Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band
Part 8
L., dank für die Insterburger Karte und den lieben Brief vom 20. Was Ihr von Rußlands gefährlichem Zustand denkt, wird wohl richtig sein; was Rußland heute leidet, ist entsetzlich. An die geheimen Friedensverhandlungen glaub ich _nicht_; aber ich glaub, ich schrieb Dir schon einmal: ich laß mich gern -- überraschen. Von der Stimmung im Lande bin ich gut unterrichtet; es ist eben -- »Belagerungszustand«, -- Belagerung der Seele, des Gemütes, des Leibes, -- alles. Verlier nur die Freude am Garten etc. _nicht_ -- das hat doch auch _keinen_ Sinn. Gegen Mäuseplage im Garten streut man am besten _Giftweizen_. Ein Hund rührt ihn nicht an; in die Löcher streuen, damit die Vögelchen nicht dran kommen. Wenn Ihr Welf weggebt, schafft sofort ein Kätzchen an. Ich bin entschieden dafür, Welf wegzugeben.
30. IX. 15.
L.,
der arme, kleine Trim! Das ist schon traurig; aber das Tierchen hatte es doch die wenigen Monate seines kleinen Lebens gut und vergnügt gehabt, so daß es keine traurige Erinnerung ist; das arme Peterchen seinerzeit schmerzte mich darum tiefer, weil ich immer dachte, es hätte noch viel gestreichelt und getröstet werden müssen für sein Kinderleiden. Hoffentlich bringst du Schlick und Hanni durch; ich könnte auch nicht mehr machen als Du; ich weiß ja, wie hilflos wir damals in Planegg vor dem kleinen Rehchen standen, das uns starb. Ein gewisser Prozentsatz dieser Tierchen geht immer ein. Was Du thust, scheint mir alles ganz richtig. Außerdem muß man eben seine Erfahrungen sammeln, z. B. betreff der Würmer. Darüber weiß ich gar nichts. -- Heut kam auch Dein Paketchen mit den Socken, Handschuhen und einem Paar _ganz famoser_ Pulswärmer, die mir sehr gelegen kommen, da sie das Handgelenk doch viel wärmer halten als die kurzen. Geld sollst Du mir keins schicken, mein Lieb; solange ich hier im Kasino esse, bin ich ja wirklich sehr gut versorgt, und da ich ja fast nichts trinke, genügt mir meine Löhnung so ziemlich. Mir macht ein bißchen zu sparen gar keine Schwierigkeiten; jetzt, in diesem Kriege, kann man nicht schlemmen! Ich hab wenigstens keine Lust. Meine Beförderung scheint wohl sicher; ich habe mich mit noch zwei (*** und ***) schriftlich damit einverstanden erklären müssen; die beiden mußten sich als Reserveoffiziere außerdem zu drei achtwöchentlichen Übungen verpflichten, ich als Offizier der Landwehr zu _einer_ auf die Dauer _bis_ zu acht Wochen (-- -- -- -- --). Ob wir nun vorerst Offiziers-Stellvertreter werden, wissen wir selbst nicht. Prüfung wird wahrscheinlich gar keine stattfinden. Ich glaube _nicht_, daß man mich eigentlich zur Batterie holen will, wenigstens nicht für dauernd. Unsre Kolonne wird jetzt stark vergrößert (24 Jahrgänge) und _muß_ noch einen Offizier bekommen und ich scheine dazu ausersehen, was mir sehr recht wäre. In Anbetracht des nahenden Winters ist mir diese Beförderungsgeschichte schon _sehr_ angenehm.
Die Offensive macht mir gar keine Angst mehr; sie können unsre Stellungen da und dort in Trümmer schießen, sodaß man mal zurück muß, aber _werfen_ können sie uns nicht; und die schrecklichen Verluste sind immer beiderseits. Wie mag es nur dem armen Helmut ergangen sein? Er stand nicht weit von der Haupteinbruchstelle.
