Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band

Part 18

Chapter 183,758 wordsPublic domain

Nächst diesem aber hab’ ich noch ein anderes Lieblingsstudium, was ich, wär’ ich an dem Orte wo Du bist, mit ganzer Seele umfassen würde, und das ist die Archäologie. Ich beneide Dich: wie wollte ich die Göttinger Bibliothek nutzen! Besiehst Du etwa auch dies oder jenes große Werk darin über alte Kunst, so gieb mir doch Nachricht davon. -- In Erlangen hoff’ ich meinen Lieblingsneigungen aber mit wahrerer Muße nachhängen zu können, als hier.

Ein paar Neuigkeiten. Im 2ten Stück des 110ten Bandes der Allgemeinen deutschen Bibliothek hab’ ich ganz vor Kurzem Rambachs Theseus auf Kr. recensirt gelesen. Man hat ihm nur etwa 1½ Seite gegönnt, und darauf stand weiter nichts, als: daß der Plan schlecht sey, daß man lange nicht so holprige, unmusikalische Verse gesehn, und daß die Schreibart in Prosa höchst affektirt sey. Die beyden letzten Punkte waren mit einigen Beispielen belegt. Wieder eine Bestätigung meines Urtheils. -- -- Moritz hatte neulich geheirathet. Siede (der abscheuliche Mensch) ist mit Moritz’s Frau davongegangen? aber man hat sie eingeholt, und Siede sitzt im Arrest. -- Bey Moritz fällt mir noch eins ein. Sage mir, erkläre mir, wie kommt es, daß er, allem Anschein nach, jetzt einen so sonderbaren Charakter annimmt: schon seit einiger Zeit hab’ ich von _glaubwürdigen_ Leuten gehört, daß er sich gegen den Grafen Herzb. auf der Akademie mit der _kriechendsten Schmeicheley_ bezeigen soll. Das ist mir doch noch ein wenig unerklärbarer, als daß er Grammatiken schreiben konnte. Erkläre mir, wenn Du kannst, ich bitte Dich recht sehr, diese räthselhafte Erscheinung an Deinem Zwillingsbruder. Das Faktum darfst Du in der That nicht bezweifeln.

Ueber Adalbert und Emma hast Du mein Urtheil. Natürlich wars nur ein flüchtiger Aufsatz, wie Du nun auch sagst. Daß Emma verächtlich wird, scheint Dir also doch auch so fehlerhaft? Nun wir sind ja immer einig. Deine Schwester wußte mir, als ich’s ihr vorlas, zu meinem Vergnügen viele Parallelstellen aus Deinen älteren Gedichten anzuführen. -- Ueber Burgsdorfs Stück hab’ ich Deinen Auftrag bestellt. Warum wirft er’s um? -- Und warum verläßt Du Deine arme Anna B. im Tode? frag’ ich Dich sehr ernstlich. Es sollte mir sehr leid thun, wenn der Gegenstand das Interesse für Dich verlohren hätte!

