Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 8
Wie es im nächsten Jahr werden wird? wer kann es wissen! Darum lassen Sie uns, zwar immer das günstigste hoffend, in der Gegenwart das Gewisse vorziehen und Briefe wechseln, bis uns so wohl wird, uns des Wiedersehens zu erfreuen. Vorigen Winter habe Ihrer ganz besonders oft gedacht indem ich die Einleitung zu meinen Beiträgen zur Geschichte der altdeutschen Malerei geschrieben. Die Berufung zur General-Inspection der Denkmale des Mittelalters in Bayern und andere mir ganz unerwartete, keineswegs mit diesem Geschäft zusammenhängende Arbeiten (-- Vertretung der Akademie der Wissenschaften und des General-Conservatoriums aller hiesigen wissenschaftlichen Sammlungen und Anstalten bei dem Ministerium des Innern --) hat mich in der Redaction jener Beiträge unterbrochen. Auch kamen vielerlei Leiden dazu, wovon ich mich jedoch in Baden und Heidelberg glücklich erholt habe. Bleibe ich gesund, so hoffe ich diesen Winter den Faden wieder aufzunehmen, und so lange fortzuspinnen bis ich fertig bin. Wie steht es denn mit Ihrem Vorhaben in Betreff des Sternbald? Sagen Sie mir doch etwas darüber. Ich komme mir, wenn ich in die Zeiten der Jugend zurückdenke, immer einsamer vor; es sind schon viele dahingegangen, die wir geliebt, an denen wir uns belehrt, erfreut und erhoben haben; und nun ist die Welt großentheils so verwirrt abgeschmackt und niederträchtig geworden, daß ich das Bedürfniß doppelt fühle, mit den wenigen Bewährten und Verehrten Männern alter Zeit desto fester zusammen zu halten. Nehmen Sie dieses Geständniß zu Herzen und lassen Sie mich es nicht vergebens gemacht haben.
Meine Frau, Bruder und Freunde grüßen mit mir Sie, die lieben Ihrigen und alle gemeinsamen Freunde, von ganzem Herzen alles Gute, Schöne, Glückliche: Gottes-Seegen wünschend!
_Sulpiz Boisserée_.
=Bothe, Friedrich Heinrich.=
Seitdem Tieck’s beredeter Mund im Tode verstummte, bei wem wäre über die Bedeutung vieler einzelner Blätter in diesem Nachlasse bunt durcheinander geworfener Briefschaften Aufschluß zu suchen, als bei _Rudolf Köpke_, dem gewissenhaftesten, hingebendsten, eingehendsten aller Biographen, die da waren und sein werden. Dieser unermüdliche Durchforscher des Tieck’schen Herzens von dessen frühesten Lebensjahren bis zum sanften Ende des verklärten Greises, sagt uns, daß Bothe Ludwig’s stürmische Bewerbungen um erwiedernde Freundschaft nur durch schnöde Kälte vergolten habe. Die beiden Mitschüler standen sich als zwei total verschiedene Naturen so fern wie möglich, und dennoch kämpfte des Einen feurige Liebe immer wieder um Gegenliebe. Ja, man könnte sagen: Tieck hat sich förmlich weggeworfen, um nur ein zärtliches Wort zu erbetteln, -- und immer vergeblich. Er machte alle Wasser- und Feuerproben stolzverschmähter Sehnsucht durch, und es brauchte lange, eh’ er zu dem Entschlusse kam, sich loszureißen. Dann entließ er solch’ gefühllosen Pedanten allerdings mit dem unzweideutigen Abschiedsworte: „So geh’ denn, dummer Junge!“
Daß ihr Wiedersehn in Halle (1792) keine gesegneteren Früchte trug, ist leicht begreiflich. Dreiunddreißig Jahre später sind sie in Mannheim, von wo aus B. sich als „rühriger Philolog“ bekannt gemacht hatte, abermals zusammengetroffen, und wie Tieck ihn da fand, sah er nun wohl klar, „daß nur schwärmerischer Jugend-Enthusiasmus“ von Freundschaft habe träumen können zwischen Jenem und ihm selbst.
