Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)

Part 9

Chapter 93,464 wordsPublic domain

Erst heute habe ich eine freie Stunde gefunden, das hiesige Museum zu besuchen, und mich an seinen Schätzen zu erfreuen. Darunter manche alte Bekannte, Huß, Ezelin u. s. w. Wie unendlich verschieden die Auffassung des Schönen bei den Griechen war, lehrt jeder Blick auf die Werke ihrer Bildnerei. Die Form steht ihnen höher, als das, was wir wohl Bedeutung nennen. Je älter ich werde, desto mehr erbaue ich mich (trotz aller Splitterrichter) an der Form; und werde gleichgültiger gegen die angeblich tiefsinnigere Bedeutung; wenn sie nicht (wie bei Michel Angelo) durch die Erhabenheit, oder (wie bei Raphael) durch die Schönheit getragen und verklärt wird. So viel man auch über die mediceische Venus kritisiren mag, ihre Formen sind die reinsten.

Man muß, wie es heißt, die Revolution acceptiren, sich den neuen Verhältnissen anschließen, unter verschiedenen Übeln das kleinere wählen, und erforschen in welcher Richtung etwas Gutes erreichbar bleibt. In anderen Worten: man kann für kein Heer kämpfen, oder ihm vertrauen, sobald alle Disciplin aufhört, sobald es sich in bloße Tirailleurs auflöset, welche ~enfans perdus~ sind. Es paßt das Wort: wie Schafe gehn, gehn wir zerstreut, und es hilft nicht sich haupt- und willenlos von Wölfen fressen lassen. Was die sogenannte Rechte, nach wochenlangem Schwadroniren, ihren Gegnern gegenüberstellt, und in die Reihe der zu beantwortenden Fragen hat aufnehmen lassen, ist beispiellos unbestimmt, nicht kalt, nicht warm, oder (unter den unläugbar vorliegenden Verhältnissen) ganz unmöglich. Schon deshalb wird sie hinsichtlich aller Hauptpunkte in der Minderzahl bleiben, es werden Viele gegen diese Halbheiten stimmen, und sich dahin stellen müssen, wo der Boden unter den Füßen nicht völlig untergraben ist. Ja, es läßt sich (wenn nur Frevel außerhalb der Versammlung vermieden werden) eher etwas ausrichten mit Leuten die da wissen, was sie wollen, als mit solchen die hunderterlei, also eigentlich nichts wollen und deshalb auch nichts zu Stande bringen. Ich sehe immer mehr ein wie Recht ich hatte, mich keiner Partei, keinem sogenannten Programm zu verschreiben; werde aber dem gewöhnlichen Vorwurfe nicht entgehen: ich sei schwankend, charakter- und willenlos, abtrünnig an der guten Sache u. s. w. u. s. w. Gewiß aber werden viele +ehrenwerthe+ Männer denken und handeln, wie ich heute denken und in den nächsten Tagen handeln muß.

--’s Gedanke, +ich+ hätte nach Amerika gehen und mir dort (als ein beliebter Mann) ein bequemes, sorgenfreies Leben bereiten sollen, -- versetzt mich in lebhaften Zorn! Wie, ich soll mein Vaterland, dem ich mit Leib und Seele angehöre, dem ich so viel verdanke, wie ein feiger, egoistischer Schuft, in dem Augenblicke verlassen, wo es an schwerer Krankheit daniederliegt? Ich soll mir schändlich einreden, ich könne irgendwo ein bequemes, sorgenfreies Leben führen, während meine Mitbürger furchtbar leiden? Der Kelch ist auch +mir+ bereitet, und ich will einen Theil davon austrinken ohne Zagen. Ich überschätze meine Wirksamkeit gewiß nicht, sei sie aber auch so gewichtlos wie Spreu, so will ich lieber in Folge übergroßer Anstrengungen niedersinken und sterben, als erbärmlicherweise nur an mich denkend ein unwürdiges, und darum mit Recht unglückliches, Leben führen.

Den 28. Junius.

