Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 23
Gedichte (1817). -- Übersetzungen aus Calderon, 6 Bde. (1819 bis 25). -- Stern, Scepter, Blume, Übertragung dreier Lope de Vegaschen Schauspiele (1824). -- Poetischer Nachlaß und Umrisse aus seinem Leben (1825). -- Die Lope de Vega’schen Dichtungen, enthaltend: der Stern von Sevilla -- der beste Richter ist der König -- das Krugmädchen -- bilden den Inhalt jenes Goethe’n zugeeigneten Buches, wovon im zehnten dieser Briefe (dem letzten, den er an Tieck geschrieben, denn sechs Wochen nachher lag er im Grabe) die Rede ist, wie er es in Weimar selbst überreicht habe. Die Meisterschaft dieser Verdeutschung, im Erhabenen gleichwie im Scherz-, ja Possenhaften, vermag am Besten zu würdigen, wer Gelegenheit fand ihren klaren Redefluß durch Recitation zu erproben. Eine solche Reproduktion wiegt manche poetische Produktion auf.
Wenn Malsburg’s Briefe an seinen geliebten Freund unser Herz mit Liebe auch für ihn erfüllen, so erwecken sie doch nicht minder wehmüthige Empfindungen, welche sich in der bedenklichen Frage aussprechen:
Wäre solche ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit, solche innige Freundschaft, solch uneigennütziges Zusammenleben, wie es vor vierzig Jahren waltend, hier frühlingblühend an unsere Seele tritt, heut zu Tage noch möglich?
I.
_Eschenberg_, 2. August 1820.
Mein Herz wird doch wohl nicht ruhig seyn, lieber theurer Freund, bis es Ihnen einmal geschrieben hat. Hoffentlich wissen Sie schon durch die Fama, wie schwer es mir hier überhaupt wird zu schreiben, denn ich mag es Ihnen nicht wiederhohlen; das kann ich Sie aber versichern, daß die Umstände meiner natürlichen Faulheit auf eine Weise zu Hülfe kommen, die sich kaum ausdrücken läßt, und selbst in diesem Augenblick habe ich eine halbstündige Voranstalt treffen müssen, ehe ich dazu kommen konnte, dem Drang meines Herzens Luft zu machen. Dies rührt daher, daß wir gestern von Cassel kamen, wo wir zehn bis zwölf Tage verweilt und ich mir die bewußte Fristerstreckung von vier Wochen gehohlt habe, so daß ich Sie nun erst im nächsten Monat umarmen werde. Sie glauben nicht, wie viel Treppen ich habe auf und ab laufen, wie viel kleine und große Schlösser auf- und zuschließen müssen, bevor ich weiter nichts als Dinte, Papier und Feder zusammen gebracht, und nun ist doch die Dinte dick, das Papier dünn und die Feder mittelmäßig. Überhaupt stelle ich jetzt recht oft wehmüthige Reflexionen über die Unzulänglichkeit alles Schreibens an, wie die Liebe sich davor fürchtet und wenn sie daran ist, doch nie fertig werden kann, und wie gewiß kein Mensch mehr schreiben würde, wenn die Aussicht auf eine eigene oder fremde Freude am Geschriebenen aufhörte. Was für Dinge habe ich Ihnen und so viel Andern nicht oft schriftlich verkünden wollen, wie oft habe ich die Briefe im Geist zusammengesetzt, wo Gedanken, Munterkeit und Rührendes abwechselten, ganze Stellen waren schon mit Wohlgefallen ausgearbeitet, und nun ich daran komme, ist dies und jenes weggeflogen, oder wird ganz anders, und ganz neue Dinge drängen sich hervor, so daß zuletzt vielleicht das Beste vergessen wird. Eine andere Betrachtung ist die, daß ich was meine gewöhnliche Beschäftigung betrifft, nirgends weniger zu Hause bin, als in meiner Heimath, und eine dritte, daß ich mich recht unordentlich