Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band
Part 7
Heute kam Dein langer guter Bleistiftbrief. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Aber niemand darf sich im Glauben, dem »Wesentlichen« näher zu sein, überheben; ich bin immer noch lieber gegen andere gutgläubig als gegen mich selbst. In einer Sache täuschst Du Dich immer in mir: Du denkst, ich sei da und dort »festgefahren«. Ich irre und finde das Gleichgewicht nicht, -- das ist etwas ganz anderes. Ich habe viel größere, schrecklichere innere Hemmungen als Du; vielleicht weißt Du immer noch zu wenig über mich. Hast Du Dich nie ganz scharf gefragt, was es mit meiner Scheu, -- sagen wir: vor »Penzberg« oder vor »fremden Stuben« auf sich hat? Was kann ich machen, daß da, wo Du die Wahrheit, das »Gewissen« siehst, ich noch immer für meine Seele ein unlösbares Problem sehe? Das nennt man nicht »festgefahren«, -- das ist etwas ganz anderes. Die Wunde dieses Problemes fließt, seit ich erwachsen bin; mein ganzes Malertum ist bisher nur ein Lösungs- oder besser: Rettungsversuch aus diesem für mich unlösbaren Problem gewesen. Ich bin Sozialist aus tiefster Seele, mit meinem ganzen Wesen, -- aber nicht praktischer Sozialist. Das ist nicht lächerlich und keine Phrase. Wir werden viel darüber reden.
Die Zeit des Weltkrieges ist nicht böser als irgendeine Zeit des tiefsten Friedens; der schönste Friede war _immer_ nur ein latenter Krieg; aber der _Einzelne_ kann sich befreien und anderen dazu helfen -- das ist der Sinn des _persönlichen_ Christentums und Buddhismus und aller Kunst. Das ist natürlich auch wieder unpräzis, vieldeutig und viel zu schnell gesagt; ich finde die richtige Form nicht, es zu sagen; man bedient sich immer festgefahrener Ausdrücke, alter Gedankenformen; eine solche scheint mir auch Deine »Menschenliebe«; was ist das? geht sie auf Kosten der »Naturliebe«? Was lehrt uns die Natur?? Wissen wir, _wo_ der Mensch steht im Natur- und Gottesreich? Unser ganzes Denken, der ganze Mensch muß endlich noch einmal und neu gedacht werden; es hilft nicht und reicht wenigstens heute nicht mehr aus, nur auf Christus zurückzugreifen. Je länger und hingebender man ihn liest, desto vieldeutiger wird er. Schon die Apostellehre begriff ihn nicht mehr und wirkt auf mich ganz epigonenhaft. Meine Gedanken kreisen stets um dies Thema von je und je, wenn ich auch die größten Umwege um das mir noch immer unsichtbare Ziel gelaufen bin. Daß Du die wirklich belustigende Prophezeiung aus Plato auf mein eigenes Denken beziehst, hat mich selbst belustigt. Daß die rein literarische Phantasie Platos in keinem wahren Zusammenhang mit dem jetzigen Kriege steht, ist doch selbstverständlich. Nur das äußerliche Zusammentreffen ist wirklich ein verblüffender Witz der Literaturgeschichte, der wert ist, kolportiert zu werden.
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23. VI. 15.
L....
