Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 7
Das Liebste wäre mir nun, wenn _Ihnen_ diese Sache auch einige Freude machte. Ist dieß der Fall, so würde ich Sie bitten, Ihre Abneigung gegen das Schreiben zu überwinden, und mir einige Zeilen zu senden, die ich meinen Schauspielern mittheilen könnte. Das Wort des Dichters würde sie außerordentlich erfreun, und es ist wohl gewissermaßen jetzt nöthig, wenn diese verkommenen Menschen einmal sich zum Ungewöhnlichen aufraffen, das Edlere in ihnen auf jede Weise zu bestärken.
Mit herzlicher Gesinnung
der Ihrige.
_Immermann_.
N. S. Eine im Gebäude verirrte Katze erschien munter hin- und herspringend in mehreren Szenen auf der Bühne, als wollte sie an der Handlung Theil nehmen. Wenn man Ihrer Neigung zu dieser Thierart sich erinnert, so hat das Ereigniß wirklich etwas Mystisches. Dieser ungestiefelte Kater störte übrigens nicht, da er nur in lustigen Szenen kam und von Winfried sogleich zu einigen Lazzi verbraucht wurde. Mehrere Zuschauer haben wirklich geglaubt, die Katze gehöre zum Stück.
X.
=Ludwig Tieck an Immermann.=
_Dresden_, d. 10ten Mai 1835.
_Mein theurer, geehrter Freund!_
Wie unendlich tief bin ich nun schon in Ihre Schuld gerathen und wie viel glühende Kohlen haben Sie auf mein Haupt gesammelt. Statt zu klagen und Ihre Verzeihung zu erbitten, will ich, so gut ich kann, nach der Ordnung die Punkte berühren, auf welche ich Ihnen Antwort schuldig geblieben bin. Sie erhalten dieses Blatt durch einen wackern, von mir sehr hochgeschätzten Schauspieler, Herrn P., der sich auch Ihrer Bekanntschaft erfreut. Ich glaube, dieser Mann hat, seitdem Sie ihn gesehn haben, noch bedeutende Fortschritte gemacht; er hat hier mit vielem Glück die beiden Cromwells von Raupach und dessen Friedrich II. und seinen Sohn (er Friedrich) gegeben. Das Publikum hier bezeigt ihm so, wie ich, die Hochachtung, die er verdient.
Wie habe ich auf Sie vorigen Sommer in Baaden gewartet! da Sie mir Ihre Ankunft eigentlich mit Gewißheit versprochen hatten! Ich weiß nicht einmal mit Gewißheit, ob Sie bis Frankfurt gekommen sind, und den Brief erhalten haben, den ich Ihnen dorthin schrieb. Es wäre so schön gewesen, wenn wir uns dort im grünen Lande in dieser so aufthauenden Sonnenhitze gesprochen hätten. Es lebt sich anders dort, als in einer Stadt, und Spatziergänge, Natur, alles hätte uns wohl noch näher gebracht. Nachher ängstete ich mich, Sie möchten doch noch nach meiner Abreise hingekommen sein, denn die Krankheit meiner Frau zwang mich, viel früher abzureisen, als ich sonst wohl gethan hätte. Diese fand ich hier sehr bedenklich und im Winter fast sterbend. Die Wassersucht macht stets wiederkehrende Operationen nöthig, und die zweite, die noch im Herbst erfolgte, brachte sie dem Tode ganz nahe. Seitdem hat sie sich, obgleich diese Operationen wiederholt werden, auf eine fast wunderbare Art gebessert: ihre Kräfte, die schon ganz geschwunden waren, stellen sich wieder her, und sie ist jetzt eine bessere Fußgängerin als ich, so daß sie wenigstens, wenn auch immer leidend, noch auf einige Lebensjahre rechnen kann.