Aus dieser Epoche schreibt sich der erste der aufgenommenen Briefe. Der zweite, siebzehn Jahre nacher, ist an _den_ Tieck gerichtet, der von einem geistreichen Könige geehrt und persönlich geliebt, hohe Achtung am Hofe genießt und dessen fördernde Protektion erbeten wird.
Der zum Jüngling erwachsende Knabe hat auf des glühenden Jünglings feurige Liebe kalten Hohn gegossen. Der alte Mann wendet sich jetzt, kühnen Vertrauens voll, an den einst Verstoßenen, dessen Protektion er nachsucht. Wie liebenswürdig muß der alte T. dem alten B. in Mannheim entgegengetreten sein, daß der Letztere dazu Muth fand!
I.
_Mannheim_, den 12. Juni 1825.
_Mein theuerster Freund._
Dein traulicher Besuch neulich war so kurz, daß ich mich hier noch ein wenig ausplaudern muß.
Daß Du, durch Dein Wort gebunden, an jenem schönen Abend nicht bei uns bleiben, von unserem Brodt essen, von unserem Wein trinken konntest, that mir weh: denn wie selten im Leben sind so heitere Augenblicke, wo alle Repräsentation wegfällt, und wir nach langer Zeit endlich einmal wieder bloß wir selber sind! Kommst Du wieder hieher, so mache mir doch ja diese Freude!
Deinen Shakspeare erwarte ich mit Verlangen; so auch Deine Werke. Läse ich nur nicht so ungern Gutes auf Löschpapier, und wären die bessern Ausgaben nicht so theuer! Doch _muß_ ich dies Beides haben, wenn auch nicht auf der Stelle, doch mit der Zeit; denn eine ganze Wagenladung Berufsschriften, die ich vor Kurzem anschaffen mußte, hat jetzt meine Kasse erschöpft, über die ohnedis Göttin Abundanzia nicht waltet. --
Der Hofbuchhändler Götz, der mich eben besucht, und hört, daß ich an den berühmten Dichter Tieck schreibe, von dem er so Vieles auswendig weiß, bittet mich, diese Erstlingsgabe seiner Muse Dir mitzusenden. Der junge, schöne Mann, ein Enkel des anakreontischen Götz, dem Ramler die Krallen, vielleicht auch etwas die Flügel stutzte, scheint mir etwas zu versprechen, trotz mancher, meist provinzieller Inkorrektheiten.
Sieh doch zu, was an der Sache ist, und, wenn er Aufmunterung verdient, so laß doch gelegentlich ein gütiges Wort über ihn in der Abendzeitung, oder in der Leipzig. Lit. Ztg., oder wo Du sonst willst, fallen. Wie glücklich würde ihn Das machen, den Bescheidenen!
Lebe recht wohl, mein lieber freundlicher Tieck, und behalt lieb
Deinen
_Bothe_.
II.
Leipzig, Blumen- und Kreuzgassenecke im Hause des Hrn. von Kötteritz, den 18. Juli 1842.
_Mein alter Freund._
Längst hätte ich Dir geschrieben und Dir zu der glücklichen Gestaltung Deiner Verhältnisse gratuliert, wenn ich nicht von Monat zu Monat im Begriff gewesen wäre, mich nach Leipzig zu übersiedeln wegen des fast gänzlichen Mangels an litterarischem Verkehr in Süddeutschland. Hier ist es zwar in dieser Hinsicht auch eben nicht erfreulich, aber doch weht überhaupt mehr Lebensluft und die Hoffnung verschwindet wenigstens nicht bis auf den letzten Schimmer. Hier hoffte ich also entweder Dich selbst zu sehen, oder doch sonst mich in leichtere Verbindung mit Dir zu setzen, und so erhältst Du jezt diese Zeilen.
