Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)

Part 5

Chapter 53,164 wordsPublic domain

Der Antrag, welchen ich meinem letzten Briefe beilegte, über die Errichtung einer engern Regierungsgewalt, ist von großer Wichtigkeit und bedeutenden Folgen. Deshalb sagen Einige: man hätte ihn gar nicht machen sollen, da die bisherigen Mittel und Formen zu den angestrebten Zwecken hinreichten, die Entwerfung und Annahme einer neuen deutschen Verfassung abzuwarten ist, und die Gewalt der (ohnehin zu anmaßenden) Reichsversammlung dadurch übermäßig erhöht wird. Denn die drei Direktoren verwandeln sich gewiß bald in gehorsame Diener der Versammlung; was in letzter Stelle zum Widerspruch der einzelnen Staaten und zum Verfehlen der bezweckten Einigkeit führt. -- Diese Ansichten und Gründe entbehren keineswegs aller Wahrheit; es ist aber bei der jetzigen Stimmung der Versammlung ganz unmöglich, dieselben durchzusetzen, und die Ernennung einer Regierungsbehörde ganz zu vermeiden. Man muß diese, als einen auf wenige Personen zusammengedrängten Bundestag betrachten, und die Wahl auf Männer allgemeinen Vertrauens richten, oder (da dies so häufig wechselt) auf Männer solcher Geistes- und Willensstärke, daß sie sich Ansehen erzwingen. Die Besorgniß, daß sich die zwei andern Direktoren, stets wider den preußischen vereinigen würden, ist bei der jetzigen Lage Österreichs wohl nicht zu befürchten. Eher dürfte Preußen oft in der Minderzahl bleiben, wenn man die Zahl der Direktoren auf fünf erhöhte. -- Hoffentlich hält sich die Versammlung in den ihr (obwohl etwas zweideutig) gesetzten Schranken, und lähmt nicht die Wirksamkeit und nothwendige Unabhängigkeit durch stetes Einreden und die sonst so lebhaft getadelte Vielregiererei. Mehr hievon, wenn die Sache in der Versammlung zur Berathung kommt.

Für die schwierige und mit Worten nicht zu lösende Frage: „über die Verhältnisse der Slaven zu den Deutschen in den österreichischen Staaten“, ward heute ein besonderer Ausschuß ernannt, und dabei geltend gemacht, daß die bedrängte österreichische Regierung einer deutschen Unterstützung bedürftig sei und sie verdiene. N. wollte hierauf entwickeln, was sich, besonders hinsichtlich Italiens, gegen die österreichische Regierung sagen lasse, und sprach dabei von ihrer +Thorheit+. Dieser Ausdruck ward von Etlichen, selbst vom Präsidenten gerügt. Anstatt ihn sogleich zurückzunehmen oder höflich zu berichtigen, suchte er seine Angemessenheit zu erweisen; was jedoch zu lebhafterem Widerspruche, besonders seitens mehrer Österreicher führte und seine Sache immer mehr verdarb. -- So hat er durch ein der Wahrheit nachtrachtendes, aber zu schroffes, unvermittelndes Verfahren, sich Das zugezogen, was ich ihm vor drei Tagen buchstäblich weissagte.

Bei einem andern Zwischenspiel offenbarte sich wieder einmal die, anderes Böse bezweckende, Abneigung gegen Preußen. Robert Blum (und ähnlich gesinnt zeigen sich mehre sächsische Abgeordnete) behauptet von einem (nicht genannten) Minister gehört zu haben: daß Preußen mehren deutschen Staaten den Rath gegeben, durch landschaftliche Versammlungen, die Wirksamkeit der frankfurter zu vernichten oder sie gewissermaßen zu sprengen. -- Wäre ein ähnlicher Rath gegeben, so könnte es nur den Sinn haben, die +allgemeinen+ deutschen Rechte und die der +einzelnen+ Staaten in ein richtiges Verhältniß zu bringen. Nun übergiebt aber ein preußischer Abgeordneter ein amtliches Schreiben unseres (verantwortlichen) Ministers der auswärtigen Angelegenheiten des Hrn. v. Arnim, worin dieser +feierlich+ läugnet, daß jemals Schreiben in jener Beziehung erlassen worden. -- Ueberdies behauptet R. Blum: sein ungenannter Minister (oder, wie jetzt die Sachen stehen, seine Klatscherei) verdiene ebenso viel Glauben. Man hat ihn aber hiemit nicht durchgelassen, sondern darauf gedrungen, daß er Beweise beibringe, damit man sehe, wo das Unrecht stecke, bei Arnim, dem Unbekannten, oder R. Blum.