heut kam Dein Brief vom 20. Sei unbesorgt: ich lege gar keine besondere Wichtigkeit in diese Beförderungsfrage, auch finanziell nicht; mich langweilt nur mein ewiger Unteroff.-Gehalt, wenn ein so hoher Offiziersgehalt meiner Dienstzeit gewissermaßen zusteht; -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Ich setze mein Leben und mein Werk, an das ich glaube, nicht leichtfertig ein für eine Sache wie diesen Krieg, die mich nur äußerlich interessiert. Ich kann ja immer noch nicht über den Krieg schimpfen und ihn hassen wie Du, -- als ob die Menschen vor dem Kriege und nach dem Kriege und je besser gewesen wären. Was ist denn der Krieg anders als der bisherige Friedenszustand in anderer, eigentlich ehrlicherer Form; statt Konkurrenz gibt es jetzt Krieg. Ob die Menschen auf Schlachtfeldern sterben oder durch Stubenluft und in Bergwerken, ist kein _wesentlicher_ Unterschied; der Tod selbst und die Wunden verderben die Seele nicht. Den Tod als _Zerstörung_ erkenne ich überhaupt nicht an. Der Tod Deines Vaters war mir doch noch furchtbarer und erschütternder als der Tod Wilhelms; ich weiß nicht, ob Du das verstehst. Faß es jedenfalls nicht auf, als ob ich jetzt abgestumpft wäre oder den Kriegstarantelstich hätte, wie Du schreibst; ich fühle hierin, wie ich immer gefühlt; vielleicht erinnerst Du Dich, wie ich schon immer früher über den Tod sprach: er ist absolut _Erlösung_. Dazu braucht man kein Pessimist sein, nicht einmal Buddhist, höchstens Christ. »Tod, wo ist Dein Stachel?« -- Es ist nicht einmal wahr, daß ich mich »an den Krieg gewöhne«, wie Du annimmst; aber ich taste immer ehrlicher an die Wurzel von dem allen, auch an die Wurzel der Friedenszeiten. Ich glaube nicht an die »menschenwürdigeren Zeiten«, von denen Du so viel sprichst: sie sind nur latent, übertüncht, -- aber _immer_, im Frieden und im Kriege, gibt es noch ein anderes Leben, das kein Tod, kein Mord und kein Sterben, keine Wunden und keine Krankheiten bezwingt und das von Weltverböserung so wenig als von Weltverbesserung beeinflußt werden kann. »Mein Nerv wurde hart in mancher roten schöpferischen Stunde«, -- vielleicht ist es das; denn ich bin sonst, als Mensch, nicht grausamer, hartherziger geworden; _Du kennst mich ja_. Aber wenn ich im Leben was thue, meinem Nächsten oder auch dem Nächstbesten christliche Liebe erweise, will ich es immer so thun, daß meine rechte Hand nicht weiß, was die Linke thut, -- nicht aber als Programm, als Welttendenz und um was zu bessern. Ich dachte auch viel über Livingstone nach; er ist verehrungswürdig wie Franz von Assisi, Pascal und Christus; aber liegt sein Erbfehler nicht auch in seiner Organisation der Mission? was wurde heute daraus? denkst Du heute über Heidenmission auch schon anders? Ich nicht. Gibt es heute weniger Sklaven? Werden die Menschen heute nicht mehr verkauft? die Formen ändern sich, sonst nichts. Es gibt nur einen Segen und Erlösung: den Tod; die Zerstörung der Form, damit die Seele frei wird. Du mußt nicht denken, daß ich die Bibel »poetisch« lese; ich lese sie als _Wahrheit_, wie ich Bach als _Wahrheit_ höre und reine Kunst als _Wahrheit_ sehe. _Kannst Du_ mich verstehen? Ach könntest Du doch!
_A propos_: zum Leben zurück: -- -- -- -- -- Ja, das Leben! und die Menschen! sie können einem _sehr_ leid thun, aber man kann sie nicht bessern. Wir müssen auf ein anderes Leben warten. Für manche brennt das läuternde Fegefeuer schon hienieden -- hoffentlich gehören wir zwei unter diese -- manche und die meisten leider -- spüren hienieden davon noch gar nichts. Wirst Du mich verstehen? Das frag ich mich jetzt so oft! _Dich_ glaub ich schon zu verstehen; Du meinst ganz das Richtige, nur drückst Du es anders aus als ich; scheinbar einfacher, ohne Scheu vor den Enttäuschungen: ich liebe Dich darum nicht weniger; aber ich möchte sie Deinem guten Herzen ersparen und Dich gleich zum _Wesentlichen_ wenden.
Vieles in meinen Aphorismen kommt mir jetzt wieder in den Sinn, als ob ich's erst heute verstünde, was ich damals, meist sehr unklar, gestammelt.