Den Dank für die 4 Bände Ihrer gesammelten Werke bin ich Ihnen auch noch schuldig, herzlich gebe ich ihn, wenn auch spät. Mein Freund, immer wieder habe ich Ihren Alexis gelesen, und oft auch Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering, Dumm und Klug vorgelesen, und er hat immer allen Menschen und allen Temperamenten auf wunderbare Weise gefallen, die meisten hingerissen und erschüttert. Das Werk bleibt mir immer neu und wird mir mit jeder wiederholten Lesung lieber. Mir däucht, das ist die beste Kritik, sowie der ächte Prüfstein. Diese politische Weisheit in Anlage und Durchführung, diese feine, edle Ironie, die von diesem Standpunkte aus so wehmüthige Blicke mit Recht auf alles menschliche Treiben wirft, diese Doppelheit der Charaktere, alles begeistert mich, und ich gestehe Ihnen wieder, daß diese beiden Stücke mir unter Ihren dramatischen Arbeiten die liebsten sind. Mit großer Freude habe ich es nun erlebt, daß diese großartigen Gemälde unter Ihren Augen und nach Ihrer Anordnung sind dargestellt worden. Herr Weymar, der hier mit ganz ungewöhnlichem Glück Gastrollen gespielt hat, hat mir alles recht weitläufig erzählen müssen. Ich hoffe, von Ihrer Bühne aus betreten diese kräftigen Tableaux auch die übrigen Theater. Hier und auch vielleicht anderswo ist eine zu gereizte Zartheit für Rußland eine Hemmung und peinliche Rücksicht: ich hoffe, aber kein Hinderniß.
Wie oft habe ich Ihr bezauberndes Tulifäntchen wieder in größern und kleinern Gesellschaften vorlesen müssen! Diese neckische Schalkheit und bunt beflügelte, leichte Poesie scheint sonst außer Ihrem weit verbreiteten Reiche zu liegen. Von Russen zu Elfen ist ein weiter Sprung! Nur das Tüpfchen auf dem I. wünschte ich fort und etwas anderes an die Stelle; sonst dünken mich alle die Änderungen Verbesserungen; hier haben Sie verschmäht, etwas anderes einzuführen. Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, welchen Widerwillen es mir erregte, daß der Heine Sie so lobt und preiset! Die Schriften dieses Zigeuners kenne ich erst, d. h. seine späteren, seit vorigem Sommer. So bin ich immer hinter meinem Jahrhundert zurück.
Was Sie mir über Macbeth schreiben, hat mich interessirt und gefreut. Wie viel hat Ihre Energie und Einsicht schon in kurzer Zeit geleistet. Im Wesentlichen bin ich gewiß mit Ihrer Einrichtung der Bühne einverstanden. Was könnte geschehen, wenn man allenthalben den guten Willen hätte, und die Herrn Comödianten trotz des ewigen Kunstgeschwätzes ihre eigne kleine Person nicht weit höher als Shakespear und Göthe schätzten; von Garrick und Schröder kann bei diesen verwöhnten Eitelkeiten schon gar keine Rede sein. Nur daß Sie bei dem schwachen Text von Schiller haben Hülfe suchen müssen, thut mir leid. Wenn Sie einmal Zeit haben und vergleichen, werden Sie finden, daß dort (ganz nach Eschenburg gearbeitet) der Sinn in den größten Momenten und bedeutendsten Stellen ein ganz anderer ist; Sie werden finden, daß ich auch von den Engländern in der Erklärung großer Poesie-Worte abweiche. Auch haben wir uns bemüht, die Verse selbst sprachfähig zu machen: sie klingen, wo es sein muß, rund und voll.
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Nach so manchen Anmahnungen und Geschenken von Ihrer Seite erhalte ich nun auch noch zu meiner Beschämung die Nachricht von dem glücklich durchgebrachten _Blaubart_. (Nicht durchgebracht im sprichwörtlichen: durch die Gurgel gejagt.) Mich rührt es, daß Sie Ihren Fleiß auch dieser meiner Jugend-Produktion zugewendet haben. Nur Ihrem Enthusiasmus, welcher wohl die Spielenden auch entzündet hat, konnte es gelingen.
