Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band

Part 9

Chapter 93,627 wordsPublic domain

Sie wissen gewiß, daß ich Sie liebe, von Herzen liebe, und daß ich glücklich wäre, Sie irgendwo hingestellt zu sehen, wo es Ihnen wohl ergieng, ohne daß Sie aus aller Berührung mit den Menschen gebracht wären; Ich hatte einstens einen nachher verunglückten Plan, wie sie wißen, mit dem Frankfurter Theater; Ohne zu wissen, ob es gelingt, oder ob Sie einwilligen würden, wenn es gelänge, habe ich die Idee gefaßt, ob es nicht möglich sein sollte ihnen eine Professur der schönen Wißenschaften in Heidelberg zu verschaffen, wo es Ihnen so sehr gefallen hat. Könnte Ihnen diese Hoffnung sehr angenehm sein, so bitte ich Sie herzlich, sie als äußerst ungewiß anzusehen, damit Sie durch das Fehlschlagen nicht betrübt werden mögen. Nun will ich Ihnen kurz aus einander setzen, wie ich auf die Idee gekommen bin. Sie wissen, daß Heidelberg durch Baden neu organisirt wird, man geht dabei bescheiden und würdiger zu Werk, als in Würzburg. Der Minister von Edelsheim, der das Ganze leitet ist human, voll guten Willens, aber es fehlt dort, wie überall an Ansicht, Herr Professor Kreuzer von hier ein Philolog, mein Freund, ein bescheidner geistvoller Mann ist auf die einfachste Art dorthin berufen worden, er hatte den Ruf nach Wilna, und da er etwas vor der Fremde scheute, so sendete er vorerst seine Einleitung in den Herodot an seinen Freund den Professor Daub in Heidelberg mit der Anfrage, ob sie schon einen Philologen dort hätten? Dieser schickte das Buch an den organisirenden Minister von Edelsheim nach Karlsruhe, und wenige Tage hierauf erhielt Kreuzer von dem Minister die Einladung zu einer Professur. Eben so ist mein Schwager der Professor von Savigny von hier dahin berufen worden, der aber wegen einer großen gelehrten Reise, es bis zu seiner Rückkehr abgelehnt hat. Da ich durch diese Männer nun allen Umgang hier verlohr, so war ich anfangs willens mit meiner Frau nach Dresden zu ziehen, um in ihrer Nähe zu sein, lieber Tieck, denn sie wissen es vielleicht nicht, mit welcher kindischen Sehnsucht ich immer an Sie gedenke, und wie ich in mir selbst fest überzeugt bin, nur ihre Nähe, ihr Umgang könne eine fürchterliche Unruhe und unerklärbare Muthlosigkeit, die mich zusichtlich zerrüttet, auflösen, ich hatte diese große Translokation fest beschloßen, als ich plötzlich in dieser Idee durch meine Familiengeschäfte, und meine Vermögungsumstände verhindert ward, welche mir es nicht erlauben mich weit von Frankfurt zu fixiren. Heidelberg ist mir der einzig taugliche Ort dazu, und da ich wegen der Ausführung meines Plans an den Dr. Creuzer nach Heidelberg schrieb, und zugleich meinen Wunsch, sie dort angestellt zu wißen, ihm mittheilte, weil es mir bekannt ist, daß das Ministerium sehr auf die Vorschläge der Professoren bei der Besetzung der Professuren achtet, so hat er mir auf diesen lezten Punkt folgendes geantwortet, was ich Ihnen abschriftlich mittheile, indem Sie dadurch am leichtesten ~au fait~ gebracht werden können.

