Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)
Part 19
Wenn --, wie der Dachs im Loche sitzt und sich um nichts bekümmert, was rings um ihn vorgeht, so ist dies mindestens unpassend und kaum für einen Dichter zu rechtfertigen. Ich würde im Käfig hin und herlaufen, wenn mir kein weiterer Spielraum verstattet wäre. -- Du gehst, sagt man vielleicht, wie der Esel in die Mühle. -- Nun, so gehe ich doch, und liege nicht auf der faulen Eselshaut; ich sehe doch näher hin, wie Geschichte gemacht wird, und Lamartine, Arago, Cavaignac, Bastide, Thiers, Mignet, Toqueville, Rothschild u. s. w. sind doch anziehender und merkwürdiger, als einige berliner, weltverbessernde Studenten, die mich für einen reaktionairen Dummkopf halten.
Es ist auffallend, daß man über die Einleitung zur neuen französischen Verfassung in ähnliche, weitläufige Berathungen geräth, wie 1789 über die Menschenrechte. Man möchte jetzt, wie damals, mathematisch sichere Grundsätze für das Staatsrecht auffinden, und einen Regulator hinstellen, an dem sich Alles und Jedes prüfen lasse, und der die Wahrheit und das Recht unbezweifelbar ausscheide und bestätige. Man könnte jetzt Mirabeau’s Rede über das Trügliche, oder doch Unnütze solcher Bemühungen nochmals halten, oder abdrucken lassen. So ist der Satz: ~la République reconnaît des droits et des dévoirs antérieurs et supérieurs aux lois positives~, gewiß wohlgemeint und einer richtigen Auslegung fähig. Andererseits aber giebt er Gelegenheit zu den größten Mißdeutungen, und zu vielfacher Entschuldigung von Ungehorsam und Aufruhr. Die Widerlegung von solcherlei schwankenden, halbwahren Theorien und Praktiken ist dann ~l’état de siège~: der Kanonendonner muß des Geschwätzes und der sich daran reihenden Thaten Herr zu werden suchen.
Gestern war Hr. A. bei mir. Sonst ein überkräftiger Mann, jetzt durch Anstrengungen aller Art sehr gealtert. Mit Lamartine’s neuester Schrift über die dreimonatliche Regierung war er keineswegs ganz zufrieden, und wird wahrscheinlich allerhand Berichtigungen ans Licht bringen. Lamartine’s phrasenreiche Rede hat in der Kammer entschieden, daß der Verfassung ein Präludium edler, ewiger Grundsätze vorangeschickt werde; man hält ihn aber weit mehr für einen Dichter (ich möchte sagen für einen einbildungsreichen Mann) als für einen Staatsmann. Preiswürdig erscheint seine Friedensliebe; A. behauptet aber, sie beruhe mit darauf, daß die neugeborene Republik nicht im Stande gewesen, mehr als 100,000 Mann ins Feld zu stellen. Auch habe Lamartine sich Gelüsten nach Belgien und Savoyen hingegeben; und die Versuche ausgewanderter Deutschen bewaffnet in Deutschland einzubrechen, habe +er+, A., durch die schärfsten Befehle vereitelt. Gewehre dagegen, für die Volkswache in Lille bestimmt, wären (kaum könne man sagen wie) in die Hände der belgischen Aufrührer gekommen.
Den 9. September.