angeordnet habe, indem ich die Faulheit mit dem Fleiß gar nicht in Verbindung zu bringen, keinen Tag einzutheilen und keine Stunde zu halten weiß, die edelmüthigsten und solidesten Vorsätze gehen immer in meiner eigenen Schwäche unter, mein Leichtsinn ist so gewaltig, daß mir die Zerstreuungen zuweilen ganz gelegen sind, und ich würde mich über mich selbst todtärgern, wenn ich nicht eben diesen Ärger und diese Schmerzen empfände, die mir die Gewähr einer bessern Natur und einer möglichen Besserung sind. So thut es mir meist wahrhaft weh, wenn ich vorauszusehen glaube, daß ich einmal gar nichts mehr thun werde, wenn ich, wie wahrscheinlich, mich zum Beschließen meiner Tage hier niederlasse und mir die bestimmte Sorgfalt für einen Grund und Boden, für vielerley Menschen auch Thiere meine schönsten und feinsten Gedanken fortnimmt. Inzwischen sey diesem wie ihm wolle, ich freue mich doch, wieder einmal geradezu mit Ihnen zu plaudern, wenn ich gleich das Wesentliche dabey vermisse, daß ich Sie nicht wieder sprechen höre, was mir immer einer der reitzendsten Genüsse war. Die Begebenheiten meiner Reise, tausend kleine Vorfälle, die possierlich genug sind, muß ich mir für die mündliche Erzählung zurückbehalten, damit ich Sie und die lieben Damen lachen sehe; nur das vorläufig, daß Christian einmal auf dem ~rucio~ des Sancho Pansa angesprengt kam. Die ersten zehn Tage in Cassel waren wahrhaftig austrocknend, wenn ich irgendwo noch Hörner gehabt habe, müssen sie sämmtlich abgelaufen, wenigstens an die Füße verpflanzt worden seyn. Die ersten zehn Tage hier waren um so schöner und vergiengen in gegenseitiger Freude am Wiederbesitz, Rührung, und Aberzählen des gegenseitig Erlebten; die zweyten zehn Tage fingen mit meinem Geburtstag an, Freundinnen, Verwandte und Nachbarn trafen ein mit schönen Geschenken, sogar ein Sonett, das Herrn von Sydow zum Verfasser hatte, Kanonen und Tanz wechselten anmuthig ab, eine Erleuchtung aber litt der Regen nicht. Die dritte Decade brachte uns den Kurprinzen und mit ihm die Erleuchtung, bey welcher ich Sie unter andern einmal wieder recht lebhaft hierher wünschte. Die vierte Decade verging wieder in der Residenz und zu Hofgeismar und die fünfte, welche jetzt da ist (denn diesen am 2ten angefangenen Brief setze ich erst heut am 12ten August fort) wird übermorgen durch den Geburtstag des guten Onkels verherrlicht, für welchen die schöne Tasse _Aus kindlicher Liebe_ mit einem ebenso schönen Sonett schon bereit steht. Ohne dieses Sonett hätte ich von der Fähigkeit einige Verse zusammenzusetzen auch keine Ahndung mehr gehabt, denn daß muß ich Ihnen leider mit herzlicher Betrübniß gestehen, daß ich von all den vorgesetzten Herrlichkeiten auch nicht Eine gefördert habe. Kein Sonett von Shakspeare, keine Recension des Soden, kein Alcalde, keine ~blancas manos~ -- alles, alles liegt da, und starrt mich gespensterartig an, -- doch nichts mehr davon, ich komme sonst in ein großes wehmüthiges Klagen und damit will ich Sie wenigstens schriftlich verschonen, Sie möchten mich sonst nicht mündlich ausschmälen, was ich doch sehr nöthig für mich erachte. Vielleicht kann ich Sie im Voraus einigermaßen durch die Nachricht versöhnen, daß wir aus der Waldeckschen Auction sammt und sonders für 3 Thlr. 5 ggr. Bücher erhalten haben und Sie mit Ihrem gewöhnlichen Glück davon wieder die meisten und wohlfeilsten, z. B. ~Bükerstaff~ 4 ~Voll.