Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band
Part 10
Diese Verzögerung verschafft mir indeß das Vergnügen Ihnen werther Herr Hofrath noch von hier aus den verbindlichsten Dank im Nahmen des Herzog Carl von Meklenburg, für gütige Uebersendung des Prologs zu Faust -- auszudrücken. -- Vor einigen Tagen erst habe ich ein sehr langes Schreiben von ihm gehabt, in welchem er viel über Faust, und deßen Ausführbarkeit und Aufführbarkeit spricht, -- sich aber vorzüglich günstig und außerordentlich beyfällig über Ihren Prolog ausdrückt. -- Vieleicht schreibt er Ihnen noch selbst über diesen Gegenstand! --
Bey dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, wie der Schüler im Faust, Ihnen werthester Herr Hofrath beyfolgend mein Stammbuch zu übersenden mit der dringenden Bitte Ihren Nahmen hineinzuschreiben.
Lachen Sie nicht über mich -- ich habe aber gleichfalls wie jener Primaner, eine große Vorliebe für Stammbücher. -- Da ich nur noch bis Sonnabend hier bleibe, so muß ich so unbescheiden seyn, -- nicht allein um _Erfüllung_ meiner Bitte, sondern auch um _baldige_ Erfüllung derselben dringend zu ersuchen! -- Am nächsten Freytage kömmt ein Bote in die Stadt und wird -- wenn Sie es erlauben -- das Buch wieder abhohlen.
Indem ich mich, werther Herr Hofrath, Ihrem und der Ihrigen gütigem Andenken dringend empfehle bitte ich Sie, die Versicherungen meiner aufrichtigsten Hochachtung und freundlichsten Ergebenheit empfangen zu wollen.
_Brühl_.
Würde vieleicht Gräfin Finkenstein als eine so vieljährige Bekannte, gleichfalls so gütig seyn sich in das Stammbuch einzuschreiben?
III.
_Berlin_, den 11ten April 1833.
Die Ueberbringer dieses, -- mein Vetter, der junge Graf Pourtales-Gorgier und sein Führer, Herr Godet, beide aus Neuchatel -- wollen die Universitäts-Ferien benutzen, um Dresden’s Kunst-Schätze und Umgebungen kennen zu lernen. -- Nehmen Sie, werther Herr Hofrath! dieselben um meinetwillen gütig auf. -- Hr. Godet ist ein sehr gebildeter Mann und der Deutschen Sprache mächtig.
Bevorstehenden Sommer hoffe ich nach Seifersdorff, folglich auch nach Dresden zu kommen, un freue mich schon im Voraus recht herzlich darauf, Sie und alle Ihre lieben Hausgenossen wieder zu sehen.
Seitdem wir uns nicht gesehen haben, war ich unbeschreiblich leidend, und habe mehreremale an meinem Leben verzweifelt. Seit 5 Wochen habe ich aber der Fahne der Homöopathie geschworen, und fühle daher schon meinen Krankheitsstoff bedeutend erleichtert; der Himmel gebe seinen Seegen weiter. -- Wer so hoffnungslos -- als ich im Laufe verflossenen Winters -- war, fühlt sich durch jede kleine Hoffnung schon beglückt.
Empfehlen Sie mich, werther Herr Hofrath! Ihrer lieben Familie und der Gräfin Finkenstein auf das Angelegentlichste, und halten Sie sich meiner unwandelbaren Hochachtung und freundschaftlichsten Ergebenheit fest überzeugt.
_Brühl_.
IV.
_Berlin_, 9. July 1835.
Ew. _Hochwohlgebohren_
wünscht der Ueberbringer, Hr. Peters Großherzoglich Meklenburgscher Hof Schauspieler, -- durch mich empfohlen zu seyn, und so sehr ich im allgemeinen Empfehlungen scheue, so will ich Sie doch bitten, werther Herr Hofrath den Mann ~quaestionis~ gütig aufzunehmen. Er hat ein _bedeutendes Talent_, und es thut mir nur leid, daß die ihm in Dresden zugestandenen Rollen sich nur im Kreise der niederen Komik bewegen, wo er zuweilen _ein wenig durchgeht_. -- Ich halte ihn für ein _höheres_ Fach außerordentlich brauchbar. -- So habe ich zum Beyspiel den Wachtmeister in Wallensteins Lager nie besser spielen sehen als durch ihn. Wenn Sie ihm zu einer Rolle dieser Art verhelfen wollen, so werden Sie gewiß mit ihm zufrieden seyn. Er ist auch Sänger, das heißt er hat eine sehr angenehme Stimme, aber keine bedeutende Kunstbildung. Nun Sie werden ja sehen, was Sie mit ihm anfangen können.