Als Hr. Minister Bastide mir gestern keine Nachricht oder Ladung zukommen ließ, ging ich in seine Abendgesellschaft. In dem Gespräche, welches er mit mir begann, legte er seine Mißbilligung der frankfurter Beschlüsse über den Waffenstillstand höflich, aber unverholen an den Tag. Ich ließ, unter Anführung von Gründen, die Hoffnung vorwalten, daß die Feindseligkeiten dennoch nicht wieder beginnen würden, und die Anerkennung des Reichsverwesers durch jenes Ereigniß nicht gestört oder aufgehalten werde. Hr. Bastide trat der letzten Bemerkung bei, fügte jedoch hinzu: Die Erklärung vom 31. August: eine Übertragung der +Bundesgewalt+ auf die +Centralgewalt+ betreffend, genüge vollkommen; allein die letzte werde in dem Schreiben des Reichsverwesers als eine +neue+ bezeichnet, an welchen Ausdruck sich seine Zweifel anreihten. Ich bemerkte hierauf: die +neue+, +authentische+ Erklärung hebe meines Erachtens jene Zweifel vollkommen. Hrn. Minister Bastide schien diese Auskunft und Wendung hinreichend; er setzte jedoch, trotz meiner deutlich erklärten Wünsche, noch keinen Tag zum Empfang des erzherzoglichen Schreibens fest, und ich trug Bedenken, in diesem +ungünstigen+ Augenblicke die Sache auf die Spitze und vielleicht zum Bruche zu treiben. Sowie beruhigende Nachrichten aus Frankfurt eingehen, dürfte vielleicht das Ziel erreicht werden. -- Die Aufregung und Unzufriedenheit über den frankfurter Beschluß ist allgemein und unbeschreiblich. Gestern in der Abendgesellschaft bei Hrn. Minister Bastide richteten Gesandte und Nichtgesandte, Bekannte und Unbekannte (in einer sehr unerfreulichen Weise) ihre Aufmerksamkeit auf meine Person, und ich konnte den Sturm nur dadurch beschwichtigen, daß ich keineswegs den frankfurter Beschluß vertheidigte, wohl aber (als wisse ich es) mit Zuversicht behauptete: es werde nicht zu neuen Feindseligkeiten kommen. -- Heute Abend, wo ich bei Lord N. esse, steht mir ohne Zweifel ein zweites Ungewitter bevor.
+Ringsum höre ich unverholen sagen+: wie kann Frankfurt im Widerspruche mit den Wünschen und Forderungen von Dänemark, Schweden, Rußland, England, Frankreich, Preußen, Händel beginnen, und anstatt mit Weisheit und Mäßigung den Frieden anzubahnen, die Kriegsfahne aufstecken? Wie, im Aberglauben an seine Allmacht, mit den Soldaten aus Nassau, Baden, Hessen, -- Europa Gesetze vorschreiben wollen? Bildet es sich ein, der König von Preußen werde die Maulschelle (~le soufflet~) ruhig hinnehmen und sein halbes Reich den Grillen einer Majorität von 15 schlecht unterrichteten und leichtsinnigen Männern opfern? Wie unweise, jetzt (wo in Frankreich Alle den Frieden wollen, und selbst Thiers und seine sonst kriegslustige Partei lebhaft dafür sprechen) ohne alle Rücksicht auf die französische Protestation im Norden neue Fehden beginnen! Wie thöricht, in einem Augenblicke, wo selbst das siegende Österreich sich gemäßigt und nachgiebig zeigt, eine solche ~querelle d’Allemand~ beginnen u. s. w. --
So, und noch Härteres ertönt von allen Seiten, und das Härteste kommt nicht einmal zu meiner Kenntniß!!
Sie wissen: daß ich die pariser Sendung nicht aus Eitelkeit oder aus anderen schlechten Gründen, sondern nur darum angenommen habe, weil ich hoffte, meinem Vaterlande nützlich zu werden, und weil meine Überzeugung mit den erklärten Grundsätzen des Reichsministerii übereinstimmte. Hier fand ich leider die Ansichten und Verhältnisse keineswegs so günstig, wie man sie +irrigerweise+ dargestellt hatte. Indessen gelang es mir allmälig viele Irrthümer und Vorurtheile über Frankfurt zu berichtigen. Jetzt ist das Alles, wie man sagt, in den Brunnen gefallen und meine Stellung sorgenvoller als je.
Niemals in meinem Leben habe ich etwas gegen meine Überzeugungen vertheidigt; ich habe mich wohlbefunden bei diesem Grundsatze und bin nicht gesonnen, ihn in meinen alten Tagen zu verläugnen. Sollte also in Frankfurt ein +neues+ Ministerium gebildet werden und +andere gewaltsame+ Bahnen einschlagen wollen, so muß ich an einem +europäischen+ Erfolge +sehr+ zweifeln und mich für ein untaugliches Werkzeug erklären, in +dieser+ Richtung mitzuwirken.