Betreff Welf magst Du recht haben; später gebe ich ihn aber sicher weg. -- -- -- Beiliegend wieder Kritiken; in der Frankfurter Zeitung erschien heut auch eine lange Rede über mich. Wenn das doch endlich aufhörte. Es ist mir so fad und alles kommt mir so dumm und falsch vor, die Bilder selbst auch; ich kann mir, auch die guten, kaum mehr vorstellen. _Behalte_ diese ganzen Besprechungen. *** braucht sie nicht, glaub ich; oder wirf alles weg. -- Du sollst keine Kopfschmerzen haben! -- Das Russisch-lernen macht mir Spaß. Du solltest diese Worte hören! Dieser Klangreichtum und diese Wortcharakteristik! Aber blödsinnig schwer; ich werde nicht recht weit kommen. Das ist mir auch gleich. Es ist wenigstens eine _abstrakte_ Beschäftigung wie das Schach,
-- -- -- -- -- Dein Frz.
1. Okt. 15.
L.,
von nun an brauchst Du bei Deinen Sendungen an mich nicht mehr besonders auf Platznot Rücksicht zu nehmen; ich hab jetzt meinen geräumigen Koffer, den ich mir in diesen Tagen aus Metz besorgen lasse (Holzkoffer mit Eisenbeschlag), in den viel hineingeht. Ich schrieb Dir schon gestern, daß ich plötzlich mit der Beförderung zum Offiziersstellvertreter überrascht worden bin, der in einigen Wochen das Leutnantspatent folgen wird. Heut war die offizielle Offizierswahl; die ministerielle Bestätigung dauert kaum länger als vier Wochen. Das Angenehmste ist obendrein, daß ich bei der Kolonne bleibe; ich brauche weder eine Prüfung zu machen, noch Referenzen einzureichen. (Dies mag vielleicht darauf zurückzuführen sein, daß ich einmal erwähnte, daß Deine Angehörigen als Offiziere gefallen sind.) -- Schick mir mal den Emanuel Quint, den ich jetzt gern lese. -- Als Offiz.stellv. habe ich monatlich -- -- -- -- -- viel mehr als ich brauche! Also die Geldsorgen kannst Du jetzt wirklich fahren lassen und nicht etwa mit Heizmaterial und was sonst fürs Häuschen nötig ist, knausern; auch nicht mit München fahren, soviel es Dich freut. Hilf auch ***'s aus, wenn sie es nötig haben. Ich dachte mir schon, ob ich ihnen einmal, wenn ich das Leutnantsgeld habe, 100 Mark als Feldgeschenk schicken soll; was meinst Du? soviel könnt ich leicht einmal entbehren, nachdem Du selbst ja auch die Berliner Verkäufe hast. Als kinderlose Leute könnten wir das und sollten das wohl machen. Auf Urlaub im Spätherbst, spätestens Dezember kannst Du auch sicher rechnen. Weihnachten selbst glaub ich keinenfalls. Erstens werden da event. dieselben Alarmgerüchte, die sich voriges Jahr so traurig bewahrheitet haben, umgehen, andrerseits werden, wenn kein Alarm ist, dann wohl die älteren Offiziere das Urlaubsvorrecht beanspruchen und wir Jüngeren die Truppen führen müssen; momentan ist _jeder_ Urlaub vollständig gesperrt wegen der Offensive im Westen; wie lang das dauert, kann kein Mensch wissen. Jedenfalls hab ich als Offizier ganz andere Urlaubsaussichten als früher. Nun hab ich noch eine Bitte: bestelle -- -- -- -- -- Nun genug von diesem Militärzeug!
