Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 6
In Berlin lernte ich zwar Ihren Freund Steffens kennen, sah ihn aber für meinen Wunsch zu wenig, wie das in der großen Stadt, wo Jeder nur in seinem Kreise sich bewegt, bei kurzem Aufenthalte zu geschehen pflegt. Das jetzige Treiben dort hat mir wenig gefallen, ich glaube auch kaum, daß es Ihnen behagen würde. Es fehlt durchaus an einem großen durchgreifenden Interesse, sei es für Gegenstände des öffentlichen Lebens, sei es für Kunst und Wissenschaft. Was man jetzt dort Liebe zur bildenden Kunst nennt, ist auch so weit nicht her, wenigstens klagten grade die ersten Künstler, die mir über diesen Punkt ihr Vertrauen schenkten, über Mangel an erwärmenden Begegnungen in dieser Sphäre. Hier, wie in den übrigen ist nichts sichtbar als eine gewiße unruhige Lebendigkeit, eine Beschäftigung mit den Dingen ohne Glauben und Enthusiasmus. Was die sogenannten Dichter und Literatoren betrifft, so sind sie unter aller Kritik; diese Leute halten von sich und von Andern nichts; damit ist ihr Wesen hinreichend bezeichnet.
Der Sinn für Poesie und ein gewißer freierer Literaturgeist könnte sich der Natur der Sache nach nur durch ein bedeutendes Theater, welches sich wunderbare, neue, tiefsinnige Aufgaben stellte, wieder erwecken lassen. Und da ist nun, wie ich glaube, auf zwei Menschenalter hin, methodisch verwüstet worden. Die Berliner Bühne hat keine Fehler mehr, sie ist negativ geworden, sie stagnirt. Ich habe Manches gesehen, was ganz gut gespielt ward, aber Alles war Routine, Dienst, Reglement, und nirgends konnte ich den Funken eines Talents, welches sich auf eigenthümliche Weise Luft machen wollte, erblicken. Einiges, wie _Wallenstein_ und _Kaufmann von Venedig_ war so schlecht und geistlos, daß ich mich schämen würde, es hier so mit meinen Anfängern zu produciren. Im Kaufmann gab Rott den Shylock, von dem er ja wohl damals bei Ihnen sagte, er spiele ihn ganz hoch und ernst, noch mehr als zerkniffnen Schacherjuden, als weiland Devrient.
Dieser Zustand der Dinge ist um so beklagenwerther, als eigentlich die ganze Stadt ein Bedürfniß nach einem guten Theater hat, ohne welches sie ja auch weniger als eine andre existiren kann. Die Häuser sind voll und man nimmt auf Berlinische Weise Theil, selbst an der gegenwärtigen Mittelmässigkeit. Es ließe sich also wohl hoffen, daß wenn die Anstalt die Sache aus dem Gesichtspunkte der gegenwärtigen deutschen Cultur griffe, für eine Reihe von Jahren wieder etwas Beßeres dort entstehen könnte.
Mein hiesiges Theaterproject, dessen Realisirung ich Ihnen eben gern melden wollte, und leider noch nicht melden kann, beruht grade darauf, die Literatur und Poesie wieder mit der Bühne in Verbindung zu setzen. Es ist dieß nicht unmöglich, wenn man die Sache leise anfaßt, und nicht zuviel auf einmal von den Leuten verlangt. Hin und wieder muß man sich auch accommodiren können; wenn man aber das thut, so weiß ich durch selbstgemachte Erfahrungen, daß die Menschen nicht so unempfänglich für Feineres und Tieferes sind, als sie gemacht werden. So werde ich z. B. wenn mein Theater zu Stande kommt, gleich im ersten Winter Ihren Blaubart bringen und bin über den Erfolg ganz ruhig. Ich werde mich aber nach der Lehre des Katers richten, gar nicht thun, als ob dieß etwas Besondres wäre, es mit dem übrigen Repertoir sacht herandringen lassen, und die neue Speise soll genossen seyn, ehe man noch gewußt hat, daß sie zubereitet worden ist.
