Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)
Part 7
In der gestrigen (17.) Sitzung, ließ die Linke ihren Neigungen einmal wieder freien Lauf, während der übrige Theil der Versammlung mit Recht größtentheils schwieg. Zuvörderst vielerlei unnütze Einreden gegen die Fassung des Protokolls; hierauf große Klagen, daß der Präsident (weil nichts zum Vortrage reif war) die Freitagssitzung, durch Bekanntmachung ausgesetzt und auf den Sonnabend verlegt hatte. Daran reiheten sich die unnützesten Bedenken über einen möglichen Mißbrauch seiner Macht, wie z. B. wenn er nun gar keine Sitzungen berufe u. dgl. mehr; hauptsächlich aber war der Trödel angefangen, um den (gutentheils noch mit Demokraten gefüllten) Galerien ein Paradepferd vorzureiten und auf Kosten der angeklagten Versammlung, schlechten Beifall aus der Höhe zu erhalten. Ueberdies haben fast alle diese Demagogen beneidenswerthe Lungen, sie schreien ärger wie die Zahnbrecher, scheuen sich nicht unzählige Male dasselbe zu wiederholen, und stellen Mangel an Höflichkeit und Anstand, als Muth in Rechnung. Insbesondere ließ es Herr -- an jenen guten Eigenschaften so fehlen, daß ihn der Präsident zur Ordnung rufen mußte. Dies rechnen sich aber manche Leute (des höheren Beifalls der Galerien gewiß) zur Ehre. Er klagte also Versammlung und Ausschüsse der Faulheit an: sie täusche alle Erwartungen des so lange gedrückten und mißhandelten Volkes, erwecke Unzufriedenheit, sei Schuld an allen Aufständen, rufe eine zweite, nothwendige, noch viel schrecklichere Revolution hervor, sei schuldig am Untergange alles Bestehenden. -- So legte man die eigene Schuld auf die Schultern der Unschuldigen, gegen eigenes Wissen und Gewissen. Nachdem 6-8 Redner, alle von der Linken, sich immer wiederholend ausgetobt hatten, legte Herr Bassermann in einer einfachen, aber schlagenden Darstellung, die Wahrheit so vor Augen, daß Keiner etwas zu erwidern wußte. Hierauf rechtfertigten die Vorsteher der einzelnen Ausschüsse ihr Thun, und erwiesen den großen Fleiß und die Anstrengungen derselben in einer Weise, daß jeder Unbefangene das Geschrei der Linken mißbilligen mußte, und ihr mit Recht vorgeworfen wurde: +sie+ sei hauptsächlich (wie am heutigen Tage) Schuld an der Zeitvergeudung. -- Ungeschreckt bestieg Herr Schlöffel ein anderes Paradepferd und verlangte mit groben, aufgebauschten Floskeln: daß die Versammlung auf der Stelle die Unverletzlichkeit der Abgeordneten, gegen hochverrätherische Fürsten, Behörden und Beamten dekretire. Und zwar ging die Absicht dahin, alles und jedes Thun, auch außerhalb der Versammlung zu sanktioniren. Als vor Kurzem von den Gefahren durch Aufstände, Empörer u. dgl. die Rede war, hielt die Linke jede Schutzmaßregel für überflüssig; jetzt schlug sie die strengsten Maßregeln nach oben vor, während sie der dringenden Gefahr vom souverainen Pöbel her, gar nicht erwähnte. Zuletzt fielen alle unnützen Vorschläge mit großer Stimmenmehrheit durch. Überhaupt ist die hiesige Versammlung besser zusammengesetzt und hat mehr Talent und Haltung, als die berliner. Bleiben Revolutionen außerhalb derselben nur aus; durch die Versammlung selbst wird mancher Fehler begangen, aber nicht Anarchie +vorsätzlich+ hervorgerufen werden.
