Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)
Part 17
Es ist jedoch ein anderer Antrag gestellt worden, in welchem es heißt: daß eine zahlreiche Klasse von Personen, nämlich die Beamten, ihren Sold +unverdient+ bezögen und daß sie +unnütze Knechte+ wären. Meine Herren! Es giebt gewisse stereotype Ausdrücke und Gegenstände, bei denen es sehr leicht ist, rhetorische Deklamationen anzubringen. Zu diesen Gegenständen gehört die Bureaukratie. Wäre es denn aber so schwer, entgegengesetzte Einrichtungen aufzufinden und dann Paroli zu bieten? Zeigt denn nicht die Geschichte, daß Parlamente, Kammern, gesetzgebende Versammlungen, Konvente und wie sie heißen mögen, ebenfalls in Verkehrtheiten gerathen sind, daß sie Schädliches vertheidigt und erzeugt haben? Will man sich einbilden, durch diese Einzelheiten, durch dieses Sammeln blos des Verkehrten nach der einen oder anderen Seite hin, komme man zur Wahrheit? Ich finde es natürlich, daß Männer, die durch den Mißbrauch der Beamtenmacht gelitten haben, darauf zornig sind. Ich bin selbst auch nicht ganz frei geblieben in meiner Lebensbahn von dergleichen Angriffen; aber ich glaube, je mehr Jemand gelitten hat, desto größer ist seine Verpflichtung mit unparteilichen Augen die Sache zu betrachten und nicht zu meinen, die Ausnahme sei die Regel. -- Wir bestreben uns so sehr, eine neue Verfassung, ein neues Staatsrecht zu bilden. Ich bin überzeugt, daß diese neuen Einrichtungen auch dazu dienen werden, die Beamtenwelt zu verbessern. Daher halte ich es für einen Irrthum, blos mit Rücksicht auf +vergangene+ Zustände in der Beamtenwelt, Gesetze für die +Zukunft+ zu geben und z. B. die Öffentlichkeit bei den Wahlen darum zu verwerfen, weil man glaubt, daß man auch künftig, nach Begründung freier Institutionen, sich vor einem Protokollführer zu fürchten habe! Meine Herren, ich bin 48 Jahre im Dienste. Manche von den Herren, die hier sitzen, waren noch nicht geboren, als ich in den Dienst trat. Daher ist es keine Anmaßung, wenn ich behaupte, die Licht- und Schattenseite unserer, namentlich der preußischen, Bureaukratie zu kennen. Vieles, was in dieser Beziehung gesagt worden ist, halte ich nicht für richtig. So hat im Ganzen der Wunsch nach Geld die einzelnen Personen nicht getrieben, in die Laufbahn des Staatsdienstes zu treten. Es sind allerdings, das ist nicht zu läugnen, einzelne hochgestellte Beamte zu gut bezahlt worden; allein man hat bereits angefangen, diesen Mißbrauch abzustellen, und Sie werden mir für die letzten funfzig Jahre nicht funfzig Beamte nennen können, welche in ihrem Dienste Geld erworben und Schätze gesammelt hätten. In der Regel ist nichts übrig geblieben, wenn der Betreffende nicht selbst Privatvermögen hatte. (Mehre Stimmen im Centrum: Ganz richtig!) Es giebt kaum ein Gewerbe, das für einen geschickten und thätigen Mann nicht einen größeren Erwerb in Aussicht stellt, als der Beruf des Beamten. Was blieb also dem Beamten, was befeuerte ihn? Nichts als die +Ehre+, und darum sind auch, Alles zu Allem gerechnet, die deutschen Beamten ehrenwerther, als die vieler anderen europäischen Staaten. (Eine Stimme auf der Linken: der Russen!) Aber kein zweckmäßigeres Mittel giebt es, die Beamten zu +verschlechtern+, als immer auf sie zu schmähen; ja, mancher glaubt darin vielleicht eine Entschuldigung seines tadelnswerthen Benehmens zu finden. Wenn ein einzelner Minister durch Häufung von Stellen zu viel Gehalt mag bezogen haben, so wird doch darum Niemand wollen, daß etwa alle übrigen Beamten so wenig erhalten sollen, daß sie unverehelicht bleiben müssen. Bedenken Sie, daß z. B. ein künftiger Rath viele Jahre auf dem Gymnasium und der Universität verweilen, daß er in der Regel sieben Jahre lang umsonst dienen muß, ehe er nur einen Groschen Gehalt bekommt, und also schon die Zinsen des Anlagekapitals hoch ansteigen. Was ist das letzte Ergebniß all der Sorgen und Entbehrungen? daß er vielleicht zuletzt jährlich 6-900 Thaler bekommt.