Was urtheilst Du von meinen neulichen Bruchstücken einer Theorie des Umgangs? Es liegt mir etwas daran, es zu wissen. Ich könnte noch manche Nachträge dazu machen, weil in der Eil mir nicht alles beygefallen ist, meine Meynung ganz auseinanderzusetzen und sie gegen mehr als Eine Seite für Einwürfe zu sichern. Z. B. daß mein Vorschlag freilich nur das letzte Refugium ist und es auch sein Widriges hat, wenn man sich etwas dumm oder vielmehr zurückhaltend stellt; daß in Gesellschaft mehrerer Menschen von ganz verschiednem Werth man freilich nicht so ganz offen seine Liebe und Neigung dem einen Theil bezeugen kann, wenn man seine Rolle gegen den andern nicht verpfuschen, und das Reizende eines stundenlangen interessanten Umgangs, durch die unangenehmen Folgen erkaufen will, die bey dem nachher immer fortgesetzten Umgang mit jenen andern die Umwandelung des Charakters und das Bloßgeben seiner wahren Gesinnungen nach sich ziehn. Mir fällt noch ein Beyspiel ein. Wenn ich einmal von Erziehung spreche und mit allem Eifer das Abgeschmackte der gewöhnlichen Erziehung bestreite, behaupte, daß es ein Gift für Kinder ist, wenn man sie im 4ten Jahre schon mit Strenge zur Schule treibt, sie mit Kenntnissen aller Art vollpfropft, und zu Hause will, daß sie die Zeit so vernünftig eintheilen, und mit ihren Sachen so ökonomisch umgehen sollen wie, -- ein vielleicht bald 70jähriger Herr Arnoldi bey uns; -- wenn ich mich in dergleichen Diskurse mit Lebhaftigkeit (und ohnedem kann ichs nicht) einlasse, -- so erzählt mir den Augenblick darauf mein Herr V. daß er auch seit dem 4ten Jahre in die Schule gegangen ist, mit der größten Trockenheit (denn irgend etwas, was er weiß oder denkt, doch _wissen_ ist das rechte Wort, das würde ihm unmöglich, -- was sag’ ich! ich glaube er würde krank, wenn er es bey sich behielte --), genug ich bin dann, zumal wenn meine Aeltern dabey sind, aufs Maul geschlagen. Ists nun hier nicht hundertmal besser, wenn ich sage: „Ich halte eine gute Erziehung für äußerst schwer und weiß nicht, wie ich sie am Besten einrichten sollte.“ Und was vergebe ich denn da meinen eigenthümlichen Meynungen? Was schiebe ich mir denn aus Höflichkeit oder Gefälligkeit für Grundsätze unter, deren ich mich zu schämen hätte? -- Ich weiß durchaus keine andre Methode als die meinige. Daß sie die bequemste ist und ich sie deswegen schätze, darfst Du wahrlich nicht glauben; denn es würde mir oft weit leichter seyn, mich der drückenden Last meiner Gedanken und Empfindungen zu entladen, als sie in mir zu unterdrücken. -- Doch ich will erst Deine Einwürfe gegen das was ich schon gesagt habe, hören, ehe ich mehr sage. Du wirst verzeihen, daß ich so weitläuftig in dieser Sache bin: ich wünschte, daß wir uns auch über diesen Punkt einmal einverständigten, unsre gegenseitigen Meynungen mit einander mischten und in Eine Masse kneteten, die künftig alsdann ein Eigenthum von uns beyden würde, wie wir es schon öfters bey andrer Gelegenheit gemacht haben.

Die übertriebene Reizbarkeit meiner Nerven, für die ich keinen Namen habe, und auf die ich in der That nicht stolz seyn darf, ist mir bey jenem Umgange auch sehr zur Last. Jedem andern würde ich Räthsel sprechen, aber _Du_ wirst in meine Seele eindringen, wenn ich Dir sage, daß der bloße Anblick eines Menschen wie -- mir im eigentlichen Verstande _wehe_ thut, mir Schmerzen macht. Blos ihn ansehen, macht meine Brust so beklemmt, daß ich nicht frey Athem hohlen kann. Ja was mehr ist, ich kann ihn kaum ansehen, ohne in mir die unbehaglichste Empfindung des Widerwillens und der Abneigung zu fühlen; eine Empfindung, die gewiß, öfter wiederholt, einen nachtheiligen Einfluß hat, den Kopf abstumpft und -- das Herz verdirbt. Jede Fröhlichkeit, jede Liebe, jede Zuneigung veredelt uns, ist selber Tugend; jedes Gefühl, wovon Haß die Wurzel ist, verschlechtert und erniedrigt uns. Dies sind Grundsätze, von denen ich itzt vollkommen überzeugt bin. Auch verstehe ich itzt ungleich mehr, als sonst, was Du mir einst sagtest: daß der Anblick eines schönen und ausdrucksvollen Gemähldes, ja der Genuß des Schönen in allen schönen Künsten, _ganz unmittelbar_ das Herz veredelt und die Seele erhebt. Ich fühl’ es so deutlich, wenn ich nur Dein Gesicht ansehe, so bin ich gut, aber _sein_ Gesicht, das verstimmt ganz und gar die harmonischen Saiten meiner Seele.