Vor vielen Jahren wollten Wolff und Devrient in Berlin auch schon den Versuch mit diesem Mährchen machen: Wolff, glaube ich, hatte sich den Simon zugedacht und Devrient sich den Narren und den Arzt, Lemm sollte den _Blaubart_ spielen. Die Rollen waren schon ausgetheilt und die Leseprobe gehalten, als irgend etwas die Sache hemmte und die Lust zum Wagstück wieder dämpfte. Um so mehr Ehre mir, und Dank Ihnen, daß Sie es nach so vielen Jahren möglich gemacht haben. Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden, daß man so vieldeutige poetische Produkte, die, wie die Forellen, nur im stets erschütterten Wasser am Leben bleiben, mit so wenigen Unterbrechungen als möglich geben muß. Aus dieser Ursach habe ich auch hier den Kaufmann von Venedig nur in _drei_ Acten geben lassen. Ich kann Ihre Änderungen mit dem Mährchen und alle Einrichtungen nur billigen. Der Kater hat meinen ganzen Beifall. Er ist klug, daß er die Stiefel nicht anzog, und sich doch, da er diese bereitwillige Gutmüthigkeit von Direktion, Schauspielern und Publikum sah, so früh meldete, um anzudeuten, wie er wünsche, daß man auch ihm sein Recht widerfahren lassen möge: denn auf einer solchen Bühne mag auch wohl diese parodirende lustige Katze scherzend hinüber laufen; ich glaube nicht, daß ihre Späße schon veraltet sind, und als ich sie damals niederschrieb, hatte ich recht eigentlich das wirkliche Theater im Sinn. Nur muß die Anordnung, das Praktikable, das spielende Publikum &c. auch spashaft und parodirend genommen und eingerichtet werden. Wie denn dies wahrscheinlich auch bei Aristofanes geschah, und nicht mit steifem Ernst.
Und so sage ich auch allen den Damen und Herren, die Ihren Wunsch und meine Phantasieen mit so großer Anstrengung verwirklicht haben, meinen herzlichen Dank. Denn daß es eine große Anstrengung ist, sich einmal so ganz vom Hergebrachten entfernen zu müssen, weiß ich. Hier reicht beim Phantastischen und Seltsam-Humoristischen, bei dieser Mischung von Ernst und Scherz das Angelernte und der gute Wille nicht aus; der Schauspieler muß die Linien und Zirkel überspringen können, in welchen er sich sonst mit Beifall bewegte, und diesen selbst mit Großmuth und Aufopferung auf’s Spiel setzen, um ein Ungewisses, Zweifelhaftes zu gewinnen. Sehr vergegenwärtigen konnte ich mir die Art und Weise, so ziemlich das ganze Spiel der Dlle. Lauber (jetzt Madam W.), da ich hier in Dresden ihr schönes Talent, ihre persönliche Liebenswürdigkeit und ihren gebildeten Verstand habe kennen lernen. Ich hoffe, sie erinnert sich meiner ebenfalls noch und auch, wie sehr ich damals ihre Vorzüge anerkannt und auch laut ausgesprochen habe. Auch den Blaubart (Herrn Reußner) kann ich mir ziemlich deutlich vorstellen, da ich das Vergnügen hatte ihn im vorigen Jahr oft in Baaden zu sehn. Das Tückisch-Freundliche, Auffahrende und Seltsam-Burleske der Hauptperson wird ihm gewiß in vorzüglichem Grade gelungen sein. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich schon sonst einer der Damen oder einem Ihrer Schauspieler auf meinen Wanderungen durch die Theater begegnet bin. Sehr wäre ich begierig gewesen, zu sehn, wie der alte Hans und sein Caspar ihre sonderbaren Scenen durchgeführt haben: daß es dem Publikum nicht zu lang geworden ist, beweiset, daß sie gut gespielt haben. Sie sagen mir, mein Freund, daß Mechthilde ihr Mährchen vortrefflich erzählt habe; das hat mich sehr gefreut, denn diese fremde Erzählung, während welcher die Handlung eine bedeutende Weile stille steht, habe ich immer gerade für die allergrößte