Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 22
Mein geliebter Freund! Ich glaube, die schöne innere Zuversicht Ihrer vielfachen Gegenwärtigkeit unter uns macht mich so faul und nachläßig gegen Sie, und so bilde ich mir denn steif und fest ein, daß meinem Schweigen die nämliche Liebe und Hinneigung zu Ihnen zum Grunde liegt, die mich manchmal, obwohl immer mit einiger, vielleicht lächerlicher, aber doch auch hübscher, und inniglicher Schüchternheit gepaart, zum Schreiben trieb und nun auch jezt längst dazu angespornt haben sollte. Unser Freund hat Ihnen seine Blätter zufliegen laßen, dies war ein zureichender Grund, bei meinem Briefphlegma zu verharren; Sie wißen nun, wie es ihm im Sande der Mark, wie es mir in seinen schönen Wäldern erging und ich habe nur hinzuzusetzen, daß mich das Leben hier immer herrlicher umfängt, je älter ich darin werde. Der Wechsel von stiller und lauter Lust thut mir hier so wohl, so ganz in der Mitte prächtiger Wälder, hoher mannichfacher Abhänge zu wohnen, ohne sich im freien Athemzug gehindert zu fühlen, thut gar zu wohl. Escheberg würde Sie sehr anziehen, nur, mein theuerer Freund, müßten wir in der großen Wetterküche durchaus die Regensuppe oder vielmehr Kalte Schaale verbitten, denn hat es gegoßen, dann ist das schöne Escheberg nichts für Sie. Aber wie lange haben wir uns doch der Trockenheit erfreut! dies setze ich ausdrücklich hinzu, denn wenn unser Freund meine Zeilen überläse, ich würde selbst in eine Wetterküche kommen, daß ich ein Wetterfähnchen nach Ihnen hin auf das Escheberger Haus gepflanzt habe. Nein, mein herrlicher Freund, jede Freude, jede Mittheilung von ächter Schönheit, deren wir hier genießen, ist zugleich eine Fahne, die wir grüßend nach Ihnen zuschwenken, womit wir Sie einladen, „in allen guten Stunden“ -- und derer giebt es hier so viele, so unendlich viele! unter uns zu seyn. Denken Sie Sich, daß wir gestern Abend ein Stückchen Sommernachtstraum, die rührenden Liebesirrsale des Pyramus und der Thisbe, aufgeführt haben. Unser Freund war der Herzog Theseus, Fräulein von Calenberg -- die schon manchmal unsern lieben Meister Ludwig mit uns leben ließ -- die Hyppolita, ich machte den Prolog (von einem ellenlangen Zeddel ablesend) und kroch, brüllte, und fraß den Mantel als Löwe, wofür mir das gebührende Lob wurde, gut gebrüllt zu haben. Wir waren alle recht lustig und das Misglückende selbst war ein neckendes Geistchen des Spiels. -- In Cassel hat mich die Bekanntschaft von Wilhelm Grimm besonders erfreut, Sie glauben leicht, daß auch da vielfach von Ihnen die Rede war, obwohl Cassel der eigentliche Dichterthron Arnims ist. -- Ruhl, den ich übrigens sehr liebgewonnen habe, und der gewiß sehr hoffnungsvoll ist, (man darf nur sein Skizzentagebuch aus Italien durchblättern) liest täglich in der Dolores, wie in Capiteln der poetischen Bibel. Ich habe es nicht gewagt, ihm zu sagen, daß ich von der ganzen Dolores nur erst ein Paar Seiten kenne; mir jedoch auch ernstlich vorgenommen, sie denn doch hier auf ihrem _klassischen_ Boden zu lesen. Neulich machte ich mich über die vier Rheinfahrts-Erzählungen Arnims, (die Isabella von Ägypten &c.) und obwohl ich mich alles dessen erinnern mußte, was Sie so oft geäußert haben, so fand ich mich doch wieder geneigt, mich von manchem anziehen zu laßen, und eine reiche innere Poesie nicht verkennen zu mögen, die um so mehr durch den Misbrauch derselben im Wahn, die Fülle an sich sei das Gesuchte, das Alleinige in der Production, beleidigt. Wie schön ist der ganze Anfang des glücklichen Färbers, und wie hat er ihn durch die Einmischung des ganz Fremdartigen, das er auf das Typische der Geschichte pfropft, verwüstet!