Indem ich Sie bitte, werther Herr Hofrath, mich Ihrer lieben Familie und Gräfin Finkenstein gehorsamst zu empfehlen, schließe ich mit der Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung und freundlichsten Ergebenheit
_Brühl_.
V.
_Berlin_, 28. März 1837.
Ew._ Wohlgebohren_
erlaube ich mir den Ueberbringer Hr. v. Mètral von Saint Saphorin angelegentlichst zu empfehlen. Er ist ein Schweitzer aus dem Canton Waadt und stammt aus einer der geachtetesten Familie dieses Cantons. Die Beendigung seiner theologischen Studien haben ihn nach Berlin gebracht, und er ist mir von mehreren Seiten, nahmentlich von meinen Verwandten in der Schweitz -- sehr dringend empfohlen. Ich habe ihn hier oft bey mir gesehen, und ihn als einen wohl unterrichteten wackeren jungen Mann kennen lernen.
Gegenwärtig benutzt er die Ferien um Dresden und Prag zu besuchen, und daselbst die bedeutenden Kunst-Anstalten so wie berühmte Litteratoren und Künstler kennen zu lernen. Nehmen Sie denselben gütig auf, und wenn es die Gelegenheit giebt, so erlauben Sie ihm einer Vorlesung beyzuwohnen.
Ich freue mich im nächsten Sommer das Vergnügen zu haben, Sie werther Herr Hofrath, hoffentlich -- wieder zu sehen, und Ihnen mündlich die Versicherungen meiner unwandelbaren Hochachtung und freundlichsten Ergebenheit wiederhohlen zu können.
_Brühl_.
=Bürger, Elisa.=
Eine Frau, welche durch ein aus der Ferne zugesandtes Liedchen unsern armen Bürger, den wahrhaft deutschen Sänger, zu fesseln und ihn in’s Ehejoch zu verlocken wußte, würde schon an und für sich auf dieses Plätzchen in vorliegender Sammlung Anspruch haben. Wer aber Tieck jemals von Angesicht gesehen, der muß überrascht werden durch eine Zeile im Briefe dieser Frau, die ihm eben _niemals_ gegenüber stand, und dennoch die bedeutsamen Worte ahnend niederschreibt: „Dessen Augensterne ich wohl einmal funkeln sehen möchte, wenn ihn Begeisterung erfüllt!“ Etwas Treffenderes, deshalb Schöneres, dürfte schwerlich über seinen Anblick gesagt worden sein. Darin werden Alle übereinstimmen, deren Augen den seinigen begegnet sind.
Frkf. am Main den 22. May 1830.
_Verehrtester Herr Hofrath!_
Diese Zeilen sind die Ersten welche ich an Sie zu richten Veranlassung finde, und ich zage nicht bei dem Wagstück, denn ich erweise Jemand einen Dienst, und erreiche zugleich einen lang gehegten Wunsch. Mit welchen Empfindungen haben ihre Geistesflammen mich oft ergriffen, belebt, entzündet! Sie lesend lebte ich oft um Sie, und so schreibe ich jezt nicht an einen mir Fremden, sondern nur an einen Fernen, Hochgeachteten, dessen Augensterne ich wohl Einmal funkeln sehen mögte wenn ihn Begeistrung erfüllt! Doch ich hemme die vergeblichen Wünsche, um einem, vielleicht leichter zu erreichenden, eines Kunst-Sohnes zu genügen.
Das einliegende Schreiben ist von einem jungen Schauspieler, dem es ein rechter heiliger Ernst ist dem höhern Genius zu huldigen. Die Natur hat ihn mit einem Aeusseren begabt welches zu der Tragödie vollkommen paßt; Gros, schlank, hellbraun von Haaren, blaue Augen, einen feingeformten Mund mit blendend weißen Zähnen, hat er eine Aussenseite welche für ihn einnimmt, dabei ein kräftiges und wohltönendes Sprachorgan, jeder Modulation fähig. Unter Ihren Augen, von Ihnen beobachtet und zurecht gewiesen könnte er einem vorzüglichen Grad der Kunstweihe entgegen reifen. Er hat Gewandtheit und geistige Auffassung; sein Roderich im Leben ein Traum, sein Romeo, sein Don Cäsar sind treffliche Beweise seines Kunstberufs. Wird es ihm durch Ihre Fürsprache vergönnt in Dresden als Gast zu erscheinen, so sind seine schönsten Wünsche erfüllt wenn er Ihre Huld gewinnt. Aufs innigste bitte ich Sie, der schon so Manchem Wohlwollen bewies, es diesem Manne nicht zu versagen, und erwarte hoffend Ihre gütige Entschließung.