Schwierigkeit in der Aufführung gehalten. Sehr begierig wäre ich auch, eine Anschauung zu erhalten, wie der Narr und der Rathgeber ihre sonderbare und sehr schwierige Aufgabe gelöst haben. Auch Heymon und Conrad Wallenrod, obgleich nur Introduction, wollen, sowie der Arzt, mit Kunst und eigenthümlichem Humor gespielt sein. Bei einem so kapriciösen Gedicht kommt auch das Tempo sehr in Betracht, was hervorgehoben und gleichsam in den Vordergrund des Gemäldes tritt, stark gefärbt, accentuirt, oder was in den Mittel- oder gar den Hintergrund gestellt und abgeschwächt, verblasen, fast verschwiegen wird. Ist dies ebenfalls gelungen, wie ich glauben muß, so hat diese Gesellschaft bei Ihnen in Düsseldorf wohl Ursache, das Haupt einigermaßen empor zu heben, denn ich weiß nicht, ob dies eben allenthalben gelingt. Das war eben einer der größten Fehler des ehemaligen Theaters in Weimar, daß im Wallenstein, Maria Stuart u. s. w., _alles_ auf _einer_ Linie stand: ohne jene dramatische Perspective, die errathen läßt, beruhigt, zerstreut, um die größten nothwendigsten Effecte unendlich kräftiger und greller herauszustoßen. Etwas, worauf schon manche neue Dichter zu wenig achten, wo der Vorhang, welcher fällt, die Pause des Zwischenactes eine zu große Rolle spielt, und die Gedichte selbst jene zerstreuenden Ruhepunkte zu wenig haben, die ich hier und da im Blaubart habe anbringen wollen.
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Geliebter Freund! theilen Sie einiges aus diesem Blatt oder das ganze Blatt ihren Schauspielern, die sich so redlich bemüht haben, mit, und vielleicht habe ich dadurch zum Theil Ihrem Wunsch genügt. Aber glauben Sie mir, die allgemein Anerkannten dieser Profession, die Bewunderten sind heut zu Tage die unerträglichsten, an welchen Hopfen und Malz verloren ist. Sagen Sie einem dieser: er sei mehr als Garrick, Schröder, Talma, Baron, Fleck &c. -- er dankt mit Kopfnicken und meint, das verstehe sich von selbst; ersuchen Sie denselben, er möge das Knie weniger krümmen, oder den Federhut in die linke, statt in die rechte Hand nehmen, so ist er Ihr unversöhnlicher Feind. Die minder großen nehmen noch Lehre an.
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Nun noch eine Bitte.
Unser hiesiger sehr braver Schauspieler und Regisseur Dittmarsch wünscht, daß seine junge Tochter etwas lerne, was sie kann, wenn sie unter verständiger Aufsicht und ächter Kritik viel spielt. Da hat er sein Auge auf Sie, theuerster Freund, geworfen, und ersucht mich, Ihnen dies muntre, gutgeartete Kind zu empfehlen. Sie hat hier, nicht ohne Beifall, naive Bauernmädchen z. B. _Rosine_ in _Jurist und Bauer_ gespielt und noch mehr muntre Rollen. Das Neckische, Possierliche, Gutmüthige, Heitre und ganz Natürliche des Lustspieles scheint ihr Talent; aber sie kommt hier zu nichts, weil die Concurrenz bei unsrer Bühne zu groß ist. Viele Rollen dieser Art hat die Devrient hier, und will sie nicht abgeben, weil sie darin noch immer gefällt; nun ist die Bauer engagirt, eine Virtuosin in diesem Genre: die Berg, die Herold sind noch hier, noch einige aufkeimende, alles will spielen, viele haben ältere Ansprüche und da ist das arme liebe Kind fast ohne Beschäftigung. Ich, und der Vater mit mir, glaubten, daß unter Ihrer Leitung das Mädchen wohl etwas Vorzügliches leisten könnte, wenn sie nur recht viel beschäftigt würde. Können Sie sie irgend brauchen, so schlagen Sie meine Bitte und Empfehlung nicht ab: die Geldforderung würde auf keinen Fall bedeutend sein. Herr P. wird Ihnen das Nähere sagen.
