Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band

Part 10

Chapter 103,418 wordsPublic domain

Was macht wohl das arme Schlickchen? Ich erhielt gestern Deine Karte. Warum Briefsperre ist, weiß ich auch nicht. In unserer Gegend ereignet sich wohl sicher nichts. Zuweilen wird heftig geschossen, aber es bleibt bei Artillerie- und Minenkämpfen, -- die Infanterie wird nicht eingesetzt. Und die Artillerieduelle sind meist demonstrativ, Bedrohungs- und Warnungsschießen ohne ernstere und weiterreichende taktische Absichten.

Baron *** hat leider und ganz gegen seinen eigenen Willen eine Batterie in einer anderen Abteilung bekommen, was mir sehr leid ist. Ich hatte mich recht auf seine Gesellschaft gefreut.

Ich bin heilfroh, zur Ausbildung der Aspiranten nicht kommandiert worden zu sein; bei diesem elenden Wetter, -- _Haumont_ schwimmt schier weg -- wäre es nichts für mich. Eine Erkältung oder Rheumatismus hat man doch gleich, wenn man auf nassen Wiesen stehen und im Wind viel kommandieren muß. Für den Ausbildenden ist es gefährlicher als für die Aspiranten selbst, die nicht zu kommandieren brauchen und in ordentlicher Bewegung bleiben. Gegen das bißchen Theaterspielen am Exerzierplatz hätte ich nichts; es wirkt auf mich völlig abstrakt, sowie ich auch in unserm Kurs meinen innerlichen Spaß hatte.

Nun adio, sei nicht zu traurig, sticke schön und freu Dich auf die Zeiten, die für uns noch blühen werden.

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Ja, was Du schreibst vom Christentum; die Frage lautet momentan fast so: von dem, wie ich Eman. Quint lese. Vielleicht gibt Dir mein vorgestriger Brief schon in manchem Antwort; ich schrieb Dir darin, was ich als mein _Gewissen_ fühle: meine _Arbeit_; nicht mein Leben als solches; ich kann gar nicht anders meine Unvollkommenheiten und die Unvollkommenheiten des Lebens überwinden, als indem ich den _Sinn_ meines Daseins ins Geistige hinüberspiele, ins Geistige, vom sterblichen Leib _Unabhängige_, d. h. Abstrakte hinüberrette. Es ist _nicht_ eigentlich das _spätere_ Leben, das ich unter Geistigem verstehe; darin mißverstehst Du mich. Ich bin allerdings dem Läuterungsgedanken nicht fremd, -- er erscheint mir sehr natürlich (nach dem bekannten: wenn ich geboren werden konnte, dann muß ich doch auch vorher einmal gestorben sein, -- denk an die Blumen! Es ist von einer rührenden beseligenden Einfachheit). Aber unter geistigem Leben verstehe ich: das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen. Der Starke subsummiert unter das Unwesentliche mehr als der Schwächere. Ich werfe jeden Tag mehr auf den Scheiterhaufen des Unwesentlichen, -- das Schöne bei diesem Thun ist das, daß das Wesentliche dabei nicht kleiner, enger wird, sondern gerade mächtiger und großartiger. Lies sehr aufmerksam im Quint, -- da steht alles außerordentlich fein und tief gesagt. Du mußt dir nur immer klar bleiben, daß unsre Sprache und unsre Logik am wenigsten berufen sind, in dem Lebensgeheimnis das »letzte Wort zu reden«; -- Du scheinst mir immer zu sehr noch nach der Wortformel zu suchen, nach einer wörtlichen Definition des göttlichen Inhalts, -- die gibt es nicht; so wenig man Kunst mit Worten erklären kann. Man kann schon reden, aber man muß sich stets der Grenzen bewußt bleiben, über die hinaus das Wort nichts mehr besagt und in seinen dummen Grammatiksinn zurückfällt. Wenn ich einmal wieder zu Hause bin und wir unser Leben zusammen leben, wirst Du sehr schnell genau verstehen, wie ich das alles meine, -- es gibt da gar kein Mißverstehen. Die ganz unmöglichen Verhältnisse, in die der Krieg meine Persönlichkeit geschoben hat, haben mein Wesen und meine Gedanken gerade durch ihren Gegensatz außerordentlich geklärt und gewissermaßen zur Entscheidung gezwungen. Leb wohl, grüße K. und streichle den armen alten weißen Rußl und die kleinen Rehchen. Mehr kann man diesen nicht thun als sie zum Heufressen nötigen und Hasel- und Eichenzweige bringen.

