Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)
Part 6
Heute Vormittag besuchte ich zunächst den polnischen Grafen P., der mich verfehlt hatte. Er gehört zu den thätigsten Beförderern der Herstellung Polens, und ich habe mein Möglichstes gethan, ihn, in +dreistündigem+ lebhaften Gespräche, von unausführbaren Phantasien zurückzubringen und auf den Standpunkt des praktischen Staatsmannes zu stellen. Er blieb lange dabei: die polnische Nation verlange, daß das ganze Herzogthum Posen lediglich von Polen regiert, und die Deutschen ihrer Botmäßigkeit unterworfen würden. Die alte Landesgränze entscheide, und auf eine eingedrungene, oder eingeschmuggelte deutsche Bevölkerung (meist Beamte) komme es gar nicht an. Die deutschen Abgeordneten Posens möge man nicht zulassen, sondern (wenigstens provisorisch) ausschließen, und die Angelegenheiten des Herzogthums durch drei hier erwählte Polenfreunde ordnen lassen. -- Ich erinnerte zunächst an meine für Polen günstige Schrift, und dass ich nicht die Sünden seiner Bewohner, die wesentlich zur Theilung beigetragen, aufzählen wolle. Von 1756 bis 1763 habe Polen den Feinden Preußens allen Vorschub geleistet, sei nichts gewesen als eine russische Landschaft, und 1772 habe sich Friedrich II. gegen eine Wiederholung dieser Übelstände und Feindseligkeiten schützen wollen. Wenn (fuhr ich fort) Ihre Anträge im Ausschusse zur Berathung kommen, werde ich dagegen stimmen, als Freund der Deutschen +und+ der Polen. Um einige Hunderttausend Deutsche unter polnische Gewalt zu bringen, verscherzen sie leichtsinnig und muthwillig die Theilnahme von Millionen; sie trachten verkehrterweise sich einen Bestandtheil anzueignen, der ihnen immer feindlich bleiben und ihre Entwickelung hemmen wird. Auf die alte Landesgränze kommt jetzt (wo überall und +übertrieben+ die Nationalitäten hervorgerufen werden) gar nichts an, und die deutsche Bevölkerung ist da und muß anerkannt werden, und wäre sie auch vom Himmel ins Herzogthum Posen hineingeregnet. Sie hoffen auf den Beistand der hiesigen Linken; sie blamirt sich, wird unfolgerecht und richtet ihren eigenen Boden zu Grunde, wenn sie die Deutschen, um der Polen willen, feige oder fanatisch preisgiebt. Ordnen Sie das rein polnische Posen und Galizien; streiten Sie nicht um ein Paar Dörfer oder Quadratmeilen, hemmen Sie nicht durch Umtriebe aller Art die Entwickelung Deutschlands und Preußens, drängen Sie nicht zu einem Kriege, für den man keineswegs genügend gerüstet ist; lassen Sie uns Zeit, uns zu ordnen und zu stärken; wirken Sie durch Mäßigung, daß eine jetzt nicht mehr vorhandene Theilnahme für Polen zurückkehrt, und man (wie früher) die Gefahr wieder ins Auge faßt, welche von Rußland droht. Überwerfen Sie sich nicht ohne Noth mit den Regierungen und den Völkern Preußens und Österreichs, halten Sie nicht frankfurter Deklamationen für allmächtig; hoffen Sie nicht zu viel von der unsichern Regierung Frankreichs, das zuerst an sich, und nur beiläufig (wie einst Napoleon) an Polen denkt.
Meine aufrichtigen Worte (ich sprach im Eifer fließender Französisch, als wenn bloße ~caquetage~ verlangt wird) schienen einigen Eindruck zu machen. -- Auf dem Wege, den Sie betreten, schloß ich, wird Polen nicht hergestellt, vielleicht aber Deutschland zu Grunde gerichtet und getheilt.
Mein Vortrag über Schleswig, sagen Mehre, habe (durch die Kraft der Tatsachen) erheblich auf das Durchgehen eines gemäßigteren Beschlusses gewirkt. Nun so hätte ich +den+ Tag nicht verloren und meine Diäten verdient. --
Die wichtigen Angelegenheiten treten immer wieder und immer mehr in den Vordergrund, lassen sich immer weniger nach allgemeinen Grundsätzen entscheiden, lassen kaum das Wahrscheinliche vom Unwahrscheinlichen, das Mögliche vom Unmöglichen unterscheiden. Wir segeln mit vielerlei Winden, und müssen zufrieden sein, wenn wir nur in irgend einen Hafen einlaufen.