Obgleich Ihr von der gestrigen wichtigen Sitzung (sie dauerte von 9 bis ½6 Uhr) in den Zeitungen umständliche Berichte lesen werdet, will ich doch (nach meiner Weise) auch davon erzählen und Randglossen beifügen. Alle schämten sich des gestrigen Herganges, Gagern ermahnte zum Frieden und selbst R. Blum erklärte sich mit Verstand und Nachdruck gegen das Benehmen, hauptsächlich seiner Partei. Und wenn man das Gestrige nicht ungeschehen machen könne, solle man doch eine Wiederholung ähnlicher Scenen vermeiden. So fehlte es dann zwar nicht an Geschrei; aber es kam doch nicht zum Äußersten, und man rückte in den Hauptsachen wesentlich vorwärts. In der Voraussetzung: man werde nochmals in lange Erörterungen über die Besserungsvorschläge gerathen, hatte auch ich um das Wort gebeten; gottlob zogen endlich alle Parteien ihre Neuheiten zurück; darunter einen, aus der Linken hervorgehenden Vorschlag: man solle (unter Zuziehung und Anhörung von Hofleuten) Lebensbeschreibungen aller deutschen Prinzen entwerfen lassen!

Der von Dahlmann entworfene und dann geänderte Bericht des Ausschusses, über die zu errichtende vollziehende Gewalt, schien hauptsächlich den Zweck zu haben, durch Zweideutigkeit und Unbestimmtheit der Ausdrücke, alle Abgeordneten und alle Parteien zu befriedigen; aber eben deshalb befriedigte er keine: täglich verlor er Anhänger, und ward endlich von den Urhebern selbst großentheils aufgegeben und zur Seite geworfen.

Zuerst kam, aus mehren Gründen, Vincke’s Vorschlag zur Abstimmung: „die Nationalversammlung beschließt, vorbehaltlich des Einverständnisses mit den deutschen Regierungen, daß eine vollziehende Regierungsgewalt &c. -- bestellt werde. Der Reichsverweser soll von den deutschen Regierungen ernannt werden“ &c. -- +Für+ diesen Antrag stimmten 31, dagegen 577. Die nächste Frage war: soll der Reichsverweser (dieser Name ward später statt des Präsidenten angenommen) die Beschlüsse der Nationalversammlung verkündigen und vollziehen. Ja 261; Nein 277.

Hier offenbarte sich wieder die Unvollständigkeit der Berathung und Fassung. Wenn man dem Reichsverweser jenes Recht, jenes Geschäft nicht zuweiset, wer soll es denn übernehmen? Zwar hieß es: man sagt +Nein+, damit er nicht ein bloßer Beamter der Versammlung werde. -- Aber dann hätte man ihm vielmehr die Befugniß zu Einreden, man hätte ihm irgend eine Art von aufschiebendem Veto zugestehen sollen. Dieses ~noli me tangere~ wagte aber Keiner ernstlich zu berühren. Diese Kohle wollte Keiner aus dem Feuer holen.

Die übrigen Punkte, den Geschäftskreis der vollziehenden Gewalt betreffend, wurden durch Aufstehen mit großer Stimmenmehrheit entschieden. Großer Streit erhob sich dagegen, hinsichtlich folgender Fassung: „über Krieg und Frieden, und über Verträge mit auswärtigen Mächten, beschließt der Reichsverweser im +Einverständniß mit der Nationalversammlung+.“ -- Nein 143; Ja 408. -- Ich stimmte mit der Mehrzahl, denn was für einen festen, wohlbegründeten König paßt, paßt nicht für einen noch unbekannten, auf ein Paar Monate zu erwählenden Reichsverweser.

„Soll das Oberhaupt der vollziehenden Gewalt Präsident heißen?“ Ja 171; Nein 355. Ich stimmte mit der Mehrheit für Reichsverweser, weil mir das fremde Wort und der republikanische Hintergrund mißfiel.

Nun die Hauptfrage: „der Reichsverweser wird von der Nationalversammlung gewählt.“ -- Nein 135; Ja 403. Als diese Entscheidung bekannt ward, entstand ein ungeheurer Jubel. Ich stimmte mit der Mehrzahl, scheinbar +nicht+ folgerecht; allein es war ernstlich zu bedenken:

1) Daß (wie die tägliche Erfahrung zeigte) die +große+ Gefahr obwaltete, daß, bei auch nur geringer Verzögerung der Wahl, die Versammlung sich zu +großen Übereilungen+, besonders hinsichtlich der fremden Mächte, werde fortreißen lassen.