„Mit ihrem frommen Wunsche, Ludwig Tieck betreffend, stimme ich aus voller Seele zusammen. In der That, wenn ich jezt bei meinen einsamen Wanderungen in den mächtigen Ruinen des hiesigen Schloßes unsere neudeutsche Kleinheit fühle, empfinde ich lebhaft, daß hier ein Ort für Männer sei, die das alte große Deutschland im Herzen tragen, für Dichter, wie Tieck einer ist, die den alten romantischen Gesang in seiner Tiefe aufzufassen und auf eine würdige Art wieder zu beleben vermögen. Urtheilen sie also selbst, wie sehr ihr Wunsch auch der meinige ist, ohne daß ich die persönlichen Beziehungen kenne, die Ihnen Tiecks Umgang zum Bedürfniß machen. Aber warum kann ich Ihnen hier nicht mit so großer Zuversicht entgegenkommen! -- Sehen Sie, das gehört zu der Seite Heidelbergs, die ich nicht mit dem frohen Muthe schon jezt anzupreisen wage, als die hiesige Natur, die hiesigen Menschen und die geselligen Verhältniße. Ich habe mich in Carlsruhe wo ich neulich war, selbst überzeugt, daß man zwar die besten Absichten für die Universität, auch recht gute einzelne Ideen hat, daß es aber bis jezt an einem recht tüchtigen Mittelpunkt aller wißenschaftlichen Ansicht, und folglich an einer tiefgefaßten Einsicht in die hiesigen gelehrten Bedürfniße fehlt. -- Ich habe nach Kräften geredet -- aber da viel zu wirken, dazu gehört ein Mann in einem ganz freien Verhältniß zu dem hiesigen Land, den sein Stand, sein Vermögen, sein öffentlicher Credit auf eine gewiße Höhe gestellt hat -- ein solcher Mann ist Savigny, dessen Besuch der Minister dringend wünscht. Ich habe es Savigny schon geschrieben, er kann viel dort thun, und auch für Tieck, aber er muß eilen, denn man empfiehlt hier rechts und links, und es ist auch bereits schon ein obskurer Mensch als Aestetiker projecktirt, noch ist es Zeit für Tieck zu wirken. Wie wäre es, wenn er seinen Wunsch dazu, etwa mit seiner Ausgabe der Minnelieder und der vortreflichen bescheidnen lehrenden gelehrten Vorrede, an einen der Freunde, die er sich bei seinem Aufenthalt hier unter den Gelehrten erworben hat, sendete, wie wären wir alle belohnt, wenn er mit uns sein könnte.“