Den 14. Junius.
L. kehrt heute zu seinen Vorlesungen zurück. Mir liegt alles Universitätswesen jetzt so erstaunlich fern, als hätte ich nie mitgespielt und würde nie wieder mitspielen. -- Welch ein Wechsel der Ansichten und Verhältnisse! Mit wie jugendlicher Begeisterung spricht Joh. Müller von seinen göttinger Lehrern; er nennt vertrauensvoll, selbst mittelmäßige Leute, +groß+. Und jetzt: kein Vertrauen, keine Anhänglichkeit, höchstens kalte, achselzuckende Kritik, und ein Hochmuth, dem jede Verehrung als Knechtssinn erscheint. Die Nachwehen äußerer Noth und innerer Leerheit können für allweise, weltregierende Studenten nicht ausbleiben, und die Begeisterung, welche 1813 auch einmal das Studiren unterbrach, war doch so gewiß eine edlere, als der damalige unvermeidliche Krieg über unnöthige und willkürliche Straßenkrawalls und Katzenmusiken hinausreicht.
Hoffentlich ist die, alle gesetzlichen Formen zerstörende Nachricht unwahr, daß Wahlmänner aus eigener Macht ihre Wahl zurücknehmen wollen, sobald der Erwählte einmal nicht ihren Wünschen und Vorurtheilen gemäß stimmt. Sydow und Jonas müssen (wie unter der alten Regierung) muthig ausharren. Das Mißfallen der Straßengesetzgeber bringt ihnen Ehre. -- Auch hier ist täglich die Rede von Krawalls, Puffs, Putschs, -- und sobald Wählerschaften Leute wie Hecker wählen: was steht uns bevor, wenn sie in die Versammlung aufgenommen und wenn sie hinausgeworfen werden? Ihr seht, ich gerathe ins Melancholisiren, obgleich es erst sechs Uhr Morgens ist. Heute beginnen unsere Sitzungen wieder, und obgleich wir noch lange nicht beim +Kaiserschnitt+ sind, fühlen wir die Wehen schon allzustark.
Eilfter Brief.
Frankfurt a. M., den 14. Junius 1848.
Die Ehre, Mitglied des völkerrechtlichen Ausschusses zu sein, kostet viel Zeit. Denn neben dem Lesen der Akten und Flugschriften, muß man zahlreiche Besuche empfangen. Durch lange Gespräche mit unterrichteten (wenngleich oft leidenschaftlichen) Leuten lernt man indessen mehr und wirkt nützlicher, als wenn man große Reden in den Klubs anhört. Salomo sagt: Alles hat seine Zeit; ich sage dagegen: Manches hat +keine+ Zeit. Oder breiter ausgedrückt: für manches Unvernünftige hat der Vernünftige keine Zeit.
So eben verläßt mich ein Pole, C., mit dem ich ein Paar Stunden lang Gespräche geführt habe, denen ähnlich, welche ich mit dem Grafen P. hatte. Zuletzt bleibt doch etwas hängen zur Beruhigung und unbefangeneren Würdigung der Verhältnisse. Ich will Euch indessen nicht mit Wiederholung der Gründe und Gegengründe ermüden. Hr. C. hob hervor: das ganze Herzogthum Posen müsse beisammen bleiben; das hieß ihm, „unter polnischer Herrschaft,“ welche Jahrhunderte lang für die Deutschen nützlich und bequem gewesen. Ich blieb ihm jedoch keine Antwort schuldig und nannte es thöricht, wenn die Polen, zu eigenem Verderben, den deutschen Bestandtheil mit Gewalt unter sich aufnehmen wollten u. s. w., u. s. w.
Den 15. Junius.
Beim Eintritte in die Paulskirche bemerkte ich gestern mit Vergnügen, daß auf den Grund eines von mir entworfenen und von Mehren unterschriebenen Antrags grüne Vorhänge vor den Fenstern angebracht waren. Die hereinscheinende Sonne oder die weißen Rouleaus blendeten vorher auf unerträgliche Weise.
