Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band

Part 12

Chapter 123,475 wordsPublic domain

Was müssen Sie von mir denken, daß ich all’ die Liebe und Freundschaft, die Sie mir geschenkt, die überaus gütige Aufnahme, die ich bei Ihnen fand, Ihre Theilnahme und Belehrung, all’ die herrlichen Stunden, die ich Ihrer großen Güte verdanke, so sehr vergessen konnte, Sie zwei Monate auf einen Brief warten zu lassen, und, wie ich nun durch Becker erfahren, Sie durch die verzögerte Übersendung der versprochenen Manuscripte förmlich in Verlegenheit zu setzen. Bei mir selbst kann ich das durch nichts verantworten, aber in Ihren Augen hoffe ich durch ein offenes Bekenntniß Gnade zu finden. Gleich nach meiner Rückkehr machte ich mich mit dem erhöhten Eifer, den mir mein Aufenthalt bei Ihnen eingeflößt, über den Macbeth her, mit dem festen Entschluß, ihn Ihnen zur versprochenen Zeit einzusenden. Aber da häuften sich Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten. Ich fand wieder recht, wie viel schwerer es ist, etwas umzuarbeiten und auszufeilen, als es neu zu übersetzen, und je strenger meine Anforderungen an mich in Bezug auf das Einzelne des Ausdrucks und die Eigenheiten des im Macbeth herrschenden Tones waren, desto schwerer wurde es mir, sie mit der Abrundung und Vollendung des Ganzen, und namentlich mit den Eigenheiten der Rhythmen zu verbinden; was ich auf der einen Seite besserte, verschlimmerte ich auf der andern, und konnte mir’s nie zu Dank machen. Ich verzweifelte fast, als ich die mir gesetzte Zeit verstreichen sah, und noch mit dem ersten Act nicht in’s Reine kommen konnte; und doch durfte ich auch wieder die Sache nicht leicht nehmen, da ich mir fest vorgenommen hatte, nicht eher mit der Arbeit wieder vor Ihren Augen zu erscheinen, bis daß ich das mir Möglichste daran gethan. So entstand in mir ein doppeltes Gewissen, eins, das mich zur Eile trieb, und ein anderes, das mich beim Zaudern hielt; mit leeren Händen wollt’ ich auch nicht kommen, und so schwieg ich lieber ganz. Wenn aber mein Zögern dennoch strafbar ist, so hab ichs gewiß durch das quälende Gefühl, Ihnen zu mißfallen, genugsam gebüßt; und wenn das noch nicht genügt, so bitte ich, ein bedeutendes Opfer, das ich durch mein Zögern meiner Pietät gegen unsern großen Dichter gebracht, mit in die Schale zu legen, und dann werden Sie mir gewiß verzeihen. Es war doch gewiß für einen jungen, ungenannten Schriftsteller der stärkste Antrieb zur Eile, wenn er dadurch hoffen konnte, in ganz kurzer Zeit unter den Auspicien seines verehrten Meisters seine Arbeit auf die Bühne gebracht, und sich selbst so gleichsam eingeführt zu sehen. Das alles gab ich dran, um meine Übersetzung auch nur einiger Maßen dem Original näher zu bringen, und die Aufschlüsse, die Sie mir gegeben, daran nach Kräften zu realisiren; wie wenig mir das auch gelungen ist, so werden Sie doch den guten Willen daran erkennen, und sich gewiß darüber freuen. Das andre Stück, die Nebenbuhler, habe ich vor mehreren Jahren schon übersetzt und hatte damals keine Absicht damit, als mich im dialogischen Ausdruck zu üben, woher ich es denn mit der Wörtlichkeit eben nicht genau nahm; können Sie indeß, so wie es ist, irgend Gebrauch davon machen, so steht es gern zu Diensten. Beide Stücke übergebe ich ganz Ihrer freien Disposition, daraus und damit zu machen, was Sie gut finden; und ich hoffe bald die Freude zu erleben, durch Ihre gütige Mitwirkung eines der Stücke auf der dortigen Bühne zu sehen. Hier werde ich mit Hoffnungen und glatten Worten gefüttert, und der König Lear bleibt unaufgeführt, während man alles mögliche Schlechte zusammensucht, um nur was Neues zu bringen. Der F.’sche Julius Cäsar ist auch zweimal über die Bühne gegangen, das zweite Mal bei sehr leerem Hause, und wird, da ihm die Recensenten sehr die Zähne weisen und vor der dritten Aufführung nicht beißen dürfen, wohl nicht wieder gegeben werden. Sie kennen glaub ich das Machwerk schon, sonst könnt ich Ihnen viel von der Lächerlichkeit und Frivolität dieser Bearbeitung erzählen, bei der man nicht weiß, ob man die Leichtfertigkeit der Auslassungen oder die freche Selbstgefälligkeit der höchsteignen Zusätze und Änderungen mehr bewundern soll. In einem eignen Aufsatz hat dieser Herr darzuthun gesucht: da doch Cäsar einmal der Held des Stückes sei, so höre mit seinem Tod das Interesse auf, und die Abkürzung der letzten Acte, bei denen es überhaupt dem Shakspeare auf ein Paar Scenen nicht angekommen, werde nothwendig. Der sauere mürrische Casca und der politische beredte Decius sind eine Person geworden, und um die Widersprüche zu versöhnen, läßt der Bearbeiter an der bekannten Stelle des Brutus: „Was für ein plumper Bursch ist dies geworden,“ den Cassius antworten: „ja, doch wenns gilt, so weiß er auch zu reden“ u. s. w. und dann überredet Casca den Cäsar aufs Capitol zu kommen. In der bekannten Rede läßt er den Anton ungefähr Folgendes sagen: „Er

