Briefe an Ludwig Tieck (2/4) Zweiter Band
Part 11
Ihre neue angekündigte Samlung von Novellen seh ich mit freudiger Sehnsucht entgegen: fahren Sie noch lange fort uns mit Ihren geistreichen Gaben zu ergötzen! Die herliche Malernovelle im letzen Musenalmanach hat mir einen schönen genußvollen Abend geschenkt.
Und nun tausend Lebewohl und Grüße an die ganze Familie, die ich oft mit Freundschaft und Sehnsucht erinnere.
Ihr innig ergebener Freund und
Verehrer
_Ingemann_.
_Verzeihen Sie mir alle die Sprechfehler_, könnte ich nur meine Gesinnungen Ihnen so äußern, daß ihr Herz mich verstände, möchte ich mich gern in den Formalien ein wenig prostituiren.
Julius, Nik. Henrich.
Geb. den 3. Oktober 1783 in Altona. Daß dieser menschenfreundliche Mann sein thätiges Dasein dem Gefängnißwesen gewidmet, und von der preuß. Regierung auf jede Weise gefördert, unendlich viel zur Aufklärung und Verbesserung in jenen düsteren Regionen irdischen selbstverschuldeten (und darum desto traurigeren) Elendes gethan, ist allbekannt und dankbar gewürdiget. Minder bekannt dürften im Allgemeinen seine Bestrebungen schönwissenschaftlicher Art auf litterar-historischem Grund und Boden geblieben seyn. Er hat auch eine vortreffliche Übersetzung geliefert, des Buches: „Geschichte der schönen Litteratur in Spanien;“ ein Werk des Amerikaners Ticknor, von welchem letzteren wir unter T. einen Brief an Tieck bringen.
_Berlin_, 25. Febr. 1834.
_Verehrtester Herr Hofrath!_
Dem im umgekehrten Verhältnisse mit seiner Dauer stehenden unvergleichlichen Genusse, den mir vorigen Herbst Ihre so lang ersehnte _persönliche_ Bekanntschaft gewährt hat, möchte es, wie ich wünsche, Ihre Güte zuschreiben, wenn ich meinen liebsten Freunden ein Gleiches verschaffen will.
Aus diesem Gesichtspunkte wollen Sie es auch freundlichst erlauben, daß ich durch diese Zeilen Lord Cantelupe (Sohn des Grafen v. Delaware) und Hrn. Wordsworth (Neffen von Wm. Wordsworth, dem englischen, meines Bedünkens Tiek am nächsten tretenden Dichter) bei Ihnen einführe. Die Bekanntschaft dieser Herrn, welche 4-6 Wochen in Dresden zu bleiben gedenken, wird Ihnen hoffentlich nicht unerfreulich seyn.
Nun ersuche ich Sie noch um die Erlaubniß, Ihnen in meinem und zahlreicher Freunde Nahmen, für den unbeschreiblichen Genuß zu danken, den Sie uns durch Ihren Camoens gewährt haben. So wie durch ein wunderbares, und wahrlich nicht zufälliges Zusammentreffen, der Untergang Don Sebastians und seines Heeres den düstren Hintergrund bilden mußte, auf dem die Verklärung der Lusiaden desto herrlicher hervorleuchtet, so der schreckliche Bruder- und Bürgerkrieg an den Gestaden des Tejo und Mondego, während durch Sie in Deutschland diese Apotheose des so wenig gekannten Dichters, unvergänglich für unser Volk, und hoffentlich auch für fremde Nationen, heraufsteigt.
Portugall, _wenn_ es nach den Zuckungen, in welchen die pyrenäische Halbinsel und deren edle und ritterliche Bewohner ein bisher ungekanntes Daseyn zu führen beginnen, noch in Zukunft ein solches giebt, wird, wenn auch erst nach Menschenaltern, dem deutschen Dichter danken, der es erkannte und verherrlichte, als es sich selbst aufzugeben begann. -- --
Das Herz blutet mir, wenn ich an die Ströme des edelsten castilischen und portugiesischen Blutes denke, die aus diesen von begeistertem Leben durchrollten Adern, fließen werden, wenn die leichtsinnigen, tückisch das Holz zum ungeheuren Brande herbeitragenden Buben, schon längst wieder bald diesem, bald jenem, monarchischen oder republikanischen, stets aber ihrer Eitelkeit und Genußsucht fröhnenden Trugbilde, nachgejagt haben werden.