~ 4 Gr., ~Etherege~ 4 Gr., ~Histoire du Théatre~ 2 ~Voll.~ 4 Gr., ~Le Grand Théatre~ 3 ~Voll.~ 4 Gr., ~the british stage~ 5 ~Voll.~ 22 Gr. Wir wollen doch sehen, ob Sie mir ähnliche gute Geschäfte in der Ramsgasse gemacht haben. Zum Vertauschen mögte ich wohl gern manches mitbringen, aber ich fürchte, daß mein Wäglein sich widersetzt. Dieses werde ich in etwa zehn Tagen besteigen, um nach Cassel zu fahren, da vielleicht wieder zehn Tage bleiben und mich dann nach Dresden einschiffen, wo ich, wenn ich alle Zwischenprojekte, wie Jena &c. betrachte, nach nicht viel weniger als zehn Tagen anlangen kann. Empfangen Sie mich dann nur recht herzlich und liebevoll, um mir die verlassene Heimath etwas zu überfärben. Haben Sie einstweilen den innigsten Dank für das liebe Wort ~Salve~, das mich von Kalkreuths Brief gleich so traut und lieblich ansah und mir mit den wohlbekannten Zügen so viel sagte, daß ich mir einen ganzen Brief daraus bilden konnte. Empfehlen Sie mich Ihrer holden weiblichen Whistpartie aufs Innigste und Angelegenste und danken Sie besonders der lieblichen ~Reyna Micomicona~ für die Güte, mit welcher sie meinem armen Mohrchen, über das Sie vielleicht ein mit Lachen vermischtes Mitleiden mit mir empfunden haben, das Gastrecht angeboten. Doch war mir vor solcher Pflege zu bang, er wäre mir dann immer und immer wieder weggelaufen. -- Vielleicht merken Sie es diesem Briefchen ein wenig an, daß ich im Lesen des Don Quixote eben noch einmal begriffen bin, es ist doch ein herrliches Buch und gewiß für einen Landjunker, davon jedes Exemplar mehr oder weniger etwas Don Quixotenmäßiges an sich hat, eine sehr passende Lectüre. --
Seyn Sie mir noch einmal aus ganzer Seele gegrüßt und umarmt, Sie lieber theurer Freund, und glauben Sie mir, so viel ich hier verlasse, so ist doch Freude und Verlangen im Gedanken an das, was ich wiederfinden werde, sehr groß. Ewig
Ihr
_Ernst Malsburg_.
II.
_Cassel_, 21. März 1831.
_Mein geliebter theurer Freund!_
Die Vorwürfe, die Sie mir Alle so schelmisch gemacht haben, will ich diesesmal nicht hören; wehe Ihnen aber, wenn Sie dieses Opfern meiner Zartheit nicht anerkennen und mich zwingen, Sie vielleicht Jahre hindurch mit meinen Vorwürfen zu plagen. Doch wer weiß, ob sich Ihrem hoffentlich wieder ganz geschmeidigen, des Eisenpanzers entledigten Händchen nicht vielleicht etwas mehr als das mir so wohlthuende ~Salve~ entringt, ob Sie nicht denken, ich sey im italienischen Dörfchen, Sie hätten ein Buch nöthig und schrieben mir ein Billet? denn mehr verlange ich ja wirklich nicht. Aber ein Billet, einen noch so kurz aufgeschriebenen Gruß halte ich für ganz unerläßlich; ich lasse Ihnen sonst kein einziges Buch mehr in der Auction.
Ich weiß gar nicht wie es kommt, daß ich auf einmal so ganz launig schreibe. Sie werden mich für sehr fröhlich halten, und ich bin gerade das Gegentheil; ich denke mich aber jetzt so lebhaft zu Ihnen hin, wo Sie alle fünf um das Ölkrüglein von Sarepta sitzen, und da kommt es mir vor, als scherzten wir miteinander. Ich höre Ihren Ton und sehe Ihre Mienen, mit denen Sie mich gern ein wenig ärgern möchten und doch nicht können. Lassen Sie mich immer mich so einträumen, es ist mir ein süßer Genuß, nachdem ich die Brieffaulheit überwunden habe.