Da ich Deine Theilnahme an meinem Schicksal kenne, so versäum’ ich nicht, Dir einen Plan mitzutheilen, auf den der hiesige Ort gleichsam hindeutet, und den auch einige meiner Leipziger Bekannten, z. B. Prof. Westermann, gut finden. Ich habe nämlich vor, ein Pensionat zu errichten für Studierende aus guten Häusern des Auslandes, Deutsche oder Nichtdeutsche, die entweder die hiesigen höhern Gelehrtenschulen, oder (und zwar vornehmlich) die ausgezeichnete Handelsschule besuchen wollen, sei es, um sich hier von Hause aus zu bilden, oder wenigstens um ihre Kenntnisse zu vervollkommnen, wozu kaum ein anderer Ort mehr geeignet ist. Für gehörige Aufsicht, gesunde Wohnung, nahrhafte Kost, Aufwartung &c. werden ich und meine Frau -- Du kennst sie -- gewissenhafte Sorge tragen, und vor der Hand, bis zu ihrer bevorstehenden Verheirathung mit einem geschickten Rechtsmann im Badischen, wird auch meine Tochter uns dabei behülflich sein. So scheint guter Erfolg zu hoffen, zumal ich das Honorar, über das ich Näheres auf frankirte Briefe melden will, so billig bestimmen werde, als die Lokalität erlaubt.
Habe denn die Güte, dies Vorhaben in Deinem großen und angesehenen Kreise freundlich bekannt zu machen und zu fördern, durch dessen Realisierung der Abend meines sehr umwölkten Lebenstages erheitert werden würde. Du weißt, daß ich Dir von Kindheit an aufrichtig zugethan war, keine Zeile gegen Dich schrieb, (wie mancher schlecht Unterrichtete wohl meinte wegen meiner Verbindung mit F. Nicolai,) und oft Dich gegen Hasser und Neider vertheidigte. Kannst Du auch sonst, vielleicht gar höhern Orts, dazu beitragen, meine Lage zu verbessern (denn ein langwieriger, von mir ganz unverschuldeter, Prozeß hat fast mein ganzes, ohnehin nie beträchtliches, Vermögen aufgezehrt), so sei fest überzeugt, daß Du Dein Wohlwollen an keinen Undankbaren verschwenden wirst. Da ich einigen Ruf in der Litteratur bis auf die neueste Zeit behauptet habe, (s. z. B. Wolfs Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten[5]), so würde Deine Empfehlung des Jugendfreundes zu irgend einer erträglichen Stelle an einer Bibliothek, oder als Archivar, Sekretär &c. Dir gewiß nicht verdacht werden, vielmehr den Edelmuth eines Mannes zeigen, der, aus stürmischer Flut gerettet, auch den noch darin Kämpfenden ans Land ziehen hilft. Auch ein kleines Wartegeld bis zur Anstellung wäre mir erwünscht, dergleichen man ja Solchen zu bewilligen pflegt, denen man überhaupt wohlwill; und warum mich gänzlich hintansetzen wollen, da Magdeburg mein Geburtsort ist, mein Vater (der Steuerkommissarius Ernst Christoph B. in Magdeburg) ein anerkannt tüchtiger Staatsdiener war und ich selbst nichts verschuldete, vielmehr meinen Patriotismus mannichfaltig durch Wort und Schrift bewährte? -- --
Lebe wohl, verehrter Freund, und gedenke
Deines
_Bothe_.
=Braniß, Christlieb Julius.=
Geb. am 18. September 1792 in Breslau, Professor der Philosophie an der dortigen Universität.
Die Hauptwerke, die ihn außerhalb seiner Vaterstadt bekannt gemacht, und ihm seine hohe Stellung in der gelehrten Welt sichern, sind: Grundriß der Logik (1830) -- System der Methaphysik (1834) -- Geschichte der Philosophie seit Kant (1842, unvollendet). --
Ein Gelehrter, wie es wenige giebt; ein Philosoph und Logiker, den schönen Künsten vertraut; ein Musiker von höchster Ausbildung; ein Komponist reich an sinnigen Melodieen; ein Lebemann von heiterem, geselligem Tone; eine unverwüstliche Natur; ein Greis mit ungeschwächter Jugendkraft.
