Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)

Part 18

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~Le mot d’ordre, qui, à notre époque, agit sur les masses, c’est l’indépendance des nations. Partant de ce point de vue, il y a bien des Allemands, qui eussent désiré que l’Italie, _par sa propre force_, et par l’influence _morale_ de ses alliés se soit émancipée de l’Autriche. Mais il entrera dans les idées de bien peu de personnes en Allemagne, -- et particulièrement dans l’assemblée de Francfort, -- qu’une telle émancipation se fasse par les armes d’une nation étrangère, sans prendre le caractère d’une _conquête_. Chaque victoire des armes françaises en Italie réagira dans ce sens en Allemagne, et cimentera le besoin de la concentration nationale plus que tous les discours de l’assemblée de Francfort et tous les décrets du Ministère central.~

~On était convaincu à Francfort, que cette France, pour laquelle on éprouvait de si vives sympathies, reconnaîtrait le pouvoir central provisoire sans délai. On s’attendait plutôt a quelque difficulté de la part de l’Angleterre, et surtout de la Russie. La confiance, avec laquelle on tournait les yeux vers Paris, reposait peut-être sur des suppositions erronées.~

~Toujours est-il, que les motifs d’une prolongation de rapports seulement officieux entre Paris et Francfort seront difficilement appréciés par l’opinion publique. Il est à prévoir que celle-ci subira de notables changements, sur tout si d’autres puissances européennes mettraient plus d’empressement à régler leurs relations internationales avec l’Allemagne. Ce retour de l’opinion publique influerait nécessairement la position de l’Allemagne et de son organe central au sujet des affaires d’Italie. Et pour prévenir ce retour, ne serait-il pas d’une bonne politique, d’écarter le plutôt possible les difficultés formelles, qui, en d’autres circonstances, certes, seraient d’un poids plus décisif? De cette manière les sympathies entre les deux pays seraient maintenues et augmentées, une grande garantie de plus pour un avenir pacifique serait consacrée, et les réserves exigées par les obligations internationales envers les différens pays de l’Allemagne ne seraient aucunement exclues.~

~Telle est l’opinion d’un vieux professeur d’histoire, qui de ses longues études s’est formé la conviction que des rapports de sincère amitié entre la France et l’Allemagne, sont le meilleur gage d’un heureux avenir pour les deux pays et pour l’Europe.~

Fünfundfunfzigster Brief.

Paris, den 1. September 1848.

Lord Normanby bedauerte gestern Österreichs Ablehnen der Mediation, gab indessen zu, daß sie höflich in den Formen und nur eine vorläufige sei. Sehr müsse man wünschen, daß Österreich nun bald genauer angebe, was es eigentlich in und für Italien zu thun gedenke. Hierauf folgten Erörterungen über die Nothwendigkeit des Friedens, die Gefahr jedes Krieges, die Ungewißheit des Ausganges, die Unsicherheit einer neutralen Stellung Englands. Ich hob hiebei die Interessen und die Stellung Deutschlands im Allgemeinen hervor, ohne über die Gränzen der Vorsicht hinauszugehen. Lord Normanby räumte ein: daß die neuen Ereignisse eine +baldige+ Entscheidung über den deutschen Reichsverweser doppelt nothwendig machten. Auch habe er wiederholt in diesem Sinne zu Hrn. Minister Bastide gesprochen und werde es unverzüglich nochmals thun.

An die Bemerkung: daß die Getreide- und Kartoffelernte in England wahrscheinlich nicht günstig ausfalle, reihte Lord Normanby die Äußerung: man müsse schlechterdings den Frieden mit Dänemark sogleich abschließen und den freien Seehandel herstellen. Er hoffe, daß Frankfurt keine Hindernisse in den Weg legen werde. Ein anderes langes Gespräch hatte ich mit dem österreichischen Geschäftsträger, Hrn. von Thom, welcher mir sagte: er habe über Österreichs Absichten hinsichtlich der Organisation Italiens bereits eine bestimmtere Erklärung abgegeben, welche auf Hrn. Minister Bastide einen günstigen Eindruck gemacht zu haben scheine.

