Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band

Part 11

Chapter 113,318 wordsPublic domain

ich hab jetzt mit großem Genuß Gundolfs Aufsatz gelesen; so wie ich Dich kenne, verstehe ich völlig, daß er Dir einen solchen Eindruck macht; man kann wirklich mit aufrechtem Gewissen jede Zeile unterschreiben; er begegnet meinen eigenen Gedanken sogar so sehr, daß mich in seinen Anschauungen nichts aufregt oder gar zum Widerspruch reizt. Damit sage ich natürlich nicht, daß ich in meinem bisherigen Leben und Streben nie abgeirrt und durch vieles geblendet worden wäre; aber heute ist mir dies alles so klar, -- _der Krieg hat alles so klar gemacht_. (Es ist wirklich traurig, -- man muß den Krieg doch immer noch zuweilen loben!!) Sehr schön und entscheidend formuliert er die eine Thatsache: das schöpferische Werk entsteht aus einer erlebten Fülle, nicht aus einem erkannten Mangel (wie z. B. Strauß'sche Musik und auch ***'s Arbeiten. Bei *** denk ich oft: ja, ganz schön, -- wohin gehören wohl die Sachen? Welche Lücken können sie heute ausfüllen? Bei Klee werd ich das nie denken; seine Werke sind ganz seine Kinder, -- Lebensausstrahlung.)

Über Kandinsky werden wir uns so schnell nicht einigen. Er scheint mir nach wie vor zu den Menschen zu gehören, die aus einer wahren Mitte überraschend weit ausstrahlen (Eigenart _slavischer_ Genies), ohne darum ein ganz wichtiger, dauernder Schwerpunkt und Gesamtmensch zu sein; -- er ist auch kein Klotz wie Cézanne und Rousseau. Aber man darf ja seine _Toleranz_ nicht mißverstehen; -- ich habe aus den angestrichenen Stellen den Eindruck, daß Du (auch bezüglich meiner Toleranz und Wichtignahme nicht _wesentlicher_ Erscheinungen) das thust. Es kommt wie immer nicht auf das Wort an, sondern auf den Geist, aus dem heraus etwas geschieht. Ich beachte vieles (worüber andre schimpfen und zwar von ihrem engeren Standpunkt aus ganz mit Recht), aus innerem _Reichtum_. Ich lege noch lieber in irgendeine mißglückte Äußerung eines Menschen meinen Reichtum und meine Phantasie und meine Ahnung hinein, als daß ich achtlos daran vorbei gehe und es um seiner Unvollkommenheit willen verleugne. Große fertige Werke der Weltmitte interessieren mich nie speziell, (z. B. die Antike oder Michelangelo oder Goethe) aber ein kleines simples Glasbildchen oder ein unbekannter armer Kubist kann mein ganzes Innere in Bewegung bringen, -- ich _beginne daran zu arbeiten_. Das ist meine Toleranz und auch Kandinsky's »Verstehen«. Die Menschen, die nur am Besten, am »schlechthin Gültigen« sich entzünden können, sind unproduktive, nicht aus der »eigenen Mitte« lebende, sondern nach-lebende Naturen. Gerade das, was Gundolf so fein (Seite 25 Z. 12 u. 13) meint: »Unfähigkeit zur Anverwandlung und Verarbeitung der zudringenden Materie.«

Am stärksten hat mich Gundolf gegen Schluß seines Artikels interessiert (Seite 32 u. f.), wo er über das _Volk_ schreibt. Ich wurde mir ja nie ordentlich klar über diese Frage; er formuliert sie ausgezeichnet; es gibt eben den Begriff _Volk_ in Europa nicht mehr; man muß sich nolens volens damit abfinden. Alle Konsequenzen dieser Thatsache sind damit natürlich noch nicht gezogen und klargestellt; ich möchte gern einmal mit Gundolf und Wolfskehl darüber reden. Für mich war diese Stelle die wichtigste des ganzen Aufsatzes. Alles andere hatte ich spätestens und restlos in dieser Kriegszeit begriffen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wunderschön ist das ganze letzte Kapitel VII bei Gundolf.

