Briefe an Ludwig Tieck (4/4) Vierter Band

Part 21

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Unser Quandt bringt Ihnen hiemit die vier lezten Bände des Ben Jonson zurück und ich danke Ihnen herzlich für die gütige Mittheilung. Denn wieviel ist nicht an diesem literarischen Behemot zu lernen und zu bewundern, zu loben und zu tadeln! Mein, irre ich nicht, schon früher geäußertes Urtheil hat sich mir nun bestättigt und gerechtfertigt. Zur Würdigung des shakspearschen Styls (natürlich im höhern Sinne des Worts) ist er unschäzbar und unvergleichlich, inwiefern in ihm, als einem in seiner Sphäre eben auch Tüchtigen, die Bildungskeime eines Lyly, Decker, Marlow &c. aufgenommen und aufgegangen scheinen zu einer eigentlichen Kunstschulbildung, über welche Sh. so einzig und göttlich als Naturdichter, Prophet, Seher, oder wie Sie den nennen wollen, der, nach Plato, nicht durch Kunst, sondern als Begeisterter und Besessener durch göttliche Schickung und Eingeistung Schönes darstellt, erhaben ist, und welche durch das ganze Gebiet der englischen Poesie von ihm an sich zieht, immer mehr und mehr zur Technik und _Schulenkunst_ ausgemergelt. Diese seine tief geschichtliche Bedeutsamkeit in so reicher, plastischer Zeit, wie Gifford sie recht gut geschildert, hebt sich um so heller hervor, da er, Fülle und Frucht einer Sphäre seiner, und zugleich Same einer künftigen Zeit, doch auch wieder Gegensaz zu einer höhern Sphäre (Shakspeare) wird, die ihn in sich, als die höhere, aufnimmt. In dieser stark und breit gezeichneten Doppelheit der Selbständigkeit und Hingegebenheit, als Kind der Zeit und doch ihr Ankläger und Rügemeister, offenbart er sich als _überwiegend kritische_ Natur, mißt demnach seine Zeit, deren er sich nicht erwehren kann, an der untergegangenen alten, zürnt ihr stolz, wo sie diesen Maasstab verwirft und wird, indem er sie verspottet, höhnt, geißelt gewissermaßen sein Selbsteiron. Bei dem allem darf der doch wol am ersten zürnen, der so tüchtig, kräftig und fleißig sich ein Organ für die Welt _gebildet_ hatte, wenn und weil er es nicht immer _gebrauchen_ konnte. Dies letztere zeigt außer seiner Hellenomanie (die ja unsere Zeit auch überstehen mußte) und Italomanie, der Mangel an Athem und Haltung, ein Ganzes durchzubilden, zu durchweben und zu tragen, wo nicht selten die Technik aushelfen muß, wie in seinen Trauerspielen, in welchen nur Hazlitt allein ihn vorzüglicher finden mag, und in den drei künstlich ausgeklügelten ~Every man in his humour~, ~Ev. m. out of h. h.~, und ~The magnetic lady or Humours reconciled.~ Wie glücklich, zart, tief, reich und zierlich ist er dagegen in vielen kleineren lyrischen Gedichten! Wie scharf und weit ist hinwieder seine Beobachtung der gleichzeitigen Welt, wie keck, derb, sicher seine Charakteristik von Höflingen, Raufern und Eisenfressern, Puritanern, Alchemisten und Rosenkreuzern, Neuigkeitskrämern, Geizigen, Sachwaltern, Beamten &c.! Gewiß eine herrliche Gallerie von Zeit- und Zerrbildern, sollten sie auch nicht immer so harmlos hingeworfen seyn als die Bewunderer meinen; sollte auch auf Kosten individueller Gestalt die Allgemeinheit des Begriffs mehr hervortreten, statt der Charaktere nicht selten nur Züge, und im Ganzen eine gewisse Monotonie, endlich, was das Schlimmste ist, überall die Absicht sich kund geben, ~to strip with an armed and resolved hand the ragged fellows of the time, naked as their birth, and with a whip of steel to print wounding lashes in their iron ribs~, oder ~to see their folly raked up in their repentant ashes~, wie es in ~Every man out of his humour~ heißt, und überhaupt die pedantische Versessenheit, nützen zu wollen und zwar durch antike Form und Zuschnitt seiner Dramen, so daß man oft nur mehr den marktschreierischen Bau- und Zimmermeister vor seinem Riß, als das Gebäude selbst sieht. Wo er diese gleichsam fixe Idee vergißt, wie im ~Volpone~, ~Alchemist~, ~Bartholomew fair~, ~The devil is an ass~ und ~the staple of news~ zum Theil, da schlägt auch seine edlere Kraft durch und man bedauert nur, daß er vor lauter Anstalten nicht zur Sache kommt, daß der Vielbelesene aus seinem Hesiod sich nicht erinnerte, wie viel mehr oft die Hälfte werth sei, denn das Ganze. Wie viel Störendes an Chor, Parabasen u. dgl. wäre dann schon weggefallen! Wie viele Mosaik würde er sich erspart haben! Darum liebe ich ihn, die obgenannten Komödien mit eingerechnet, mehr in seinen lyrischen Stücken und in den Masken. Diese letztern scheinen mir überhaupt, wenn es seine Würdigung gilt, weit mehr Aufmerksamkeit zu verdienen, als man ihnen angedeihen ließ. Es sind zuweilen wahre Pracht- und Glanzstücke, worin ihm das Leben und er dem Leben näher trat, wie ~Hymenaei~, ~The vision of delight~, ~Pleasure reconciled to Virtue~, ~News from the new world discowered in the moon~, ~Gipsies metamorphosed~. Da weiß er die Gelegenheit und einzelne Züge so gut, so gewandt und zart zu nützen, daß man ihn (und seine Gelehrsamkeit dazu) recht lieb gewinnen muß. Aber auch noch um eines andern Punctes willen sind diese Masken mir merkwürdig gewesen, weil sie einen Reichthum an Theatermaschinenkunst oder Skenopöie auslegen, wobei man mit der von den shakspeareschen Auslegern entschuldigungsweise bemitleideten Armseligkeit, Unbeholfenheit und Rohheit doch etwas ins Gedränge zu kommen scheint. Mag doch immerhin nicht jeder Maschinenmeister ein Inigo Jones, als Hofbaumeister, gewesen seyn und mag ihm B. Jonson’s beleidigter Stolz späterhin wieder nehmen wollen, was er ihm früher gegeben -- es ist doch viel, sehr viel geleistet worden -- wie schon dieser entzündete Neid und Streit beweiset.