2) Daß in +diesem+ Augenblicke die Entscheidung der Wahl noch in den Händen der +gemäßigten+ Mehrzahl ist; ein günstiger Umstand, der nach kurzer Frist vielleicht nicht mehr obwaltet.

3) Die Regierungen kämen in noch üblere Lage, wenn die Versammlung (schon um ihre Macht oder ihren Eigensinn zu zeigen) deren Vorschläge verwürfe, oder doch, wie bestimmt verlangt wird, einer sehr bittern, vielleicht skandalösen Kritik unterwürfe; wogegen die Versammlung durch eine schlechte Wahl sich an den Pranger stellen und allen Credit verlieren würde.

4) Lautete der Gegenvorschlag im Wesentlichen also: Es wird von den deutschen Regierungen ein Reichsverweser +bezeichnet+, und von der Versammlung +genehmigt+. -- Dieser Vorschlag ist aber nur ein halber, unbestimmt, ungenügend, nicht zum Ziele führend. Was heißt z. B. +bezeichnen+? Ich kann Jemandem zehn Gerichte bezeichnen zum Essen, hundert Bücher vorschlagen zum Lesen; wenn er nun aber sagt: ich danke. Wie wenn die Versammlung +nicht+ genehmigt. Solch schnöden Abweisungen vorzubeugen, erklärte sich selbst Gagern für die Wahl durch die Versammlung. Wie die Sachen nun einmal +wirklich+ stehen, würde hier jeder von den Regierungen ausgehende, durch den +gehaßten+ Bundestag vermittelte Vorschlag, mit Mißtrauen und Widerwillen aufgenommen werden; er würde wahrscheinlich zu einem (vielleicht +gesuchten+) Bruche führen; während man (~le meilleur l’ennemi du bien~) so im Frieden über die nächsten gefährlichen Monate hinwegkommen dürfte.

Ich komme soeben aus der Sitzung und eile Euch zu melden, daß heute die Abstimmung über die vollziehende Gewalt &c. zu Ende gebracht ward. Was in der Anlage nicht ausgestrichen, oder geändert ist, ward angenommen. Ihr werdet Euch hoffentlich herausfinden, nächstens einen neuen, reinlichen Abdruck. Über den Hergang im Einzelnen, in Eil noch Folgendes: bei ~No.~ 11: „der Reichsverweser ist unverantwortlich“ erhob sich Streit, wobei die Rechte mehr unanständigen Lärm erhob als die Linke. Der Satz ward mit 373 gegen 175 Stimmen angenommen. Ich stimmte +dafür+, weil die +Minister+ verantwortlich sind, und beiden, dem Reichsverweser und den Ministern, nicht dieselbe Stellung zu geben ist.

~No.~ 18: wonach der Bundestag ein Ende nimmt, mit 510 Stimmen bejaht, und nur mit 35 verneint. Ich stimmte mit Ja: denn die gesetzgebende und richterliche Gewalt hat er nicht mehr, und die vollziehende wird ihm ja nun auch genommen. Dagegen weiset der nächste Absatz darauf hin, in welcher Weise er wieder kann ins Leben gerufen werden. Die Abstimmung zeigt, wie verhaßt die alte Einrichtung ist, und wie unmöglich es war sie in der alten Form zu erhalten. Auch entstand ein großer Jubel als das Ergebniß dieser Abstimmung verkündigt ward. Jetzt folgte die Abstimmung über den +ganzen+ Entwurf: 450 dafür, 100 dagegen. Die Verneinenden gehören zur Hälfte etwa der äußersten Rechten, zur Hälfte der äußersten Linken. Jene wollen die ausdrückliche Beistimmung der Regierungen, diese die Verantwortlichkeit des Reichsverwesers. -- Was sollte nun aber wohl werden, wenn die +Nein+ überwogen und man das Neuwerk begonnen hätte? -- Lichnowsky, Schmerling, Venedey gehörten zu den Bejahenden; Vincke, Ruge, Jordan, Blum, Nauwerk, Itzstein, Uhland zu den Verneinenden. Jene wollen die Souverainetät der Staaten, diese die des Volkes erhalten wissen. Die abstrakten Grundsätze stehen ihnen höher als das praktisch Rathsame. Morgen erfolgt die Wahl des Reichsverwesers. Bis jetzt hat der Erzherzog Johann weit die meisten Vermuthungen für sich. Es fragt sich aber ob er es annimmt. Ich kann nicht glauben, daß Preußen irgend widersprechen würde.

Neunzehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 29. Jun. 1848.

Wenn der Mensch scheinbar etwas zu Stande gebracht hat und es betrachtet, so möchte er gern sagen: „+und es war gut+.“ Wenn man es aber schon unserem Herr Gott verübelt, daß er ein so kühnes Wort ausgesprochen, und läugnet daß seine erschaffene Welt die beste sei; so erheben sich (trotz alles Widerstrebens) gegen Menschenwerk noch schärfere Einreden.

Haben wir mit Aufstellung einer deutschen Centralgewalt wirklich ein erhebliches Ziel erreicht? In gewissem Sinne ist zwar alles Menschliche +provisorisch+; doch setzt man das hoffentlich Dauernde, Definitive, darüber hinauf, und begnügt sich eben mit dem Vorläufigen, als einem Mangelhaften. Es finden manche Leute aber gerade an dem Mangelhaften Gefallen, schon weil sie glauben, damit willkürlich umgehen zu dürfen; und Andere verwechseln es mit dem Vollkommneren, legen die Hände in den Schoß, unbekümmert um das Dauerhaftere, welches sie anfangs bezweckten.

Für lange Zeit wird jenes „+Vorläufige+“ Deutschland nicht genügen; ja, bevor es sich gestalten und in wahre Thätigkeit kommen wird, könnte und sollte der Verfassungsentwurf fertig sein, den die hiesige Versammlung vorlegen soll. Das Provisorium, wie es jetzt gefaßt ist, wird aber, sobald es sich in Thätigkeit setzen will, Streit und Zweifel hervorrufen und sich zeigen, daß man nicht satt wird, wenn man, wie die Katze, um den heißen Brei blos herumgeht. Um die Freiheit und Unabhängigkeit des Reichsverwesers zu erhalten, streicht man den Satz: daß er die Beschlüsse der Versammlung verkünden und vollziehen solle. Wenn nun aber die Versammlung, ohne allen Zweifel, Beschlüsse fassen wird, wer soll sie denn verkünden und vollziehen? Muthet man dies dem Reichsverweser zu, so hat er (mit Bezug auf die gepflogenen Verhandlungen) ein doppeltes Recht zu widersprechen, und man müßte (sehr thöricht) eine zweite vollziehende Behörde für jene Beschlüsse erschaffen. Giebt er hingegen nach, so verfehlt man den Zweck, weshalb jener Satz verworfen wurde. Diese Verwirrung ist dann (wie ich vorhergesagt) die nothwendige Folge dessen, daß keiner der Redner, welchen man ein Monopol zu sprechen gab, auf die wichtige Frage von Einreden und Widersprüchen des Reichsverwesers eingehen wollte. Wäre ich zum Worte gekommen, würde ich den wichtigen Punkt von einem aufschiebenden oder schließlichen Veto ans Licht gezogen haben. Die Linke that es nicht, weil sie ein solches Recht läugnet, sobald es nicht ausdrücklich überwiesen wird; und die Rechte fürchtete sich in der Minderzahl zu bleiben. Oder sie hofft, man werde nachträglich das scheinbar Vergessene nachholen können. Ist der Reichsverweser stark, so wird er (ohne Gesetz) seinen Willen durchsetzen; ist er schwach, so wird sich ergeben, daß jene Unbestimmtheit und Zweideutigkeit ihn nicht auf die Füße stellt. Ich wiederhole: diese Eigenschaften des Ausschußentwurfes und das Drechseln an und mit leeren Worten (Vertrauen, voraussetzen und dergl.) mußte dahin führen, wohin wir gekommen sind. -- Nun, ich will mich damit trösten, daß die große Mehrzahl Derer, welche das Gesetz annahmen, es auch künftig stützen will und stützen wird. Doch zeigen sich schon Hindernisse auf der, heute zu betretenden Bahn. In einer Nummer der Zeitung, welche die äußerste Linke herausgiebt, sind gestern sehr bittere Sachen wider den Erzherzog Johann, wider den Präsidenten Gagern und den General Radowitz ausgesprochen worden. Der erste sei ein unbedeutender Mann, der in seinem Leben nichts Erhebliches gethan, sich dem Metternich’schen Systeme nie widersetzt habe und noch jetzt den ungerechten Krieg gegen die Italiener befördere. Daran reihen sich Vorwürfe wider alle deutschen Prinzen, unter denen leider kaum einer sei, auf den man wegen seiner ausgezeichneten Persönlichkeit (abgesehen von Geburt und Macht) hinzeigen könnte (~digito monstrarier~). -- Die Einreden wider Gagern’s Grundsätze und seine Unparteilichkeit deuten darauf hin, daß die Linke bei der in diesen Tagen zu erneuernden Präsidentenwahl einen Bewerber aus ihrer Mitte aufstellen und die frühere allgemeine Zustimmung für Gagern nicht mehr im ganzen Umfange stattfinden dürfte. Gegen Radowitz, der sich durch Annahme des Neuen, oder gemäßigte Vertheidigung des Alten, Bahn zu machen strebt, sind die früheren Lebensverhältnisse und verfehlten Zwecke in einem scharfen Sonette vorübergeführt.