Herr Dittmarsch, der Vater, hat nicht das Talent, die Tugend und das Laster der meisten Regisseure, daß er seiner Tochter, wie er oft beim Intendanten könnte, Rollen erschliche oder erbäte; er ist zu ehrlich und verlangt, man soll ihm entgegenkommen. Da er so schweigsam ist, geschieht dies zu wenig, und wir nehmen Sie also in Anspruch, geehrter Freund!
Wie viel hätte ich noch zu sagen; ich muß endigen. Kommen Sie, setzen Sie die Ausgabe Ihrer Werke fort, bewahren Sie mir Ihre Liebe, so wie ich bin und bleibe
Ihr
wahrer aufrichtiger Freund
_L. Tieck_.
XI.
_Düsseldorf_, 13. April 1836.
Ich weiß nicht, mein hochverehrter Freund, wie ich mein langes Schweigen auf Ihre werthe Mittheilung, die ich im vorigen Frühjahre von Ihnen empfing, rechtfertigen soll, wenn Sie nicht die Entschuldigung wollen gelten lassen, daß ich das ganze Jahr hindurch in angestrengter literarischer Arbeit steckte, außerdem aber noch von dem Theaterwesen oder vielmehr -- unwesen occupirt war. Dieses allein kann, wie Sie aus Erfahrung wissen, einen sonst mittheilsamen Menschen um alle Lust und Fähigkeit zu reden oder zu schreiben bringen.
Zuvörderst danke ich Ihnen auf das verbindlichste für den Rückschub des Deserteurs I...., woran Ihre Güte und Gefälligkeit gewiß Antheil hat. Vorigen Sonntag ist er, Kummer im Herzen und den Trotz Cains auf der Stirn, hier wieder einpassirt. Dieser Mensch kam hieher und konnte nichts spielen als den Barbierer Schelle; unablässige Mühe, die ich mir mit ihm gab, brachte es endlich dahin, daß er in Calderon und Shakespeare producirt werden konnte, und noch zuletzt einen recht hübschen Mercutio lieferte, und als ich ihn soweit hatte, lief er zum Danke dafür weg. Ihnen hat er, wie er mir vorrenommirte, viel von meiner Strenge und Härte gesagt. Streng und hart nennen sie Einen, wenn man darauf hält, daß sie wie Menschen reden, stehn und gehn sollen, und daß sie den Dichter nicht zu Fetzen zerreißen. Dieses Geschlecht will aber immer auf dem Seile tanzen, ehe es noch zu ebner Erde sich grade halten kann. Die Elemente der Kunst sind vergessen, das ist das Haupt- und Grundübel; die Schüler meinen, bei dem beginnen zu können, womit der Meister aufhört. -- Wie oft summen mir Ihre warnenden Worte, die Sie mir vor zwei Jahren geschrieben, in den Ohren! So viel auch in Romanen, Novellen und Dramaturgieen über Schauspieler beigebracht worden ist, so hat doch Niemand das eigenthümliche Larven- und Maskenartige dieser Zunft darzustellen gewußt. Goethe kommt der Sache einigermaßen nahe, wenn er sagt, daß Serlo, je versteckter und künstlicher er im Leben geworden, desto mehr Natur und Wahrheit auf den Brettern gewonnen habe.
