Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band
Part 20
Ich habe eine Bitte an Dich. Da Du im vorigen Frühlinge _Matthisons_ Mutter gesprochen hast, so kannst Du mir vielleicht schreiben wo, wann er gebohren, wo er itzt ist, und was Du sonst von seiner Jugendgeschichte und seinen Lebensumständen weißt. Vergiß es nicht in Deinem nächsten Briefe. -- Hast Du noch die sibirische Anthologie von Schiller? --
Du willst mich gern den Roßtrapp auf Ostern in Natura sehn lassen? Aber die Jahreszeit, das Wetter und unsre eingeschränkte Zeit! Es ist wohl kaum möglich. Ich muß Verzicht darauf thun. Wir werden unsre Reise so simpel und aufenthaltlos als möglich machen müssen. Auch bitte ich Dich, so viel ich bitten kann, lieber Tieck, daß Du so schnell als möglich, auf dem kürzesten Weg, und so bald als möglich hier bist: und es, wenn auch nur auf ein Paar Tage (damit Du uns nicht wieder in Sorgen setzest) im Voraus bestimmst, wann Du anzukommen gedenkst. Wie dringend wünschte ich Dich 14, oder Dich doch zwischen 8 und 14 Tage vor Ostern (dem letzten März) hier zu sehen! Deine Schwester stimmt ganz in meine Wünsche ein.
* * * * *
Du wirst wohl sehen, lieber Tieck, daß ich bis hieher noch nicht Dein Trauerspiel: der Abschied, gelesen hatte; denn wovon hätte ich Dir sonst zuerst schreiben können, als hiervon? Und wie ist es möglich, daß in Deinen Briefen an mich nichts davon steht? Himmel Du hast mir wieder eine sehr glückliche Stunde gemacht, hast mich ganz hineingezaubert in die Zeiten, da wir noch hier zusammen lebten und zusammen empfanden. O es ist nicht wahr, daß ich die Schönheiten hier nicht bis auf die allerfeinste fühlen sollte! Ich fühl’ es, ich fühl’ es, wie alles aus dem Strohm der Empfindung eines vollen Herzens geschöpft ist. Wovon soll ich anfangen? Es hat mich gerührt, entzückt! Ganz in dem Göthen’schen Geist des Werthers, der Stella, gedichtet! Ganz Gemählde, treustes Gemählde der erhabenen, ätherischen und schwärmerischen Gefühle, die wir so manchesmal in den Stunden der Seligkeit mit einander wechselten. Hast Du bey der Stelle, wo Luise das von ihrem Geliebten komponirte Lied: „Wie war ich doch so wonnereich,“ spielt, an mich gedacht, so dank ich Dir: glücklich fühl’ ich mich, wenn mein Andenken Dich in _solchen_ Stunden umschwebt. Wie lautere Natur ist Ramstein! Ich wäre außer mir, wenn ich ihn einmal, Du den Weller, spielen könnte! Wie unnachahmlich die 2 Scenen zwischen Luise und R.! wie wahr der glühende und kochende Ehemann! wie wahr die lenkbare Schwachheit des weiblichen Charakters! Ueberall die feinsten Züge verstreut! Es ist mir nicht möglich, Dich itzt auf Einzelnes aufmerksam zu machen; Du wirst Dir die Stellen hinzudenken, worüber ich so vorzüglich entzückt ward: vielleicht hätte das Ende etwas besser ausgearbeitet seyn können; und noch gewisser wage ich zu behaupten, daß _zuweilen_ der Dichter die Personen noch immer mehr von ihrer Empfindung sprechen, als sie, ihrer Empfindung gemäß, sich ausdrücken läßt. Doch der Glanz des Ganzen verschlingt diese Flecken. Wärst Du hier, wir wolltens zusammen lesen, und jeden Augenblick würde ich Dir mein Entzücken zu erkennen geben. Aber so kann ich nichts auszeichnen, es ist zu viel, und ich bin zu voll. O laß doch die _Reimerey_ seyn! _Hier_ ist Dein Wirkungskreis, im Feld des Tragischen und der trüben Melancholie. Wie glücklich wär’ ich, wenn ich etwas ähnliches dichten könnte! Diese Gattung würde meine Lieblingsgattung seyn! Ich danke Dir inniglich, mein lieber, mein bester Tieck, für das süße Vergnügen, was Du mir gemacht hast!