Ich muß die Forderung der Wähler, daß Sydow und Bauer ihre Stellen niederlegen sollen, durchaus mißbilligen. Sie hebt Form und Wesen der Repräsentation ganz auf, macht die Gesetzgebung von dem leidenschaftlichen und windigen Belieben der Massen abhängig, verwandelt die Abgeordneten in bloße Boten und Knechte, vertilgt alle Festigkeit und Dauer gesetzlicher Bestimmungen und begründeter Überzeugungen. Wenn wider jene Forderung gar kein ernstlicher Widerspruch erhoben wird, so ist dies ein Beweis jämmerlicher Furchtsamkeit, oder völliger Unwissenheit über geschichtliches, sowie philosophisches Staatsrecht.
Unsere Sitzungen in Frankfurt werden von jetzt an immer wichtiger werden. Der Ausschuß für Bildung einer vollziehenden Gewalt, hat seine Vorschläge eingereicht (ich lege ein Exemplar bei) und der Verfassungsentwurf wird (so weit er die Volksrechte betrifft) auch schon in dieser Woche zur Berathung kommen. Über diese Berathungen künftig mehr.
Vierzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.
Es mag kindisch von mir sein, aber ich kann mich gar nicht trösten über den Sturz unserer schönen Linde! Mir ist als wäre mir ein treuer Freund gestorben, von dem ich überzeugt war, er würde mich lange überleben. Ist es aber, bei allem gerechten Schmerze, nicht zuletzt ein schöner Tod? Durch die mächtige Hand des Himmels abgerufen in der Pracht seiner Jugendblüthe, betrauert, beweint, bevor die Wurzeln nicht mehr den Boden festhalten konnten, bevor die in Blättern und Blüthenreichthume glänzende Krone vertrocknete, die kühnen Aeste zu Boden fielen, die Theilnahme erlosch, und ein Todesurtheil von frierenden Gesellen oder einem eigennützigen Bauherrn über ihn ausgesprochen ward. Ich möchte mir wünschen, statt in die kalte Erde gelegt zu werden, in den Flammen seines duftenden Scheiterhaufens gen Himmel zu steigen; denn hier -- geht es ohnehin mit mir zu Ende. -- Laßt nur bald ein Bäumchen an die Stelle des Baumes pflanzen; obwohl der nach meinem Tode auch bald von Baulustigen wird umgehauen werden. Auf dem jetzt betretenen Wege kann es indessen bald dahin kommen, daß in der Residenzstadt Berlin die Bäume wild wachsen und die Häuser einfallen.
Doch wozu Euch und mich noch weicher stimmen; indessen wechselt Wehmuth und Zorn. Vielleicht stählt man sich auf diese Weise am besten. Ich lasse mir aber auch eine Zerstreuung gefallen. Hr. Andre, von dem ich das Fortepiano gemiethet, lud mich (wie anliegende Karte zeigt) zu einem musikalischen Morgenvergnügen. Während des wehmüthigen Adagio von Mozart dachte ich immer an unsere Linde. Sie war mir das Bild der Vergänglichkeit für Blumen, Bäume, Städte, Throne, Völker. Ich mußte mich zusammennehmen, um nicht (zu Ehren der Virtuosen) allzu gerührt zu erscheinen. -- Hr. Jaell ist ein sehr fertiger Klavierspieler. Das Vorgetragene litt jedoch meist an den neumodischen Schwierigkeiten, Willküren und Kunststücken. Insbesondere war durchaus unbegreiflich, warum Hr. Willmers sein Werk „ein Sommertag in Norwegen“ betitelt hatte. Möglich, daß ein Paar norwegische Noten darin versteckt und verdeckt waren, giebt das aber eine Analogie zu einem Sommertage? -- Im Ganzen ward Alles gut ausgeführt, und beim Herausgehen besah ich mir die frankfurter Damen. Gemischter Art, wie meist überall.
Den 19. Junius.
