Briefe aus Frankfurt und Paris 1848-1849 (1/2)
Part 20
~J’ai l’honneur de Vous présenter une lettre de son Altesse impériale, l’Archiduc Jean d’Autriche, Vicaire de l’Allemagne, qui annonce les dispositions les plus amicales de ce pays envers la France.~
~Cette France républicaine a déclaré que la conservation de la paix sera dorénavant le but principal de sa politique; l’assemblée de Francfort a applaudi a cette manifestation avec un enthousiasme général, et la nation allemande a répondu d’une voix unanime cet élan spontané de ses représentans.~
~Les difficultés qui pourront se présenter sur cette route aussi glorieuse que nouvelle, seront certainement vaincues par la conviction intime et la volonté puissante de deux gouvernements et de deux peuples, dont la vocation est de contribuer d’un commun accord au progrès de la civilisation.~
~Quant à moi, je considère ce jour comme le plus heureux de ma vie; puisque (à la fin d’une longue carrière vouée à l’histoire) il m’est accordé de voir naître pour deux grandes nations (malheureusement souvent ennemies) une ère nouvelle d’amitié, de fraternité et d’union pacifique!~
Dreiundsechzigster Brief.
Paris, den 16. September 1848.
Ich füge meinem gestrigen +eiligen+ Schreiben heute noch einige einzelne Bemerkungen hinzu.
1) Hr. General Cavaignac bemerkte tadelnd, daß Mehre in Deutschland den Grundsatz der Nationalität übertrieben und von Erwerbung des Elsaß und Lothringens sprächen, wozu die eine und untheilbare Republik Frankreich niemals die Hand bieten, sondern sich ernstlich widersetzen werde. -- Ich erwiderte: es sei nicht zu hindern, daß Einzelne derlei Reden führten, politisch hätten sie gar keine Bedeutung. Jener Grundsatz der Nationalität werde thöricht, sobald man ihn +unbedingt+ in Deutschland, Frankreich, Österreich oder +Italien+ zur Anwendung bringen wolle.
2) Hr. Minister Bastide sagte: er wolle +gern+ mit mir über +Italien+ sprechen, um so mehr, da ich schon wisse, wie +gemäßigt+ die Absichten Frankreichs wären. Das Gespräch ward hier unterbrochen; ich sehe aber voraus, daß die Rede nächstens auf denselben Gegenstand kommen wird. Mit Bezug auf Hrn. Bastide’s +frühere Äußerungen+ und meine persönliche Überzeugung bemerke ich Folgendes:
~a)~ Dem Wunsche Deutschlands, an den Verhandlungen über Italien friedliebenden Antheil zu nehmen, wird man hier schwerlich etwas in den Weg legen.
~b)~ Frankreich wird sich wahrscheinlich hinsichtlich der Gränzen und der Souverainetät nachgiebiger zeigen, sobald nur (nach Lamartine’s Worten) ernstlich +wahrhaft nationale+ Einrichtungen von Österreich bewilligt und eingeführt werden.
~c)~ Die Zerwürfnisse und das bald feige, bald leidenschaftliche, anarchische Treiben der Italiener machen hier den unangenehmsten Eindruck, und wenn dasselbe noch lange ohne Besserung fortdauert, wird man ihrer so überdrüßig werden, wie der Polen. Sagte doch schon Hr. B-- wie soll man einem Volke helfen, das gar nicht versteht sich selbst zu helfen.
Wenn man in Frankfurt zu der Begeisterung nicht politische Klugheit und Mäßigung gesellt, wird die Versammlung in der europäischen Völkerfamilie bald ganz vereinzelt dastehen und nicht das Heil, sondern die Zerwürfniß Deutschlands herbeiführen. -- So sprechen nicht blos die französischen, sondern auch die englischen Machthaber.
Ich will meinem gestrigen Briefe -- -- über meine Audienz beim Hrn. General Cavaignac heute noch Einiges zusetzen.