Neunundfunfzigster Brief.
Paris, den 10. September 1848.
Ihr Schreiben über die +Abdankung+ des gesammten Reichsministerii erhalte ich in dem Augenblicke, wo alle gegen den Zweck meiner Sendung erhobenen Schwierigkeiten so gut wie beseitigt waren. Ich muß darin (so weit meine Kenntniß reicht) nicht blos einen Wechsel der Personen, sondern auch des Systems und der künftigen Handlungsweise erblicken. Da ich nun der Überzeugung lebe, daß die frankfurter Beschlüsse über den Waffenstillstand mit Dänemark die innere Einigkeit Deutschlands leider stören und die unangenehmsten Verwickelungen mit den übrigen europäischen Staaten herbeiführen, so kann und will ich in dieser Richtung nicht mitwirken, sondern lege hiemit das mir anvertraute Amt in die Hände Sr. kaiserl. Hoheit des Hrn. Reichsverwesers nieder. Ich werde jedoch (wie sich von selbst versteht) bis auf weitere Befehle in Paris verweilen, obgleich, bei der großen Unzufriedenheit der hiesigen Regierung über jene Beschlüsse, für jetzt wenig oder +nichts+ wird zu Stande gebracht werden. Erst nach Rücknahme derselben kann von der so sehr gewünschten Verständigung und Einigung zwischen Frankreich und Deutschland wieder die Rede sein.
Den 11. September.
Gestern Nachmittag fuhr ich mit W. und dem wieder hergestellten B. zum Hippodrome. Reiterkünste auf schönen Pferden, Wettrennen von Affen auf kleinen Ponys, Wettrennen von vier Amazonen mit glänzender Kühnheit, Schule meisterhaft geritten vom alten Frankoni. Dies hatte ich ähnlicher Weise schon gesehen. Zum Schluß aber kam der Sonnenwagen, ~le char du soleil~. Der Nacht folgend, stürzte eine Schar schöner, mannigfach gekleideter Mädchen auf muthigen Rossen in die Rennbahn, als Horen, Auroren, oder wie man sie sonst bezeichnen will. Hierauf der Sonnenwagen, hoch in der Mitte Apollon mit einem Fuße auf der sich drehenden Erdkugel stehend, die Arme ausgebreitet, auf den Seiten des Wagens andere Mädchen in den schönsten Stellungen, endlich hinter den Schultern Apollons zwei Mädchen wagerecht in der Luft schwebend, freundlich mit ihren Schleiern spielend und sich bewegend. Das Ganze wahrhaft zauberisch, wie ein Wunder aus der alten Fabelwelt in größter Schnelligkeit vorüberstürmend. Unerklärlich und noch ein Geheimniß ist es, wie dieses freie Schweben, diese Schönheit und Kühnheit möglich wird, ohne daß man einen Stützpunkt sieht, der doch ohne Zweifel da sein muß. -- Nur ein Gedankenschatten fiel in diese Zauberwelt: was wird aus diesen schönen, heiteren, vorüberschwebenden Nymphen und Horen -- wenn das Alter sie beschleicht? -- Andere Freuden und Sorgen auf dem großen Mittagsmahle bei Lord N. General Changarnier, welcher neben mir saß (Alle in bürgerlicher Tracht), ist Befehlshaber der pariser Nationalgarde und gilt für einen der besten französischen Generale. Ich unterhielt mich mit ihm meist über Algier und Afrika. Nachdem die Beduinen besiegt sind, fehlt nur Holz und Wasser, um das Land emporzubringen. Trotz der Nähe bleiben neue Ansiedlungen kostspielig, auch ist das Klima für Europäer nicht günstig. Doch stehen wesentliche Fortschritte in Aussicht.
General Lamoricière, der jetzige Kriegsminister, erzählte von der großen Gefahr in den Junitagen, von der Furchtbarkeit des Kampfes, und daß an 250,000 Gewehre auf beiden Theilen in Bewegung gewesen wären!