Gestern Abend sah ich zwei Akte der Jüdin von Halevy. Die Aufführung war besser wie die Musik selbst. Diesen Componisten liegt Alles zur Hand: mehr wie sechs Oktaven auf und ab, viele sonst unbekannte oder vervollkommnete Instrumente, große Vorbilder u. s. w.; und dennoch verstehen sie daraus nichts zu erbauen, was Haltung, Maß, Styl, Einheit hätte. Sie bringen es nicht über ein betäubendes Chaos der Quantität. Nach zwei Akten begab ich mich, matt und zerschlagen, mit dem Gymnasialdirektor Nizze auf die Flucht, um einen Spaziergang um die abendliche Seite der Stadt zu machen. Himmel und Erde prangten in gleicher, harmonischer Schönheit; wogegen das Treiben der Menschen sich jetzt in lauter unaufgelöseten Dissonanzen gewaltsam weiter, -- oder in unfruchtbarem Kreise --, bewegt. Laß es Dich nicht gereuen, für vergängliche Blumen gesorgt und Dich daran erfreut zu haben. Nur das Vergängliche bedarf und verdient unsere Sorgfalt, und den Tagen des Sturmes und Hagels folgen in diesem und dem künftigen Jahre, auch Tage heiteren Sonnenscheins. Darum sorge, nach wie vor, für den Garten.
Die spikersche Zeitung vom 17. hat doch einigen Trost gebracht: Milde’s Erzählung, Sydow’s Erklärung, andere Stimmen für Ordnung und Recht, Blesson’s Abdankung u. s. w. Wenn aber nicht ein Mann von beherrschendem Muthe und großer Kraft an die Spitze der Bürgerwehr kommt, bleibt Alles schwankend und unsicher.
Wenn es genügender Trost ist, Unglücksgefährten zu haben (~socios malorum~), so könnten wir fast zur Heiterkeit zurückkehren, so viel übler sieht es aus in Neapel, Prag, Paris. Im Fall die französische Republik an den heranrückenden Gefahren stirbt, schwindet manche Hoffnung deutscher Demokraten (welche z. B. in Maueranschlägen den hiesigen Reichstag auffordern, Hecker höflichst einzuladen); aber ob wir dann nicht noch schneller in Krieg verwickelt werden, läßt sich nicht voraussehen. Louis Napoleon ist, des bloßen Namens halber, weder ein Friedens- noch ein Kriegsheld; sondern ein Aushängeschild, eine Firma, für welche Andere handeln wollen.
Heute beginnt die Berathung über die einstweilige vollziehende Gewalt. Die Ansichten gehen weit aus einander, und die Bemühungen der Linken, durch Unterschriften (+vor+ aller Berathung und Erörterung) eine Verpflichtung zu +bestimmtem+ Abstimmen herbeizuführen, muß ich, mit vielen andern tüchtigen Männern bestimmt mißbilligen. Zu den Hauptfragen und Streitpunkten dürften folgende gehören:
1) Ist es nothwendig, oder nicht nothwendig, vor Entwerfung einer dauernden Verfassung, auf kurze Zeit eine vollziehende Gewalt vorläufig zu gründen?
2) Soll dieselbe anvertraut werden 1, 3, oder mehr Personen?
3) Wer soll dieselben ernennen? Die Regierungen; oder in welchem Verhältniß sollen diese an der Ernennung Theil nehmen?
4) Welche Rechte soll die vollziehende Gewalt erhalten?
5) In welcher Weise soll sie ihre Beschlüsse zur Ausführung bringen?
6) Welche Minister sind nothwendig, und welche Stellung sollen sie zu den Direktoren und zum Reichstage erhalten? u. s. w. u. s. w.
Ihr seht, des Stoffes ist genug zu Streit und zu Versuchen. Die Woche wird wohl hingehen, bevor wir zu einer, hoffentlich nicht ganz thörichten, Entscheidung kommen.
Die Sitzung dauerte heute von 9-½3 Uhr. Zuerst ein Bericht über die böhmisch-tschechische Frage, wo man beschloß, eine große Proklamation zu erlassen, während man die Deutschen in Prag todtschlägt.
Zu den alten 17 Anträgen über die neue vollziehende Gewalt, waren 34 neue gekommen, und 113 Redner meldeten sich. Der Vorschlag, daß +Alle+ vor dem Schlusse gehört werden +müßten+, fiel Gottlob durch, und eine allgemeine Untersuchung über die Nothwendigkeit der Maßregel, ward für entbehrlich erklärt.