Geheimrath C. sagt mir: in Berlin widersprächen Alle der Wahl eines österreichischen Prinzen zum Reichsverweser; sie forderten einen preußischen. Hier habe ich einen solchen Einwand, eine solche Forderung noch nicht gehört. Erlaubt man Candidaten aufzustellen und über ihre Eigenschaften zu sprechen, so wird +eine+ Sitzung auf diesem Moquirstuhle hinreichen, jeden für immer zurückzuschrecken. Und doch hat eine Wahl ohne Vorschlag, Prüfung und Beglaubigung, auch ihre Schattenseiten.

Sehe ich von Frankfurt nach Berlin, so sind die Berathungen auf dem preußischen Reichstage oberflächlicher und schwächer als hier, und die bürgerliche Ordnung wird in dieser freien Stadt viel ernster vertreten, als in der Residenz des Königs von Preußen, wo die Klubs schrankenlos die Empörung hervorrufen, und das neue Ministerium schon in seiner Geburtsstunde chicanirenden Widerstand findet. Bleibt es so farblos und schwach, wie das abgetretene Ministerium (besonders seit der Plünderung des Zeughauses), so wird es auch nicht lange leben und zu den Blutmitteln führen, welche jetzt in Paris furchtbarer, länger und allgemeiner wüthen, als jemals während der Revolution seit 1789. -- Über die Weisheit dieses Jahres scheint Hr. Waldeck, der Vorsteher des Verfassungsausschusses, nicht hinausgekommen zu sein, ja nicht einmal zu wissen, was Mirabeau z. B. über das Veto gesagt hat. Siegen seine Ansichten ob, so wird die neue Verfassung nicht länger dauern, als die französische von 1791. Wer jetzt drittehalb Gedanken in trivialen, abgedroschenen Phrasen überlaut und selbstgefällig ausschreit, wird von den Maulaufsperrern für einen großen Staatsmann gehalten. Die angeblich unwiderleglichen, augenscheinlichen, handgreiflichen Lehren jener falschen Propheten, sind ebenso tiefsinnig begründet, als wenn jetzt ein Astronom behaupten wollte, die Sonne laufe in 24 Stunden um die Erde.

Den 29. Junius, 3 Uhr.