Doch ich werde bitter, das soll man aber nie seyn, am allerwenigsten Angesichts des Dichters, der Freude und Liebe um sich verbreitend, und alle welche sein geflügeltes Wort erreicht, beseeligend, auch nichts als Freude, Liebe und Seeligkeit um und an sich sehen sollte.
Leben Sie wohl, und sein Sie so glücklich, wie Sie es verdienen.
Ihr dankbarer Bewunderer
_Julius Dr_.
Kadach.
K. war Prediger in Ziebingen, und während Tieck’s mehrjährigem Aufenthalte daselbst fanden sich die beiden Männer. Wie würdig ihr freundschaftliches Verhältniß gewesen und geblieben ist, und wie selbstständig der „Landprediger“ dem Poeten gegenüber sich benommen, geht aus dem Tone dieses (leider ganz vereinzelt vorgefundenen) Schreibens hervor. Späterhin ward er zum Mitglied der dortigen Regierung als Konsistorialrath nach Frankfurt a/O. berufen, und vermählte sich daselbst in reiferen Jahren zum zweitenmale mit der Tochter des Vice-Präsidenten von R. Diese Ehe führte denn im Verlaufe der Zeit durch mannichfache Familienverbindungen dahin, daß die Tochter seines Ziebinger Freundes zur Pflegemutter und liebevollen Erzieherin der von ihm hinterlassenen Waisen geworden ist. Und so dauert das vor länger als einem halben Säkulo gestiftete Seelenbündniß, über Tod und Grab hinaus, lebendig fort.
(ohne Datum.)
An den Königl. Sächsischen Hofrath und 2ten Theaterdirektor Herrn ~Dr.~ Tieck.
_Mein herzlichgeliebter Freund!_
Die Nachricht von Ihrer Standeserhebung, Ihrem neuen Amte und der damit verbundenen Dotation hat uns hier als die größte Neuigkeit des neuen Jahres ganz außerordentlich angenehm überrascht und bey Marie und mir eine so große und theilnehmende Freude verursacht, daß ich mirs nicht versagen kann, Ihnen davon ein schriftliches Zeugniß zu schicken und Ihnen zugleich zu Ihren neuen Titel und Würden, so wie zu Ihrem Amte und Gehalte von Herzen Glück zu wünschen. Denn das letzre, denk ich, werden Sie bei all Ihrem Talent, Ihrer Kentniß und Ihrer Liebe fürs Theater doch wohl gar sehr brauchen und dessen nicht leicht zu viel oder genug haben können. Möge Ihnen denn bei Bildung des Theater- und Künstler-Volks und bei Leitung desselben zu einem schönen und edlen Ziele ~Fortuna~ aufs günstigste seyn und es Ihnen besser als Göthen und Lessing gelingen, uns ein wahrhaft deutsches National-Theater zu geben, oder doch näher dazu zu verhelfen, als es jenen gelungen ist. Jetzt ist für Sie die Zeit gekommen, Ihre deutschen Tragödien zu schreiben und Ihr Vorbild Shakespeare, nachzunahmen und wie ihn, so auch Ihren eigenen patriotischen Genius auf die Bühne zu stellen. Was würde Deutschland auf der Dresdner Bühne hören, was sehen, wenn es Ihnen gefallen wollte, die Hand an die Feder zu legen, durch sie Ihre jugendlich und männliche Begeisterung aussprechen zu lassen und Ihr ganzes amtliches Ansehen vereinigt mit Ihrer Kunstkenntniß, für gediegene Darstellung desselben einwirkend zu verwenden. Wie will ich mich freuen über alles Gute, das durch Ihren Einfluß in diesem Gebiete der Kunst hervorgebracht wird, wenn auch das wünschenswertheste und beste nicht erreicht werden könnte. Unter Ihnen wird sich doch wieder eine Schule bilden, wo die Acteurs und Actricen reden, gehen, stehen und agiren lernen, und wo das eigentliche Talent sich bilden kann, ohne verbildet zu werden aus eigner Schuld oder fremder! Mögen Sie nur dazu recht lange die Lust behalten und recht viele angenehme Erfahrungen machen, die die natürliche Lust und Liebe zum Dinge in Ihnen verstärken; und möge zu Ihrem Wirken für diese Kunst Ihnen nur niemals die