Warum bearbeitest Du den „Orest in Ritterzeiten“ nicht? --
_Schreib’ mir bald_, -- schreib’ wann Du kommst.
Dein
Freund
_W. H. W._
XIV.
_Berlin_, Febr. 1793.
_Mein liebster, bester Tieck!_
Länger kann ichs kaum aushalten. Grade 3 bis höchstens 4 Wochen sinds noch hin, daß Du hier seyn wirst und Du schreibst mir noch nicht, wann Du kommen wirst; lebst lustig und vergnügt in Göttingen oder in Kassel, wohin Du, wie Deine Schwester sagt, hast reisen wollen; indeß ich hier in einer Quaal lebe, von der Du keine Idee hast. Alles verläßt mich, ich bin in der ärgerlichsten Ungewißheit, da ich am ersten etwas Bestimmtes über manche Umstände bey meiner künftigen Lage erfahren möchte. Keine Briefe von Dir; keine von meinem Prediger; keine aus Erlangen. Und die Zeit ist vor der Thür.
* * * * *
Von Dienstag zu Sonnabend und von Sonnabend zu Dienstag hab’ ich gewartet; heut ist wieder Sonnabend und noch kein Brief. Ich bin immer noch glücklich genug, mir einzubilden, daß Dich nichts anders als Nachläßigkeit oder Vergnügen, keinesweges aber Krankheit abgehalten hat. Mein Prediger hat nun endlich geschrieben. Die Hochzeit ist vorbey; er lebt äußerst glücklich in seiner neuen Verbindung und erwartet uns mit offenen Armen nach Ostern.
Ich bitte Dich um unsrer heiligen Freundschaft willen, schreib’ mir doch nur mit ein paar Zeilen, ob Du nicht 14 oder spätestens 8 Tage vor Ostern hier seyn kannst. Je länger ich in meiner unglücklichen Lage hier eingezwängt bin, desto ungeduldiger und mißmüthiger macht sie mich, und bringt mich zuweilen zur Verzweiflung. Ich schleppe manche Tage wie ein Esel hin. Mein aufschwellender Geist schrumpft ein, seine Flügel sind gelähmt, seine Schnellkraft erschlafft. Ich fühle nichts deutlicher als das: An Verstand und Herz bist Du schwächer, Du bist schlechter geworden; dies nagende Geständniß bringt mir jeder Pulsschlag. Aber ich schwör’ es Dir bey den Seligkeiten, die ich je in den erhabensten Stunden von Deinen Lippen geküßt und aus Deinem Auge getrunken habe, ich schwöre es Dir: noch fühl’ ich Kraft genug in mir, sobald nur ein paarmal die Sonne über uns an Einem Orte auf- und untergegangen ist, so schwing’ ich mich wieder ganz zu Dir hinauf, so hat der Zauberdruck Deiner Hand und der Zauberblick Deines Auges und der Zauberton Deiner Stimme mich wieder mit entzückender Begeisterung durchdrungen, und ~Coetusque vulgares et udam sperno humum fugiente pennâ~. --
Hätt’ ich Zeit so wollt’ ich Dir noch allerhand erzählen: wie ich mich im Theater über Betrug durch Aberglauben geärgert, und über Axur abermals gefreut habe; wie, zum Erstaunen der vernünftigen Welt, Bernhardi’s Julius von Tarent auf unserer Bühne gegeben ist, und wie mich die unübertreffliche originelle Diktion dieses Stücks entzückt hat; wie ich neulich, bey Czechtizky’s Tellheim, auch keinen Funken der feinen Empfindung in dem Charakter gefühlt, sondern eine ganz andre Rolle zu sehen geglaubt habe; vornehmlich aber, wie ich von Reichards Erwin und Elmire im Konzert neulich bezaubert bin, wo jede, jede Arie, den innigsten Ausdruck, jeder Ton Liebe oder erhabne Empfindung, oder romantische Schwärmerey athmet. Aber noch eins: ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mir nicht erfreulicher seyn konnte: mit einem jungen Architekten, Gilly, den Bernhardi kennt. Aber jede Schilderung ist zu schwach! Das ist ein Künstler!! So ein verzehrender Enthusiasmus für alte griechische Simplicität! -- Ich habe einige sehr glückliche Stunden ästhetischer Unterhaltung mit ihm gehabt. Ein göttlicher Mensch.