-- -- -- -- -- -- -- Frz.
Nach dem ersten Urlaub.
Straßburg, 17. VII. 15.
L., von der Fahrt einen lieben Gruß. Mir wurden die letzten Tage innerlich doch schwerer, als ich es gestehen mochte und die Herausfahrt auch; auf allen Stationen derselbe Blick aller Abschiedwinkenden Frauen, -- die weite Spanne des Lebens immer in einen einzigen Blick gepreßt. Aber ich trage so viele freudige Erinnerung an die Liebe in der Heimat mit mir hinaus, daß mir die Tage doch ein Segen sind; sei nicht traurig, daß ich in vielem so schweigsam war, -- ich konnte nicht anders. Ich konnte mich nicht hingeben und _frei fühlen_ -- auf Widerruf! Erst wenn ich ganz frei bin, wirst Du Deinen alten Franzl (und vielleicht einen besseren) wieder ganz haben.
Mit tiefem Kuß Dein Frz.
21. VII. 15.
L., ich muß jetzt immer an Ried denken, an dies liebe, unsagbar treue reine Häuschen; ich kann es gar nicht begreifen, daß man es einmal wieder so gut haben wird, an solchem Orte und _mit Dir_, ohne fremden Zwang und nur seiner eigenen Menschlichkeit leben zu dürfen. Ich empfand in den kurzen Urlaubstagen alles so tief und entscheidend, -- tiefer, als ich dem Ausdruck geben konnte und auch mochte; denn diese Empfindung konnten Worte nur matter machen und nie ganz aussagen. München interessierte mich so wenig; es rührte mich etwas in seiner Trauer; aber im Grunde war dort alles wie in einem Roman, der mich nur halb angeht und der uns nur während der Lektüre ein bißchen bannt. (Bei Wolfskehl fühlte ich etwas _Liebe_, vor allem als ich an seinem Krankenbett saß.) Und _ganz Liebe_ fühlte und fühle ich für _Dich_, mein gutes liebes Lieb. Ich weiß, ich war so schweigsam, -- Du frugst mich so oft; ich konnte dir gar nicht richtig antworten und sagen; -- später fiel mir's auf die Seele, Du könntest am Ende traurig sein; leb nur fröhlich in Gedanken an mich und an unser kommendes Leben.
Das Leben hier berührt mich überhaupt nicht mehr; es ist, als wäre es schon nicht mehr wirklich oder gegenwärtig; ein rein formalistisches Dasein, dem man gehorcht. »Der gute Soldat wider Willen« wäre kein schlechtes Thema für einen, der philosophisch genug wäre, die ganze Tragik und Merkwürdigkeit dieses gegenwärtigen Zustandes zu begreifen. Alle begreifen ihn immer nur in dem Sinne, daß der Deutsche sein _Land_ und seine _Arbeit_ verteidigt, seine Mission fühlt, aber den Frieden im Herzen trägt, -- keiner faßt das Thema so, daß man den Fluch urältester Gewissensverfehlung heute über sich ergehen lassen muß und daß man in diesem Kriege persönlich und als Volk »sühnt«. -- Wir sind wirklich _alle_ schuld an diesem Krieg; -- das ist auch der eigentliche Grund, warum es uns so auf die Nerven geht, wenn wir jemand sehen, der so thut, als ginge ihn der Krieg, auch als Ereignis, gar nichts an. Nicht weil er dem bedrängten Vaterland nicht zu Hilfe eilt, sondern weil er sich einer Sühne entzieht; das »verstockte Herz« des Evangeliums. Ich lese hier Gogol: die toten Seelen I. Ich glaube, ich habe Band II auch zu Hause. Wenn er da ist, sende ihn mir gelegentlich. Wenn nicht, laß es; dann bestelle ich ihn mir mit einigen anderen Reclambändchen. Ich las Tolstois Macht der Finsternis; es ist wirklich erschütternd, aber nur aus der russischen Seele heraus ganz zu verstehen. Das Ganze mit deutschen Typen gespielt würde gänzlich unwahr wirken. Ich hab es bei Reinhardt gesehen; es ist aber zu lang her, um die Aufführung aus der Erinnerung nachzuprüfen. Damals gefiel sie mir; aber wahrscheinlich war sie zu raffiniert und nicht im Geiste Tolstois. Die Übersetzung ist ganz miserabel, meist direkt dumm. Nimm Dir als Winterlektüre jedenfalls die Brüder Karamasoff vor; ich möchte, daß Du sie einmal liest. Was macht der gute Kam.? Erzähl mir nur weiter von ihm, was er sagt und denkt und thut.
