fest auf ihrem Wege beharren, und wenn sie den Sieg 1849 nicht davonträgt, ihn für folgende Jahre anbahnen, und Zeugniß für künftig besser erkannte Wahrheiten ablegen.

In der Sitzung, welche gestern Abend im Weidenbusche stattfand, ward mancherlei besonnen und verständig darüber verhandelt: in welcher Folge und Ordnung die zweite Berathung über die Verfassung in der Paulskirche stattfinden möge. Es wäre zu weitläufig, Gründe und Gegengründe aufzuzählen; deshalb bemerke ich nur: daß man sich allgemein gegen die jetzt doppelt schädliche Neigung aussprach, durch kleinliche, umständlich und eigensinnig vertheidigte Besserungsvorschläge, Zeit zu verlieren und Abstimmungen zu zersplittern. So nähern sich die getrennten Klubs und verwachsen zu einer großen, mächtigen Partei. Nach manchen Reden Anderer, sagte ich gestern nur einige nachdrückliche Worte über die Stellung Deutschlands und Frankfurts zum Auslande, und was nothwendig sei, um die (jetzt fehlende) Achtung zu gewinnen.

Morgen wird die (wahrscheinlich ziemlich friedliche) Berathung über das Reichsgericht wohl beendet werden; dann folgt der große Kampf über das Reich und die Reichsgewalt. Ob heute die Frage: über Vereinbarung und letzte Entscheidung, als ein Schwärmer in den Gang der Tagesordnung, von der Linken wird hineingeworfen werden, weiß man noch nicht mit Bestimmtheit. Unsererseits will man das Reichsministerium fragen: ob und was Österreich auf die ihm amtlich schon vor langer Zeit gemachten Vorschläge geantwortet habe. Nämlich: +nichts+, oder so viel als +nichts+; dann ist aber die gegebene Verfassung als eine deutliche und verneinende Antwort zu betrachten.

Mittags nach der Sitzung.

Wir waren heute auf Plänkeleien, ja auf ein Gefecht gefaßt; statt dessen geschieht das Unerwartetste: ein Hauptanführer der Gegner, noch vor wenigen Tagen ein Saulus, geht als ein Paulus bekehrt in unser Lager über!!

Ich schrieb Euch von der Verbindung fremdartiger, heterogener Parteien in der Maienlust, welche zur Folge hatte, daß wir in die Minderzahl hinabgeworfen wurden, und wenig Aussicht hatten bald die Mehrzahl wieder zu gewinnen. Insbesondere war Welcker ein Hauptgegner der Einheit, der preußischen Oberleitung, ein Anbeter des dreiköpfigen Cerberus, oder dreileibigen Geryon, der sieben verwunschenen Prinzen u. s. w. --; ein Vertheidiger des Zögerns, Abwartens, des österreichischen Benehmens u. s. w.

Heute dagegen erklärt er: die letzte Frist sei abgelaufen und Deutschland nur zu retten, wenn man die ganze Verfassung eiligst annehme, und den König von +Preußen+ als +Erbkaiser+ an die Spitze stelle!

Eine unbeschreibliche Aufregung ergriff die ganze Versammlung, und wenn Welcker nicht selbst den Druck und die reifliche Überlegung seiner Anträge gefordert hätte, -- in diesem Augenblicke wäre der König durch Mehrheit der Stimmen zum Kaiser erklärt worden. -- Da Niemand der Berathung über das Reichsgericht die geringste Aufmerksamkeit schenkte, mußte die Sitzung aufgehoben werden.

Gewiß folgen nicht Alle Welcker’s Beispiele, und insbesondere dürften Baiern und Ultramontanen auf ihrem Widerspruche verharren; ohne Zweifel ist aber die Coalition aufgelöset, die Hemmungen stürzen zu Boden und die Mehrheit bleibt (wenn nicht Alles trügt) der Gesellschaft des Weidenbusches, -- welche sich heute zu neuen Beschlüssen über die ferneren Maßregeln versammelt.

Wir werden gewiß unsere Schuldigkeit thun; wehe Dem, der da verzagt und Deutschland verräth! Es ist die heilige Pflicht des +Königs+, des +Thronfolgers+, der gesammten +königlichen Familie+, der berliner +Kammern+ und aller +Preußen+, sich der großen Aufgabe gewachsen, des entscheidenden Augenblickes würdig zu zeigen!

Hundertfünfundzwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 13. März 1849.

Gestern Abend wurden, in Folge des merkwürdigen Welckerschen Antrages, lange Berathungen im Weidenbusche gehalten und zunächst beschlossen: man wolle heute die Verhandlungen über das Reichsgericht aussetzen. Denn, sobald man, nach jenem Antrage, die vom Ausschusse mit Rücksicht auf die Bemerkungen der Regierungen, berichtigte Verfassung im +Ganzen+ (~en bloc~), ohne neue Erörterungen annehme; so könne dies auch füglich mit dem minder wichtigen Theile über das Reichsgericht geschehen. Ob dieser Antrag durchgehen wird, ist noch nicht mit Gewißheit vorauszusehen. Ich habe mich bestimmt dagegen erklärt.

Viel entscheidender ist die Verhandlung über Welcker’s Antrag selbst, welche (nach erfolgter Berichterstattung des Ausschusses) Donnerstag, oder Freitag beginnen wird. Im Weidenbusche wünschte die Mehrheit, nach Entzweiung der Gegners, das letzte Ziel im raschen Sturme zu erobern; indessen blieb es doch unmöglich sich jetzt schon für Annahme des neuen Verfassungsentwurfes zu erklären, da er uns erst heute vorgelegt werden soll. Auch ergab sich, daß beim Heraustreten aus der Vertheidigung in den Angriff, nicht alle Mitglieder ganz eines Sinnes waren. Gewiß werden die Gegner neue Plane entwerfen, und wenn unsere Ansichten sich noch einmal zersplittern, könnten wir leicht noch einmal in die Minderzahl gerathen. Leider haben Viele, in gutem Glauben, oder aus Eigensinn und Eitelkeit, unzählige Verbesserungsvorschläge im Leibe, und halten ihre Leibes- und Geistesbeschwerden für Zeugnisse bevorstehender, außerordentlich glücklicher Geburten. Die Abneigung gegen alles Zögern und Schwadroniren, die Nothwendigkeit rascher und großer Beschlüsse, steigt indessen dergestalt mit jedem Tage, daß wir schneller zu irgend einem Ziele kommen werden, als sich vor acht Tagen voraussehen ließ.

Gestern Mittag ward der wesentliche Inhalt der gestrigen Sitzung nach Berlin telegraphirt, und um 2 Uhr hatten wir Antwort von der glücklichen Ankunft des Berichtes. Hoffentlich wird er günstig auf die Adressen wirken; obwohl die Schwadronir- und Amendementsstaupe auch dort vorherrscht, wenn allein Hansemann deren zehn zur Adresse eingebracht hat.

Die Österreicher bekamen gestern einen neuen Stoß, da Gagern auf eine Anfrage erklärte: ihre Regierung habe binnen zwei Monaten nicht einmal die Höflichkeit gehabt, auf die Schreiben des Reichsministerii und des Erzherzogs über die Anordnung des Verhältnisses zu Deutschland, irgend eine Antwort zu ertheilen.

Den 14. März.

Vorgestern Abend stellte ich im Weidenbusche vor: der Antrag, von der angekündigten Tagesordnung abzuweichen, werde von den Gegnern als Eingriff in die gesetzliche Ordnung dargestellt werden, uns gar nichts nützen, wohl aber eine Niederlage zuziehen. Meine Einreden fanden kein Gehör, ich blieb in der Minderzahl; meine Weissagung ist aber gestern leider eingetroffen. Zu spät sagte man mir: ich habe Recht gehabt! -- Ebenso wies man meinen Vorschlag zurück: da alles Andere noch +nicht+ hinreichend vorbereitet sei, möge man der dringenden Eile halber, morgen die Anträge über den Schutz der Auswanderer berathen; dennoch ward jener Vorschlag in der Paulskirche +angenommen+. Ich bin nicht eitel genug, mich +solcher+ Siege zu freuen.

Während des Abstimmens entwickelte ich gestern Hrn. V. -- die Gründe für die Öffentlichkeit der Wahlen. Er beharrte auf seinem Widerspruche, weil die geheime Abstimmung seiner Partei freieres Spiel lasse, und fügte hinzu: die Regierungen können zu den Wahlen keine Beamten und noch weniger Soldaten hinsenden, und durch dieselben wirken; wir hingegen schicken ein Dutzend Kerle mit tüchtigen Knitteln, die werden schon Eindruck machen.