Hr. von Andrian schreibt mir in Bezug auf das ähnliche Ereigniß Folgendes aus London: „Lord Palmerston stellte mich der Königin vor, der +Oberceremonienmeister+ begleitete mich bis an den Wagen und Alles erfolgte mit +großer Würde+ und +Feierlichkeit+.“ --
Mich wollte Hr. Minister Bastide abholen. Da er aber bereits den ganzen Morgen bei Hrn. General Cavaignac beschäftigt war, bat er mich allein zu fahren, und das geschah dann nicht (wie ehemals) mit großem Gefolge und vielen sechsspännigen Wagen, sondern mit einem +Zwei+spänner (sonst genügt mir ein Einspänner) und einem Bedienten, den ich (um 2 Fliegen mit einer Klappe zu schlagen) auch zu meinem Geheimen Sekretair und Kanzellisten erhoben habe.
Auf meinen Wunsch, Hrn. Bastide noch vor der Audienz zu sprechen, damit er meine Anrede an Hrn. General Cavaignac prüfe, kam er im Überrock und eine Cigarre rauchend, sodaß ich mit weißer Halsbinde und schönem Jabot fast wie ein allzu geputzter Pfau aussah. Jene Vernachlässigung des Äußern sagt übrigens meiner bequemen Natur sehr zu; sie wird durch offenes, ungezwungenes, vertrauensvolles Benehmen in eine höhere Region gehoben, und ich kann mir kaum einen Minister denken, mit dem angenehmer zu verhandeln wäre, als mit Hrn. Bastide. Wenn Andere anders urtheilen, so liegt dies an ihnen selbst; ihre veralteten, oberflächlichen, wahrheitslosen diplomatischen Kunststücke sind ihm zuwider, und machen ihn verdrießlich und wortkarg, was er gegen mich nie gewesen ist.
Ich erwartete, Hr. General Cavaignac werde mich doch mit einiger Feierlichkeit empfangen und ich +ihm gegenüberstehend+ meinen Spruch herdeklamiren müssen. -- Keineswegs, in Papieren kramend, sagte er: ~bon jour Mr. de Raumer, asseyez Vous.~ -- Das geschah dann auch, und mein Spruch war (wie Ihr leset) für diesen Conversationston viel zu feierlich. Er ging indeß etwas abgeändert schnell vorüber, und das Gespräch ward nun zwischen dreien (Hr. Bastide saß am Tische neben mir) in ganz natürlicher einfacher Weise fortgeführt. -- So war ich an diesem Tage (ganz gegen meine sonstige Natur) der Feierlichste und Aufgebauschteste. Doch kann ich mir darüber keine Vorwürfe machen: denn nach so zahllosen ~précédents~, durfte ich Karnikel nicht in allzugeringem Volkstone beginnen. -- Ähnliches könnten andere Gesandten erzählen über den Wegfall aller Feierlichkeiten.
Die Berathungen über das +Recht zur Arbeit+ haben endlich ihr Ziel in einer vermittelnden Formel erreicht: ~la République doit, par une assistance fraternelle, assurer l’existence des citoyens nécessiteux.~ Hiedurch wird die unausführbare, unbedingte Rechtsfrage, meist in eine bedingte Liebesfrage verwandelt, und die Narrheit des Hrn. Louis Blanc muß der Weisheit Jesu Christi Platz machen.
Die Noth der unbeschäftigten und ungeduldigen Arbeiter drängt zur Abführung von Kolonisten nach Algier. Wäre die Unternehmung im Großen nur nicht so kostspielig, und hätten nicht Grillen von Association, Theilung des gemeinsamen Ertrags u. dgl. noch immer täuschenden Einfluß.