Die Linke war heute in den Erörterungen gewiß nicht die stärkere, erfreute sich aber, wie natürlich, des Beifalls der Galerien. Ein Herr -- ermüdete durch seine überlange und langweilige Rede, auch diese, und einer meiner Nachbarn (ein wiener Advokat) schlief während der Zeit wie eine Ratze. Nach einer verständigen Rede von Radowitz (an deren voller Aufrichtigkeit jedoch Einige zweifeln) ließ sich ein Pfeifen, oben, und vielleicht auch unten hören. Da verlor der Präsident Gagern die Geduld und sprach von Ungezogenheiten und Bubenstücken; was das Gesindel und die Schreivögel denn doch einschüchterte. Vortrefflich redete Bassermann, sehr gut Dunker aus Halle; beide haben das Verdienst, der Wahrheit und dem Rechte die Ehre gegeben zu haben. Der ächte Sieg war auf ihrer Seite. -- Auf den Inhalt näher einzugehen, fehlt mir heute die Zeit. Es wird genügen, künftig etwas über die letzten Ergebnisse zu sagen.
Nach beendigter Sitzung hoffte ich ruhig bei Hrn. Jouy zu essen; zu dem Tische hatten sich aber einige Studenten oder studentenartige Kreaturen eingefunden, welche Deutschland durchzogen hatten und vom Sinne und der Stimmung seiner Bewohner Dinge verkündeten, über die man bittere Thränen hätte weinen können! In unseren Tagen (lehrten die neugebackenen Propheten) giebt die +Macht allein+ das +Recht+. Die Fürsten müssen gerichtet und weggejagt werden, ein Bürgerkrieg ist nothwendig und nützlich u. s. w. Und in demselben Augenblicke, wo der Wahnsinnige mit eiskalter Gleichgültigkeit diese furchtbaren Behauptungen ausspricht und meint, die Ereignisse hätten immer und allein +Recht+, erzählt er achselzuckend: man habe einen Deutschen zu Prag im Wirthshause mit Biergläsern und seine Frau in ihrer Wohnung todt geschlagen, und einen Andern lebendig gekreuzigt!! -- Mit solchen Leuten hilft kein Streiten, diese Pestbeulen lassen sich mit gewöhnlichen Arzneimitteln nicht heilen. Auch sind sie an den Gedanken terroristischen Guillotinirens vollkommen gewöhnt und untersuchen nur, wo und wie der Anfang zu machen sei. Ich eilte aus dieser, an die schlechtesten Zeiten der Revolution erinnernden Gesellschaft fortzukommen. Ja, die Franzosen hatten weit mehr Veranlassung zu ihrer Tollheit, und es war wenigstens Methode in derselben. Baboeuf und Consorten sind genial und großartig gegen diese fluchwürdigen, sich und Andere aushöhlenden, leeren Schwätzer, Phrasendrechsler und lächelnden Meuterer.
Die heutige Sitzung (20.) begann um 9 Uhr und endete ½3 Uhr. Zuvörderst große Begeisterung, vermöge welcher erklärt wurde: ein fremder Angriff auf Triest gelte für eine Kriegserklärung. Muth und Ehrgefühl genug, aber vor der Hand keine Mittel, den Beschluß geltend zu machen. Ich hoffe, Karl Albert wird deshalb die deutschen Handelsschiffe im mittelländischen Meere nicht aufbringen lassen. Am Schlusse der Sitzung war man drauf und dran, mit verkehrter Eil, ein Heer nach Prag zu senden, um die Deutschen zu schützen. Wohlgemeint; noch ist aber nach Zeugnissen von Böhmen die ganze tschechische Bevölkerung auf dem Lande ruhig, und ein solcher Heereszug der Deutschen könnte leicht einen neuen Hussitenkrieg entzünden. Endlich ging es durch, die Sache zu ruhiger Ueberlegung an den bereits hiefür bestehenden Ausschuß abzugeben.