Bis mir die Wirkung im Ganzen vertraut wird, fahre ich fort, hier im Einzelnen thätig zu seyn. Ich habe nach meinen Ideen _Egmont_, _Nathan_, _Braut von Messina_ und _Andreas Hofer_ in die Szene gesetzt, wobei mir Seydelmann aus Stuttgart sehr hülfreich war, der eine Zeitlang hier gastirte. Ich habe Sie nie von ihm sprechen hören; wenn Sie ihn nicht kennen, so thut es mir leid. Mir ist er eine neue und wahrhaft künstlerische Erscheinung gewesen, die durch harmonisches Zusammenwirken von Verstand und Phantasie, Präcision und weise Beschränkung immer etwas höchst Wohlthuendes hat. Sein Carlos in Clavigo ist nach meinem Gefühle ein Meisterstück, wie man nur eins auf der Szene sehn kann. Groß und sonderbar, abweichend von der gewöhnlichen Darstellungsweise, faßt er den Mephistopheles, und in leichten komischen oder historischen Masken ist er unübertrefflich.
Da Ihnen zu meiner großen Freude Hofer in seiner gegenwärtigen Gestalt gefällt, so wird es Sie vielleicht interessiren, wenn ich Ihnen sage, daß das Stück sich auf der Bühne gut ausnimmt, und hier eine vollständige Wirkung hervorgebracht hat. Was am meisten eindrang, war: die Mystification des Herzogs von Danzig im I. Act. Die heroischen Szenen von Hofer im II. Act. Die diplomatische Szene -- Die Szene zwischen dem Vicekönig und Hofer. Der Schluß des 4ten Acts und der ganze 5te.
Obgleich dieser Erfolg in einer kleinen Stadt für mich keinen weitern Vortheil haben kann, so hat er mich doch sehr gestärkt und beruhigt. Ich kann nicht bergen, daß ich schon seit Jahren und namentlich seit dem Erscheinen des Alexis einen großen Mißmuth über die völlige Geringschätzung, womit mich die sogenannte reale Bühne bei Seite liegen läßt, empfinde. Hieran reihten sich peinigende Zweifel über meinen Beruf. Ich habe aber nun an der Aufführung des Hofer gesehen, daß es wenigstens meine Schuld nicht ist, wenn meine Sachen nicht gegeben werden.
Wie oft dachte ich der guten Stunden, die ich im Herbst mit Ihnen zubringen durfte und wünschte mir sehnlichst die Wiederkehr auch nur einer derselben! Sind Sie denn jetzt auch recht gesund? Werden Sie in diesem Jahre ins Bad gehn, und wohin? Ich könnte, wenn ich es bei Zeiten erführe, vielleicht auch dorthin auf einige Tage kommen, denn Sie hier in Düsseldorf zu sehn, ist doch wohl nur eine vergebliche Hoffnung. Ihr: „Tod des Dichters“ hat überall, wo ich darüber mit Jemand sprechen konnte, einen schönen Eindruck hervorgebracht. Mit dem gestiefelten Kater gelang es mir, hier eine Gesellschaft von achtzig Personen, vor der ich wieder wie früher, im Winter einige dramatische Gedichte vortrug, in ein unauslöschliches anderthalbstündiges Gelächter zu setzen.
Ich bitte Sie, wenn Sie über Ihre Reise entschieden sind, mir ein Paar Zeilen zu schreiben, oder Fräulein Dorotheen zum Bruch ihres Gelübdes, nie etwas Schriftliches an einen Mann zu erlassen, zu vermögen. Ich sehe Sie dann, wenn es mir irgend möglich ist.
Die Handschrift des neuen Hofer habe ich nicht geschickt, weil er bald gedruckt in den 4 ersten Bänden meiner Schriften erscheint, die ich Ihnen gleich nach deren Erscheinung überreichen werde. Ich wußte doch vorher, daß er dort nicht aufgeführt werden würde.
