Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band

Part 27

Chapter 273,323 wordsPublic domain

Ihren Mittheilungen für das Morgenblatt, und besonders auch für das Literaturblatt seh ich mit der größten Begierde entgegen. Es wäre mir äußerst erwünscht, wenn die belletristische Kritik in diesem Blatte mehr gehoben würde. Wissen Sie niemand, der noch dafür tauglich wäre? Ich muß dafür sorgen, daß Ihr Name nicht gar zu vereinzelt steht, daß hinter dem Mond auch einige Sterne sich sammeln. Die Dresdner Morgenzeitung war im Ganzen eine zu schlechte Folie für Ihre Edelsteine. Ich wünschte sehr, das Literaturblatt möchte Ihrer würdiger seyn.

Indem ich Ihnen die erfurchtsvollsten und herzlichsten Grüße meiner Frau und aller meiner Freunde ausrichte, bitte ich Sie zugleich, mich der Frau Gräfin und Ihrer liebenswürdigen Tochter aufs angelegentlichste zu empfehlen. Mit unwandelbarer Ergebenheit

Ihr

_Menzel_.

~N. B.~ Die spanischen Bücher und ein aus Straßburg gekommenes Paket hab ich wenige Tage nach Ihrer Abreise von hier durch die Frankhsche Buchhandlung an Ihre Addresse in Dresden abgehn lassen.

III.

_Stuttg._, d. 6ten Aug. 1829.

_Verehrtester Herr Hofrath!_

Ist es mir erlaubt, bescheiden bey Ihnen anzuklopfen und mich Ihrem gütigen Andenken zu empfehlen, indem ich Ihnen schüchtern mein neues poetisches Product überreiche? Da Sie mein letztes Schreiben unbeantwortet gelassen und auch unsern Wünschen in Betreff des Morgen- und Literatur-Blattes nicht entsprochen haben, muß ich fürchten, Ihnen als ein lästiger Mahner zu erscheinen. Allein so schmerzlich mir auch Ihr Stillschweigen gewesen ist, unterstehe ich mich doch, was Ihnen gefällt, nicht einmal zu glossiren, geschweige übel zu nehmen. Die Liebe und Ehrfurcht, die ich für Sie hege, würden sehr verdunkelt werden, wenn sie Ihnen im mindesten lästig fielen.

Ich setze daher auch voraus, daß Sie nur in dem Falle meinen Brief beantworten werden, wenn Ihnen das dramatische Mährchen, das er begleitet, einer Berücksichtigung würdig scheint. In diesem Falle bitte ich Sie, mir Ihre Meinung darüber zu sagen und mir einen Wink zu geben, der auf meine künftigen poetischen Bestrebungen wohlthätigen Einfluß üben kann. Im entgegengesetzten Fall werde ich in Ihrem Stillschweigen die Verurtheilung meines poetischen Talentes lesen und mich nicht darüber beklagen, da ich es selbst schon seit geraumer Zeit verurtheilt hatte, und eigentlich nicht weiß, wie ich auf den Einfall gerathen bin, dieses Mährchen zu schreiben.

Ich bitte mich der Frau Gräfin und Fräulein Dorotheen angelegentlichst zu empfehlen und bleibe mit unwandelbarer Liebe und Verehrung

Ihr

ergebenster

_Menzel_.

IV.

_Stuttgart_, 25. Sept. 1835.

_Verehrtester Herr und Freund!_

Im Auftrage des Vereins, der das Denkmal Schillers besorgt, soll ich Sie dringend bitten, uns ein kleines Blatt von Ihrer Hand für das Album Schillers zu schicken. Der gedruckte Plan liegt bey. Der König von Bayern und eine große Menge der ausgezeichnetsten Gelehrten und Dichter haben uns bereits Blätter geschickt. Ihrem Herzen wäre es angemessen, es wäre höchst edel, würde einen sehr guten Eindruck machen, und Ihnen aufs neue viele Freunde machen, wenn Sie sich der Aufforderung nicht entzögen, auch ein Blatt in den Denkstein Schillers niederzulegen. Ich bitte sehr darum.