Cassel ist wie ein großes weites Grab; alle die schwarzbeflorten Männer, die langschleyerigen Frauen scheinen nur zerstreute Bestandtheile eines Leichenzuges, und kein Gespräch wird geführt, das nicht Tod und Beerdigung und alle Folgen davon zur Basis oder zum Resultat hätte. Für mich und die Meinigen ist dies Alles in doppeltem Maße schwermüthig; die natürliche Theilnahme, die wir überall finden, die mitfühlende Art, womit Jeder, den wir sehen, die Landestrauer mit unsrer Familientrauer verbindet, thut indessen auch wieder wohl. Überall muß ich es auch anerkennen und bewundern, wie Gott jedem zu trüben Eindruck irgend eine Linderung oder Zerstreuung beygesellt; ich fühle es deutlich, daß der unbeschäftigte Schmerz aufreibend seyn würde. Meine Furcht vor dem ersten Eintritt in unser hiesiges Haus, an dessen Schwelle ich meinem theuern Todten zum letztenmal die Hand geküßt habe, wurde zum großen Theil durch das liebevolle Entgegenkommen meines Vaters, meines Bruders und aller Hausgenossen vergütet; die Wehmuth als mein zu behandeln, was mir immer noch würdigeren Händen zu gehören scheint, wird oft durch eine Reihe kleiner nothwendiger Beschäftigungen unterbrochen, die bis jetzt nur aus der Pflicht, nicht aus der Freude der Erhaltung hervorgehen. In drey Tagen fahre ich nach Escheberg, wohin mein Bruder voraus ist und den 26ten Montags, wird das Testament publicirt, das mir eine erschütternde Urkunde einer mehr als väterlichen und zwiefach väterlichen Liebe seyn wird. Drey Tage vor seinem Tode hat mein seliger Onkel meinem Vater eröffnet, daß er meinen Bruder und mich zu Universal-Erben nicht nur des Allodiums, sondern auch der Lehne einzusetzen wünsche, und den Vater deshalb bitte, uns seine Rechte auf letztere gleich zu überlassen. Mein Vater, der uns so zärtlich liebt und sich erst in hohem Alter zur Übernahme mancher Sorgen ohnehin nicht entschließen wollte, hat darein gegen eine Apanage mit Freuden gewilligt, und wir gelangen so vor der Hand zu einem Besitz, der unsrer brüderlichen Auseinandersetzung überlassen ist. Vor dieser ist mir nicht eben bange, da wir Brüder uns von jeher so sehr geliebt haben, aber doch habe ich zum Himmel gefleht, daß er keine Wolke in ein Verhältniß kommen lassen möge, das so ungetrübt war, so lange wir nichts hatten; ich habe solche Entschlüsse gefaßt, mich durch kleine Neigungen, Vorlieben u. dgl. nicht übereilen zu lassen, und mein Bruder ist in manchem Betracht noch viel besser als ich, daß es gewiß gut gehen wird. Ich fürchte nur den Schmerz und die Last des Besitzes und deswegen thut mir nichts so weh, als wenn mir auch hier manche Gemeinheit entgegentritt, die es nicht begreifen will, daß ich das Leben meines Onkels mit Allem was ich habe zurückkaufen möchte. Meine nächsten Freunde und mein Bruder theilen hingegen ganz mein Gefühl, und es war mir eine meiner schönsten Nächte, als mein Bruder vor meinem Bette saß und mir bis drey Uhr Morgens die ganze Geschichte der letzten Lebenstage unsers väterlichen Freundes erzählte und wir Beyde dabey abwechselnd und zusammen weinten.
Ich unterhalte Sie wohl recht lang mit diesen Dingen, mein geliebter Freund, aber sie sind mir eben das Nächste und ich konnte von nichts Anderem schreiben. Einmal ausgesprochen, werde ich sie in meinen übrigen Briefen nicht wiederhohlen und unsern nächsten Freunden, Loeben und Kalkreuth und Schütz, theilen Sie ja ohnehin wohl diese Blätter mit; ausser unserm kleinen Liederkreise braucht Niemand etwas davon zu wissen.