Wenn ich wieder daheim bin, wirst Du in mir sicher keinen Peripheriemenschen treffen, -- hab nur keine Angst davor. -- -- -- -- --

Lies einmal in Hildebrandts Artikel Seite 98 das wundervolle Bild, das Goethe vom Schaffen gebraucht. In diesem Artikel stehen überhaupt anregende Dinge, vor allem über Sokrates und Plato.

Vergiß bitte nicht, Wolfskehl einmal nach den _Sonetten_ von Shakespeare zu fragen; ich hab manchmal vergeblich versucht, sie englisch zu lesen, -- es ist mir zu schwer. Hat Gundolf sie übersetzt? Oder kann er eine andere Übersetzung empfehlen? Dann lasse ich ihn bitten, sie mir einmal zu leihen oder wenn sie billig zu haben sind, besorge sie einmal. Ich bin allerdings _sehr_ skeptisch gegen Übersetzungen. Ich kann ja auch Gundolfs Shakespeare nicht lesen. Luther hat für die Bibel und Schlegel für Shakespeare alles vorweggenommen, -- meinetwegen eigenmächtig vergewaltigt, -- aber wer mit diesen Büchern aufgewachsen, kann später über den Sinn des Originals nicht neu belehrt werden, so daß er dann einen Shakespeare I und einen Shakespeare II besäße! Es ginge wie mit den Ritterbaumgarten-Bildern von Dürer: die nachdürerische Übermalung war uns Deutschen tausendmal wertvoller in ihrer traditionellen Gestalt als die jetzige Purifizierung.

Hervorragend gut ist die Behandlung des Begriffs »Normal« (Seite 31). Mich freute auch die Bemerkung (32 oben) über das Pathologische, überhaupt Gundolfs souveräne Haltung gegenüber den Allerweltschlagworten »Normal und Volk«.

Über den Kern des Artikels: »Leib« kann ich Dir heute noch nicht schreiben, vor allem über die Stelle Seite 12 oben. Nicht als hätte ich einen glatten Einwand gegen diese Stelle, aber mit Worten ist nicht alles gesagt. Askese als »Hygiene des übersättigten Leibes, nicht seine Aufhebung«, -- das scheint mir mehr historisch-psychologisch richtig, drückt aber nicht den _geistigen Sinn_ der christlichen Entsagung aus; es liegt sogar ein sehr bedenklicher Opportunismus und _Rationalismus_ in dieser Auffassung. Eine andere Stelle fiel mir auch als Verlegenheits-Phrase auf: S. 33 Mitte: »Das Schöne ist ein Urphänomen und besteht als Überfluß«. Wenn man über das Schöne nichts zu sagen weiß (und bis dato weiß noch _niemand_ etwas darüber zu sagen), -- wozu leere Worte gebrauchen?

Nun Schluß. Gestern kam noch Dein traurig gestimmtes Sonntagbriefchen, -- also über das Altern machst Du Dir Gedanken? Ich wahrhaftig nicht. Ich war _nie frühreif_, und bin sicher, mit 40 und 50 Jahren Lebendigeres zu leisten als mit 20 und 30.

-- -- -- -- -- -- -- -- --

Ich bin sehnsüchtig nach Dir und reite einsam in ganz Lothringen umher, oft viele Stunden.

Dein Frz.