Gegenwärtig bin ich emsig an meinem Romane: die Epigonen, und hoffe noch im Sommer diese Arbeit zu vollenden. Ich bin seit 11 Jahren damit beschäftigt; ist er also fertig, so wird mir eine große Last abgenommen seyn. -- Haben Sie die Güte, Ihrem ganzen Hause, wozu ich auch Frau Solger zähle, mich auf das angelegentlichste zu empfehlen. Mit aufrichtigster Gesinnung
Ihr
treu ergebner
_Immermann_.
VII.
_Düsseldorf_, d. 7. Nov. 1834.
Vor etwa zehn Tagen ließ ich die ersten vier Bände meiner Schriften an Sie, theurer Meister, abgehn, und dachte mit dem nächsten Posttage an Sie zu schreiben. Das Gedränge, worin ich jetzt stecke, hat aber diese Zeilen bis heute verzögert. Unterdessen sind jene Bände bei Ihnen angelangt, und werden hoffentlich von Ihnen mit gewohnter Freundlichkeit empfangen worden seyn. Es ist viel Neues darin, noch Mehreres, was früher schon vorhanden, jetzt eine neue Form gewonnen hat. So ist namentlich Tulifäntchen in der jetzigen Gestalt knapper und präciser gehalten.
Ich betrachtete es als ein wahres Unglück, daß wir uns im Sommer verfehlten. Welchen angenehmen Tag hätten wir zusammen haben können! Wir sind wenige Meilen an einander durchgefahren, Sie über Heidelberg, ich über Mannheim; leicht wäre es mir gewesen, jene Tour zu nehmen, und mit Ihnen einen Tag in Heidelberg zu seyn. Vielleicht, daß das künftige Jahr mir in dieser Hinsicht mehr Glück bescheert.
Hoffentlich steht es in Ihrem Hause jetzt wieder wohl, oder besser doch, als damals, wo Sie mir schrieben. -- Ihrer heitern Laune in der Vogelscheuche habe ich mich sehr erfreut; in diesem Mährchen ist eine unendliche Fülle des graziösesten Scherzes (trotz des verhängnißvollen Hans -- im Himmel und auf Erden) und der lieblichsten Naturanschauungen. Nur fürchte ich, werden es Ihnen unterschiedliche distinguirte Charaktere in Literatur und Kunst, beim Militair und Civil übel gedenken, daß Sie ihren Stammbaum von gebranntem Leder so schonungslos enthüllt haben. Hegel und seine ganze Schule war, wie ich glaube, ähnlicherweise aus den Erbsenfeldern gelaufen.
Meine Tage werden jetzt ganz von dem Geschäfte für die Bühne absorbirt; ich kann weder etwas schreiben, noch lesen. Hätte ich auf eine augenblickliche Vergeltung der sauersten Mühen gerechnet, so müßte mir meine Lage sehr peinlich vorkommen, da ich aber dieses Geschäft mit völliger Resignation anfing, so tröstet mich nur der stille Gedanke, daß, wie übel der Anschein der Dinge auch immer seyn möge, Fleiß und Liebe nie ganz umsonst aufgewendet wird. Ich eröffnete die Bühne vor etwa 14 Tagen mit einem Vorspiele von mir, und dem Prinzen von Homburg, der vortrefflich gegeben wurde. Namentlich wird man, das darf ich kühn sagen, die Paroleszene, die Schlacht und den 5ten Act nicht leicht beßer sehn können. Hätte ich Sie doch unter meine Zuschauer zaubern können!
Von bedeutenden Aufgaben, die seit der Zeit gelöst worden sind, kann ich Ihnen ferner Macbeth nennen. Ich wollte ihn erst nach Ihrer Übersetzung geben, aber als ich erwog, daß für diesen Vers unsren Schauspielern zur Zeit noch die Zunge, und unsrem Publico das Ohr gebricht, so entschied ich mich doch für Schiller, legte aber die Hexenszenen aus Ihrer Übersetzung ein. Die Hexen wurden nicht als Furien, sondern als häßliche ekelhafte alte Weiber gespielt, wo mir denn wenigstens die Genugthuung wurde, daß während jene Gestalten in der Regel Lachen erregen, dießmal ein rohes Sonntagspublicum dem alten Weiber-Gekreische so still zuhörte, als säße es in der Kirche.