Doch was soll dies Geschwätz vor Ihnen, mein meisterlicher Freund! wir können es alle gar nicht erwarten, Ihre _Reisenden_ im Wendtischen Phöbuswagen 1823 ankommen zu sehn. Wendt hat von mir eine Reihe „Junggesellenlieder“ erhalten, die, wenn sie noch Platz fanden, Ihnen wie ich glaube gefallen werden. Zweie darunter (es sind ihrer neun) kennen Sie aus unseren schönen, ach ich weiß nicht warum im Beginnen besonders schönen, Abenden. Ist Schütz noch unter Ihnen anwesend, so erinnern Sie ihn doch ja, nebst meinem Gruß, mir wegen des in seinen Händen gebliebenen Gedichts von mir recht bald Auskunft zu geben. Der lieben _Feindin_, der theuern Dorothee, ihrer Mutter und Schwester, meine freundlichsten, meine herzlichsten Grüße. Sie können uns nicht vergeßen, wir fühlen es aus uns selbst heraus. Unser Gott mit Ihnen, mein lieber Freund! es ist gar nicht zusammenzufaßen, wieviel ich Ihnen danke, und wie schön es ist, daß ich Sie gefunden habe.
Ihr
_Loeben_.
Löwe, Ludwig.
Weshalb mag Tieck dies unbedeutende Blättchen sorgsam aufbewahrt haben? Enthält es denn etwas weiter, als gewisse höfliche Versicherungen eines auf Gastrollen gehenden Schauspielers, der sich anmeldet, und um freundlichen Empfang bittet.
O doch! Es redet ja von _Liebich_, von dem Schauspieler und Schauspieldirektor, für welchen Tieck enthusiasmirt war; als dessen würdigsten Zögling er Ludwig Löwe betrachtete. Auch diesem hatte er aus der Zeit seines Prager Aufenthaltes ein liebevolles Gedächtniß bewahrt, und Löwe hatte, da er (1821) die erste Kunstreise unternahm, solch’ nachsichtiges Wohlwollen zu aufrichtiger Anerkennung gesteigert. Wer die Schauspielkunst liebt, ihre Wichtigkeit für höhere poetische Zwecke erkennt und unbefangen würdiget; wer alt genug ist, um _Ludwig Löwe_ jung gesehen und gehört zu haben, -- der wird gern zugestehen, daß es wohl selten einen jugendlichen Verkörperer dichterischen Lebens auf der Bühne Deutschlands gegeben, welchem das oft verschwendete Epitheton: „hinreißend“ mehr gebührte, als ihm. Tieck bestätigte das; erblickte in Jenem einen Freund aus alter, besserer Theaterzeit, dessen Zeilen ihm wie ein Gruß der Vergangenheit klangen. _Deshalb_ hat er sie in seine Briefsammlung aufgenommen. Deshalb auch drucken wir sie ab, damit der Name des Künstlers in Ehren erwähnt sei, der oft und voll Begeisterung deutschen Landsleuten Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Oehlenschläger, Calderon und Shakspeare zur klarsten Anschauung gebracht.
_Wien_, d. 11ten Mai 1836.