Nach den Äußerungen des Hrn. -- wäre Lord Normanby (wenn das Wort mir erlaubt ist) unbequemer für Österreich, als Hr. Minister Bastide. Des Lords langer Aufenthalt in Italien möge ihn günstiger für dieses Land stimmen; es bleibe aber zweifelhaft, ob er ganz im Sinne Lord Palmerston’s und der englischen Regierung verfahre oder ein englisches Ministerium sich halten könne, das den Franzosen den Eingang in Italien verstatte.

Nachmittag 2 Uhr.

Ich komme so eben von Hrn. General Cavaignac, bei welchem mich Hr. Minister Bastide einführte. Jener sprach seine höchste Achtung vor der Person Sr. kaiserl. Hoheit des Erzherzogs Reichsverweser aus, und versicherte wiederholt aufs Nachdrücklichste die Absicht der französischen Regierung, mit Deutschland in Friede und Freundschaft zu leben. Wenn jetzt eine kleine Zögerung beim Anknüpfen +officieller+ Verhältnisse einträte (während die +officiösen+ angebahnt sind), so entstehe sie durchaus nicht wegen irgend einer Abneigung, ja nicht einmal aus Gleichgültigkeit (~indifférence~), sondern aus den und den Gründen. (Es waren dieselben, welche ich bereits zufolge der Gespräche mit Hrn. Bastide vorgetragen habe.) Er hege gar keinen Zweifel, daß jene Bedenken würden bald gehoben werden, und einstweilen möge man die, für diplomatische Einleitungen u. s. w. fast unentbehrliche, Zeit gönnen. Am Schlusse freute sich Hr. General Cavaignac meine persönliche Bekanntschaft zu machen, und bemerkte, daß ich in der Heimat den guten Ruf eines gemäßigten Mannes habe. Ich bat um Nachsicht sofern ich, als ein Neuling, gegen diplomatische Formen fehlen sollte. -- Auch wir, antwortete der General, sind Neulinge; wir wollen gegeneinander abrechnen.

Hrn. Minister Bastide machte ich noch darauf aufmerksam, daß die sehr günstige Stimmung Deutschlands leiden dürfte, wenn die +förmliche+ Anerkennung des Reichsverwesers lange hinausgeschoben werde; -- und er fand diesen Umstand wahr und gewichtig.

Hinsichtlich Italiens legte Hr. Bastide nochmals großen Nachdruck auf nationale Einrichtungen. In der auch mir mitgetheilten Note verspricht Österreich diese auf die liberalste Weise. Die (wie Hr. Minister Bastide bemerkte) kriegerische Stimmung des Hrn. -- entstand auf die Nachricht eines französischen Seezuges nach Venedig. Wenn Österreich jene nationalen Einrichtungen gewähre, so wolle Frankreich (laut Hrn. Bastide) sehr gern darauf eingehen. Aber ächte Verfassungen lassen sich freilich nicht aus dem Stegreife fertigen.

Die Stärkung Deutschlands durch eine Centralgewalt wird von der hiesigen Regierung gewünscht und gebilligt; eine Centralisirung mit Vernichtung der einzelnen Staaten hält man für +ungerecht+, +unklug+ und +gefährlich+.

Abends.

Das Schreiben vom 26. August über die Protestation, welche Frankreich hinsichtlich Dänemarks an Preußen gerichtet hat, empfing ich den 31. und habe Hrn. Minister Bastide den Inhalt vorgetragen. Die Denkschrift konnte ich ihm indessen nicht übergeben, da sie bis jetzt noch nicht bei mir eingegangen ist.

Hr. Bastide erwiderte: er habe auf den gerügten Ausdruck: ~la violence qui a été faite~ u. s. w. gar kein Gewicht gelegt, sondern nur dem Könige von Preußen eine Art von Höflichkeit oder Genugthuung sagen wollen. Nachdem glücklicherweise der Waffenstillstand abgeschlossen worden, dürfte sich Zeit zu weiteren Untersuchungen und Erörterungen finden. Er setze keinen Zwiespalt zwischen der Centralgewalt und den einzelnen Staaten voraus, und sei weit entfernt ihn zu wünschen.