Noch eine Probe meiner Reizbarkeit mußte ich neulich erfahren. Des Abends ward bey Tische aus einer neuen Seereise, die rührende Geschichte eines Schiffskapitäns erzählt, der von seinen rebellirenden Leuten auf ein Boot ausgesetzt, und mit der größten Lebensgefahr und unter allaugenblicklicher Furcht vor Hunger zu sterben mit wenigen seiner treuen Gefährten von Otaheiti nach England zurückgekommen war. Dies machte mich so mißmüthig, daß ich gleich zu Bette gieng. Ich hatte eine Empfindung, als wenn mir vor mir selber ekelte, daß ich hier so ruhig und glücklich säße; es war mir, als hätt’ ich Unglück mit Gold erkaufen können, und meinen Körper geißeln und kasteien. Dabey kam ich aber nachher auf die Idee, diese Empfindung in eine Ode zu bringen, und überhaupt, eine ganz eigne Art von Oden einzuführen: Eine Art, die ich lyrische Gedichte κατ’ ἐξοχην nennen würde, und die immer meine Lieblingsgattung gewesen sind. Es sollen treue Gemählde der Empfindung und Leidenschaft seyn, ganz individuell und ganz nach der Natur gemalt. Sie sollen den ächten, wahren Ausbruch der Leidenschaft darstellen, ihren Keim, ihre Quelle andeuten, auf ihre Folgen führen und so dazu dienen, Menschen Menschenherzen kennen zu lehren, Menschen Menschen zu erklären und zu entdecken, und Menschen vor Menschen zu vertheidigen. Sie sollen zeigen, wie der Glückliche und Unglückliche durch das Uebermaaß seiner Empfindung zu Verbrechen geleitet werden kann; sie sollen den kältesten Hörer erwärmen und mit sich fortreißen, daß er am Ende selbst erschrickt, wohin er sich gestürzt sieht, aber eben dadurch aufs Fühlbarste lerne, wie er von empfindenden Menschen urtheilen soll. Einige Oden von Stollberg sind ganz in diesem Charakter. Schillers Oden sind die unerreichbaren Muster dieser Gattung. Sieh dagegen Ramlersche Oden an, und -- horazische! Der Leser ist immer außerhalb der Welt des Dichters, und kann nur Kritik des Plans anwenden. Wie anders ist das dort? Man mag nachher freilich auch den Dichter als Dichter betrachten und bewundern, man mag seinen Plan analysiren: allein, was ist dies auch für ein Plan? Kein Plan! es ist der feurige Strom der Leidenschaft, der wie die Lava vom Aetna ströhmt, wo nicht die Frage ist, warum diese Welle auf jene folgt, warum jene größere alle kleineren vor sich verschlingt! wo in der Natur, im Original alles Beweisen der Vollkommenheit des Stücks liegt! Hier muß man ganz zur Person der Ode werden, ganz selbst empfinden, selbst Dichter seyn. Bey Ramler hingegen muß man seinen Scharfsinn anstrengen, um die künstliche und ausstudierte Kombination seiner Ideen und klugen Gedanken zu fassen und zu schätzen. Ich hoffe, Du wirst mich ganz so verstehen, wie ich mich selbst verstehe. -- Die Ode, die ich Dir neulich schickte, sollte ein kleiner Versuch in dieser Art seyn. In der, wovon ich Dir vorher sagte, wollte ich die Empfindung eines Menschen schildern, der von dem tausendfachen Elend der Menschheit bey eigener Zufriedenheit so niedergedrückt wird, daß er sich in einsame Wüsten stürzt, und in wahnsinniger Schwärmerey auf die Idee kommt, sich allerley Pönitenzen aufzulegen. Sollte eine solche Ode nicht ein helles Licht auf jene schwärmerischen Eremiten des Mittelalters werfen, und den Weg, wenigstens Einen Weg zeigen, auf welchem die Menschen zu Handlungen kommen, die den meisten so widersinnig und abgeschmackt scheinen, daß sie jene für ganz vernunftlose, fast nicht zur Menschheit gehörende Wesen halten? nicht zeigen, daß es grade das Gefühl ihrer Menschheit war, die sie zu ihren paradoxen Ideen leitete? Ich habe schon mehr dergleichen Entwürfe im Kopf, aber bis itzt, bey tausend Hindernissen und Störungen noch ganz unmöglich Zeit gehabt, einen auszuführen. -- Was meine kleinen lyrischen Gedichte überhaupt betrifft, so sind sie alle mehr empfindungs- als gedankenvoll, weil sie mir weit mehr lyrisch auf jene Art, als auf diese scheinen, und diejenigen, (welche die meisten sind,) die ein Ausbruch meiner eigenen individuellen Empfindung waren, werden einen Beitrag zur Geschichte meines Geistes ausmachen.