Den Inhalt der mehrstündigen Berathung über die zu errichtende, vollziehende Gewalt kann ich nicht einmal im Auszuge hier wiedergeben. Nur einige unbedeutende Nebenbemerkungen können Platz finden. Doch ist es keine Nebenbemerkung, wenn ich behaupte, die +Zögerungen+ und die +Nichtigkeit+ der Regierungen habe jene +wichtige+ Frage ganz in die +Hände der Nationalversammlung+ gebracht, und diese werde gewiß durchsetzen, was ihr gefällt. Der wohlgemeinte Vorschlag des Hrn. Bürgermeister -- --: die vollziehende Gewalt in die Hände Preußens zu legen, war bei der Stimmung der Versammlung unzeitig, und ward mit so schwacher Stimme und so ohne rednerisches Talent entwickelt, daß er völlig zu Boden fiel. Unter den Rednern der Linken ist Robert Blum bis jetzt der bedeutendste. Er benutzte die Schwächen seiner Gegner sehr geschickt, wußte mit sophistischer Gewandtheit seine Ansichten und Grundsätze für die leicht begeisterten Unwissenden glänzend vorüber zu führen, und erhielt natürlich den lauten Beifall seiner Freunde und der, noch immer nicht zu bändigenden, Galerie. Höchst langweilig war dagegen die im sächsischen Dialekte hersyllabirte Rede eines ähnlich Gesinnten. Jeder, sagte er, ist gleich bei der Geburt ein Souverain; welche erhabene Äußerung viel Heiterkeit erregte. Welker sprach mit großer Lebendigkeit für seine, im Verhältniß zur äußersten Linken, conservative Ansicht. Ähnlich ein Wiener, von Würth; -- Beckerath ruhig, gemüthlich, überzeugend.
Ich begreife allmälig, daß König F. W. III. alle Abende ins Theater ging, um seine Regierungssorgen los zu werden; mir bleibt fast auch nur dies Mittel, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. So sah ich (19.) gestern einige Akte eines dramatisirten Volksmärchens von Musäus, wo der verzauberte Barbier sich lustig genug ausnahm. Diese Posse des Abends war gewiß besser und ergötzlicher, als der wilde Ernst der veralteten, im Kopfe verwirrten, im Herzen angefrorenen Jugend, des Mittags. -- Den 20. Nachmittags machte ich einen Spaziergang rings um einen großen Theil der Stadt. Die Umgebungen sind, ich wiederhole es, in ihrer Art höchst reizend; und ich kenne keine Stadt, welche in dieser Beziehung Frankfurt gleich zu stellen wäre.
Funfzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 22. Junius 1848.
Die gestrige Sitzung dauerte von 9-½3, die Versammlung im völkerrechtlichen Ausschusse von 6-8; hiezu Lesen, Vorbereitungen, Geschäftsbesuche u.s.w. Es ist ein Wunder, daß man leiblich und geistig diese Anstrengungen aushält. Auch werden Manche schon matt wie die Herbstfliegen, und noch gestern bewunderte ein jüngerer Mann meine 67jährige Rüstigkeit. Dank sei dem Himmel, und daß ich immer der Natur gemäß gelebt habe: nirgends zu +viel+, oder zu +wenig+. Denn das letzte taugt auch nicht, und macht alt vor der Zeit.
Die Sitzung begann mit einem Berichte über die böhmischen Verhältnisse, der die argen Uebereilungen zurückwies, denen man sich vorgestern in falscher Begeisterung hingeben wollte. Erst wenn Österreich es verlangt, wird der Bund Mannschaft nach Böhmen senden.