29. VII. 15.
L., dank für den Bölsche, der mich sehr interessiert. Tierbuch I (das »Pferd« ist Tierbuch II) kannst Du mir einmal ganz gelegentlich besorgen (gebunden). Ebenso die Atlantis (ich weiß nicht, ob das der Titel ist). Aber Du erinnerst Dich jedenfalls des Buches; es waren Zeichnungen darin von der prähistorischen Geographie der Erde. Solche Lektüre lenkt mich jetzt sehr ab und ich hab das ziemlich nötig. Wir sind seit heute in einem neuen Quartier, näher dem alten Herbstquartier, landschaftlich ganz bezaubernd, Schilf- und Lenaustimmung, gänzlich unkriegerisch. Unsere Thätigkeit scheint sich ihr anzupassen, -- Felderbau! Ich bin über die Veränderung ganz zufrieden, wenn ich auch mein gutes Bett vermisse; hier ist es äußerst primitiv.
Den Schlick werdet Ihr schon noch fangen. Es zieht ihn doch in Menschennähe. --
Hier spielt sich alles in der Luft ab: Wildenten, die Schwalben, die sich schon sammeln, Flieger, die beständig hier auf- und absteigen, -- man guckt die ganze Zeit in die Höhe. Und abends unken alle Sumpfvögel.
Schreib mir von Euch und Ried.
30. VII. 15.
L.,
Was ist *** für eine merkwürdige Seele; wie _verschieden_ sind überhaupt die Menschen! Daran muß ich jetzt oft denken. Irgendwo, in irgend einem letzten tiefsten Punkte mögen sie wohl alle gleich sein, (-- Du nennst diesen heimlichen Punkt: Gewissen); ich glaube, dieser Punkt existiert ganz genau und scharf nur vor und nach dem Leben; während des Lebens ist er irgendwie, ein ganz klein wenig, mehr oder weniger von der Stelle gerückt; solange das Leben kreist und das Blut pocht, findet dieser Punkt keine Ruhe; _niemand kann ihn genau ins Auge fassen_; und die es sagen, täuschen sich; an diesem Ungefähr gehen wir alle zugrunde! Ich bin nicht einmal unruhig bei diesem Bewußtsein, -- denn es gibt mir eben das Bewußtsein, daß ich lebe, am Leben leide und _arbeiten_ muß, unaufhörlich, gegen das Ungefähr, bis wir sterben.
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Das Dörfchen, in dem wir sind, heißt _Haumont_; an den Etangs von _La Chaussée_ gelegen; ein Stündchen von _Hagéville_; zwischen _Hagéville_ und _St. Bénoit_. Wir haben momentan reinen Feldbau zu betreiben; wir sind ja auch um ein Stück weiter hinter der Front zurück; zwischen zwei Fliegerstationen. Den ganzen Tag surren die Flugzeuge um uns herum; es ist beständig was los in der Luft. Und wenn keine Apparate fliegen, wiegen sich Geier und Weihen und Falken über den Feldern und Sümpfen. Abends ist die Luft voll von dem bekannten Brunnenbacher Moorunken, dem Ruf der Weihen und Käuze. Die Gegend ist sehr waldreich, alles ganz verwildert; es scheint mir sogar, daß es einst künstliche Waldanlagen, Parks von _St. Bénoit_ waren, die jetzt ganz verwachsen sind; ein bißchen wie der Park von Gendrin, in dem wir jagen gingen. Ohne Mückenschleier ist hier natürlich kaum zu schlafen; der meine ist famos, wenn Du genug Zeug hast, fertige noch zwei; ich möchte sie Kameraden schenken.