Wie die Elemente der Natur Ben Johnsons gespannt waren, und ihr Streit nicht in seinen Producten erlöschen und ausgeglichen erscheinen konnte, so muß man ihm auch seine Eifersucht auf Shakespeare verzeihen, weil man doch aus seinem ~To the memory of my beloved Mr. W. Shk.~ und einem denselben betreffenden Stück seiner ~Discoveries~ ersieht, daß er gesunden Verstandes genug, ja sogar Bescheidenheit und Liebe neben allem Hochmuth und scioppischer Schmähsucht hatte, diesen ~sweet swan of Avon~, diese ~soul of the age, the applause, delight, the wonder of our stage, who was not of an age, but for all time~ anzuerkennen, ~though he had small Latin and less Greek, from thence to honour himself~ -- was mir beiläufig ein köstlich komischer und ironischer Zug ist.

Aber, mein Gott! was hab’ ich da meinem herzlich geliebten Freunde vorgeplaudert! Sieht es nicht aus, als wollte ich, der Schüler, den geehrten Meister und tiefern Kenner, der mich erst dort einführt, wo er schon längst heimisch ist, belehren oder mich spreizen? Doch nein, lieber Freund, Sie werden wol in dem Gesagten nur den Gelehrigen, nicht den Lehrhaften, nur den sehen, der Ihrer gütigen Mittheilung nicht unwerth ist. Darum erinnere ich Sie an Ihr Versprechen, mir ferner mitzutheilen, was auch mich, soweit eben meine schwachen Kräfte reichen, in jener alten Welt einheimischer machen kann. An Fleiß, Treue und Streben soll es, will’s Gott, nicht fehlen, noch fehlt es daran; denn vor Arbeit erschrecke ich nicht. Ich überlasse mich dabei ganz Ihrer Leitung und wünsche nun, daß Sie mir, wo es geht, einen Cicerone, wie Gifford, mit auf den Weg geben.

