Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band

Part 19

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_Vom Theater_. Daß ich sehr leicht von einem Extrem aufs andre falle, ist nur zu wahr. Aber bey Menschenhaß und Reue ist das nicht mein Fall, und ist es nie gewesen. Ich schätze die schönen und rührenden Scenen so sehr als sonst, und habe nur eingesehen, daß die komischen Personen, die mir sonst so weise angebracht schienen, ziemlich ungeschickt angebracht sind u. s. w. -- Dein Enthusiasmus über die Räuber und über Schiller ist einmal wieder ganz aus meiner Seele gestohlen. -- Du begreifst nicht, wie Fleck in einem schlechten Stück schön spielen könne? Du hast Recht; ich habe mich nur falsch ausgedrückt, wie es öfters geht, wenn man seine besonderen Erfahrungen und Beobachtungen einem Abwesenden mittheilt, der alsdann manches undeutlich und unbestimmt findet. In einer schlechten Rolle kann ohnmöglich ein Schauspieler gut spielen. Allein -- _doch_ läßt es sich in gewissem Verstande gedenken. Das heißt, gewisse Empfindungsausdrücke, die leicht zu finden und allgemein gebraucht sind, die Ausrufungen, das Ach und das Wehe, die Lücken, die der Dichter läßt, daß sie durch stummes Mienenspiel oder durch schöne Gebehrden ausgefüllt werden sollen, -- hier ist der Ort, wo sich der Schauspieler noch immer zeigen kann; hier in einzelnen Stellen, im Ganzen freilich nicht. Und jenes meynte ich auch nur. -- Ueber Kaselitzens Spiel in dem Barbier von Sevilla bin ich ganz mit Dir einig; und auch was Du über die Karrikaturen sagst, unterschreibe ich von ganzer Seele. Es ist viel wahres und treffendes darin. -- Neulich hab’ ich ein neues Stück: Die falschen Entdeckungen, Lustspiel nach Marivaux in 4 Akten gesehen; ein Stück was äusserst artig ist, und voller Empfindung und Feinheit. Die letztere wird vorzüglich durch das unnachahmliche Spiel der Engst gehoben. Auch Unzelmann spielt vortrefflich drin. Er ist jetzt ganz und gar mein Liebling, und ich halte ihn fast für den vollkommensten Schauspieler vom hiesigen Theater; und fast möchte ich auch dies Fast noch ausstreichen. Er spielt im Ganzen, immer gut, in den verschiedensten Rollen. Bey jenem Stück sah ich noch ein andres neues: Der Richter, Lustspiel in 2 Aufzügen nach Mercier; simpel, aber voller Wahrheit, worin Fleck einen alten Bauern spielt. -- Seitdem habe ich die Nina wiedergesehen, und bin von der ausdrucksvollen Musik und von dem Gesange der Unzelmann, worin nichts als ächtes Gefühl ist, beinahe bis zu Thränen gerührt. -- Am Mittwoch war zum erstenmal: Ludwig der Springer, Rittertrauerspiel von Hageman (Akteur in Hannover), zum Benefiz für Herdt. -- Neulich habe ich die neue Oper von Righini (aus Maynz) gesehen. Die Musik ist in einigen Stellen, besonders in Terzetten, Duetten u. s. w. voll Gedanken und Geist, und wird hier sehr bewundert. Nur sieht mir zuweilen der Italiäner mit seinen sangbaren und einfachen Melodieen, wie sie seyn sollten, die aber nur zu sehr an bekannte und gemeine Lieder-Weisen und Tanzmusik gränzen und etwas zu gewöhnlich sind, durch. Da ich Dir von den Schönheiten nichts zur Probe geben kann, so muß ich so undankbar seyn, Dir eine abgeschmackte Idee des Komponisten mitzutheilen, welche beweist, daß Leute sich in Geniestreichen oft gewaltig täuschen können. Er hat sich vermuthlich auf seine Originalität etwas zu Gute gethan, wenn er das Orakel, das 6 oder 8 Verse sind, beständig in _demselben_ Tone singen läßt. Allein um es noch origineller zu machen, hat er, -- kann man sich etwas widersinnigers denken? -- hat er diesen Einen stets ausgehaltenen Ton von nichts weiter als von den künstlichsten Bravourpassagien in den hohen Regionen der Violine begleiten lassen. Es ist ein Exempel über