* * * * *
Und nun beschwöre ich Dich noch einmal, mein ewiggeliebter Tieck, schreib mir, tröste mich bald. O Tieck! wollen wir in Erlangen nicht glücklich wie im Elysium leben? =Wir müssen!!= Meine ganze Seele erhitzt sich jeden Augenblick itzt bey dem Bilde dieses zukünftigen Himmels. Aber schreib mir den Tag, wenn Du kommst; komm doch so bald als möglich -- was hindern Kollegia _Dich_? -- _Den ersten Posttag nach Ostern_, werden, müssen wir vermuthlich reisen; und _Ostern_ ist =31. März=.
Schreib mir doch an demselben Tage, da Du diesen Brief bekommst, wenns irgend angeht: -- nur das Nöthige, nur ein paar Zeilen.
Ich hoffe und wünsche, daß Du gesund und vergnügt bist.
Ewig Dein Freund.
_W. H. Wackenroder_.
XV.
Sonnabends,
den 2ten März 1793.
_Mein bester Tieck_.
Gottlob, daß ich doch einmal wieder ein paar Zeilen von Dir am Montag erhielt. So wenig es war, so machte es mich doch ganz außerordentlich froh. Du bist nach Kassel gereist; deswegen schrieb ich Dir nicht am Dienstag; nun wirst Du wohl zurück seyn. Deinen Abdallah kann ich erst in den folgenden Tagen lesen; ich habe ihn Deiner Schwester geliehen gehabt.
Seit vorigen Ostern hab ich Dich nie so vermißt, hab ich nie so ungeduldig den herzerhebenden Umgang mit Dir zurückgewünscht, als in diesen letzten Monaten. Zuweilen habe ich indeß, ich muß es gestehen, einige sehr vergnügte Stunden; allein ich kann es mir nicht verbergen, daß ich bey Dir ein ganz anderes, höheres Vergnügen empfinden würde.
Von Erlangen hab ich Antwort; wir haben eine Wohnung von 2 Stuben und 1 Kammer neben einander, bey einem Schneider. Sie soll sehr gut seyn und in guter Gegend liegen. Die Gegend um Erlangen, im Anspachschen und Baireuthschen &c. &c. wird sehr gerühmt; Erlangen selbst, nicht von allen. Der Himmel gebe, daß Du Dich dort glücklich finden mögest. Nur wirst Du den Umgang mit so vielen interessanten Köpfen, wie in Göttingen, dort leider wohl vermissen. -- Aber ich kann Dir unmöglich mehr schreiben, Du mußt Alles übrige mündlich von mir hören.
Ich wiederhohle meine dringenden Bitten, uns bald zu schreiben, wenn Du kannst, und -- in ein Paar Wochen zu kommen. _Hier_ mußt Du dann vornehmlich für Deine liebe Schwester leben. Ich mache wenig oder gar keine Ansprüche auf Dich, weil ich dann -- (welche herrliche Aussicht) so lange genieße. -- Alles übrige mündlich. Komm nur in 14 Tagen. Ja?
Mit zärtlicher Sehnsucht sieht Deiner Ankunft entgegen
Dein
Dich ewig liebender Freund
_W. H. Wackenroder_.
XVI.
Dienstag, d. 5ten März 1793.
_Lieber, bester Tieck_.
Gestern (Montag den 4ten März) hab’ ich am Mittag Deinen Brief bekommen. Deine Schwester läßt Dich herzlich wieder grüßen. Sie befindet sich itzt recht gesund, und wünscht nichts inniger als Dich bald hier zu umarmen.