Ernst Fleischer druckt, wie Sie wissen, einen im Subscriptionspreise wenigstens, beispiellos wohlfeilen Shakespeare ganz und vollständig, und, wie ich gesehen habe, sehr sauber und anständig in großem Lexikonformat in gespaltenen Kolumnen schön und deutlich. Kaum getraue ich mich, wie ich es denn zuvörderst Ihnen nur vertraue, den mir gemachten Antrag, ein ~Glossary~ für einen zweiten Theil zu schreiben, anzunehmen; weßhalb ich auch das Nähere über Zweck, Umfang, Art &c. noch nicht mit ihm besprochen habe. An Mitteln dazu, denke ich, würde er es wol nicht fehlen lassen, und so lacht der Antrag wol an, wenn nur meine Kräfte hinreichen. Wollten Sie mir hier, soweit es Ihre Muße und Lust erlaubt, einmal Ihre Ansicht und Ihren Beirath gütigst ertheilen, so würden Sie, nicht zwar mich mehr verbinden, als ich es bin, sondern eine löbliche Absicht in einem Kreise fördern, worin ich eigentlich nur Sie als Richter und Gesezgeber und Ordner anerkenne. Darum schelten Sie mich nicht zudringlich! Könnte ich nur Fleischern bestimmen, nachträglich auch das zu liefern, was Sie aus Gründen der höhern Kritik Shakespearen zusprechen, und was ich Sie mir anzuzeigen bitten würde, so wäre schon damit etwas Verdienstliches geleistet. Aber bitte, bitte, lieber Meister, schelten Sie den Dreisten und den Bittsteller nicht; weisen Sie ihn lieber sanft ab, wenn Sie meinen, daß die Sache leidet!

Und nun genug! Ich erschrecke über das lange Schreiben und wünsche, daß Sie soviel Geduld damit gehabt haben mögen, als ich dabei Liebe hatte. Lassen Sie mich immer ein wenig in gutem Andenken bei Ihnen leben, und grüßen all’ Ihre Lieben von

Ihrem

Freund

_Adolf Wagner_.

III.

_Leipzig_, am 24. Jan. 1830.

_Mein verehrter Freund!_

Wie freue ich mich, daß mir Gelegenheit ward, Ihnen durch Hintertreibung einer Nichtswürdigkeit, meine Liebe zu bethätigen! Auch wollte ich Ihnen nicht eher wieder schreiben, zumal da die Landtagstaare gewiß truppweise auch bei Ihnen einfallen, als bis ich Ihnen den Spruch in der sauberen Sache, die alle ehrbare Männer entrüstet, mittheilen könnte. Aber die Schöffen haben noch nicht gesprochen, und mittlerweile ist ein Brief von B. eingegangen, der, wahrscheinlich auf den Rath und die geäußerte Besorgnis Schedes, an Reimer geschrieben und gebeten hatte, alles Mögliche zu thun, um die Papiere aus den Händen des elenden X. zu retten, den er ganz verläugnet. Dazu kam, daß Lezter in einer Vernehmung Tags vorher auf B.’s Bewilligung provocirt hatte; welches ihm denn damit zur Steuer der Wahrheit, zu Wasser gemacht ward. Wenn damit auch B.’s Galgenangst mehr in’s Licht gesetzt wird, als seine Rechtschaffenheit, so fällt damit doch mehr als ein Schlagschatten auf X., und der Spruch über ihn kann nur um so unerfreulicher für ihn ausfallen. Davon zu seiner Zeit! Ein dazwischen geworfener Prügel hat dies schnöde Gesindel auf- und verjagt, und die Flurschützen nur aufmerksamer gemacht.