Den 8. Junius.

Gestern war ein wunderschöner Abend; ich ging um einen Theil der mit Gärten und schönen Anlagen umgebenen Stadt. Blühende Rosen und Sträucher, Bäume noch im frischesten Grün, und eine Himmelspracht und Glut, die nicht glänzender sein konnte. Solche erheiternde und beruhigende Augenblicke thun hier wahrlich noth.

Viele preußische Abgeordnete sagen: Preußen ist überall (besonders in Sachsen und Süddeutschland) so unbeliebt, so verläumdet, so verhaßt, daß man schlechterdings schweigen muß, um das Uebel nicht noch zu erhöhen. Jedes bestimmtere Auftreten, jedes zur Vertheidigung gesprochene Wort hat gefährliche Wirkungen und kann Alles verderben. -- Ich habe zeither dieser Schlußfolge widersprochen, mich aber dennoch ihr murrend gefügt. Das muß aber ein Ende nehmen. Täglich wird Preußen angegriffen und verdächtigt, täglich muß man sich von Maulhelden behandeln sehen, als wäre man angesteckt, verpestet, von Gewissensbissen geplagt, und wohl gar noch dankbar für die verdiente, gnädige Strafe. Seit 14 Tagen sitze ich überbescheiden da, wie ein stummer Hund, der nicht bellen kann. Meine Geduld ist zu Ende, und ich werde Gelegenheit suchen und +finden+, meinen Mund aufzuthun. Die Champagnerflasche ist nicht flattirt, sonder injuriirt und der Pfropfen muß heraus. Für das Ganze kann daraus nichts Böses folgen; mein Gewissen spricht mich frei, und Zischen und Trommeln soll mich nicht abhalten, nach ~Dr.~ Luther’s Spruch zu verfahren.

In der heutigen Sitzung wurden Berichte der Ausschüsse vorgetragen über Schleswig-Holstein, Luxemburg und die zu gründende deutsche Flotte. Hierauf Verhandlungen, ob die Reichsversammlung in Frankfurt sicher sei, zu ihrer Sicherung Vorkehrungen zu treffen, Commissionen zu ernennen, oder mit dem hiesigen Magistrate Verhandlungen zu eröffnen. Alle Vorschläge wurden zuletzt abgelehnt, weil die Gefahr nicht erwiesen, Furcht nicht zu zeigen und Verhandlungen mit dem (wohlgesinnten) Magistrate überflüssig, oder der Versammlung nicht würdig seien. Beiläufig kam zur Sprache daß man, nöthigen Falls, die Versammlung nach Erfurt, Nürnberg, Regensburg, Wien verlegen solle.

Nochmals Vorträge über R. Blum’s Anklagen. Er wiederholt, daß das Vorgebrachte, ihm und zwei namhaft gemachten Zeugen von einem Minister gesagt worden. Nachdem Auerswald und Lichnowsky gegen, Schaffrath für ihn gesprochen, nahm die widerwärtige Erörterung (über welche noch Unzählige sprechen wollten) ein unentscheidendes Ende.

Achter Brief.

Frankfurt a. M., den 9. Junius 1848.

Ihr glaubt nicht, welche Anzahl von Anträgen und Gesuchen bei der Versammlung eingehen! Alles, vom Größten und Wichtigsten, bis zum Kleinsten und Unbedeutendsten, wird zur Sprache gebracht; die Abgeordneten hätten damit bis zum jüngsten Tage zu thun und würden dennoch nicht fertig! Indessen dient dies andererseits dazu, auf unsere Hauptaufgabe hinzuweisen, und die Thätigkeit des Verfassungsausschusses zu erhöhen. Die (deutsche) Breite, welche man mit Recht unseren alten Behörden zum Vorwurf machte, thut sich jedoch auch hier schon kund, und hindert regelmäßige schnelle Fortschritte. Wenige haben das Talent gut den Vorsitz zu führen; oder wer dasselbe geltend machen will, verletzt die breitspurigen Redner, oder Kohlmacher. Für die Klubs und die Rederei spät Abends, wird von Manchen noch fleißig geworben; während Andere allmälig den Geschmack und den Glauben daran verlieren. Man bedenke, Sitzung 5-6 Stunden, Ausschuß 2-3 Stunden, Lesen der Drucksachen eine Stunde; und nun soll nach 9-10 Stunden ernster Anstrengung und Berathung, ein abgeklatschtes ~Da Capo~ angeblich nützen, belehren, erfreuen. ~Credat Judaeus Apella.~ Mir genügt Abends das Gespräch mit wenigen Personen, und dann um 10 Uhr zu Bett. Deshalb entschuldigte ich mich gegen B., bei Herrn B. einer Gesellschaft von Herren und Damen beizuwohnen, welche um die Zeit beginnt wo ich mich zu Hause nicht festlich ankleide, sondern bequem auskleide, und welche um die Zeit am lebhaftesten ist, wo ich am festesten schlafe. -- ~Ecce signum~, den alten Mann! Und wenn er auch das Alles noch mitmachen +könnte+, so +will+ er es aus Gründen nicht, die +ihm+ vollkommen genügend erscheinen.