Den Abdallah habe ich gelesen. Wenn Du Dich erinnerst, so hast Du mir ihn im vorigen Winter schon einmal des Abends in meiner Stube vorgelesen. Da er also schon vor einem Jahre geschrieben, dieser erste Theil nämlich, so paßt das nicht, was Du sagst, er trüge die deutlichen Spuren Deiner alten Laune. Schon damals habe ich Dir meinen Beyfall wegen des Stücks geschenkt, und ich wiederhohle dies itzt noch zuversichtlicher. Ueber den Plan des Ganzen kann man noch nicht urtheilen, weil bis itzt erst ein Theil des geheimnißvollen Gewebes von natürlichen Begebenheiten und von dazwischentretenden Zaubermächten vor Augen liegt. Ueber die Komposition der Erzählung, die Anordnung der Kapitel und der einzelnen Haupttheile in denselben, wünschte ich urtheilen zu können; allein ich verstehe es nicht recht, weil ich noch nicht viel darüber nachgedacht habe; es ist aber eine wichtige, sehr wichtige Sache, welche von tausend Romanschreibern, die nur von schönem blühenden Styl gehört haben, und diesen oft in nichts als in Witzeleien und unächte Blümchen setzen, vernachlässigt werden mag. So weiß ich z. B. nicht, ob die isolirte Charakteristik des Sultans, die den Anfang macht, da an ihrem rechten Orte steht u. s. w. Uebrigens sind in dieser wie in den übrigen Charakterschilderungen viele wahre, treffende Naturzüge. -- _Die Phantasie_, die das Ganze durchströhmt, ist feurig, groß und erhaben, und vermischt sich oft so innig mit der _Vernunft_, daß man sie nicht davon scheiden kann.
Deine Schwester hat aber gegen mich schon sehr richtig geäußert, die Dir so gewöhnliche und so leichte Bildersprache wäre zu sehr verschwendet. In der That, läßt sich wohl ein vollkommenes, ein schönes Gedicht erwarten, wenn der Dichter jedes Bild, das seine üppige Einbildungskraft im Schreiben ihm darreicht, ergreift, und weil er in diesem Augenblicke der poetischen Begeisterung es deutlich faßt, es so hinwirft, wie es sich ihm darbietet, ohne die Verbindung, in die es gesetzt wird, ohne den Plan des Ganzen vor Augen zu haben? Gesetzt auch, daß alle Bilder die Kritik aushielten, (und ist dies beym Abdallah und vielen Deiner übrigen Arbeiten der Fall?) so wäre dies nicht weniger als ein Beweis für ihre Rechtmäßigkeit an diesem Orte. Wahrlich, eine Schreibart, wo der von Empfindungen, von Visionen der Phantasie überfließende Dichter von einem Bilde zum anderen überspringt, und eins in das andere hineinzieht, ist nicht viel besser als ein Styl, worin epigrammatische Laune herrschen soll, wo eine Witzeley die andre, ein Wortspiel das andre jagt. Doch dies gilt keineswegs ganz von Deinem Abdallah. Allein daß man zuweilen seinen Verstand anstrengen muß, um die, -- ich kann es _doch_ nicht anders nennen, als _witzigen_ allegorischen Bilderchen, die hintereinander von ganz heterogener Art ausgesäet sind, zu fassen, und wenn man mit dem Einen fertig ist, gleich sich wieder in eine andre Welt von Bildern, in eine andre Metaphernsprache zu werfen, die den Schlüssel zum folgenden Bilde giebt, das scheint mir unläugbar. Deinem erhitzten Geiste mag diese Fülle sehr natürlich gewesen seyn; aber schön ist sie darum nicht. -- Dagegen könnte ich Dir auch viele der vortrefflichen Stellen zeigen, wenn ich Dich hier hätte. So aber muß ich nur beym Allgemeinen bleiben. -- Die philosophischen Hypothesen des Omar sind meisterhaft dargestellt, und haben mich ganz in jenen wunderbaren und überirdischen Abend zurückgezaubert. Aber (und das wird wohl unsre beyderseitige Meynung seyn) zerrüttet wird der Geist, für Freuden der Erde und angenehme Eindrücke verstimmt, selbst für Freundschaft und Liebe verdorben, zu ewigem Mismuth, zu trauriger Unthätigkeit verdammt, wenn er sich diesen wunderbar fürchterlichen Träumereien überläßt, und sie nicht wenigstens im Gespräche mit dem Freunde des Herzens, im Mondschein, verbannt, daß sie am Morgen mit der milden Sonnenhelle aus seinem Busen verscheucht werden und ihm als nichts mehr, als was sie sind, erscheinen, -- als Traum. Die Einsamkeit, die zu weit tröstlicheren, Herz erhebenderen Gedanken und Phantasien inspiriren kann, und der Tag, der unsere Thätigkeit des Geistes für uns und unsere Neben-Menschen fordert, -- bleibe von diesem verzehrenden Gifte frey, das unsere Seele vor der Auflösung des Körpers verwesen läßt. Aber, o wehe! diese felsenfeste Wahrheit ist Dir ja leider nur zu bekannt, -- und der Himmel wird meinen sehnlichsten Wunsch erhören, -- nicht vergebens bekannt. -- Wir wollen froh mit einander leben, Tieck; -- froh, aber weise; froh, und nicht in eitler Melancholie vergraben. Nicht wahr? -- O ja, o ja! und der Frohsinn, der weisere Frohsinn wird allmählig in Deine Natur, in Dein Wesen übergehen! -- Du bist noch immer der Alte, mein lieber bester Tieck! Auch ich bin, wie ich war! Wollte Gott, daß Du’s nur hierin nicht mehr wärst. -- Aber still davon, still!
