Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (2/2)
Part 19
Die Berathungen in dem zahlreichen, preußisch gesinnten Casino waren gestern Abend (wie jetzt alle Berathungen und Versammlungen) von Wichtigkeit und Interesse. Es blieb die Hauptfrage: ob man die Welckerschen Anträge (ich lege ein Exemplar derselben bei) sammt und sonders annehmen, und ob man einige Zugeständnisse machen solle, oder nicht. Die Meinungen gingen sehr auseinander, und während Einige fest auf gewissen Theorien beharrten, wollten Andere nachgiebiger sein, um mit Sicherheit ein erwünschtes Ziel zu erreichen.
Die Hauptstreitpunkte sind folgende:
1) Das unbedingte, oder aufschiebende Veto. Für die Theoretiker beider Parteien eine Frage von unendlicher Wichtigkeit! In der Praxis (wie z. B. England seit 150 Jahren zeigt) fast gleichgültig. Man ändert das Ministerium, oder die Kammern, ohne zum schroffen +Nein+ seine Zuflucht zu nehmen. Ja, in Amerika hat der Präsident (trotz seines nur suspensiven Veto) jedesmal obgesiegt; weil er es nur auf vernünftige Weise einlegte.
2) Die Erblichkeit des einen Reichsoberhauptes. Sie ist ohne Zweifel besser als jede Mehrheit, Wechsel, Turnus u. s. w. Kann man sie aber nicht durchsetzen, so sind 6 Jahre jetzt schon eine halbe Ewigkeit; Preußen behält nach 6 Jahren dasselbe Gewicht, ja verstärkt dasselbe und; -- kommt Zeit, kommt Rath.
3) Das Wahlgesetz ist in seiner jetzigen Fassung allerdings +sehr mangelhaft+; in diesem Augenblicke bleibt es aber +unmöglich+ die Mehrheit in der Paulskirche für Ausschließung ganzer Klassen, oder einen hohen Census zu gewinnen; -- wohl aber muß man Alles daran setzen die Öffentlichkeit der Wahlen durchzubringen. Die ganz aristokratischen Wahlen in Polen waren nicht besser, als viele demokratische Wahlen u. s. w.
Nachdem ich mich für Erlangung einer +großen+ Majorität (die uns nöthig ist) ausgesprochen, erzählte ein Mitglied, mit nur zu großer Bestimmtheit, was der König denke und fühle, thun oder nicht thun, annehmen oder zurückweisen werde u. s. w. Er warf neue Zweifel und Steine des Anstoßes in unsere, ohnehin schon mit übergroßen Hindernissen angefüllte Bahn. Die Folgen solcher Quasijeremiade fürchtend, nahm ich nochmals das Wort und sagte: Meine Herren! Wir selbst wissen noch nicht was wir annehmen, verwerfen, beschließen, durchsetzen werden, welche Mittel anzuwenden, welche Wege einzuschlagen sind; und wir sollen uns aufreden, oder aufreden lassen, der König habe sich schon jetzt, von vorn herein eigensinnig über Fragen entschieden, die ihm von der Reichsversammlung noch nicht einmal vorgelegt sind. So wenig eine Jungfrau erklärt, sie wolle Jemand heirathen oder nicht heirathen, der noch gar nicht um sie geworben hat; ebensowenig kann und wird der König sich schon in diesem Augenblicke scharf bejahend, oder verneinend aussprechen. Er wird nach Maßgabe der eintretenden Ereignisse in seiner Weisheit wissen und beschließen, was er sich, seinem Hause, Preußen, Deutschland, Europa und der Weltgeschichte schuldig ist. Uns liegt ob (ungestört durch heitere, oder finstere Vorspiegelungen) gleicherweise nach Pflicht und Gewissen vorzugehen, und nach langem Reden auch zu handeln.