5. XII. 15.

L., ich lese jetzt mit wirklichem Genuß die kleinen Bücher von Bölsche über die geologische Gestaltung der Erde; ich denke da immer an unsern kleinen Spaziergang ins Tal des Leinbach und sehe dort die grotesken Gesteinfalten. Dort gehen wir sicher einmal auf Muschelsuche, wenn die Leute einmal eingesehen haben werden, daß bei dieser ganzen Schießerei doch nichts Erhebliches und Erhebendes herauskommt. -- Das Verrückteste an der ganzen blödsinnigen Westfront ist sicher _St. Mihiel_. Die Stadt liegt rund und knapp 1½ klm. vom 1. französischen Schützengraben weg! Artilleriebeschießung haben wir den Franzosen untersagt, d. h. ein einziger Schuß, der in die Stadt fällt, löst sofort eine mörderische Kanonade unsrerseits auf _Commercy_ u. a. Orte aus, daß die Franzosen es auch vorziehen, uns das Vergnügen an _Mihiel_ mit seinem Kaffeehaus usw. zu lassen. Spaß muß sein. Die Stadt wird nur bei Nacht zu gewissen Stunden durch Infanteriefeuer (einer sog. Gewehrbatterie), beunruhigt, vor allem die Hauptstraße, in der das beliebte Kaffee mit _Damen_bedienung ist. Man muß also ein bißchen vorsichtig sein beim nach Hause gehen. So um die ganzen und halben Stunden ist so ein bissel unsicher. Ich erkundigte mich letzthin nach dem Zahnarzt und frug, ob er eigentlich ruhig arbeiten könne. »O ja«, hieß es, »der wohnt ja in der _rue_ soundso nach >hinten< naus.« Hinten ist nämlich bei uns so viel wie Osten, und vorn ist Westen. Kubins Stadt »Perle« bleibt ja weit hinter dieser grotesken Wirklichkeit zurück; aber in _St. M._ ist sonst vollkommen dieselbe ein bißchen dumme, ein bißchen gefährliche aber dafür auch gegen Alles gleichgültige Stimmung wie in »Perle«; selbst dieses traumhafte »nicht Fort-Können« für die dort in Unterkunft befindlichen besteht wie in Kubins Buch. Wenn Du einmal Kubin sehen solltest, kannst Du es ihm schildern; er ist überlebt, d. h. das Leben ist über seine Phantasie gestiegen.

Kopfkissenbezüge kamen heute. Die halten schon eine Zeitlang. Wirklich gute Wäsche thut mir ja leid, da die Frauen hier zu schlecht waschen. Das Wasser ist trüb; dann schlagen sie die Wäsche, als _müßte_ sie in Fetzen gehen. --

Beiliegend Brief von ***. -- -- -- Vielleicht freut sie mich wieder mehr, wenn ich sie sehe; meinen Brief hat sie natürlich nicht verstanden oder verstehen wollen; das thut mir um *** leid, den ich eigentlich sehr gern habe; ich seh merkwürdig stark mich in seinem Gesicht. Ich war auch so altklug, menschenkennerhaft und »langweilte« mich überall. Meine Zeichnungen waren auch unkünstlerisch, wenn sie auch steifer waren, -- ich machte im Gegensatz zu *** höchstens eine kleine Zeichnung pro Monat! Aber es ist etwas in ***'s Gesicht, was mich und meine Knabenerinnerungen und Heimlichkeiten sehr berührt und das ich an ihm liebe. Ich hatte meinen Vater und was war mir dieser merkwürdige, philosophische Mensch! Und *** hat gar keinen Vater!!