_Hochgeehrter Herr Hofrath!_
Ihre gütigen Zeilen, welche ich durch Fräulein Bauer erhielt, haben mich unendlich glücklich gemacht, und ich bringe Ihnen meinen innigsten herzlichsten Dank dafür. Es war mir eine große Freude durch jenes liebe Blatt die Überzeugung zu erhalten, daß Sie sich meiner noch aus jener Zeit erinnern, in der ich als Anfänger den Unterricht meines unvergeßlichen Liebich’s genoß. -- Ist als Schauspieler etwas aus mir geworden, so danke ich es nur diesem vortrefflichen Manne, der auch noch bey Ihnen in ehrenvollem Andenken ist. Mich führt in diesem Sommer nach Leipzig eine Einladung auf Gastrollen, vielleicht werde ich bey meiner Rückreise über Dresden auch auf Ihrem Theater mein Glück versuchen; die Freundlichkeit des Herrn Emil Devrient forderte mich dazu auf, und ich ergriff gerne die Gelegenheit, um einige Zeit in Ihrer Nähe verweilen zu können, und Ihnen, Hochverehrter Herr Hofrath! meine Verehrung und Bewunderung persönlich darzubringen, die mich stets für Sie durchglüht hat. -- In der Hoffnung, daß ich bey der Aufwartung, die ich Ihnen bald zu machen gedenke, als eine Erscheinung aus längstvergangner Zeit, -- nicht unangenehm sein werde, schließe ich diese Zeilen, und verharre mit der größten Hochachtung und Verehrung als Ihr
ergebenster
_Ludwig Löwe_,
K. K. Hofschauspieler.
Ludwig, Otto.
Daß der Dichter so bedeutsamer dramatischer und epischer Werke als: der Erbförster -- Die Makkabäer -- Zwischen Himmel und Erde -- Thüringer Naturen &c. sich zuerst an _Tieck_ gewendet und Ursache gefunden hat, ihm zu sagen, was er ihm in diesem Schreiben so schön sagt, kann als schlagende Erwiderung gegen den ungerechten Vorwurf gelten, der sich öfters erhob: der alte Meister habe junge Gesellen zurückstoßend empfangen und von der neuen Zeit sich hochmüthig abgewendet. Es bewährt sich auch hier, was Alle die ihm näher gestanden aus Erfahrung wissen, daß er jedwedem Vertrauen liebevoll entgegen kam, und sich an jeglichem Talente väterlich erfreute.
Am dreißigsten August 1844.
_Hochgeehrtester Herr geheimer Hofrath!_
Ihr gütiges Urtheil über meinen Engel von Augsburg und Hanns Frei hat mir Muth und Kraft gegeben. Den Tadel, den Sie darin aussprachen, hatt’ ich erwartet, grade so, wie Sie ihn aussprachen, nur nicht so mild, und so konnt’ ich mich doppelt über ihn freuen, da er mich Vertrauen zu der Richtigkeit meines Gefühles gewinnen lehrte. Wie dank’ ich Ihnen den Tadel! Was ich nicht recht gemacht habe, wollt’ ich ja wißen, deßhalb wandte ich mich an Sie. Ich weiß nur zu gut, wie schwer es ist, das Tüchtige in einer Kunst zu leisten; ich weiß, wie wenig ich noch leisten kann, aber ich will ja eben lernen, Tüchtiges zu leisten. Daß ich dies aber für erreichbar halten dürfe, den Glauben hat mir Ihre Meinung von meinem Talente gegeben, an dem ich bis zur Muthlosigkeit zweifelte. So hab’ ich bei Ihnen gefunden, was ich bei Ihnen suchte und was nur Sie mir geben konnten, Belehrung und Ermuthigung in solchem Grade. Ihr Brief ist mir ein Talisman, zu dem ich mich flüchte; sobald Eitelkeit zur Überhebung mich kitzelt oder Zweifel niederzieh’n will zur Muthlosigkeit. Dazu Ihre freundliche Erlaubniß, komme ich nach Berlin, Sie sehen zu dürfen, die einem sehnlichen Wunsche von mir entgegen kommt, der wenig jünger ist, als ich selbst. Und für Alles das weiß ich Ihnen nicht anders zu danken, als dadurch, daß ich selbst Ihr Werk in mir nach Kräften zu fördern suche.
Wie soll ich’s nun entschuldigen, daß ich Ihnen eine neue Anmuthung mache, indem ich beifolgende Novelle Ihnen zusende? Was nicht zu entschuldigen ist, soll man nicht entschuldigen wollen. Ich will dies Ihrer eigenen Güte überlaßen, zu der ich mehr Vertrauen habe als zu meiner Kunst.