In diesem Augenblicke erhielten wir die +mündliche+ Kunde: der Ausschuß erkläre sich +für+ die Annahme der Welckerschen Anträge; vorausgesetzt daß man das Wahlgesetz in die Verfassung begreife, aber die Öffentlichkeit der Wahlen annehme. Nur auf diesem Wege könne man (vielleicht) die Mehrheit der Stimmen gewinnen; ohne Zugeständnisse beim Wahlgesetze (nur die Heimlichkeit der Wahlen beseitigend) würden wir bei den Fragen über Welcker, Veto, Einigkeit, Erblichkeit u. s. w. in der Minorität bleiben. Von weiteren Beschlüssen (nach Eingang des Ausschußberichtes) nächstens mehr.
Alle Berathungen, Betrachtungen, Gründe erhielten eine neue Wendung durch die uns jetzt unerwartet vorgelegte, neueste Note der österreichischen Regierung und die Nachrichten, welche die nach Olmütz gegangenen Abgeordneten zurückgebracht haben. Österreich will kein Volkshaus (das einzig tüchtige Verbindungsmittel für Deutschland); 38 Stimmen und das Erbkaiserthum für sich, während Deutschland nur 32 Stimmen erhalten soll u. s. w. u. s. w. Ihr werdet alle diese unpolitischen Phantasmata in den Zeitungen lesen. Sie trennen die Österreicher ganz von der Linken, und treiben zu eiligen Beschlüssen, bevor man uns jenes Joch durch diplomatische Ängste und Kniffe, oder mit Gewalt über den Nacken wirft. Wenn die preußische Regierung irgend auf diese Fratzen eingeht, hat sie sich im übrigen Deutschland das Todesurtheil gesprochen. Auf entgegengesetztem Wege steigen täglich, ja stündlich die Siegeshoffnungen. Gott gebe daß keine unvorhergesehenen übel eintreten!
Hundertsechsundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 15. März 1849.
Ihr Brief vom 11. d. M. hat mir große Freude gemacht; zunächst weil ich daraus sehe, daß Sie meine zahlreichen Mittheilungen freundlich aufnehmen. Nur einer von Ihnen ausgesprochenen Besorgniß kann ich nicht beitreten: die österreichische Verfassung und die österreichischen Noten haben hier +Niemand+ verblendet; sie haben vielmehr auch den Geblendetsten den richtigen Blick wiedergegeben, und die Sache Preußens wesentlich gefördert und erleichtert. Alle kleineren Staaten +wollen+ folgen, andere werden müssen; die Neubaiern stimmen bereits mit uns, und selbst die Altbaiern fangen an einzusehen, daß eine Zolllinie, gezogen zwischen Nord- und Süddeutschland, sie ganz zu Grunde richten würde.
Mittags.
Der gestrige Tag verging in angestrengten Vorbereitungen und Berathungen zu den bevorstehenden Kämpfen, und Viele haben wohl (gleich wie ich) Nachts vor tiefer Aufregung nicht schlafen können. Wir hatten Vormittag, Nachmittag und Abend Sitzungen im Weidenbusche. Es ward mit Mäßigung und Verstand über alle in Betracht kommenden Punkte gesprochen, und auch ich habe zwei Mal das Wort genommen; was ich erzähle, um nur zu beweisen, daß ich bestrebt bin, meine Pflicht zu erfüllen. Das erste Mal gegen einen Antrag, heute wiederum Abänderung der Tagesordnung zu verlangen; er ward abgelehnt, um sich keine zweite Niederlage (wie vorgestern) zuzuziehen.