Nun kommt aber Reimer und bittet mich, Sie zu fragen, ob Ihr Prolog zum Faust abgedruckt sei, oder für den künftigen Musenalmanach bestimmt werden könne, um so mehr, da Ihr Bildnis ihn zieren soll? Darüber muß ich mir in seinem Namen Kunde ausbitten. Erlauben Sie den Druck, so kann ich ihm meine Abschrift mittheilen, worin ein Anakoluth und eine kleine Sprachnachläßigkeit, die ich in der mir gütigst geliehenen Abschrift fand, berichtigt sind.

Zugleich erlauben Sie mir wol zu fragen, was denn das im E. Fleischer’schen Prospectus, oder, um diplomatisch genau zu seyn, ~Thesaurus Shakspearianus~, wozu ich nur noch ein ~gongorisatus~ vorschlagen würde, oder noch lieber ~incarnatus~, angekündigte ~supplement~ von Ihnen seyn und betreffen wird? Sollen das die Apokryphen seyn, welche hier nur zuvörderst auf dem Titel der kanonischen Schriften angekündigt werden? So scheint es; und Sie sind also wirklich noch mit ihm einig geworden? Das freut mich um der Sache willen. Und Sie müssen mir schon meine Neugier vergeben, da ich gerade in diesen Zeiten, behufs einer Recension der vossischen Uebersetzung, welche ich lange schuldig bin, mich mit dem trefflichen Meister wieder beschäftige. Da kann ich denn freilich, besonders was den Vater und den Abraham betrifft, bei mehr, als _Beim drallen Fuß, Streckbein und Quabbelschoos_ Rosalinens, nämlich bei allen neun Musen schwören, daß alle neun eben so selten darin getroffen sind, als alle drei, und die leztern, wie obiges Pröbchen zeigt, noch seltener. Das aber wissen Sie schon lange, und auch mich hatte der einmal Freunden vorgelesene Sommernachtstraum davon überzeugt, wo ich beinah eine Mundsperre davon trug; so drohte mich der Veitstanz und Weichselzopf von Uebersetzung anzustecken, der zu Benda’s Ruhr einen recht hübschen Abstich macht. Die Texteskritik und Notencompilation sind bei V. noch das Beste. Dies alles hat, mit dem ~thesaurus incarnatus~ den alten Wunsch und Vorsatz in mir wieder aufgeregt, den ich hier nur unter vier Augen ausspreche, einmal, wenn sich ein honetter Verleger fände, eine möglichst kritische Folioausgabe aller shakspeareschen Werke zu besorgen, welche alle Ab-, Nach- und Wiederdrucke überflüßig machte, nicht durch Pracht, sondern durch Gediegenheit. Was in dem sogenannten ~thesaurus~ aus meinen frühern gelegentlichen Aeußerungen bei Fl. erster Ausgabe abgehorcht, nur halb verdaut und großsprecherisch andämmert, müßte dort möglichst klar herausgeführt werden: kritische Herstellung des Textes aus allen Entstellungen, kurze zweckmäßige Erläuterung der Sprache und Zeit in einem Glossar, bezügliche Literatur, Zeitordnung der Werke &c. Wenn ich auch die Schwierigkeit dieser Aufgabe sehr wohl erkenne und somit diesen Embryo noch in mir trage, so kann ich doch nicht umhin, ihn mit aller mütterlichen Lebenswärme zu pflegen und auszubilden. Und indem ich so alles wahrhaft Förderliche als Vorarbeit und Mitarbeit für mich und mit mir ansehe, urtheilen Sie selbst, wie sehr ich immer beklagen mußte und muß, daß Ihr Werk nun und nimmer erscheint und was Gott doch verhüten möge, die Welt um einen unersetzlichen ~thesaurus~ kommt. Aber, liebster Meister und Freund, da möchte ich Sie an die Flucht der Zeit, an Alles, was Sie den Bessern, der Sache, sich selbst und Ihrer Rechtfertigung schuldig sind, erinnern, ich möchte Ihnen den Genuß und die Seligkeit der Arbeit und den Segen der Aernte vorhalten, wenn ich es nur gehörig vermöchte. Möchten diese unsere Vorsätze doch nicht fromme Wünsche bleiben!

Aber, wenn die Zeit Sie zum Voranschreiten mahnt, so mahnt mich der Raum hier Stand zu machen, und ich grüße nur all die Ihrigen mit den besten Wünschen für diesen grönländischen, bärenhaften Winter. Leben Sie wohl und lieben mich, wie ich Sie.