überwand an jenem Tag die _Parther_, Und damals wars, als er das große Wort, „„Ich kam, ich sah, ich siegte““ heimgesandt,“ u. s. w.

Doch genug -- Sie sehen, der Neid spricht aus mir.

Becker ist gestern Abend zum ersten Male im Opernhause, bei vollem Hause, als Fiesco aufgetreten, und hat eine sehr gute Aufnahme gefunden. Anfangs zwar opponirte das Publicum, (das gern gleich vorn herein weiß, wie es mit seinen Helden dran ist, und keine Halbheit, kein zweideutiges Betragen an ihnen leiden mag) dem Beifall Einiger, die es wagten, die fingirte Rolle zu beklatschen; dafür entschädigte es ihn aber auch nach Erzählung der Fabel bei den Worten: „aber es war der Löwe“ mit desto rauschenderem Beifall, und wiederholte denselben ungewöhnlich oft und allgemein bis zum Schluß, wo der Gast gerufen und mit lebhaftem Beifall empfangen wurde. Sein feines Spiel und die Grazie seiner Bewegungen, mit einem Wort das Vornehme, das er ausdrückt wird allgemein anerkannt. Noch muß ich Ihnen melden, daß als ich nach meiner Rückkehr nach Dresden den Herrn Grafen v. Redern besuchte, und ihm Ihre Grüße überbrachte, er sonst noch Aufträge von Ihnen an ihn zu erwarten schien, und mich danach fragte, überhaupt so genaue Kundschaft, als ich sie eben geben konnte, von Ihrem Wirken bei der dortigen Bühne und den sichtbaren Früchten desselben bei mir einzog, und darauf lebhaft den Wunsch aussprach, Sie hier bei der Bühne angestellt zu sehen. Obgleich er mir Stillschweigen auferlegte, so kann ichs Ihnen doch nicht verschweigen.

Nehmen Sie schließlich nochmals meinen herzlichsten Dank für all die Liebe und Freundschaft und all die unvergeßlichen Stunden, die ich in Ihrem Kreise verlebt; haben Sie die Güte, mich der Frau Gemahlin und werthen Familie, der Frau Gräfin von Finkenstein und den übrigen Freunden, zu empfehlen, und leben Sie recht wohl.

Hochachtungsvoll

Ihr ergebenster

_Kaufmann_.

Die beiden Manuscripte schickte ich mit der fahrenden Post.