Umständlicher sprach ich, in dem Euch bekannten Sinne, zur Beseitigung von Zweifeln und zur Berichtigung von Ansichten über Veto, Erblichkeit, Wahlberechtigung, unmittelbare und mittelbare Wahlen, Öffentlichkeit u. s. w. Hieran ging ich über zu einer Prüfung aller österreichischen Vorschläge, und suchte mit Schärfe und Bestimmtheit zu beweisen (es ist nicht schwer), daß sie anmaßend, ungerecht, thöricht und schädlich sind; von den sieben schwatzenden oder schlafenden Prinzen, bis zur Verwerfung des Volkshauses und dem Gebote: Deutschland solle in den alten, elenden Verhältnissen beharren, ja sie noch verschlechtern! Ich schloß mit einem Angriff gegen die Politik der Könige -- -- --
Meine Stimme war nur eine einzelne in einem großen harmonischen Chore! Sehr löblich brachte jeder Einzelne Meinungen zum Opfer, um Einigkeit zu erzeugen und Stärke zu gewinnen. 225 Abgeordnete gelobten einmüthig, für den (uns vorläufig schon bekannten und gestern Abend vorgelegten) Antrag des Ausschusses zu stimmen; wir haben gerechte Hoffnung, daß sich noch Mehre anschließen werden, und wenn wir dennoch (wie Blücher bei Ligny) unterliegen, werden wir bei Waterloo nicht fehlen!
Man kann unzählige Gründe beibringen, warum wir nach zehn Monaten (mit der gerühmten deutschen Gründlichkeit) noch zehn Monate berathen müßten. Im Angesichte der dringenden Gefahren von Außen, der Volksungeduld, der Wühler, der wilden Feinde alles Gelingens, der dummen oder schlangenlistigen Diplomaten, der verblendeten Fürsten, -- ward es aber zur heiligen Pflicht, den kühnen Sprung zu wagen, der uns aus scheiterndem Fahrzeuge hoffentlich an ein sicheres oder doch minder gefährliches Ufer bringt. Um wie viel es sich handelt, zeigte Euch schon der Welckersche Antrag; der anliegende Ausschußbericht ist noch viel bestimmter, umfassender, entscheidender, muthiger. Zu diesem Muthe gesellt sich (wie selten ist dies) aber auch die Demuth: wir wollen unsere Macht +nicht verlängern+, wie das lange Parlament in England; das Volk +nicht zwingen+, uns in die zweite Reichsversammlung aufzunehmen, wie der Convent in Frankreich: -- sondern mit dem Bewußtsein vor Gott und Menschen recht bald in unsere Heimat zurückkehren, daß wir nach Pflicht und Gewissen bestrebt waren, unser Vaterland aus den Gefahren der Gegenwart zu erretten, und es einer größeren Zukunft entgegenzuführen. Gott gebe (in diesen gefährlichen Märztagen) seinen Segen!!
Nachmittags.
Ich komme soeben aus der Sitzung in der Paulskirche. Ein Gesetz über die Auswanderungen (welches selbst unsere Partei in leidenschaftlicher Hast zurücklegen wollte) ist friedlich angenommen, und wird allmälig beitragen, die Auswanderer gegen Betrügereien zu schützen. Morgen (16.) ist keine Sitzung; übermorgen aber beginnt der große Kampf über den beiliegenden Bericht des Ausschusses. Ich glaube +nicht+, daß er kurzweg in allen Theilen angenommen wird, kann aber darin keineswegs ein so entsetzliches Unglück sehen, wie viele meiner Kollegen. Sie fürchten: man werde uns eine Verfassung +geben+, oder uns gar auseinanderjagen. Ich bin (+sofern wir es nicht selbst verschulden+) davor nicht bange, und wenn wir bei der Abstimmung über die einzelnen Paragraphen der Verfassung (wie die Linke vorschlägt) auch einige Zeit verlieren und in einigen Punkten unterliegen; so werden wir praktisch doch vorwärts kommen, und nicht so viel einbüßen, als Theoretiker und ängstliche Gemüther glauben. Die Beweise ein andermal, sofern sie nöthig werden.
Hundertsiebenundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 16. März 1849.
Gestern Abend war die Gesellschaft des Weidenbusches versammelt, und der Vorstand legte die Grundsätze vor, nach welchen er Redner für den nächsten Kampf in Vorschlag bringe. Nämlich
1) keine im Allgemeinen schon mißliebige Personen.