Ihr treuergebener

_Adolf Wagner_.

IV.

_Leipzig_, 28 März 1833.

_Mein verehrter Freund!_

Nicht ohne einigen Neid lasse ich Ihnen dies Blatt durch X. Marmier aus Besançon reichen, um ihn bei Ihnen einzuführen, den er durch seine Werke und durch mich lieben und verehren gelernt hat. Er will deutschen Sinn und deutsche Art kennen lernen, und ist vermöge seiner Landesart und Jugend empfänglich. Gönnen Sie ihm also immer, Ihr Bild mit sich in die Heimat zu nehmen, wo es ja jetzt immer willkommener wird! Gönnen Sie ihm während seines Aufenthalts Abende wie mir und Andern, manchmal weniger Würdigen! H. Brockhaus und von Raumer, die ihm, wie ich höre, vorangehen, kennen ihn auch, und was seinen Creditbriefen fehlt, mag er durch sich selbst ergänzen.

Nun habe ich beinahe 3 Jahr Stadt und Zimmer gehütet, und wie die Frühlingssonne in meine Fenster hereinlächelt, gemahne ich mich wie ein Schmetterling, der eben die Puppe gesprengt hat und mälich die feuchten Flügel wie Pflanzenblätter entfaltet. Ob ich nun diesen Sommer einmal zu Ihnen fliegen werde können, wollen wir sehen. Lust und Trieb habe ich, und heilsam möcht’ es wol auch seyn. So mancher ist, seitdem wir uns nicht sahen, heimgegangen, vielbetrauert, wie unser Goethe, mein treuer Oppel und wie Mancher noch! Mein lieber Quandt besucht Leipzig nicht mehr. Da muß man denn von Erinnerungen leben. Erinnerungen aber, wie schön und lieb sie seyn mögen, bleiben doch nur Hintergrund und helldunkel im Lebensgemälde. Hauptlicht und Ton muß doch die Gegenwart geben. Das Nachdunkeln bleibt ohnehin nicht aus. Glücks genug, wenn wir indessen durch der Freunde Werke und Thaten es auffrischen! So habe ich gelebt und lebe ich. Mit den Jahren und den Scherereien der Zeit und Welt wächst mir aber doch eine wahrhaft heidnische Leidenschaft und Entzückung für das Licht, und so kommt man über gar Manches hinaus. Es bleibt doch dabei, daß wir unverwüstlich sind, wenn wir nur wollen.

So viel genügt als Lebenszeichen und mithin auch als Liebeszeichen. Von Angesicht zu Angesicht sagt und macht sich freilich Alles anders und besser, als auf dem leidigen Lumpenfelde. Darum will ich hoffen und mit herzlichen Grüßen an all die Ihrigen schließen.

Unverändert

Ihr

_Adolf Wagner_.

(Der letzte Brief an Tieck, wenig Monate vor W.’s Tode, schon mit unsicherer Hand geschrieben.)

=Weber, Gottfried.=

Geb. am 1. März 1779 zu Fraunsheim in Rheinbayern, gestorben am 21. September 1839 zu Kreuznach.

Versuch einer geordneten Theorie der Tonsetzkunst, 2 Bde. (1817.) -- Allgemeine Musiklehre (in 3ter Auflage 1833.) -- u. a. W.

Als Staatsprokurator in Darmstadt angestellt, redigirte er, durch Amtsgeschäfte unbehindert, fortwährend seine musikalische Zeitschrift Cäcilia, und stand im vertrautesten Verkehr mit den edlen Familien, die das dortige Leben geistig schmückten. Sein Haus, eine Heimath der Töne, war auch der Poesie offen; für alles Gute und Schöne gab es dort empfängliches Verständniß. Nicht frei von hypochondrischen Launen, ging er alsbald in Freudigkeit auf, wenn die rechten Saiten angeschlagen wurden. Dann liebte er auch zu erzählen von seinem Namensvetter Karl Maria, von Meyerbeer und ihrem gemeinsamen Lehrer, dem Abbé Vogler. Seine Gattin, Mutter lustiger Kinder, sang reizende Duetten mit ihm, die er auf der Guitarre begleitete. In solchen Stunden war nichts vom Staatsprokurator an ihm zu entdecken.