Dieses sind die Worte meines Freundes, an Savigny habe ich bereits geschrieben, er liebt sie, wie ich, wenn er überhaubt nach seinen eigenthümlichen Grundsätzen und Plänen, sein Ansehen bei dem Minister zu gebrauchen Lust hat, so wird er auch gewiß für sie arbeiten, lieber, theurer Herr Tieck, o thun sie doch auch irgend Etwas darzu, ich wäre ewig glücklich, alle meine Hofnungen würden wieder erstehen, wenn ich dort unter ihrer Leitung, an einer Reproducktion der alten Heldengedichte arbeiten könnte. Wie herrlich wäre es, nach einem gewissen Plan arbeitend in einer ganzen Gesellschaft, die verschiedenen Heldengedichte wieder zu verbinden und hervorzuführen, ich wollte gern auf alle eigne Arbeiten Verzicht thun, und mein ganzes Leben für diese Arbeiten anwenden. Bei dieser Gelegenheit sage ich ihnen mein Herzlichen Dank für die große Belehrung, die sie mir, und allen ihren gelehrigen Lesern in der Vorrede zu den Minneliedern gegeben haben, lieber Tieck, wenn sie auf Erden in bürgerlichen Umständen nie glücklich sein sollten, so muß es auch wahr sein, daß sie ihren Himmel bereits im Herzen tragen. Ich habe vor einiger Zeit unter einigen poetischen alten Manuskripten von minderm Wehrt, eine Sammlung Minnelieder aus dem 14 und 15 ~Saeculo~ gekauft, die Lieder sind noch nicht edirt, und meist Nahmenlos, und von verschiedenem Wehrt, folgende Verfasser, die ich nicht kenne kommen unter ihnen vor, der Brandberger, Heinrich Graff von Würtemberg, H. v. Schromberger, Johann Sasse. Die Samlung enthält vorzüglich viele sogenante Wächter-Romanzen, und auch einen vollständigen Gedichtwechsel zwischen einem Edelmann und einer Fürstinn, von deren Gemahl er des Ehebruchs beschuldigt hingerichtet wird, doch alles nahmenlos, einige Strophen sind überschrieben, dies diechtete der Herre dri Stunnden vor seim Tot. Ich gedenke sie nächstens theilweiß bekannt zu machen, auch besizze ich in demselben Band, die von dem Minnesinger Nithard, dem Hofnarr des Otto des frölichen von Oestereich gesungenen eignen Schalksstreiche mit Bauren, und manches Andere, auch die seltene Ausgabe des Titurell, und noch vieles, waß dahin schlägt. Wie glücklich wäre ich in ihrer Nähe weißlicher fort zu sammlen und nebst Ihnen alles das zu benutzen. Eine Vereinigung zu einer gemeinschaftlichen zugleich hervortretenden Bearbeitung mehrerer sich gegenseitig unterstützender Gedichte jener Zeit ist immer mehr mein Wunsch, und ich würde mit aller Anstrengung und Liebe unter ihrer Leitung nach einer durch sie vorgeschlagenen Form, die Nibelungen, den Parzival, oder den Titurell oder waß sie wünschten bearbeiten. Ach aber alles dieses verhindert die Ferne, ich gehe einsam an ihrem Stöckchen durch die Welt, an ihrem lieben Stock, waß ich den Stock liebe, _ihr_ Marseiller Marsch, „o Stock o Stock o Vaterland,“ hat für mich durch ihn eine andere Bedeutung erhalten. Geliebter Tieck sollte sich ein widriges Geschick, das bis jezt alle meine schönen Wünsche vereitelte abermals zwischen meine Hofnungen und ihre Erfüllung stellen, so verzeihen sie meiner Liebe, und sein sie versichert, daß Sie kein Herz so besitzen wie das meinige, wenn sie sich hierüber ein wenig freuen können, wenn es ihnen wohl thun kann, daß ich mich in jeder Stunde nach Ihnen oft mit Trähnen sehne, so ist auch das mir schon ein Lohn. Schreiben sie mir doch gleich auf meine Projeckte, und auch nach Heidelberg, wenn es Ihnen gut dünkt. Meine Frau, die nächstens ein Kindchen bekömmt, wünscht Ihnen Glück, und sich einen Sohn wie Ludwig Tieck. Ihr treuer

_Clemens Brentano_.

Grüßen sie den lieben H. v. Burgsdorf.

Dieser Brief muß erst zu ihrem Bruder nach Weimar oder zu Frommann laufen, da ich den Nahmen ihres Aufenthalts vergessen habe, eilen sie doch zu antworten. Kann denn ihr Burgsdorf nichts für Heidelberg thun?

III.

_Marburg_, den 28t. Mai 1804.

Ich habe ohnlängst, da ich ihren Aufenthalt nicht wußte, durch Herrn Doktor Herder in Weimar einen Brief an Sie gelangen lassen, ich weiß nicht, ob Sie ihn erhielten, sein Innhalt war die Frage, ob Sie wohl eine Professur der schönen Wissenschaften in Heidelberg annehmen würden, ich habe ihnen zugleich auseinandergesetzt, in wiefern ich Etwas dafür thun könnte, ohne noch ihre Erklärung zu wissen, habe ich meine Idee meinem Schwager mitgetheilt, da dieser in Carlsruhe viel vermag, ja beinah das Meiste, ich mußte es diesem sagen, denn er wird in wenig Wochen nach Italien gehen, und er konnte daher nicht auf ihre Erklärung harren, gestern begehrt er dringend ihre Erklärung an mich, in wiefern er sie nun nöthig hat, würde sich zeigen, wenn sie die Güte hätten mir sogleich zu antworten, ob ich ihnen durch meinen Vorschlag wonicht einen Dienst geleistet, doch meine treue ernste Liebe bewiesen habe. Ihr

_Clemens Brentano_.

Schreiben Sie ihre Erklärung, ob ihnen so etwas annehmbar schiene, an mich, aber so gleich!

IV.

Erdberggaße No. 98 an der Landstraße in Wien 1813 den 12. Juli.