6. XII. 15.

L., also das arme liebe Schlickchen hat auch seinen kleinen Rehtraum ausgeträumt. Es ist doch eigentlich wirklich so; wenn ich an so ein kurzes kleines Leben eines solchen Tierchens denke, werde ich das Gefühl nicht los, daß es doch nur ein Traum war, diesmal ein Rehtraum, ein andermal ein Menschentraum; aber das, was träumt, _das_ Wesen, das ist immanent, unzerstörbar. Ich hab in diesen Tagen auch einen so merkwürdigen, aufregenden Pferdetod erlebt. Das schönste, feurigste und dabei frömmste Pferd der Kolonne, ein wundervoller, starknackiger Schimmel, ein richtiges _Pegasuspferd_ der Sage, ist plötzlich an einer Blinddarmentzündung (es waren Würmer im Blinddarm!) gestorben. Es kam ganz unerwartet; es war kaum 3 Tage richtig krank; die letzten 2 Stunden hatte es große Schmerzen, stöhnte und seufzte wie ein Mensch. Ich hatte dabei das Gefühl, daß es aufseufzt wie ein Mensch, den man aus einem lebhaften Traum aufrüttelt. Kurze Minuten drauf lag ein plumper, häßlich verfallender Pferdeleib vor mir, -- der Pegasus war fort, -- man hatte nur die irdischen stinkenden Reste vor sich, die man eingraben ließ, -- da fiel mir das ewig denkwürdige, durch Jahrtausende hallende Wort ein: »Laß die Toten ihre Toten begraben!«

7. u. 8. XII. 15.

L., ich bin neugierig, wohin es uns diesmal zum Weihnachtsfest verschlägt. Maman schreibt heute, sie hofft, daß ihr Weihnachtspaketchen diesmal »rechtzeitig« ankommt. Ich glaub's kaum, nachdem wir wieder »auf Reisen« gehen. Ich kann Dir gar nichts zu Weihnachten senden außer Briefgrüße und Liebessehnsucht. Wenn Du was weißt, kaufst Du Dir es schon in meinem Namen. Und ich werd auch manchen Punsch auf Dein und unser Wohl trinken. Seit Baron *** wieder die Kolonne führt, bin ich sehr viel vergnügter. Wir zwei verstehen uns ganz gut; wenigstens werden wir verstehen, uns gegenseitig bei Laune zu erhalten.

Wenn Du je in Leseüberdruß kommst (d. h. wenn man keinen Shakespeare, Hoffmann, Dostojewski oder Hölderlin lesen will), -- so lies Fabre, Bölsche u. dergl. Ich kann mir gar nichts Anregenderes und Befriedigenderes als Zeitvertreib und Bildung denken, als das Forschen dieser Naturwissenschaftler: Entstehung und Ahnenfolge der Pflanzen- und Tierwelt, die geologischen Zeitalter (letzteres ganz besonders), Insektenleben, Sternenlehre usw. Kennt eigentlich K. viel in diesen Dingen? Mich interessieren diese Dinge jedenfalls hundertmal mehr als Nationalökonomie, moderne Erfindungen usw. Ich lese diese Dinge, geologische Gesetzmäßigkeiten, mathematische Gesetze stets mit einem Begleitklang des Unterbewußtseins und Ahnungen und Folgerungen, die zwischen den Zeilen stehen; der Begriff: _Naturgesetz_ ist bei mir längst aus dem Kurs; es gibt höchstens »Gesetz-mäßigkeiten«; die Periodizität alles Geschehens ist ja schon nicht mehr Gesetz, sondern Wandel, Schwingungsmaß in ungeheuren Zeiträumen. Die exakte Wissenschaft ist auch nur eine hohe, sehr scharfe europäische Denkungsart und auch nur »Anschauung«. Man kann sein Vorstellungsleben gar nicht weit und immens genug spannen, die Distanzen nicht weit genug nehmen, wenn man der tobsüchtigen, ich-süchtigen Enge dieses Jammerlebens entrückt sein will und Teil haben will am -- Reich Gottes, am heiligen Geist. Der Niederschlag dieser Stimmung wird sich natürlich immer wieder im _Leben_ zeigen, _muß_ es ja. -- -- -- --

Gemütlich-Leiningen, 16. XII. 15.