Neuerdings haben sich wieder junge ungezogene Leute aufgethan in einem gegen Sie sehr feindseligen Geist. Ich werde diese Menschen mit aller mir zu Gebot stehenden Energie bekämpfen und sowohl in meinem Literaturblatt, als in der zweiten Auflage meiner „Deutschen Literatur,“ an der jetzt gedruckt wird, Ihre Sache kräftig vertreten.

In der alten, nie wankenden Liebe

Ihr

ergebenster

_Menzel_.

V.

_Stuttg._, 4. Oct. 1838.

_Verehrtester Herr und Freund!_

Herr von Bülow wird Ihnen gesagt haben, daß ich durch die lange Abwesenheit des durch den Tod seiner Frau tief erschütterten Herrn von Cotta außer Stand gesetzt war, Ihnen früher seine Entschließung zu melden. Er ist endlich zurückgekehrt und hat mir gesagt, er habe bereits an Herrn von Bülow geschrieben. Ich hoffe demnach, daß diese Angelegenheit in Richtigkeit gebracht werden wird. In Bezug auf das, was Sie mir noch besonders aufgetragen, hat mich Cotta gebeten, Ihnen zu antworten: Er sey mit dem größten Vergnügen bereit in jedwede buchhändlerische Unternehmung mit Ihnen einzutreten, entsinne sich aber nicht, daß Sie ihm desfalls schon irgend einen _bestimmten_ Vorschlag gemacht hätten. Es wird also nur von Ihnen abhängen, das Nähere mit ihm zu besprechen. Wenn Sie nicht nach einer andern Seite hin verpflichtet sind, so würde Ihren sämmtlichen Werken wohl keine Firma besser anstehen, als die von Cotta.

Wenn Ihnen der Himmel nicht vergönnen sollte, die ganze und völlige Gesundheit wiederzuerlangen, so wollen wir ihn wenigstens bitten, Sie bey der bisherigen Dauerbarkeit, Fülle des Organs und herrlichen Jugend und Klarheit des Geistes zu erhalten, die Ihren Krankheitszustand fast beneidenswürdig macht. Ich wünsche sehr, einmal wieder in Ihr helles und tiefes Auge blicken zu können. Hoffentlich sehn wir Sie einmal wieder in Baden. Vielleicht unternehme ich endlich nach zwanzig Jahren wieder einmal eine Reise nach Norddeutschland und besuche Sie.

Uhland, Reinbeck, Hartmann, Schott, meine Frau, alle Ihre hiesigen Freunde empfehlen sich Ihnen aufs angelegentlichste. Uhland ist eben hier beym Landtag. Schwab aber ist schon seit einem Jahre aufs Land gezogen und lebt als Pfarrer gar idyllisch. Mit den herzlichsten Wünschen für Ihr Wohl und mit der Bitte, mich den Ihrigen ehrerbietigst empfehlen zu wollen

Ihr

treu ergebner

_Menzel_.

VI.

_Stuttg._, 27. Dez. 1839.

_Verehrtester Herr und Freund!_

Wir hoffen auf die in der Anlage bezeichnete Art und Weise seltene Sachen zum Druck zu befördern, für welche sich schwerlich ein Verleger finden würde. Wir wünschen besonders die höhere Aristokratie dafür zu interessiren. An Sie, als den Freund und tiefen Kenner altdeutscher und altromanischer Poesie geht nun die Bitte, uns mit Rath und That zu unterstützen und uns auf Manches aufmerksam zu machen, was des Abdrucks würdig wäre. Auch schmeicheln wir uns, Sie werden, wenn Ihnen unser Unternehmen gefällt, die höhern Kreise, in denen Sie walten, dafür interessiren.

Wir haben unter Anderm im Sinn, einige altspanische Romane abdrucken zu lassen. Was halten Sie davon?

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit und den herzlichsten Empfehlungen an die Theuern, die Ihnen angehören

Ihr

ergebenster

_Menzel_.