Nochmals bitte ich, mir mein Schweigen zu verzeihen, und, wenn auch nur mit einer Zeile mich deßhalb zu beruhigen. Nach Wien und München habe ich ebenfalls den Macbeth abgeschickt.

Kerner, Justinus.

Geb. den 18ten Sept. 1786 zu Ludwigsburg, gestorben 1860.

Romantische Dichtungen (1817). -- Gedichte (1826). -- Die Seherin von Prevorst, 2 B. (1829). -- Bilderbuch aus der Knabenzeit (1839). -- Der letzte Blüthenstrauß (1853).

Es erweckt eigenthümliche Betrachtungen, hier zu lesen, wie vertraulich und hoffnungsvoll der liebe, sanfte Mensch sich an Tieck wendet, mit einem Herzen voll Wehmuth, wegen seiner „Somnambüle,“ wegen all’ des Hohnes, der ihn jenes Buches halber getroffen; -- und dann zu bedenken, daß Immermann, Tiecks vertrauter Freund, diese wunde Stelle am weichen Justinus gerade so verletzend berührte! Wie stand Tieck zwischen beiden? Auf wessen Seite neigte er sich, seinem innersten Wesen nach? -- Das bleibt eine schwer zu beantwortende Frage, für Alle, die ihn bei verschiedenartigen Seelenstimmungen beobachtet haben. Wir meinen nicht zu irren, wenn wir muthmaßen: Tieck hat Beiden Recht gegeben, weil er Jeden von Beiden nahm _wie er war_!

I.

_Weinsberg_, d. 18ten Feb. 30.

_Verehrungswürdigster!_

Sie werden Sich vielleicht meiner nicht mehr -- aber wohl des Stuhles erinnern, auf dem Sie auf dem alten Thurme zu Weinsberg saßen und auf die _Gebirge_ sahen. --

In _diesen_ ist nun das Grab jener unglücklichen Frau, die Sie damals mit Ihrem Besuche erfreuten. Ihre Geschichte, aus der ich Ihnen damals einige Blätter vorlas, ist inzwischen auf dem Markte erschienen. Ausser _Eschenmayer_, _Schubert_ und Friedrich v. _Meyer_ will diese in Deutschland kein schreibender Mensch verstehen.

Ich hätte sie _Ihnen_ zugesandt, allein ich denke, Sie können sie in Dresden häufig finden. Ich denke mir, daß Sie sie gelesen. Ich muthe keinem Menschen zu, den zweyten Theil so zu nehmen, wie ich und Eschenmayer ihn nahmen -- aber sehr schmerzhaft müßen mir so verschrobene, _entstellende_ Urtheile seyn, wie Sie sie in Hrn. ~Dr.~ _Menzels_ Literaturblatt von ihm und einem Hrn. Carové aus Frankfurth, lesen können und inzwischen durch alle Tageblätter Deutschlands hindurch.

Ich liebe Sie unsäglich und ich traue auf _Sie_. Wäre es Ihnen nicht möglich, nur _ein_ Wort über diese Geschichte öffentl. zu sprechen?? Nur den Eindruck zu bezeichnen, den diese Frau auf Sie machte. Darum bitt’ ich auch Ihre Tochter, die auf uns alle tiefen Eindruck hinterließ, -- sie soll den Vater darum bitten. Sagen Sie ihr, daß die verstorbene Frau nach ihrem Weggehen noch vieles von _ihr_ gesprochen, was ich ihr gern sagen möchte. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, Sie und Ihre Lieben einmal im Leben wieder zu sehen -- wie glücklich würde mich das machen! -- Dann mündlich, was ich nicht schreiben mag!

Ich will auch nichts mehr schreiben, Sie nicht von Besserem abzuhalten. Ihre lieben Hände mit den kurzen Fingern drücke ich herzlich und wir alle in dem kleinen Hause grüßen Sie und die Lieben, die mit Ihnen in ihm waren, innigst, vertrauensvollst!

Ewig

Ihr Verehrer und Freund

~Dr.~ _Justinus Kerner_.

d. 16ten April 30.