I.
Ludwig Tieck an Braniß.
_Dresden_ den 24. Jul. 40.
_Geehrter Herr Professor_,
Ich wünsche, daß Sie das Buch, welches Ihnen Herr Max in meinem Nahmen überreichen wird, als ein Zeichen meiner wahren Hochachtung annehmen mögen: eben so ist es mein Wunsch, daß es Ihnen Vergnügen und Theilnahme geben und erregen möge.
Diese Geschichte, wie ich auch in der Vorrede andeute, habe ich lange mit mir herum getragen: seit ich den Camoens schrieb, traten mir die Gestalten immer näher, und forderten mich gleichsam auf, sie aus dem Gefängnisse meines Gedächtnisses und der Phantasie zu befreien; denn das Buch ist doch wie ein Pendant zum Cam. und Shakspear-Novellen zu betrachten.
Erlaubt es Ihre Zeit, oder können Sie die Neigung fassen, ein Urtheil über das Werk auszusprechen, so freue ich mich schon im Voraus, etwas Gediegenes und Lehrreiches über eine meiner Lieblings-Arbeiten zu vernehmen. Nur müssen Sie nicht das Vorurtheil fassen, daß Bedenken und Tadel eines unpartheiischen und reifen Mannes mich kränken, oder verletzen könne.
Man hat so viel Unnützes und Freches über die Emancipation der Weiber geschwatzt. Das Schiksal und der Charakter dieser Vittoria reissen sie auch aus den herkömmlichen conventionellen Formen; aber, nach meiner Ansicht, so wie es der ächten Weiblichkeit, einem starken Gemüthe, erlaubt sein kann. Verhältnisse beugen die grossen Naturen, aber vernichten sie nicht.
Doch -- der Poet kann und soll nur sein Werk für sich sprechen lassen. Auch war ich nie der Ansicht, daß es gut sei, wenn zu viel Kunst-Absicht (oder künstliche, oder philosophische &c.) in das äussere Bewußtsein tritt: denn Begeisterung sieht doch immer weiter und hat alles Dergleichen, so viel gut und nöthig ist, in sich.
Doch ich sage alles dis nur einem Wissenden, und schliesse deshalb, indem ich nur noch den Wunsch ausspreche, daß Sie mir Ihr Wohlwollen erhalten, Dresden einmal auf längere Zeit besuchen, damit wir uns näher kommen, und so nenne ich mich mit Hochachtung
Ihren
ergebnen Freund _L. Tieck_.
II.
Braniß an L. Tieck.
_Breslau_ 6. Sept. 40.
_Mein hochverehrter Herr Hofrath_,
Wenn ich Ihnen erst jetzt für das köstliche Geschenk, das Sie mir mit Ihrer Vittoria gemacht, meinen herzlichsten Dank sage, so hat dieß allein darin seinen Grund, daß ich Ihnen nicht eher nahen wollte, als bis ich Ihrem mich so ehrenden Impulse folgend ein öffentliches Wort über das liebe Gedicht gesprochen. Dieß ist nunmehr geschehen, und -- wie ein Mensch nur sagen kann: hie bin ich -- so erlaube ich mir Ihnen in beifolgenden Zeitungsblättern einen Aufsatz zu überreichen, von dem ich wünschen will, daß damit etwas gethan sei.
Ich habe den in dieser Arbeit ausgedrückten Gedanken lange ernstlich bebrütet, doch mußten die Resultate dieses Processes meist unausgesprochen bleiben, damit der Bericht sich in den Grenzen eines Zeitungsartikels halte. Was ich gab, sollte vornehmlich dem Treiben einer Ihrer Poesie, somit der Poesie überhaupt abholden Partei begegnen, deren ästhetisch-philosophisches Geschwätz nur dadurch Einfluß gewinnt, daß ihm nichts Tüchtiges entgegentritt. Namentlich wollte ich in Bezug auf die Accorombona diejenigen Einwendungen, von denen ich recht gut weiß, daß sie gegen das Buch des Breitesten werden erhoben werden, von vornherein paralysiren und unschädlich machen.
