Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)

Part 8

Chapter 83,425 wordsPublic domain

Trotz aller, zum Theil gerechten Vorurtheile, die man gegen das frühere Wirken von Radowitz hat, sprach er heute so verständig und würdig, daß er (selbst für Abweichendes) Gehör fand. Desto mehr phraseologirte Hr. Zitz, desto ungeschlachter und gröber ließ sich Hr. -- vernehmen. Letzt soll er gesagt haben: damit es gut werden könne, müsse man +Basser+männer und +Bieder+männer, und alle ähnlichen +Männer+ köpfen. Mit ähnlichen Andeutungen, bedient er die Fürsten und ein anliegender Antrag von Mareck zeigt, was man amtlich zu fordern wagt! Als eine zweite Probe der Thorheit, lege ich die erstaunenswürdigen Vorschläge des Eisenacher Studentenparlamentes bei. Welche schöne Aussicht für die Professoren! Denn als Gegenstück der Freiheit, keine Vorlesungen mehr zu hören, wird man doch den Satz aufstellen: der Professor brauche keine mehr zu halten. Stoff zu heiteren Lustspielen, den Raupach benutzen und ausarbeiten sollte. -- Bis jetzt glaubte ich, der Präsident Gagern stehe von Allen anerkannt, ruhig und sicher auf der Tageshöhe; gestern Abend haben ihm aber Souveraine von der Galerie und anderes Gesindel, eine Katzenmusik gebracht. Einen Antrag Venedey’s hierüber eine Discussion zu eröffnen, lehnte er mit Recht ab; da die Frankfurter sich nicht so nachtmützig benommen haben, wie die Berliner. Sie schlugen drein, verhafteten sogleich Mehre und einer der über eine Mauer entfliehen wollte, brach (wie man erzählt) ein Bein. Man munkelt von Einwirkungen höher gestellter Wühler. Ob derlei Leute mitschreien und mauzen, oder nicht, gilt gleich; gewiß erregen ihre heillosen Reden zu Thaten solcher Art. Hoffentlich schreckt der bewiesene Ernst der hiesigen Bürgerwehr von Wiederholungen ab, und hätte man in Berlin nicht Alles mit weißer Salbe bestrichen, hätte man den Spruch befolgt ~principiis obsta~, würde man nicht ungestört im Zeughause plündern und hernach -- -- --

Siebzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 24. Junius 1848.

Ich könnte mich allmälig für einen großen Diplomaten halten; denn ob ich gleich den Polen, und den Abgeordneten aus Trient und Roveredo (Pretis, Vettorazzi, Marsilli und Prato) mit gewohnter Aufrichtigkeit sagte, hinsichtlich welcher Hauptpunkte ich bestimmt +gegen sie+ stimmen würde, sahen die Letzten doch, wie bereit ich war, in +möglichen+ Dingen ihre Wünsche zu unterstützen. Und so schieden wir als die besten Freunde; auch versprachen sie mir die beste Aufnahme, wenn ich je wieder in ihre Gegend kommen sollte.

Soeben sehe ich, zu einigem Troste, aus der spikerschen Zeitung vom 22. d. M., daß sich endlich kräftige Stimmen für Recht und Ordnung in Berlin erhoben, damit die Schande des Benehmens nicht Alle treffe, und die Rückkehr zum Besseren angebahnt werde.