Ich weiß, daß ich zuviel verlange; ist es Ihnen bei Ihrer Überhäufung mit Geschäften zu beschwerlich, so senden Sie mir sie ungelesen zurück. Sie ist aus der Anekdote von dem reichen jungen Voigtländer Leinwandhändler entstanden, den die Wirthstochter, in dem Gemache, durch welches er in das seine geführt wird, scheintodt aufgebahrt zur Leidenschaft und zu dem unnatürlichen Vergehen verlockt, zufolge deßen er, wie er nach Jahren hier wieder einkehrt, die Begrabengeglaubte als Mutter wiederfindet, die den Vater ihres Kindes nicht zu nennen weiß. Ich habe sie mehren Buchhändlern, ohne Honorar zu verlangen, angeboten, aber vergeblich. Und doch, mein’ ich, wird jährlich so manches noch Unvollkommnere gedruckt.
Es kann Sie Niemand mehr hochachten und verehren, als
Ihr ergebenster
_Otto Ludwig v. Eisfeld_.
Niedergarsebach bei Meißen, Schleifmühle, wo mich Ihre wertheste Zuschrift bis Ende Septembers trifft. Später -- -- so würden Sie die Güte haben, sie an Herrn Direktor Jenke in Dresden gelangen laßen zu wollen.
Lüdemann, Georg Wilhelm von.
Geb. am 15. Mai 1796 zu Cüstrin, wo sein Vater Direktor der Neumärkischen Kriegs- und Domainenkammer war. Noch nicht volle siebzehn Jahre alt verließ er das Berliner Gymnasium zum „grauen Kloster,“ um die Feldzüge von 1813 &c. im ersten ostpreußischen Infanterie-Regimente mitzumachen. Dreimal verwundet kehrte er zurück, und wendete sich auf der Universität vorzugsweise dem Studium der neueren Sprachen, der Statistik, so wie auch juristischen und kameralistischen Wissenschaften zu. Schon 1817 wurde er bei der K. Regierung angestellt, doch sah er sich durch Rücksichten auf seine schwankende Gesundheit genöthigt, längere Urlaube zu nehmen, die er zu großen Reisen benützte. 1833 trat er interimistisch den Posten eines Landraths zu Sagan, 1835 jenen eines Polizeidirektors zu Aachen an, und wurde 1843 zur K. Regierung in Liegnitz berufen, wo er am 11. April 1863 als Geheimer Regierungs-Rath, Ritter &c. gestorben ist. Über die Art seines Todes gingen verschiedene Gerüchte um, doch läßt sich für gewiß annehmen, daß er auf einem Spaziergange vom Ufer abgleitend in den Mühlgraben gestürzt ist.
Außer seinem bekannten Reisewerke über die Pyrenäen hat er im Gebiete der schönen Wissenschaften und Künste wie auch der Kritik unübersehbar viel geschrieben. Er war fleißiger Mitarbeiter an den Blättern für litterarische Unterhaltung, und mehreren anderen gediegenen Zeitschriften, gab sehr beliebte Novellen heraus, lieferte auch eine Geschichte der Kupferstech-Kunst. Mit den meisten litterarischen Persönlichkeiten seiner Zeit stand er in Verbindung. Vielseitige Gelehrsamkeit, gründliche Bildung, feiner künstlerischer Geschmack, durch langen Aufenthalt in Italien, Frankreich und Spanien erweitert, leuchten aus all’ seinen Arbeiten hervor; verleiteten ihn aber auch zu einer Schärfe der Kritik, welche, wenn gleich für treffend anerkannt, doch nicht immer beitrug, ihm Freunde unter seinen näheren Umgebungen zu erwerben.
_Zyrus_ b. Freystadt in Schlesien, d. 31. Januar 1832.