Sechsundfunfzigster Brief.

Paris, den 2. September 1848.

Eine Stunde lang freute ich mich gestern meiner pflichtmäßigen Thätigkeit; kaum aber ist ein „+Schwark+“ zertheilt, so steigt ein anderer drohend auf und die Tantalusarbeit beginnt von Neuem. Eigentlich jedoch nicht für mich; aber das Dabeistehen und Zusehen, ermüdet in gleicher Weise, und wo Kopf und Herz Theil nehmen, ist an gleichgültige Ruhe nicht zu denken. In Frankfurt war ich etwa 1/480; hier kann Niemand sein richtiges Gewicht finden und angeben, denn ganz Europa legt sich in die eine oder die andere Wagschale, und je mehr Antheil an der Entscheidung, desto mehr Sorge und Verantwortlichkeit. Dieser wohlbegründete Stoßseufzer besagt aber keineswegs, daß mir Faulheit lieber sei als Thätigkeit, kleinlicher Egoismus höher stehe als edle Sorge, und ein Maulwurfsleben angemessener als rastloses Streben. Wenn man sieht, wie selbst reichbegabte Männer sich fallen lassen, zusammentrocknen, aller Theilnahme an Welt und Menschen entsagen; so soll der Minderbegabte hieran ein warnendes Beispiel nehmen und die Flügel regen, wenn er sich auch nicht hoch über den Boden erheben kann.

Gestern sah ich den neuen Gutsherrn von Boyeldieu und die Hälfte der Gesandtin von Auber. Diese leichtsinnige Heiterkeit der Musik ist mir lieber als die dumme Überladung, welche maßlose Ansprüche macht, sie aber nie erfüllt.

Es ist sehr merkwürdig zu sehen, wie die allzu weit gehende humane, oder socialistische Gesetzgebung des März, jetzt schon Rückschritte macht. So z. B. hinsichtlich der Arbeitsstunden, der Verhaftung Schulden halber u. s. w. Die letzte war abgeschafft, ist aber (da Niemand mehr bezahlte) wieder eingeführt worden.

Die englische und französische Regierung haben vor zwei bis drei Tagen eine +sehr dringende+ Note mit der Aufforderung nach Wien gesandt, Venedig nicht anzugreifen oder gar zu bombardiren. Man solle den Waffenstillstand auch für diese Stadt anerkennen.

Auf meine Bemerkung: man behaupte ja, daß bereits eine französische Flottille nach Venedig bestimmt oder unterwegs sei; -- antwortete -- +nein+, auf eine solche Weise beginnt und verfährt man nicht sogleich mit einem Freunde. Sollte aber Österreich auf jene Vorstellungen keine Rücksicht nehmen und Venedig mit Heeresmacht angreifen oder gar einen Theil der Stadt zerstören, so habe ich die +persönliche+ Überzeugung, daß Hr. General Cavaignac, trotz seiner Friedensliebe, der öffentlichen Meinung wird nachgeben und bewaffnet einschreiten müssen. Es wäre daher +sehr+ erwünscht, wenn man +eiligst+ von Frankfurt aus jene Wünsche oder Forderungen Englands und Frankreichs in Wien unterstützte.

Den 3. September.