Gestern Abend ward ich im Schwane nochmals dringend aufgefordert, Preußen wie ein ~noli me tangere~ zu betrachten und zu behandeln. Nun, ich will den wohlgemeinten, wiederholten Rath nicht unberücksichtigt lassen, Niemand angreifen, Niemand verletzen, von den zu Gebote stehenden Kriegsmitteln wenig Gebrauch machen; obgleich dies heißt: mit halbem Winde segeln und mit Hemmschuhen fahren.

Das Liebäugeln der Franzosen mit Deutschland erinnert an das ~Timeo Danaos dona ferentes~, und die republikanisch-polnische Partei würde Deutschland opfern, angeblich um Polen herzustellen. Diese Freundschaftsversicherungen aus Norden und Süden, erinnern 1848, an das Jahr 1648 wo Deutschland so heruntergekommen war, daß es sich seiner eigenen Zerstückelung fast freute. Nur noch ein Jahr europäischer Friede, dann wird (ich hoffe es) der gesunde Menschenverstand der Deutschen obenauf bleiben. Krieg zerstört alle unsere hiesigen, ja alle guten Bestrebungen, und führt nicht (wie Einige und die Eifrigsten leider wähnen) zu republikanischer Freiheit, sondern durch Anarchie hindurch zur Despotie, oder -- zur entsetzlichen Theilung Deutschlands! -- Unter so vielen, fieberhaft aufregenden Sorgen, habe ich die erste, große Freude darüber gehabt, daß der berliner Reichstag, Camphausen’s Rede über den Prinzen von Preußen so theilnehmend und beifällig aufgenommen. Auch die edle Prinzessin erblickt endlich an ihrem einsamen Strande, die tröstende Morgenröthe. -- -- -- -- Könnte man sich wundern daß hochgestellte Personen, wenn sie derlei Erscheinungen erleben, zu Menschenhaß aufgeregt, oder doch gegen Lob und Tadel gleichgültig würden?

Wie ich, in den Augen gewisser Leute, binnen Jahresfrist aus einem ultra-liberalen Rebellen, ein knechtischer Royalist geworden bin; so wird man mir vorwerfen aus einem Polenfreunde (siehe meine Schrift über den Untergang Polens und meine geschichtlichen Beiträge) ein Polenfeind geworden zu sein.

Ich höre mit Schrecken, daß Jemand einen Plan entworfen, wie die Paulskirche im Winter am besten zu heizen sei; doch hoffe ich es soll nur ein Schreckschuß sein, um auf die Nothwendigkeit raschen Fortschritts hinzuweisen. Mehre Abgeordnete lassen ihre Frauen nachkommen; gut für jene, während die Frauen viel allein sein werden.

Den 10. Junius.

Gestern war eine sehr wichtige und anziehende Sitzung, welche nur durch die eigensinnige Forderung der Linken, über eine Frage durch namentlichen Aufruf abzustimmen, einen höchst langen und langweiligen Anhang bekam. Sie dauerte von 9-4 Uhr, und betraf die schleswig-holsteinische Angelegenheit. J. und B. sprachen in revolutionair-heftiger Weise, z. B. es komme auf geschichtliche und bestehende Rechte gar nicht an; +man+ habe sich (d. h. die 50 und das Vorparlament) +Rechte genommen+: was denn freilich die Rechtsfrage zur Seite wirft, und sich ganz auf den Boden der Macht und Gewalt hinstellt; welche praktisch geltend zu machen, es uns aber eben an genügenden Mitteln fehlt. G. hatte freilich ein Universalmittel in der Tasche, oder sprach es vielmehr mit erstaunlichem Glauben an seine Wirksamkeit laut aus: „die Versammlung möge beschließen, es solle sich niemals eine fremde Macht in die deutschen Angelegenheiten mischen!!!“ -- Die Versammlung war aber doch zu praktisch, auf einen solchen unpraktischen und nutzlosen Antrag einzugehen. Ebensowenig wirkte seine angebliche Entdeckung, daß auch die Jütländer zum deutschen Stamme gehörten. -- Dahlmann sprach gemäßigt; Waitz sehr verständig, besonders gegen jene Revolutionaire; Heckscher aus Hamburg scharfsinnig und muthig; mehre Schleswiger rhetorisirend um dadurch die, gewöhnlich bei schwachen Constitutionen durchschlagende, Wirkung hervorzubringen.