14. I. 16.

L., Du hast recht: je öfter und genauer man Gundolf liest, desto zwingender ist seine Gedankenführung und wenn er uns auch vielfach nichts Neues sagt, stellt er doch durch seine glänzende Ausdrucksform vieles klar, was man nur im Instinkte fühlte und viel schwächer selber formuliert hatte. Es deckt sich glaub ich im Sinn vieles mit Stellen aus meinem Aphorismus; -- so entschwunden diese mir heute sind, werde ich bei Gundolfs Lektüre doch auf Schritt und Tritt an sie erinnert. Vor allem läuft mein Gedankengang über den Sündenfall der reinen Wissenschaften, die sich zur »angewandten Wissenschaft« mißbrauchen ließ, ziemlich parallel mit Gundolfs Ideen von der Verselbständigung der Organe, -- der Mensch ist zum Sklaven seiner Werkzeuge geworden, die er zu seinem Dienst geschaffen hat. Früher war das Wissen und die Bildung nur Mittel zum Zweck, Straße zum Ziel, Speise zum größeren, umfänglicheren Leben, die Kunst diente dem religiösen Ideal.

Sehr fein sagt Gundolf, daß die philosophische Logik um des [Griechisch: agôn], des _Wettkampfes_, der geistigen Hochzüchtung willen geliebt und betrieben wurde, bis langsam die exakte Wissenschaft emporwuchs und vor ihr die alten religiösen Dinge ins Wesenlose verblaßten; diese merkwürdige europäische Entwicklung läßt sich nicht »erklären«, aber auch nicht leugnen, sondern nur feststellen. Und alles kommt darauf an, seine innere adelige Menschenhaltung vor dieser Thatsache zu bewahren, _Herr_ zu bleiben in der neuen Situation; nicht aus dem Geiste des Wissens eine Hure zu machen (wie die Päpste es ihrerzeit aus der christlichen Religion machten, -- das war auch »angewandte Religion«!) Das furchtbar Schwierige in unsrer heutigen Aufgabe liegt darin, daß der demokratische Mensch, die gemeine Masse in der Goldgrube der Wissenschaft wühlt und daß man gegenüber dem heutigen Geisteswirrwarr der Millionenköpfe zunächst nur durch gänzliche Isolierung des eigenen Lebens und der eigenen Aufgabe _rein_ bleiben oder sagen wir offen: wieder rein werden kann. Gundolf spricht vom Kampf gegen die Zeittendenz, vom Stellungnehmen gegen sie, -- er widerspricht sich hierin selbst etwas; denn der Wirkende setzt seine That nicht da ein, »wo's fehlt«, sondern er thut sein Werk aus seiner eigenen Mitte heraus, und sieht nicht rechts und links und frägt auch nicht, was zu thun sei. Instinkt ist alles. Es kann uns gänzlich gleichgültig sein, ob wir »verstanden« werden oder nicht; wir können nur auf uns horchen, nicht auf die Zeit. Das ist wenigstens im Künstlerischen so, -- nur so kann man seiner Zeit oder einigen Seelen »vorangehen«.

Bei aller Größe und Schöne, die die christliche Lehre noch für unser Auge hat, dürfen wir als Schaffende uns nicht verleiten lassen, hartnäckig bei ihr unsre Ruhe zu suchen, als wäre dort das letzte Wort gesagt worden. Es wäre derselbe Fehler nach rückwärts, den wir sonst nach der Seite der Gegenwart oder in die blinde Richtung der Zukunft machen; wir können heut nicht malen oder komponieren, was in 100 Jahren wahr ist, sondern nur, was heute für uns selbst wahr ist. Der Hang zum Prophezeien ist ein Zeichen der Schwäche, -- insofern behältst Du betreff *** wohl ein bissel recht; aber schließlich sind wir nicht zu Richtern über unsre Mitmenschen bestellt, sondern zu Freunden; auch verneint eine solche Schwäche noch nicht das ganze Werk, am wenigsten in unsrer traurigen Zeit! Daß die zum Verzweifeln traurig ist, das fühlt wohl bald ein jeder. Aber nur ganz wenige haben die Kraft, sich von ihr _loszulösen_. Fast bei _allen_ Menschen, denen ich in diesem Krieg nahegekommen bin, hab ich irgendwo einmal in das geheime Fach ihres wirklichen Ichs geguckt, da wo es abgelöst ist und frei; die meisten bewahren es schamhaft als ihr Geheimnis und fast keiner weiß es anzuwenden, sie _wollen_ es auch gar nicht anwenden, aus einer geheimen Furcht, es zu profanieren und eventuell auch noch einzubüßen. In Deiner Sprache heißt dieser geheime Punkt natürlich das Gewissen. Mir ist dies Wort zu vieldeutig, zu sehr Allerwelts-Begriff.