Gesundheit fehlen. Bei Ihrer alten Vorliebe, bei der freien Gunst, die Sie bisher schon der Dresdner Bühne geschenkt hatten, bei dem Ansehen, in dem Sie schon standen und das jetzt durch das amtliche noch viel mehr zunimmt, bey der schon vorbereiteten Geneigtheit des Theaterpersonales, des Publikums und der Direktion, Lehre, Rath, Beispiel gern anzunehmen und aufs beste zu benutzen, darf jedermann etwas ausgezeichnetes Gutes und Schönes erwarten, und Ihre Freunde und Freundinnen dürfen sich Ihrer neuen Thätigkeit, Ihres belebenden Eifers und Ihres -- neuen Ruhmes freuen, den Sie dem schriftstellerischen beifügen. Freilich ist nicht zu erwarten, daß jener überall ganz rein glänzen werde; ebenso wenig als dieser ganz fleckenlos erscheint und überall anerkannt wird. Vielleicht wird jener grade im Vaterlande eben so angefochten als es diesem seit Ihren letzten Werken, den Novellen, ergeht, die viele kaum wollen dafür gelten lassen, aus keinem andern Grunde, als weil sie sich mit denen des Cervantes und andern ältern gar nicht in Vergleichung stellen ließen. Soll ich Ihnen, damit Sie ja nicht bei Ihrem neuen Glücke übermüthig werden, eine Probe der einheimischen Kritik geben, welche Sie wohl demüthigen könnte, wenn Sie sich davon wollten demüthigen lassen? Aus Frankfurth schreibt man mir: „Tieks Novelle, das Landleben, haben wir gelesen; aber unter allen Erzählungen dieses geistreichen Mannes hat sie uns am wenigsten gefallen. Das Zopfwesen wird doch zuletzt ein abgehetzter Haase, an dem weder Fell noch Fleisch zu brauchen ist. Eine ächt humoristische und wahrhaft witzige Situation abgerechnet, ward uns zuletzt der Zopf nach allen seinen politischen, moral- und martialischen Beziehungen sehr langweilig. Kein einziger der aufgeführten Charaktere ist uns recht klar in sich selbst begründet und poetisch und psychologisch wahr genug vorgekommen. Auch kommen und gehen die Personen wie in einem Puppenspiele und damit die Geschichte sich fortbewege, bekommt sie immer durch einen ~deus ex machina~ einen äußern Anstoß. Man begreift nicht, wie die zum Theil albernen Menschen zu einem so tiefen, wahrhaften und wunderbaren Gespräch über Friedrich II., das preußische Volk, Lessing, Klopstock, Voltaire, den rel. Unglauben seiner Zeit u. s. w. kommen! -- Welche gehaltvolle, gediegene Worte! welch ein tiefes, festbegründetes Urtheil, in dem jedes Wort gewichtig ist, haben wir da gefunden, aber wie kommt und geht es mit den übrigen Figuren der Novelle zusammen? Sonst ist alles, was von Tieck kommt, ein wahres Kunstwerk, wo alles zu einem schönen Ganzen in einander gewebt ist; aber dieß ist kein Kunstwerk, sondern -- (erschrecken Sie nicht!) -- Aphorismen und Rhapsodie. -- Wir müßen den herrl. Geist, dem Shakespeare zur Aufgabe seines Lebens geworden ist, beklagen, daß er seine Kraft in solchen ~details minutieux~ versplittert. Nicht als wenn wir die Novelle gering achteten. Es hat uns im Gegentheil oft verdrossen, daß wir Deutsche auf die lyrische Poesie so viel Fleiß verwandten und die Erzählungen wie von der Bank gefallene Kinder in die Findelhäuser des Morgenblattes, der Abendzeitung, des Gesellschafters &c. absetzen, aber Tieck kann sie anders schreiben als die geschrieben sind. Höchst gespannt sind wir auf das Dichterleben und den Aufruhr in den Cevennen, von denen Sie uns so viel gesagt haben; bedauern aber um so mehr, über das Landleben nicht Ihrer Meinung seyn zu können!“ und so kann ich mich Ihnen denn mit keiner bessern zu freundl. Andenken empfehlen; verbleibe aber
Ihr getreuer
_Kadach_.