Endlich habe auch ich meine Jungfernrede (~maiden speech~) halten +müssen+! Da ich sie, nach meiner Weise vorher weder auswendig gelernt, noch niedergeschrieben hatte, so bleibt der anliegende stenographische Bericht (trotz seiner Mängel) die beste Quelle. Weil die Zeit beschränkt war, und so viele Redner herzudrängten, so habe ich kaum die Hälfte von Dem gesagt, was ich eigentlich sagen wollte, und dem „+höre bald auf+,“ Folge geleistet. Ich will, trotz der Bravos am Schlusse, nicht sagen daß meine Rede allgemeinen +Beifall+ gefunden; die mitgetheilten Thatsachen erweckten aber allgemeines +Interesse+, und selbst Anführer der Linken bezeugten, ich hätte gesprochen mit Anstand und ohne zu verletzen. Vielleicht mißbilligen eher einige Mitglieder der äußersten Rechten, daß ich rücksichtslos Wahrheiten ausgesprochen, die sie lieber verheimlichten. Mir behagt aber weder der tölpelhafte Enthusiasmus der äußersten Linken, noch die rückhaltende Diplomatik mancher ihrer Gegner. Ich gehe, ungestört durch Beifall oder Mißfallen, den Gang, welchen ich für den rechten halte. Ich hoffe Ihr seid bereit mitzugehen.

Neunter Brief.

Frankfurt a. M., den 11. Junius 1848.

Ich muß noch einmal klagend auf die namentliche Abstimmung am neunten zurückkommen. Die Frage war: sollen die Friedensschlüsse zwischen Deutschland und Dänemark dem verfassenden Reichstage zur +Bestätigung+ vorgelegt werden? Die eine Partei sagte +Ja!+ weil dadurch die deutsche Ehre besser gewahrt und die Macht der Versammlung +erhöht+ wird. -- Die zweite Partei entgegnete: +Nein!+ weil jenes Geschäft gar nicht zum Wirkungskreise der Versammlung gehört, und sie dadurch denselben ungebührlich, eigenmächtig und gefährlich erweitern würde. Wenn unsere Gegner ferner sagen, daß die Sache selbst hiedurch gewinnen werde, so wollen wir nicht den Satz umkehren und sagen, daß ihr dadurch geschadet werde; wohl aber müssen wir darauf aufmerksam machen, daß die diplomatischen Verhandlungen hiedurch weitläufiger und erschwert werden; ja zu besorgen ist, daß das englische Ministerium (insbesondere der entschlossene Vermittler Lord Palmerston) nicht geneigt sein dürfte, sich in Frankfurt anmaßlich beurtheilen zu lassen und gleichsam auf den Moquirstuhl zu setzen. Ohnehin werden die befreundeten Mächte, vor allen Preußen, von selbst Das durchzusetzen suchen, was der Reichstag wünscht und bezweckt. -- So in aller Kürze die Gründe und Gegengründe.

Sehr gescheit verlangte die Linke den namentlichen Aufruf; denn sie harrte muthig aus, während Viele der sogenannten Wohlgesinnten das Mittagsessen vorzogen und davongingen! Ferner (eine höchst jammervolle Erscheinung) stimmten beim Aufstehen nur etwa 70 höchstens 100 für Ja! während sich diese Zahl (und hierauf hatte die Linke gerechnet) beim namentlichen Aufrufe bis zu 200 erhöhte!! So die Wirkung erbärmlicher Furcht, und des Wunsches sich bei den unwissenden und aufgeregten Massen beliebt zu machen!