Über Politik mag ich gar nicht mehr reden. Der Krieg geht seinen Gang; keiner kann ihn heute ändern oder kürzen oder verlängern. Auch Amerika nicht. Mir scheint vielmehr, alles, was jetzt passiert, hat eine gute innere Logik; die Sozialisten erhalten eine furchtbare Handhabe gegen die »Regierenden«. Was heute alles geschieht, werden die Völker nie vergessen; der Boden für die großartigste Bewegung des vierten Standes wird heute bereitet; aber thätig begeistern mich auch diese Vorgänge nicht. Die Kunst zieht eine andere Straße ins ewige Leben. Scharf denken kann ich heute überhaupt nicht; alles erscheint dämmerig und etwas trunken. Ich ersehne nichts als die _Heimkehr_.
Dank für das gereinigte Besteckchen. Grüß alle herzlich -- -- -- -- --
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29. VIII. 15.
L., heut vor einem Jahr bin ich ausgezogen, -- weißt Du noch, wie ich in der Nacht alarmiert wurde? Dank für Deinen lieben Brief vom 26. (mit dem Gruß vom Golling drauf). Du wendest Dich in Deinen Gedanken und Vorwürfen viel zu sehr an die einzelnen Führer, Regierungen etc., statt die Schuld in der _Gesamtheit_, im Gesamtverhalten, resp. im Verhalten _jedes Einzelnen_ zu suchen. Regierungen haben sich nicht über Völker gesetzt, sondern die Völker haben sich Regierungen geschaffen, die das Verhalten des Einzelnen autoritativ decken. Du hörst ja unser Volk! Darüber ist so viel zu sagen. Am Menschengedanken muß man mit der Arbeit einsetzen, nicht an der Politik. -- Ich schreib Dir nächstens ausführlich. -- Ein paar Tännchen wirst Du im Frühjahr eben doch einsetzen. Willst Du Dir nicht doch ein Kätzchen anschaffen, wegen der Mäuse? Welf wird ihm nichts thun. -- Spielst Du? Mir geht es jetzt wirklich gut. Du kannst in dieser Zeit mit großer Ruhe an mich denken. Heute schrieb Deine Mutter eine Karte aus Gendrin mit der Ansicht des Gutes, -- das hat mich auch tief wehmütig gestimmt. Wohin, wohin ist das alles? Wo sind die Jahre? -- -- -- --
-- -- -- Frz.
4. Sept. 15.
L., ich kann von nichts erzählen als von Dingen und Gedanken, die Du auch erlebst, vom Herbst, vom Grün, das langsam den bräunlich faulenden Ton bekommt, und von Erinnerungen. Denn von dem, was vor uns liegt, kann man nicht reden; ich sehe trübe, -- andre sind äußerst optimistisch; alles Reden ist aber zwecklos. Es geht uns äußerlich famos; geistig ist man sicher nicht normal, -- _keiner_ von uns; aber ich denke: die Anormalität des Empfindens ist kaum mehr als eine von den Weltumständen aufgenötigte Chamäleon-Fähigkeit; das Chamäleon wird sich dessen auch kaum bewußt sein, daß es seine Farbe zehnmal am Tage wechselt. Vielleicht hat das alles doch für später die glückliche Folge, daß man im späteren Eigenleben erst recht eigen und unbeeinflußbar wird und _Regie_, _Betrieb_ und Unwahrheit als eigentliche Sünde wider den heiligen Geist empfinden wird. Darauf hoffe ich sehr bei mir selbst.
9. IX. 15.
L., heut nur einen schnellen Gruß, der Dir sagt, daß es mir gut geht. Die Herbsttage sind ganz wundervoll, einer schöner wie der andere. Letzthin zogen viele Reiher über uns nach dem Süden, ebenso Brachvögel. -- Von Hertha kam wieder ein gutes Paketchen. Unser Kurs dauert immer noch an und beschäftigt uns vollauf. Mir ist seine Fortdauer schon wegen der Gesellschaft nur angenehm. Wie schön muß es jetzt bei Euch sein! Hier ist es schließlich auch schön, aber man fühlt alles nur halb und unrein.