Gern schriebe ich mehr, aber ich kann nicht -- die Briefe müßen endlich fort! Leben Sie wohl!
Kaufmann, Alexander.
Über die Lebensverhältnisse dieses Gelehrten wissen wir leider nichts Näheres zu sagen. Von seinem gediegenen Wirken geben die beiden Briefe das beste Zeugniß. Während er in Berlin verweilte, schien Kränklichkeit häufig den Arbeitsfleiß des tüchtigen Mannes zu hemmen, und aufmunternder Förderung dürfte er sich eben auch nicht besonders erfreut haben. Die Übertragung, welche er vom _Lear_ geliefert, ist ein vorzügliches Werk, dessen praktische Brauchbarkeit wir durch selbst eingeübte Darstellung schätzen lernten. Einem so gründlichen, nach Wahrheit ringenden Kenner Shakespeare’s sind die, vielleicht allzu harten, Urtheile, die er einer etwas übereilten Bearbeitung des „Caesar“ entgegenstellt, gern zu verzeihen; wenn wir auch einzugestehen wagen, daß uns die im vierten und fünften Akte jener Tragödie angebrachten Berliner Kürzungen nicht so tadelnswerth erscheinen, wie Kaufmann sie findet. Denn ableugnen wollen, daß mit Caesars Ermordung, und mit den Reden des Brutus und Antonius, die dramatische Wirkung abnimmt -- das heißt der Erfahrung widersprechen; in welchem Widerspruche sich allerdings viele Theoretiker ausnehmend gefallen.
I.
_Berlin_, d. 4ten Juli 1829.
_Hochgeehrtester Herr!_
Mit der innigsten Freude habe ich die Bemerkungen gelesen und immer wieder gelesen, die Ew. Wohlgeboren die Güte hatten, meiner Übersetzung des Macbeth beizufügen. Ihre Theilnahme an meinen Bestrebungen, die Bemühungen, deren Sie meine Arbeit gewürdigt, so wie Ihre gütige Beurtheilung derselben, zeigen mir, daß Sie meine Richtung im Ganzen nicht mißbilligen, und diese freudige Überzeugung ermuthigt mich zu neuem Eifer. Es war mir daher schmerzlich, Ihnen nicht sogleich bei Empfang des Manuscripts, den herzlichen Dank, von dem ich mich durchdrungen fühlte, sagen zu können, aber eine hartnäckige Krankheit, die mich kaum verlaßen hat, hielt mich Anfangs, und später der Wunsch, Ihnen durch die That zu zeigen, wie ich Ihre Anweisungen beherzigt habe, bis jetzt davon ab. Wenn ich gleich nur zu gut fühle, daß es mir unmöglich wird, jetzt schon die hohen Anforderungen, die Sie (und gewiß auch ich selbst) an einen Übersetzer des großen Dichters machen, überall zu befriedigen, so kann ich doch schon jetzt bemerken, welchen wohlthätigen Einfluß, das immer wiederholte Streben nach diesem Ziel auf meine Arbeit übt. Aus der beiliegenden Probe des König Lear, die in den letzten Tagen ganz umgearbeitet wurde, werden Sie, gewiß mit Freude, bemerken, daß Ihre Saat nicht ganz auf unfruchtbaren Boden gefallen ist, daß dieselbe im Ganzen, der, wegen ihrer Worttreue gerühmten Voßischen Übersetzung von 1819, in dieser Hinsicht nicht nachsteht, und zuweilen noch wörtlicher ist, ohne der Sprache jene Gewalt anzuthun, die dem Voßischen Shakspeare so sehr schadet. Ich halte es für die erste Pflicht des Übersetzers, den Sinn, die Intention im Ganzen, die Totalwirkung einer Stelle, namentlich ihr eigenthümliches Leben in Sprache und Rhythmus wiederzugeben, und erst für eine zweite, dies soweit es die Natur unserer Sprache zuläßt, mit denselben Worten und Stellungen zu thun, wie sie das Original hat; und bin der Meinung, daß man sogar unermüdet streben müsse, beides zu erreichen, daß aber im Collisionsfalle die letztere Rücksicht der ersteren weichen müsse. Es kann, wenn ich hier von Nachahmung des Rhythmus im Ganzen rede, natürlich nicht meine Ansicht sein, daß