L., heute kam Dein langer Brief vom 13., in dem Du so viel über die uralte Frage des Wahrheit-sagens, Verschweigens und Theaterspielens schreibst. Du mußt letzteren Ausdruck nur ja nicht zu ominös fassen. Wenn dieses Spiel nicht von _Liebe_ getrieben ist, ist es natürlich unfein, herzenshart und unehrlich. Mir scheint der Kern des ganzen Problems darin zu liegen, daß eine Wahrheit, die nicht verstanden wird, eben auch keine ist (für den Nicht-verstehenden) und damit ihren Sinn gänzlich verfehlt. Die Menschen stehen auf einem ungleichen Niveau. _Die_ Menschen, die auf meinem Niveau stehen wie z. B. auch ***, -- denen brauche ich die Wahrheit ja gar nicht zu sagen; denn da deckt sich Wort und Gefühl ohne weiteres. (Aber in rein künstlerischen Dingen stehen wir auf ungleichem Niveau, -- darum können wir zusammen gar nicht über _Kunst_ reden; entweder schweigen wir oder spielen auch gelegentlich ein bissel Theater.) Steht jedoch einer unter oder über mir, so muß ich ihm die Wahrheit schon ausdrücklich sagen, gewissermaßen zurufen, daß er sie versteht, aber das Wort auf sein Niveau gebracht, bedeutet schon längst was anderes. Meine wirkliche Sprache ist für *** chinesisch, -- also rede ich (weil ich in diesem Falle der Überlegene bin) in _ihrer_ Sprache; die bedeutet für mich natürlich Unsinn, -- aber für *** hat sie Sinn. Ich schrieb Dir glaub ich schon kürzlich einmal: man darf sich nicht zuviel auf _Worte_ verlassen; es gibt nichts Wandelbareres als Worte. Auf jeder menschlichen Stufe, in jeder Luft bedeuten sie immer wieder etwas anderes. Nur Dichtern kann es gelingen, _Gültiges_ zu sagen mit Worten, aber das kann nur im mysteriösen Bereich der Kunst geschehen und da heißt es: »wer es fassen kann, der fasse es«. Aber unterhalb der reinen Kunstregion wird ein grenzenloser Unfug mit der Sprache getrieben; sie ist so recht der Münze gleich, mit immer wechselndem Kurs oder staatlich erzwungenem Kurs; hie und da gibt's Bankrott, ganze Staatsbankrotte von Worten. Mit Worten wird spekuliert wie mit Wertpapieren. Wie kann man ein so gemeines Werkzeug benützen wollen, um die -- Wahrheit zu sagen! Daß Dichter sich des Wortes bedienen, besagt hier gar nichts. Was machen Musiker aus dem _Klang_, der an sich ja auch ein Fälscher-Bestandteil der Sprache ist. Das sag ich in allem Ernst. Denk einmal darüber nach. Der gewöhnliche Mensch bedient sich der Sprache zu ganz ungehörigen, wirrnisverbreitenden Dingen, die er dann als »Ideen« in Kurs setzt. Man sollte viel weniger reden, sondern nur mit dem Gefühl leben. Dichter und Propheten können ihre Stimme erheben und »reden«, -- die haben ihre Sprache für sich, die prägen Gedanken; aber das sind eben Künstler, d. h. außerpersönliche Erscheinungen; die wissen nichts von sich sondern nur von Gott, um mit der Sprache Quints zu reden. Ich will Dich durch mein Mißtrauen gegen das Wort nicht unsicher machen. Wenn man es ohne »_Tendenz_« gebraucht, ist es auch ganz harmlos und ungefährlich; aber es scheint mir für unsereins ein ungeeignetes Material um _Wahrheit um uns zu verbreiten_.