_Liebster Tieck!_

Ich bin nach einer dreitägigen Reise, auf welcher mich das Leben sehr ~en Bagatelle~ traktierte, in Wien angekommen, in der so mannichfach gepriesenen Stadt, der Eindruck, den sie mir gemacht, ist ganz von meiner Erwartung verschieden, die Stadt, die ich bereits nach allen Seiten durchschnitten macht einen Eindruck wie Leipzig, Dresden und München durch einander, der herrliche Münster steht wunderbar, wie ein altes Gespenst, im modernen Getümmel, da sizzt die Spinne drinn, in deren Geweb, alle die modernen Fliegen hängen, und gebe es einen ewigen wandelnden Jesus wie einen Juden, so stände sie da, wie ein solcher unter den Jesuiten. Das Ganze ist wie überall, nur diese Kirche, ist wie Nirgends, „Ueberal und Nirgends“ aber ist ein Spiesischer Roman in dem viele Anlage, viel Stoff, aber kein Zug einer großen bildenden willenwollen- und vermögenden Meisterhand waltet. Mit Weg und Steg und Marschrouten beschäftigt, habe ich noch nicht von ihren Empfehlungen Gebrauch gemacht, werde es aber nächstens thun, und Ihnen dann treulich berichten. Ich will Ihnen nur meine gestrigen Entdeckungen erzählen; denen ich das einliegende Schreiben verdanke. Ich suchte Adam Müller auf, er bewohnt das Gräflich Carolische Schloß und Garten am Ende der Favoriten Linie gegen dem Theresianum über, ein äußerst reitzendes einsames grosartiges Lokal, wo er mit Unterstützung des Erzh. Maximilians eine Erziehungs Anstalt gründen soll, gegen welche von der Unwissenheit und Pfafferei viele Kämpfe eröffnet sind. Ich fand dort den Hofrath Fischer, den ich von Berlin kenne als Partikülier wohnend. Als Gehülfen der Anstalt aber einen sehr besonnenen Künstler und Freund Runges, den Mahler Klinghofström aus Schwedisch Pommern und einen alten Freund von mir den jungen H. v. Eichendorf aus Schlesien, nebst drei Priestern aus dem von Warschau durch die Franzosen vertriebenen Orden der Redemptoristen, Alle aßen wir zußammen und das Gemisch von nordischen Gelehrten und südlichen Priestern mit angenehmen Frauen und ihren kleinen Kindern in einem schönen Saal unter einem Gespräch über die heutige Predigt machte mir in meiner außerweltlichen Seele, die auch nicht grade geistlich ist, ein seltsames Weltbild von Heutzutage. Doch brachte ich einen reitzenden Tag zu und war beinah so neutral und vergnügt und fromm und gottlos als die Vögel auf den Castanienbäumen vor dem Fenster. Ich glaube auch Sie könnten dort sehr glücklich sein. Ich selbst wohne in dem reitzendsten Hauß, sind gleich die Wände von den herrlichen Kunstsammlungen eines ruhigen, geschmackvollen und reichen antiquarischen Gelehrten entblößt, so sprechen doch klassische Mottos über leeren Büchergestellen wie Grabschrifften zu mir, und den reitzenden Garten schmücken herrliche Abgüße von Antiken, und den schattigten Lauben Gang unter dichten Akazien hinab schmücken helle Büsten der edelsten Griechen und Römer, alles das erfüllt mich mit tiefer Rührung über den Untergang eines großartig und wissenschaftlich ausgebauten und eingerichteten Lebenswinkels in den Händen von Erben, die an Münzen 100 mahl so reich sind, als der treffliche Verstorbene, den sie in einem kunstlosen Sarg unter die Todtensammlung der Erde gestellt haben, ich fühle durch meine Umgebung seltsame Wellen in meiner Seele sich bewegen, mögen sie meine Seele nach irgend einer heiligen Insel hinführen. Jezt noch, lieber Tieck, herzlichen Dank, für Liebe und Schonung, ich bedarf Beides, um besser zu werden. Dem guten Leitenberger theilen Sie den Inhalt dieses Schreibens mit und sagen Sie ihm das herzliche Lebewohl, das ich ihm, weil ich ihn nicht fand, nicht selbst sagen konnte, auch nochmals zärtlichen Dank für alle seine Liebe und Güte. Auch Weber grüßen sie herzlich. Hier macht ein Stück von einem jungen Dichter Müllner aus Weißenfels, die Schuld, nicht nur vor dem Volk, sondern auch vor den denkenden Kennern die gröste Sensation, so bald ich es gesehen, schreibe ich Ihnen darüber. Empfehlen Sie mich den Ihrigen und der gütigen Gräfin Henriette, Humbold ist noch in Gitschin (?) oder schon in Prag beim Congress