Die heutige Sitzung war sehr lang (9-3 Uhr), aber doch nicht langweilig, vielmehr ward überwiegend gut gesprochen, und man schien sich einem erfreulichen Ziel zu nähern. R. Blum begann in seiner gewöhnlichen, geschickten, aber allerdings mit Sophismen durchzogenen Weise. Doch versprach er ohne Bitterkeit und Persönlichkeit zu reden, und hielt auf löbliche Weise sein Wort. Ähnlich Lichnowsky, obgleich von ganz entgegengesetztem Standpunkte ausgehend und ihm vollgewichtig die Wage haltend. -- Vogt aus Gießen schwächer, in Phraseologie verfallend, Zweifelhaftes als unläugbar, Vorausgesetztes als erwiesen hinstellend u. s. w. Raveaux brachte durch eine vorsätzliche Seitenwendung die Rede auf die bekannte freundliche Erklärung Frankreichs gegen Deutschland. Mit allgemeiner Begeisterung ward diese Freundlichkeit von allen Seiten erwidert, zu gleicher Zeit aber mit nicht geringerem Beifalle hinzugesetzt: jeder Verletzung deutscher Rechte und Gränzen werde man einig und mit aller Kraft entgegentreten. Beides war +gut+ und +löblich+. -- Ich übergehe Personen und Inhalt anderer Reden; erst die des Präsidenten Gagern war praktisch, erneute die Aufmerksamkeit und +überraschte sehr+ in zweifacher Weise. Erstens durch die (von der Linken mit lautestem Beifall aufgenommene) Erklärung: die +Versammlung+ solle den Reichsverweser, +ohne+ weitere Theilnahme der Regierungen, ernennen; aber derselbe solle (der Rechten gelegen) kein Privatmann, sondern Fürst aus einem der ersten Häuser sein. Die Wahrscheinlichkeit ist hiedurch sehr gewachsen, ~a)~ die Versammlung werde allein wählen; ~b)~ der Erwählte werde ein Fürst, ~c)~ es werde der Erzherzog Johann von Österreich sein. -- Nach vielem Hin- und Herüberlegen möchte dies, aus vielen Möglichkeiten, der beste Ausweg sein; oder wenigstens praktisch weniger Schwierigkeiten und Widersprüche herbeiführen, als irgend ein anderer Vorschlag. Jeden Falls ist es sehr wünschenswerth, daß sich für den zu fassenden Beschluß eine +sehr große+ Mehrzahl ausspreche, und demselben dadurch ein unentbehrliches Gewicht gebe.

Mit wie erstaunlichem Nachdruck tritt das ganz für aufgelöset erachtete Österreich in Böhmen und Croatien auf. In Prag dieselben Schüsse (wie in Berlin, Paris u. s. w.), dasselbe Geschrei von Verrath; dann aber eine Entschlossenheit, welche nicht blos daraus hervorging, daß man des Fürsten W. Gemahlin mörderisch erschossen hatte.

Achtzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 25. Junius 1848.

Ich freue mich jetzt auf den Sonntag, wie ein schwer belasteter Tagelöhner, und danke dem Himmel, daß der Vorschlag, auch an diesem Tage Sitzung zu halten, verworfen ward. Gestern dauerte diese von 9-3 Uhr, hierauf Ausschuß von 6-8, endlich im Weidenbusche (nach eiligem Abendbrote) Berathung von ½9-10 Uhr, Summa 9½ Stunde Berathungen, und in den kurzen Zwischenzeiten die Pflicht gar vielerlei zu lesen und zu hören.