Ich schick Dir einliegend einen netten Brief von Koehler, dann das unglaubliche Testament Menzels!! Dann eine Notiz über Mozart, -- wie war es eigentlich möglich, daß Mozart im Massengrab verscharrt wurde? Ich weiß wenig von Mozarts Leben, -- vielleicht leiht mir K. einmal eine Biographie von ihm, -- ich denke, er besitzt eine. Kaufen sollst Du mir keine, -- ich lese so etwas einmal und bruchstückweise und dann niemals wieder, wenn es kein Kunstwerk ist wie das Gauguinbuch. Jetzt fällt mir ein: schick mir doch französisch Stendhal: _vie de Mozart_, Haydn und ich glaube Händel. Die sind, glaub ich, in der grünen Lévy-Ausgabe (80 Pfg.) zu haben. Das würd ich jetzt gern lesen.

Mit Schlickchen wirst Du wohl recht haben, -- er wird die Kälte nicht ausgehalten haben, das gute Tierchen. Melde jedenfalls dem Forstbuchhalter, daß Du nach einem Böckchen suchst, -- so Leute wissen immer Gelegenheiten, ev. auch dem Forstmeister. Die 30-40 M. kannst Du ruhig aufwenden, wenn sich Gelegenheit bietet, -- wenn ich zurückkomme, würde ich sie doch auch ausgeben; Hanni thut mir so leid, so allein. Gerade in einem strengen Winter werden oft Tiere gefangen; sag's auch Bauer und dem Bruder Heinritzi, -- ich glaube er ist Jäger; und setz ordentlich dicht Sträucher an der Längsseite, mit 2. Draht davor. Du könntest Dir auch ein junges Schäfchen oder Zicklein halten, -- da hätte die Hanni auch Gesellschaft. Bei ersterem natürlich genau auf das _Mutterschaf_ sehen, ob es ein schönes Tier ist. Hier gibt es z. B. wunderbare, verhältnismäßig schlank, mit schöner glatter Wolle und schwarzen Köpfen. (Ev. auf einen Markttag gehen.)

Betreffs Elly Ney magst Du vielleicht in Deinem Gefühl des zu sinnlichen Spiels auch recht haben. In stärkster Erinnerung ist mir der Walzer am Schluß geblieben, -- das war aber nicht eigentlich sinnlich, sondern seelig-glücklich gespielt, -- so wirkte er und auch manche Stellen im Brahms auf mich, während ich *** aus der Kreutzersonate in Erinnerung habe und nicht ganz angenehm, im Vergleich zu _Pugno_, von dem ich sie zuerst hörte (mit Ysaye). Aber das sind alles so vereinzelte Erinnerungen, von persönlicher Stimmung beeinflußt.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Frz.

Straßburg 20/21. XII. 15.