Bei M. lebhafte Gespräche, meist über die neuen Zustände Frankreichs. Das Sein oder Nichtsein der Republik hing an einem Haar; sie hat sehr wenige aufrichtige Freunde, aber die meisten Franzosen (so sagt man) sind von ihrer jetzigen Nothwendigkeit überzeugt. Ihr Sturz würde einen Bürgerkrieg, ja, nach Spaltung der Gesinnungen, mehre Bürgerkriege herbeiführen. In dieser Besorgniß liegt auch eine Bürgschaft des Friedens. Die Schlachtentage des Junius sah Jeder als unausbleiblich voraus. Die Aufrührer waren sehr gut organisirt und die Hoffnung sie mit mildern und halben Mitteln zu verscheuchen, schlug fehl. Der Kampf war blutiger und kostete mehr Leben, als man gewöhnlich sagt; von +einem+ Regimente wurden z. B. 18 Officiere getödtet. Ein Sieg der Aufrührer hätte (und zwar nicht blos für Paris) aller Civilisation und allem Eigenthum ein Ende gemacht. Man muß ähnliche Versuche fürchten, aber die Macht der Unzufriedenen und ihre Kriegsmittel sind sehr geschwächt. Ein Heer von mehr als 50,000 Mann steht in und um Paris. Über Louis Blanc und seine Gehülfen ist unter allen Verständigen nur eine, und zwar verdammende Stimme. Die berliner Stadtverordneten werden sich hoffentlich nun auch von der Heillosigkeit seiner Lehren überzeugt haben.

Eine Hauptstadt wie Paris ist ein natürliches, aber nicht zu bezweifelndes Unglück. Ich habe hier das Gefühl als könne sie zerfallen wie einst Rom. Stehen doch schon jetzt ganze Reihen angefangener Häuser verlassen da; und wenn sich auch gern Arbeiter fänden, so fehlt Credit und Kapital. Man sieht fast keine herrschaftlichen Equipagen; fast lauter Omnibus und Lohnwagen. -- Ähnlich ists wohl in Berlin, und der neue Dom wird wohl so wenig fertig werden als der Kölner. Leider lernt man zu derlei Erscheinungen jetzt das +Warum+ begreifen.

Der mit Dänemark abgeschlossene Waffenstillstand ist ein großes, hier allgemein herbeigewünschtes Glück. Wären die, viel gefährlicheren, italienischen Verhältnisse doch auch so weit gediehen! Sie lassen sich nicht so zur Seite schieben, wie die, durch die Schuld der Polen, wiederum ganz abgenutzte Polenfrage. Es fällt hier keinem Menschen ein (wie die Linke in Frankfurt behauptete) ihrethalben einen Krieg zu beginnen. Wenn vier Polen (sagte mir der Minister --), in einer Stube zusammenkommen, so beschuldigt jeder Einzelne die drei anderen des Hochverraths.

Es ist sehr bezeichnend, daß der Belagerungszustand für Paris, auch während der Berathungen über die neue Verfassung fortdauern soll. Wie einleuchtend muß das Bedürfniß sein, wenn sich 529 dafür und nur 140 Stimmen dagegen erklären. -- Die Frage über eine oder zwei Kammern, wird von Neuem zur Sprache kommen. Die verlangten Gegensätze laufen jedoch nur auf Das hinaus, was die Direktorialverfassung in dem Rathe der Alten und der 500 darbot. Auf Gemeinen, Landschaften, Magisträte nimmt man bei den Wahlen keine Rücksicht. Im ~Journal des débats~ steht heute ein verständiger Artikel über Italien. Er erinnert mit Recht an die eigene Schuld der Italiener, ihre Uneinigkeit und Leidenschaften, und schließt ganz in meinem Sinne: ~Il n’est pas de puissance sur la terre capable de sauver malgré lui-même un peuple qui emploie les dons les plus précieux de la nature et du génie à se détruire par la main de ses enfans.~ -- Leider erinnert Italien (trotz seiner großen Vorzüge und vieler Verschiedenheiten) doch in mancher Beziehung an Polen, -- ob auch an Deutschland?

Siebenundfunfzigster Brief.

Paris, den 4. September 1848.