2) Keine, die für eigensinnig und verbissen gelten. Dagegen
3) Personen aus allen Theilen der Versammlung und Deutschlands;
4) endlich, so wenig Preußen als möglich, damit nicht Parteilichkeit hervorzutreten scheine, und weil es besser sei, daß +Nicht+preußen und sogar +bekehrte Gegner+ Preußens für dessen Erhebung aufträten.
Mit diesen Grundsätzen erklärte sich die ganze Versammlung einverstanden. Der alte Arndt ward mit Recht zum Sprechen aufgefordert, sowie von Sauken, damit er über die berliner Stellung und Stimmung Auskunft gebe.
Daß Berathen und Beschließen in die verhängnißvollen Tage des März fällt, wird von Gegnern gewiß zu deklamatorischem Schimpfen gegen die preußische Regierung Veranlassung geben. Es hat aber keine Schwierigkeit, diese Anklagen für den heutigen Tag in das Gegentheil umzukehren, und die Einigkeit der berliner Kammern +und+ der Regierung für die deutsche Sache hervorzuheben. Nur muß die letzte nicht ängstlich zurückbleiben, sich nicht fürchten und durch österreichisch-russische Diplomatie einspinnen oder gar knebeln lassen. Österreich darf übrigens Frankreich nicht verletzen, und dies kann unmöglich mit Rußland gehen.
Die statistische Übersicht unserer Kräfte ergab gestern Abend, daß wir durchaus nicht mit Bestimmtheit auf die Annahme der Vorschläge des Verfassungsausschusses rechnen können; ich habe aber schon angedeutet, daß ich dies nicht (wie manche Andere) für ein entsetzliches Unglück, für eine entscheidende Niederlage halte. Ich stelle nochmals die Gründe zusammen. So viel auch dafür spricht, die Verfassung +eiligst+ anzunehmen, ist doch die Verspätung um etwa eine Woche nicht von entscheidender Wichtigkeit; ja, der Schein von Übereilung und Überrumpelung wird vermieden, wenn man nicht unzählige Bestimmungen durch +eine einzige+ Abstimmung annimmt. Verlangte die Linke, daß über jeden +einzelnen+ Satz neue +Berathungen+ eröffnet würden, so könnten allerdings noch Monate vergehen, bevor wir ein Ziel erreichten. Sie dringt aber nur auf einzelne +Abstimmungen+, die rasch vor sich gehen, und wird selbst nichts dagegen haben viele unbedeutende oder unbezweifelte Sätze in +eine+ Abstimmung zusammenzufassen. Mithin kann der Zeitverlust nicht groß sein.
Weit wichtiger ist ohne Zweifel die Frage: was (nach der Macht und Stellung der Parteien) für den Inhalt der Verfassung zu gewinnen und zu verlieren sei. Es ist im Allgemeinen anzunehmen: daß, wenn wir zu schwach sind, die Bestätigung des Verfassungsentwurfes durch +eine+ Abstimmung durchzusetzen, wir auch bei Abstimmungen über das Einzelne unterliegen werden. Doch ist diese Voraussetzung keineswegs unbedingt richtig: denn Mancher, der einen Anstoß an jener Annahme im Ganzen (~en bloc~) nimmt und deshalb dagegen stimmt, tritt vielleicht bei einzelnen Punkten auf unsere Seite.
Mit Weglassung des Unbedeutenderen hebe ich nur das Wichtigste hervor, was die Linke bekämpft oder bezweckt. Sie will also
+Erstens+: kein unbedingtes, sondern nur ein aufschiebendes Veto. Ich habe schon bemerkt, daß (nach der Theorie) dem unbedingten Veto der gesetzgebenden Seite ein gleich unbedingtes der vollziehenden Gewalt (schon des Gleichgewichtes halber) gegenüberstehen müsse. In der Praxis stellen sich aber (wo Vernunft nicht ganz fehlt) die Dinge anders: das Parlament macht von unbedingten Verweigerungsrechten so wenig Gebrauch, als der König vom unbedingten Veto. Es giebt andere Mittel, die oft besser zum Ziele führen (neue Kammern, neue Minister); und was +mehre Male+ mit großer Mehrheit gefordert wird, ist selten ganz verwerflich. Zudem schreien alle Halbgebildeten laut gegen ein unbedingtes Veto, während sie sich das suspensive gefallen lassen, obwohl dies in der Regel (z. B. in Amerika) ebenso viel wirkt. -- Ich will mit dem Allem nur darthun, daß diese Streitfrage in der That nicht so wichtig ist, als sie Vielen (bei oberflächlicher, oder ängstlicher Betrachtung) erscheint, und man irren würde, darauf großen Nachdruck zu legen. ~Le meilleur~ ist auch hier ~l’ennemi du bien~.