Von der gestrigen Sitzung berichtete ich schon; im Ausschusse wurden deutsche und wälsche Abgeordnete Tirols, sowie Österreicher, gehört (davon künftig); zur Versammlung im Weidenbusch mußte ich diesmal, meiner Pflicht halber, hingehen. Ich setzte nämlich (gleich den Meisten) voraus: Hr. von Gagern werde seinen +untrennlichen+ Vorschlag +ungetrennt+ zur Abstimmung bringen; das heißt: ~a)~ Wahl eines +Fürsten+, ~b)~ durch die +Versammlung+. Denn wenn das letzte mit Stimmenmehrheit angenommen, das erste aber verworfen würde, so hätte man sich auf einen Weg verlocken lassen, den sehr Viele gar nicht betreten wollen. Nun will aber Hr. v. Gagern über seinen, spät eingebrachten Vorschlag, gar nicht abstimmen lassen; sodaß seine Rede nur die Wirkung haben dürfte, Manchen für die Wahl durch die Versammlung zu stimmen, ohne jene erste wichtige Hälfte irgend zu berücksichtigen. Hiedurch ward es doppelt nothwendig, sich über die bevorstehende Fragestellung zu einigen und den Forderungen der Linken, die des Centrums und der Rechten gegenüber zu stellen. Dies ist geschehen; der Ausfall der Abstimmung aber noch gar nicht mit Sicherheit vorherzusehen. Der Ausschuß hat seine frühern Vorschläge wesentlich verändert, und Viele hoffen auf ihre Annahme (weil sie die Theilnahme der Regierungen nicht ganz ausschließen), während die Linke die Entscheidung allein in die Hand der Versammlung legen, und die völlige Auflösung des Bundestages sogleich beschließen will. In so weit als dessen früherer Wirkungskreis durch die neuen Gesetze aufgehoben wird, nimmt er gewiß ein Ende; es ist aber gar viel nachzuweisen, zu überweisen, Rechnung abzulegen u. s. w.; auch wird der künftige Präsident, oder Reichsverweser und seine Minister immer Personen bedürfen, durch welche er sich mit den einzelnen Staaten in Verbindung setzt und auf sie wirkt. Jeden Falls ist dies nur möglich, wenn der unbekannte +Eine+ (der Vorschlag 3 an die Spitze zu stellen wird schwerlich durchgehen) wirklich das allgemeine Vertrauen genießt, wenn er zur Weisheit, Mäßigung gesellt, und die Einigkeit Deutschlands mehr ist als ein leeres Wort. Übel blieb es, daß man sich immer in ~abstracto~ über die +Eins+ und die +Drei+ stritt, über diese unbenannten Zahlen und bloßen +Quantitäten+; während noch mehr auf die +Qualitäten+ ankommt, und jene Zahlen erst durch scharfe Benennung und Bezeichnung die rechte Bedeutung und das rechte Gewicht erlangen können. Aber selbst durch diese Bezeichnung der Person und ihres Wirkungskreises sind die Schwierigkeiten nicht gehoben, welche sich Jahrhunderte lang durch die deutsche Geschichte hindurchziehen, über das Verhältniß der Kaisergewalt zur Fürstengewalt, und des Reiches zu den einzelnen Staaten. Das +eine deutsche+ Heer z. B., welches mehr oder weniger vom Reichsstatthalter abhängen soll, wird immer +zu gleicher Zeit+ ein preußisches, österreichisches u. s. w. bleiben; und ein Befehl von Frankfurt aus schwerlich überall raschen Gehorsam finden, sofern er nicht mit Dem übereinstimmt, was man in Wien, Berlin, München u. s. w. will. Hätte +hier+ die Versammlung (ihre Befugniß überschreitend) sich noch mehr Kriege auf den Hals geladen; soll der Ungehorsam für Hochverrath an Deutschland gelten? So hat schon der einseitige Beschluß, Schleswig in den deutschen Bund aufzunehmen, die übelsten Folgen gehabt; und man war unfolgerecht drauf und dran, in thörichter Begeisterung ganz Posen umgekehrt den Polen zu opfern. Doch, ich will nicht blos verneinen; man +muß+ auf dieser Bahn mit Hindernissen vorwärts, man kann das unglückliche Provisorische jetzt nicht mehr ganz vermeiden, man wird durch Feststellung der Volksrechte einen +löblichen+ Grund zu einer +neuen+, +wichtigen+ Entwickelung legen. Welche Anarchie, oder Despotie uns auch noch bevorstehen mag; gewisse +große+ Wahrheiten und Grundsätze lassen sich (wenn sie einmal mächtig in die Weltgeschichte eingetreten sind), auf die Dauer nicht wieder ausrotten. Von solchen +politischen+ Grundsätzen war beim Sinken des römischen Reiches nicht die Rede, und dogmatische Spitzfindigkeiten konnten ihren Mangel nicht ersetzen. Darum fehlt es der Behauptung an zureichenden und nothwendigen Gründen und Beweisen: wir gingen unausbleiblich einer byzantischen Auflösung entgegen. Geschieht es dennoch, so ist es Schuld der Einzelnen und der Völker; die natürlichen Verhältnisse stellen eine solche Krankheitsgeschichte und einen solchen Tod noch nicht als +unausweichlich+ vor Augen.

Den 26. Junius.