Sehr viele Soldaten stehen in und um Paris noch im Zeltlager, was bei einbrechendem Herbstwetter immer unbequemer wird. Noch mehr mißfällt ihnen, daß man die ~garde mobile~ besser bezahlt, unter welche Leute aufgenommen wurden, die im Junius zwar großen Muth zeigten, aber theils sehr jung, theils roh, ja selbst, wie man behauptet, Verbrecher sind. Die Soldaten wagt man noch nicht von Paris zu entfernen, und was die ~garde mobile~ thun wird, wenn man sie nicht mehr bezahlen kann, oder will, das ist schwer zu sagen. Wenn nur nicht die platzende Bombe einen großen Krieg herbeiführt. Die nächste Gefahr droht dann dem Könige von Sardinien. Die Österreicher hassen ihn aufs Äußerste und nennen ihn falsch, lügenhaft, wortbrüchig; als Sieger würden sie ihn aufs Härteste behandeln. Dringen umgekehrt die Franzosen in sein Land ein, so werden ihn seine Unterthanen wegjagen und eine Republik errichten; diese aber läuft an der französischen Leine, -- bis (wie schon so oft) die französische Herrschaft durch irgend einen Umschwung ein Ende nimmt.
Den 16. September Nachmittags.
Ich erfahre so eben aus guter Quelle, daß das frankfurter Verwerfen des dänischen Waffenstillstandes und die dadurch angedrohte neue Unterbrechung des Handels, den ernsten Gedanken hervorgetrieben hat, sogleich einen Congreß von Abgeordneten zu berufen, um sowohl jenen Waffenstillstand aufrecht zu halten, als den Frieden vorzubereiten. Zuerst sollte London, dann (als dies Widerspruch fand) Hamburg zum Sitze des Congresses gewählt werden, und man rechnete auf das Erscheinen der Abgeordneten von England, Frankreich, Rußland, Schweden und Preußen. Da die deutsche Centralgewalt noch nicht von allen diesen Mächten anerkannt sei, werde sie nur +officiös+ vertreten werden können. -- So der wesentliche Inhalt der mir zugekommenen Nachrichten.
Den 17. September.
Als ich hier ankam, war Cavaignac’s Ansehen noch im Steigen; jetzt sagt man, es sinke bereits. Weil er und seine Freunde die Pariser retteten, von der Plünderung, von Mord und Brand, fühlten sie sich lebhaft zum Danke verpflichtet; jetzt vergessen Manche schon, welche Gefahr sie bedrohte und wie diese noch fortdauert. Sie denken blos an die +Übel+, nicht an die +Nothwendigkeit+ des Belagerungszustandes, und jeder Raisonneur hält sich für fähig an Cavaignac’s Stelle zu treten. Man vergißt, welches Unheil jede plötzliche Umgestaltung der Regierung fast immer hat, und daß bei häufigem Wechsel der Personen und Grundsätze, Achtung und Vertrauen entweicht, und nichts wahrhaft Nützliches und Dauerndes zu Stande gebracht wird. Läugnen läßt sich nicht, daß mancher Andere eben so viel als Cavaignac gethan zu haben behauptet und in sofern mindestens gleiche Ansprüche macht, daß Cavaignac nicht auf frühere Thaten so hinweisen kann, wie Bonaparte am 18. Brumaire; allein Schickung, oder Zufall, oder die vollendete Thatsache, haben und behalten ihre große Bedeutung. Die verneinende Kritik, welche, wie in der Literatur, so auch in den öffentlichen Verhältnissen vorherrscht, bringt nichts zu Stande, sondern wirkt verletzend und zerstörend. Was man Begeisterung nennt, hat oft gar keinen positiven, belebenden Ursprung; sie wächst empor aus dem Hasse gegen alles Bestehende, aus Selbstgefälligkeit und Eitelkeit, und ist gar oft versetzt mit einem großen Bestandtheil ganz offenbarer Dummheit.
Oder wie soll man es nennen, wenn die Versammlung in Frankfurt (welche kaum geboren ist und die Kinderkrankheiten noch nicht überstanden hat) schon in der Wiege um sich schlägt, mit ganz Europa Händel anfängt, und so überall Liebe und Vertrauen und Achtung verliert? Politische Klugheit ist (wie ich in meiner Spreu sage) ganz abhanden und in Verruf gekommen, und Jeder, der in die Paulskirche, oder die Singakademie hingefallen ist, hält sich für einen neugebornen Staatsmann; -- obwohl er in seinem ganzen Leben noch nicht an die hochwichtigen Aufgaben gedacht hatte, über welche er nunmehr übereilt und anmaßend abspricht und abstimmt.