Ich muß indessen noch etwas Kühneres behaupten! Die Behörden, die Beamten haben zu den Zeiten, wo es noch an aller Verfassung fehlte, die constitutionellen Formen gewissermaßen ersetzt. Meine Herren, wollen Sie es vergessen, oder haben Sie es vergessen, wie viel Gutes von Seiten der Beamten ausgegangen ist? Die Aufhebung der Leibeigenschaft, der Hörigkeit, Einführung der Städteordnung, Aufhebung des Vorspannes, der Kavallerieverpflegung, der Thoraccise, der Binnenzölle, der monopolistischen Zünfte, die Einführung des Zollvereines, der allgemeinen Kriegsverpflichtung u. s. w. u. s. w. Also Jedem das Seine, und wenn wir jetzt wirklich mehr zu Stande bringen sollten; -- nun desto besser! -- In welcher neuesten Weise hat man denn aber das Beamtenwesen verbessern wollen? Man hat Vorschläge gemacht, die an die ausgeartete Zeit des römischen Kaiserreiches erinnern, an die französische Kaisertyrannei, ja, an das türkische Sultanat! Präfekten und Paschas wollte man einführen, welche von Oben tyrannisirt werden und daher die Befugniß erhalten, nach Unten zu tyrannisiren. Diese Formen vertilgen das republikanische, demokratische Element, das nutzbar in unseren Behörden vorhanden war, und setzen an dessen Stelle die Allmacht einzelner Minister. Folgerecht durchgeführt verjagt alsdann ein Herrscher mit Recht die Parlamente, das Parlament die Minister, der Minister die Präfekten, diese die Stadtverordneten u. s. w. u. s. w. Darum lassen Sie uns die Lichtseiten der deutschen Verwaltungsweise anerkennen und die Mängel verbessern.
Warum ist in dem Verbesserungsantrage des Hrn. Schlöffel nicht die Sache deutlich ausgesprochen, warum geht man, -- erlauben Sie mir ein gemeines Sprichwort anzuführen, -- warum geht man um den heißen Brei herum? Der Antrag schließt in Wahrheit alle Beamten von Reichsversammlungen aus. Wenn ich überzeugt wäre von der Güte des Zweckes, so würde ich mich bestimmt dafür aussprechen, ihn aber nicht, wie man sagt, durch eine Hinterthür einführen. Man hat sich gegen jeden Census ausgesprochen, man hat für Unrecht gehalten, nur zu fragen, ob Einer 100 Thaler Vermögen habe; und jetzt will man alle Beamten ihres politischen Rechtes berauben! Ich wundere mich, daß Anträge dieser Art, welche einzelne Klassen herausgreifen und sie nicht blos des Wahlrechtes berauben wollen, sondern ihnen sogar eine ~levis notae macula~ anhängen, von der Seite eingebracht werden, welche vorzugsweise Freiheit und Gleichheit vertreten will! Meine Herren! Es ist ferner ein großer Irrthum, daß man in gesetzgebenden Versammlungen, oder auch hier in dieser Versammlung, die Beamten entbehren könne. Es giebt allerdings gewisse Dinge, zu deren Beurtheilung eigentliche Sachverständige nothwendig sind; es giebt aber auch Gegenstände der allgemeinen Gesetzgebung und Verwaltung, für welche der bloße Techniker nicht ausreicht. Nur wenn Beamte und Nichtbeamte ihre Kenntnisse und Thätigkeit miteinander verbinden und austauschen, wird man Das erreichen, was man erreichen will und soll. Ich bin allerdings der Meinung, daß ein zu großes Übergewicht der Beamten in gesetzgebenden Versammlungen schädlich wirkt, aber das vorgeschlagene Gegenmittel ist gewiß nicht das richtige. In England bestehen Beschränkungen für den Eintritt gewisser Beamten in das Parlament, und ein noch eigenthümlicherer Fall ist in Norwegen vorgekommen; die Regierung schlug nämlich vor, daß kein Beamter mehr im Storthing sitzen dürfe; und der Storthing erklärte sich dagegen, weil er diese Ausschließung für nachtheilig hielt, weil er meinte, daß viele Kenntnisse, die man nicht entbehren könne, hiedurch außer Thätigkeit gesetzt würden. Ich trage daher darauf an, den Verbesserungsvorschlag, den ich für einen Verschlechterungsvorschlag halte, zu verwerfen. Üben Sie vor Allem und nach allen Seiten hin Gerechtigkeit; auf diesem ehrenwerthen Wege werden Sie am besten jeden ehrenwerthen Zweck erreichen! (Beifall.)
Hundertneunzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 4. März 1849.
Die österreichischen Abgeordneten wünschen, hoffen, versprechen, daß ihre Regierung binnen kurzer Frist inhaltreiche, genügende Erklärungen abgeben werde. Um deswillen hat man die zweite Lesung des Verfassungsentwurfes auf 8-14 Tage hinausgeschoben.
Fällt die Erklärung hinsichtlich der Grundrechte, des Staaten- und Volkshauses befriedigend aus, so wird man sich über die viel besprochenen Paragraphen 2 und 3 wohl einigen. Bleiben, dem gemäß, die österreichischen Abgeordneten in der Paulskirche, so ist an ein erbliches Kaiserthum nicht mehr zu denken. Entsagt Österreich dem +engeren+ Bunde, oder findet man hier dessen Anerbietungen ungenügend; so würde der Gedanke an einen Kaiser wieder in den Vordergrund, der irgend eines Direktoriums in den Hintergrund treten.
Weil aber Baiern und viele Ultramontanen auch keinen (preußischen) Erbkaiser wollen, so muß man vielleicht die +Erblichkeit+ aufgeben, um die +Einheit+ durchzusetzen. Vielleicht erhält man die Mehrheit für eine vorläufige Ernennung auf sechs Jahr -- in unseren Zeiten eine halbe Ewigkeit!
Die meisten der preußischen Abgeordneten und viele Beförderer des engeren Bundes fürchten: daß sich Preußen zu sehr werde von Österreich einschüchtern lassen. Es solle muthig mit Willigen in engere Verhältnisse treten; die Übrigen würden (wie beim Zollvereine) nachfolgen. -- Vor Allem sei zu verhüten, daß nicht die hiesige und die berliner Versammlung in Streit geriethen. Dadurch würde Preußen alle Sympathien in Deutschland einbüßen.
Es ist sehr natürlich und verständig, daß sich die preußische Regierung über alle diese Dinge nicht vorlaut und übereilt aussprechen will: es ist aber ein Unglück, daß wohlgesinnte Abgeordnete keinen Fingerzeig, keine Andeutung darüber haben, was dem Könige lieb, erwünscht, zuwider ist. So sagt z. B. der Eine: nie würde er eine sechsjährige Oberleitung annehmen; während der Andere behauptet, sie würde ihm willkommen sein.
Die Stellung der Parteien ist jetzt hier oft so, daß Wenige eine Entscheidung herbeiführen können; deshalb halte ich aus und bin (fast wider meine Neigung) thätig in Klubs und Vorversammlungen. Aber mir fehlt der Faden einer Ariadne!
Nachmittags.
Ich halte mir täglich Reden und Ermahnungen, daß ich hier geduldig und pflichtmäßig aushalten müsse; im Augenblicke aber, wo ich mich in meinen Beschlüssen befestigt habe, werden sie mir fast verleidet. Als ich gestern Abend im Weidenbusch ankam, fand ich die Mitglieder des neuen Vereines, statt in dem großen und hohen Saale, in einem kleinen und niedrigen versammelt. Da die Sitzplätze nicht ausreichten, standen sie Kopf an Kopf, die Luft war so verdorben, daß man kaum athmen, und vor Tabacksdampf kaum sehen konnte. Ich glaubte nicht unter deutschen, sondern unter indianischen Abgeordneten zu sein, welche ihre Friedenspfeifen miteinander rauchten.
Die Herren Heckscher, Hermann und Somaruga sind nach Olmütz gereiset, um der österreichischen Regierung den Verfassungsentwurf ihres neuen Klubs vorzulegen und sie zu bestimmten Erklärungen zu vermögen. Es wäre gegen alle Formen, wenn die österreichischen Minister sich mit einzelnen Klubisten in Unterhandlung einließen und ihnen bestimmte Antworten ertheilten, während sie Schreiben des Reichsministerii noch nicht berücksichtigt, sich nicht über den Verfassungsentwurf der Reichsversammlung ausgesprochen haben. Doch will ich die Absicht jener Männer nicht tadeln, auf eine Beschleunigung und Verständigung hinzuwirken. Eine neue baierische Note (die ich noch nicht las) erregt hier viel Unzufriedenheit: sie soll wesentlich auf Form und Inhalt des alten Bundestages zurücksteuern.