* * * * *
Es bleibt dabey, Dein Drama: der Abschied, ist schön, sehr schön. Bernhardi hat sich nie der von Dir erwähnten List bedient, es für sein Werk auszugeben. -- Aber es bleibt auch dabey: Dein Roßtrapp ist schlecht, und ich habe ihm, glaub’ ich, eben _nicht_ Unrecht gethan. Wie Burgsdorf ihn dem Adalbert und Alladdin vorziehen kann, ist mir durchaus ein unerklärbares Räthsel! Und daß Du ihn mehrmals geändert hast, würd’ ich denn doch auch gegen jeden andern abgeschworen haben, wenn Du mirs nicht sagtest. Der _Sachen_ itzt zu geschweigen, so sind Einkleidung, Verse, Styl, Bilder, Wohlklang so, daß sie mich beleidigen. Du und Burgsdorff, ihr versteht euch auf erhabene große Gefühle, dramatischen Genius &c. tausendmal besser als ich. Ich hingegen behaupte dreist, daß ich über Versbau, Wohlklang, Rhythmus, Ausfeilung der Perioden, Ausbildung der Metaphern, Feinheiten der Sprache, und was dergleichen _kleine_ Sächelchen mehr sind, ungleich treffender urtheilen kann als ihr beyde.
Die Hinrichtung des Königs von Frankreich hat ganz Berlin von der Sache der Franzosen zurückgeschreckt; aber mich gerade nicht. Ueber ihre Sache denke ich wie sonst. Ob sie die rechten Mittel dazu anwenden, verstehe ich nicht zu beurtheilen, weil ich von dem Historischen sehr wenig weiß.
Wie Rambach mit Heidemann so vertraut seyn kann, weiß ich selber nicht, kanns Dir also auch nicht erklären. --
Du schreibst mir _nie_, wann Du kommst. Du setzst wohl wieder voraus: zu rechter Zeit??
_Du mußt in 14 Tagen hier seyn_. _Wir werden Mittwoch nach Ostern reisen müssen_, dann bist Du 14 Tage etwa in Berlin. Darin muß Deine Schwester Dich mehr als sonst wir genießen. Sorge für Deine Gesundheit; lebe wohl mein liebster, bester Tieck.
Dein
_W. H. Wackenroder_.
=Wagner, Gottl. Heinr. Adolph.=
Geb. zu Leipzig 1774, gestorben am 1. August 1833 zu Großstädteln bei L.
Zwei Epochen der modernen Poesie, dargestellt in Dante, Petrarca, Boccaccio, Goethe, Schiller, Wieland. (1806.) -- Theater und Publikum. (1826.) -- Lebensbeschreibungen der Reformatoren, 6 Bde. (1800-4.) -- Grammatikalische und andere philologische Werke. -- Vortreffliche Uebersetzungen aus dem Englischen und Italienischen &c.