Meyerbeer, J.

Die erste der drei Zuschriften, welche den Namen des berühmten Compositeurs tragen, ist doppelt interessant; nicht nur weil sie die gemeinsamen Autorängste eines Dichters und eines Musikers auf einem und demselben Blatte ausstöhnt, sondern noch mehr weil es eben Maëstro Joachimo und L. _Rellstab_ sind, zwei ehemalige Erbfeinde aus höchst verschiedenen Lagern, welche sich hier im „Schlesischen Feldlager“ gleichsam zu einer Person verschmelzen, und wie in der _Ehe_ Mann und Weib es sein sollten, in der _Kunst_ eine Seele und ein Leib geworden scheinen.

Das zweite und dritte Zettelchen soll eben nur belegen, wie Tieck von allen Seiten in Anspruch genommen ward. Für Michael Beer’s „Struensee,“ welchen Meyerbeer, voll brüderlicher Anhänglichkeit, durch musikalisches Beiwerk zu neuem Dasein auferweckte, hatte T’s. Kritik von jeher väterliche Milde gezeigt.

I.

_Berlin_, d. 26t. Novbr. 1844.

_Hochgeehrtester Herr Hofrath!_

Je näher der Zeitpunkt der Eröffnung des Opernhauses rückt, je dringender fühlen wir die Verpflichtung, uns Ihnen gegenüber, hochgeehrtester Herr Hofrath, von dem Verdacht zu reinigen, als wüßten wir den Werth Ihres trefflichen Rathes nicht hinreichend zu erkennen. Wahrlich aber, es ist nicht eigener Wille, noch weniger Eigensinn oder Selbstschätzung, die uns zurückgehalten, uns Ihrer rathenden Hülfe noch mehr zu bedienen: es sind nur die immerfort theils hindernden, theils eilig drängenden Umstände, unter denen unser Werk ins Leben gefördert werden mußte. Im Sommer hatten das Bedürfniß der Muße zum Arbeiten, und andere Ursachen uns örtlich zerstreut; als wir im späten September (Componist und Dichter) uns wieder an einem Orte zusammenfanden, war indessen die Zeit so vorgerückt, daß nur _vorwärts_ gearbeitet werden mußte, häufig selbst so, daß wir nicht einmal mit einander Rath pflegen konnten. Noch heut giebt es Theile des Werks, die wir gar nicht _gemeinsam_ betrachtet haben, namentlich den ganzen so wesentlichen Schluß mit den geschichtlichen Gemälden, den Dichter und Componist jeder für sich allein behandeln mußten, ohne nur den Versuch der Zusammenwirkung gemeinsam angestellt zu haben. Die Proben sind jetzt das einzige, späte Mittel, uns über das Nothwendigste zu verständigen. Wenn es Ihre Zeit, Ihre Gesundheit irgend gestattete, daß Sie einer, oder einigen derselben beiwohnten, so würde uns dies gewiß von unschätzbarem Werthe sein, und dürfte uns Ihr so einsichtsvoller Rath, vielleicht noch im letzten Augenblick zu größtem Dank verpflichten. Freilich aber dürfen wir ein solches Ansinnen kaum stellen, sondern haben nur das Recht und die Pflicht, unsre Gesinnung in dieser Hinsicht anzudeuten.

Jedenfalls verdanken wir Ihnen schon, besonders über die Verknüpfung der Oper mit dem Nachspiel, sehr Vieles, wäre es auch nur die Warnung vor dem Unzulässigen. --

Es bleibt uns jetzt nichts übrig, als die günstigen Auspicien Apollo’s, dem das Haus, das wir einweihen sollen, gewidmet ist, auch für unser Werk anzuflehen; wir haben gewiß Viel gefehlt, Manches versäumt; jedoch wenigstens nach Kräften versucht, uns durch die Klippen der sehr schwierigen Verhältnisse zum Ziel zu kämpfen.

Möge dieses Bestreben uns auch Ihre Gunst und Nachsicht zuwenden, wenigstens das Wohlwollen nicht entziehen, was Sie uns bis dahin so gütig geschenkt haben.