_Darmstadt_, den 21. Dec. 1828.

_Verehrtester Herr Hofrath_.

Mahnbriefe von alten Gläubigern erscheinen nie willkommen, und verdrüßlich werden also auch Sie meinen gegenwärtigen Brief empfangen, welcher sogar dummdreist genug ist, sich gleich von vorne herein geradezu als einen Mahnbrief anzukündigen, statt wenigstens glimpflich hinten herum zu kommen.

Aber da hilft nun einmal Alles nicht, Verehrtester, ich bin in meiner Eigenschaft als Vormund eines braven deutschen Mädchens, obhabender Pflichten halber, nun einmal genöthigt, Sie als deren Schuldner in Anspruch zu nehmen, und alles Ernstes zu mahnen, Sich der, gegen dieselbe übernommenen Verbindlichkeiten ohne weitere Zahlungs-Saumsal zu entledigen. Wie? -- oder meinen Sie denn etwa, Herr! -- meinen Sie denn, meine arme, durch ihre langjährige unerhörte Liebe zu Ihnen nur schon allzu unglücklich gemachte Cäcilia, nachdem sie erst lange um eine Gunstbezeugung von Ihnen geworben und endlich mit gebrochenem, blutendem Herzen ihren großen Schmerz in den innersten Busen verschlossen und auf die schönste ihrer Hoffnungen resignirt hatte, durch ihre jüngsthierigen freundlichen Blicke aber wieder zu neuen Hoffnungen berechtigt worden war, -- meinen Sie denn, Herr! Herr!! das arme Mädchen werde die neugeweckte Liebespein ohne reelle Erhörung, auch jetzt wieder zu ertragen vermögen? Wollen Sie zum Mörder der Unglücklichen werden? Sie Felsenherz!

Ich will Ihnen, lieber Verehrtester, nicht weiter die Zeit lang machen mit Redensarten, sondern recht freundlich bitten: Sie waren bei Ihrer hiesigen Anwesenheit so gütig, mir Ihre Mitwirkung zur Cäcilia zu versprechen: lösen Sie diese freundliche Zusage doch auch bald ein, und lassen Sie sich das hier beiliegende Anschreiben der Verlaghandlung empfohlen sein. _Was_ Sie immer senden wollen, wird dankbar erkannt werden, wäre es auch nur eine Hand voll Gedankenspähne. Daß es _durchaus_ nicht gerade eine Abhandlung über einen musikalischen Gegenstand zu sein braucht, versteht sich ohnehin. Aeußerst erfreulich würden unter Anderem auch etwa eine oder ein Paar Novellen sein, wenn auch nur etwa grade _so_ viel von Musik darin vorkommt, als z. B. in Ihrer vor mir liegenden Novelle: „Glück bringt Verstand“ von der Freimaurerei, oder in: „Der 19. November“ von Schiffbaukunst, oder in beiden von Katzen vorkommt.

Daß die Verlaghandlung das von Ihnen bestimmt werdende Honorar mit Vergnügen leisten wird, habe ich bereits die Ehre gehabt, Ihnen im Voraus zu versichern. Seien Sie nun, verehrtester Herr, so freundlich und lassen uns nicht noch länger auf dem spurlosen Meere der Hoffnungen und Erwartungen herumtreiben.

Möge die Rheinreise Ihr Wohlbefinden haltbar gefördert und wir Hoffnung haben, Sie bald wieder bei uns zu sehen. Lassen Sie mich mit meiner Frau Ihnen und den verehrten Ihrigen empfohlen sein, und genehmigen Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung

Ihr

gehorsamster Diener

_Weber_.

=Welcker, Friedrich Gottlieb.=

Geb. am 4. Nov. 1784 zu Grünberg im Großherzogthum Hessen, seit 1819 Professor der Philologie an der Universität Bonn.

Hervorragender Alterthumsforscher; vorzüglich berühmt durch seine Schriften über die griechische Tragödie, hauptsächlich über die Aeschyleische Trilogie. -- Siehe diese Briefchen.