Hierauf Fortsetzung der Berathung über die Bildung einer vollziehenden Gewalt. Es fehlt nicht an halbwahren Vergleichen, schiefen Bildern, rhetorischen Kunststücken und vor Allem an +Grobheiten+ gegen Bundesversammlung, Fürsten und einzelne Gegner. -- -- -- Ein anderer Hauptredner der Linken, Herr --, sagte: ihr seid allmächtig! Verkündet: es soll Niemand mehr Zoll bezahlen, und es bezahlt Niemand mehr; sagt den Bauern, ihre Abgaben sollen aufhören, und sie hören auf. Derlei demagogischer Unsinn fand nebenbei seine Widerlegung, als die Rede darauf kam: ob jene Allmacht sich auch bei neuen +Forderungen+ zeigen würde? -- Lächerlich war es, als er die +Genügsamkeit+ der Linken rühmte; zur Ordnung rief man ihn, als er sagte: wenn +hier+ die Mehrzahl nicht thut was wir wollen, so haben wir +draußen+ mächtigere Hülfe u. s. w. -- Sehr geschickt rief der Präsident Gagern +nicht+ zur Ordnung, sondern sagte: man lasse den Redner ausreden, denn es ist gut, daß wir erfahren, welche Mittel jene Herren anwenden können und wollen. Den Schreiern folgten nun mehre Redner, welche auf die Sache selbst eingingen, und statt der Phrasen und flacher Rhetorik, ernste und oft witzige Gründe vorlegten. So Auerswald und Beisler. Endlich erwies Vincke sein altes Talent und sprach seine Ansichten mit Kühnheit und Geistesgegenwart aus, ohne sich durch das Ach und Oh seiner Gegner einschüchtern zu lassen.
Wie haben sich die Zeiten geändert! Im vergangenen Jahre, wollte ihn der König nicht sehen, er war im Verrufe bei allen Schwachköpfen, er sollte seiner Stelle entsetzt werden; und jetzt vertheidigt er Könige und Fürsten wider maßlose Angriffe! Ging und geht es mir aber nicht ebenso? -- Wiederum erblickt man hinter allem Lobe der Demokratie, die Hinneigung zur Diktatur und zum Terrorismus.
Im Ausschusse führte ich und der Hamburger Herr Heckscher einen lebhaften Streit gegen das Ansinnen: der Berichterstatter in einer Sache solle Thatsachen, Gründe, Gegengründe u. s. w. u. s. w. buchstäblich niederschreiben und vorlesen. Es war auf ein Corrigiren wie der Quintanerexercitia abgesehen, würde unsäglich viel Mühe und Zeit kosten, ein unerträgliches, schriftliches Verfahren, an die Stelle mündlicher rascher Verhandlungen setzen und folgerecht auch ein Ablesen der Reden herbeiführen. -- Beim Abstimmen fiel, in Folge unseres nachdrücklichen Widerspruchs, die, allweise sich anstellende, Pedanterie zu Boden.
Nachdem alle diese Kelche geleert waren, ging ich mit einem gescheiten Baier Hrn. Gombart, spazieren bis Bockenheim und hatte neue Veranlassung die Anmuth der Umgegend, die Schönheit der Gärten und die Mannigfaltigkeit der Landhäuser zu bewundern.
Ich freue mich über M--s muthige Äußerungen. Er hat ganz Recht, daß so große Umgestaltungen in der Weltgeschichte nicht ohne Wehen und Verlust abgehen können. Wenn man den Muth nicht verliert, nicht verzweifelnd die Hände in den Schoß legt, so wird man im kleineren, wie im größeren Kreise nützlich wirken und zur Erhaltung oder Wiedergeburt nach Kräften beitragen. Das bloße Lamentiren (wie --) hilft zu gar nichts, auch üben gewöhnlich persönliche Vortheile, oder Nachtheile einen großen Einfluß. Bevor man sich nicht über diese Rücksichten erhoben hat, kann man gar nicht unbefangen einwirken.
Die Linke ist in B. so schwach, wie hier; wenn man nach ächter Erkenntniß und Politik fragt. Allein Vorurtheil, Fanatismus und Ehrgeiz überflügeln oft in ihrer gewaltsamen Bewegung, alle Wahrheit und Einsicht. +Gut+, daß Sydow und Bauer +nicht+ ausgetreten sind. -- Schutz des Volkes ist ein wohlklingendes, verständiges Wort; wenn aber der, Gesetze übertretende, Pöbel sich Volk nennt, soll man nicht schwatzen und liebäugeln; sondern mit Muth und Kraft entgegentreten und handeln.
Sechzehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 23. Junius 1848.