Als Juristen, wenn ich je einer werden sollte, wird meine Empfindsamkeit mir auch eine wahre Bürde seyn. Ein paar Abende hat mir mein Vater Akten eines kleinen Prozesses gezeigt und sie mich ganz durchlesen lassen. Es ist wahr, zur rechten Darstellung der Hauptumstände des Faktums, zur Beurtheilung desselben, und zur Anwendung der Gesetze darauf, gehört eine gewisse Kritik, die allerdings den Verstand beschäftigt und schärft, wenigstens bey etwas schwierigen Sachen. Und alle Kritik ist, wie ich jetzt ganz wohl einsehe, eine schätzbare und liebenswürdige Thätigkeit des Geistes. Aber abgerechnet, daß sie in der Jurisprudenz oft höchst unsicher ist, daß ihre Freiheit durch positive Gesetze, Gewohnheiten und tausend Kleinigkeiten eingeschränkt wird, und daß es kein sehr tröstlicher Gedanke seyn kann, sich mit seinem guten Gewissen allein zu beruhigen, und gänzlich ungewiß zu seyn, ob man, weil der Mensch nicht allwissend ist, und Prozesse doch ein Ende haben müssen, wirklich nach der Gerechtigkeit entschieden, oder, getäuscht, wer weiß wie viel Menschen unglücklich gemacht habe: -- das alles abgerechnet, ist es schon eine mir äußerst widrige Aussicht: daß ich meinen kalten Verstand brauchen soll, wo Herzen gegeneinander stoßen; daß ich das Feuer der Leidenschaft mit Wasser ersticken, -- den Knoten des mannigfaltig verschlungenen Interesses so vieler zerhauen, -- einen Vorfall, über den ich, wenn ich ihn auf der Bühne dargestellt sähe, von dem innigsten Mitleid durchdrungen, in Thränen zerflöße, einen solchen Vorfall -- wie eine Variante einer gemeinen Leseart ansehen, und überlegen, ausrechnen soll, ob er in den Zusammenhang paßt oder nicht. Freilich ist eine Jurisprudenz im Staate nöthig; freilich ist es nöthig, daß der Richter, (ich kann nicht anders sprechen, weil ich durchaus nicht sehe, wie das Gegentheil seyn könnte), daß er menschliche Empfindung verläugnen, und sich zu einem kalt die Handlungen der Menschen abwägenden Wesen über die Menschheit erhöhen muß; freilich! -- Nur _ich_! -- Und, um wider auf Kritik zurückzukommen, so gestehst Du mir gewiß leicht ein, daß _sie_ nicht das edelste Bestreben, und das höchste Verdienst des Menschen seyn kann. Sie besteht immer nur in Vergleichung, Zusammensetzung und Trennung dessen, was schon da ist, im Verwandeln des schon existirenden. Nur _Schaffen_ bringt uns der Gottheit näher; und der Künstler, der Dichter, _ist_ Schöpfer. Es lebe die Kunst! Sie allein erhebt uns über die Erde, und macht uns unsers Himmels würdig. --

Mein Freund Schuderoff hat uns _wieder_ geschrieben. Die Freude über eine Braut, die ein äußerst liebenswürdiges Mädchen seyn muß, hat ihn in einen ausgelassenen Taumel von Freude versetzt. Er schreibt mit der muthwilligsten Laune. Er will uns mit offenen Armen erwarten, und gar nicht einmal mit 14 Tagen zufrieden seyn. Wir werden göttlich bey ihm leben.