Die ganze Sitzung handelte von Errichtung einer deutschen Flotte. Bei der allgemeinen und lebhaften Stimmung für eine solche Unternehmung kam die Frage: ob? eigentlich gar nicht zur Berathung, und ebensowenig, wie viel sie, den großen Seemächten gegenüber, dereinst wirken und nützen werde. Der Krieg mit Dänemark hatte zunächst den obwaltenden Mangel hinreichend erwiesen. Ich will Euch nicht mit Mittheilung dessen ermüden, was man über den Bau großer oder kleiner Schiffe, über Zielen, Schießen, Treffen u. s. w. beibrachte, über das amerikanische, englische, französische System des Schiffbaues u. s. w. Ich besorge, daß wenn ein rechter Sachverständiger zugehört hätte, er alle Redenden für Bönhasen und Dilettanten würde erklärt haben. Die Berathung hatte aber, neben dem Technischen, sehr wichtige Seiten. So fragte sich zuerst (oder vielmehr, man fragte nicht viel danach), ob denn die verfassende Versammlung berechtigt sei, Beschlüsse über den vorliegenden Gegenstand zu fassen, ob er überhaupt zu ihrem Geschäftskreise gehöre? Von der laut vertheidigten und anerkannten Volkssouverainetät aus hält man ihre Allmacht für unbestreitbar, und überlegt höchstens, in wie weit man dieselbe will geltend machen. Eine zweite Frage war: ob man vorgehen könne und solle, bevor eine vollziehende Gewalt ernannt und in Thätigkeit, ob die Versammlung derlei Verwaltungssachen zweckmäßig zu führen im Stande sei? Man vereinigte sich dahin: daß die jetzt ergriffenen oder zu ergreifenden Maßregeln nur vorbereitender Art seien, daß man dadurch Zeit erspare, Vertrauen erwecke u. s. w. -- Der vollziehenden Gewalt wurde demnächst Alles zur weiteren Ausführung übergeben. Durch den Beschluß: jetzt drei Millionen und später wiederum drei Millionen, nach der zu berichtigenden Bundesmatrikel, aus ganz Deutschland aufzubringen, legte sich die Versammlung zum ersten Male das neue und wichtige Recht bei, Steuern zu bewilligen und auszuschreiben. Der Gedanke: sogleich +hier+ die Besteuerungsweise für ganz Deutschland zu bestimmen, fiel indessen glücklicherweise zu Boden. Er würde zu den lautesten Widersprüchen geführt und sich als ganz unausführbar erwiesen haben. Man überläßt den einzelnen Regierungen hierüber in gesetzlicher Weise das Nöthige zu bestimmen; -- und selbst dann wird das Einzahlen jetzt die größten Schwierigkeiten finden. Sehr wichtig ist endlich der Umstand, daß jetzt zum ersten Male für ganz Deutschland ein allgemeiner materieller Zweck vorgesteckt und darüber etwas beschlossen wird, und die Süddeutschen diesmal nicht blos reden, sondern auch zahlen sollen.
Die Linke ergriff wieder den Gegenstand, um zu rhetorisiren und zu frondiren. S., der (laut allen Nachrichten) seine Arbeiter am härtesten behandelt, sprach von ihrer vollständigen Armuth und ihrem Hungern, und zugleich, als wolle man +ihnen+ die Aufbringung der Kosten für die Flotte auflegen. Nachdem ihm diese dumme Rederei das beabsichtigte erste Bravo der Galerie verschafft hatte, folgte (wie vorherzusehen war) eine Anklage der Wohlhabenden, der Reichen und der Fürsten. Deren Einnahmen mit Beschlag zu belegen ist die, gar nicht mehr verborgene, Absicht gewisser Leute. Bei den Fragen über die Fragstellung und die wörtliche Fassung des Beschlusses, bewegte sich der Präsident auf einer Bahn mit Hindernissen, und es gab sich die alte deutsche Schwerfälligkeit und Wortklauberei wieder einmal kund.
Gegen Abend ging ich zum holländischen Gesandten, Hrn. von Scherff, der mich verfehlt hatte. Der Gegenstand des langen Gespräches waren die Angelegenheiten Limburgs, worüber der völkerrechtliche Ausschuß berichten soll. Hievon (da das Verwickelte Euch nicht interessiren kann) für jetzt nur so viel. Der wiener Congreß hat, auf unverantwortliche Weise, Deutschland von der Maaß abgeschnitten, und es zeigt sich keine Möglichkeit in diesem Augenblicke, diese Sünde wieder gut zu machen. Die Einwohner Limburgs sehen umher, wo die Steuern am höchsten sind, in Holland, Belgien oder Deutschland, und möchten deshalb sich ganz diesem anschließen und die Verbindung mit Holland auflösen. Die letzte ist allerdings sehr unbequem, beruht aber auf Verträgen, die man nicht einseitig ändern kann. In wiefern dies, nach Entwerfung einer neuen deutschen Verfassung (z. B. hinsichtlich des Zollwesens) nöthig wird, läßt sich noch nicht übersehen. Man wird zunächst dies Alles der zu gründenden vollziehenden Gewalt zuweisen müssen, damit sie diplomatische Verhandlungen anknüpfe.