Ich dachte Euch heute endlich einmal einen recht fröhlichen Brief zu schreiben, über den eingegangenen höchst wichtigen Bericht, die Volksrechte betreffend. Nachdem wir hier so manches leere Stroh gedroschen, handelt es sich von großen und wahren Fortschritten. -- Da langt die Nachricht von dem Abtreten des Ministeriums Camphausen ein, welchem Ereignisse ich durchaus keine heitere, erfreuliche Seite abgewinnen kann. Es fällt nämlich entweder durch eigene Schwäche und Uneinigkeit, und das ist beklagenswerth. Oder es wird gestürzt durch die steigende Macht der Linken; dann werden wir ein Ministerium bekommen, wie das von Roland, Servan u. s. w. in Frankreich war, sich stützend auf anarchische Massen, bis es in der allgemeinen Auflösung mit hinweggeschwemmt wird. -- Oder das Ministerium zieht sich zurück vor dem Könige, dem die Stellung eines constitutionellen Herrschers nicht zusagt und der doch in der letzten Zeit nichts Erhebliches gethan hat, seine wahren Freunde zu stützen und zu begeistern. Wer soll nun der demokratisch-revolutionairen Klubs Herr werden, die in Berlin ihr Nest aufschlagen wollen? Welch ein Mangel an wahren Männern, in Folge einer Verwaltung, die allen Beamten die Flügel lähmte und den für den besten hielt, der, wie ein begossenes Huhn, sich nicht über den Boden erheben wollte und konnte! -- Suchen die Ultraroyalisten und der König Hülfe bei den Russen, so trennt sich das übrige Deutschland ohne Zweifel von den Preußen, und Vieles vom alten Sauerteige dürfte in den neuen Brotteig gebacken werden. Beginnt man ohne fremde Hülfe einen Bürgerkrieg, so ist der Ausgang sehr zweifelhaft: es könnte Reich und Thron zusammenstürzen. Mit wahrem Muthe wäre jedoch Alles noch zu retten. -- -- --
Es hatten verlangt über die vollziehende Gewalt zu sprechen, 189 Redner. Ein Zeichen parlamentarischer Ungeübtheit und Plauderhaftigkeit. Ich steckte übrigens auch in jener Zahl, wußte aber schon im Voraus, daß ich nicht an die Reihe kommen und der Versammlung schon früher die Geduld ausgehen würde. Nun beschloß man gestern: einigen vorhandenen, oder vorausgesetzten Parteien aufzugeben, in +Privat+zusammenkünften je zwei Redner zu erwählen, die da noch sprechen sollten. Ich schreibe deshalb heute dem Präsidenten: der gestern gefaßte Beschluß, daß gewisse Personen in Privatzusammenkünften eine Zahl Redner auswählen, alle übrigen aber schweigen sollen, mag für den vorliegenden einzelnen Fall, als Nothbehelf zweckmäßig erscheinen; sollte aber hierauf eine Regel gegründet werden, so müßte ich, mit gleichgesinnten Freunden, dem Verfahren widersprechen, da es allen parlamentarischen Gebräuchen zuwiderläuft. Denn alle Diejenigen würden auf diesem Wege zu stetem Schweigen verurtheilt werden, welche für den einzelnen Fall keiner bestimmten Partei beitreten; oder bei keiner in Gunst stehen, oder (wie z. B. der edle Wilberforce und Andere in England) es für ein Recht und eine Pflicht halten, ihre Unabhängigkeit zu behaupten und die nicht blos scharfe Gegensätze erzeugen, sondern für feste, positive, erreichbare Zwecke vermitteln möchten. Dem Andrange einer Überzahl von Rednern, kann unseres Erachtens nur dadurch abgeholfen werden, daß Mehre nach freundlicher Verabredung ihre Namen ausstreichen lassen, wodurch die +Erwünschteren+ (aber in +anderer Form+) an die Spitze kommen; oder daß die +volle+ Versammlung unter den aufgeschriebenen Rednern aller verschiedenen Richtungen eine Wahl trifft; oder daß sie die Berathung schließt, was parlamentarisch allen Ansprüchen ein Ende macht.
Ich durfte so etwas sagen, da ich mich nie zum unnützen Reden vordrängte und das eine Mal nur um wichtige Thatsachen vorzulegen.