+Zweitens+, glaube ich nicht, daß Direktorium, Trias, Turnus, die böse Sieben und der republikanisirende Präsident die Mehrzahl der Stimmen erhalten. Über den +Titel+ würde ich ferner keinen Streit erheben. So drängen sich Fragen und Stimmen dahin zusammen: ein sechsjähriges oder ein erbliches Oberhaupt? Wenn wir das Letzte nicht durchsetzen, die Baiern aber mit sechs Jahren zufrieden sind und so die Mehrheit für Preußen hervorgeht, so muß dies, meines Erachtens, hierüber keine Widersprüche erheben, oder ablehnen, sondern (wie es die Staatsklugheit verlangt) +zugreifen+. Sechs Jahre! Welch lange Zeit! Erfüllt Preußen seine Schuldigkeit, genügt es seinem natürlichen großen Berufe, -- so kann man sich für die Fortdauer seiner Oberleitung verbürgen. Jetzt sind die Gegner beschwichtigt; nach sechs Jahren werden sie nicht mächtiger sein u. s. w.
+Drittens+, bei einzelner Abstimmung über das Wahlgesetz ist fast mehr Wahrscheinlichkeit, daß wir gewinnen, als daß wir verlieren. So fehlten uns bei der ersten Abstimmung für die Öffentlichkeit nur wenige Stimmen, die vielleicht zu uns übertreten.
Mit dem Allen will ich nur beweisen: daß wir zu verzweifeln keinen Grund haben. Sollten aber die Regierungen (von Österreich verlockt) den betretenen Weg weiser Mäßigung verlassen, unsere Arbeiten, von Oben herab, zur Seite werfen, und ihre politischen Taschenspielereien aufdringen wollen, so würden sogleich die Parteien in der Paulskirche verschwinden, und die Meisten, selbst auf die Gefahr neuer Revolutionen, ihre (nun einmal anerkannte) Stellung behaupten und geltend machen wollen. Man hüte sich also, dies ~noli me tangere~ in verletzender Weise zu betasten und zu behandeln.
Schon die vorläufige Nachricht, daß wir dem Ziele nahe sind, erregt in ganz Deutschland die freudigste Hoffnung, die nachdrücklichste Zustimmung. Also vorwärts: die Gelegenheit hat nur Haare auf der Stirne. Untergang im Kampfe auf fester Bahn ist besser, als untergehen und versinken im Zweifeln.
Hundertachtundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 17. März 1849.
Ich kann nicht mit Falstaff sagen: Sorgen und Zahnweh ~swell up a man like a bladder~; vielmehr werde ich danach mager und das Gegenstück zum Grafen G., dem man (seines gewaltigen Umfanges halber) den Titel „des Reichsschwerpunktes“ ertheilt hat.
Ein Staatenbund auf bloße Fürstenmacht gegründet, kann und wird den Deutschen nicht genügen, sie würden (den kräftigeren europäischen Staaten gegenüber) zu Grunde gehen. Das Verwerfen eines, aus dem gesammten Deutschlande hervorgehenden, dasselbe vereinigenden Volkshauses hat die österreichische Regierung hier um allen und jeden Credit gebracht; wogegen die Erklärungen der berliner Kammern den günstigsten Eindruck machen, diese (Gottlob) von kleinlichen Zänkereien ablenken und auf die vorliegenden großen Aufgaben hinweisen.