Abends ging ich mit W. in das ~Théâtre français~, jetzt Theater der Republik genannt, und zwar (weil wir durch einen Zwirnsfaden mit Kaisern und Königen zusammenhängen und fortgezogen werden) -- in ~stalles d’Orchestre~, wo man gut sitzt, sieht und hört. Das letzte (so viel kommt auf die Aussprache an) jedoch nicht bei jedem Schauspieler gleich gut. Die ~femmes savantes~ von Moliere wurden recht brav gegeben, vom ~Bachelier~ sah ich indeß nur zwei Akte, -- zusammen sieben; dann ging ich, um 10 Uhr, nach Hause. Auf die Dauer möchte jenes Theater, trotz der Verluste großer Künstler, immer noch mehr anziehen, als die kleineren; obwohl mich das nahe Wiederauftreten der Dem. Rachel nicht so übermäßig anzieht, als die rhetorisirenden Franzosen. Ihr Trauerspiel ist noch immer weit schwülstiger aufgebauscht, als das unsere; im Lustspiel wird dagegen hier rascher, einfacher und natürlicher gesprochen, als in Berlin. Selbst Frankfurt erschien mir in dieser Beziehung auf besserem Wege.

Ich benehme mich hier mit größter Vorsicht, höre mehr als ich spreche, oder spreche meistens nur wie ein alter Professor der Geschichte. -- Ich darf jedoch nicht verhehlen, daß man auf diesem Wege +keinen Einfluß+ übt und gewinnt, und daß allgemein erwartet wird: Deutschland werde +bald+ und +kräftig+ zum Besten Europas für den +Frieden+ auftreten. Jede bewaffnete Einmischung Frankreichs, so sprechen alle Unterrichtete, führt zu einem allgemeinen Kriege. Deutschland kann und darf nicht Österreich fallen lassen, ohne die größten Gefahren für sich selbst herbeizuziehen; wohl aber kann und soll es in Wien dafür wirken, daß Italien (laut wiederholter Versprechungen) nationale Einrichtungen erhalte.

Den 5. September.

Ich war heute auf dem Louvre und ging zuerst nach den sogenannten assyrischen Denkmalen von Ninive. Sie erinnern so sehr an die persepolitanischen Bildwerke (auch die Keilschrift), daß ich sie nicht höher hinaufstellen möchte. Von griechischem Einflusse keine Spur; wahrscheinlich fallen sie in die Zeit zwischen Cyrus und Xerxes.

Dann zu den Bildsäulen, endlich zu den Gemälden, die ganz umgehangen und nach Schulen geordnet sind. In manchen Dingen kann ich meine ketzerische Haut nicht mehr wandeln. So erkenne ich den lebendigen Reichthum von Rubens gewiß an, fühle aber keine rechte Anziehung für seine dicken Frauen, oder den Mischmasch der Marie Medici mit den alten Göttern: Reifröcke und nackte Kerle! Auch das unbestimmt Verschwimmende der Umrisse und der Farben im Morillo scheint mir eher ein Mangel zu sein, als ein Verdienst; in der französischen Schule endlich fühle ich Rhetorik vorherrschend, oder auch Langeweile, wie in den vielen grauen und weißen Mönchsgestalten le Sueur’s. Hätten wir ganze Werke der Griechen von Phidias, Apelles u. s. w., wie würden da ganze Massen unschöner Kunstwerke neuerer Zeit in Nacht versinken.

Gestern ist bei dem österreichischen Geschäftsträger ein neues Schreiben des Hrn. von Wessenberg eingelaufen, wonach nochmals versprochen wird: für die +Nationalität+ der Italiener Sorge zu tragen. Hr. Minister Bastide hat sich hierüber sehr erfreut und hinzugefügt, ich habe heute viel größere Hoffnung für Erhaltung des Friedens als vor einigen Tagen.

In allen amtlichen und nichtamtlichen Gesprächen tritt Frankreichs Wunsch und Forderung, daß etwas für die Nationalität der Italiener geschehe, in den Vordergrund. Man hält sich für verpflichtet, Lamartine’s Worte als eine Erbschaft (obwohl +ungern+) anzunehmen; auf die geographischen Gränzen, die Souverainetät, die dynastischen Interessen (worüber nichts versprochen worden) scheint man weit weniger Nachdruck zu legen.