Den ersten Act schloß ich, zum Theil durch die Beschränkung meiner kleinen Bühne gezwungen, mit der 4ten Szene, so daß nun der ganze Aufzug ein kurzes stürmisches Schlacht-, Zauber- und Gewitterbild war. Der zweite Act begann mit der Brieflesenden Lady, und in diesem hatte ich von Shakespeares, mir durch Sie erst klar gemachten Intentionen soviel gerettet, als möglich war. Die Szene blieb unverändert, und stellte einen engen gothischen Hof des Schlosses Inverneß mit einem Balcon und verschiednen Ein- und Ausgängen vor. Der Act begann gegen Abend, dauerte die Nacht hindurch und schloß am Morgen. Freier Himmel, der Mond hinter schwarzen Wolken, Sturm und Regen spielten mit.
Das Arrangement war so:
~a. a. a.~ Hauptgebäude des Schlosses mit einem seitwärts hervorspringenden Vorbau.
~b.~ Pforte, durch welche die Lady Brief lesend, und am Morgen nach dem Morde auftritt.
~c.~ Eine Treppe mit einem Balcon an dem Seiten-Vorsprunge des Hauptgebäudes. In diesem Seitenvorsprunge wurde der Speisesaal, das Schlafzimmer Duncans und der Prinzen angenommen. Duncan führte die Lady über diese Treppe durch die Thür ~d~ ab. Die Lords gingen durch die untre Thür ~b~ und kamen aus derselben.
~e.~ Seitenpforte zu äußern Schloßgebäuden, worin die Schlafzimmer der Lords angenommen wurden. Sie gingen also am Abend von ~b~ nach ~e~ und stürzten am Morgen aus ~e~.
~f.~ Seitenpforte zu der Pförtner-Wohnung und Wirthschaftsgebäuden, woher am Abend die Speisen getragen wurden.
~g. g.~ Hintergebäude, Zugbrücken, Thürme, Gebüsch.
Durch diese Anordnung bekamen nun die Szenen, welche sonst trotz des in ihnen waltenden Übermaaßes von Poesie kalt vorübergehn, ein außerordentliches Leben. Die winklichte Mondbeschienene Architectur hatte schon etwas Geheimes, Grauenvolles, und nun das Gehn und Kommen von verschiednen Seiten, aus 4 Thüren, das Hinauf- und Hinuntersteigen! Wahrhaft sublim machte sich der Moment, wo die Lady unten an der Balcontreppe lauschend gekauert, flüstert, und Macbeth eben auf den Balcon mit den Paar entsetzten Worten hinaus- und gleich wieder zurückstürzt. Sehr schön baute sich auch bei dieser Einrichtung das Tableau des Morgens. Von allen Seiten kamen Gruppen zu Stande, und den Gipfel bildeten die beiden Prinzen, die oben auf dem Balcon blieben.
Reußler, den Sie in Baden kennen gelernt haben, spielte den Macbeth. Roh, verworren, halbverrückt von Stolz und Zaubersprüchen, nach meinem Gefühle nicht unwürdig des großen Werks, freilich nicht in dem Sinne unsres Publicums, welches hier, wie aller Orten verlangt, daß der Held, wenn er auch seinem König die Kehle abschneidet, von Liebenswürdigkeit glänzen soll. Herrlich wurde Macduff gegeben, nie habe ich die Reden des 2ten Acts mit so grandiosem Pathos vortragen hören; ich wurde an Aeschylus erinnert. Schenck heißt der Schauspieler, der ihn gab. -- Die Nachtwandelszene ließ ich ohne allen Accent, und scharfes Einschneiden der Rede, was sonst üblich ist, sondern nur so leise tonlos hinflüsternd sprechen.