Ich schrieb Euch, daß Hecker für Frankfurt erwählt ward, und lege sein anarchisches, fanatisches, zu Bürgerkrieg hinweisendes Manifest bei. Leider sind aber die so eben erst aus dem Schlafe erwachenden Deutschen zum großen Theile der Meinung: aus völligem Zerstören alles Bestehenden, aus dem anarchischen Chaos, gehe das Eldorado einer beglückenden Freiheit hervor. Sie sehen nicht, welchem Despotismus sie in die Hände arbeiten; die Verführer ahnen nicht, daß eine unerbittliche Nemesis sie erreichen muß, Niemand weiß, ob die hiesige Versammlung den Muth haben wird, H. zurückzuweisen; wahrscheinlicher, daß man den Zurückgewiesenen wieder wählt. -- Wo sitzt nun die eigentliche Volkssouverainetät? In den von vielen Millionen („nach der breitesten Grundlage“) erwählten Abgeordneten, oder den von Hecker zusammengetrommelten Crethi und Plethi? -- Gott bessere es! -- Wir rollen den Stein des Sisyphus! Briefe schreiben ist eine Ableitung des kranken Stoffes; der Stein liegt dann nicht mehr auf der Brust und man kann sich einbilden, ihn eine Zeit lang mit Füßen zu treten.
Die Behandlung Sydow’s und Arnim’s ist skandalös! Wenn nicht Feigheit und böser Wille vorherrschte, müßte man doch einmal irgend einen der nichtsnutzigen Ruhestörer verhaften und strafen können. Man sollte glauben, Polizei, Magistrat, Stadtverordneten, Bürgerwehr wären gar nicht vorhanden. Wie ganz anders benahm man sich in London, und selbst in Paris.
Der zweite preußische Landtag, „auf die breiteste Grundlage gegründet,“ -- nimmt sich viel schlechter aus, als der erste; und auf das frühere Lob fremder Völker wird bittere Kritik nicht ausbleiben. Alles zu Allem gerechnet, sind für Frankfurt tüchtigere Männer erwählt als für Berlin, und besonders in den minder zahlreichen Ausschüssen fehlt es nicht an Verstand, Haltung und Mäßigung. -- So schön jetzt die nächsten Umgebungen Frankfurts sind, wäre ich doch lieber mit Euch in unserem kleinen Garten. Könnte man nur Auge und Ohr gegen tausend andere Dinge verschließen. Nun genug des Lamentirens, und zum Schlusse das alte Motto: ~nil desperandum~.
Hier ist noch Alles ruhig; die Stimmung aber, besonders gen Baden hin, revolutionair. Vielleicht erhält Frankreich jedoch noch eher +einen+ Herrn, als in Deutschland der republikanische Betteltanz losgeht. Wenn man (wie ich) die nordamerikanischen Freistaaten bewundert, möchte man verzweifeln, wenn man sieht, aus welchen Bestandtheilen man hier Freistaaten errichten will. Tugenden gehören dazu, welche unsere Raisonneure am wenigsten besitzen: Mäßigung und strenge Achtung vor den Gesetzen.
Zwölfter Brief.
Frankfurt a. M., den 15. Junius 1848.
Hierauf ein Besuch des Hrn. Bassermann, den ich verfehlt hatte. Der vernünftige Mann, welcher zuerst den kühnen Gedanken von einem allgemeinen deutschen Parlamente aussprach, wird jetzt auch schon verlästert und verketzert.