Ob es mir gelungen, ob mir überhaupt in der Arbeit etwas gelungen ist, weiß ich nicht, kann es auch _hier_ nicht erfahren; denn außer Epstein (der Ihnen ja wohl bekannt,) weiß ich hier in Sachen der Poesie keinen wahren Gläubigen; ich selbst bin von lauter Neologen umgeben. So bin ich denn darüber noch ganz unschlüßig, ob ich dem Aufsatz, bei dem ich es allerdings nicht auf das Binnenpublicum schlesischer Zeitungsleser abgesehen habe, durch Wiederabdruck in einer gelesenen Zeitschrift größere Verbreitung schaffen, oder die Acten als geschlossen betrachten soll. Sie allein könnten hierüber in letzter Instanz entscheiden.
Daß ich mich über das Benehmen unsres Königs gegen Sie höchlichst gefreut habe, versteht sich ganz von selbst.
Mit wahrer Verehrung
Ihr
herzlichst ergebener _Braniß_.
III.
Ludwig Tieck an Braniß.
_Dresden_ den lezten Octbr. 40.
_Geehrter Herr Professor_,
Ich fühle mich gedrungen, Ihnen noch einmal ausdrücklich für Ihre meisterhafte Beurtheilung meines Romans meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Welche Freude, auf diese Art verstanden zu werden! Immer war es meine Ansicht und Ueberzeugung, daß die ächte Rezension sich wiederum dem Kunstwerk nähern, selbst eins werden müsse. So ist es mit solchen Aufsätzen, wie der Ihrige. Alles, was vom Enthusiasmus ausgeht und diesen verdient, kann nur vom Enthusiasmus gefaßt und verstanden werden. Was nützen alle die philosophischen (halben) Schwätzereien, die nur aussagen, der Autor sei nicht, wie sie: ein sklavischer, unselbstständiger Schüler irgend eines Systems. Seit meinen männlichen Jahren habe ich mich um alle diese Heroen der verschiedenartigen Secten nicht mehr gekümmert: kann man doch nur von verwandten Gemüthern lernen: -- und wahrlich, Lernen ist eine grosse Wollust.
Auch meine Freunde hier haben sich Ihrer lehrreichen Abhandlung sehr erfreut. Was könnte das für ein Journal sein, wenn die ächten Menschen, die wahrhaft Erkennenden sich in Deutschland vereinigten, Sie, und noch Wenige, die mir gerade bekannt sind, und gewiß manche Geister, welche schweigen, verborgen sind, und die wir beide nicht kennen.
Könnten Sie doch in Dresden leben! Könnte ich doch Ihren Umgang geniessen! In meiner Nähe fehlt ein aufregender Geist; mit denen ich hier in Freundschaft verbunden bin, -- wackre Männer, -- aber sie empfangen mehr von mir, als ich von Ihnen. Daß man in Gesellschaft niemals, oder doch nur selten verstanden wird, bin ich freilich seit vielen Jahren gewohnt und ich bin in der Hinsicht resignirt. Es war gewiß immer so. Aber Raumer, Solger, Sie, Löbell, -- wir könnten doch, denke ich, einen ganz artigen Senat bilden. --
Ihre Blätter wandern immerdar hier unter denen herum, die sie zu lesen verdienen: ich möchte Ihnen noch gern dies und jenes Bestimmte sagen, oder fragen: -- aber ich habe, wie gesagt, den schönen Aufsatz selbst lange aus den Augen verlohren. Sprechen möchte ich mit Ihnen einmal so recht aus dem Herzen: als Sie lezt hier waren, war die Zeit zu kurtz und die Gesellschaft genirte. Vielleicht wird mir einmal diese Freude. -- Bis dahin reiche ich Ihnen von fern die Hand als einem Geistes-Verwandten und Verbündeten und Sie stehn mit Ihrem Seelen-Reichthum mir als ein alter Freund ganz nahe.