I.

_Bonn_.

Einige Unterhaltungen über Griechische Tragödie mögen mir zur Einleitung dienen, um Ihnen eine lange philologische Diatribe über den Ajax zu überreichen. Die Unterhaltungen alle und die kleinen Wanderungen, an denen ich damals das Vergnügen hatte, Theil zu nehmen, und die Vorlesungen sind mir so lebhaft in der Erinnerung geblieben, daß ich immer sehr beklagt habe, den Wunsch und Vorsatz, den ich damals hatte, Dresden bald zu besuchen, nicht ausführen zu können. Vielleicht geschieht es nun bald; denn einmal muß ich doch Dresden kennen lernen und Sie wieder sehen, Verehrtester. Von den liebsten Freunden hoffe ich, bey ihrer Rückkehr, zu hören, daß Sie sich wohl befinden und in der gewohnten Thätigkeit, wovon ich seither so manchen Beweis sah, heiter leben.

Mit wahrer Verehrung und Anhänglichkeit

der Ihrige

_F. G. Welcker_.

II.

_Bonn_, 19. Apr. 1840.

Die späte Zusendung meiner Griechischen Tragödien an den gütigsten Gönner meiner Arbeiten der Art, dem ich vor Allen sie zu überreichen mich getrieben fühle, würde sträflich seyn, läge das Sträfliche nicht in der Saumseligkeit, das Buch nicht zu vollenden. So weit als es jetzt ist, war es vor meiner Reise nach Dresden vor einem Jahr, und der Rest des Manuscripts sollte gleich nach der Rückkehr abgedruckt werden. Unterbrechungen sind schlimm, und von einer Zeit zur andern wurde die Wiederaufnahme des Drucks verschoben, so daß der Verleger längst den fertigen Theil ausgegeben hat und ich einen dritten, vorher nicht beabsichtigten Abtheilungstitel setzen muß. Der Wunsch allein, Ihnen ein Ganzes vorzulegen, Hochverehrter, damit Sie vielleicht an dessen Einrichtung ein Gefallen fänden, was Sie im Einzelnen, zum Theil auch nach der Natur der Sachen, am häufigsten vermissen könnten, ist Ursache meines Zögerns gewesen. Doch alles muß sein Ziel finden, und ich hoffe, daß der Schluß nicht zu lang auf diese Theile nachfolgen wird, um die Beurtheilung der Absicht des ganzen Unternehmens noch zeitig genug zu ergänzen. Darf ich auf einige Stücke besonders aufmerksam machen, so nenne ich Peleus, Triptolemos, Tereus, Thamyris von Sophokles, Andromeda, Sthenelos, Kresphontes von Euripides.

Löbells neuliche Reise hat den Gedanken, indem ich oft mich wiege, recht rege in mir gemacht, wie glücklich ich seyn würde, recht viele Abendstunden in Ihrer mich auf allen Seiten ergreifenden Unterhaltung zubringen zu können.

Mit der reinsten Verehrung und Anhänglichkeit empfiehlt sich Ihrem freundlich geneigten Andenken

_F. G. Welcker_.

Den Beyschluß für die Stadtpost wollen Sie entschuldigen.

=Wendt, Amadeus.=

Geb. zu Leipzig am 29. September 1783, gestorben zu Göttingen am 15. Oktober 1836.

Er war Redakteur des Leipziger Kunstblattes, des (ehem. Becker’schen) Taschenbuches für „Geselliges Vergnügen,“ gab verschiedene wissenschaftliche Werke heraus, wie z. B. Grundzüge der philosophischen Rechtslehre (1811). -- Ueber die Hauptperioden der schönen Künste (1831) -- und führte in Leipzig ein anerkannt kritisches Regiment.

Nach Göttingen ward er an die Universität als Professor der Philosophie berufen.

I.

_Leipzig_, 30ten Okt. 1821.

_Hochzuverehrender Freund_.

Um Ihren theuern Brief auch zu meiner eigenen Befriedigung zu beantworten, will ich von meinen Sünden anfangen, deren er mich zeiht. Denn das Geständniß ist drückend, aber führt die Vergebung herbei.