Mit der Versicherung der aufrichtigsten Verehrung haben wir die Ehre uns zu nennen

Ihre ergebensten

_Meyerbeer_,

_L. Rellstab_.

II.

Sonnabend früh.

_Hochverehrter Herr Hofrath!_

Ich wähnte das hier mitfolgende Schreiben von mir an Sr. Majestät den König, dem Plane des Festspiel’s beigelegt zu haben, welches ich neulich die Ehre hatte Ihnen zu überreichen. Da dieses Schreiben die Gründe darlegt, welche mich bei der Wahl des Stoffes leiteten, so war es mein sehnlicher Wunsch, daß Sie hochverehrter Herr Hofrath die große Güte hätten, davon Kenntniß zu nehmen. Ich sehe so eben beim Ordnen einiger Papiere, daß dieses Schreiben bei mir liegen geblieben ist, und bin daher so frei, es Ihnen nachträglich mit der Bitte zu senden, einen Blick darauf zu werfen. Verzeihen Sie theurer hochverehrter Herr, Ihren Rath und Ihre Zeit so dreist in Anspruch zu nehmen. Aber Ihr wohlwollender liebenswürdiger Empfang giebt mir den Muth dazu.

Ich werde daher auch so frei sein, Ihnen, wie Sie es mir neulich erlaubten, heute Vormittag zwischen 12 und 1 Uhr meine Aufwartung zu machen.

Genehmigen Sie hochverehrter Herr Hofrath die Versicherung von der reinsten Verehrung

Ihres

ganz ergebensten

_Meyerbeer_.

III.

Montag.

_Hochverehrter Herr Geheimer Rath!_

Bei dem Interesse, welches Sie die Güte haben dem Werke meines verstorbenen Bruders Michael zu schenken, wollen Sie mir nun erlauben, an Ihr Urtheil zu appelliren. Es ist über die Besetzung einiger Rollen noch einige Meinungsverschiedenheit, die ich zu lösen Sie ganz ergebenst ersuche, mit der Bitte mir zu sagen, welche Sie für die beste halten. Herr Hofrath Teichmann hat es freundlich übernommen, Ihnen mündlich die nähere Mittheilung hierüber zu machen. Genehmigen Sie hochverehrter Herr Geheimer Rath die Versicherung der reinsten Verehrung und Ergebenheit

Ihres

gehorsamsten

_Meyerbeer_.

Minckwitz, ~Dr.~ Johannes.

Geb. am 21. Januar 1812 zu Lückersdorf bei Camenz, studirte in Leipzig (von 1830-35) und ging 1836, 37 nach Italien. Durch Bunsen in London erhielt er 1845 von dem Könige Friedr. Wilh. IV. von Preußen eine Pension und habilitirte sich an der Universität Leipzig 1855, wo er 1861 zum Professor ernannt, klassische Litteratur lehrt. Als Dichter setzte er die Richtung seines Jugendfreundes Platen fort. Humboldt hat ihn, durch ein an die deutsche Nation gerichtetes Sendschreiben (1856) für den größten Übersetzer der Alten anerkannt.

Aeschylos und Sophokles, verdeutscht in den Versen des Orig. (5. Aufl. 1862) -- Homer, verdeutscht in Prosa, 2 B. (2. Ausg. 1864) -- Euripides, verdeutscht in den Versarten des Originals, bis jetzt 9 Th. (1857-64) -- Aristophanes, verdeutscht im Versmaaße des Originals bis jetzt 5 Th. (1855-64) -- Gesammelte Werke, erster Band Lyrik enthaltend (1854) -- Lehrbuch der deutschen Verskunst (5. Aufl. 1863) -- Rhytmische Malerei der deutschen Sprache (1856) -- Der neuhochdeutsche Parnaß (1861). -- Sein wissenschaftliches Hauptwerk ist: die Vorschule zum Homer (1863), worin die Homerfrage vom Standpunkte der Volksdichtung aus gelöset wird. --

Außerdem mehrere _mythologische_ (z. B. Taschenwörterbuch der Mythologie aller Völker, 1856), _poetische_ (namentlich „der Prinzenraub,“ Schausp. 1839 und „der Künstler,“ Novelle 1862) und _kritische_ Werke von größerem Umfange (z. B. die Schriften über Platen). Endlich: Übersetzte Stücke von Pindar, Josephus und Lucian.