Gestern waren zwei Versammlungen der Rechten und des Centrums im Sarazin’schen Hause und im Weidenbusche, um sich über den hinsichtlich der vollziehenden Gewalt einzuschlagenden Weg zu berathen. Dort fast lauter Preußen, hier Abgeordnete aus allen Theilen Deutschlands. Besonders in der letzten zeigte sich wieder ein großer Mangel an parlamentarischer Zucht, und wie die angeblich Gleichgesinnten eben nicht gleich gesinnt sind, es sei aus Mangel an Muth oder an Einsicht. Während sich die Linke und das linke Centrum klüglich zu +einem+ Zwecke geeinigt haben und kleinere Verschiedenheiten fallen ließen, fanden sich in dieser Beziehung in unseren Versammlungen die größten Verschiedenheiten und Unbestimmtheiten. Ich gebe Beispiele: Man muß bei der Mangelhaftigkeit der bisherigen Beschlüsse und der vorgelegten Fragstellung, neue zweckmäßige Anträge machen (Tellkampf). -- Man muß an den bisher vertheidigten Grundsätzen für wesentliche Theilnahme der Regierungen bei Ernennung der vollziehenden Gewalt festhalten, und sich selbst um so weniger aufgeben, da Herr von Gagern für die alleinige Wahl durch die Versammlung, keine neuen Gründe beigebracht hat, und eine solche auch keineswegs überall in Deutschland Beifall finden würde (Radowitz, Vincke). -- Es genügt zu sagen: die Versammlung wählt, unter +Voraussetzung+ der Beistimmung aller Regierungen (Beckerath). -- Sie wählt im +Vertrauen+ auf eine solche Beistimmung (Duncker). -- Hrn. von Gagern’s Rede hat so viel Eindruck gemacht, daß es vergeblich ist, sich für eine Theilnahme der Regierungen auszusprechen. Man muß ein Princip aufgeben um der guten Sache willen, um eine große Mehrzahl für den zu fassenden Beschluß zu erhalten, und dadurch eine willige Anerkenntniß und kräftige Wirksamkeit für die neu zu schaffende Gewalt herbeizuführen (Saucken, Simson) u. s. w. u. s. w.

Ich that auch einmal (ausnahmsweise) den Mund auf, und mag im Wesentlichen Folgendes gesagt haben: Herr Tellkampf’s Antrag dürfte an sich der beste sein, da er aber den gefaßten Beschlüssen widerspricht, würde er gewiß, nach fruchtlosem Streite, verworfen werden. Doch kann ich nicht unbemerkt lassen, daß die Art und Weise, wie man die Redner gewisser Parteien wählen ließ und +allein+ ihnen das Wort verstattete, ganz unparlamentarisch ist, und gutentheils die jetzige üble Lage herbeigeführt hat. (Siehe was ich hierüber bereits früher schrieb.) -- Die Besserungsvorschläge der Herren Beckerath und Duncker sind ganz ungenügend und bloße Worte. Denn die äußerste Linke wird sehr gern +voraussetzen+ oder das +Vertrauen haben+, daß die Regierungen sich ihren Vorschlägen und Wahlen +unterwerfen+. Jene Fassung läßt den Regierungen gar kein +Recht+ der Bestätigung oder Verwerfung. Früher schlug der +Ausschuß+ vor, die Regierungen sollten bezeichnen oder wählen, und die Versammlung bestätigen. Will man jetzt die Reihenfolge umkehren, so muß den Regierungen das Bestätigungsrecht bleiben. Will man sich (lang vertheidigte Ansichten aufgebend) den Vorschlägen des Hrn. von Gagern unterwerfen; nun so muß man sie wenigstens nicht halbiren, und sich dadurch eine vollständige Niederlage zuziehen. Will man die Wahl +allein+ der Versammlung zugestehen, so soll vorher und als Ausgleichung, Gagern’s zweiter Vorschlag von den Gegnern ebenfalls angenommen werden: nämlich, daß die Wahl auf einen +Fürsten+ und nicht auf einen +Privatmann+ fallen müsse. Praktisch mögen die Formen unbedeutend sein: denn Versammlung und Regierungen können unter den gegenwärtigen Verhältnissen keinen Mann wählen oder vorschlagen, der nicht der allgemeinsten Achtung genösse. Wie aber, wenn dieser (etwa der Erzherzog Johann), der lästigen Bedingungen halber, ablehnte; wenn dies ein Zweiter, ein Dritter thäte, so könnte (beim Mangel aller gesetzlich regelnden Bestimmungen) Hr. Blum oder Hr. Zitz zum Reichsverweser erwählt werden. Man sagt: um ein gutes Ziel zu erreichen, muß man das Geringere, ein Princip, aufgeben. Ist dies falsch, so versteht es sich von selbst, daß eigensinnige Aufrechthaltung desselben nichts taugt; ist es aber richtig, so kann dessen Vertheidigung der guten Sache nichts schaden. Nur eine schlechte Sache verträgt sich nicht mit einem wahren Grundsatze. Auch handelt es sich gar nicht um einen einzelnen Fall, um eine einzelne, sogenannte gute Sache, sondern um einen folgereichen, allgemeinen Grundsatz. Eine starke Minderzahl für denselben wirkt heilsamer, als eine durch schwächliche Nachgiebigkeit erkaufte große Mehrzahl, hinter welcher sich Irrthümer und die künftigen bösen Folgen nur zu leicht verbergen. Geben wir zu: daß +eine Kammer+ überall ausreiche, daß sie +allmächtig+ sei, daß neben ihr in Deutschland +gar keine gesetzliche+ Gewalt mehr bestehe, daß +alle+ Regierungen sich ihr +unbedingt+ unterwerfen müssen; so ist es unnütz und thöricht, über irgend einen einzelnen Punkt noch mit der Linken zu streiten. Sie hat obgesiegt, und wird uns +aus+ allen unhaltbar gewordenen Stellungen vertreiben.