So schwierig auch die Lage Preußens erscheint, ist doch die Österreichs viel verwickelter und schwieriger. Allerdings macht uns schon der kleine polnische Bestandtheil viel Noth; wie soll aber Österreich seine Völkermusterkarte in einem Augenblicke beisammen erhalten, wo man bis zur Übertreibung auf Sonderung der Völkerstämme dringt. Die wiener Anarchie wird ein Ende nehmen, denn das Deutsche findet sich wieder zum Deutschen und verständigt sich. Wie aber den Haß der slavischen Stämme gegen Deutsche und Ungarn aussöhnen? Wie Böhmen und Mähren bei gemischter Bevölkerung behandeln und sondern? Ist es räthlich und möglich ein großes Slavenreich zu bilden und dem russischen entgegenzustellen? Oder wird dies Alles verschlingen? Reichen besondere Verfassungen und eigenthümliche Einrichtungen aus, um die Aufgeregten zu beruhigen, welche +eine+ allgemeine Verfassung für unmöglich und unklug halten? Könnten drei österreichische Prinzen, Könige der Ungarn, Slaven und Deutschen, und doch eine Art von Mittelpunkt für Alle gefunden werden! -- So drängen sich unzählige Fragen, deren Beantwortung aus der Ferne und auch wohl in der Nähe unendlich schwer ist, und deren Lösung Niemand vorhersehen kann. Gewiß wird die alte Mischung nicht fortdauern, oder nicht herzustellen sein.

Muthigere Österreicher erklären sich günstiger über Hergang, Zusammenhang und Zukunft. Österreich, sagen sie, war ein Conglomerat von Staaten, hauptsächlich zusammengehalten durch ein Netz von Beamten und Soldaten. Nur +diese+ nannten sich +Österreicher+; alle andern Personen nannten und fühlten sich dagegen nach ihrem Geburtslande, als Böhmen, Mähren u. s. w. Dies Gefühl, diese Richtung ward verstärkt, weil die österreichische Regierung (abweichend von Preußen) auch die geistige Bildung und Entwickelung hemmte und verknechtete. Nur innerhalb der Nationalitäten verstattete man eine etwas größere Freiheit, schon weil weniger Personen böhmisch, ungarisch u. s. w. lasen, als deutsch. Gutentheils daher der Eifer für jene volksthümliche Literaturen, und eine steigende Begeisterung für nationales Abschließen. Man darf sich nicht wundern, daß nach so lang getragenen, endlich gebrochenen Fesseln, das richtige Maß überschritten wird, und man über Weg und Ziel nicht im Klaren ist. Allmälig bessern sich diese Verhältnisse, den einzelnen Völkerstämmen wird und muß man einen großen Theil der Selbstregierung überlassen; dann kehren alle ihre Blicke wieder auf den alten Mittelpunkt, und Österreich wird (gereinigt von alten und neuen Hemmnissen und Irrthümern) sich mächtiger erheben, denn zuvor. Daß sich alle Slaven an Rußland anschließen würden, ist nicht zu befürchten, und die große Überzahl der Bewohner Galiziens ist mehr österreichisch, als polnisch gesinnt. Ein österreichischer Offizier fragte einen Haufen bewaffneter galizischer Landleute: was habt ihr vor? -- Wir wollen die Polen todt schlagen. -- Ihr seid ja selbst Polen. -- Nein, die Edelleute sind Polen; wir sind österreichische Bauern. So die galizischen Vorübungen zur Herstellung der sogenannten polnischen Republik.

Den 12. Junius.

Nachdem ich bei einem langen Jammer- und Jeremiadenduett mit -- willig die zweite Stimme gesungen, bin ich ihm wegen seiner bloßen +Verneinungen+ zu Leibe gegangen. Niemand läugne die Krankheit; es handele sich aber für den angestellten Arzt nicht blos davon, gleichgültig oder verzweifelnd zu sagen: du mußt sterben! sondern Heilmittel aufzusuchen und anzuwenden. Der jüngste Tag sei doch noch nicht vor der Thür, und die Kinder und Kindeskinder würden dereinst mit großem Rechte die Väter und Großväter tadeln können, wenn diese nichts zum Vorschein gebracht, als ein endloses, fruchtloses, langweiliges OJe und OWeh! Hat man nicht 1813 sich auch aus einer dunkeln Nacht wieder zum Tage emporgearbeitet? Und kann man die Übel nicht vertilgen, so kann man sie doch mindern, oder mit der Beruhigung untergehen, seine Pflicht nach Kräften erfüllt zu haben.