Nehmen Sie diese eiligen unbefriedigenden Worte wohlwollend auf.
Ihr
ganz eigner _Ludw. Tieck_.
=Brentano, Clemens.=
Geb. zu Frankfurt a. M. 1777, gestorben zu Aschaffenburg 1842.
Von 1800 bis 1838, von den „Satiren und poetischen Spielen“ bis zu „Gokel, Hinkel und Gakeleia“ reichen seine wunderlich-phantastischen Erzeugnisse, die entschieden als Geburten der hyper-romantischen Schule betrachtet, aber doch wahrlich auch nicht unterschätzt werden dürfen. Wie aus dem redlich- und ernst-strebenden _deutschen_ Forscher, als welchen ihn die Briefe an Tieck (vorzüglich der herrlich-klare aus Wien, 1813) bezeichnen, jener späterhin oft so seltsam verschwommene, barocke und _un_klare Poet sich entwickeln konnte,... das wäre gewiß einer psychologisch-gestaltenden Lebensschilderung würdig. Freilich müßte dieselbe nicht von irgend einem Parteistandpunkte ausgehen! _Keime_ zum späteren Brentano lassen sich allerdings auch schon in einzelnen Briefzeilen des früheren entdecken.
I.
_Marburg_, den 11ten Jenner 1802.
Ihr gütiges Schreiben traf mich erst in Erfurt auf meiner Rückreiße hierher, ich würde ihnen schon sicher früher geschrieben haben, hätte ich etwas Bestimmtes von der Sache gewust, und jezt, ihnen selbst kann nichts unangenehmer sein, als mir, waß ich drüber weiß, denn ich hatte wahrlich bisher keine einzige Aussicht und Hoffnung, als sie an unserm Theater zu wißen, denn Ihnen nahe zu sein, und zu helfen, wo es meine Kräfte erlaubten, die Bühne von Fr. aus wieder für Deutschland in ihre Rechte einzusezzen, ja ich wollte mich unter ihrer Leitung ganz der Sache widmen, und durch diese Kunst mehr im Bürgerlichen gewurzelt, meinem geringen Talente eingreifendere und festere Bewegungen geben. -- Göthe? hat er sie empfohlen? Es ist nicht alles von Göthe zu erwarten. O für mich ist die Geschichte so erbärmlich, daß ich ungern davon spreche, der Kaufmann, dem ihr Brief zum Uebergeben geschickt wurde, hat ihn grade dem grösten Vieh bei der ganzen Direktion übergeben dem Doktor G....., das ganze Theater steht nun wie vorher und......, der unwißendste, dummste, ungeschickteste Schauspieler ist wie ehedem an der Regie. Die zwei erträglichsten Männer in Fr. auf deren Hülfe ich rechnen konnte, Geheimrath Willmer, Göthes Jugendfreund, und Moriz Bethmann schreiben mir beiliegende Briefe -- Sollten sie noch keine Antwort auf Ihren Brief erhalten haben, so wäre eine satirische Anfrage im Hamburger Coresp. wo sich die Frankfurter Theater Direktion jezt aufhalte, eine verdiente Rache. Ob Göthe wohl geschrieben hat, es wäre das Gegentheil ein großer Unverstand -- und Sie nach Frankfurt befördern wäre mehr Vorschub für die deutsche Kunst, als Propyläen. Ich bin so böß, ich weiß nicht wie, mir bricht alles vor den Füßen, auch dies. Eine erneuerte Anfrage und zwar derb, wenn Sie keine Antwort erhielten, könnte nüzzlich sein, auch eine Frage an Göthe. Faßen sie sich, denn ich weiß, es thut ihnen gewiß leid, wie mir, aber diese Leute verdienen es nicht beßer.