So ungefähr mein Stoßseufzer. Ich verließ, des Lärmens müde, die Versammlung im Weidenbusche vor dem Schlusse; hoffe jedoch, die größere Zahl wird sich dafür geeinigt haben: die Wahl +müsse+ auf einen Fürsten fallen und die Bestätigung der Regierungen eingeholt werden. Darohne mag der Reichsverweser viel befehlen, aber er wird wenig Gehorsam finden, und seiner Stellung bald überdrüssig werden. Man hätte die Zeit der weitläufigen Verhandlungen über ein kurzes Provisorium lieber auf die eilige Entwerfung der Verfassung wenden, und wo möglich ein Definitivum zu Stande bringen sollen.

Es mag wahr sein, daß die Regierungen lieber bestätigen, als vorschlagen, um dadurch bevorstehenden Vorwürfen leichter zu entgehen; ja manche sagen: wählt nach den Wünschen der Linken, um diese zu beruhigen. Wird denn aber der Erwählte nebst seinen Gehülfen wirklich in Ruhe verbleiben? Wird nicht der Lärm, nebst den Uebergriffen, in höherem Wirkungskreise noch weit gefährlicher? Und zeigen nicht abschreckende Erfahrungen, daß erwählte Parteihäupter schnell Anhang und Einfluß verlieren, und denen Platz machen müssen, die sie wild überbieten? Uebergeben Einzelne nicht schon jetzt der Versammlung Vorschläge, alle Fürsten wegzujagen; das heißt, einen unabsehlichen, entsetzlichen Bürgerkrieg zu beginnen? Bei dem Systeme, überall feige Concessionen, Zugeständnisse zu machen, wird es auch +dahin+ kommen, und bei einer Volksversammlung in Höchst haben Einzelne gestern gesagt: wenn die Reichsversammlung in der Paulskirche heute nicht so stimme, wie man es fordere, werde sie gar nicht mehr stimmen. Einem hierüber Erschrockenen und Furchtsamen entgegnete ich: es sei noch gar nicht davon die Rede, auf curulischen Stühlen zu sterben, sondern etwa Eindringende hinauszuwerfen und sie ledergar zu prügeln. Dazu seien 600 +unverletzliche+ Reichstagsabgeordnete stark genug; -- die höchst entschlossene, muthige Bürgerschaft Frankfurts ungerechnet. So, um Muth zu machen!