Nach allen Seiten befinden wir uns in der Klemme: das Ausscheiden Österreichs ist ein Unglück und sein hemmender Eintritt nicht minder. Österreich widerspricht einem preußischen Kaiserthume, und Preußen (dem große Nebenländer fehlen) kann sich noch weniger einem österreichischen unterwerfen. Eine schwache Reichsgewalt hilft nirgends ausreichend, eine starke ist den neugebackenen Souverainen unwillkommen. Die Duodezkönige möchten eine Oligarchie, Baiern eine Trias bilden; während alle übrigen Fürsten sich lieber an das mächtige Preußen anschließen, als den wenig hervorragenden unterordnen wollen. Aus sehr entgegengesetzten Gründen vereinigen sich Österreicher, Baiern und die Linke für -- Nichtsthun! Die ersten wollen Zeit gewinnen, und die letzte aus Anklagen der Unfähigkeit, neue Umwälzungen herbeiführen. Steigern die Königlein ihre Ansprüche weit über die der anderen Fürsten hinaus, so ist es mindestens zweifelhaft, ob sie in Volk und Kammern immer Unterstützung finden werden (wie sich z. B. schon die Neubaiern von den Altbaiern trennen); ergiebt sich, daß die hiesige Reichsversammlung durch oligarchische Einreden allzu sehr beschränkt wird, so werden selbst gemäßigte Männer die Geduld verlieren und sich immer mehr links wenden.
Jetzt ist man noch entschlossen, alle (zum Theil sehr vernünftige) Bemerkungen der einzelnen Regierungen gewissenhaft zu prüfen, und alles Annehmbare anzunehmen. Was und wieviel dies sei, und wieviel Zeit dazu gehört, läßt sich aber noch nicht übersehen. Jeden Falles wird es nicht so schnell gehen, als man anfangs wünschte und hoffte.
Diejenigen, welche sich einbilden: das deutsche Volk werde nach dem, wenig veränderten Singsang der Kinderwartefrauen (welche sich Bundestagsgesandten nennen), noch einmal 30 Jahre ruhig und geduldig verschlafen, irren sich sehr. Die Trompeten, welche zur Auferstehung aufrufen, werden keine Kindertrompeten, sondern die eines furchtbaren, entsetzlichen Gerichtes sein!
Hundertzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 5. März 1849.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß ich mir gar oft die Worte des Händelschen Duetts in den Bart brumme: „~che vai pensando folle pensier?~“ -- und die beruhigende Antwort im Gedächtnisse nicht finden kann. -- Gestern ging ich bei schönem Wetter spazieren. Schon blüht der Crocus, grüne Blattspitzen wagen sich hervor, und von meiner Wohnung aus habe ich meine Freude am Strom und den Wolken, an Licht, Sonnenschein und Abendroth; dann weiter schreitend an Feld und Gebirge. Alles mannigfaltiger, näher und bequemer wie in Berlin. Auf ein Paar Monate würdet auch Ihr Freude am Frühlinge haben. So in sicherer Wiederkehr, geregelt, in ewiger Jugend, -- die Natur: -- und dagegen die, ihrer Weisheit sich erhebenden, und zugleich sie aufs Bitterste parodirenden Menschen! -- Gestern, am politischen Ruhetage, doch keine Ruhe; denn auf dem Spaziergange hörte ich von neu ausgebrochenen Unruhen und eingelaufenen anonymen Briefen: daß man alle Abgeordneten der Rechten todtschlagen wolle, und die Linke dann die Republik erklären werde!
Bei der Heimkehr fand ich (gegen die Regel) meine jungen Freundinnen nicht ganz ~à leur aise~, weil sie Abends eine langweilige Gesellschaft besuchen sollten; -- was mir Veranlassung gab ihnen eine Vorlesung zu halten, über Hardenberg’s an mich gerichtetes Wort: „mein lieber Raumer, Sie müssen lernen sich mit Anstand ennuyiren!“
Abends ging ich in die Preziosa, welche die Hausmann sehr anmuthig darstellte. Mit der Preziosa des Cervantes würde es ihr indeß noch besser gelungen sein; denn ich komme immer wieder auf meine frühere Kritik zurück, daß Wolf sie zu sehr versentimentalisirt und zu eilig in eine gewöhnliche Liebschaft verwickelt hat. Etwas mehr Sprödigkeit und Keckheit hätte einen originelleren Charakter gegeben und mehr Licht und Schatten hineingebracht. Am +Puck+ kann eine Schauspielerin größere Anlagen entwickeln als an der Preziosa, obgleich ihr zugemuthet wird auch zu singen und zu tanzen.