Der jüngere A. -- klagt bitterlich daß Lamartine seinen Onkel mit lauter Unwahrheiten hingehalten und bedient habe: es sei vorsätzlich, oder aus Selbsttäuschung, oder weil er Vieles nicht gewußt habe.

Den 6. September.

Gestern Abend fuhr ich mit W. zum General Cavaignac. Die Zimmer waren so mit Menschen überfüllt, daß man sich nicht regen und bewegen konnte. So war es vor drei Monaten bei Lamartine, so -- wird es sein --? --?

Man klagt über Mangel an Freiheit, Preßbeschränkung, Klubauflösung, militairische Tyrannei; -- und muß doch anerkennen, daß dies Alles nothwendig, und die geringeren Uebel sind.

Uebrigens tragen die Leute, trotz des Republikanismus, gern Orden, wenn sie sie haben.

Gestern lief eine Fliege an der Decke meines Wagens gar eifrig hin und her; sie bildete sich wahrscheinlich ein, ihre Pflicht zu erfüllen und zum Fortkommen des Wagens viel beizutragen. Bin ich nicht auch eine Art diplomatischer, hin und herlaufender, redender, schreibender Fliegen? -- Die Langeweile zieht schon langsam ein, und Mery’s schwache Romane, und Dumas’ Monte Christo werden die eintretende Leere nicht hinreichend ausfüllen. Zuletzt lese ich diese Bücher nur der Sprache halber. Andererseits bin ich hier weniger geschoren und mit Geschäften überhäuft, wie in Frankfurt, auch ist die Lebensart gesunder; endlich muß ich eingestehen, daß ich keine Sehnsucht nach Fakultätssitzungen und Hörsälen habe. So nützlich wie dort, bin ich hier und in Frankfurt alle Tage.

Den 7. September.

Ein Herr wunderte sich gestern allzu viel über Das, was man in Deutschland thue und bezwecke; worauf ich mir die Erlaubniß nahm, über manches Französische mein Erstaunen auszudrücken, und so das Gleichgewicht Europas herzustellen.

Viele gestehen: daß die Republik in Frankreich keineswegs allgemein Beifall finde, den letzten Wahlen durch übereilte Begeisterung, Einschüchterung, ja Gewalt, eine demokratische Richtung gegeben worden, und neue Wahlen in anderem Sinne ausfallen dürften. Daher werde die jetzige Versammlung ihre Auflösung so lange als möglich verhindern; wenn sie aber die Gesinnung des Landes nicht mehr ausdrücke, ihr Ansehen verlieren und gestürzt werden. -- Gestern kam noch zur Sprache: daß Louis Philipp durch Ernennung unbedeutender und serviler Personen, Ansehen und Macht der Pairskammer untergraben und dadurch mittelbar eine Vorliebe für das Einkammersystem herbeigeführt habe.

Daß man nun doch die Vermittelung Frankreichs und Englands in Wien angenommen, erfreute Hrn. Bastide sehr; die Zeitungsnachricht: „man habe in Frankfurt den Waffenstillstand mit Dänemark verworfen,“ erzeugt dagegen überall den größten Unwillen. Man behauptet, dies sei schlechterdings thöricht und unverständig, und es werde Frankfurt in Mißcredit bringen, Streit und Unglück erzeugen -- u. s. w. Ich hoffe, die ganze Nachricht ist unwahr. Gewiß würde Frankreich und England, -- auch wohl Preußen --, die Sache dauerhaft übel aufnehmen. Ich schreibe dies in höchster Eile, um die Post nicht zu versäumen.

Achtundfunfzigster Brief.

Paris, den 8. September 1848.

Ich stellte gestern Hrn. Bastide vor:

1) Die Einwendungen über den Ausdruck: +Reich+ und die +Neuheit+ der Centralgewalt seien jetzt vollständig widerlegt.

2) Verliere, nach dem Vorgange Englands, Belgiens, Sardiniens u. s. w., die Frage: „was andere Staaten thun würden“ alles Gewicht.