alle Exempel von verdorbenem Ausdruck! Trompeten oder andre Blasinstrumente müssen ihm zu gemein gewesen seyn. -- Noch von Einem Theaterprodukt muß ich ein paar Worte sagen, und Du solltest wohl nicht den Verfasser rathen: Es ist Bernhardi. Er wird Dir ehestens ein Nachspiel schicken, das er seit Michaelis beinahe schon, im eigentlichen Verstande, _verfertigt_ hat. Du kennst meine Langsamkeit und Selbstkritik im Schreiben; aber gegen ihn bin ich hierin noch sehr zurück. Er hat alle Zeit und Mühe darauf verwandt, und weißt Du, was seine Absicht ist? Was sein Lohn seyn soll? Ein Freybillet in der Komödie. Ich gönne es ihm herzlich. Er hat eine Abschrift neulich an Hagemeister gegeben, weil er es nach einiger Ueberlegung am Ende fürs beste gehalten hat, es durch diesen Weg zu Engel gelangen zu lassen. Er ist sehr ängstlich und oft fürs Auspochen bange gewesen, weil er dem groben Geschmack des Publikums nicht ganz Genüge gethan zu haben glaubt. Indeß will er sich, auch im Fall, daß seinem Kinde etwas Menschliches begegnen sollte, mit dem Gedanken beruhigen, er habe es nicht besser machen können, und wisse nun woran er sey. Wenigstens sagt er das; wenn es auch seine wahre Meynung wohl nicht seyn kann. Denn so ruhig ist nicht leichter einer über das Schicksal seiner Produkte, (als Du,) am mindesten Er, der sich so gern den Schein dieser Gleichmüthigkeit giebt. -- Du siehst mich an und frägst nach dem Gehalt des Stücks? Es ist ein artiges kleines Intriguenstück, worin viel _Bernhardische_ Feinheit, aber kein Geniezug ist. Kein Wort steht umsonst da; er hat das Ganze wol ein halbes Dutzend mal, und das Detail wohl noch öfter umgearbeitet, und kein wiederholtes Abschreiben gescheut. Plan, Knoten, Auflösung, Einleitung und die ganze künstliche Baumeister-Arbeit am Stück, ist Lineal und Winkelmaaß, nach richtigen An- und Ueberschlägen, Kalkulen und Entwürfen, ausgearbeitet. Und wirklich haben eine Scene, worin viel Empfindung ist, einige komische Züge und einige Bernhardische Delikatessen mir sehr wohl gefallen und mir ein Interesse für das Stück, besonders für einzelne Scenen abgewonnen. Doch aber glaub’ ich, daß das Publikum, wenn es nicht grade gestimmt ist, etwas ernsthaft zu seyn und Acht zu geben, zuweilen -- Langeweile fühlen könnte, -- das Berliner Publikum nämlich. Du kannst Dir bey diesen Umständen denken, wie mißlich meine Lage gewesen sey, wenn er mich um mein Urtheil befragte, da ich seine Absicht bey dem Stücke wußte. Ich habe mich so schicklich als möglich zu nehmen gesucht. So viel davon. Nun magst Du selbst urtheilen. Das Launige, Komische hat er, da dies nicht in seinem natürlichen Charakter liegt, mit Mühe, -- -- aber ich will nichts weiter davon sagen. Genug, -- es ist sonderbar, wie auffallend die Manier von der Deinigen, selbst in der hingeworfenen Probe eines Nachspiels, die Du mir in Berlin auf Michaelis vorlasest, ist. Allein es ist dennoch viel Gutes darin, und macht Bernhardi als ein Werk seiner Beharrlichkeit und seiner Kritik, wie ich glaube, Ehre. -- -- Doch noch Eins, was hieher gehört. Wie kommt’s, daß Du mir gar nichts von dem kleinen Drama schreibst, das Du an Bernhardi geschickt hast? Es gefällt ihm sehr; ich habe es aber noch nicht lesen können, weil er es einem neuen hiesigen Buchhändler, Nauke, zur Probe Deines Styls geliehen hat, welcher, wie er mit ihm verabredet hat, Deinen Abdallah drucken wird, und Dir für Deine 24 Bogen 96 Rthlr. verspricht. Bernhardi hat mir vieles aus seinem Briefe von Dir vorgelesen, so wie ich ihm vieles aus meinem: aus jenem haben wir beyde mit Vergnügen Deine Kühnheit und Dreistigkeit in Autorplanen ersehen. Es ist in der That itzt der beßte Weg, zu einem gemächlichen Leben zu gelangen, daß man drucken lasse.