Die Preziosa ist Weber’s Frühling, sowie Belmonte und Constanze der Mozart’s. Doch geht dieser auf einer breiteren Grundlage, der Sonnenhöhe des Sommers und den Genüssen des Herbstes entgegen. Das „Vivat Bacchus, Bacchus lebe,“ fehlt der weicheren Natur Weber’s, und „Nero, der Kettenhund“ ist nur ein geringes, künstliches Surrogat. Ich saß gestern zwischen der ernsten und heiteren Seite des Lebens. Zur Rechten ein Vater, mit drei kleinen Töchtern, welche nie im Theater waren, die jüngste wohl erst fünf Jahr alt, alle voll der gespanntesten Erwartung. Als ich die kleinste anredete, machte sie (wahrscheinlich aus Furcht vor meinem häßlichen, bebrillten Angesichte) eine sehr klägliche Miene: -- ein Bonbon erwarb mir aber schnell ihr Zutrauen. Endlich ging der Vorhang in die Höhe, und ich habe nie glückseligere Gesichter gesehen als die dieser Kinder.
Zu meiner Linken saß die Frau eines Fabrikanten aus --, für welchen der März nichts errungen hatte, als den Verlust seines Absatzes. Sie erzählte: man habe in diesen Tagen neue Volksversammlungen, und dabei Reden gehalten, des Inhaltes: es sei jetzt schlimmer als sonst; weshalb man den Ermahnungen zur +Ordnung+ nicht mehr Folge leisten dürfe, sondern durch verdoppelte +Unordnung+ zum Ziele kommen müsse. Das nächste Hauptziel und Besserungsmittel sei, -- alle Fürsten fortzujagen!
O des gemäßigten, besonnenen, deutschen Volkes, unter dem es weder Thoren noch Pöbel giebt!! -- Dennoch bleibe ich dabei: die Massen sind besser als die Halbgebildeten; die Verführten minder schuldig als die Verführer, und ein reinigendes Fegefeuer eher möglich für jene als für diese.
So von verschiedenen Seiten verschieden angeregt, hielt ich zuletzt fest an Weber’s Musik, die mich aber (verbunden mit dem Andenken an seine Person) in eine sehr sentimentale Stimmung versetzte. Mehre Male habe ich seine Preziosa wider ihn selbst in Schutz genommen und sie höher gestellt, als er wollte. Er nannte sie, halb mitleidig, einen Jugendversuch: -- warum muß die Jugend alt werden!?
Den 6. März.
Gestern ward der tüchtige Simson wieder zum Präsidenten erwählt. Er sprach mit Bestimmtheit davon, daß wir unser großes Werk (trotz aller Hindernisse) gewiß würden zu Stande bringen; und wie gern lasse ich mich überzeugen. Denn, obgleich ich gerade nicht veranlaßt bin auszurufen: Herr, hilf meinem +Un+glauben! so kann ich doch der Zweifel nicht +ganz+ Herr werden und fühle (wie man sagt) eine Art historischen Kalenders in meinen Gliedern. Sollten wir aber nach den Überschwemmungen von 1848, in diesem Jahre auf großer Dürre stehen bleiben und keine Ernte, keinen Herbst haben; so ist deshalb noch nicht aller Tage Abend und man muß Thätigkeit und Hoffnung auf 1850 übertragen.
Gestern ging ich, bei schönstem Wetter, mit den Fräulein Jung, nach einer Anhöhe seitwärts von Sachsenhausen, wo man eine reiche Aussicht hat; heute hingegen deutet Alles wieder auf Regen!
Ebenso geht das politische Barometer und Thermometer auf und ab: daher Erkältungen und Erhitzungen des Leibes und des Geistes. Der Umfang und die Frechheit der Wühlereien und aufrührischen Reden steigt mit der Jahreszeit, welche den Äquinoktialstürmen naht. Selbst Mitglieder der Reichsversammlung wirken in dieser Richtung. Mindern nun die Regierungen die Kraft der Gemäßigten, durch übertriebene Rücksicht auf örtliche Interessen und hülflose Souverainetätsgelüste; hoffen sie hiedurch den (wie sie glauben thörichten) Gedanken von einem einigeren Deutschlande, von einem +Bundes+staate zu vereiteln und auszurotten; so werden sie durch blutige, republikanische Versuche hindurch, einen despotischen +Einheits+staat herbeiführen. Für jetzt richten sich die Haupteinwendungen der königlichen Regierungen wider die Vorschläge vom Reichsoberhaupte; es fällt aber gar nicht schwer ebenso gewichtige Einreden gegen den Vorschlag zu erheben, eine apokalyptische (böse) +Sieben+ an die Spitze zu stellen.