Ich komme aus der Vormittagssitzung (9-2 Uhr), welche recht deutlich zeigte, wie üble Folgen scheinbar unbestrittene, aber verkehrte Beschlüsse haben. Die Art, wie man Vielen das Wort versagte, und nur einer willkürlichen Zahl von Parteimännern das Recht zu sprechen gab, +schien+ übermäßige Weitläufigkeiten abzuschneiden und rasch zum Ziele zu führen. Aber es +schien+ nur so; und es traten seitdem allmälig alle die Uebelstände ein, welche ich vielen Abgeordneten -- vergebens -- weissagte, und die ich in meinem Schreiben an den Präsidenten wenigstens zum Theil bezeichnete. Viele Punkte wurden nämlich gar nicht oder einseitig erörtert, und nachdem man darüber zur Besinnung kam, wuchsen Einwendungen hervor, welche (seitdem man sich einmal auf einen falschen Weg begeben hatte) keine gute Statt finden konnten. Heute kamen also (gegen meinen Rath) von einigen Gliedern der rechten Seite Verbesserungsvorschläge (Amendements) zum Vorschein, denen die Linke, wie vorherzusehen, mit der Einrede entgegentrat: daß dies, zufolge der Geschäftsordnung, nach dem Schlusse der Berathung, nicht mehr erlaubt sei. Man erwiderte: ein solcher Schluß sei noch nicht vorhanden, und nach +einer+ Abweichung von der Geschäftsordnung sei es natürlich und nothwendig, deren +mehre+ zu gestatten. Meine Behauptung: die Linke werde, wenn man sich auf diesen Boden begebe, Stimmen gewinnen und obsiegen, bestätigte sich so sehr, daß selbst Radowitz und Vincke ihren Einwendungen beistimmten!!! So die Einigkeit und Weisheit der Antirevolutionairen!! -- Hiezu kam der innere Mangel der Verbesserungsvorschläge selbst. So schlugen Hr. Bassermann und von Auerswald vor: „Die provisorische Centralgewalt wird einem +nicht regierenden+ Mitgliede eines deutschen Regentenhauses als Reichsverweser übertragen. Die Nationalversammlung wählt denselben im +Vertrauen+ auf die Zustimmung der deutschen Regierungen.“ Hiegegen konnte man (selbst vom Centrum aus) fragen: warum sollen alle +regierenden+ Fürsten ausgeschlossen werden? Man konnte (wie ich schon oben) behaupten: die Redensart von Vertrauen sei inhaltslos und führe zu gar nichts. Der Mangel an Entschlossenheit und Sicherheit hinsichtlich der Ansichten und Zwecke offenbarte sich überdies von Neuem, als Hr. Bassermann den Vorschlag +zurücknahm+, Hr. von Auerswald aber daran festhielt. So blieben nicht einmal die Urheber des Antrags eines und desselben Sinnes! Nun trat aber, nach ertheilter Erlaubniß, auch die Linke mit neuen Behauptungen und Anträgen hervor: „man habe keinen Grund, den Regierungen zu vertrauen, man müsse alle Fürsten bestimmt von der Wahl ausschließen u. s. w.“ So ward denn die fünfstündige Schlacht verloren, und in der auf heute Nachmittag 5 Uhr anberaumten Sitzung werden höchst wahrscheinlich alle Vorschläge der Rechten zurückgenommen, um wenigstens die +neuen+ Batterien der Linken zu entwaffnen.

Den 27. Junius.