I.

_Dresden_, den 4ten November 1841.

_Hochgeehrtester Herr Hofrath!_

Umstrahlt von dem Glanz einer Weltstadt, sollten Sie noch an einen einsamen, armen Freund der hellenischen Muse denken, so würde ich mich höchst glücklich schätzen. Der Herr Graf v. Baudissin, welchen ich ersucht habe, diese Zeilen einzuschließen, erzählte mir etwas Näheres über die Aufführung der Antigone, welche das Interesse so Vieler, auch meines um so mehr erregt hat, als binnen kurzer Zeit der Sophokles vollständig von mir übersetzt die Presse verlassen wird. Es wird Ihnen vermuthlich entfallen sein, daß bereits vor sechs Jahren meine Antigone zu Stuttgart erschienen. Daher haben Sie, wenigstens melden die Zeitungen dergleichen, die Donner’sche oder Solger’sche Übersetzung zu Grunde gelegt. Ich will mich nun nicht zum Lobredner meiner eignen Arbeit aufwerfen, aber deutlicher und sinnrichtiger, vielleicht auch poetischer achte ich sie, als jene beiden, was freilich gegen das göttliche griechische Original nicht viel sagen will. Sollte Ihnen daher, Herr Hofrath, vorausgesetzt, daß Sie weitere Stücke, nach langem Todesschlaf, wieder die Bühne beschreiten lassen, an einer bessern Übertragung gelegen sein, die auch in metrischer Hinsicht dem großen Componisten die Arbeit erleichtere, so erbiete ich mich, Ihnen ein deutliches Manuskript der Elektra durch Herrn Grafen v. Baudissin zu übersenden[9]. Oder sollten Sie lieber ein Stück des Euripides wünschen, da von den drei bisher durch mich ausgearbeiteten Stücken blos das eine, Ihrem Freund Baudissin gewidmete, die Iphigenie auf Tauris, einige Theilnahme sich versprechen dürfte, so wäre ich bereit, für diesen Zweck eine von Ihnen zu bestimmende Tragödie dieses Dichters zu übertragen.

Indessen scheint es mir, als ob die Elektra des Sophokles unter allen uns erhaltenen Stücken des attischen Dichtergestirns bei weitem das wirksamste sei, was, für unsere Zeit wenigstens, den tragischen Effekt betrifft. Im Übrigen gleichwohl steht sie der Antigone nicht nach. Gerade für dieses Stück beschloß ich denn schon im vorigen Sommer die Aufmerksamkeit des Publikums auch dadurch zu suchen, daß ich demselben Ihren Namen vorsetzte, wozu Sie mir für eines der sophokleischen Dramen die Erlaubniß zu geben so gütig waren.

Es wäre mir persönlich um so wichtiger, als Sie, der Wiedererwecker so vieles Schönen, vielleicht Gelegenheit nähmen, ein empfehlendes Wort an Se. Majestät den König zu meinen Gunsten zu richten. Ich trachte schon seit mehreren Jahren nach einer kleinen Lehrerstelle in preußischen Landen, doch hat das Cultusministerium meine Bitte seither unberücksichtigt gelassen. Nun bin ich zwar Sr. Majestät bereits schon als Kronprinzen bekannt geworden, indem mir Höchstderselbe meine Übersendung der Aeschyleischen Stücke sehr huldvoll erwiederte. Wie gern aber wollte ich Ihnen mein Lebensglück verdanken; das Glück, nicht mehr von dem großentheils leben zu müssen, was ich schreibe! Denn sehr vortheilhaft würde mir eine anderweitige philologische Beschäftigung sein.