12. IX. 15.
L., heut am Sonntag hat der Kurs ein ganz lustiges Ende gefunden mit einem großen Preisschießen (mit Karabiner und Pistole; ich erschoß mir den 4. Platz, als Preis ein Lederetui mit Fächern für Papiergeld, -- wir sprachen ja einmal davon, -- ich brauch also jetzt keins mehr!); daran anschließend ein kleines energisches Jagdreiten über Hürden und Hindernisse und Abschiedsbankett -- das ist der Krieg!!! Ende September soll dann das Examen sein (vor fremden Herren); danach dann die für die Beförderung ausschlaggebende Qualifikation. Ich kann nicht sagen, daß mir das Lernen und Arbeiten an den artilleristischen Aufgaben so fad und unangenehm ist, wie es P. gewesen zu sein scheint; mich hat vieles interessiert; und Examinationen waren mir eher spaßhaft und anregend als peinlich. Sehr leid ist mir, daß die gute Gesellschaft wieder auseinandergeht; hier bleibt nur ***, der mich gar nicht interessiert. Du sprichst von fehlenden »Verbindungen«; das ist natürlich sehr richtig, nach den beiden Möglichkeiten und Annehmlichkeiten hin: schnelle Beförderung oder: angenehmer Heimatposten. Was nicht ist, kann man nicht herzwingen. Ich bin froh, daß ich nicht von Generalstäblern abstamme oder als Edelknabe in der Pagerie erzogen worden bin wie *** und Du wohl auch. Lieber verzichte ich auf alles und warte gemächlich, bis dieser unglaubliche Krieg herum ist.
Eben kommt Dein lieber Brief vom 10. Sept. Ich schrieb Dir schon einmal: ich kalkuliere und prophezeie überhaupt nichts mehr. Ob Zar oder Großfürst -- wie soll unsereiner aus solchen Symptomen einen wohldurchdachten, begründeten Schluß ziehen über die _wirkliche Lage_! Es ist allerdings ärgerlich und blöd, daß man so stumpfe Sinne hat, es nicht zu können! Mein Ausdruck »Thema«, als ich vom Krieg als Folge des deutschen Dranges die kaufmännischen Weltgeschäfte an sich zu reißen schrieb, hat natürlich nichts mit unserem Kurs zu thun. Ob Deutschland fähig gewesen wäre, ein »geistiges Gegengewicht« zu halten, erledigt sich natürlich so ziemlich durch die Thatsache, daß Deutschland dies eben _nicht_ gethan hat, -- das ist eben die Tragik des deutschen 19. Jahrhunderts. Wer aber kein Kaufmann und Industrieller werden will, wer das alles _haßt_, ist und wird heut eben _Widersacher_, -- er _darf_ nicht schweigen. Ich selbst bin jedenfalls ein so vollkommener Deutscher im alten Sinne, einer aus dem Lande der deutschen Träumer, Dichter und Denker, das Land von Kant und Bach und Schwind und Goethe und Hölderlin und Nietzsche, -- nur mit dem einen Argwohn im Herzen: ob nicht die Slaven, speziell die _Russen_ heute schon bald die geistige Führung der Welt übernehmen werden, während Deutschlands Geist sich in kaufmännischen, kriegerischen und protzigen Händeln unrettbar verschlechtert. Ich kann diesen Glauben an die Russen gar nicht näher begründen; aber irgendein Gefühl flüstert es mir immer zu. -- -- -- -- -- Meine guten, kleinen Rehe! Daß ich diese wunderbare Herbststimmung nun wieder nicht erlebe, die fallenden Äpfel und alles, alles! Grüße Muttchen herzlich, auch K. -- -- -- -- --