_Wohlgebohrner Hochverehrter Herr Hofrath!_
Wenn ich es wage, Ihrem Urtheil, hochverehrter Herr Hofrath, die beiliegende Bearbeitung der ~Two Gentlemen of Verona~ unterzulegen, in der Hoffnung, damit der deutschen Bühne vielleicht ein Shakspearisches Stück mehr anzueignen, so geschieht es mit demjenigen Vertrauen, das man dem erleuchtetsten Richter entgegen bringt. Ich habe dies Schauspiel vor Jahren, und mit stets wachsendem Vergnügen mehrmals in London darstellen sehn, und indem es dadurch bey mir zu einem Lieblingswerk des großen Meisters wurde, habe ich der Versuchung nicht widerstehen können, es, wie irgend möglich, zu einem deutschen Bühnenstücke umzubilden. Ob und wie dies nun gelungen sey, darüber erdreuste ich mich, ohne jedes Vorwort die Entscheidung in Ihre Hand zu legen. Es wäre thöricht, den dichterischen Werth, den Glanz der neuen Auffassung uralter Naturverhältnisse, die echtdramatische Handhabung der Fabel, die Wirkung von Charakteren und Verwickelungen, kurz den ganzen Bau dieses poetischen Schauspiels mit einem Wort hervorzuheben, wenn man das Glück hat, Ihnen gegenüber davon zu sprechen. Das Ganze ist von der Art, daß jedes hinzugefügte oder hinweggelassene Wort als ein hineingetragener Mangel anzusehn ist. Indeß foderte die deutsche Auffassungsweise einige Abänderungen. Ich habe mich begnügt, die schonendste Hand an das zu legen, was unleugbar anders werden mußte. Den etwas verborgenen Hauptgedanken deutlicher hervorzuheben ist fast mein Hauptbemühen gewesen. Eben dies führte auf die Änderung des Titels, auf den Umguß der fünf Akte in Drey. Am meisten haben mir die humoristischen Scenen unantastbar geschienen und als Grundsatz hat mir vorgeschwebt, unberührt zu lassen, was irgend bleiben konnte. Die Stellung der Scenen ist an zwey Orten verändert, weil die Deutlichkeit der Handlung dabey zu gewinnen schien. Szenisch scheinen keine Schwierigkeiten für die Darstellung übrig geblieben zu sein und was die Diktion betrifft, so habe ich es, wenigstens nicht an Bemühung fehlen lassen, auszugleichen, zu ebnen und zu mildern, wo die Empfindung unserm Ohre allzu rauh erscheinen konnte.
Doch alles dies sind völlig nutzlose Bemerkungen. Ich lege den Versuch in Ihre Hand, hochverehrter Herr Hofrath! Mit einem Blick werden Sie darin erkennen, was auseinanderzusetzen vieler Worte bedurfte. Ist dieser Versuch nun des Meisters nicht unwürdig, ist er geeignet, den großen Geist auf eine entsprechende Art einem deutschen Theaterpublikum vorüberzuführen, der auch in dieser minder bekannten Arbeit die Sonnenlichter der Poesie zurückstrahlt, in denen seine Wohnung ist, -- so wird dieser Versuch _Ihrer_ Bevorwortung nicht zu entbehren haben.
Indem ich diese für meine Arbeit in Anspruch zu nehmen, so dreust bin, und indem ich bitte, wenn dieser Versuch Ihren Beifall finden sollte, diesen auch durch die _Beschützung_, deren er bedarf, zu bethätigen -- habe ich das Glück, bey diesem Anlaß meine unbegrenzte Hochachtung für Sie, verehrter Herr Hofrath, auszusprechen und die verehrende Ergebenheit bezeugen zu können, mit der ich bin
Ew. Wohlgeboren
ganz gehorsamer Diener
_v. Lüdemann_.
Mahlmann, Siegfr. August.
Geboren am 13. März 1771 in Leipzig; gestorben daselbst am 16. December 1826.
Erzählungen und Mährchen, 2 Bde. (1802). -- Marionetten-Theater (1806). -- Sämmtliche Gedichte (1825). -- Sämmtliche Werke, 8 Bde. (1839-40).
Lange redigirte er mit Umsicht und Geschmack die „Elegante Zeitung“ die wahrlich besser und deutscher war, als ihr zieriger Titel; die auch bedeutenden schönwissenschaftlichen Einfluß übte, denn sie stand damals in ihrer Art fast allein.