Vierundsechzigster Brief.
Paris, den 18. September 1848.
Gestern war ich, nach B. und W. Abreise, zum ersten Male ganz allein und fand den Tag sehr lang, und im Schauspiele Marion de Lorme sogar langweilig. Länger beschäftigt mich Monte Christo von Dumas; aber auch er ist viel zu lang, und man spürt, daß das bogenweise bezahlte Honorar manche Drahtzieherei und Abschweifung herbeigeführt hat. Gewiß besitzt Dumas ein Talent zu erfinden, Aufmerksamkeit und Theilnahme zu erwecken und lebendig darzustellen. Andererseits sind in Monte Christo viele Dinge ganz unglaublich, ohne uns auf den Boden des Wunderbaren zu versetzen, wo man gern +Alles+ glaubt. Ferner wird fast lauter Lumpengesindel (trotz des Reichthums Vieler) auf den Schauplatz geführt, und trotz des Mitleids mit dem Helden, giebt doch ein einziger Gedanke (der, der +Rache+) keinen hinreichenden Inhalt, kein genügendes Lebensprincip für ein Kunstwerk. Während die Gesetzgeber die Todesstrafe abschaffen, führen die schönwissenschaftlichen Schriftsteller „Martern aller Arten,“ ein.
Paris war während der letzten Tage in lebhafter Aufregung über die Wahl einiger neuen Abgeordneten. Die große Zahl der Bewerber läßt fürchten, daß (wie gewöhnlich) die sogenannten Guten sich eigensinnig spalten, und die Böswilligen sich besser einigen und verständigen werden. Wahrscheinlich wird Ludwig Bonaparte unter den Erwählten sein, und dann, wie man mit oder ohne Grund behauptet, seine Unfähigkeit bald an den Tag legen.
Der Plan des Ministeriums, Abgeordnete aus der Versammlung in die Landschaften zu schicken, um die Gesinnungen zu erforschen und zu berichtigen, hat so allgemeinen Widerspruch gefunden, daß er höchst wahrscheinlich nicht zur Ausführung kommen wird. Man sagt: hiezu sind die verwaltenden Beamten und die Belehrungen der Presse hinreichend; und Beauftragte jener Art (willkürlich aus der Versammlung gewählt) entweder übermächtig, oder ohnmächtig. Jeden Falls zeigt jener Plan, daß man nicht glaubt, ganz Frankreich sei mit der jetzigen Regierung oder Regierungsweise zufrieden. Wie wäre dies auch möglich bei einer, die so rasch, so unerwartet entstanden ist, und ihr größtes Verdienst in der rücksichtslos angewandten Gewalt findet und finden muß! Wenn lang begründete Herrschaft (die da Vorfahren hat, Ahnen, Verdienste), einzelner wahrhafter, oder vorausgesetzter Mängel halber, jetzt den Äquinoctialstürmen der Gleichmacherei unterliegt; wie soll eine, aufgeschossen in der Eile und Hitze des Tages (bitterer, auf Lappen gesäeter Kresse vergleichbar) tiefe Wurzeln treiben, und das tägliche Harken, Eggen, Graben und Wühlen überstehen?
Die Zeiten, wo die Person nichts gilt, sondern von der guten oder bösen Regel niedergestürzt wird, sind ohne Zweifel +vom Übel+; aber ebensowenig taugen die, wo der Einzelne sich +nirgends unterordnen+ will; woraus dann nothwendig der Krieg Aller gegen Alle entsteht, und es keine Helden mehr giebt, als die auf Barrikaden einherreiten. Wie viel tiefsinniger ist des alten Aristoteles so oft geschmähte richtige Mitte, als diese Lehre des Tages, welche in fieberhaften Paroxysmen die rechte Gesundheit, in dem Zappeln der äußersten Glieder den Mittelpunkt des Lebens, in der Karikatur die wahre Schönheit und das richtige Maß erblickt.