Ein reicher Schatz an Gelehrsamkeit, Scharfsinn, heiterer Laune, hingebender Freundschaft und übermenschlichem Fleiße ist aufgehäuft in den vielen, vielen Briefen Wagner’s an Tieck. Wir hatten mit Sorgfalt eine umfassende Auswahl getroffen. Doch zeigte sich bald, daß der vierte Band dieser Sammlung das noch übrige Manuskript nicht mehr fassen könne, und wir sehen uns leider gezwungen, neuerdings bedeutende Einschränkungen zu treffen, denen auch die W.’schen Briefe unterliegen mußten.
I.
_Leipzig_, 13. Aug. 1822.
Wenn ich Ihnen, verehrter Freund, für den während meines Aufenthalts in Dresden gegönnten Genuß Ihres Umgangs danke, so thue ich damit freilich wol nicht viel mehr, als manche andere wol auch, mag doch aber gern wenn auch nur einem Momente einer, so lange ich Sie als Dichter kenne, in mir ununterbrochen fortwaltenden Stimmung Worte leihen. Mehr als diese, deren ich überhaupt wenig zu machen, soll ich sagen glücklich oder unglücklich genug bin, nämlich meine herzliche Achtung und Liebe hab ich Ihnen schon so früh geschenkt, daß ich sie Ihnen jezt nicht noch einmal, ohne zudringlich zu scheinen, schenken könnte, wenn überhaupt in zärtern Gemüthsbezügen Nehmen nicht vielleicht seliger wäre als Geben.
Für meinen hiesigen Einzug habe ich um so mehr mit Unmusternheit Einstand geben müssen, da sich vieles gehäuft hatte, womit ich mir den Genuß in Dresden entweder nicht verbittern oder doch nicht verkümmern wollte. Denn Genußverkümmerung steht wenigstens zu besorgen, wo aus Lumpen Geist, sei es als Educt oder als Product, gezogen werden soll, weil, wie Einige behaupten wollen, dieser Proceß zuweilen so mißlich ist, daß man an dem Vorhandenseyn seines Princips, des Feuers, inwiefern dessen Pole zwei Elektricitäten sind, verzweifeln muß, ja wol gar das heraklitische Wort „die trockene Seele ist die beste“ miszuverstehen versucht wird. So etwas ist zum Glück von denen, die jezt vor mir liegen, wie Schleiermachers Glaubenslehre 2r, Rixners Geschichte der Philosophie _1r_ und Möllers Glaube, Wissen und Kunst der Hindus _1r_ nicht zu besorgen, von welchen allen ich mir vielmehr reiche Ausbeute verspreche. Aber die ächt heraklitische trockene, d. h. die Feuerseele, die den Weg nach oben macht, führt mich wieder darauf, wie Cato immer sprach „~Caeterum Carthaginem delendam esse censeo~,“ so Ihnen mahnend zu sagen „~Caeterum opus de Shakspearii ingenio edendum esse censeo.~“ Denn es will verlauten, daß ein gewisser Franz Horn in seinem bei Brockhaus erscheinenden Werke über Sh. sich mit Ihren Federn schmücke, was bei der freiedlen Mittheilung Ihrer Ansichten wol möglich wäre. Wiewol nun Federn den Vogel so wenig machen, als ein Buch, so wäre doch schon um der Sache willen zu wünschen, daß Sie hervorträten. Möchten Sie dies als Bitte aller Ihrer und Shakspeare’s Freunde ansehen und endlich gewähren!
Ihre Aufträge an Wendt hab ich besorgt; ob er sie vollzogen, weiß ich nicht. Ich will aber hiemit mein Versprechen lösen und Ihnen meine Ausgabe des Bailey senden, die Sie gütig, wie Sie pflegen, aufnehmen mögen, als wenigstens einen Schritt näher zum Ziele, wenn gleich bis zu einer künftigen Auflage ich, oder mein Nachfolger, noch manchen zu thun haben, wie denn mein Handexemplar schon durch mancherlei Nachträge beweiset. Es war zuvörderst hauptsächlich darum zu thun, daß die Wörter ihre Fühlhörner ausstreckten und den Sprachmeistern damit ihr Leben bemerklich machten.
Mit Achtung und freundlichen Grüßen an die Frau Gräfin und die lieben Ihrigen stets
Ihr
ergebener
_Adolf Wagner_.
II.
_Leipzig_, 9. Nov. 1823.
_Verehrter Freund!_