L., ich schrieb Dir schon eben eine Karte von hier; ich hab mir als Weihnachtsgeschenk einen Tag Urlaub genommen um das geliebte Münster wiederzusehen, das mich vor einem Jahr so tief erregte. Der Ausflug ist recht nett gelungen; ich fuhr gestern Abend mit einem Wägelchen von Leiningen nach Bensdorf, stieg dort in den Schnellzug und war 8,40 in Straßburg. Schon die Mondscheinfahrt im Wagen war reizvoll und träumerisch, -- erst recht dann der Nachtbummel durch Straßburg. Es ist etwas ganz besonderes, unter diesen Umständen plötzlich in eine Großstadt versetzt zu werden; (-- München wirkt nicht so unmittelbar auf mich, da ich es zu sehr kenne, persönliche Interessen habe, nicht allein bin usw.); die ganze, im Grunde abscheuliche Seltsamkeit unsrer Zeit spricht aus einer solchen Stadt; die gegenwärtige Kriegssituation wirft auf alles noch ein besonderes Schlaglicht. Ein Kaffeehaus mit seinen Kartenspielern, Geschäftstypen, armen Kellnerinnen wirkt ganz infernoartig; das Straßenleben wirkt auch merkwürdig unterirdisch, unwahrscheinlich, als wäre es längst vergangen, nur mehr im Bilde da. All die sonderbaren Leidenschaften auf den Gesichtern. Ich sah plötzlich ein Vögelchen auf einem Gesims sitzen und hatte das Gefühl, als wäre dies Vögelchen das einzig Lebendige, unbefangen Wirkliche in einer toten Stadt, in der nur mehr Leichen gehen. Ich verstehe Kubin's Perle so gut! Er hat dies alles glänzend gesehen. Es machte mich gar nicht besonders melancholisch, -- die _Kunst_ wird von diesem Tod nicht getroffen. Aber in einer Sache ging es mir sonderbar; mein Nebenzweck war nämlich gewesen, Dir noch ein kleines Weihnachtsgeschenkchen zu besorgen; ich hatte mir nichts vorgenommen und gedacht, ich werde schon was finden; aber was ich sah, war tot. Ich konnte Dir doch nicht das Vögelchen auf dem Gesims fangen und schicken! Ich konnte mich zu nichts, nicht zur kleinsten Kleinigkeit entschließen, -- ich konnte Dir doch nichts Totes schicken. So gab ich's auf und schreib Dir nur, daß ich nichts schicken und schenken kann, als meine Liebe, meine lebendige warme Liebe, an die Du glauben sollst und glaubst, das weiß ich -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --! Tröste wir uns beide! Es wird schon wieder alles gut für uns!

Jetzt eß ich noch zu Abend und fahre dann nach Bensdorf zurück, wo mich wieder ein Wägelchen erwartet!

In Liebe Dein Fz.

29. XII. 15.

Daß das liebe Amulettchen etwas später kam, macht gar nichts, -- ich war Weihnachten so sehr mit den Soldaten beschäftigt, daß ich für mein Weihnachten am 24., 25. überhaupt keine Zeit fand. Am 25. hörte ich ein ganz nettes Konzert in Wirmingen, von einem Infant.-Rgt. veranstaltet, das ein paar Opernsänger und Geiger etc. besitzt. Ein Larghetto und Andante von Händel, eine schmucke geistreiche Musik, mehr blendend und voll Geste, aber nicht wirklich tiefsinnig; schwach gespielter Beethoven, in dem der Romantiker allzusehr hervorguckte u. a. Es hat mich sehr angeregt. Ganz originell war etwas von Adam, -- vermutlich Cornelianer; es war etwas aus den 60er Jahren darin, mit großem Reiz.

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Laß Dich _nie_ von der Traurigkeit überwältigen, -- traurig sein und sehnsüchtig wie ein Adagio ja, -- aber Form muß man im Inneren behalten.

Der Brief muß weg, darum schnell Schluß!

-- -- -- -- Fz. M.

Neujahr 16!

Liebste, gutes liebes neues Jahr!

Also heut läuft man schon mit dem neuen Gesicht 16 herum! Die Welt ist um das blutigste Jahr ihres vieltausendjährigen Bestehens reicher. Es ist fürchterlich dran zu denken; und das alles um _nichts_, um eines Mißverständnisses willen, aus Mangel, sich dem Nächsten menschlich _verständlich_ machen zu können! Und das in Europa!! Man muß wirklich alles umlernen, neudenken, um mit dieser ungeheuerlichen _Psychologie der That_ fertig zu werden und sie nicht nur zu hassen, zu beschimpfen und zu verhöhnen oder zu beweinen, sondern ursächlich zu begreifen und -- _Gegengedanken_ zu bilden.

Es ist ein schöner Neujahrstag heut, ein bißchen Frühlingsluft, in der die Neujahrsglocken ganz besonders beweglich klingen. Ich gehe nicht ungern in dieses Jahr, -- mein Optimismus ist unzerstörbar; Mangel an Optimismus ist Mangel an _Wunschkraft_ und Mangel an _Wille_.