ihr

_Clemens Brentano_.

V.

(Ohne Datum.)

_Sehr verehrungswürdiger Freund!_

Herr Förster, ein junger Gelehrter aus Altenburg, der die Preußischen Feldzüge mitgemacht und blessirt, jezt hier Lehrer bei einer Militairschule ist, hat mich gebeten, ihm einige Zeilen an Sie einzulegen. Dieser junge Mann ist recht wacker und bescheiden. Er bat mich um meinen Rath bei einem Taschenbuch auf 1817, dessen Herausgabe die Maurersche Buchhandlung ihm anvertraut. Ich habe ihn aufgefordert, Sie um einige Beiträge zu ersuchen, und ihm mein Vorwort versprochen. Sie können das Honorar selbst bestimmen. Jeder kleine Aufsatz, selbst ein kleines Schauspiel, oder ein Bruchstück ihrer Arbeit über Schakespeare, etwa ein Akt ihres Donauweibchens, oder was sie sonst haben, wäre interessant und würde seinen Dank verdienen. Wollen Sie vielleicht über Theater sprechen? das können Sie so herrlich. Fr. von Kleist hat ihnen die kleistischen Papiere übermacht, daraus ließe sich vielleicht, um das Publikum aufmerksam zu machen schon etwas mittheilen. Kurz, sein sie gütig, geben Sie, was Sie haben, und wollen; ich habe nie in einen Almanach geschrieben, weil die Herausgeber meist gar hofärtig waren. Dieser gute junge Mann ist aber bescheiden und läßt sich rathen. Auch Herrn von Schütz, sprechen Sie um einige kleine Beiträge an und eröffnen Sie ihm dieselben Bedingungen. Haben Sie sonst etwas von lebenden oder verstorbenen Freunden so theilen Sie es gütig mit. Fouqué grassirt hier gewaltig bei dem Unverstand, er ist viel besser, als seine Leser, die ganz hölzern sind. Er hat ein großes Glück in seiner Theater-Unschuld, und versäumt keine Vorstellung mit vollkomner Befriedigung beizuwohnen. Man spricht noch immer stark von einem zweiten Theater unter Fouqués Leitung. Bei welchem Fund ein blindes Huhn kein Gerstenkorn gefunden. Meine Wuht gegen das Schauspiel wird täglich größer. Sie liegen so nah, wer Sie verstände wüßte Sie gewiß so in Thätigkeit zu setzen, daß Sie gar nicht gehindert wären, der Gicht abzuwarten. Ich hatte dem alten Waagen eine herliche Gelegenheit gefunden, seine Bilder hier aufzustellen und zu verkaufen, als ich mir die Finger stumpf geschrieben und Alles in Ordnung glaubte, gab er auf einmahl Alles auf. Ich wünsche nicht, daß es der Schaden der Kinder sei. Wir grüssen Sie alle herzlich, (Lücke im Briefe, durch ein weggerissenes Stückchen Papier) Albertis und Mutter, und die Meinigen. Meinen Herzlichen Gruß an den liebenswürdigsten H. von Schütz, er war recht freundlich gegen mich und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Empfehlen Sie mich den Ihrigen, mit vollkomner Verehrung

ihr ergebener

_Clemens Brentano_.

VI.

(Ohne Datum.)