Hiebei lege ich Ihnen denn eine Arbeit vieler Jahre, die Epigonen, vor. Sie entsprang aus einem kleinen Keime, wuchs aber mir selbst zum Erstaunen unter den Händen und lebte gewißermaßen mein Leben mit. Früh fühlte ich mich mit der Zeit und Welt in einem großen Widerspruche, oft überkam mich eine große Angst über die Doppelnatur unsrer Zustände, die Zweideutigkeit aller gegenwärtigen Verhältniße, in diesem Werke legte ich denn Alles nieder, was ich mir selbst zur Lösung des Räthsels vorsagte. Dieß ist die Genesis desselben, die freilich Viele den leichten Geschichten nicht ansehn werden. Ein Urtheil habe ich nicht darüber; möge mir es so gut werden, daß ich zu seiner Zeit einmal von Ihnen vernehme, wie es auf Sie gewirkt hat. Blicke ich in das Publikum, so kann ich nur zweifeln und zagen. Die Rahels und Bettinen und absterbenden Stieglitze sind nebst einigen _Jungens_ Deutschland, Atheismus und aufgewärmtem Baron Holbach wohl die einzige mundende Kost der Gegenwart.
Ihre Novelle habe ich im vorigen Herbste mit großem Antheil gelesen. Ich fand, daß sie mehr in den Gesetzen der Gattung sich bewegte, als manche andre Ihrer letzten Dichtungen dieser Art. Der Witz und die Lehre, überhaupt die Idee des Ganzen steckt ganz in der Handlung und in den Situationen, und das ist mir nun einmal ~cardo rei~ bei der Novelle. In dieser Beziehung haben Sie wirklich etwas Außerordentliches darin geleistet, auch finde ich bei der Anlage, die sie ihr gaben, durchaus nichts Hartes und Grelles in den Verknüpfungen und Katastrophen. Aber freilich -- sagt Zettel -- einen Löwen -- Gott behüt’ uns -- unter Damen zu bringen, ist eine gräuliche Geschichte! --
Wie ist es denn mit den Cevennen? Haben wir nun wirklich Aussicht dazu?
Im verwichnen Winter habe ich hier Calderons Richter von Zalamea in die Szene gehn lassen. Ich erinnere mich, bei Malsburg gelesen zu haben, daß Sie das Stück -- welches auch wirklich etwas ganz Besondres, eine Art Spanischer Iffland ist -- vorzüglich intereßirt, und so wird Ihnen diese Nachricht auch nicht ohne Intereße seyn. Meine Bearbeitung theilte das Stück in 4 Acte, mancher Luxus war hinweggeschnitten, auch fehlte der närrische Junker und sein Diener, welche zu ihrem Nachtheil an Don Quixote und Sancho erinnern, und heut zu Tage wohl nicht mehr populair gemacht werden können. So eingerichtet, kräftig und präcis gegeben, that es seine volle Wirkung; das atroce Verbrechen des letzten Acts choquirte auch weniger, als ich selbst gedacht hatte, weil das Verletzende vor der Tragik und Delicatesse der Behandlung verschwand. -- Auch Terenzens Brüder wurden einmal hier wieder auferweckt. An solchen und ähnlichen Abenden kann man denn sich einbilden, man verzettle seine Zeit nicht unverantwortlich mit der Bühne, was Einem sonst nur zu oft in den Sinn kommt.
Ich wünsche nun nichts sehnlicher, als daß mir Muth und Stimmung kommen möge, den Blaubart noch in dieser Saison wieder anzufassen. Die gehören freilich zu solchem Unternehmen. Wenn er gegeben wird, erhalten Sie von mir Nachricht.
Herr v. Uechtritz, mit dem ich mich nach einigen Mißverständnissen, welche uns eine Zeit lang von einander hielten, wieder sehr gut und freundlich zusammengefunden habe, ist mit den Vorbereitungen zu einer großen Novelle beschäftigt. Sie soll die ersten Zeiten der Reformation und deren Wirkungen in Italien darstellen, und er ist zu der Arbeit wohl durch Rankes Buch angeregt worden. Er wird Sie im Herbst besuchen. Wie gern nähme ich denselben Weg, doch werde ich wohl hier hausen bleiben müssen.
Ihrem ganzen Hause mich angelegentlichst empfehlend, bin ich mit unwandelbarer Gesinnung
der Ihrige
_Immermann_.
XII.
_Düsseldorf_, d. 8. August 1836.