Verzeihen Sie diese Wünsche, verehrungswürdiger Greis, deren Berücksichtigung ich zwar nicht verdiene, aber bedürftig bin, und der Himmel schütze Sie im hohen Norden, daß Sie noch lange über die deutschen Gauen Segen verbreiten.

Mit steter Verehrung

Ihr

ergebenster

~Dr.~ _Johannes Minckwitz_.

II.

_Berlin_, den 12. Dezember 1844.

_Hochzuverehrender Herr Geheimrath!_

Die freundliche Aufnahme, die Sie mir vorgestern angedeihen ließen, hat mich auf die erfreulichste Weise überzeugt, daß Sie mich nach Ihrer Trennung von Sachsen nicht vergessen haben. Wie Sie meine Wünsche liebevoll angehört, so darf ich auch mit Zuversicht hoffen, daß Ihnen deren Erfüllung wahrhaft am Herzen liegt. Daher beeile ich mich, Ihnen die Vorlagen zu machen, die Sie für nöthig halten, um meine Sache bei dem Könige praktisch und mit Erfolg zu führen. Erstens sende ich Ihnen ein unterthänigstes Schreiben an Sr. Majestät, worin ich meine persönliche Lage und meine literarischen Zielpunkte auseinandergesetzt, und zweitens die Stücke von Sophokles und Aeschylos, so gut ich sie in der Eile hier gebunden erhalten konnte. Bei der Überreichung derselben bleibt es Ihrer wohlwollenden Gesinnung anheimgestellt, was Sie zu meinen Gunsten mündlich hinzufügen wollen, und ich zweifle nicht, daß Ihre Verwendung, da Sie das Ohr Friedrich Wilhelms des Vierten haben, einen glücklichen Ausgang verbürgen werden. Ein Monarch, der, wie die öffentlichen Blätter auch aus England melden, so eben im Begriffe steht, seinem Volke das edelste Geschenk zu geben, welches er ihm geben kann, wird auf Ihr Andringen kein Bedenken tragen, die Laufbahn eines einzelnen Gelehrten sicher zu stellen, die seither von so widerwärtigen Stürmen begleitet gewesen ist. Sie erinnern sich ja Ihres eigenen Schicksales in Sachsen! Sie wissen, daß es in diesem kleinen Lande an Männern fehlt, die den ernstlichen Willen haben human zu wirken, während Überfluß an Leuten ist, die aus niedriger Denkart stets bereit sind, jedem wackeren Streben Luft und Sonne zu beschneiden.

Vom Aeschylos erwarte ich täglich die drei letzten Stücke aus der Stuttgarter Presse. Sobald sie, nach meiner Rückkehr, in Leipzig eintreffen, werde ich um so weniger zaudern, auch diese Ihnen nachträglich zu senden, als ich hierdurch die beste Gelegenheit erhalte mein Gesuch in Ihrem Gedächtniß aufzufrischen. Aus den heute Ihnen vorgelegten Arbeiten werden Sie unterdessen erkennen, daß ich und Baudissin nicht so sehr im Unrecht waren, wenn wir bedauerten, daß Sie die Donner’sche Übersetzung der Antigone zur Aufführung gewählt hatten. Dem Sophokles von Donner fehlt die Hauptsache: die Poesie und der eigenthümliche Charakter des Urbildes, der in dieser scheinbaren Glätte verloren gegangen ist. Eine Unzahl feiner Tinten sind von ihm verwischt, eine Menge Sätze falsch oder schief wiedergegeben, die Chöre vollständig zur Prosa herabgedrückt. Dazu kommt, daß bei ihm die logische Gedankenfolge durchaus nicht so scharf und klar vorgelegt worden ist, wie sie im griechischen Urbilde dasteht, dessen anmuthige und sonnige Darstellung einst die Hellenen entzückt hat. Zu einem eigentlich _deutschen_ Gepräge mangelt der Donner’schen Sprachweise sehr Vieles, zu einem wahrhaft dramatischen Style Alles. Denn wie die rhythmische Darstellung richtig auf die Füße zu stellen sei, das ist ihm unbekannt. Ich wundere mich daher keineswegs, daß unsere guten Freunde, die „jungen Deutschen,“ von dieser Diktion abgeschreckt, die ganze Antigone mit Stumpf und Stiel als ein veraltetes Gewächs aus der Kindheit der dramatischen Poesie verdammen. Noch weniger wundert es mich, daß man fortfährt, gegen die Anwendung der sechsfüßigen Jambenform zu eifern, als sei sie für unsere Sprache eine unnatürliche, häßliche und ungelenke. Freilich bedarf sie einen Meister, der die Zügel sicher und geübt zu handhaben versteht, nicht blos einen Versifer oder einen jener goethisirenden und schillerisirenden Nachäffer, die zugleich kein Organ für den Ton des Trimeters im Kopfe haben.