Jetzt erschien wiederum ein polnischer Abgeordneter, Graf P. Ich könnte mir einbilden, daß meine immer nachdrücklich wiederholten, dialogischen Vorstellungen Eindruck machten. Wenigstens ward er mit mir einig: die rein deutsche Bevölkerung müsse von der polnischen getrennt und zu Deutschland geschlagen werden. Die gemischte Bevölkerung müsse man nach gütlicher Übereinkunft durch unparteiische Beauftragte, der deutschen oder polnischen Seite zuweisen. Die Festung Posen müsse (selbst zum Besten der Polen) in preußischen Händen bleiben. -- Ich will die Gründe für diese Vorschläge nicht wiederholen. Es folgt aber gar nicht daß, was Graf P. heute billigt, ihm nach genommener Rücksprache mit mehr fanatisirten Polen, noch morgen billig und nützlich erscheint. So lauten z. B. die Anträge des pariser polnischen Ausschusses hinsichtlich der deutschen Bevölkerung auf unbedingte Unterwerfung unter die zu errichtende polnische Regierung. Die Juden sollen ferner in keinem Falle der deutschen Bevölkerung hinzugerechnet werden u. s. w. Ich habe übrigens dem Grafen P. offen gesagt, was der Ausschuß +wahrscheinlich+ annehmen und verwerfen dürfte, und für und gegen welche Anträge ich stimmen würde.
Den 16. Junius.
Ich erfuhr gestern, gewiß nicht zu Eurer Freude, daß die Abgeordneten vieler demokratischen Vereine so eben beschlossen haben, Berlin zum Mittelpunkte aller ihrer Bestrebungen zu erheben und Emissaire u. s. w. dahin zu senden, um wo möglich durch ihre anarchischen Bestrebungen den preußischen Staat (der allein noch einige Haltung hat) auseinander zu sprengen. Wenn, wie man erzählt, die berliner Bürgerwehr nur dann einschreiten will, wenn Eigenthum bedroht wird, nicht aber bei politischen Bewegungen (wie gegen Arnim und Sydow), so wäre dies ein höchst einfältiger oder höchst böswilliger Beschluß. Haben denn die politischen Bewegungen nicht schon die Hälfte alles Vermögens hinweggenommen, und ist dem Mißhandelten seine Haut nicht so nahe und noch mehr sein Eigenthum, wie andere entbehrlichere Dinge? Sollen Sydow und Arnim erst klagen, nicht wenn man ihnen den Hut vom Kopfe schlägt, sondern wenn man ihn stiehlt? Die 10 Gebote sind aber freilich auch nicht mehr ~à la hauteur du jour~, wie in der hiesigen Versammlung gehaltene Reden zeigen. -- Die Thätigkeit der Demokraten ist ungemein groß, sie haben ein festes Ziel, scheuen kein Mittel, verlocken durch die Aussicht jeden Wohlhabenden nach Belieben zu schatzen, die Fürsten wegzujagen und ihr Eigenthum zu vertheilen. Die matte, feige, wankelmüthige Defensive der Fürsten und Regierungen vertilgt alles Vertrauen, und erhebt noch weniger zu thätiger Begeisterung. Kann man doch in Berlin nicht einmal zu dem in Paris gefaßten, so nothwendigen als löblichen Beschlusse kommen, mit Nachdruck die Straßenunruhen zu beenden und die heillosen Maueranschläge zu verbieten.
Im Badenschen denkt man bestimmt daran, die regierende Familie wegzujagen. Täglich rückt die Gefahr näher. Ein allgemeiner deutscher Bund könnte gewiß monarchische +und+ republikanische Staaten in sich begreifen (wie es ja auch früher der Fall und die Zusammensetzung viel mannigfaltiger war), allein wenn die letzten durch Gewalt entstehen, ist eine Beruhigung und Versöhnung unendlich schwer. Hat man sich nicht 30 Jahre lang bekämpft, bevor man begriff, daß Katholiken und Protestanten friedlich nebeneinander leben können? Gehen wir politisch einer ähnlichen Jammerzeit entgegen, oder werden die Ultramontanen auch die religiöse Duldung hier von Neuem angreifen? -- Es ist mehr als wahrscheinlich, daß, während eine Partei nur an Republiken denkt, eine andere die großen unabhängigen Erzbisthümer mit Kirchenfürsten herstellen möchte. Diesen wäre auch wohl ein Schattenkaiser in Frankfurt und ein ihn gängelnder, mächtiger Papst in Rom willkommen. Gott weiß, was das Chaos gebären wird; etwas Neues muß nach dieser Schwängerung nothwendig in die Welt kommen; denn der jüngste Tag ist noch nicht vor der Thür.