_Varia._ Um noch einmal auf meinen jetzigen Hang zur altdeutschen Poesie zurückzukommen, so kann ichs mir sehr wohl denken, daß ich, wenn ich wieder in Deinem Umgang und in Deiner Lieblingsdichter Umgang hinein komme, sie ganz vergesse, und ihr Studium vielleicht mit der Diplomatik und anderen dieses Gelichters in Eine Klasse setze. Aber jetzt häng’ ich daran, weil ich -- dem Himmel seys geklagt, -- an kein menschliches Herz hängen kann, das meinen Geist ganz glücklich machte. Den Geschmack und den Gaumen, denk’ ich doch, werd’ ich mir nicht verderben. Wer kann immer so ängstlich wählen, was ihm grade am heilsamsten ist? Man ißt auch einmal harte Speisen. -- Die Minnesinger sind, so viel ich sie kenne, freilich einförmig. -- Die Beobachtungen für die alte Sprache, und ihre Verwandtschaft mit der andern, sind auch oft interessanter als das poetische Verdienst. Aber dies sucht man doch sehr oft nicht vergeblich. Sehn wir uns, so kann ich Dir manches Schöne aus dem Heldenbuche mittheilen, das ich itzt gelesen habe.

Schmols sonderbares Benehmen bey einem Abentheuer, das er sich selbst, wie ein Don Quixotte fingirt hat, ist so abentheuerlich wie möglich. Ich kann gar nicht fassen, wie ein vernünftiger Mensch, und der schien er mir doch wenigstens vor ein Paar Jahren, so unvernünftige Dinge angeben kann.

Es kränkt mich, daß Du Dich so gewaltsam von Deinem sonstigen Zwillingsbruder Moritz losreissest. Es ist, nach der Parallele, in der ich Dich und ihn sonst betrachtete, und mit Recht, da Du mich selbst darauf geleitet, fast _nicht möglich_, daß er sich itzt so weit von Dir entfernen sollte. Es ist sehr übereilt, so rasch, -- darf ich hier nicht im allereigentlichsten Sinne sagen: von Einem Extrem aufs andre zu fallen? Es kann mir nichts kränkender seyn, als eine solche Beobachtung bestätigt zu sehen.

Du verlangst, daß ich nicht nach Erlangen wegen einer Wohnung schreiben soll? Aber, _demohnerachtet_, hab ichs _doch_, und grade mit dieser Post gethan. Meine Aeltern wollens, der Sicherheit wegen. Indeß, soll das Quartier, nur auf 1 Monat oder höchstens 1 Viertel Jahr gemiethet werden, damit wir im Nothfall ausziehn können; -- und, wenns irgend angeht, aus 2 Stuben und 1 Kammer dicht nebeneinander in Einem Hause, bestehn. Ist Dir dies recht? -- In der That viel, daß Schwieger sich entschließt, heimlich mit Dir nach Erlangen zu gehen. Sag mir, wie ist er jetzt?

Deine gelehrte Gesellschaft ist vortrefflich. Das glaub’ ich, daß so etwas zur Thätigkeit anspornt und zum vergnügten Leben viel beyträgt. -- Du gehst ja mit lauter Edelleuten um!