Schreib mir, wenn Du kannst, litterarische und archäologische Neuigkeiten und Alterthümer, -- von den Göttinger Gelehrten Etwas u. s. w. Forkels Geschmack thut mir leid. -- Bleib gesund. Keinen Augenblick länger Zeit! Grüß Burgsdorf! Schreibe bald.

_W. H. Wackenroder_.

XII.

Im Januar 1793.

_Lieber, bester Tieck_.

Eben komm’ ich vom Hofjäger zurück, wo ich mit Bernhardi den ganzen Nachmittag im Saal gesessen habe, um beym Kaffee, ich meinen herrlichen Brief von Dir, Er den seinigen und einen Theil des kleinen Trauerspiels zu studieren. Er hat mir eben aufgetragen, Dir zu danken, daß Du ihm heut einen so _sehr_ angenehmen Nachmittag gemacht hast. Auf dem Rückwege war er sehr heiter und laut, und hat mir lauter Stellen aus Axur vorgesungen, die sich ihm unauslöschlich eingeprägt haben, und die ihn außerordentlich entzücken. Ich danke Dir, daß Du ihm die Freude gemacht, mir einen so kolossalen Brief zu bringen; denn, da _ich_ heut Mittag keinen erhielt, kam er mir ganz unerwartet. Es ist sonderbar, daß ich erst heute durch Deine Antworten auf unsre Briefe erfahren habe, daß er wieder hypochondrisch ist; gegen mich hat er sich nichts merken lassen, und ich bin so glücklich gewesen, auch nichts an ihm zu merken, wie ich mich denn bey dergleichen Vorfällen oft leicht täuschen kann. Ich sollte nicht denken, daß er zu viel arbeitete, und Bewegung macht er sich auch gewiß hinlänglich, denn er geht itzt alle Nachmittage zum Hofjäger und trinkt dort Kaffee. Zerstreuungen hat er doch auch sonst genug, sollt’ ich meynen. Er ist nicht mit sich selbst zufrieden, er fühlt Mißbehagen in seiner Lage, wie er mir heut gestand. Unglückseliger Zustand! Welches Mittel vermag etwas gegen dieses Uebel, zumal wenn man es so sorgfältig in seinem Busen verschließt und da veralten läßt, wenn man sich mit der heitern Aussenseite verstellter, erzwungner Fröhlichkeit gegen jede Arzeney, gegen alle zuvorkommende Hülfsleistung waffnet. Aber ich denke, Bernhardi wird bald besser. Deine melancholische Träumerey, mit der Du Dich wohl schon ein Jahr getragen hast, daß Du ihn nicht wiedersehen werdest, ist eine Grille, von der ich durchaus keinen Grund sehe, und wobey Dein Ahndungsgeist ganz zuverläßig Dich betrügt. Ich begreife gar nicht, wie Du Dir solche aus der Luft gegriffene Ideen in den Kopf setzen kannst. -- Es freut mich, daß Du Bernhardi so liebst, denn er verdients und liebt Dich außerordentlich. Ja wohl ist er itzt hier mein bester, mein einziger Freund. Wen hab’ ich denn auch sonst? Wen hab’ ich? -- O wie glücklich preise ich Dich in Deinem gelehrten Cirkel! Ich kann es Dir bey diesen Umständen kaum verdenken, daß Du mir mit lächelnder Miene schreibst: ich behandelte die Materie über meinen hiesigen Umgang und mein Verhalten dabey wohl zu ernsthaft; daß Du Dich weiter gar nicht über meine, aus den Wunden eines kranken Herzens fliessende Klagen auslässest; und mich mit einem Paar allgemeiner Sätze abfertigest, die eine so unbestimmte Mittelstraße angeben, als nur irgend ein Gemeinplatz eines pflegmatischen Moralisten thun kann. Das ewige: Nicht zu viel und nicht zu wenig! Die allgemeinsten Ausdrücke, die sich erdenken lassen! Die vagesten Begriffe, so unpraktisch, so unbefriedigend! Wie gesagt, man kann es dem Glücklichen nicht verargen, wenn er den Mangelleidenden aus lauter Gutwilligkeit mit einem Trost abspeist, der gar nichts ist; weil -- er den Mangel nicht kennt. Er verstehts nicht besser. In dem Fall bist Du. Mein Geschwätz muß Dir freilich fremd und unverständlich vorgekommen seyn; Du mußt freilich glauben, daß die Gedanken, die ich äußere, übertrieben und überspannt sind; daß ich viele Sachen viel zu ernsthaft fasse, sie viel zu unverhältnißmäßig würdige, ihnen einen viel zu großen Einfluß zuschreibe; blos weil Du sie nicht genug kennst und Dich in die Umstände nicht genug hinein denken kannst. Ich kenne das! Aber ich versichere Dich, daß es nicht so ist, als Du wähnst, nicht so seyn kann. Glaube mir auf mein Wort, daß Du keinen Tag lang die Situation halten könntest, die Aufopferungen, den Zwang erdulden könntest, dem ich itzt ausgesetzt bin. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich nach Freiheit lechze. Gott, wie verzeihlich ist es, sie zu mißbrauchen, wenn man so lange gequält ist. In Erlangen soll auch nicht Eine Menschenstimme mich geniren! Und in dieser Rücksicht ist mir der Abschied von Berlin fast noch willkommner, als er mir in anderer schmerzhaft ist. Je länger ich von Dir entfernt gewesen bin, desto mehr hab ich Dich vermißt. Ach Gott, ich fühl es leider so lebhaft, -- wär’ ich länger noch von Dir getrennt, so würdest Du einen ganz andern Menschen wiederfinden. Auch nicht Eine halbe Stunde voll Enthusiasmus und Freundschaftsseligkeit, -- Himmel sonst berauschte ich mich jeden Tag mit diesen hohen Gefühlen, -- auch nicht Eine hab’ ich in Deiner Abwesenheit verlebt, -- wenigstens nicht _mit_ einem andern. Es wäre kein Wunder, wenn ich itzt die Heraldik studierte, -- doch nein! Vielleicht schreib ich grade in einer trüben Stunde.