Heut kamen Deine zwei lieben Briefe, die von den armen Rehchen erzählen. Das gute liebe kleine Trimchen! Hoffentlich bringst Du die Hanni und Schlick durch. Wenn ich zurückkomme, sorge ich jedenfalls sehr energisch, daß die Tierchen vor Hunden Ruhe haben. Am besten denk ich mir, man pflanzt einmal auf der langen Seite dichtes kurzes Gebüsch und kleine Tännchen und zieht einen zweiten Innendrahtzaun. Ich glaube diese eine lange Seite würde genügen. Auf der Nordseite dann eventuell nur die Bretter bis auf ca. 1 Mt. erhöhen; es sieht freilich nicht hübsch aus und ist am Ende nicht billiger als Draht und auch Gebüsch, das gegen Sicht deckt. Gegen das Erschießen und gar Prozeß!! bin ich auch. Man macht sich die Leute zu direkten Feinden und zieht schließlich nur den kürzeren. Es wird ein bissel was kosten, aber schließlich ist alles Angepflanzte _immer Gewinn_. Wir müssen unser Leben in Ried so einrichten, daß wir möglichst wenig Reibung mit den Bauern haben. Wir können unser Rehgärtchen sehr gut so ausgestalten, daß sie uns auch die Tierchen nicht stören können.
Im Westen bekommen wir glaub und hoff ich langsam wieder die Oberhand. Man fühlt sich eigentlich allgemein erleichtert, daß die Offensive endlich ausgebrochen ist, -- die Hoffnung, daß sie die Kriegs_entscheidung_ bringt, ist doch wieder sehr lebendig geworden. Die Größe des Bluteinsatzes ist beiderseits fürchterlich; aber niemand sieht einen anderen Ausweg; der _Einzelne_ natürlich, aber nicht als Volks_ganzes_; da kann es keiner verantworten zu sagen: hören wir von heut auf morgen auf und lassen wir die Franzosen und Russen in unser Land. Nötig dazu wäre eine Verständigung von Volk zu Volk, -- aber wie eine solche heute anbahnen? Man darf über das alles nicht leichtsinnig und dilettantisch urteilen. Ich halte die Dinge streng auseinander; dem rollenden Völkerschicksal kann nur ein Dilettant in die Räder greifen wollen; der Reine sieht schweigend und trauernd zu und geht zur _Quelle_ des Übels zurück, einsam und einzeln ganz weit zurück.
Bleib gesund und denk auch wieder fröhlich an mich und unsere Zukunft. -- -- -- -- --
Dein Frz.
2. X. 15.
Liebe, die Legenden von Lagerlöf kenne ich nicht; nur Gösta Berling; sie ist schon sehr fein, aber sie hat mich doch nie _ganz_ gefesselt, ich weiß nicht, woran es lag. Der schöne Vers von Rilke ist ein echter Rilke; liest man viel von ihm, klingt wohl eine Manier durch, die seinen zum Teil prachtvollen Gedanken etwas Gewicht nimmt. Ist Novalis interessant? -- Wie sehne ich mich oft nach eigener Arbeit! Diese lange, lange Strecke unproduktiven Lebens. Es gibt erschreckende Dinge zu sagen, keine sanften pastoralen Klänge. -- Grüße alle! Mit liebem Kuß
Dein Frz.
5. X. 15.
L.,
wenn sich die Rehchen _strecken_, ist es ein _sicheres_ Gesundheitszeichen; das gilt auch für Hunde und Katzen. Würmer sind im Kot _nachweisbar_; wenn Du keine findest, haben sie auch keine. Doktor Kahle werde ich einen Gruß schreiben. Ich kenne die Besprechung in der Frankfurter Zeitung. -- Lisbeth sandte mir wieder ein Paketchen, ich lege ihren kleinen Brief bei. Daß K. bei Stramm auch das Lebendige, Schöpferische herausfühlt, freut mich. Die Versuchung, Stramm darum zu überschätzen, liegt ja nicht nah. Vieles, was Stramm gemacht, hält einen gründlich davon ab. Aber es geht hier wie bei den Futuristen und manchen Kubisten: ein paar schöpferische lebendige Klänge sind mir wertvoller als die reifsten Passée-Vollkommenheiten eines George oder Rilke, oder Kokoschka, -- selbst wenn mir letztere _vorübergehend_ genußreicher und lesbarer sind. Ich würde mich nur freuen, wenn Du es unternähmst *** direkt oder indirekt zu antworten; auch wenn es beim _Versuch_ bliebe. Der Zwang etwas zu formulieren ist immer heilsam. Die Sprache ist doch ein wundervolles Material, mit dem zu arbeiten an sich schon Genuß und Gewinn ist.