Dieser Brief blieb 3 Monate lang liegen, weil ich immer dachte, es seye unbescheiden von mir, Sie mit ihm zu beschweren. Inzwischen mehrten sich recht sehr die Gegner wie die Freunde der Seherin von Prevorst. Unter letztern zeichnet sich _Görres_ hauptsächlich aus, auch der Sohn _Fichtes_ schrieb über sie günstig. Durch die Schrift, „das Bild zu Sais,“ wird diese Frau für wahnsinnig erklärt. Das will ich gelten lassen: denn es giebt auch einen _göttlichen_ Wahnsinn, in dessen Kreisen vor allen auch _Sie_ leben. _So mein =ich= es._ Der Verfasser (ein junger Mann in Stuttgardt) zeigt zu seinem Lobe überall einen Brief von Ihnen. Er kennt mich nicht, sah diese Frau nie und schwatzt wie ein Blinder von der Farbe.

Von _Eschenmayer_ erscheint in den nächsten Wochen eine eigene Schrift über die Seherin und die Einwürfe, die die Verstandesherren dem Buche machen, und das bin ich so frey, Ihnen zuzusenden, wofern Sie Sich meiner noch erinnern. Wachend und in Träumen sehr oft bei Ihnen!

Ihr _Kerner_.

II.

_Weinsberg_, d. 24ten Feb. 41.

_Verehrungswürdigster!_

Sie werden sich meiner wohl noch als des Wunder- und Geistersüchtigen erinnern, der Ihnen doch wenigstens einigen Spaß machte? Ich wage Ihnen hier einen jungen Landsmann zuzusenden, der aus _Hegels_ Schule ist und an keine Geister glaubt. Er bringe Ihnen meine innigsten Grüße und die Versicherung meiner Verehrung und Liebe.

Ihr ergebenster

~Dr.~ _Justinus Kerner_.

III.

_Weinsberg_, d. 14. Juny 41.

_Verehrungswürdigster!_

Sie hatten die Liebe mir zu erlauben, Ihnen nach Baden-Baden schreiben zu dürfen.

Von _Möricke_ erhielt ich einen Brief, in welchem er schreibt: „So innig ich beklage, den herrlichen _Tieck_ damals nicht haben sprechen zu können, so ganz unmöglich war es durch mein Übelbefinden. Empfehlen Sie mich demselben, sagen Sie ihm, wie wohl die günstige Meinung, die er von mir zu hegen scheint, mir thue. Ach! wäre ich gesund und nicht von aussen immer so gehetzt und beengt, wie viel zufriedener sollten meine Freunde mit mir seyn. So aber muß ich ihnen öfters undankbar, als ein launischer Hypochonder erscheinen. Ich weiß das Alles anders und kann es doch nicht ändern.“ --

M. dauert mich unendlich. Er schreibt auch noch: daß das Schicksal seines ältesten Bruders ihn ganz niederdrücke, sowie auch ökonomische Dinge nach dem Tode seiner Mutter. Denkt man sich dabey nun seinen zerrütteten Nervenzustand, die schlechte Pfarrey, auf der er noch einen Vikar, die Brüder und eine Schwester, zu erhalten hat, -- so sieht man leicht ein, wie ihm nach und nach alle Saiten von der _Leyer_ springen müßen. --

Ich weiß für ihn nur _einen_ Trost und der sind Sie und Ihr Erkennen seiner. Ich bitte innigst -- das auszuführen, wovon Sie so gütig sprachen, -- ein paar Blätter über _Mörikes_ poetische Leistungen zu schreiben. Es wäre Ihnen gewiß auch ein Kleines, eine Quelle zu finden, durch die er unsrem König empfohlen würde, durch Nennung Ihres Namens, was allein Gewicht hätte. Durch _Münchs_ Tod, der in Stuttgardt für -- _nichts_ einen großen Gehalt bezog, fiel eine gute Besoldung in die Finanzkasse zurück, die Hälfte davon würde hinreichen, diesen vortrefflichen Menschen für immer aus seinem Jammer zu retten und wieder für die Kunst zu gewinnen.