Ich muß bedauern, daß Deine scharfsinnige Hypothese über die Genesis meines kleinen Gedichts, -- ein Fehlschuß ist. Die Veranlassung war keine andre, als daß einige Frauen, die ich gekannt und geschätzt hatte, Bekannten von meinen Aeltern, kürzlich hintereinander gestorben waren und traurige Männer hinterlassen hatten. (Die Frau in dem Gedicht soll also nicht ermordet, sondern natürlichen Todes gestorben seyn.) Du wirst hieraus, was in dem Dinge unnatürlich ist, erklären können; denn ich schrieb aus meiner Seele und wollte mich doch in eine fremde versetzen. Was Du vom zu Individuellen dieser lyrischen Poesie sprichst, muß wohl wahr seyn; aber es ist ganz sonderbar, daß ich itzt in diesen Fehler verfalle. Mündlich mehr darüber. Ich weiß noch gar nicht, wie das kommt. Ich soll bey Deiner Poesie nicht denken statt zu empfinden. Sehr gut. Aber thust Du’s nicht auch zuweilen? Ifflands Elise von Valberg hast Du mir mit einem so gleichgültigen Tone getadelt und bekrittelt, als wäre nichts oder wenig Schönes drin. Behüte, daß ich die Kritik verachten sollte! Aber das Gefühl geht doch bey einem _solchen_ Stücke vor, und ich kann mich ärgern, wenn man von hinten anfängt: einzelne Fehler in der Oekonomie des Stücks rügt, ehe man sich von den in die Augen fallenden, vortretenden Schönheiten in der Behandlung der Scenen und Charaktere entzücken läßt. Doch sehr vermuthlich rede ich einmal wieder in die Luft, und treffe Dich nicht, oder habe Dich damals nicht recht gefaßt.

Ramler war in meinen Augen der größeste Dichter, als ich noch keinen andern kannte. Aber auch in Ansehung seiner bin ich wirklich nicht aufs andre Extrem verfallen.

Ich muß gestehen, so ganz habe ich Dich über das Idealisiren noch nicht gefaßt. _Mündlich_ mehr davon. Du wirst mir wieder ächte Begeisterung geben. -- Ich muß wohl auf einem falschen Wege gewesen seyn und besonders in die dramatische Poesie einen Eingriff gethan haben. In der That, ich bekenne, ich hatte neulich die Idee, daß dergleichen Stellen wie der Monolog Seyn oder Nichtseyn, u. s. w. die schönsten lyrischen Gedichte geben würden; aber ich sehe itzt so viel ein, daß sie alles Interesse verlieren würden.

Was Du nun wieder für Zeug machst? Deine Anna Boleyn liegen zu lassen. Es wäre mir _sehr leid_, wenn auf immer. Was hast Du denn wieder dran zu kritteln?

Wie sehr freut es mich, daß Du froh, heiter und leichteren Blutes in Göttingen geworden bist. Wirklich noch vor weniger als einem Jahre hab’ ich das nicht von Dir erwartet. Und wenn Du Dich zurückerinnerst, wirst Du Dir von Dir selber ein Gleiches gestehen müssen. Wie der Mensch, -- wie selbst ein Mensch wie Du sich doch ändern kann! -- Himmel, ist es wahr, daß Du nicht mehr jener unglückselige melancholische bist, den die Welt anekelt, der Du doch an jenem traurigen Abend warst? Sieh, ich sagte Dir damals schon, es wäre unmöglich, daß Du es immer seyn und bleiben könntest, und Du, mein Lieber, mein beßter Tieck, Du meyntest, daß all’ Dein Frohsinn nur täuschender Ueberzug über schwarzen Mißmuth seyn könne. O Dank dem Himmel, Dank Dir, wenn Du es nicht mehr bist. Wohl mir, wohl! Der Erde ist ein Wesen wiedergegeben, daß mehr als irgend eins, Glückseligkeit verdient! Ein Engel, ein Gott hat Dich gewandelt! Dein Lächeln ist keine Grimasse mehr! Ich darf nicht mehr zittern, wenn Du froh bist, daß in Deinem Herzen tausend Stacheln die Freude zerreissen. Wohl mir, Du wirst auch gegen mich künftig immer so nackt, so wahr erscheinen als Du bist, auch nicht eine Minute lang einen trüben Gedanken ersticken, eine Falte vom Gesicht wegzwingen. Die Welt hat Dich wieder. Dein Freund darf Dich als ein ihm gleiches Geschöpf, nicht als einen fremdartigen der Erde nicht zugehörigen Geist, an seine Brust drücken, und mit Dir, an Deinem Arme alle Seligkeit genießen, die die Phantasie in diesem Leben uns vorzaubert. -- Du siehst noch immer mit einem wehmüthigen Lächeln meinen Freundschafts-Enthusiasmus an. So lange dieser Geist in mir athmet, wird er nicht erlöschen, oder ich müßte ein ganz andrer Mensch werden. Ich _kann_ ihn nicht unterdrücken. -- O wir wollen künftig zusammen wie im Himmel leben!