Sey doch nicht bange, daß ich mit der altdeutschen Poesie meinen Geschmack verderbe. Was soll ich anders thun, als mich auf Dinge legen, die meinen Geist mit weniger erhabenen Ideen nähren! _Die_ helfen mir jetzt nicht; sie lassen mir Deinen Mangel desto deutlicher fühlen. Was hilft es mir itzt, den Shakspeare zu lesen? Was hülf’s mir, ein noch so schönes Gedicht zu schreiben? Ich müßte mich auslachen! Du kennst übrigens sehr wenig von den altdeutschen Litteraten, wenn Du blos die Minnesinger kennst. Ueberhaupt ist sie zu wenig bekannt. Sie enthält sehr viel Gutes, Interessantes und Charakteristisches, und ist für Geschichte der Nation und des Geistes sehr wichtig.

Ich habe mich schon lange gewundert, daß Du mich nicht gefragt hast, was ich von den Franzosen denke. Ich denke ganz mit Dir gleich von ihnen, und stimme von ganzem Herzen in Deinen Enthusiasmus ein, das versichere ich Dich. Aber ich kann mich nicht enthalten, Dir folgendes zu sagen. Ich spreche hier durchaus mit keinem Menschen von den Franzosen; und zwar darum, weil jeder von ihnen spricht, ihre größten Thaten immer mit einem Lächeln erzählt, als wollt’ er sagen: Was die närrischen Leute nicht für Dinge thun! Und wer mit diesem Lächeln davon spricht, dem möcht ich gleich eine Ohrfeige geben. -- Auch denk’ ich sehr wenig über die Angelegenheiten nach: -- ich weiß selbst nicht, wies kommt. -- Auch lese ich die Zeitungen nicht, weil ich nicht Zeit habe, und alles von andern höre. -- Endlich würd ich, wenn ich ein Franzose wäre, so stolz ich auf mein Vaterland und meine Nation seyn würde, doch gewiß nicht Soldat werden und den Säbel oder das Gewehr in die Hand nehmen, weil ich mein Leben und meine Gesundheit zu sehr liebe, und zu wenig körperlichen Muth besitze. Ich weiß, daß Du Dich über meine Dreistigkeit, Dir meine krassesten Grundsätze so nakt darzustellen, wundern wirst; daß Du nicht wirst begreifen können, wie man in der That von dieser Sache begeistert seyn kann, ohne auch Muth genug in sich zu fühlen, dabey selbst mitzuwirken; ich weiß, daß ich durch mein offenherziges Geständniß, wenigstens auf ein paar Stunden, Deinen Zorn auf mich lade. Allein bedenke nur: kannst Du von irgend einem Menschen Heldenmuth und Tapferkeit verlangen, die er nicht hat. Ich bin sehr davon zurückgekommen, diese körperlichen Tugenden gering zu achten: aber, -- _ich_ habe sie nicht; und es ist unmöglich, daß Du mir das zur Sünde machen kannst; ich thue Verzicht auf diese Größe. Auch bin ich einmal so eingerichtet, daß die idealische Kunstschönheit der Lieblingsgegenstand meines Geistes ist; ich kann mich unmöglich von lebhaftem Interesse hingerissen fühlen, wenn ich in den Zeitungen