Wie geht es denn in diesem lieben Kreislein? vermissen Sie nicht den Übersetzer (Ihre a. d. Winkell) ein wenig? Die geistlichen Lieder, die ich Ihnen vorlesen wollte und bey meiner Rückkunft werde, sind durch Eines auf der Reise vermehrt worden; sagen Sie doch das Ihrer lieben Frau, die mir einmal etwas so Niedliches darüber gesagt hat.
Von weiteren Bestimmungen für mich ist für jetzt keine Rede; auch das engländische Gerücht, mit dem man mich hier zur Langenweile verfolgt, kommt nicht von oben herab. Die von den lieben Damen gewünschte Ungnade existirt inzwischen auch nicht, denn die Herrschaften sind sehr gnädig gegen mich und scheinen mich durch die Gleichheit unsers Schicksals noch als genähert anzusehen. Mein liebster Wunsch ist Sie bald wiederzusehen, wann aber, kann ich noch gar nicht sagen.
Leben Sie wohl unterdessen, Sie theures Fünfblatt, und reißen Sie sich (ich bitte darum inständigst) bald ein Blättlein ab um es mir zuzuschicken, sonst schreibe ich Ihnen von Escheberg aus nicht, wenn es nicht ohne meinen Willen früher schon geschehen seyn sollte. Bleiben Sie nur Alle recht von Herzen gut
Ihrem Freunde
_Ernst Malsburg_.
III.
_Escheberg_, d. 7ten Junius 1821.
_Mein hochgeliebter Freund_.
Wie viel tausendmal habe ich Sie im Geist über mich schmälen hören, daß ich so lang säumen konnte, Ihnen für Ihre unaussprechlich lieben Briefe zu danken, aber wenn Sie mich auch im Geiste gesehen hätten, Sie würden Mitleid mit mir gehabt haben. Es war für den May eine Familien-Conferenz bestimmt, wobey, wie ich wußte, in Allem was Geschäftssachen betraf, vorzüglich auf mich gerechnet wurde. Denken Sie sich nun, daß ich früher in all diesen Dingen unbewandert, ein halbes Archiv durchlesen mußte, um nur nicht meinen hohen Ruf zu schmälern und ganz einfältig zu erscheinen, oder gar mich und meinen Bruder, der an Sitz- und Papierscheu leidet, von den Häusern Malsburg und Elmarshausen übervortheilen zu lassen. Diese Studien lagen mir mit ihrer Angst und Langenweile schwer und drückend auf dem Herzen, und je mehr ich bald hier bald dort hinausschob, desto mehr wuchs dieser Druck, und ich hätte in Angst und Faulheit vergehen können, wenn ich mich nicht endlich durchgearbeitet und zuletzt in den trockensten Dingen einen sonderbaren und pedantischen Genuß gefunden hätte. Zum Glück verschob sich diese Zusammenkunft durch Krankheit eines jungen und Tod eines alten Verwandten von Zeit zu Zeit und gewann ich dadurch Raum, bald dies bald jenes, was mir immer das Allernothwendigste schien, noch zu erschöpfen. Das Gefühl, daß ich allen meinen lieben fernen Freunden so stumpf und undankbar scheinen mußte, war mir dabey nicht das mindeste Trübe und nur die Hoffnung, daß Sie allem was ich sage einen unbeschränkten Glauben beymessen, daß Sie meine Unschuld empfinden und mich nicht entgelten lassen werden, kann mich trösten. Fräulein Calenberg, die sich Ihnen herzlichst empfiehlt, und einige andre Damen waren abwechselnd hier; hätte ich doch von diesen ein schriftliches Zeugniß gefordert, daß ich nach dem Frühstück bis zu Tisch, nach Tisch bis zum Abend beständig in den Acten saß und Galanterie und Unterhaltung vollkommen im Stich lassen mußte; es war eine rechte Noth, in den wenigen Momenten des Luftschnappens gehörig lustig und anständig zu bleiben. Noch jetzt, wo Vettern und Alles fort ist, und ich für einen Moment ganz einsam bin, fühle ich eine solche Ausdörrung, daß ich kaum zu schreiben weiß, und nichts thun, als Sie umarmen und weinen möchte, damit Sie mir Unschuldigen wieder gut würden. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich Sie ganz unendlich lieb habe, daß Ihre Briefe wie Lichtstrahlen in meine Finsterniß gefallen sind und daß ich Sie seitdem noch lieber habe. Ihr Vermissen hat mich gefreut, Ihr Leiden betrübt, Ihr Arbeiten entzückt. O Sie lieber, herrlicher Freund, welche frohe, genußreiche Stunden werden Sie dadurch Ihren Freunden und der Welt bereiten! Arbeiten Sie, arbeiten Sie fort, so wie Sie arbeiten ja doch niemand wieder. Ihre Attrappe mit der Aprilsnovelle hat mich gar nicht geärgert, wenn Sie nur thätig sind, bey Ihrer ungeheuern Schnelligkeit wird doch alles fertig, und hinter dieser Schalksnovelle sehe ich schon den Shakspeare hervorlauschen.