Fortsetzung. 6. X. 15.
Ich habe in diesen Tagen das einliegende Buch von Th. Mann gelesen; lies es auch; ich mag Manns Stil gar nicht, vieles ist auch richtige dumme Journalistik; aber liest man weiter, gerät man immer wieder auf Geist und Sinn. Die Darstellung des fridericianischen Problems ist sehr interessant. Vieles des heutigen Krieges wird klar, wenn man das weiß, was Mann hier ausplaudert. Ich glaube, man muß alt werden, um einigermaßen zu erfassen, was für eine sonderbare Art von Tier der Mensch ist, »_la bête humaine_«, wie Zola so gut sagte. Schick mir das Buch zurück, es gehört ***.
Jetzt spielt die Entente ihren gefährlichsten Trumpf aus, -- am Balkan!! Da drunten hat nun wirklich der Teufel die Karten gemischt! Wie klug waren unsere Vorfahren, sich die Teufelsfigur auszudenken, um sich die Welt zu erklären. Wir haben Himmel und Hölle entvölkert, bilderstürmerisch, -- aber auf Erden, in unserm Blut, leben dieselben Kräfte fort, für die wir jene klassischen Symbole schufen! Die Kunst wird immer wieder in eine neue Welt von Symbolen münden; man wird mit dem Leben und dem Rätsel: Mensch so leicht nicht fertig.
Schlaf lieb und gut; ich schlafe momentan ausgezeichnet. -- -- -- -- --
Dein Frz.
9. X. 15.
L.,
ist einliegende Karte mit der alten Frau, die in das Kaminfeuer bläst, mit ihrem Hund, nicht erschütternd? ein Schicksalsbild des armen Frankreich. Unser Leben ist umgeben von solchen Bildern. Ich kenne für mein Gemüt nichts Fürchterlicheres als den seltsamen Blick dieser alten, über alle Vorstellung vereinsamten Greise und Großmütter Frankreichs. Die Kirche von Senzey ist auch von einer namenlosen Traurigkeit. Helmuts Karte lege ich auch bei; vielleicht hat er doch das Glück und kommt durch; ich wußte ja, daß dieses Gemetzel im Westen kommen würde. Es hilft kein Reden und Klagen und Anklagen. Es ist ziemlich sinnlos, den paar Regierungsmännern die Verantwortung für dies Inferno zuschieben zu wollen. _Jeder einzelne ist genau so schuldig._ Was versteht der einzelne unter »Frieden«?? Das begierige Wiederaufnehmen desselben friedenswidrigen sündlichen Lebens und Strebens, das diesen Weltbrand erzeugt. Die Axt muß an die _Wurzel_ gelegt werden. Ich finde, Du redest Dich in Deiner Trauer und in Deinem Zorn in einen ganz falschen Demokratismus hinein.
Ich verstehe wohl, daß Du Dich zuweilen nach Berlin oder Bonn sehnst, -- ich zweifle nur, ob Du Dich jetzt dort wohl fühlen könntest, gar in Berlin!!! Das würde für Dein Gemüt katastrophal enden; Bonn -- vielleicht; erholen würdest Du Dich auch dort kaum. -- -- -- -- --
Mit den Rehchen scheint es ja gottlob besser zu gehen; bestelle mal wieder die Photographie von unserem Häuschen und schicke sie mir. Ich werde hier so oft drum gefragt, wie es aussieht -- etc.
Nun Schluß.
Mit vieler, vieler Sehnsucht
Dein tr. Frz.