lese, daß die Preußen itzt diesen, die Franzosen itzt jenen Ort eingenommen haben, und was dergleichen Partikularia mehr sind; alles ist mir etwas zu fern, -- zu wenig sichtbar, geht mir zu langsam, stimmt nicht mit dem idealischen Gange meiner Phantasie, macht mich unruhig, befriedigt mich nicht. Vieles können die ungewaschnen Urtheile bey mir gethan haben. Soviel itzt davon; mündlich mehr. Ich werde nur zu aufrichtig gegen Dich gewesen seyn.

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Ich muß nur Deinen Brief nach der Reihe beantworten, daß ich nichts vergesse.

Mein Freund bey Jena heirathet itzt im Januar, und wird mir, hoff’ ich, bald schreiben. Wir werden wohl grade um Ostern, oder ein Paar Tage vor oder nach Ostern, von hier abreisen. Ich muß Dich also ernstlich bitten, daß Du bey guter Zeit hier bist, das heißt, 8, oder über 8 oder 14 Tage vor Ostern. (Ostern ist den 31. März.) In der That, Du mußt über 8 Tage vor Ostern schon hier seyn. Und warum sollte das auch nicht gehen? Durch die Kollegia wirst Du Dich ja nicht abhalten lassen. Wenn Du nur erst hier wärst; und bist Du hier, so werd’ ich gewiß wünschen: wenn wir nur erst fort wären. Wie wird es aber mit unsrer Reise werden? Das liegt mir noch alles zu sehr im Dunkeln. An einem Abend, als ich bey Dir war, entwarfen wir zwar in größter Geschwindigkeit einen sehr artigen Plan, allein ich zweifle itzt beinahe, daß er sich ganz wird ausführen lassen, wie es denn oft den guten und frommen Wünschen, deren uns in Einer Viertelstunde oft 10 aufstoßen, ergeben muß. Fürs erste wird unsre Zeit sehr kurz seyn. Mein lieber Prediger macht mir schon in seinem Briefe ein Gesicht dafür, daß ich nur von 8-14 Tagen spreche; und neulich wollte man mich schon versichern, daß die Kollegia in Erlangen in der Mitte des April angiengen. Indeß mag das nun seyn wie es will, unsre Zeit wird immer sehr kurz seyn. Ueberdies darf man der Jahrszeit so wenig trauen, daß wir von einem Aufenthalt in Wörlitz vielleicht wenig Vergnügen erwarten dürften. Und wie sollten wir uns auch bequem dort aufhalten können, wenn wir, wie es doch seyn wird, mit der Post reisen? An Excursionen von Halle aus will ich gar nicht einmal denken. Das kürzeste und zweckmässigste wäre immer wohl, in Einem Strich nach Jena zu reisen. Und dazu würde ich auch in den ersten Tagen weit eher aufgelegt seyn, als in Wörlitz zu lustwandeln, wozu ich eben nicht Laune haben möchte. -- Bei allem dem würde es mir doch herzlich leid thun, wenn Deine Schwester dadurch einer angenehmen kleinen Reise, worauf sie sich gefreut hat, verlustig gehen sollte. _Lange_ wenigstens, und an vielen Orten könnten wir uns wenigstens nicht aufhalten.