Mahlmann ist ein _Dichter_; dafür gilt er uns heute noch, wenn wir nach seinen Schriften voll Gemüth und Seele greifen. In Wehmuth, Innigkeit und Scherz hat er liebliche Lieder gesungen. Doch unerreichter Meister bleibt er in einer Gattung, die ihrem Wesen nach eigentlich _unpoetisch_ erscheint; die, wenn sie nur persönlich verspotten und verletzen will, zu niedriger Gemeinheit herabsinkt; die, wo sie sich voll gerechten edlen Zornes erhebt, hochpoetisch werden kann: in der Satyre! Sein „_Herodes vor Bethlehem_“ ist nur eine Parodie... aber was für eine! Sie geißelt nicht allein Kotzebue’s Thränenpresse, die wahrhaft abgeschmackten (mit aller sonstigen Anerkennung Kotzebue’s in Posse und Lustspiel sei’s gesagt!), „Hussiten vor Naumburg.“ Nein, sie trifft mit scharfen Hieben, und mehr noch als Jenen, das Publikum, die Kritik, die ganze Zeit. --
I.
_Leipzig_, d. 9ten Jan. 1803.
Ihr langes Stillschweigen mein werther Freund setzt mich in nicht geringe Verlegenheit. Kann ich noch auf die Erfüllung Ihres mir in Dresden gethanen Versprechens rechnen? Wird das projectirte Marionetten-Theater noch auf Ostern fertig werden? Wenn Sie sich in meine Lage versetzen, so werden Sie finden, daß mir diese Ungewißheit in mehreren Rücksichten beträchtlich schadet. Das Papier ist gedruckt: Meine Dispositionen zur Ostermeße sind im Vertrauen auf die Erfüllung Ihres Versprechens eingerichtet, und ich habe, weil ich das Geld _dazu_ bestimmt habe, manchen andern Plan von mir weisen müßen, um mich am Ende nicht in Geld-Verlegenheiten zu setzen. Verkennen Sie mich nicht mein werther Freund, ich will Sie weder mahnen noch drücken, nur _Gewißheit_, nur das Wort eines Mannes verlange ich von Ihnen. Können oder wollen Sie es nicht zu Ostern liefern, ist Ihnen die Lust dazu ganz und gar vergangen, haben Sie etwas anders vor, das Sie gern an die Stelle setzen möchten, so schreiben Sie mir nur darüber. Ich mache dann andre Dispositionen. Ich schmeichle mir, daß Sie mich wenigstens in so weit achten, daß Sie mich nicht mit Versprechungen zum Besten haben werden, und verlaße mich daher auf das Wort, das Sie mir in der Beantwortung dieses Briefs geben werden.
Von Fr. Schlegel habe ich kürzlich wieder Briefe erhalten, er schreibt mir ich würde wohl sein Journal _Europa_ schon in Händen haben. Noch habe ich es nicht gesehen. Man sagt, er habe Aussichten, auf dem linken Rheinufer als Professor angestellt zu werden. Es würde mich sehr freuen, wenn diese Reise nach Paris sein Glück befördern sollte.
Leben Sie wohl mein werther Freund, empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und haben Sie die Güte mir baldigst und recht offen über unsre Angelegenheiten zu schreiben. Meine Frau empfiehlt sich.
Ihr
ergebenster
_A. Mahlmann_.
II.
(Ohne Datum.)