Kämen Sie nach _Ems_ und träfen Sie dort die Töchter des Königs (die von der Catharina), die Gräfin _Neipperg_, die jetzt dort ist und die Prinzessin von Oranien, die später dahin kommt, -- so vergessen Sie nicht, zu ihnen ein Wort von M. zu sprechen. Ich that es bey der erstern schon früher mit gutem Erfolg, aber Ihr Wort hat größeres Gewicht. --

Und nun muß ich Ihnen noch meinen unsäglich innigen Dank sagen für die große Liebe, die Sie mir und meiner ganzen Familie in Heilbronn erwiesen und die ich nicht verdiente. Wir leben alle in freudiger Erinnerung Ihrer, der gütigen Frau Gräfin und der herrlichen Tochter. Für letztere lege ich, nebst den herzlichsten Grüßen von uns Allen, hier ein paar schwache Gedenkblättchen bey.

Ich wünsche nur, daß Ihnen und der verehrten Frau Gräfin die Bäder recht gut bekommen und die Wetterveränderung, die sich inzwischen so schlimm einstellte, keinen Schaden bringen möge!

Verlassen Sie mich nicht ganz -- Gedenken Sie meiner auch zuweilen noch in Ihrem reichen Geist und Herzen!

Der Himmel schenke Ihnen Gesundheit und inneren Frieden!

Ewig mit der innigsten Verehrung und Liebe

Ihr ganz ergebener

_J. Kerner_.

Killinger, K. A. Freiherr von.

Geboren 1802 zu Heilbronn, Sohn eines früher beim Regiment Hohenlohe in Breslau gestandenen, nachmals (1809) als badischer Major auf dem Schlachtfelde gebliebenen Vaters, studirte Jurisprudenz, machte das Staatsexamen, -- trat jedoch nicht in die Praxis, sondern widmete sich, in Karlsruhe lebend, den Wissenschaften ganz und gar; wobei er hauptsächlich neben dem Studium verschiedener Litteraturen, die _englische_ sich auf’s Innigste vertraut machte. Unter dem Autornamen _K. v. Kreling_ hat er sich und seinen Arbeiten im Inlande wie im Auslande hohe Achtung erworben. (~„Among the most intelligent of the Germans who had favoured us with their acquaintance at Carlsruhe, was Herr von K....... His mastery of our language was perfect; his knowledge of its modern literature greatly beyond that of most of my countrymen“ etc. New Monthly-Magazine, April 1855.~)

Auf diesem mit Fleiß und Glück verfolgten Wege gewann Hr. v. K. auch Tieck’s Zuneigung und Achtung; jede Reise des Letzteren nach Baden-Baden gab Gelegenheit in Karlsruhe zu verweilen, und ihr freundschaftliches Verhältniß durch persönlichen Verkehr auffrischend zu beleben.

Englische Bibliothek, 6 Bde. (1834-38.) Diese bringt Bearbeitungen erzählenden, lebensgeschichtlichen, reisebeschreibenden Inhaltes, von ihm _allein_ verfaßt. -- Erin, 6 Bde. (1847-49) Lebensgeschichten irischer Schriftsteller, Erzählungen derselben u. s. w. Mährchen, Legenden und Sagen. (Zu dieser Sammlung, über welche Grimm im 3ten wissenschaftl. Theil der Kinder- und Hausmährchen ~pag.~ 393-95 redet, gab Herrn v. K.s naher Verwandter und vieljährig vertrauter Freund Ludw. Uhland die Anregung.) --

Harris’ Gesandtschaftsreise nach Schoa, 2 Bde. (1845.) mit wissenschaftl. Erläuterungen begleitet. -- Ausgewählte Englische Synonymen, (1854.) -- als Beigabe dazu: Englische Etymologieen; eigene Forschungen über die Ursprünge und Ableitungen der engl. Sprache. -- Auch war Hr. v. K. thätiger Mitarbeiter am großen Hilpert’schen Deutsch-Engl. Wörterbuch und alleiniger Verfasser des „Nachtrags“ (1857) zu demselben; ebenso am Londoner Athenäum, und an andern Zeitschriften.

I.

_Karlsruhe_, 1. September 1837.