Der anliegenden Einladung der Gräfin Ahlefeldt für Sie, mein theurer Gönner und Freund, und Gräfin Finkenstein, bei ihr zu wohnen, kann ich meinerseits nur den Wunsch hinzufügen, daß Sie das freundlich gemeinte Erbieten annehmen mögen. Ich freue mich sehr auf Ihr Hierseyn, und um so mehr, wenn mir in der Stille und Ruhe eines Privathauses die Gelegenheit wird, recht ungestört mit Ihnen mich auszusprechen. Schlagen Sie also gütig ein.
Wenn es Ihnen möglich ist, so wäre es sehr gut, Sie kämen etwas früher, als Sie sich vielleicht ursprünglich vorgesetzt haben, und träfen spätestens am 20. d. M. hier ein. Die Gemälde-Ausstellung wird kaum bis zum 24. oder 25. dauern, mehrere Künstler verlaßen den Ort gegen Ende August, um ihre Herbstreisen zu machen, auch Uechtritz und Schnaase wollen fort, der Eine nach Berlin, der Andre nach München. So wäre es leicht möglich, daß Sie das leere Nest fänden, wenn Sie erst in den letzten Tagen des August hier einträfen. Überhaupt müssen die Ressourcen unsres kleinen Orts beisammen seyn, wenn Sie sich hier unterhalten sollen. Kommen Sie aber bis zum 20ten, so kann Alles recht hübsch werden. Sie haben wohl die Güte, mir vorher noch einmal zu schreiben, und den Tag Ihrer Ankunft zu bestimmen?
Den jungen Tischlermeister habe ich gelesen, und mich sehr daran erfreut. Man fühlt, daß darin ein Stück Ihrer glücklichsten Jugend aufbehalten ist, es ist Manches so frisch, wie in den Mährchen des Phantasus. Zugleich ist die Idee, daß der Mensch, um zur Reife der Männlichkeit und der häuslichen Verhältniße zu gelangen, erst noch manche vorbehaltne Jugendsünde und Jugend-Thorheit nachgenießen muß, sehr schön und wahr durchgeführt. Als ich das erste Fragment von Ihnen in Dresden vorlesen hörte, meinte ich, der Baron werde dem jungen Meister in seinem Hause bei der Frau allerhand Leid verursachen, oder zu verursachen suchen, und war einigermaßen überrascht, als der zweite Theil hiervon nichts besagte. Außerordentlich glücklich und fein ist die ganze Führung des Theater-Abenteuers. Ja, dieß ist wirklich die Geschichte aller Theater in Deutschland, oder des deutschen Theaters überhaupt. Erst mißverstandne Versuche vor Puppen und Perücken, dann ein glücklicher Moment, wo Zufall, Begeistrung, Laune und Empfänglichkeit einander die Hände reichen, und gleich darauf der jähe Fall in einen wüsten Spektakel von Crethi und Plethi. Unsre hiesige Bühne steht auch schon hart an der Grenze dieses letzten Stadii, der Einfluß des Pöbels auf das deutsche Theater ist einmal nicht abzuwehren, und ich werde binnen Kurzem nur eben noch für meine Person im Stande seyn, mich von der Sache abzuthun, bevor Hinz und Kunz ihr liebliches Wesen treiben auf den Brettern, die wenigstens mir meine Welt nicht bedeuten, wie sie sind.
Was Sie mir über die Epigonen sagen, hat mich sehr erfreut, da es mir beweist, daß die Production doch einen spezifischen Eindruck auf Sie gemacht hat, der bei jeder Arbeit immer das Hauptsächlichste ist. Daß gerade über eine solche, wie die Epigonen sind, die Meinungen besonders Anfangs differiren, liegt in der Natur der Sache, und so muß ich Ihnen gestehn, daß mir selbst _die_ Eigenschaften, welche Sie hervorheben, nicht so einleuchten wollten als das Charakteristische des Werts. Doch hierüber vielleicht mündlich, wenn Sie Lust haben, mit mir über das Buch zu sprechen.