* * * * *

_Schreib’ mir ja bald, wenn Du kommen wirst. Ich erwarte, 14 Tage vor Ostern. Das wäre vortrefflich_. --

Dein Freund

_W. H. Wackenroder_.

XIII.

_Berl._, Jan. 93.

_Mein liebster Tieck!_

In der Hälfte Deines kleinen Briefchens sagst Du mir auf 10 verschiedne Arten, daß ich Dir nicht schriebe und daß ich Dir schreiben solle, belegst mich auch mit dem ehrenvollen Titel eines fleißigen Briefschreibers. Den will ich auch nicht verscherzen. Unsre Briefe haben sich wieder begegnet.

Den Roßtrapp habe ich Deiner Schwester gegeben. In Ansehung dieses und Deiner übrigen Arbeiten fürs Publikum, mögen Rambach und Bernhardi Dir das Weitere schreiben, und diese Autorgeschäfte mit Dir betreiben. Allein, was soll ich zu dem Gedichte selber sagen? Fürs erste, so dünkt mich, daß es immer etwas, wo nicht _viel_, verdirbt, wenn man viele Sachen so flüchtig und nachläßig arbeitet; und ich wünschte nicht, daß Du hierin Rambachs Nachfolger werden möchtest. Es ist zwar eine blendende Einbildung, daß man dadurch mehr Fertigkeit, mehr Reichthum an Ideen und Wendungen erhalte; allein es ist wenig mehr als Einbildung. Denn man verwöhnt sich durch diese Art zu schreiben gewiß am Ende so sehr, daß man nachher nicht mehr etwas Langsames, Durchdachtes, in allen Theilen so viel als möglich Vollkommenes, zu Stande bringen kann. An hundert Orten bringt man zerstreut sehr artige Gedanken und Bilderchen an, und in allem was man hervorbringt ist ein Etwas, aber nichts Ganzes von Schönheit, und so verliert man die Kraft, die Stärke und die Beharrlichkeit, ein Werk zu schaffen, worin man nach Gewissen jeden einzelnen Theil, bis auf Kleinigkeiten, so ausgefeilt und der Vollkommenheit so nahe zu bringen gesucht hat, daß man das Ganze ein Produkt seiner höchsten und edelsten Anstrengung nennen darf. Und im Grunde sollte jeder Dichter und Künstler doch bey jedem Werke wenigstens den Vorsatz haben, es so zu vollenden, wie es seine Kräfte, in ihrer wirksamsten Thätigkeit, nur immer erlaubten. Ich glaube freilich weniger, daß meine Besorgnisse bei Dir wirklich eintreffen möchten, als ich diese Gedanken für andere (z. B. Rambach) treffend glaube. -- Dein Roßtrapp ist gar nicht sonderlich und hat die Ehre, noch ziemlich unter der Emma und Adalbert zu stehen. (Das ist doch freymüthig genug?) Die Erfindung? könnte, dünkt mich, weit besser seyn. Daß ein Mädchen auf einem Pferde über den tiefen Abgrund einmal herübergesetzt hat, weil sie von einem Riesen verfolgt ist, ist eine triviale Fiktion, die -- ich auch hätte erfinden können, und die durch die Ausführung in ein noch dürftigeres Licht gestellt wird. Die ganze Erzählung hat gar keine Haltbarkeit, kein Interesse, kein Leben: warum verfolgt der Riese das Hirtenvölkchen? Was will das Geisterwesen eigentlich sagen? Warum schützt das Diadem vor dem Riesen? Warum ziehen die Geister und Alles am Ende von dem Ort weg? Das liegt alles im Nebel. Und dann hast Du wohl in der Mitte den Eingang vergessen: ein Minnesinger kommt in die Harzgegend (der Anfang in Prosa enthält noch die meiste Kraft und Phantasie), beschreibt sich selbst (doch etwas steif, als wenn er dem Landschaftsmaler abgerissene Ideen angäbe), die Gegend, und fängt hierauf zum Zeitvertreib an, sich in Versen, die er, wenn es ihm zu unbequem wird, auch ohne Reim vorlieb nimmt, ein Geschichtchen vorzusingen. Ein kurieuser Minnesinger! Er muß närrische Launen gehabt haben! Ich hätt’ ihn sehen mögen, wie er da in der einsamen Gegend sitzt und sich ein Mährchen singt! -- Warum ist nicht das Ganze Ein Ausfluß der Phantasie von Anfang an in Versen? warum läßt Du ihn nicht in einem lyrischen Gemählde die Gegend besingen, in lyrischer Begeisterung die Begebenheiten der Vorzeit ihn als gegenwärtig sehen? Und dann die Verse! Ganz gewiß hast Du das Stück nie laut gelesen, oder Du müßtest es denn in der Absicht gelesen haben, um Dir selber Spaß zu machen; sonst, wenn es Dir wieder etwas Neues seyn sollte, will ich Dir ein kleines Pröbchen zum besten geben:

_Die Mädchen_: Das Glück Mit holdem Blick Wohnt Hier und sonnt Im Buchenhain Sich im Frühlingsschein.

Und mehr dergleichen Verse, die in der That wahre Knittelverse sind. -- Auch Bilder, wie: der Donner stößt sich an den Klippen wund, hast Du wohl nur Spaßes halber hingeschrieben. Du siehst wie beredt ich bin, wenn Du einmal etwas Mittelmäßiges oder Schlechtes hervorbringst. _So_ machens die kleinen Geister, welche die größern weit zu übersehen glauben, wenn sie im Stande sind in den Bastardgeburten ihres Geistes Fehler zu entdecken, die sie selbst nicht einmal zu machen vermögen. Bey Meisterstücken schweigen sie still, und wissen nicht was sie sagen sollen, weil sie viel zu eingeschränkt sind, die verborgene Quelle der Schönheiten aufzuspüren, und nach Verdienst die Schönheiten zu würdigen. So mach ichs auch!

Neulich hab’ ich das neue Ritterstück: Ludwig der Springer gesehen. Ein dürftigeres, anfängermäßigeres, bedauernswertheres, nüchterneres, faderes, unbedeutenderes, nichtssagenderes, gemeineres, gewöhnlicheres, -- (aber ich komme außer Athem!) Stück kenn’ ich gar nicht. So ohne einen Funken, ohne einen Schatten von tragischem Geist, Empfindung, Durchführung von Charakteren und Situationen geschrieben? Es ist so kurz, daß die Hauptpersonen nur grade so viel Zeit haben zu sprechen, als um die Geschichte die zum Grunde liegt, zu erfahren nöthig ist: alles nichts als ein dialogisirtes historisches Compendium. Alles nur Skelett, Thema zur Ausführung. Nicht eine einzige Rolle, nicht eine einzige Scene, wobey das Herz warmen Antheil nähme. Der Plan: wie ein Spinnengewebe. Vorn ein Sancho Pansa, der den Spaßmacher spielt. Wenn die Hauptpersonen den Gang der Handlungen fortführen sollen, werden ein Paar Gefangenwärter, oder dergleichen Gesindel eingeschoben, die uns indeß mit den trivialsten Späßen die Zeit vertreiben. Die Baranius hält im Gericht die Feuerprobe aus und das Ende ist ein Rittergefecht: beydes ist interessanter anzusehen als das ganze Stück zu hören; denn die sehr genau beobachteten, stummen Ceremonien eines heimlichen Gerichts, und der Pomp der Turnierrüstungen verfehlt nie den Eindruck. Von der schönen edlen! Sprache eine Probe: „Da müßt ihr Pferde anspannen lassen, wenn ihr mich von der Stelle bringen wollt,“ spricht Ludwig im höchsten Zorn. Der leibhaftige Fuhrmann, der in der Trunkenheit, den Hut auf einem Ohr, die Hände in die Seite setzt. Doch das ganze Ding verdient nicht, daß ich ein Wort mehr darüber sage.