_Liebster Freund!_
Ich habe mich den ganzen Sommer über so wenig um die Handlung bekümmert, daß die Verabredung mit Herrn Schulze über das _Marionetten-Theater_, welche eigentlich durch Spazier zwischen Voß und Schulze zu Stande gekommen ist, mir nicht eher bekannt wurde, als wie Schulze hier in Leipzig war und darüber mit _Voß_ sprach. Es ist mir vielleicht unangenehmer wie Ihnen, daß eine Idee, die zuerst in uns Beiden lebendig wurde, und von der ich _Voß_ nur obenhin sagte, von ihm an einen andern übertragen worden ist, der -- so wenig ich auch an seinen Talenten zweifle -- doch vielleicht nicht _daßelbe_ darunter versteht, was wir damals wollten. Da ich keinen Antheil an der Voßischen Handlung habe, und überdieß Willens bin, auf künftiges Jahr, das unter uns bestehende Verhältniß ganz aufzuheben, so habe ich bey diesen Affairen nur eine Rath gebende, aber nicht entscheidende Stimme, welches ich gern allen meinen Freunden sagen möchte, die vielleicht das, was Voß druckt, für das halten, was mir gefällt. Sie sehen also liebster Tieck, daß ich an der Verabredung mit Schulzen keinen Antheil habe, und Schulze wird Ihnen _daßelbe_ bestätigen, wenn Sie ihn darüber befragen. Ihr Musenalmanach hat mir einige herrliche Stunden gegeben, Ihr Gedicht _Sanftmuth_ scheint mir das vollendetste, und das Sonet von Fr. Schlegel „_wir können nicht heraus aus unserm Leibe, und Einer kann etc._,“ ist das tollste. Ich wollte dieser Brief wäre nicht an _Sie_, damit ich desto freyer davon sprechen könnte, wie lieb ich alles habe was von Ihnen kommt. Ihre Gedichte sind alle Melodien einer reinen edeln und stillen Seele, die nicht so wohl gespielt _werden_ als _selbst spielen_, fromme Töne aus einem frommen Gemüthe. Daher verdrießt es mich, wenn ich sehe, daß Sie von andern nachgeahmt werden, die sich ein dichterisches heiliges Gemüth anraisonniren wollen. Nicht jedes O! und ach! ist ein Gebet, und wenn man spricht wie ein Kind, ist man deshalb noch nicht kindlich.
Sie sehen ich bin offen, aber ich bin es gegen _Sie_ und damit bin ich ruhig.
Erlauben Sie mir wegen Ihres Octavianus mit einigen hiesigen Buchhändlern zu sprechen, denn bei Voß ist eben eine breite Mathematik für den Landmann angekommen, die das kleine Plätzchen, das allenfalls zur Ostermeße noch übrig geblieben wäre, ganz besetzt hat. Ich will mir aber -- wenn Sie noch keinen Verleger haben sollten -- Mühe geben, es Ihren Wünschen gemäß unterzubringen, und zwar, außer dem Wunsch Ihnen gefällig zu seyn, aus dem Intereße ein Manuscript von Ihnen zu erhalten und es im Kreise meiner Freunde zu lesen.
Ich bin Ihrer Meinung, daß die Streitereien mit Merkel überflüssig sind, aber es ist ganz _Spaziers Sache_, und ich habe an der Zeitung weder direct noch indirect den mindesten Antheil. Wenn man diesem Menschen einen Kampf anbietet, so thut man ihm einen großen Gefallen, denn er lebt von seiner Gallenblase.
Kommen Sie bald nach Leipzig, damit ich Ihnen in meiner Wohnung bei einem Glase alten Rheinwein sagen kann, daß ich Sie hochschätze und liebe. Meine Frau grüßt Sie, und erwünscht auch, daß Sie bald zu uns kommen möchten, aber Ihre Frau müßen Sie mitbringen. Wo bleibt denn Ihr poetisches Journal? Hat Schillers _Jungfrau_ nicht Ihre Meinung über Schiller geändert? Was sagen Sie zu den Eumeniden? Doch ich frage soviel untereinander, und Sie werden nicht Lust haben meine Fragen zu beantworten.
Leben Sie wohl, und bleiben Sie mein Freund.
Ihr
_A. Mahlmann_.
Malsburg, Ernst Friedrich Georg Otto, Freiherr von.
Geb. den 23. Juni 1786 zu Hanau, gest. den 20. September 1824 auf seinem Schlosse Eschenberg in Hessen. Seine diplomatische Anstellung führte ihn als Geschäftsträger der Kurfürstlichen Regierung nach Dresden.