Als ich Hrn. Bastide erzählte, was ich nach Frankfurt berichtet habe, billigte er, daß ich seine Mißbilligung über die gefaßten Beschlüsse ausgesprochen, und fügte in Bezug auf meine persönliche Stellung hinzu: ich bin bereit, Ihnen schriftlich zu bezeugen, daß wir mit Ihrem Benehmen durchaus zufrieden sind, daß kein Anderer mehr, ja nicht einmal so viel wie Sie ausgerichtet haben würde. Denn Sie haben unser Vertrauen gewonnen, und wir werden gewiß für die Sache und Sie thun was irgend möglich ist und in England vor den frankfurter Beschlüssen geschah u. s. w.
Sechzigster Brief.
Paris, den 12. September 1848.
Ich habe schon angezeigt: daß die gegen Annahme des Schreibens Sr. kaiserl. Hoheit des Hrn. Reichsverwesers ausgesprochenen Schwierigkeiten so gut wie gehoben waren, als die Nachricht von Verwerfung des dänischen Waffenstillstandes, der gelungenen Unterhandlung eine neue, durchaus ungünstige Wendung gab. Die hiesige Regierung sah darin eine verletzende +Geringschätzung+ ihrer Protestation, welche ihr um so unangenehmer ward, weil sie aus vielen Gründen abgeneigt und verhindert war, sich in die dänischen Angelegenheiten zu mischen. Sie wird es aber gewiß nicht unterlassen, so weit Ehre und Verträge sie dazu zwingen.
Hiezu kommt, daß man hier ganz allgemein die Aufnahme Schleswigs in den deutschen Bund als ein gegen Dänemark begangenes Unrecht und den Krieg (wenigstens in +dieser+ Beziehung) als ungerecht betrachtet.
Auf Hrn. Minister Bastide’s ausgedrückten Wunsch: die Annahme des erzherzoglichen Schreibens wenigstens so lange auszusetzen, bis man aus Frankfurt neue Nachrichten erhalte, hätte ich eine bestimmte, schroffe Forderung aussprechen können, allein ich mußte voraussetzen, daß 1) hieraus (bei der augenblicklichen sehr großen Aufregung und Unzufriedenheit) sogleich ein völliges Abbrechen aller Unterhandlungen und auch wohl meine Abreise folgen würde. Einen solchen Ausgang hielt ich aber für so unangenehm und gefährlich, daß ich ihn ohne die +allerbestimmtesten+ Befehle herbeizuführen für pflichtwidrig erachtete; 2) lebte ich der Hoffnung, daß man in Frankfurt (bei dem Widerspruche aller Mächte) einen vermittelnden Ausweg auffinden werde und auffinden müsse, -- wo dann die hiesige Unterhandlung auf die frühere Stelle zurückkehren und vielleicht zum Ziele geführt werden wird.
Überhaupt aber darf man nicht glauben, daß Lamartine’s in der Paulskirche viel bewunderte Worte von „Brüderlichkeit und Nationalität“ auch das unbedingte Glaubensbekenntniß der jetzigen Machthaber in Frankreich sind. Sie betrachten den Stand und Gang der europäischen Angelegenheiten keineswegs allein nach bloßen Gefühlen und abstrakten Grundsätzen; sie halten hingegen fest an den einfachen Lehren des gesunden Menschenverstandes, sind weit mehr Praktiker als Theoretiker, unterscheiden das Mögliche vom Unmöglichen, das Nützliche vom Schädlichen, nennen Lamartine’s geflügelte Worte eine sehr unbequeme Erbschaft, und legen gar kein Gewicht auf die Akklamationen in der Paulskirche, sobald ebendaselbst der dänische Waffenstillstand verworfen wird. Diejenigen also, welche für diese Verwerfung gestimmt haben, legten dadurch der von ihnen gewünschten Einigung Frankreichs und Deutschlands das größte Hinderniß in den Weg, und geben leider nur zuviel Gelegenheit zu einer höchst gefährlichen Annäherung Rußlands an Frankreich.