Wie jeder Mensch, so hat auch jede Stadt, jedes Volk, jeder Staat einen höchsten Punkt des Daseins, wo er culminirt, und von wo ab er nicht mehr steigt, sondern sinkt. Ich will nicht ein Unglücksprophet sein, aber wer kann (umherblickend) sich der Sorge enthalten! Wiederum sind noch so viel Lebenselemente vorhanden, und es bedürfte z. B. für Preußen nur rechten Muthes, um der Thorheiten und Bosheiten des vergangenen und des jetzigen Jahres gleichmäßig Herr zu werden und wahre Fortschritte anzubahnen. Thäte nur Jeder das Seine, nicht mehr und nicht weniger!
Die hiesige Nationalversammlung, minder eilig als die frankfurter, hat den Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe verworfen. Was vor Zeiten, wo Hunderte zum Tode verurtheilt wurden, höchst wichtig war, verliert sein Gewicht, seitdem jene Strafe nur einzelne der ärgsten Verbrecher trifft. Robespierre war der größte Gegner der Todes+strafe+, aber als ~mésure politique~ hielt er sie für natürlich und gerechtfertigt. Diese Ansicht wagt Gottlob Keiner mehr zu rechtfertigen. -- In wie platter, anarchischer Weise hat B--s in Berlin den Begriff der Volkssouverainetät aufgefaßt; noch unausführbarer und atomistischer als die französische Verfassung von 1793. Eine Verfassung, im ächten Sinne, ist nach jener Lehre ganz unmöglich, da das augenblickliche Belieben des großen Haufens, für das höchste Gesetz gilt. -- Ist Jeder nur ein +Einer+ unter Millionen von +Einern+, wie läßt sich die Obrigkeit begründen, welche die augenblickliche Willkür der +Einzelnen+ zügeln soll; wie kann etwas da Dauer gewinnen, wo man allen Werth des Dauerhaften läugnet, und ihn ausschließlich im Verändern und im Veränderlichen sucht? Eins gehört zum Andern, sowie zum Genießen das Entsagen, zur Thätigkeit die Ruhe.
Den 19. September.
Die gestern Nachmittag über Straßburg angekommene telegraphische Nachricht: daß die Reichsversammlung nunmehr den Waffenstillstand angenommen habe, erregt nicht blos in den diplomatischen Kreisen, sondern bei Allen, welche den Frieden wünschen, die größte Freude. Das entgegengesetzte Verfahren hätte +hier+ das Ansehen der Versammlung ohne Zweifel ganz untergraben, und in den Versuchen deutscher Einigung nur Versuche für größere Zerwürfniß erblicken lassen.
Man nimmt hier an: das alte Ministerium werde hergestellt oder doch an den gemäßigten und friedlichen Grundsätzen nichts geändert werden.
Fünfundsechzigster Brief.
Paris, den 20. September 1848.
Die Wahlen für Paris werden heute bekannt gemacht. Man klagt, daß bei dem allgemeinen Stimmrechte, wenige Personen die Übrigen führen und verführen. Ludwig Bonaparte ist unter den Gewählten; ein Mittelpunkt und Werkzeug für Andere. Leider sieht man im Allgemeinen, daß es jetzt an großen Männern fehlt und überall die Mittelmäßigkeit sich breit macht und herrscht, obgleich sie noch nicht einmal das ABC des Staatsrechts und der Staatsklugheit versteht. -- Ein anderer Erwählter soll Raspail sein, der vorläufig seiner Großthaten halber im Gefängnisse sitzt. -- Zwar entscheiden wenige Wahlen der Art noch nichts; sie sind aber den jetzigen Machthabern natürlich unwillkommen und zeigen an, in welcher Richtung Gefahren obwalten. Doch herrscht (Alles zu Allem gerechnet) jetzt in Frankreich eine mächtigere, gleichartigere Überzeugung von der Nothwendigkeit der +Ordnung+, als in Deutschland; wo die Hauptmaul- und Knüppelhelden meinen: aus dem Mistbeete der Fäulniß und Unordnung werde unser Vaterland erneut emporwachsen.
Den 21. September.