Das war ein Jammer! Hr. Heckscher hatte zu dem Verbesserungsvorschlage des Hrn. v. Auerswald einen anderen gestellt, des Inhalts: „Die provisorische Centralgewalt wird einem Reichsverweser übertragen, welchen die Nationalversammlung im +Vertrauen+ auf die Zustimmung der deutschen Regierungen wählt.“ Man widersprach nun von der Linken dem Anbringen jedes neuen Vorschlags, und insbesondere den letzten Worten desselben. Mir schien es überhaupt unnöthig über diese nichtssagende Formel großen Streit zu erheben; wenn man die Hauptsachen (Vorschlags-, Ernennungs- oder Bestätigungsrecht der Regierungen) aufgab. Hr. Heckscher weigerte sich seinen Vorschlag zurückzunehmen (wonach man, der Billigkeit gemäß, auch der Linken das Recht einräumen mußte neue Vorschläge zu machen), und sagte bei dieser Gelegenheit und in Bezug auf eine Thatsache: die Galerie zolle den Vorschlägen der Linken schon Beifall, bevor der Inhalt derselben bekannt geworden. Die Linke sah hierin eine Verdächtigung, oder Beleidigung und verlangte daß der Vorsitzende, v. Soiron, den Redner zur Ordnung verweise. Als Soiron diese Forderung nicht begründet fand, erhob sich auf der Linken und den Galerien ein solcher Lärm, daß die Sitzung erst unterbrochen, dann aufgehoben werden mußte. Ich habe das Meer brausen, ich habe Ochsen brüllen hören, ich habe mich entsetzt vor dem Chore, das Löwen und Tiger in den Surreygardens im Wettgesange anstimmten; aber dies Alles ward weit überboten von dem Schreien und Wüthen der Linken und der Galerien, -- zum Beweise der neuen Einigkeit Deutschlands!!

Mochte Heckscher und der Präsident Unrecht haben, so gab es doch ruhige, gesetzliche Mittel dasselbe abzustellen; jenes bestiale Verfahren läßt sich in gar keiner Weise rechtfertigen, und macht (bei Allen die nicht näher unterscheiden) die Versammlung verächtlich.

Ich tadele mich bisweilen, daß ich mich nicht hervordränge und mitspreche. Es reden aber ohnehin schon zu Viele, und wie wenig man damit ausrichtet, habe ich ja vorgestern selbst erfahren, wo meine +warnenden+ Worte, selbst unter Gleichgesinnten, gar keine Wirkung hatten, und man den ganz dummen Angriffsplan annahm, welcher nothwendig zur Niederlage führen mußte. -- Im Weidenbusche machte ich aufmerksam auf gefährliche Zweideutigkeiten, die Ernennung der Feldherrn und den Oberbefehl über alle Heere betreffend. Man nahm, als sei es unwichtig, darauf keine Rücksicht, hat aber bis 2 Uhr in der Nacht geredet über Worte und Redensarten wie: +voraussetzen+, +Vertrauen haben+ u. dgl. mehr. Jetzt, nach der Niederlage, wundern sich Viele, daß das geschehen ist, was man ohne Weissagungsgabe vorhersehen konnte. Bei der Weise, wie man täglich, ja stündlich, Boden verloren, oder aufgegeben hat, wird höchst wahrscheinlich alle wirksame Theilnahme der Regierungen bei der Wahl des Reichsverwesers ausgeschlossen: sie +müssen+ vorschlagen bis die Versammlung beistimmt, oder deren Wahl bestätigen, -- oder sie werden +gar nicht+ gefragt. Das mag, hinsichtlich des letzten Ergebnisses, für diesen +einzelnen+ Fall wenig bedeuten (denn die Mehrzahl der Versammlung wird übereinstimmend mit den Wünschen der Regierungen wählen); aber die +Allmacht+ der Versammlung zur Regel und zum Gesetz erhoben, kann (der Form nach) zu den großen Übeln führen, die in ähnlichen Verhältnissen fast nie ausgeblieben sind. Alle diese Betrachtungen und Klagen sind jedoch jetzt völlig unnütz. Wie die Sachen stehen und liegen, kommt es nicht mehr darauf an, sich auf völlig unhaltbar gewordenem Boden unnütz abzumühen.

Nochmals von der Gagernschen Katzenmusik. Sobald die Wachen und die Bürgerwehr Nachricht von dem Vorhaben erhielten, besetzten sie eiligst die Straße von beiden Seiten, rückten in voller Breite derselben und in geschlossenen Reihen vor, und nun gabs Prügel, blutige Köpfe und Verhaftungen, mehr als die ganze berliner Bürgerwehr jemals ausgetheilt oder zu Stande gebracht hat. Die Katzen sollen sich seitdem als heiser haben melden und entschuldigen lassen.