3) Desgleichen die, über Verträge u. s. w. mit deutschen Regierungen. Alle hätten den Reichsverweser längst anerkannt, die Geschäftsträger von Österreich, Preußen, Baiern wünschten die baldige Annahme des Schreibens Sr. kaiserl. Hoheit; kein kleinerer deutscher Staat werde oder dürfe widersprechen, oder doch Deutschland und Frankreich einen solchen unzeitigen und unbedeutenden Widerspruch unberücksichtigt lassen.

Wenn also bei diesen Verhältnissen da, wo man auf die freundlichste Annahme gerechnet habe, die größten Schwierigkeiten erhoben würden, wenn +ich allein+ dem mir gewordenen ehrenvollen Auftrage nicht genüge, so würden das Publikum und die Behörden zunächst annehmen: der Fehler liege +an mir+; mein Benehmen und Das, was ich gesagt oder gethan, sei der eigentliche Grund des Mißlingens. Man werde sagen: ich sei zu zaghaft und feige, oder zu ungeschickt und unhöflich gewesen, man werde mich als Sündenträger verstoßen und opfern u. s. w. Da nun aber in +Wahrheit+ große Angelegenheiten +nicht+ durch die Persönlichkeit +untergeordneter+ Personen entschieden würden, so dürfe man sich nicht wundern, wenn Besorgliche zu der Vermuthung kämen: es müßten noch +andere+, +wichtigere+ Gründe mit im Spiele sein u. s. w.

Hr. Minister Bastide erklärte hierauf wiederholt: er sei mit mir und meinem Benehmen +vollkommen+ zufrieden und werde gern fernerhin mit mir verhandeln. Er fragte ferner: ob ich nicht ein förmliches Beglaubigungsschreiben als Gesandter mitgebracht habe. Ich erwiderte: mein Auftrag sei ein besonderer und außerordentlicher, und erst wenn derselbe erledigt sei, werde man in Frankfurt entscheiden, wer tauglich sei, hier ferner die Geschäfte zu führen.

Aufs Feierlichste protestirte hierauf Hr. Minister Bastide: daß der eingetretenen Zögerung durchaus keine Abneigung, üble Absicht oder eine andere unbekannte, geheime Ursache zum Grunde liegt. Frankreich sei den Deutschen und der deutschen Entwickelung in keiner Weise zuwider. Er wolle sogleich von der jetzigen (veränderten) Lage der Dinge Hrn. General Cavaignac Vortrag halten und werde mir +heute+ mündlich oder schriftlich dessen Entscheidung melden.

Mittags 2 Uhr.

Ich habe bis jetzt von Hrn. Minister Bastide noch keine weitere Nachricht erhalten und muß (gebe Gott mit Unrecht) fürchten, daß der in der Paulskirche gefaßte Beschluß über den dänischen Waffenstillstand der Angelegenheit eine neue, sehr +ungünstige+ Wendung geben wird. -- „Unter dem Scheine eines unwichtigen und doch ehrenvollen Amendements habe man verworfen, was ganz Europa dringend wünsche und fordere. Preußen sei bloßgestellt und auf neue Verluste hingewiesen, die gegebene Vollmacht mißgedeutet; der Glaube, es mit ganz Europa aufnehmen zu können, für eine eben erst entstehende Macht ein Aberglaube. Der Apfel der Zwietracht werde von Leichtsinnigen, schlecht Unterrichteten oder Böswilligen hingeworfen, zur Freude aller Feinde der Ordnung, der Ruhe und des Friedens. Dem Ministerium bleibe kein anderer Ausweg, als zu seiner Ehre und zum Besten der Sache selbst vom Schauplatze abzutreten. Bald werde sich alsdann ergeben, ob Andere im Stande wären, auf anderem entgegengesetzten Wege die Sachen zum Ziele zu führen.“ So in aller Kürze das Wesentliche Dessen, was ich leider von allen Seiten höre. Möchten doch bald beruhigende Nachrichten eintreffen!