Gestern in einer Abendgesellschaft beim sardinischen Botschafter von Brignole nahm ich (als Privatmann und in vertraulicher Weise) Gelegenheit ihn zu fragen, was er und sein Hof wohl dazu sagen werde, wenn man von Frankfurt aus wünschen oder verlangen sollte, daß (aus den und den bekannten Gründen) Deutschland an den Verhandlungen über Italien Theil nehme. -- Er erwiderte: eine amtliche Antwort (die ich auch gar nicht gefordert hatte) könne er hierauf allerdings nicht geben. Für seine Person finde er jedoch die für Deutschlands Theilnahme angeführten Gründe gewichtig und dessen Zulassung zu den Verhandlungen natürlich; -- vorausgesetzt jedoch, daß es nicht als ein offener Gegner Italiens auftreten wolle. -- Hierüber konnte ich ihm beruhigend antworten.
Ich komme soeben von Hrn. Minister Bastide, mit dem zu verhandeln eine Freude ist. Er spricht sich nämlich über alle Dinge (wenigstens gegen mich) so offen, einfach und klar aus, daß man ohne Halbheiten, Verschweigungen, Horchen und Verstecken sogleich weiß, wie man mit ihm daran ist und was er will. Das Wesentliche Dessen, was er mir sagte, ist Folgendes:
Wir sind bereit, bei der Centralgewalt einen Gesandten zu accreditiren und einen solchen hier accreditiren zu lassen; wir sind auch geneigt, die Mitwirkung Deutschlands eintreten zu lassen, vorausgesetzt, daß Deutschland nicht mit Österreich ganz gleichbedeutend sei, aber hiedurch zwei Stimmen für eine in diese Wagschale gelegt werden.
Vor Allem aber hängt unsere Stellung zu Deutschland davon ab, wie sich die Dinge weiter in Frankfurt gestalten. Eine kriegslustige Partei hat, im Widerspruche mit ganz Europa, und alle Klugheit bei Seite setzend, auf einige Tage obgesiegt. Es sind ferner, nach berichtigender Aufhebung des irrigen Beschlusses, große Ungebührlichkeiten in Frankfurt vorgefallen, welche eine Auflösung aller Ordnung und einen furchtsamen Rückfall in die alten Übel wenigstens als möglich erscheinen lassen. Daher muß Frankreich bestimmtere Erklärungen in diesem Augenblicke noch aussetzen. Sobald das alte Ministerium hergestellt oder ein neues gebildet und in sichere Thätigkeit gesetzt ist; sobald dies die Grundsätze anerkennt, welche uns als Glaubensbekenntniß und Leitfaden deutscher Politik durch Sie übergeben wurden, werden wir mit größerer Sicherheit und vollkommnerem Vertrauen die Hand bieten. Ohne zu wissen, welche +Grundsätze+ dauernd in Frankfurt obsiegen, welche Personen als +Minister+ angestellt, als +Gesandte+ hieher geschickt werden, lassen sich Verhandlungen über wichtige Gegenstände nicht mit Erfolg zum Ziele führen. Ordnung aufrecht zu halten, muß in Deutschland wie Frankreich Hauptzweck sein; dafür muß man im Inlande und in Beziehung auf das Ausland hinwirken, und weder durch Kriegsmacht noch durch Propaganda die bürgerliche Gesellschaft aufzulösen trachten u. s. w.
So hängt also der weitere Erfolg ganz von den in Frankfurt zu fassenden Beschlüssen ab. --
Den 22. September.
Mit Bezug auf frühere Mittheilungen muß ich wiederholen, daß Hr. Bastide aufs Deutlichste erklärte: er wolle mit einem Ministerium „~à la Dahlmann~“ nichts zu thun haben, und überhaupt erst weiter in die Sachen eingehen, wenn in Frankfurt ein +festes+ und +gemäßigtes+ Ministerium gebildet sei. -- Ein Mann Ihres Sinnes (fügte er verbindlich hinzu) würde uns bei Behandlung der italienischen Angelegenheiten willkommen sein: -- wie aber, wenn man Sie morgen abruft, und einen die Lehre von den Nationalitäten thöricht übertreibenden Mann aus der Linken herschickt? Welche Unannehmlichkeiten und Hindernisse würde uns ein solcher bereiten!