Gestern Abend ward im Weidenbusche bemerkt, daß wir wieder ein Paar Stimmen gewonnen hätten. Alles dies ist und bleibt jedoch unsicher und unentscheidend, da 1) nicht feststeht, wie viel Abgeordnete bei der Abstimmung gegenwärtig sein werden; 2) wie viel sich des Mitstimmens enthalten; 3) wohin eine bedeutende Anzahl von Schwankenden sich zuletzt wenden wird.
Ferner ward gestern Abend gewarnt und beschlossen: man solle sich durch etwanige Grobheit und Ungebühr nicht zu Zorn und Lärm fortreißen lassen, sondern sich ruhig verhalten und der immer tüchtigen und unparteiischen Leitung des Präsidenten Simson vertrauen.
Die österreichischen Abgeordneten befinden sich in einer sehr unangenehmen Lage. Eine Forderung ihres Austritts ist hier noch nicht ausgesprochen worden; doch wird sie schwerlich ausbleiben, sofern sie sich nicht von der letzten undeutschen Note ihrer Regierung lossagen. Thun sie aber dies, so stehen sie mit ihrem (selbst von Welcker aufgegebenen) Vermittelungsplane, einem Direktorium u. s. w. in einer unglücklichen, haltungslosen Mitte, welche weder den Parteien, noch den vorliegenden Verhältnissen genügt.
Das Direktorium ist, dem +Scheine+ nach, sehr zweckmäßig, weil es Österreich und Baiern beruhigt; es verletzt aber alle Ausgeschlossenen, und wird, in sich uneinig, dem Auslande gegenüber, nie die nöthige Einheit und Kraft gewinnen. 23 Millionen, thätig in einer und derselben Richtung, sind mächtiger, als 33, die sich untereinander hemmen, verwirren und lahm legen. Alles Centralisiren hat seine Schattenseiten; aber das Zerfallen ist noch weit gefährlicher für ein Volk, das Nachbarn hat wie Franzosen und Russen.
Am verhängnißvollen 18. März.
Die gestrige Sitzung (die erste, welche der Berathung über die Verfassung gewidmet war) hatte eine solche Überzahl von Männern und Frauen herbeigelockt, daß noch ein Theil der sonst anderweit benutzten Galerien geöffnet wurde. Die Hitze stieg hiedurch bis zum Unerträglichen und die Luft blieb kaum athembar; -- doch mußte man aushalten. Ich schweige über die gehaltenen Reden, da die Zeitungen darüber umständlich berichten, und bemerke nur, daß die des aus Wien zurückgekehrten H. (derselbe, der im Sommer ein Ministerium bilden wollte, aber kläglich zurücktreten mußte) so „+fortlaufenden+“ Beifall fand, daß bei dem benachbarten Herrn Jouy kein Platz übrig war, um zu frühstücken!
Der Gedanke, daß fremde Mächte sich behindernd einmischen möchten, erregt den allgemeinsten, höchsten Zorn, und ebenso Österreichs Widerspruch gegen einen engeren Bund, während es seinerseits ohne alle Rücksicht auf Deutschland vorschreitet. Obgleich die österreichischen Abgeordneten sich kurzsichtig dazu hergegeben haben, das Wahlgesetz nach den demokratischen Ansichten der Linken durchzutreiben, macht Hr. V. nebst Gleichgesinnten den Antrag: Österreich mit Krieg zu überziehen, und mancher Ultramontane möchte dies gegen Preußen versuchen! -- Man wird an Schiller’s Wort erinnert: wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand u. s. w.
* * * * *
Nach Barrow’s Spanien durchblättere ich mit Vergnügen Kingston’s Portugal, in dessen nördlichem Theile sich zufolge der (fast zu zahlreichen) Naturbeschreibungen schöne Gegenden finden. Im Ganzen ist auch dies romanische Volk hinter den germanischen zurückgeblieben.
Hundertneunundzwanzigster Brief.
Frankfurt a. M., den 19. März 1849.