Daß die Polen einen Krieg mit Rußland wünschen, ist natürlich genug; wie ihn aber +ungerüstete+ Deutsche +jetzt+ betreiben können, ist völlig unbegreiflich. Auch wissen sie dafür nicht den geringsten vernünftigen Grund anzugeben. Denn daß dereinst (bei wichtigeren Veranlassungen und in günstigerem Augenblicke) möglicherweise ein Krieg eintreten könne, ist kein vernünftiger Grund für einen jetzt unvernünftigen Beschluß. Erst bin ich Deutscher und Preuße, -- und nicht polnischer Edelmann.

Zehnter Brief.

Frankfurt a. M., den 12. Junius 1848, Nachmittags 5 Uhr.

Die Krawalls, welche alle Länder durchziehen und auch uns wie Gewitterwolken umringen, haben gestern Abend in Offenbach eingeschlagen. Hessische Soldaten verlangen Urlaub, und gehen (als er ihnen abgeschlagen wird) eigenmächtig davon. Nach ihrer Rückkehr werden sie, ganz von Rechts wegen, eingesperrt. Nicht blos ihre Kameraden, sondern auch andere Leute suchen sie mit Gewalt zu befreien. Man ist gezwungen nachzugeben; doch war die Zügellosigkeit oder die Übereilung der Art, daß geschossen ward und Etliche leichtere oder schwerere Wunden davontrugen. Gestorben ist noch Keiner; das Ereigniß wird man aber ohne Zweifel ausbeuten zur Erhöhung der Leidenschaften und als Vorübung zu größeren gesetzwidrigen Unternehmungen. Hat man doch Hecker zum Abgeordneten gewählt und es stehen uns hier Scenen bevor, denen ähnlich, welche in Berlin über die Barricadenhelden eintraten.

Die, man möchte sagen unmoralisch angetrunkene, Dummheit billigt leider jetzt Alles unbesehens, was gewisse Leute in einer bekannten Richtung vorbringen. Hr. B. erzählte: solchen Volksschwadronören werde stets ein lautes Bravo zugerufen, und wenn man frage: was hat er gesagt? erhalte man zur Antwort: wir haben nichts gehört.

Bei jener Auflösung aller kriegerischen Zucht, bei der Vernachlässigung aller deutschen Kriegsvorbereitungen (welche General Peuker nächstens öffentlich darlegen wird), schreien die Maulhelden nach Krieg. Gestern sagte mir Hr. v. --: Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland haben. -- Warum? -- Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland haben. -- Geben Sie mir gefälligst Ihre Gründe an. -- Wir +müssen+ einen Krieg mit Rußland haben. -- Weiter war aus dem Manne +kein+ Wort herauszubringen. -- Krieg führen und Fasanen verspeisen, scheint ihnen gleich leicht und erfreulich zu sein. Solche horntolle Leute mag es beim Anfange des 30jährigen Krieges auch gegeben haben. Und doch waren damals mehr Gründe zu Gegensätzen und Gewalt vorhanden. ~Absit omen!!~

Den 13. Junius.

Die Hitze erlaubte gestern nicht, Landvergnügungen in der Ferne aufzusuchen; deshalb ging ich mit L. in das, selbst am zweiten Pfingsttage nicht gefüllte, kühle Theater. Da es keine Zuschüsse erhält und jetzt wenig besucht ist, wird es Bankerott machen oder zu Herabsetzungen der Gehalte schreiten müssen. Wir sahen zuvörderst Wallensteins Lager gut in Scene gesetzt und ganz gut gespielt, so der Wachtmeister Hr. Reger, die Marketenderin Dem. Lindner, der Kapuziner Hr. Hassel. Eine ausgezeichnet schöne Stimme und natürliche Sprechweise hatte der wallonische Kürassier Hr. Breuer. Ich wundere mich jedesmal wieder, daß Schiller dies, von allen seinen anderen so abweichende, gelungene Werk zu Stande gebracht hat, im Wallenstein selbst aber keine Spur dieser einwirkenden Lebensverhältnisse hervortritt. Für unsere Zeit sollte dies Lager Lehre geben; denn wenn man noch länger die Freiheit auf dem Wege des Aufstandes sucht, und die Heereszucht befeindet oder untergräbt, wird die Tyrannei der Kriegsfürsten und Soldaten, sowie die Sklaverei der Bürger und Bauern nicht ausbleiben. -- Dem Lager folgte die Schulstube, nach dem Französischen, mit vielen Anspielungen auf die jetzige Zeit, oft gut und treffend. Das Ganze sehr ergötzlich und zum Lachen.