Daß nicht blos Hr. Dahlmann, sondern auch Hr. Hermann kein Ministerium zu Stande bringen konnte, fand bei der hiesigen Regierung großen Beifall; die blutigen Unruhen haben aber Theilnahme und Vertrauen zu Frankfurt und zur Centralgewalt für den Augenblick +ganz vernichtet+. Vergebens erinnert man an pariser Zustände. -- „Wir haben (so lauten die Antworten) seitens der Regierung die Ansichten und Grundsätze der Anarchisten und Communisten aufs Nachdrücklichste mißbilligt, wir haben sie mit Waffen bekämpft und zu Boden geworfen.“ -- Dies ist, fiel ich ein, so viel man weiß, auch in Frankfurt geschehen. -- „Man hat (fahren jene Ankläger fort) geduldet, daß Mitglieder der Reichsversammlung vor zusammengelaufenen oder zusammengerufenen Volkshaufen ihre gemäßigten, verständigen, friedliebenden Collegen für Verräther erklärt haben; man hat jene nicht zur Untersuchung gezogen, nicht gestraft. Unter dem Vorwande, für die Einheit und Einigkeit Deutschlands zu wirken, geschehen in allen Landschaften und Städten ähnliche Frevel! -- und die Centralgewalt, deren heiligste Pflicht wäre, aufs Lauteste und mit dem größten Nachdrucke dagegen aufzutreten (wie es ähnlicher Weise hier geschehen ist), legt die Hände in den Schoß, und die Reichsversammlung berathet in pedantischer Weise über Grundrechte, während sie Alles zu Grunde gehen läßt. So rathschlagte einst die französische Nationalversammlung über Artikel des peinlichen Rechtes und die Bekleidung des Heeres, während die Gironde den Thron und der Berg die Girondisten stürzte. Muß man nicht auf den Gedanken kommen: man freue sich in Frankfurt auf die anarchische Ungebühr, und die Auflösung und Untergrabung der gesetzlichen Regierungen in den einzelnen Staaten, weil man thöricht wähnt, auf diesem Wege die Centralgewalt zu stärken. Wenn der Ekel über die Thorheiten und die blutige Leidenschaft der rothen Republikaner ungestört überhand nimmt, so wird die Centralgewalt nebst der Reichsversammlung vom Boden Deutschlands verschwinden, und aus eurem zur erschreckenden Wüste gewordenen Vaterlande eine Tyrannei emporwachsen, furchtbarer als sie vielleicht je in einem Volke gewüthet hat. Trotz eurer gerühmten Weisheit und Philosophie seid ihr einem dreißigjährigen Kriege näher, als die Schwachen, Dummen und Feigen jetzt glauben. Wir können zur Centralgewalt und zu einem frankfurter Ministerium erst Vertrauen fassen und Achtung vor ihm haben, wenn es offen und muthig alle anarchischen Bestrebungen und Unternehmungen bekämpft und besiegt.
Leider geben die hiesigen Zustände auch zu traurigen Betrachtungen Veranlassung. Die sogenannten wohlgesinnten Leute haben sich über die Candidaten nicht geeinigt, sie haben die Hände in den Schoß gelegt, während ihre Gegner wohlorganisirt und thätig vorwärts gingen -- und obsiegten. Bonaparte’s Wahl (sagte mir ein Franzose) erfolgte zur Schmach Cavaignac’s, Fould’s Wahl zur Schmach der Republik, Raspail’s zur Schmach der Nationalversammlung. Diese drückt nicht mehr die Gesinnung des Volkes aus, und wer sich auf sie stützt, wird bald zu Falle kommen. Noch mehr Fehler, als die Versammlung, läßt sich das Ministerium zu Schulden kommen, und Cavaignac geht dem allgemeinen Schicksale entgegen: -- er wird bald verbraucht, ~usé~, sein!