Ich habe mit Ritter, der mit mir bis Gotha reißte, über allerlei gesprochen, und eine Idee von mir, die auch er lebhaft faßte, durchdringt mich jezt noch mehr. Wie wäre es, ein Theater von Grund aus nach eignen Ideen unter ihrer Leitung zu errichten, es zum Voraus mit einer Anzahl neuer Stükke zu unterstüzzen, etwa im Geschmacke von Gozzi’s Schooskind, der Sakchischen Truppe doch in Hinsicht auf Zeit und Ort modifizirt, ich bin sicher es ließe sich eine Zahl tauglicher Subjekte unter den Laien der Kunst finden, die ihr Talent unter ihrer Leitung einer von Auswürfen der Bürgerlichen Gesellschaft reinen Verbindung fürs Theater gerne hingäben. Klingt diese Idee auch bei Ihnen an? Ließe sich wohl eine Stadt finden, die zusammen träte etwa Bremen mit Aktien, oder eine Stadt in Schlesien? -- Nach der Lage der Sachen meine ich es wäre bald Zeit zu so etwas, schreiben Sie mir doch hierüber einige gütige Worte, ich bin mit allem dem _meinigen_ zur Unterstüzzung in ohngefähr zwei Jahren total fähig, wenn einige Hofnung ist, daß eine solche Unternehmung sich nicht selbst und mein kleines Vermögen zerstöre, Sie wißen nicht, wie determinirt ich bin, und wie gerne ich täglich lieber Cinthio, Trufaldin und Scaramuzz wäre, als Brentano. -- Ihre gütige Lektüre des Godwi hat mich gerührt, es ist mir wie ein Vater, der ein krankes krüppelhaftes Kind erzeugte, das Theils nicht verstanden, und meistens verachtet wird, wenn ein glücklicher Vater spricht, ich habe mich heute doch an Manchem deines armen Sohnes gefreut. -- Zur Göthischen Aufgabe hab ich ein Stück geschickt, das wohl in Vielem mehr ihnen gefallen könnte, als Göthen, es heist, Last es euch gefallen. Diesen Winter übersezze ich einen Band unbekanter alter spanischen Novellen, sonst beschäftige ich mich mit dem theatralischen, und habe mehrere Schauspiele entworfen. Immer aber noch kann ich mich nicht überzeugen, daß unsre Trauerspiele sein dürften wie Griechische, auch nicht wie Schillersche, höchstens wie Schaksspearsche, die doch eigentlich Häußliche sind. Trauerspiele ohne Vaterland, sind wie Helden ohne Schicksal, die _Seele_ muß Held sein, und die Reihe der Begebenheit, die Geschichte Schiksal, ich habe die Idee zu einem Trauerspiel mit 25 Helden die vom Schicksal getödet werden, den lezten aber kanns aus Müdigkeit nicht hinunter kriegen und stirbt selbst, er aber wird Schicksalloß von den Göttern davon geführt, und im 5 Akt im Himmel unter den Göttern als weinendes Kind geboren. Sein sie mir gut, ich bin ihr treuster, liebendster Schüler, und Diener
_Clemens Brentano_.
So eben habe ich eine kindische Freude, um des kindischen halber verzeihen sie mir, daß ich sie äußere. Arnim, den sie kennen, und sicher lieben, schreibt mir seinen ersten Brief von Regensburg, und schreibt mir so viel über sein Entzükken über Sie, ich weiß sicher, daß vielleicht Arnim der einzige Deutsche ist, der Sie ließt, wie sie es meinen. Sie glauben nicht, wie reich mich Arnims Brief macht, und verzeihen sie, daß ich wie ein Kind sein Spielzeug ihnen das zeigen muß, wenn irgend ein Mensch gerne für sie sich regt und opfert, so ist es sicher Arnim und Brentano, er für den Frohsinn, ich für die Wehmuth ihrer Muse.
Ich wohne bei H. v. Savigny in Marburg.
II.
_Marburg_ in Hessen den 22ten April 1804.