Wichtige Nachrichten kommen jetzt durch den Telegraphen so schnell nach Berlin, daß man durch Briefe eigentlich nichts Neues berichten, und nur Theilnahme für den Berichterstatter zu geduldigem Lesen antreiben kann. Da indeß kleine Einzelnheiten bisweilen die großen Züge des Bildes erhellen und erleuchten, so fahre ich in alter Weise fort, und suche meine Schneckenpost neben dem Telegraphen aufrecht zu erhalten.
Aus der gestrigen Berathung im Weidenbusche also Folgendes:
1) Ein sächsischer Abgeordneter trug vor, daß Nachricht eingelaufen, der beauftragte Ausschuß werde sich gegen die Zahlung der Flottenbeiträge erklären, die Mehrheit der Kammern wahrscheinlich auf seine Seite bringen und von schlechtem Partikularismus aus, den Rechten und Pflichten der Reichsgewalt zu nahe treten. Er wolle hierüber eine Frage an das Reichsministerium richten. -- Einige meinten: dies sei voreilig, man müsse die Beschlüsse der Kammern abwarten. -- Ich entgegnete: dann sei die offene Fehde nicht zu vermeiden, die Rücknahme schwierig; vielleicht lasse man sich warnen u. s. w. -- Diese Ansicht gewann die Oberhand.
2) Bemerkte ich: die Behauptung, es werde durch ein erbliches Kaiserthum, die Zukunft des Vaterlandes in Gefahr gesetzt, ja preisgegeben, finde viel Anklang. Deshalb sei es nöthig, daß einer der erwählten, nichtpreußischen Redner erweise, wie die Erblichkeit (im Gegensatz der Wahlen und Wahlumtriebe [siehe Polen]) eben die Gefahr abhalte und die Zukunft sichere.
3) Ebenso müsse Lassaux’s Behauptung: der König von Preußen werde durch Annahme der Kaiserwürde wortbrüchig, widerlegt werden. Der König habe ein solches Wort nie gegeben, und selbst wenn dies jemals geschehen, sei es thöricht bei ganz neuen, früher ungeahnten Verhältnissen, an alten Ansichten festhalten zu wollen und darauf einseitige Schlußfolgen zu gründen.
Beide Bemerkungen zu 2 und 3 werden einzelne Redner berücksichtigen.
4) Mehre Abgeordnete der Linken (darunter Max Simon, Temme und andere einflußreiche Personen) ließen +vorläufige+ Anträge machen, wonach sie mit uns stimmen wollten. Ohne Zweifel würden wir alsdann die Mehrheit auf unserer Seite haben; allein nur unter folgenden lästigen Bedingungen:
~a~) Die Fassung des ersten Absatzes über den Reichsumfang in einigen Bestimmungen zu ändern.
~b~) Das aufschiebende Veto anzunehmen. Desgleichen
~c~) Die heimliche Abstimmung bei den Wahlen.
~d~) Sollten sich wenigstens 140 Glieder der Gesellschaft des Weidenbusches verpflichten, jeder von Berlin aus beantragten Abänderung der angenommenen Verfassung zu widersprechen.
Diese Vorschläge fanden im Weidenbusche keinen Anklang; doch beschloß man, sie erst nach der morgenden Sitzung, und überhaupt erst dann zu berathen, wenn sie +förmlich+ übergeben würden.
In der Regel sind die Grundsätze des Weidenbusches besser, als die seiner Gegner; die Taktik aber ungeschickter und mangelhafter. Möchten wir nicht in frühere Fehler verfallen und dadurch besiegt werden. Bis jetzt hat man im Eifer für einen unbedingten Sieg wenig daran gedacht, was wir für den (leider) möglichen Fall thun wollen und thun können, wenn wir keinen +unbedingten+ Sieg davontragen, sondern (wenigstens theilweise) geschlagen werden. Welche Stellungen und Punkte muß man aufgeben? Welche bis zum Äußersten vertheidigen? Welche Bedingungen annehmen oder verwerfen? u. s. w.