Was die Form anbelangt, in welcher die „ewigen“ Attischen Poeten verdeutscht werden müssen, so haben wir uns über dieselbe schon im Jahre 1835 verständigt, als Sie mir die Wohlthat erzeigten, meine Antigone in einem zahlreichen Kreise Ihres gastfreundlichen Hauses am Dresdener Altmarkte vorzulesen. Den modernen Reim für die Chorgesänge wiesen wir einmüthig ab: er ist und bleibt für die griechische Poesie ein heterogenes Element. Es handelt sich für den nachdichtenden Übersetzer nicht darum, antike Stoffe aufs Neue zu bearbeiten und in einer Weise auszuspinnen, als ob die Dichter nicht schon ihre Gedanken in die rechte Form gebracht hätten; in diesem Falle würde der begabte Übersetzer besser thun, freigewählte Stoffe selbstständig nach seinem eigenen Genius auszuführen, wie etwa der Schöpfer der Aeneïde mit dem Homer verfahren ist. Was soll aber der mit poetischen Meisterstücken schon so reichgesegneten modernen Welt an einer derartigen Verarbeitung antiker Stoffe liegen, die unserer Anschauungsweise, bei vorgerückter Kulturepoche, mehr oder wenig fremd sind? Es handelt sich vielmehr um eine getreue und strenge Darlegung der Urbilder selbst, nicht blos nach dem Gehalt, sondern auch nach der eigenthümlichen Form, so weit diese Form für uns erreichbar ist: um eine ähnliche Darlegung, wie sie Luther und seine Zeitgenossen in der Bibelübersetzung geboten haben. Wir wollen in unserer Sprache lesen, was ein Sophokles, ein Aeschylos, ein Euripides und Aristophanes gedacht, empfunden und gesagt haben, nicht was wir etwa denken, empfinden und sagen würden: wir wollen ganz besonders auch wissen, _wie_ die Alten selbst ihre Gedanken und Empfindungen entfaltet haben. Daran allein kann uns heutzutag liegen, uns, die wir in den Alten unsere Muster sehen wollen.

Aus diesem Grunde verwarfen Sie mit mir ebenfalls den Gebrauch der fünf- und fünfeinhalbfüßigen Jamben: aus richtiger Erkenntniß des höheren Tones, welcher das antike Drama vor dem heutigen auszeichnet. Von Lessing ist die uns jetzt gewohnte Weise der Jambenreihen ausgegangen: hätte dieser Mann im Nathan die sechsfüßigen Reihen angewandt, welchen unendlichen Einfluß würde dieß auf die rechtzeitige Gestaltung unsers Rhythmus ausgeübt haben! Wir dürfen nicht glauben, daß durch Goethe und Schiller die eigentliche Höhe erstiegen worden ist, welche dem deutschen Drama, bei der herrlichen Beschaffenheit unsers Sprachmaterials, vorgezeichnet scheint. Es werden in künftigen Zeiten noch ganz andere, viel vollendetere Harmonieen auf dem deutschen Parnaß ertönen: dafür bürgt uns schon der Anlauf, welchen Schiller in der Braut von Messina genommen hat.