man sclavisch Alles nachahmen müsse; denn es giebt natürlich eine Menge Stellen, wo auf den bestimmten Rhythmus kein großes Gewicht gelegt werden kann, wo ein anderer ebendieselbe Wirkung hervorbringt, und der eben gewählte mehr aus der Beschaffenheit der Sprache, als aus dem Gegenstand oder einer besondern Intention des Dichters hervorgeht. Noch weniger aber konnte mich bei der Arbeit die schülerhafte Befolgung eines hergebrachten Versschemas verleiten, an die Stelle einer genialen Unregelmäßigkeit des Originals, die oft so höchst wirksam ist, jene nüchterne Regelmäßigkeit treten zu lassen: Denn bei Shakspeare wie bei jedem wahren Dichter entschiedet nur der Gegenstand über die Form, er gibt sich gleichsam von selbst dasjenige Gewand, das ihm am besten paßt; Gebrauch der Prose und des Verses im Allgemeinen sowohl, als die Behandlung jeder dieser Formen insbesondere folgt lediglich jener höheren Rücksicht, dem Character des Sprechenden, dem Inhalt seiner Rede, der Situation, der Gemüthsstimmung; und grade dieses innige Verwachsen der Form mit ihrem Gegenstand zeichnet neben so vielem Andern den großen Dichter vor Allen aus, und muß vorzüglich vom Übersetzer nachzuahmen gesucht werden. Es hat mich daher sehr gewundert, daß Schiller die ganze erste Scene des 5ten Actes im Macbeth, die für das Erwähnte den augenscheinlichsten Beweis giebt, dadurch ihrer Wahrheit beraubt hat, daß er sie in regelmäßigen Jamben wiedergab. Dies, wie manches Andere machte mich glauben, daß er wohl nur der prosaischen Übersetzung gefolgt ist, und dieselbe für den Gebrauch der Bühne eingerichtet und versifizirt habe, ohne dabei das Original genau zu vergleichen. Denn sonst hätte er gewiß gefühlt, wie sehr hier die mannichfaltig wechselnde Form motivirt ist, wie die leichte Conversationsprose der den Act beginnenden Reden des Arztes und der Kammerfrau durch den Gegenstand bedingt sind, wie sich aber auch dieselbe, wenn der Arzt aus den Erforschungen des Zustands der Nachtwandlerin allgemeine Bemerkungen zieht, hebt, und mehr rhythmischen Klang erhält, und namentlich, welchen Contrast hierzu die Reden der Lady Macbeth bilden. In unruhigen, abgebrochenen, heftig hervorstürzenden Lauten, einzeln rhythmisch, aber zerrissen, wie ihr Gemüth, und scheinbar ohne Verbindung wie im Traum, malt sich ihre ganze Seelenqual; dann wieder dazwischen die ruhig beobachtenden Bemerkungen und Fragen des Arztes, und die theils gewählteren Antworten der mehr in das wahre Geheimniß eingeweihten Kammerfrau, und endlich die rein rhythmische Schlußstelle der Lady Macbeth, wo ihre Seele durch den _einen_ Gegenstand des Königmords ganz in Anspruch genommen ist, und ihre Rede zusammenhängend wird, und nach ihrem Weggehen die allgemeinen Betrachtungen des Arztes, wegen des gehobenen Gegenstandes in Versen und in vollem Reim schließend. Das ist kein Zufall, und noch weniger, wie vielleicht manche der Hrn. Editoren glauben, „~an extreme negligence in numbers~.“ Nein das ist die Freiheit des Genius, der mit dem Kunstwerk zugleich seine Regel schafft. -- Es bedarf übrigens nicht so auffallender Stellen, um das Gesagte zu beweisen, die Belege sind im ganzen Shakspeare zerstreut, oder vielmehr der ganze Shakspeare ist nur _ein_ Beleg dazu. Sie verzeihen mir gewiß diese Ausführung, da Sie ihr Motiv wohl durchschaut haben. Aus meinem unfertigen Manuscript konnten Sie zwar sehen, was mir gelungen war, und was nicht; aber nicht, wonach ich strebte, und selbst viele der Mängel, die Sie mir in