Ich las letzthin in Luthers Tischreden, -- köstlich!! Er ist das schlagendste Beispiel für Gundolfs Behauptung, daß der Leib die Mitte des Menschen ist, aus der alles geschieht; diese triebhafte Leibesgesundheit, die aus sich die Geistesblüten treibt, ist bei Luther berückend stark und klar.

* * * * *

Vielleicht werd ich Dich bitten, mir Gundolfs Artikel gelegentlich wieder zu schicken, da ich ihn gern *** zum Lesen geben will; ich hab Dir heute in einem Paket das Buch mit anderem zugesandt, da Du es so dringend bald wieder haben wolltest.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

24. I. 16.

L., einliegend ein so nettes Briefchen von Lisbeth; aus ihm klingt die erwachende Lebensfroheit wieder etwas heraus.

-- -- -- -- -- --

Ich hab heut einen köstlichen Spazierritt gemacht, -- ein strahlender Tag. Ich sehe überall ganz, ganz verwischt Spuren uralter Zeiten, -- Lothringen ist ja reich an keltischen und gallischen Erinnerungen; ich hab das Gefühl, daß alles Land, Wege, Häuser, Wälder so ganz vorübergehender Besitz sind, -- ich verstehe die Wanderer, die »Habenichtse aus Überzeugung«.

Letzthin sagte mir ein Physiker, in der Physik habe man jetzt entdeckt, daß die alte dritte Dimension, also die mathematisch bis jetzt als einwandfrei gegoltene Bestimmung einer Sache nach seiner kubischen Dimension als wissenschaftlich unhaltbar anzusehen sei, solange die vierte Dimension der _Zeit_, des _Zeitpunktes_, nicht noch hinzugenommen wird. In jeder Rechnung sei diese 4. Bestimmung als Potenz mit einzustellen, -- _wie_ ist aber noch dunkel. Das wirft die ganze alte Mathematik über den Haufen. Man steht vor einem _novum_. Ich weiß nicht, ob Du da mitdenken kannst; ich liebe wie Novalis diese Gedankengänge sehr. Ich habe in dieser Richtung ja schon als Gymnasiast Algebraunterricht gegeben, bei dem ich mir lauter solche Sachen allein ausdachte. Leider habe ich zu diesen Dingen genau so wenig _praktisches_ Talent wie zur Musik. -- -- -- -- -- -- Über Deine Stickerei hab ich immer noch nichts gehört.

-- -- -- -- -- -- Dein Frz.

2. II. 16.

L., recht gefreut hab ich mich über ***'s Meldung, daß wieder was verkauft ist, das neue Schafbild -- -- -- -- und 2 Holzschnitte, also -- -- -- -- -- Du hast also bestimmt und ausreichend Geld vor Dir, -- von mir kommen auch wieder -- -- -- in den nächsten Tagen; ich sende sie der Einfachheit halber _direkt an Muttchen_, damit ja keine Schwierigkeiten mit dem Geldempfang entstehen.