Den 13. September.
Gestern Abend aß ich beim --, wo von mehren Personen sehr harte Urtheile über Lamartine ausgesprochen wurden. Man läugnete nicht nur seine Fähigkeit, ein Staatsmann zu sein, sondern auch seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Ja, Einer behauptete: -- -- -- Wie soll da der Geschichtschreiber die Wahrheit entdecken? Uebrigens haben während der provisorischen Regierung sich gewiß Viele eigennützig gezeigt. Daß der jetzige Zustand in Frankreich der einer freien, demokratischen Republik sei, wird Niemand behaupten; daß aber die Regierung mehr Muth und Kraft besitze, als irgend eine in Deutschland, hat keinen Zweifel. Auch zügelt die allgemeine Überzeugung von der Nothwendigkeit die Ordnung streng aufrecht zu erhalten, alle Parteien, und stellt um des höchsten allgemeinen Zweckes willen, die besonderen in den Hintergrund. Diese besonderen Ansichten und Grundsätze (z. B. Legitimität, Kriegsehre u. dergl.) werden ferner nicht von großen Persönlichkeiten gestützt und getragen: Heinrich V und die Bonapartiden sind an sich unbedeutende Leute, und mit bloßen Erinnerungen an Andere regiert man heut zu Tage kein Land. Die Herzogin von Orleans genießt großer Achtung, ist aber eine Fremde, ihre Kinder sind zu jung, und Allen fehlt die eiserne Faust, mit welcher afrikanische Generale die pariser Empörer erdrücken. Deren Sieg (man kann es nicht oft genug wiederholen, um sich mit dem Gegenwärtigen zu versöhnen, oder noch zu verständigen), deren Sieg hätte die bürgerliche Gesellschaft, Sicherheit und Eigenthum ganz vernichtet. Und in Deutschland würden diese Gräuel nur zu viel Anklang und Wiederhall gefunden haben!
Überall jedoch wird sich in Europa ergeben, daß in diesem Augenblicke neben einer ganz unbeschränkten Presse und unbeschränkten Klubs, keine Regierung bestehen kann. Wußte dies doch Jefferson selbst für Amerika; wenigstens ist das französische und deutsche Klubwesen des letzten Jahres dort gar nicht vorhanden. Wo eine wohlgeregelte Verfassung und Regierung besteht, wird das Klubwesen freiwillig (oder durch Gewalt) ein Ende nehmen. Die Einrichtungen für Staat, Landschaft, Städte und plattes Land können und sollen hinreichen, Jeden in eine angemessene, wahrhaft nützliche Thätigkeit zu setzen. Was daneben geht, oder darüber hinausgeht, ist fast immer vom Uebel.
Ich komme so eben von einem Sicilianer, A-- den ich in Italien kennen lernte, und der mir sein Werk über sicilische Geschichte zusandte. Er ist im Auftrage der sicilianischen Regierung hier, um französischen Beistand in Anspruch zu nehmen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß die Freiheit durch eigene Kraft gewonnen werden müsse. -- Ehe sich die Sicilianer (erwiderte er) unter das neapolitanische Joch beugen, lassen sie sich sämmtlich todtschlagen. -- Dies ist das alte Elend, fügte ich hinzu, italienische Uneinigkeit, trotz aller sonstigen Verschiedenheit an Polen erinnernd. -- Der Haß gegen Neapel ist wohl begründet. -- Gewiß, aber doch ein trennendes Unglück, obgleich ich an die Möglichkeit und den Nutzen einer centralisirten Einheit für Italien nicht glaube. Solch eine Einheit würde das Schönste in Italien ertödten; es bedarf, gleichwie Deutschland, der Mannigfaltigkeit und einer föderativen Einheit. Fremde Einmischung ändert blos die Herren, bringt aber keine Unabhängigkeit. Hüten Sie sich Franzosen oder Engländer herbeizurufen: nur was Sie selbst zu Stande bringen, wird Dauer gewinnen und gern von Europa anerkannt werden.