Gestern Abend hab ich Dir in Gedanken manches Glas zugetrunken, -- und eins besonders: als der Walzer aus Hoffmanns Erzählungen gespielt wurde! (Zither, Geige und Guitarre). Wenn der Friede kommt, muß Wolfskehl ein großes Fest geben und dann werden wir wieder ein paar alte Walzer tanzen. Du kannst es Wolfskehl heut schon von mir ausrichten, daß ich bestimmt darauf rechne.

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10. I. 16.

L.,

gestern Nacht war zum ersten und erstaunten Male wieder ein reiner Sternenhimmel; er war so lieblich wie im Frühling; aber heut morgen war das gleiche öde graue Schmutzwetter wie immer. Ohne Gummimantel kann man gar nicht existieren.

Deine lieben Briefe vom 7. und 8. Jan. sowie das Gundolf-Heft kamen heute. Mich freut die Lektüre auch sehr. Wenn ich ihn ganz und sorgfältig gelesen habe, schreibe ich Dir ausführlich darüber. Es deckt sich ja vieles, was er sagt, fast wörtlich mit meinen Aussagen, die ich schon früher August gegenüber gemacht habe: daß die technischen Errungenschaften (wie z. B. Fliegen, Maschinen, Telefon etc.), die Menschen geistig und wesentlich um keinen Zoll weiterbringen, sondern im Gegenteil stets auf _Kosten_ einer intuitiven, primären Fähigkeit sich entwickeln. Früher _fühlte_ man, wie es einem Freund geht, -- heut telefoniert man ihn an; früher konnte man seine Dichterwerke auswendig, -- heute stehen sie gedruckt und billig in jedem Bücherschrank. Die Erinnerungskräfte nehmen mit jedem Reproduktionswerk an Intensität ab. Und gar die Maschinen, die dem Menschen die Arbeit »abnehmen« sollen!! Das alles ist ja einwandfrei klar. Ebenso das Resultat dieses Krieges: Fluch und Strafe, daß wir die Wissenschaften um ihrer praktischen Nutzbarkeit und Anwendung willen betreiben!

Wir schalten die natürlich und gleichzeitig geheimnisvoll wirkende Natur aus, machen uns zu ihrem Herrn, durchrasen Raum und Zeit, äffen ihre chemischen Vorgänge nach, -- aber alle unsre Erfindungen wenden sich wie böse Geister gegen uns selbst, -- wir fallen von unsern eigenen Waffen, wie ein böses Geschlecht, das sich selbst zerfleischt, weil es in seinem Hochmut und ekelhaften Eindrängen in eine verbotene Geisterwelt (die es gleich praktisch ausnutzen zu können meinte), seinen inneren Halt verlor. Das alles ist sehr klar, auch Gundolfs Grundgedanke, daß unser Kulturleben nicht mehr »_leibliche Funktion_« ist, sondern willkürliches Spiel mit organischen Kräften, die man in ihrem _Wesen_ nicht versteht, sondern nur experimentell benützt. Insofern wollte ich auch _nie_ den _Leib_ und das organische Leben verleugnen; meine Sehnsucht zum Abstrakten, zur reinen Linie ist etwas ganz anderes. Ich will erst Gundolf gründlich lesen, um zu sehen, was er und _wie_ er alles meint, -- dann schreib ich Dir mehr. --

Die chinesischen Märchen sind noch immer nicht da, -- sie kommen schon noch; ich freue mich _sehr_ auf dies Büchlein, -- dank voraus Liebe; ich hatte gar nicht mehr dran gedacht, daß ich sie mir eigentlich gewünscht hatte; ich vergesse so was ja immer wieder; aber jetzt freu ich mich sehr darauf. Dank für die Blümchen, -- jetzt schon Leberblümchen!! -- Ich glaube doch, daß Hanni's Geschwulst mit Wiederkäuen zusammenhängt -- ich bin mir _fast sicher_; -- -- --

-- -- -- -- -- -- Dein Frz.

12. I. 16.

L.,