Die Kanonen donnern, alle Glocken läuten, überall die größte Aufregung und Theilnahme! Vor einer Viertelstunde ist der +Erzherzog Johann+ zum Reichsverweser erwählt und unter höchstem, sechs Mal wiederholten, Jubel und Lebehoch proklamirt worden. Er hatte 436 bejahende Stimmen, der Präsident von Gagern 52, von Itzstein 32; des Abstimmens enthielten sich 25. Über den nähern Hergang in größter Eile nur wenige Worte. Der Vorschlag, durch Stimmzettel schweigend abzustimmen, hatte wohl die Absicht, die Stimmen zu zersplittern, mehr Candidaten aufzustellen und keine Rücksicht auf den, sehr beachtenswerthen, Willen der Mehrzahl zu gestatten. Dieser Vorschlag fiel durch, und Jeder nannte bei namentlichem Aufrufe laut den Namen seines Candidaten. Der irrige Gedanke: man müsse ehrenhalber auch einen Preußen auf die Liste bringen (und mit wenigen Stimmen durchfallen lassen), ward glücklich ausgetrieben. Nirgends zeigte sich Eifersucht wider Österreich und die Hoffnung steht fest, Johann werde zu allgemeinem Wohle die Wahl annehmen und nicht die Nothwendigkeit einer zweiten, gefährlicheren Wahl herbeiführen. Des Abstimmens enthielten sich Die, welche keinen unverantwortlichen Reichsverweser wollten. Gagern nannten Etliche seiner tüchtigen Eigenschaften halber, Andere wohl, weil sie keinen Fürsten wollten. Für Itzstein stimmten +nicht Alle+, aber doch +nur+ Leute von der Linken, z. B. Jordan, Meyer aus Liegnitz, Tschucke aus Meißen, Vogt aus Gießen, Wigard aus Dresden, Schaffrath, Nauwerk, Blum, Simon aus Breslau, Eisenstuck aus Chemnitz und Andere. Ich stimmte natürlich für den Erzherzog: denn seine Wahl beseitigt jede Besorgniß, mit den Regierungen in Streit zu gerathen, zeigt daß die Versammlung (trotz alles Geschreies der äußersten Linken und der Mißgriffe der Rechten) noch nicht die Achtung vor der Vergangenheit und der Stellung eines einflußreichen Fürsten ganz verloren hat. Auch Radowitz und Lichnowsky stimmten für den Erzherzog; Vincke war abwesend.

Der unendlich wichtige Augenblick, die erste große That des ersten deutschen Reichstages in dieser Form, die Nothwendigkeit und die Schwierigkeit erheblicher Veränderungen, die Hoffnung, unser theures, deutsches Vaterland werde feststehen wie ein Fels in Ungewittern und neue, ungekannte Blüthen und Früchte treiben; -- dies und so vieles Andere bewegten und erregten mir Kopf und Herz so, daß ich zugleich Thränen der Freude und des Schmerzes vergießen mußte; -- und dies waren keine Thränen dummer Sentimentalität oder lächerlicher Schwäche. Heute also wieder einmal: ~nil desperandum~.

Gestern (28.) sah ich ¾ des Weltumseglers wider Willen. Hr. Hassel spielte den Purzel ganz ergötzlich, obwohl Räder ihn noch übertraf. Trotz aller Kunstmittel hatte er sich nicht dicker machen können, als sein Ludwig (Fräulein Q.) von Natur war. Der Witz ist wohl schon alt: es gäbe drei Zonen, die heiße, die kalte und die Amazone. Neu war ein anderer Einfall: als man Purzeln bange machen will, was seine Frau während seiner Abwesenheit daheim wohl thue? sagt er: o das weiß ich, sie läuft (wie jetzt alle Weiber) ins Parlament. Dies fand großen Beifall, und in der That wohnen viele Damen ausdauernd den Sitzungen bei.

Zwanzigster Brief.

Frankfurt a. M., den 30. Junius 1848.