_Verehrter Herr und Freund_,

Ich habe mich den ganzen Frühling und Sommer mit der Hoffnung getragen, Nachricht von Ihrem Kommen nach Baden zu erhalten oder aufs Freudigste durch Ihre Gegenwart in Karlsruhe überrascht zu werden: allein ich sehe und fürchte, ich werde auf Beides für dieses Jahr verzichten müssen. Muß ich glauben, daß Ihre Gesundheit so angegriffen ist, daß sie eine Reise nach Süddeutschland nicht erlaubt, oder darf ich mit dem herzlichsten Vergnügen -- ein Vergnügen, dem ich selbst meinen eigensüchtigen Wunsch, Sie wieder bei uns zu sehen, gern opfere -- annehmen, daß Ihr Wohlseyn eine solche Auswanderung aus Ihrem freundlichen Dresden gar nicht nöthig machte? Beruhigen Sie mich über jene Besorgniß oder bestätigen Sie mir diese tröstliche Vermuthung, wenn auch nur mit einer Zeile; aber bald!

Ihre kurze und eilige, mir aber darum doch überaus werthvolle Zuschrift vom 27. März ist mir erst mehrere Wochen nach diesem Datum zugekommen; mein Unstern wollte, daß mich der Überbringer, Hr. v. Bernburg, den ich literarisch schon kannte und achtete und deshalb um so mehr auch persönlich kennen und lieben zu lernen gewünscht hätte, nicht zu Hause traf und ich ihn bei wiederholtem Vorsprechen in seinem Gasthofe ebenfalls jedesmal verfehlte.

Wenn ich nicht aufs Überzeugendste fühlte, daß ich den Inhalt jener Zuschrift, insoweit er die Verdienstlichkeit der Engl. Bibl. betrifft, vielmehr Ihrem freundschaftlichen Wohlwollen für mich, als der ernsten Übung Ihres allgeachteten und -- verdientenfalls -- allgefürchteten kunstrichterlichen Vermögens zu verdanken habe, so könnte ich über Ihre beifällige Äußerungen fast stolz werden; ich habe indessen die aufsteigende Hoffahrt niedergedrückt und mich an Ihrem gütevollen Lobe so weit zu erfreuen und zu erstärken mir erlaubt, daß ich neue Lust und neuen Muth zur Fortführung eines -- wie ich aufrichtig gestehen will, mir _liebgewordenen_ -- Unternehmens gewann, welches mir mancherlei Umstände zu verleiden geeignet sind; _da_hin gehören vor Allem: der Unfug, der mit dem Übersetzen mehr als je getrieben wird und _jedem_ Übersetzer in _einer_ Verdammung gewissermaßen eine ~levis notae macula~ anhängt; ferner: die ganz seltsame Art, mit welcher diejenigen Zeitschriften, welchen altem Herkommen nach ein Exemplar der Engl. Bibl. zur Beurtheilung zugesendet zu werden pflegt, verfahren, indem sie die Zusendung entweder gar nicht einer öffentlichen kritischen Bemerkung werthhalten oder mit einer blosen Inhaltsaufzählung abfertigen, und dessenungeachtet, jedoch mit Verschweigung der benützten Quelle, zu Auszügen in ihre eigenen Spalten verwenden; endlich: die Anzahl jener freibeuterischen Unterhaltungsblätter, welche ein kaum erschienenes Heft der Engl. Bibl. auf eine Weise plündern, die in pekuniärer Beziehung einem solchen Unternehmen nur schaden muß. --

Doch genug und übergenug mit solchen Beschwerden und Klagen, die ein Altmeister in der Literatur einem literarischen Neuling, der eine Lieblingsidee, und wäre sie auch nur auf so Unbedeutendes wie der Plan der Engl. Bibl. gerichtet, ungern verkümmert und aufzugeben sich genöthigt sieht, mit freundlicher Nachsicht zu gute halten wird.

Ich habe dieses Blatt so unverantwortlich in den lieben Egoismus ausschießen lassen, daß ich mir zur Buße, und Ihnen gewiß zur erwünschtesten Erleichterung, das Vergnügen versage, Sie noch länger anzuplaudern, und mit dem herzlichsten Wunsch für Ihr körperliches Wohlergehen und die Fortdauer Ihrer, mir sammt allen Ihren Freunden so hochschätzbaren, geistigen Schaffenslust schließe.