18. IX. 15.
L., ich fühle etwas, auch unter guten Kameraden: man kann sich nicht mehr verständigen; fast jeder spricht eine andere Sprache. Es gibt nichts Trostloseres, Geistverwirrenderes, als über den Krieg zu sprechen; und über etwas anderes kann man schon gar nicht sprechen; das wirkt wie ein Irrenhausgespräch, rein fiktiv; keiner glaubt mehr voll an die Realität seiner Interessen und Weltbeziehungen; »denn es ist ja -- Krieg!« Und der Krieg selbst ist ein unlösbares Rätsel, das sich das menschliche Gehirn wohl selber ausgedacht hat, das es aber nicht _aus_-denken, zu Ende denken kann. Paul sandte mir ein Buch von Paul Rohrbach »Bismarck und wir«, -- merkwürdig ungeistig; einfachste Realpolitik, die jedem zugänglich, der ein bißchen auf die Karte sieht: die Notwendigkeit des Suezkanals für Deutschland resp. Türkei usw.!! Reist man ein paar Kilometer über die Front, hat der Mensch -- _homo sapiens_ -- englisch zu denken, nämlich: der Suezkanal muß unter allen Umständen englisch bleiben! Nirgends und von niemand wird der Krieg als _menschliche_ Angelegenheit betrachtet, stets nur als englische oder türkische oder deutsche usw.; oder neutrale, wo das Pharisäertum seine schönsten Blüten treibt.
Kriegs_gegner_ sind wohl alle; auch Deine Offiziere aus Gendrin mit ihren einstigen Hoffnungen und Erwartungen auf den kommenden Krieg. Aber sobald sich solche Kriegsgegner über dies Thema unterhalten und ihre Gedanken einigen wollen, geraten sie sofort in den schwersten und aussichtslosesten Streit; es ist, wie wenn der Teufel ihre Zungen leitete.
Eben trifft ***'s Brief ein; das ist _sehr_ anständig. Und Deine Wintersorgen bist Du hoffentlich wieder ein bissel los. Es ist doch ganz unglaublich, wie sehr das Geldpublikum sich von Kritikern beeinflussen läßt. Stahl spricht ja gerade von dem Hasenbild! Ja, Geist kann nur von Ungeist Gewinn ziehen und »leben«, nur wo der Ungeist, die Dummheit und die Interessen auf den Plan treten, ist _Wirtschaft_ möglich. Traurig. Ich schäme mich. Nun für heute genug. -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- Dein Frz.
Gruß an Maman.
Streichle Hanni und die Kleinen.
23. IX. 15.
L., beiliegend die Sturmnummer, die den Tod von August Stramm meldet. Ich zweifle nicht, daß, wenn wir Stramm persönlich gekannt hätten, uns sein Tod auch tief berührte. Die hier abgedruckten Gedichte machen mir wohl wieder den Eindruck einer _sehr_ begrenzten Begabung; aber innerhalb dieser Grenzen des Unvermögens eine großartige Leidenschaftlichkeit des Empfindens; die Sprache war ihm nicht Form oder Gefäß, in dem Gedanken kredenzt werden wie z. B. für Rilke oder Stephan George, sondern Material, aus dem er Feuer schlug, oder: toter Marmor, den er zum Leben wecken wollte, wie ein wahrer Bildhauer. Er _war schon am richtigen Wege_. Aber diesen Weg wirklich zu gehen, bedarf es noch eines Größeren.
Als ich heute Stramm wieder las, erkannte ich ganz deutlich, wie sehr Rilke und George und Mombert einer vergangenen Gefühlswelt angehören, als letzte sehr reife übersüße Früchte. Mombert ist herber und naiver, weniger abgeschlossen. Ich könnte mir denken, daß Mombert noch einmal und Besseres schafft; und daß es um so urwüchsige und ehrliche Naturen wie Stramm sehr schade ist, wenn auch sein zeitiger Tod wohl _Schicksal_ ist. -- -- -- -- --
Und nun für heute Schluß! Mir geht's famos. Gruß an Deine Mutter, Niedmanns, K. und meine Tierlein.
-- -- -- -- -- Dein Frz.
24. IX. 15.