Ich sende Ihnen hier, liebster Tieck die englischen Comödien, ich habe nur diesen Theil und fürchte, daß Ihnen nun doch nicht ganz geholfen sey, herzlich bitte ich Sie mir das Buch nicht über zwei Monate zu behalten, indem ich einiges daraus bekannt zu machen mich verbunden habe, so viel ich weiß, wollten Sie es ja nicht abdrucken, sondern bei ihrem Buch über Schakespear benutzen. Den Titurel bin ich leider nicht im Stande Ihnen jezt zu senden, da ich ihn dem jungen Dichter und Philologen Wilhelm Müller, der den alten englischen Faust meisterhaft übersetzt hat, auf einige Zeit eben bei Erhalt ihres gütigen Briefes mitgetheilt. Was mich von litterarischen älteren Producten in der letzten Zeit besonders verwundert hat, war eine Uebersetzung der Celestina aus 16ten Jahrhundert in Strasburg erschienen, von so ungemeiner Genialität und ungeheurer Macht und freien elastischen Spannung und Biegung der Sprache, wie mir in meinem Leben nie etwas vorgekommen, eine andre bessre Uebersetzung ist gar nicht möglich. Ich kann nur den Fischart für den Meister halten, es verhält sich ganz zum Original, wie seine Geschichtsklitterung zum Rabelais. Es wurde mir leider auf der Auktion bis 30 Thlr. getrieben, die ich nicht hatte. Ich halte es für eins der merkwürdigsten deutschen Produkte, es ist hier in die Prinz Heinrichsche Bibliothek gekommen. Leben Sie herzlich wohl und bleiben Sie mir ein bischen gut. Görres arbeitet an einer Volks-Liedersammlung von der ersten deutschen Zeit bis jetzt, einer Entwicklung des Ideenkreises im Mittelalter, und einer Sagensammlung.

Ihr

_Clemens Brentano_.

=Brockhaus, Friedrich Arnold.=

Geb. den 4. Mai 1772 in Dortmund, gestorben am 20. August 1823 zu Leipzig. Begründer einer weltberühmten buchhändlerischen Firma (F. A. Brockhaus) und mehrfacher genialer bibliographischer wie literarischer Unternehmungen. Er lebte erst in Amsterdam, sodann in Altenburg, und zog endlich nach Leipzig, wo er bis zum Tode wirkte. Der nachstehend mitgetheilte Brief ist nicht unwichtig für eine richtige Anschauung geschäftlicher Verhältnisse zwischen Autor und Verleger, über welche ein großer Theil der gebildeten Welt sich noch immer seltsame Begriffe macht.

Hr. ~Dr.~ Ludwig _Tiek_ Wohlgeb. in Dresden.

_Leipzig_ den 30. May 1823.

_Sehr verehrter Freund._

In der Druckerey hat man mir die Versicherung gegeben, daß die Vorschule bis zu Ende der nächsten Woche ausgesetzt seyn solle. Es wird sich also noch machen laßen, daß Sie alles vor Ihrer Reise nach Töplitz corrigiren können.

Wegen der bemerkten Druckfehler, so hat der Setzer in der Druckerei, der solche auszumerzen gehabt hätte, darin allerdings Fehler begangen. Indeßen sind sie doch nicht sehr bedeutend. Ein Verzeichniß derselben wird am Ende aber immer nützlich seyn.

Die Solgeriana liegen mir aus _bemerkten Ursachen_ sehr am Herzen!

Daß es die Novelle vor allen Dingen thun muß, können Sie denken. Ich bitte Sie daher auf das dringendste, mich damit nicht stecken zu laßen, da es mich in die empfindlichste Verlegenheit bringen würde!

Was die Herausgabe Ihrer sämtlichen Werke anbetrifft, so glaube ich, daß ich mich auf für Sie verehrtester Freund annehmliche Bedingungen mit Ihnen verstehen würde, wenn Sie deshalb vorab mit Reimer auseinander wären. Aber mich meinerseits mit diesem deshalb in Feindschaft und Streit zu setzen, mag ich nicht und könnte ich Schätze dabei gewinnen.