Ihre Gedichte habe ich erst in der Hamburger Zeitung gelesen, ich hoffe, Hilscher schickt sie mir bald; und wie vergnügt werden Sie seyn, daß der Kleist fertig ist, schenken Sie mir ihn nur je eher je lieber und geben Sie ihn an Hilscher zum Mitschicken. Ums Himmelswillen schreiben Sie mir nun auf ein Zettelchen, was alles noch fertig ist und fertig wird, wenn Sie mir auch sonst böse sind und nichts mehr mit mir zu thun haben wollen. Mit dem Edmund geht es mir ja auch, wie mit Manchen, wenn sie fern sind; was mich verdrossen hat, sehe ich nicht mehr, und mich rührt nur, was ich liebte, zur innigern Theilnahme und Liebe. Jetzt mag er Camisard seyn und wüthen wie er will, ich liebe ihn doch, ja ich glaube ihn und Sie mit nun erst zu begreifen, seit er ein Camisard geworden ist, denn nun bleibt er es nicht und wird noch viel lieber als zuvor. Habe ich Recht? schmunzeln Sie? --
Daß ich an dem schönen 31ten May weder selbst gekommen bin, noch ein Briefchen, noch ein Liedchen geschickt habe, werden Sie ganz erbärmlich gefunden haben, wenn Sie gleich ohne Zweifel mit einiger Angst aus Ihrer Bibliothek getreten sind, ich möchte Sie wieder aus den Blumen herauserschrecken. Sie können denken, wie es mir gieng, da meine kleine Gabe längst vorbereitet und eingepackt war, auch schon längst abgereist ist, und Fräul. Winkell in Schrecken und Ungewißheit gesetzt haben wird, und ich doch nicht dazu kommen konnte, Ihnen aufs Neue meine Liebe und meine Wünsche zu sagen. Sehen Sie die kleine Gabe an, weil ich in dem gelben unter Bäumen versteckten Häuschen wohne und Ihnen jetzt schreibe, und oben zu dem Dachfenster nach Ihnen hinausschaue. Der lange Weg im Garten ist recht für Sie zum Gehen gemacht, und denken Sie! auf die Seite des Wassers nach Ihnen zu, baue ich mir jetzt ein eigenes Häuschen, weil das alte für zwey Haushaltungen zu klein ist. Wie hübsch und behaglich will ich alles einrichten und auf Ihr Stübchen soll besonders gedacht werden, daß weder Thür noch Fenster darin und aller Zug unmöglich sey; ich habe dann die Aussicht, die Sie auf die Tasse haben. In der Schale ist das Grabmal meiner seligen Tante, einer schönen und lieben Frau, aber was da herausströmt, ist kein Fluß, sondern ein Weg.