Dein lieber Brief vom 27. kam auch heute; nimm's nicht zu tragisch, wenn ich Dir Lisbeth als Vorbild der Lebensmutigkeit hinstellte; ich bin ja klug genug, die Unvergleichbarkeit Eurer Situationen und Charaktere auch zu sehen. Ich dränge aber auch nicht aus Gedankenlosigkeit zu einer tapferen Fröhlichkeit trotz allen Leides; solange das Blut in einem pocht, muß man an's Leben glauben und sich nicht mißtrauisch separieren; und Dein Wort: »ich kann nicht« ist schließlich graduell wie alles im Leben; etwas weniger -- etwas mehr, -- das ist das Geheimnis des Wartens, Wartenkönnens und der Sehnsucht; der _Stolz_ muß im Menschen siegen über alle Dinge, nicht die indische _Trauer_.

Daß ich den Krieg als Gesundungsprozeß wie jede (auch die tötlichste) Krankheit ansehe, hat ja natürlich nur den Sinn, daß ich auch den Krieg nicht als solchen angreifen und vertilgen möchte, sondern seine _Ursachen_. Der Mensch stirbt nicht an der Krebswucherung, sondern an dem tötlichen Keim, den die Wucherung nicht zu überwinden vermag. Auch darf man solche Vergleiche nicht zu weit treiben, sonst hinken sie eben. Aber ich wehre mich unablässig gegen die herrschende Gedankenlosigkeit, den Krieg als solchen so zu hassen als sich selbst, den Aussatz unsrer Seele. -- Man muß seine Gedanken nicht gegen den Krieg richten, sondern gegen sich, und _sofort_ damit anfangen. Nichts ist selbstverständlicher, strafgerechter als dieser Krieg. Kein Mensch sieht das, -- wenigstens keiner will's _an sich_ selbst sehen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

3. II. 16.

L., was magst Du bei ***'s Brief gedacht haben? d. h. ich weiß natürlich, daß Du dasselbe dachtest, wie ich: Mitleid nicht nur mit dem gequälten leiblichen Menschen sondern doppeltes mit seiner Seele und seinem Geist. Er leidet nicht, um die Sünde und Wirrnis des Europäers zu büßen sondern im Gegenteil sie zu glorifizieren. Mich hat ja der Krieg das _erstere_ gelehrt. Wer diese Zeit so erlebt, kann wohl einen Gewinn und Sinn aus dem Kriege ziehen; der kehrt mit einem neuen Welt-Verstand in's Leben zurück; aber was soll man mit einem Geist wie *** nach dem Kriege machen? Zudem er zweifellos die immense Majorität darstellen wird; was wie wir denkt, ist ein verschwindend kleiner Bruchteil, wahrscheinlich überhaupt nur ein paar Menschen. Denn die Teile, die auf den Krieg als solchen schimpfen, ohne auf seine tiefsten Ursachen, _auf sich selbst_ zurückzugreifen, -- mit denen paktiere ich nicht. Du sagst ganz richtig, daß es so wenig Menschen gibt, die _Konsequenzen_ zu ziehen imstande sind, -- darin liegt's. --

-- -- -- -- -- -- -- --

Eben kommt Dein lieber langer Brief über Koehlerabend, Militarismus usw. -- ich kann nur wieder sagen: verschwendet Euren Haß und Eure Trauer nicht am _gegenwärtigen_ Zustand, sondern am allgemeinen. Du siehst sehr gut und scharf, aber zu nah, zu speziell; das Typische erscheint dir nicht, darum kannst du das Spezielle auch so schwer überwinden.