Zunächst habe ich von großen Sachen: Hamlet, Stella, Minna v. Barnhelm, Schule der Alten, vor mir. Von ganz ungangbaren Werken, deren Darstellung ich in diesem Winter versuchen will, nenne ich Ihnen den Blaubart, König Johann, Richter von Zalamea, Coriolan, Alexis. Mein Repertoir ist wunderbar componirt, ich suche mir durch Auftischung des Gewöhnlichen Raum und Vergunst für meine Lieblinge zu gewinnen.
Die Gesellschaft ist gut zusammengesetzt. Mehrere hübsche, frische Talente, kein einziges exorbitantes Genie, kein einziger Dummkopf. Noch zeigen sie Lust an dem Neuen, was ich mit ihnen, und durch sie versuche.
Aber alles dieses kann, wie man die Hand umdreht, sich ändern. Ich bin daher auch jetzt bei gutem Fahrwasser und Winde schon auf Schiffbruch gefaßt.
Mögen diese Zeilen Sie gesund und heiter treffen! Ihrem ganzen Hause mich bestens empfehlend, bin ich unverändert
Ihr
treu ergebener
_Immermann_.
VIII.
Den 23ten April 1835.
Wie ich Ihnen vor einigen Tagen schrieb, benutze ich gegenwärtig die Gelegenheit Ihnen noch einiges Nähere über die Aufführung des Alexis durch Hrn. Weymar mitzutheilen, den ich Ihnen zu gütiger Aufnahme bestens empfehle. Er selbst hat sich in der Rolle des Alexis recht gut aus der Sache gezogen, und das Einzelne, was ich noch hin und wieder in der Auffassung vermißte, würde wohl auch kein anderer Darsteller in dieser schwierigen und verwickelten Rolle gleich bey der ersten Aufführung besser als er geleistet haben.
Die beiden Theile wurden, wie die beyliegenden Zettel besagen, an zwei Abenden hinter einander gegeben. Es war eine gewaltige Arbeit, diese 10 Acte in wenigen Wochen in die Scene zu setzen. Die Hauptschwierigkeit, welche sich bey dem Geschäfte zuerst aufthat, war, daß fast alle Rollen sich als Charakter-Rollen zeigten, und eigentlich keine in der hergebrachten Bühnenweise zu spielen war; eine fernere Schwierigkeit lag in dem Laconismus der Expositionen und historischen Töne, so daß die Schauspieler nun wieder gezwungen waren, von ihrer Gewohnheit abzuweichen und diese Dinge mit einer Präcision vorzutragen, welche sie allein für die Zuschauer deutlich machen konnte. Dies waren die wahren Schwierigkeiten, alle übrigen, welche Direction und Intendanzen aus dem Scenischen hervor gesucht haben, ließen sich bey dem ernsten Angriff der Sache nicht entdecken.
Indessen sind auch jene zu überwinden gewesen. Die Darstellung des ersten Theils hatte noch hin und wieder etwas Unsicheres, Unfertiges, Überladenes, die Aufgabe war für die Vorstellenden noch zu neu, doch ging alles im Ganzen mit Geist, Kraft und Energie vorwärts. Die meiste dramatische Wirkung entwickelte sich in den Bojaren-Scenen des ersten Aufzugs, in den Scenen des Alexis im zweiten Aufzug, in der für undarstellbar ausgegebenen Schiffsscene, in den Bauer-Scenen des 4ten Aufzugs, und in der Schlußscene zwischen Vater und Sohn. Wie ich die Schiffsscene arrangirt, wird Ihnen Hr. Weymar noch näher sagen.
Im zweiten Theile war nun alles zu Hause, und diese Vorstellung rollte mit einer Kraft und Gewalt ab, wie man gewiß selten ein dramatisches Werk produzirt sieht; ich kann sagen, daß ein Jeder darin mit Begeisterung spielte, man mußte diese Vorstellung eine vollendete nennen. Die todte Form, an welcher der lebendige Czar zerbricht, gewann durch charakteristische Darstellung des Tolstoi selbst ein furchtbares Leben.
Die Erscheinung des Gerichts hatte ich so imposant als möglich gemacht, auch hierüber wird Ihnen Hr. Weymar näheres sagen.