Ihr Sie innigst verehrender

K. A. Frhr. v. _Killinger_.

Stephanistraße Nr. 10.

II.

_Karlsruhe_, 14. Januar 1842.

_Verehrter Herr und Freund!_

Es drängt mich, was sich in mir seit Ihrem letzten Hiersein an neugesteigerten Gefühlen der Dankbarkeit, Liebe und Verehrung gesammelt hat, Ihnen in geschriebenen Worten, da mir mündliche leider unmöglich sind, auszusprechen; ich nehme dazu das neue Jahr, zu dessen Beginn ja selbst lästige Wünsche geduldig hingenommen zu werden pflegen, der Ausdruck ächter Anhänglichkeit und Hochachtung aber eben durch die Jahreswende und deren Bedeutsamkeit wie am Erlaubtesten so am Angemessensten erscheinen dürfte.

Die stolze Freude, mit der ich Sie im Geiste und mit dem Herzen auf Ihren Feierzügen der Heimreise durch Heidelberg, Darmstadt, u. s. f. begleitete, wird nur durch den Gedanken getrübt und gedemüthigt, daß nicht auch hier in Karlsruhe Ihnen eine huldigende Aufmerksamkeit hatte dargebracht werden können; allein Ihr kurzbemessener Aufenthalt vereitelte die kleine Festlichkeit, mit der es von einer Anzahl „bekannter und unbekannter Freunde und Schätzer Tieck’s“ auf Sie abgesehen war, und so sind Sie denn glücklich und unbewußt mit der blosen Nachricht in der hiesigen Zeitung weggekommen, _daß_ Ihnen ein Festmahl bereitet werden _sollte_, was übrigens in der, in der Mehrzahl der Mitglieder seiner s. g. gebildeten Klassen hinsichtlich des Genusses dichterischer Schöpfungen und der begeisterten Würdigung der Dichter noch ziemlich böotischen oder beamtlichen „fächergebaueten Sandstadt“ ein „Ereigniß“ gewesen sein würde, da man hier wol einen neuen Bürgermeister oder Stadtdirektor oder Landtags-Abgeordneten oder fürstlichen Namenstag befestmahlte, einen Dichter aber noch nicht seit Serenissimus der höchstselige Markgraf Karl-Wilhelm von Baden-Durlach Anno 1715 den Grundstein zu hiesiger Stadt legte. Übrigens ist Ihnen die gedrohte Verherrlichung (kurios, daß man Poeten -- diese Ambrosiaesser und Idealreichswohner -- so gern durch ein Speisefest feiert und ihnen den Lorbeer, statt um die Schläfe, in einer Wildschweinsauce reicht) nicht geschenkt, sondern nur aufgehoben; lassen Sie sich nur wieder dieses Jahr in Baden finden! ja, hätte ich Ihnen nicht gerade zum Beginn eben dieses Jahres nur gute Wünsche darzubringen, so möchte ich fast, Sie hätten einen recht rheumatischen Winter durchzumachen, um desto gewisser wieder die „balsamischen Lüfte“ und das „weiche warme Wellenspiel“ in der von einem schriftstellernden Engländer so benannten „~City of the Fountains~“ aufsuchen zu müssen; so aber will ich, aus der Fülle meines Herzens, Ihnen ein geistig und körperlich recht behagliches Verbringen dieser nordischen (aber nicht meiner) Lieblings-Jahreszeit und noch recht vieler _Lenze_ und Badereisensommer und fruchtreicher Herbste (stehen Sie ja doch selbst erst -- was auch der 31. Mai 1773 dawider aufbringen möge -- im Lebensherbste und müssen, uns Lesern und geistigen Feingenüßlingen zu lieb und zum Frommen, noch _mehr_ Früchte geben so reif und so schön und so erquicklich wie Ihre letzte, aber hoffentlich nicht _letzte_, Ihre Südfrucht, Ihre Vittoria) wünschen.