4. II. 16.

L., ich weiß nicht, ob Du das, was ich in meinen letzten Briefen über den Krieg gesagt habe, (Krieg als natürliche _Folge_ und insofern als gerechte, unausbleibliche Sühne), richtig verstehen konntest. Die Dinge im Leben sind so verkettet. Man kann ja zweifellos auch fragen, worin sich denn eine Folge von einer Ursache unterscheide, und ob nicht beide identisch sind oder zum mindesten gleich, sodaß man sie auch vertauschen kann. Was sie voneinander _scheidet_, ist vielleicht nur der Begriff der Zeit, die zwischen ihnen liegt, -- und das nennt man fälschlich »Unterschied« und unterscheidet Ursache und Wirkung. Es liegt sogar sehr im Menschlichen begründet, den Folgen zu fluchen und an den Folgen zu »leiden« als an den Ursachen. Das tiefere Leiden ist aber gewiß das Leiden an den Ursachen. In diesem Sinne geschieht es, wenn ich sage, daß der Krieg für mich, für mein Mit-leiden vorüber ist und ich längst, mit pochendem Herzen am Anfang der Dinge, an meinem eigenen Anfang stehe, mit heimlicher Schaffensfreude; mit solchen Gedanken _kann_ man warten ohne stündlich zu schmähen und stündlich kränker zu werden an der Gegenwart. Dahin und dort möchte ich auch Dich und meine Freunde wissen. »Meine Freunde«, -- auf die bin ich wirklich neugierig. Gundolf will ich unbedingt kennen lernen. Ich bin sehr neugierig auf die neuen Hefte der Jahrbücher; wir kennen nur 10, 11 und 12. Versäume nicht, Dich zu erkundigen, was seitdem noch erschienen. Vergiß auch bitte nicht, mir den Verlag der Jahrbücher zu ermitteln. Ich habe ja beide wieder heimgeschickt und will nun *** auf sie aufmerksam machen, kann mich aber des Verlags nicht entsinnen; es ist ein mir unbekannter Name.

Das Wetter scheint sich endlich ausgeregnet zu haben; nach einer kleinen Nebelperiode wird es jetzt immer klarer und frühlinghafter. Nach allen Anzeichen steht uns eine ziemlich harmlose Veränderung bevor, da -- d. h. ich darf ordnungshalber nichts darüber schreiben und will diese Vorschrift einhalten; aber die Bemerkung kann dich beruhigen.

-- -- -- -- -- --

5. Februar 16.

L., ich las nochmals Deinen Bericht über -- -- -- -- -- ich kann ihn mir einfach nicht vorstellen! Daß das einer der Brennpunkte unsrer doch so aufrichtig, wenn auch unerfahren und naiv gedachten geistigen Bewegung wurde, das der Niederschlag so heißen Bemühens um Erneuerung! Nun, der Krieg ist einer Ernüchterung durch -- -- -- -- -- zuvorgekommen. Daß Du Dich dort grenzenlos einsam und unbehaglich fühltest, ist ja klar. Auch ich wäre nicht in der Stimmung, die Gesellschaft _komisch_ zu nehmen; man kann sich nur _fern_halten und _ohne Ärger_ schweigen; denn es geht mit dieser Sache im kleinen wie mit dem Krieg im großen: man soll nicht über einen Zustand, über das »Zustandekommen« eines Blödsinns schmähen oder trauern oder lachen, sondern auf das Ur-mißverständnis blicken, auf eigene Schuld. Das ist der einzig reinigende Gedanke. Der Blödsinn stirbt eines Tages an seiner eigenen Leere, nur das schöpferisch Gestaltete bleibt, das was Felsen unter sich hat und keine Mauer vor sich, und was fröhlich bewußt vor sich sieht, nicht trauernd nach allen Seiten oder wehklagend rückwärts.

Dein heutiges Kärtchen berichtet wieder von einem 8seitigen Klagebrief, den Du, weil er »zu« traurig war, zerrissen hast! Erstens sollst Du keine Briefe, die Du mir schreibst, zerreißen, -- Du kannst an ihnen doch nur das Papier zerreißen, nicht die »einmal gewesene und in alle Ewigkeit seiende Thatsache« dieses Briefes, und zweitens soll ein solcher mutig abgesandter Brief Dich wenigstens nötigen, ihm einen freudigeren Gegenbrief nachzujagen, -- statt beides bleiben zu lassen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