Was mir sehr zu statten kam war, daß der Schauspieler, welcher den Czar spielte, ganz in meine Absichten eingegangen war, und wirklich etwas Großes leistete. Der Effect auf die Zuschauer war denn so, daß der erste Theil wie ein Prolog wirkte, sie in Spannung und Aufmerksamkeit erhielt; der zweite Theil aber sie fortriß. In diesem Theile wechselten nur die untrüglichen Zeichen der vollendeten Wirkung ab, nemlich Todtenstille und lebhafter Applaus.
Da ich Ihren Antheil an diesen Sachen kenne, so bin ich so weitläuftig gewesen und fürchte nicht, Sie damit ermüdet zu haben.
Manche trübe Zweifel, welche die Vernachlässigung meiner Arbeiten seitens der sogenannten realen Bühne in mir hervorgebracht hatte, sind durch die Aufführung des Alexis und durch die des Hofer im vorigen Jahre niedergeschlagen worden. Ich weiß nun, daß diese Stücke dem deutschen Theater angehören, und über Kurz oder Lang über dasselbe ihren Gang nehmen müssen, wie sehr man sich auch dagegen sperren mag. (?)
Jetzt bin ich am Blaubart und habe heute die erste Leseprobe davon gehalten, bei welcher Hr. Weymar auch noch zugegen war.
Ich leide an einem Augenübel und muß mich deshalb fremder gütiger Hand bedienen, um mich mit Ihnen unterhalten zu können. Das Verdrieslichste bey diesem Umstand ist mir, daß sich dadurch die Aufführung des Blaubarts vielleicht verzögert.
Ihr Freund Löbell ist hier und hat sich vorgenommen, letztere abzuwarten.
Mit treuer Gesinnung der Ihrige.
_Immermann_.
IX.
_Düsseldorf_, 4. May 1835.
Ich übersende Ihnen, mein Hochverehrter, den Zettel der gestrigen Aufführung des Blaubart, welche ein sehr erfreuliches Resultat gegeben hat.
Das Erfreulichste war mir, daß das Stück sich wirklich, wie ich beständig geglaubt hatte, als völlig dramatisch-theatralisch bewährt hat. Die sonderbaren maskenartigen Figuren der ersten Scenen beschäftigen und fesseln und bringen bei dem überhaupt für Poesie Empfänglichen sogleich die gehörige Stimmung hervor. Nach und nach tritt der Ernst heran, die Spannung steigert sich gelinde, und wächst bis gegen das Ende zum tragischen Affect, auf welchem Gipfel sich das Werk wieder durch Scherz gelinde beruhigt. Kurz, es sind in diesem freien Gebilde der Phantasie zugleich alle Requisite des materiellen Theaters vorhanden. Das wußte ich freilich längst von diesem, wie von manchem andern Ihrer oder Andrer Werke, allein es ist doch erfreulich, dieses isolirte Wissen nunmehr durch die Praxis bewahrheitet zu sehn. Mein Glaube steht fester als je, daß unsre Bühne nicht verarmt ist, vielmehr auf der Stelle reich dastehn würde, wenn wir nur uns entschließen könnten, die unbenutzten Schätze, welche wir noch haben, hinauf zu fördern.
Die Darstellung war eine gute zu nennen; ich glaube, daß Sie mit derselben nicht unzufrieden gewesen seyn würden. Obgleich Vieles in den Händen größerer Künstler (denn das Stück verlangt bis in die kleinen Rollen hinein eigentlich bedeutende Talente) noch schärfer, origineller, markiger ausgefallen wäre, so kann man doch dreist behaupten, daß der Sinn und Humor keiner einzigen Szene verloren gegangen ist. Selbst bis zu den Handlangern herab war es gelungen, den Geist des Ganzen ihnen beizubringen. Und das Stück zeigte sich so leicht behandelbar, daß ich mit geringen Vorbereitungen dessen mächtig geworden bin. Eine Vorlesung, zwei Lese- und drei Theaterproben genügten, den Blaubart in die Szene zu setzen. In besonders guten Händen waren Agnes, Simon, Winfried, Rathgeber -- auch der Blaubart und der Narr waren nicht schlecht. Mechthilden muß ich ebenfalls noch lobend erwähnen. Sublim machte sich die Erzählung des Mährchens, die ich tableauartig hatte arrangiren lassen. Im Ganzen ließ ich die Farben dreist und keck auftragen, auch was Costum, Maske, Apparat u. s. w. betrifft.