13. X. 15.
L.,
wie schön ist das kurze Gedicht von Lasker-Schüler auf Senna Hoys Tod; sie ist doch eine große Künstlerin, deren Stärke immer wieder über ihre großen Schwächen triumphiert. -- Symptomatisch interessant ist der jetzt (im selben Blatt) lanzierte Artikel über die D. G. G. In diesen Tagen vollzieht sich, meine ich, der entscheidende Umschwung, -- das Ende des Krieges wird mit Riesenschritten nahen, das seh ich jetzt voraus. Ich bin auf einmal wieder etwas Optimist. Der Einmarsch in Serbien ist vom deutschen Heere in so beispielloser Stärke seit Monaten vorbereitet, genau wie seinerzeit die furchtbare galizische Offensive. -- -- -- -- --. Ich halte es nun doch für wahrscheinlich, daß wir Frühjahr 1916 das Ende erleben werden, -- wenn nicht sogar etwas früher. Die Ratlosigkeit der Entente am strategischen Schachbrett ist zu offenkundig. -- Bei uns hat es ja fast den Anschein, als wollten wir das lange oder dicke Ende dieses Krieges schön gemütlich in _Haumont_ abwarten! Ich reite jetzt viel für mich allein spazieren, stundenlang in den riesigen Eichen- und Buchenwäldern, die sich zwischen _Haumont_ und _Hattonchâtel_ und _St. Mihiel_ ausdehnen, spazieren. Die Herbstfarben sind jetzt so glühend wie einst am Thränenhügel! Ich habe mir ein hübsches neues Pferd herausgesucht, eine hochrote Fuchsstute »Eva«. Ich kann jetzt gottlob ohne zu fragen und wohin ich will, meine Ritte machen; den ewigen Druck des stündlichen Angebundenseins bin ich jetzt doch _etwas_ los, -- angebunden bleibt man natürlich immer! Also wenn _Du_ Dir mein Leben vorstellen willst, stell Dir Deinen Franzl auf seiner Eva langsam durch die Herbstwälder reitend vor. Ich reite viel Schritt; es wimmelt von Raubzeug hier; Rehe sind sehr selten; (heute traf ich zum erstenmal eine Hanni mit 2 Kitzen!) Außerdem sind seit gestern 3 _Kraniche_ hier! Hauptsache _grau_, weiße Unterseiten; sieh doch mal im Brehm nach, was es für Kraniche sein könnten, ob Jungfernkranich oder eine andre Art. Reiher sind es nicht; Reiher und Störche tragen im Flug den Hals anders.
Heut abend kam Dein Paket vom 4. X., also in 9 Tagen; das geht sehr prompt; dank für die guten Fläschchen! Strümpfe habe ich _jetzt_ mehr als genug, schick auf keinen Fall mehr. Mit _warmen_ Sachen bin ich jetzt überhaupt vollkommen versorgt. Wegen weicher weißer Hemden, also mit anderen Worten: etwas Offizierswäsche schrieb ich Dir schon; wenn Du nichts mehr findest, kaufe nichts, -- ich besorge es mir ganz einfach in Metz. Morgen -- übermorgen bin ich auch dort, nehme ein Bad und dergl.
-- -- -- -- -- Dein Frz.
16. X. 15.
L., heute schickte mir Kahle wieder eine Arbeit über das ägyptische Schattenspiel, das »Krokodilspiel«, -- sehr anregend; ich bin eigentlich sonst zum Lesen ganz unfähig, höchstens so ganz ausgefallene, unvorhergesehene Sachen freuen mich. Alles andere scheint mir so fatal bekannt, voll europäischer Tendenz und unnötig, »ohne Not«. Ich müßte jetzt bald arbeiten können, -- das Lesen hat jetzt keinen Sinn für mich. Über das Kriegsende bin ich immer noch guten Mutes; mir scheint ein Waffenstillstand wirklich sehr im Bereich der winterlichen Möglichkeiten. Über meine Abkommandierung hab ich noch nichts weiter gehört; hoffentlich verschiebt sie sich noch eine oder zwei Wochen, schon um des wunderbaren Herbstes willen, -- das Reiten ist jetzt zu schön! -- die Offensive stumpft sich ja auch ganz ab; ich glaube, wir bekommen hier nicht mehr viel zu thun. Meine einzige Sorge ist Helmut.