Die Linke hat in den letzten Tagen so viel Fehler begangen als zuvor die Rechte. Erstens nämlich, erscheint sie diesmal in ihren Abstimmungen uneinig und gespalten. Zweitens, mißfällt allgemein die Verwerfung des +ganzen+ Gesetzentwurfes über die vollziehende Gewalt. Selbst die Galerie ist mit dem bloßen Verneinen unzufrieden und will sich mit keinem ~da capo~ langer Berathungen langweilen. Drittens, die Abstimmung für Itzstein zeigt die Schwäche dieser Partei in der Versammlung. Und dies um so mehr, da etwa eine Hälfte unpraktisch und hölzern an sogenannten Principien festhielt, +unbekümmert+, daß aus der Wahl jenes Mannes unausbleiblich der größte Zwiespalt hervorgegangen wäre. Die zweite Hälfte +wünscht+ dagegen einen solchen Zwiespalt; er ist ihr Lebenselement. Beide Hälften sind in Irrthum und Unrecht, und das: „ich wähle nicht, ich will keinen Unverantwortlichen,“ -- machte nicht (wie Manche wohl erwarteten) einen tiefen, erhabenen Eindruck, sondern ward, in verschiedenen Tonarten und Betonungen ausgesprochen, fast lächerlich.

Gott gebe nur, daß zwischen der neuen Centralgewalt und den einzelnen Regierungen kein Zwiespalt entstehe, jene weder zu mächtig noch zu ohnmächtig werde und eine festere Verfassung bald zu Stande komme. Mag auch das Ergebniß langer hiesiger Berathungen noch so viel gerechten Einwendungen unterliegen, es hat doch, Gottlob, nicht den furchtbaren, blutigen Boden, wie das französische ~pouvoir exécutif~, welches vor der Hand die Republik wieder zur Seite geworfen hat. Hoffentlich wird man in Berlin Cavaignac’s Maßregeln gegen Wühler und Klubisten nicht unberücksichtigt lassen, und zu ihnen nicht +nach+, sondern +vor+ dem Blutvergießen gerechte und heilsame Zuflucht nehmen.

Gagern ist wieder mit 399 Stimmen zum Präsidenten, Soiron mit 359 Stimmen zum Vicepräsidenten erwählt worden. Für die erste Stelle hatte der bekannte Simon 68, für die zweite Blum 104 Stimmen.

Als man (so höre ich) den Prof. V. darauf aufmerksam machte, daß das Bestreben der Linken durch die Anarchie hindurch zur Despotie führe, soll er geantwortet haben: und glaubt ihr denn, daß ich nicht Lust habe ein Despot zu sein? -- Das paßt für alle über das Gesetz hinauswirkende, angebliche Helden der Freiheit.

Den 1. Julius.

Eine dreistündige Sitzung im völkerrechtlichen Ausschuß, die Abends bis 9 Uhr dauerte und von Posen und Tirol handelte, machte mich (da kaltes Regenwetter hinzutrat) körperlich todtmüde, und die Nachrichten aus Paris, sowie der +Inhalt+ Eures und Waagen’s Brief vom 27. und 29. vermehrten meinen geistigen Kummer. Dort, in einer Zeit angeblich höchster Brüderlichkeit, Scenen wie sie seit Marius und Sylla kaum in der Weltgeschichte vorgekommen sind; im raschesten Wechsel, nach lautem Preisen der Freiheit und Gleichheit, die einzige Rettung durch militairischen Despotismus; die Nothwendigkeit langer Leiden, furchtbaren Hasses, schrecklicher Armuth, und der blutige Ausgang noch kein Zeugniß, keine Bürgschaft für zurückgekehrte Gesundheit. -- Dann in Berlin: Regierung, Reichstag, Magistrat, Stadtverordnete, Bürger, Arbeiter, täglich dem Abgrunde näher kommend, muthlos mit Aufrührern capitulirend und liebäugelnd; Schwatzen und Schwadroniren ohne Ordnung, Zusammenhang, Fortschritt; kein ausgezeichnetes Talent, kein großer Charakter; das neue Ministerium ohne Vertrauen bei Andern oder zu sich selbst, von Hause als krank (bald als todeswürdig) bezeichnet; der König übermäßig zurücktretend, das Volk vom Königsthume immer mehr entwöhnend; Berlin entvölkert, verarmt, papierne Geldpflaster auf die Wunden legend; -- und dabei noch immer eitelem Hochmuthe hingegeben, während man es von allen Seiten verächtlich behandelt!!