Es ist sehr natürlich, daß die Reichsversammlung (bei dieser Unentschiedenheit) mit den mannigfachsten Bittschriften und Verfassungsplanen überschüttet wird, welche einem Ausschusse zur Prüfung übergeben werden, in der Regel aber zu den Akten gehen. Nur einzelne werden gedruckt, oder sogleich gedruckt eingeschickt. Zur Probe lege ich eine bessere des Bürgervereins von Nürnberg bei.
Täglich treten Mitglieder unserer Versammlung aus, oder nehmen Urlaub. So sehr dies einerseits die Neigung erhöht Ähnliches zu thun; so wächst andererseits die Nothwendigkeit zusammenzuhalten und die von allen Seiten angegriffene Feste nicht durch Zerstreuung der Besatzung preiszugeben.
Hunderteinundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 7. März 1849.
Seit zwei Tagen sind hier die Gemüther in so lebhafter Aufregung, und es bereitet sich eine solche Umstellung der Parteien vor, daß ich es für Pflicht halte, Sie darauf aufmerksam zu machen.
Die Kündigung des malmöer Waffenstillstandes und der Einmarsch der Russen in Siebenbürgen weiset sehr viele Abgeordnete nicht blos auf das Ausland hin, sondern man fragt sich ängstlich: ob aus der Verbindung Österreichs mit Rußland nicht Gefahren für die innere Entwickelung Deutschlands hervorgehen dürften. Insbesondere, wenn Preußen sich (wie wohl sonst) von jenen Mächten ins Schlepptau nehmen lasse, und einem der Freiheit gehässigen Bunde beiträte.
Der zweite Gegenstand lebhaftester Aufregung ist der bekannt gewordene Plan Österreichs für eine Verfassung Deutschlands; ein Plan so curios, daß er einer politischen 1001 Nacht entnommen zu sein scheint.
38 Staaten erwählen 7 nicht regierende Prinzen, mit 9 Stimmen, die ohne Instruktion (aber doch in Übereinstimmung mit ihren Wählern) +einen+ Kaiser vorstellen, u. s. w. u. s. w.
Sieben Prinzen Hadschi Babas, sieben Leuchter aus der Offenbarung Johannis, sieben Hungerjahre Ägyptens, eine böse Sieben; -- so ruft Crethi und Plethi durcheinander.
Gewiß haben alle diese Dinge die österreichische Partei wesentlich geschwächt. Ein geschickter Anführer der Linken sagte gestern in Gegenwart mehrer Zeugen: wenn der König von Preußen diese russisch-österreichische Richtung zurückweiset, so treten wir auf seine Seite, Deutschland fällt ihm zu.
Man kann solch Bündniß mit einigen Leuten in der Paulskirche lächerlich und thöricht finden; in Wahrheit ist aber nicht von ihnen, sondern von gleichgesinnten Millionen außerhalb Frankfurt die Rede.
Wechselt der König (so sprechen selbst Preußen) Richtung, Farbe und Ausdruck, so verliert er Glauben und Vertrauen; die, vielleicht letzte Gelegenheit kühnen Fortschrittes und deutsch-preußischer Einigung geht für ihn, für das königliche Haus, für unser ganzes großes, preußisches, deutsches Vaterland verloren, und wir fallen zurück in das +Sieben+schläfersystem des unselig dahin geschiedenen Bundestages.
Nachmittags.
Die Recension der Briefe Goethe’s an Frau v. Stein habe ich jetzt gelesen. Sie hat mich aber zu dem, mir sonst noch unbekannten Buche in eine Stimmung versetzt, die ich mindestens eine unbequeme nennen muß. -- Goethe und Frau v. Stein; -- und Frau v. Stein und Goethe! -- Wo bleibt, was ist, was glaubt, fühlt, denkt denn +Herr+ v. Stein? Von ihm ist, wie von einem völligen ~hors d’oeuvre~, von einer bloßen Null, gar nicht die Rede!