6. II. 16.

L., wenn du mich heute gesehen hättest, müßtest Du wahrlich bald an der »Wirklichkeit« verzweifeln, oder an meinem Verstand. Ich bin in einem riesigen Heustadel (schönes Atelier!) gestanden und habe auf Militärzeltplanen nach Walterchens Ausdruck »9 Kandinsky's« gemalt! Die Sache ist allerdings harmloser, -- die »_Kunst_« war bei dieser Thätigkeit glücklicherweise ausgeschaltet, wenigstens für die Überzeugung der anderen, -- ich selbst hatte sonderbare Empfindungen dabei. Die Geschichte hat einen ganz nützlichen Zweck: Geschützstellungen gegen Fliegersicht und Fliegerphotographie unauffindbar zu machen, indem man sie mit solchen Planen überdacht, die nach grob pointillistischem System und den Erfahrungen der bunten Naturschutzfarbe (_mimicry_) bemalt sind. Die Entfernungen, mit denen man zu rechnen hat, sind ja riesig, durchschnittlich 2000 mtr. hoch, -- _sehr_ viel tiefer geht ein feindlicher Flieger nie. Die photographischen Aufnahmen, die sie aus solcher Höhe machen, werden zu Hause stark vergrößert, -- dabei entdeckt man meistens die eckigen Geschützeinschnitte, Munitionslager, die mit viereckigen Zeltplanen zugedeckt sind usw. Durch die Bemalung soll nun das verräterische Bild so verwirrt und aufgelöst werden, daß die Stellung unerkannt bleibt. Die Division wird uns einen Flieger stellen, der die Sache durch photographische Aufnahmen ausprobiert. Ich bin neugierig, wie die Kandinskys auf 2000 mt. wirken. Die 9 Zeltplanen bilden eine Entwicklung »von Monet bis Kandinsky«!

Ich schilderte es auch Koehler, den es gewiß amüsiert. Mich amüsiert ja nichts, was mit Militär und Krieg zusammenhängt, ich bin aber froh, eine solche innere Ruhe und Gelassenheit zu besitzen, daß mich auch nichts eigentlich ärgert oder gar nervös macht. Meine Nerven brauche ich noch zu edlerem Werk als zum Kriegshandwerk.

Jetzt ist schon der 6. Februar, -- ein alter Kirchweihjahrestag! Ich erinnere mich so gut noch jener Nächte, Dein geblümter braunroter Rock und der blaue, das sonderbare Gefühl von Bauern- und Körperliebe, -- ich »rieche« noch jene Stunden ganz genau; dazu die Gisela- und Kaulbachstraße!

Von hier ist nichts Neues zu sagen; der Abmarsch scheint wieder auf ganz unbestimmte Zeit vertagt; wenn noch dieser Februar hinter uns ist, haben wir die Hauptwintersgefahr eines Winterfeldzuges hinter uns.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

7. II. 16.

L...., heut nur kurz wegen Russl; ich werde Lina schreiben, daß sie Russl _weg_gibt, an Schneiderhans oder Schuster oder sonst im Dorf. Sie soll ihm dann ab und zu Leckerbissen bringen. Ich zahl gern für den guten alten Kerl eine kleine Pension. Behalten soll sie ihn auf _keinen_ Fall. Findet sich keine nette Gelegenheit, ihn in Pension zu geben, dann soll Schuster ihm eine ehrliche Kugel geben, -- besser, es geschieht, wenn ich nicht da bin und Du auch nicht. Aber ich fand ihn das letztemal so greisenhaft geworden, daß der rasche Tod wirklich keine Grausamkeit ist. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Etwas sagst du sehr wahr: Berlin ist ein richtiger Seuchenherd schlechter Vaterlandsbazillen. Ein dritter Winterfeldzug? _Glaub ich nie!_

Das zu denken ist einfach _unorganisch_. Dieser Sommer entscheidet. Daß ich je als Artill. Beob. kommandiert werde, ist gänzlich unwahrscheinlich. Der General wäre sofort dagegen. Dazu sind jetzt viel Jüngere da.

7. II. 16.

Liebe Lina,