Ich danke Ihnen tausendmal für die Einkäufe auf der Auction; ich habe das Geld auf Fräul. Winkell, die noch andere Auslagen für mich hatte, angewiesen, ein Begriff, was eigentlich die Nummern in sich verbergen, fehlt mir gänzlich. Könnten Sie mir vielleicht ein Listchen darüber schicken? Ist denn das ~theatr. Europaeum~ vollständig? Den Burnet hat man freylich zu arg getrieben, aber was ist denn das wohlfeile Fischchen, das Sie mir weggefangen haben? wenn es fett und schimmernd ist, müssen Sie mir es durchaus wieder herausgeben, oder etwas anderes Erkleckliches aus Ihren Büchern dafür, z. B. die mir fehlenden Bände des Gozzi, oder den Montengor, oder sonst etwas. Meine ererbte Bibliothek ist nicht sehr groß, aber ausgezeichnet hübsch gebunden und lacht mich aus zierlichen weißen Wandglasschränken rings um mich her an, in der Mitte des holden Zimmers steht ein platter Schreibtisch mit Verzierungen und schönen Gefächern, alles von Ebenholz, und an diesem schreibe ich Ihnen. Das Wichtigste sind weitläuftige historische und geographische Werke, meist französisch, unter denen auch Burnet französisch mit schönen Kupfern. Auch habe ich meine Freude an einer Kupferbibel in 3 Bänden von Scheuchzer (was ist sie wohl werth?) und an einigen prächtigen ~Atlas historiques~. Über Theater ist wenig da, aber die ~délices des Pays bas~, die mir so oft in der Auction entgingen. Eine Menge mathematischer medicinischer und militärischer Bücher habe ich nebst einer franz. Clarissa Harlowa mit Chodowieckyschen Kupfern zum Verkaufen zurückgestellt; die Letztere wäre für Sie vielleicht ein herrlicher Austauschgegenstand.
Jetzt, da ich nun wieder Athem zu schöpfen anfange, denke ich auch etwas an meine lieberen Beschäftigungen kommen zu können. Vor allen Dingen quält mich die Vorrede zum 4ten Thl. Calderon, Brockhaus schreibt, er erwarte sie unverzüglich, und es ist auch nicht eine Zeile daran geschrieben. Der Brockhaus!! daß er nicht die ganze Urania mit Ihnen füllt und alles andere herauswirft, ja meine Sachen mit, die Sie noch etwas verändert finden werden! Ihr Bild kommt doch hinein? Es ist nicht anders möglich, er muß gefürchtet haben, Sie ließen ihn sitzen. Wie ist es denn mit dem spanischen Theaterbuch? ~Escribais, escribais!~ --
Sagen Sie Ihren lieben Damen alles Schöne, was nur zu sagen ist, denn wenn Sie mir auch schon jetzt wieder gut sind, wie schwer wird es seyn, diese göttlichen Gemüther zu versöhnen, -- wie oft werde ich sie noch schmälen hören müssen. Meine erste Absicht war, Ihnen das runde Schächtelchen durch die liebe Gräfin überreichen zu lassen, ich wollte ihr dabey schreiben, den 31ten May sollte alles schon dort seyn! Weh, weh!
Danken Sie Ihrem trefflichen Kinde für das liebe Briefchen aufs Innigste, das sie in Gefahr ähnlicher Versuche bringt. Grüßen Sie auch Schütz, wenn er wieder kommt; ich habe seinen Brief erhalten, und erwarte ihn nun mit oder ohne meinen lieben armen Loeben bestimmt, aber je eher je lieber, denn ob ich gleich noch gar nicht weiß, wann ich nach Dresden zurückkomme, so scheint mir Ende August oder Anfang September der äusserste Termin meines Hierseyns. Sie sehen also, Theaterdirektor werde ich nicht, aber wenn ich es würde, Sie müßten mir gleich herbey, wenn wir es gleich schwerlich Beyde Recht machen dürften.
Und nun leben Sie wohl, theurer vielgeliebter Freund! betrachten Sie diesen Brief nur als einen Anfang, antworten Sie mir auch gar nicht bis ich wieder schreibe (aber dann müssen Sie ohne Barmherzigkeit antworten!) lassen Sie mir nur sagen, daß Sie mich noch lieben, wie Sie ewig und ewig lieben wird
Ihr
_E. Malsburg_.
Frl. Indianerin ist durch Cassel nach Hanau geeilt; da ich aber hier war, habe ich sie verfehlt.
Kalkreuth ist fort; sonst umarmen Sie ihn von mir.
IV.
_Escheberg_, 2. Octob. 1821.