In der heutigen Sitzung des völkerrechtlichen Ausschusses kamen die allerbuntesten, wunderlichsten, uns zugestellten, Anträge zu vorläufigem Vortrage. Sie betrafen alle Länder und Völker Europas und Amerikas, Krieg, Frieden, Zölle, Auswanderungen, Abtretungen, große Proklamationen, und abermals Proklamationen u. s. w. Man theilte die Schaaren ein in Unterabtheilungen, und für jede Abtheilung erwählte man durch Abstimmung einen vorläufigen Berichterstatter. Mir wurden zu Theil: Anträge auf eilige Beendung des österreichisch-italienischen Krieges, Schutz oder Aufgeben Triests, Abtreten oder Nichtabtreten Südtirols u. dgl. Ich erklärte: über gewisse geschichtliche Curiositäten, auf welche Einige Gewicht legten, sei ich nicht unterrichtet; indessen schienen mir jene Anträge im Ganzen durchaus unzeitig, und ich sei entschieden dagegen, mit thörichter Großmuth Landstrecken abzutreten, während Niemand ähnliche Großmuth gegen Deutschland übe. Diese und ähnliche Bemerkungen, befreiten mich aber nicht von jenem Auftrage, und so will ich denn zunächst eine, für mich belehrende Rücksprache, mit dem österreichischen Gesandten Herrn v. Schmerling nehmen.
-- kommt so eben aus einer Versammlung der Abgeordneten demokratischer Vereine. Er sagt, die wilde Leidenschaft der Vorträge, die Gewaltsamkeit der vorgeschlagenen Mittel, und die Thorheit der Zwecke sei solcher Art gewesen, daß er geglaubt, er sei zu gleicher Zeit im Tollhause und in einer Mördergrube. Diese Leute ziehen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, Alle verlockend, verführend, verdutzend, verdummend, verwildernd. Berlin soll von jetzt an ihre Residenz, ihr Hauptquartier sein. Wahrt Euch, ehe es (wie beim gestürzten Ministerium) +zu spät+ ist!!
Gestern, 16. Abends, hörte ich zu meiner größten Betrübniß, daß in Berlin schon wieder Skandal gewesen. Wird denn Niemand der völligen Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft entgegentreten? Sind denn die Stadtverordneten nichts wie Knechte des Pöbels? Und der Reichstag! Will man es durchaus bis zu einem Bürgerkriege der Landschaften, gegen den Pöbel und die Feiglinge der Hauptstadt treiben? Gott helfe weiter, denn wir helfen uns leider nicht einmal in den Dingen, wo menschliche Hülfe nöthig ist und ausreicht.
Dreizehnter Brief.
Frankfurt a. M., den 18. Junius 1848.
Der alte Spruch findet hier volle Wahrheit, daß die Sorge den Menschen nie verläßt: sie geht mit zu Bett, tritt im Traume vor Augen, steht Morgens mit auf u. s. w. Und hat man sich mit den frankfurter Sorgen etwas abgefunden, so langt eine neue Last mit der berliner Zeitung an, des übrigen Europa nicht zu gedenken! Die Republikaner haben hier +ganz öffentlich+ vielerlei tolle Dinge beschlossen, darunter die sogenannte Emancipation der Frauen. Wichtiger und folgenreicher ist es, daß sie einen Ausschuß von sieben Personen erwählten, um nach Berlin zu gehen und mit Hülfe von „60,000 +bewaffneten+ Proletariern“ Stadt und Land zu revolutioniren. Alle Könige und Fürsten, sagen sie laut, sollen mit einem Schlage in Deutschland vernichtet werden. Und wenn Schwäche und Muthlosigkeit fortdauern wie bisher, ist dies nicht blos möglich, sondern wahrscheinlich. Wie unentschlossen hat sich der berliner Reichstag in Bezug auf die argen Frevel des 14. benommen, wie achselträgerisch, mit dem Gesindel liebäugelnd, sich fürchtend, Alles -- glatt streichend. Keine Spur gerechten, großartigen Zornes, keine Maßregel die des Erwähnens werth wäre, keine Strafe, sondern unter Lächeln und Händedrücken ein vertrauensvolles Fraternisiren mit Denen, welche die Verbrechen begingen, oder doch ihre Schuldigkeit nicht thaten!!
Auch der censurfreien Presse scheint der Pöbel ein härteres Joch und einen schärferen Zügel aufgelegt zu haben. Doch genug über diese furchtbaren Miserabilitäten. Arg ist es hier auch, aber doch nicht so arg.