-- -- -- Frz.
19. od. 20. X. 15.
L., Du frägst, ob ich zwischen 5. und 9. nicht geschrieben habe? So lange Pausen hab ich _nie_ gemacht; vielleicht hab ich aber zuweilen ein falsches Datum erwischt, wie heute zum Beispiel. Ich glaube, Du kannst Dich noch immer nicht in meine Seelenverfassung hineindenken; was gehen mich Datum und Tage an! Gibt es etwas Gräulicheres als diese »Zeit-einteilung«; ich empfinde sehr zeitlos und fühle mich dabei weit wohler als am Anfang, als ich die Tage und Wochen zählte! -- -- -- -- --
Wie freu ich mich, daß es den Rehchen wieder gut geht! Hat eigentlich Niestlé nie meinen Brief mit schwedischen Kritiken bekommen, um deren Entzifferung ich ihn bat? Ist am Ende seine Post kontrolliert und hat man den Brief mit den schwedischen Einlagen konfisziert? Es liegt mir _gar nichts_ an ihnen, nur der Fall an sich wäre interessant.
Über mein Antwerpener Kommando hab ich gar nichts weiter gehört; vielleicht wird auch nichts daraus, nachdem es so lange dauert. Es thät mir leid. Aber ich rühre wie bisher immer keinen Finger deswegen; ich lass _alles an mich herankommen_, wie's kommt. Willensbestimmung hat man ja doch keine und ich nehme letzten Endes doch auch nicht das geringste Interesse am Kriegführen und Soldatsein; ich begreife immer gar nicht, daß man mich so schätzt; die Herren sind unglaublich schlechte Psychologen, -- vielleicht auch gute: denn sie wissen, daß man sich auf mich militärisch und menschlich verlassen kann, und meine Privatmeinung geht sie nichts an. Schicke jedenfalls unbesorgt, was Du ev. schicken willst; wer weiß, wann das Kommando einmal kommt! Und nachgesandt wird mir gegebenenfalls doch alles!
Träumst Du zuweilen von mir? Ich schon von Dir!
-- -- -- -- -- Dein Frz.
20. X. 15.
L.,
heute bekam ich die Mitteilung, daß sich mein Antwerpener Kommando um ca. 1-2 Monate verschiebt, ich also zunächst noch hierbleibe; Dir wird es ja vermutlich ein erfreulicher Aufschub sein, da Du wohl über alle Veränderungen Dich sorgst; mir aber thut es leid; ich hatte mich auf die Abwechslung sehr gefreut; der Aufschub hat aber auch seine guten Seiten: erstens komme ich dann sicher als Offizier hin und mit weit größeren Annehmlichkeiten wie als Offiziers-Stellvertreter, dann werde ich außerdem vermutlich von hier aus Urlaubsaussichten haben, gesetzt, daß die Urlaubssperre bald aufgehoben wird, was wir alle hoffen. Den Franzosen sind die Offensivgedanken, glaube ich, ziemlich vergangen; es ist bei uns ruhiger denn je. Unsre Kolonne ist jetzt auf ihre etatsmäßige Stärke angewachsen, 24 Fahrzeuge und über 200 Pferde! In Ensisheim, zur Zeit unserer schärfsten Gefechtstätigkeit hatten wir ganze 9 Wagen und versorgten eine ganze Abteilung (3 Batterien, zuweilen sogar noch mehr!), -- heute sind wir nach Felddienstvorschrift auf Etatsstärke gebracht und thun nichts. Es scheint mir auch, nach dem was ich hörte, sehr unwahrscheinlich, daß wir verstärkt wurden, um uns irgendwo einzusetzen, wie wir eine Zeitlang vermuteten. Es wird einen langweiligen Winter in Haumont geben; ich verlange mir ja absolut keine Gefechttätigkeit, -- aber Abwechslung, Berührung mit neuen Menschen und andrer Umgebung. Die Zeit des Aspirantenkurses war mir darum eine riesige Wohlthat.