Sind wir Deutschen nicht in einer ähnlichen Lage wie die Italiener? Streiten wir nicht mit Stammgenossen in Dänemark und Holland? Schimpfen nicht die Deutschen, welche laut auf Deutschlands Einigkeit dringen, am lebhaftesten auf Preußen?
Einundsechzigster Brief.
Paris, den 14. September 1848.
Ich hatte gestern mit Hrn. A-- ein drittes Gespräch über die Angelegenheiten Siciliens und Neapels. Er behauptete: der Haß gegen den König und seine Familie sei so groß, und diese so untauglich, daß keine Aussöhnung oder Vermittelung möglich bleibe. Zwischen Sicilianern und Neapolitanern finde sich dagegen gar keine Mißstimmung und sie würden einig in einem größeren italienischen Bunde wirken. -- Jene Mißstimmung ist aber in Wahrheit allerdings vorhanden, und die Einigkeit zwischen einem +neuen+ König von Sicilien und dem +alten+ Könige von Neapel kaum vorauszusetzen. Auch findet sich ja nicht allein +dieser+ feindliche Gegensatz: das alte Elend der italienischen +Uneinigkeit+ zeigt sich auch in Rom, Livorno, Genua, Turin u. s. w. -- Abends traf A-- bei Thiers mit Mignet zusammen, der ihm fast wörtlich wiederholte, was ich ihm schon des Morgens vorgehalten hatte, nur noch schärfer und schroffer. Insbesondere behauptete er (gegen A--), daß der König von Neapel unverständig und ungerecht von den Demokraten sei +angegriffen+ worden, daß er sich +nur vertheidigt+ und der Gesandte der französischen Republik die Hand mit im Spiele gehabt habe. A-- berichtete: der Angriff auf Messina sei mißlungen, während die telegraphische Nachricht eintraf, die Stadt sei erobert; -- obgleich allerdings der Krieg in Sicilien damit noch nicht entschieden ist. Beharren die Italiener auf diesen Wegen der Zerwürfniß, so wird die Begeisterung für ihre Sache so sinken und verschwinden, wie die Begeisterung für die Polen. Gleichwie diese, reden auch jene schon überall von Verrath, wo sie nur sich selbst anklagen sollten; so z. B. hinsichtlich der Unthätigkeit der Mailänder und ihrem Instichlassen der Piemontesen.
Thiers theilte gestern Abend sehr lehrreiche Dinge mit, über die Versuche eine sogenannte Organisation der Arbeit zu Stande zu bringen. Sie begannen mit einer erzwungenen Erhöhung des Tagelohnes und einem Verwerfen alles Arbeitens im Verdung (~à tâche~). Hierauf wurden Aufseher und Präsidenten erwählt, berathende Sitzungen ausgeschrieben u. s. w. Im Vertrauen auf den Mehrgewinn durch das erhöhte Lohn, setzten die Arbeiter sehr häufig das Arbeiten aus, lasen Zeitungen, gingen in die Klubs, hielten politische Berathungen und Aufzüge. Die Fleißigen (deren Anstrengungen man nicht höher bezahlt), wurden lässig, die Lässigen ganz faul, und am Ende war der tägliche Verdienst im Durchschnitt um ein Drittel geringer, als vor dem Beginne aller dieser närrischen Kunststücke. Die organisirte Association machte bankerott und fiel auseinander. -- Thiers hielt gestern über „das Recht auf Arbeit“ in der Kammer eine verständige Rede, welche, Gottlob, großen Eindruck gemacht hat. Die verführten Massen kommen aber nur allmälig und mit Gewalt wieder zu Verstande. Es herrscht ungeheure Verwirrung in diesen Dingen. Wenn man blos bezweckt, die Hindernisse hinwegzuräumen, welche den Fleißigen (z. B. durch Zunftmonopole) von vorhandener und dargebotener Arbeit abhalten; so wird Jeder diesen Zweck billigen. Daß aber der Staat (mit einer Vielregiererei, die Alles überbietet, was zeither in dieser übeln Richtung dagewesen ist) alle Gewerbe übernehmen, leiten, einkaufen, fabriciren, verkaufen soll, daß alle Privatthätigkeit aufhören und die Gesammtheit für das Unmögliche eintreten und Bürgschaft leisten soll: das ist in der That der höchste Unsinn und die größte Tyrannei, welche jemals von Schwärmern und Thoren aufgestellt oder gefordert ward! -- So einleuchtend dies auch ist, nimmt doch das Gerede in der Versammlung darüber kein Ende.