diesem Manuscript anmerkten, waren in meinem eignen Manuscript, das ich zurückhielt, schon verbessert, und sehr leid war mirs, diese Besserungen wegen der schnellen Abreise des Hrn. Professor von Raumer nicht beschreiben zu können. Ihren Rath, mich mit Shakspeares Zeitgenossen bekannt zu machen, habe ich sogleich befolgt, während meiner Krankheit den größten Theil der in der „~Continuation of Dodsley’s old plays VI. vol. L. 1816~“ enthaltenden Stücke von Marlowe, Lyly, Marston, Decker, Chappmann u. A. gelesen und daraus manches Schätzbare für den Shakspeare gelernt und mir gesammelt. Jetzt studire ich Ben Jonson in der trefflichen Gifford’schen Ausgabe, und werde mit diesen Studien immer fortfahren, da ich sehe, wie nothwendig sie sind. Ich hätte dies gewiß schon früher gethan, wären mir nicht in Potsdam alle diese Werke, so wie überhaupt auch für den Shakspeare aller kritische Apparat abgegangen. Ich konnte dort bei meiner Übersetzung nur die Fleischersche Ausgabe benutzen, da ich leider keine andere besaß; was also dieselbe an schlechten Lesearten und Emendationen in ihrem Text hat, das ging in meine Übersetzung über, nicht aus eigner Wahl, und weil ich den Editoren zu sehr vertraute, (denn die ertappt man ja, wie ich mich schon aus früheren Studien überzeugt hatte, überall auf Verkehrtheiten,) sondern weil mir die Lesearten der alten Ausgaben fehlten, und mir also nichts übrig blieb, als meiner Ausgabe zu folgen. Ich hatte mir jedoch die Vergleichung der alten Ausgaben und die Erforschung des Urtextes, sowie die Abänderung meiner Übersetzung nach diesem Resultat bis zu meiner Ankunft in Berlin vorbehalten, und habe mir nun die Varianten der ersten Folio von 1623 von Macbeth und Lear schon gesammelt. Die andern alten Ausgaben jedoch konnte ich nicht bekommen, und auch in den neuern englischen Ausgaben, die ich bis jetzt verglichen, fand ich keine vollständige Angabe der Varianten. Die meisten derselben haben gar keine, und auch diejenigen, die welche haben, sind mehr bedacht, die gewählte Leseart zu vertheidigen, als dem Leser zur eignen Wahl und Beurtheilung einen vollständigen Apparat zu geben. Die Baseler Ausgabe scheint mir noch die vollständigste, aber auch hier vermisse ich die Angabe der abweichenden Versabtheilung, und selbst, wo ich sie verglichen habe, oft die Angabe der Lesearten der Folio. Es würde mir höchst erfreulich sein, wenn Sie mir hierin Ihren gütigen Rath ertheilen wollten. Ihr durch Herrn von Raumer mir mitgetheiltes Anerbieten, auch meine übrigen Übersetzungen Ihrer Durchsicht und Beurtheilung würdigen zu wollen, war mir die liebste Kunde, die ich seit lange erhielt, und nicht weniger war ich und mein Verleger darüber erfreut, daß Sie auch zu meinen Stücken in der Ausgabe Ihre Erläuterungen geben wollen. Mein sehnlichster Wunsch wäre, Ihnen auf irgend eine Weise bei dieser Arbeit Dienste leisten zu können; ist dies der Fall, so bitte ich, mich die Art und Weise wissen zu lassen, und verspreche im Voraus, daß es an meinem Eifer nicht fehlen soll. Wenn es mir irgend möglich wird, so bin ich gesonnen, im Laufe dieses Sommers einige Wochen in Dresden zuzubringen, um aus Ihren mündlichen Mittheilungen einen größeren Nutzen für die Sache, die mein Heiligstes ist, zu ziehen. Schließlich bitte ich Sie, mir ferner Ihre Theilnahme zu schenken, und verbleibe Ihnen zu innigem Dank verpflichtet, hochachtungsvoll
Ew. Wohlgeboren
ergebenster
_Kaufmann_.
II.
_Berlin_, d. 31ten März 1830.
_Verehrter Freund und Gönner!_