Du wirst in den Zeitungen jetzt auch des öfteren die englischen Stimmen lesen, die von Friedensverhandlungen wie von einem ganz absurden deutschen Hirngespinst reden, -- laß Dich davon nicht täuschen. Dies Zeitungsgerede ist ganz irrelevant, -- mein Optimismus ist ganz unerschüttert. Was sagst Du zu dem »opfernden Großgrundbesitzer« im beiliegenden Zeitungsabschnitt, -- ist der nicht köstlich? Geradezu unglaublich ist der nebenstehende hysterische Blödsinn der Morning Post.
Kuß und Liebe von Deinem Frz.
Koehler hat sich _sehr_ über Deinen Obstgruß gefreut.
_p. s._ Heut Abd. kamen noch 3 liebe Paketchen von Dir: Ingwer, Gelee und Kragen. Vielen Dank. Gelee werd ich morgen zum Frühstück versuchen, (hab ich Dir schon geschildert, daß unser Kasino eine Blockhütte ist, rund um und das Dach mit _Schilf_ bekleidet, und drin sitzt Dein Franzl als Frühaufsteher meist allein vor seiner Frühstückstasse und ißt morgen Rieder Gelee dazu? das Ganze wär ein ideales Atelier für mich!) Kragen probier ich auch morgen. Deine Nachricht, daß in Berlin die Militärlieferungen nachlassen, ergänzt ja sehr meinen jetzigen Optimismus. Es freut mich _sehr_, daß Du ein bißchen Kleiderluxus treibst. Die innere Trauer hat doch nichts mit schäbiger Kleidung zu thun; das fehlt auch noch, daß sie darin ihren äußerlichen Ausdruck findet! Um Gottes willen!
23. X. 15.
L.,
hast Du den letzten »Sturm« (13/14) gelesen? Mich hat darin einiges betroffen, z. B. die sehr unverstandene Nachahmung meiner Holzschnittgedanken durch ***. -- Dann der Briefwechsel zwischen *** und ***, der sein Verhältnis zu mir erwähnt; das ist ein so seltsames Gefühl; man traut's sich immer nicht zu und vergißt ganz, daß Bilder »wirken«, rücksichtslos und auf ihre Weise, wie es einem mit Kindern gehen mag, die _ihr_ Leben leben, und die Dinge sagen, die der Vater gar nicht gemeint hat, -- und doch stammen sie von ihm. In dem Verhältnis von mir zu meinem Vater ist dies zweifellos wahr. -- Und drittens regte mich das Stück von Aug. Stramm außerordentlich an. Wie immer gerate ich beim Lesen natürlich auf musikalische und malerische (in dem Fall _rein kubistische_) Vorstellungen; ich bin gänzlich außerstande, sein Werk literarisch, sagen wir: dichterisch zu werten, aber es geht in Formenvorstellungen und musikalisch-thematisch ganz rein in mich ein. Du wirst mir gewiß sofort entgegnen, daß ich hier wieder die Form suche und nach der Form urteile, statt nach dem Inhalt und dem Gefühl zu suchen, das durch das Werk ausgedrückt ist. Ich kann diese Dinge nicht trennen. Denn ich meine: wäre kein reines und starkes Gefühl in dem Werk, könnte seine Form mich doch auch nicht erregen, -- denn erregt wird doch zweifellos mein Lebensgefühl. Die Art, wie Stramm seinem Gefühl Ausdruck gibt, ist so rücksichtslos, so bewußt und von einer so schöpferischen Lust eingegeben und bestimmt, die sich so wenig um die Trägheit des Lesers kümmert, wie der Komponist einer Chaconne oder wir Maler heute. Unser Gefühl von der Welt findet keinen anderen Ausdruck. Über das Gefühl läßt sich nicht streiten; ob es nun vielen oder allen oder wenigen zugänglich ist, darum können wir uns nicht sorgen; das müssen wir dem »Weltgeist« überlassen. --