Zum Schlusse eine Anekdote von Voltaire. Er bekommt Lust endlich einmal einen vielgerühmten Sonnenaufgang zu sehen, wird mächtig ergriffen und ruft: ~Dieu, je crois, je crois en Dieu.~ -- Dann aber setzt er sogleich hinzu: ~mais quant à Monsieur votre fils, et Madame sa mère, c’est autre chose!~
Zweiundsechzigster Brief.
Paris, den 15. September 1848.
Die Nachricht: daß Hr. Dahlmann kein kriegslustiges Ministerium hat zu Stande bringen können, machte auf die hiesigen Machthaber den günstigsten Eindruck und gab meinen Vorstellungen ein neues Gewicht.
So habe ich denn heute das Schreiben Sr. kaiserl. Hoheit, des Hrn. Reichsverwesers, in der Art übergeben, wie dies, soviel ich weiß, in London geschehen ist. Nachdem ich Hrn. General Cavaignac mit einigen Worten angeredet, deren Inhalt Hr. Bastide vollkommen vorher gebilligt hatte, antwortete jener in so freundlicher als bestimmter Weise: er nehme das Schreiben, worin eine vollendete Thatsache angekündigt werde, in dieser Beziehung gern an, und wiederholte, daß die französische Republik sich in den inneren Entwickelungsgang Deutschlands nie einmischen werde. Wie groß ihre Friedensliebe sei, gehe augenscheinlich daraus hervor, daß sie ihre Gränzen nie überschritten; während dies von vielen anderen Mächten, so von Schweden, Rußland, Preußen und Österreich geschehen sei. Überall wirke sie für Aussöhnung und hoffe, nie gezwungen zu werden, ihre Ehre, Rechte und Pflichten nachdrücklich vertheidigen zu müssen.
Da die diplomatischen Verhältnisse der einzelnen deutschen Staaten und der Centralgewalt zum Auslande noch nicht vollständig geordnet wären, so dürfe Frankreich nicht voreilig entscheiden und etwa accreditirte Gesandte wegweisen, bevor deren Regierungen ihre Wünsche und Beschlüsse unmittelbar an den Tag gelegt hätten. Mit mir werde man indessen gern weiter verhandeln und wünsche, daß ich dazu länger hier verweilen möge. Es wäre unschicklich, auf das für mich schmeichelhaft Gesagte umständlicher einzugehen, doch bemerke ich noch, daß die Hrn. Cavaignac und Bastide äußerten: sie würden ihre Ansichten und Wünsche hierüber in Frankfurt aussprechen lassen.
Der Himmel gebe, daß keine neuen Kriegsbeschlüsse von der Reichsversammlung gefaßt werden, sie würden hier alle Zuneigung, ja -- alle Achtung vor der politischen Weisheit der Abgeordneten gänzlich untergraben.
Mittags 12 Uhr.
Ich lese so eben im ~Journ. des débats~ einen strengen Tadel der ~Times~ über die frankfurter Beschlüsse. Er schließt mit den Worten: ~l’assemblée de Francfort n’est pas assez forte pour ébranler la paix de l’Europe; mais elle peut très bien ruiner l’union naissante de la Germanie, et, en s’attirant le mépris universel, amener sa dissolution. Nous attendions mieux d’une assemblée composée des meilleurs esprits de l’Allemagne; mais ses premiers pas dans une question pratique de la politique européenne, nous montre combien elle est au-dessous de la tâche qu’elle s’était imposé.~
Raumer’s Ansprache an Hrn. General Cavaignac.
~Monsieur le Général!~