Bernhardi hat itzt schnell den Entschluß gefaßt sein Nachspiel selbst an Engel zu bringen. Vorher hat ers Hagemeistern gewiesen, der es gelobt hat. -- Neulich ist eine neue Operette: die unruhige Nacht, nach Goldoni, Musik von Lasser in München, 2 Tage hintereinander ausgepocht worden.

Aber was heißen alle diese Neuigkeiten gegen die, welche ich Dir itzo vortragen will. Lege Dein Gesicht in Falten, bereite Dich auf einen großen Gedanken vor, und setze Deine Seele in eine gemäße Stimmung. Triumph und Viktoria, 3 mal und 4 mal! mein Glück, mein Heil ist gekommen; ich bin emporgehoben aus dem Staube, und stoße an den Orion mit meinem Scheitel. Nun erst wag’ ich es, Dich brüderlich zu umarmen und mit Dir vereint dem Tempel der Unsterblichkeit zuzufliegen. Fort mit allen Phantasien, die itzt vielleicht wie schwarze Wolken Deinen Kopf durchziehen; sie sind nichts gegen das was Du hören wirst! Gebiete den kleinsten Gedanken Deiner Seele eine feierliche Stille, und laß in dieser erhaben-majestätischen Pause Deine Geistesthätigkeit Dir die goldenen, himmlischen Worte Deine beyden Ohren füllen: Ich bin Schriftsteller, und abermals: ich bin Schriftsteller. -- -- -- Allein ich muß mich wohl von meiner schwindlichten Höhe herablassen und Dir in der Sprache der _Menschen_ in aller Kürze erzählen: ~Cur, quomodo, quando.~ (~N. B.~ Alles was Du jetzt hörst sind die tiefsten Geheimnisse, nur für Dich, mich und Bernhardi offen.)

Bernhardi ist zum Mitarbeiter an einer neuen Monathsschrift engagirt, die Rambach und Heydemann (=vielleicht= auch von Zöllner, Jenisch, Eschenburg und Veit Weber unterstützt) bald herausgeben wollen. Nun bat er mich so dringend und unabläßig, ihm meine Ode an die Zeit, die ich ihm einmal vorgelesen, hier zum Drucke anzuvertrauen, daß ich es ihm in der That nicht abschlagen konnte. Er wollte durchaus die Gründe meines Weigerns wissen, und da fast der Hauptgrund war, daß ich in einer zum Theil doch etwas verdächtigen Gesellschaft, und in einem so ephemeren, verachteten, plebejen Werkchen mich in der Welt nicht zuerst produciren wollte, so mußte ich, da ich ihm diesen Grund nicht gut sagen konnte, ihm keinen Grund zu haben scheinen. Genug, ich mußte ihm, halb gezwungen, die Ode (mit einigen Veränderungen) geben: nur ließ ich mir strenge Verschwiegenheit von ihm versprechen. Nun hat er sie an Rambach und Heydemann vorgelesen, aber in einiger Entfernung, damit sie meine Hand nicht erkennen sollten; sie hat Beyfall gefunden und wird nun wahrscheinlich gedruckt werden. Was das komischeste aber ist, so hat Bernhardi Rambachen im Vertrauen gesteckt, die Ode wäre von seinem Freund Schmiedecke; und freut sich schon im Voraus auf die komische Scene, die dadurch zwischen diesem und Rambach entstehn wird, da ohne Zweifel Schmiedecke, wenn ihm der geschwätzige Rambach die Ode auf den Kopf zusagt, den Unwissenden besser als irgend einer spielen wird. Ob Bernhardi an der Scherzlüge klug gethan hat, und ob Rambach bey seinem Glauben bleiben, oder nicht doch auf mich argwöhnen wird, welches mir nicht lieb wäre, weiß ich nicht. Unter die Ode habe ich den Namen Agathon gesetzt, weil das mein Lieblingsname ist.