Da wir beide den schändlichen Zustand unsres heutigen Theaterpublicums kennen, so werden Sie sich nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, daß ich mit stiller Resignation ins Theater ging, auf eine völlige Niederlage gefaßt, wobei indeßen, wie jener französische König sagte, die Ehre nicht verloren gegangen wäre. Nun war aber der Erfolg ein ganz andrer, angenehmerer. Von vorn herein herrschte die größte Aufmerksamkeit im ganz gefüllten Hause (~NB.~ beim schönsten Maiwetter). Alles Lustige, Humoristische wurde belacht, die tiefsinnigen Unterhandlungen zwischen Simon und dem Arzt, diesem und dem Blaubart erregten die größte Lust, tiefe Stille bei den tragischen Szenen, häufiger Applaus, endliches Hervorrufen von Agnes und dem Blaubart -- kurz, alle Zeichen eines vollständigen Erfolgs. Ich habe nach diesem Abende die Hoffnung, den Blaubart förmlich dem currenten Repertoir einverleiben zu können. Das ist sehr wenig und sehr viel, wie man es nimmt.
Aus dem Zettel ersehen Sie, daß ich Abänderungen und Einrichtungen vorgenommen habe. Sie trauen mir den lächerlichen Dünkel nicht zu, Sie verbessern zu wollen, allein man muß durchaus, will man bei gewagten Sachen noch einige Chancen des Gelingens für sich behalten, sich gegenwärtig zu Manchem verstehn.
So ist es mir ein Erfahrungssatz geworden, daß bei solchen Productionen, je weniger Zwischen-Acte sind, desto mehr noch an einen Erfolg zu denken ist. Die poetische Stimmung verfliegt bei der barbarischen Menge den Augenblick wieder, wenn sie nicht möglichst condensirt zusammengehalten wird. Mit der Zusammendrängung der Stella in 3 Acte war es mir schon gut gelungen, und nun ist dieselbe Operation, wie ich glaube, auch dem Blaubart zu Statten gekommen. Ich habe aus Act 1 und 2 den Ersten aus Act 3 und 4 den zweiten Act gemacht, und der 5te Act ist der dritte geworden.
Manches habe ich gekürzt. Dann war es für das Theater durchaus nothwendig, die secundaire Handlung (Morloff, Reinhold, Brigitte, Leopold) völlig zum Abschluß zu bringen, bevor die tragische Katastrophe der Haupthandlung eintrat, weil das Eintreten der zweiten Handlung, nachdem die Haupthandlung zum Ende gediehen ist, für unser nicht mit einem Male von dem Gelüste nach starken Effecten abzubringendes Publikum eine ~longueur~ gewesen wäre, welche vielleicht den ganzen Schluß umgeworfen hätte. Ich ließ also schon im finstern Wald den alten Morloff seine Tochter wiederfinden, ihr vergeben, und diese ganze Gruppe nur zum Schluß mit einigen auf Agnes bezüglichen Worten wieder eintreten.
Die Szenerie Ihres Werks zum Schluß hätte eine bedeutende tragische Handlung auf einen engen Raum zwischen Podium und Soffiten ängstlich zusammengepreßt, welches, wenigstens auf unsrer kleinen Bühne, die ganze Wirkung vernichtet haben würde. Ich nahm also das ganze Theater zum Altan, ließ hinten das Podium aufnehmen, Luft und vorragende Gebirgsspitzen hinhängen, um die Höhe zu versinnlichen, und Alles von unten und hinten auf den Altan kommen.
Winfried schloß das Ganze mit einer gereimten ~Captatio benevolentiae~ an die Zuschauer.
Wenn es Sie interessirt, will ich das Buch, wornach hier gespielt worden ist, übersenden.