Wäre ich in Ihrer Stelle, so würde ich R. sehr einfach erklären, daß sowohl Berücksichtigung Ihrer Familie als der Wunsch Ihre Werke gesammelt in einer anständig und einförmig gedruckten Ausgabe erscheinen zu sehen, Sie zu dem festen Beschluß gebracht hätte, im nächsten Jahre eine Gesamtausgabe davon zu veranstalten. Was Wieland, Göthen, Schillern und den Herderschen Erben Recht gewesen und geworden müße es auch Ihnen seyn. Sie glaubten ihm aber vor andern den Vorzug geben zu müßen, weshalb Sie sich zuerst an ihn wendeten. Er möge sich also cathegorisch darüber erklären, wie er darüber denke, und wie er eine solche Gesamtausgabe zu honoriren gedenke. Ihre Bedingung eines saubern guten Drucks sey dabey nicht außer Acht zu laßen.

Können Sie sich dann mit R. nicht einigen und ergeht aus Ihrer Correspondenz mit ihm, daß er darauf resignirt, so trete ich gerne mit Ihnen in nähere Unterhandlung, die auch wohl zu einem Resultate führen dürfte, wenn man dem Publikum in dieser Ausgabe (letzter Hand) wesentliche Verbeßerungen der frühern Schriften und einiges Neue versprechen dürfte und ich der reellen und schnellen Ablieferung des Msc. gewis bliebe.

Auf das Hochachtungsvollste und Freundschaftlichste

_Brockhaus_.

=Brühl, Karl Friedrich Moriz Paul, Graf.=

Geb. zu Pfördten am 18. Mai 1772, gestorben zu Berlin 9. August 1837. Von 1815 bis 1828 Generalintendant der Königlichen Schauspiele, späterhin der Museen und Kunstanstalten Berlins. Sein redlicher Eifer für das Edle und Schöne, seine wahre Humanität, seine stets vermittelnde Bereitwilligkeit und Milde, seine männliche Ausdauer im kleinlichen quälenden Kriege gegen Spontini’s Intriguen und Uebergriffe, wobei er stets für deutsches Wesen und Kunst kämpfte, auch siegreich für Carl Maria Weber’s Interesse stritt -- dies Alles sichert dem edlen Manne ein ehrenvolles Gedächtniß. Die fünf an Tieck gerichteten Briefchen bekunden, daß er diesem nicht minder anhänglich und ergeben gewesen, wie seinem großen Freunde Goethe, dem er bis zum Tode geistig und gemüthlich nahe stand.

I.

_Dresden_, 28. August 1829.

Erlauben Sie mir werther Herr Hofrath, Ihnen hier meinen aufrichtigen Glückwunsch über die gestrige so glückliche gelungene Darstellung des Faust, vorzüglich aber über den schönen Prolog auszusprechen, mit welchem Sie uns beschenkt haben. -- Er ist mir in jedem Sinne vortrefflich erschienen, und ich fühle mich gedrungen Sie um Erlaubniß zu bitten, ihn abschreiben zu dürffen in sofern er nicht etwa im Druck erscheint. -- Ich habe nicht allein den Wunsch ihn für mich zu besitzen sondern möchte ihn auch gern dem Herzog Carl von Meklenburg schicken, welchem ich Bericht erstatten will über alles was ich gestern gesehen und gehört. --

Die Einrichtung des ganzen schien mir höchst gelungen und das Spiel der Mitwirkenden, fast in allen Stücken, _sehr lobenswerth._ Auch die scenirte Einrichtung leistete alles was auf einem so kleinen Theater zu fordern ist. Verzeyhen Sie mir meine bescheidene Frage; -- werden Sie nicht hie und da noch, den Stift ansetzen? War die letzte Scene nicht zu lang -- so vortrefflich sie auch gespielt wurde?! Verzeyhen Sie werther Herr Hofrath diese bescheidenen Fragen, und genehmigen Sie die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung und freundlichen Ergebenheit

_Brühl_.

II.

_Seifersdorf_, 20. September 1829.

Meine Abreise ist durch einen höchst unangenehmen Vorfall verzögert worden nehmlich durch den plötzlichen Todt meines Pachters so daß ich nun erst in einigen Tagen meinem lieben, stillen, Seifersdorf Valet sagen werde. --