Mit unbegrenzter Verehrung
Ihnen
ergeben. _Elise Bürger._ (Theodora.)
=Büsching, Johann Gustav Gottlieb.=
Geb. zu Berlin am 19. September 1783, gestorben zu Breslau am 4. Mai 1829. Sohn des Geographen Christ. Friedr. B. begann er eine amtliche Laufbahn (1806) bei der Regierung in Berlin, hielt jedoch nicht lange als Referendar aus, und folgte dem Drange seines Herzens, der ihn zum Studium germanistischer Wissenschaft, Literatur, Geschichte und Kunst zog. Den Uebergang bildete das ihm zu Theil gewordene Commissorium bei Inventur der aufgelösten Stifter und Klöster in Schlesien, wo er so recht in antiquarischen Schätzen wühlen durfte. 1811 wurde er Archivar, 1816 Privat-Docent, 1817 außerordentlicher, 1823 ordentlicher Professor an der Breslauer Universität. Unermüdet fleißig, treu im Streben und Forschen, gut und liebevoll gegen alle Menschen, gewährte ihm sein redliches Wollen durch niemals rastende Thätigkeit befriedigenden inneren Ersatz für oftmals zweifelhafte äußerliche Erfolge. Trotzdem daß das Verzeichniß seiner vielseitigen kunsthistorischen, literarischen, antiquarischen und belletristischen Schriften zwei lange Seiten füllt, kam er doch als Autor niemals recht auf einen grünen Zweig, und blieb fast immer beim ~succès d’éstime~. Das hielt ihn jedoch nicht ab, unverdrossen seiner guten Sache um ihrer selbst Willen alle Opfer zu bringen, die ein edler Mensch -- und nur ein solcher -- zu bringen weiß. Sein Brief an T. ist auch ein Beleg dafür. Klingt es nicht wehmüthig-naiv, daß der Redacteur (nicht „auf gemeinschaftliche“) sondern auf _eigene_ Kosten, der zugleich Herausgeber und Verleger ist, von thätigen Mitarbeitern träumt, die keinen Anspruch machen wollen honorirt zu werden? -- Guter Büsching!
Er hat unendlich viel durch Editionen schon vergessener Dichtungen, Urkunden und Kunstsachen, die seine Hand vor Untergang rettete, gefördert. Das Meiste davon dürfte schwerlich über die Kreise der Fach-Genossenschaft gedrungen sein. Was aber allgemeinste Verbreitung fand ist das in jeder Beziehung wichtige Buch „Lieben, Lust und Leben der Deutschen des 16. Jahrhunderts in den Begebenheiten des Ritters Hans von Schweinichen.“ (Drei Bände, Breslau 1820-23.)
Und um Schlesien erwarb er sich noch ein ganz besonderes Verdienst, indem er die alte Ritterburg bei Kynau (unweit Schweidnitz und Charlottenbrunn) ankaufte und theilweise restaurirte. Auch für dieses Opfer ist dem großherzigen Mann geringe Dankbarkeit im Leben begegnet. Desto näher liegt die Pflicht, Seiner überall in Ehren zu gedenken.
_Breslau_ d. 9. Weinmonat 1816.
_Wohlgeborener, Hochverehrter Herr Doktor_.
Schon längst war es mein Wunsch und Wille, mich mit Wiederholung einer von Ew. Wohlgeboren schon einmal gütigst und freundlich angenommenen Bitte an Sie zu wenden, es verzögerte sich aber immer, da ich wünschte Ihnen von demjenigen, wozu ich Sie einzuladen Willens war, mehr zu übersenden, als ich in früheren Monaten dieses Jahres im Stande war. Eine Reise und andere Abhaltungen in diesen letztern Wochen verzögerte wieder die Erfüllung meines Vornehmens, desto lieber ergreife ich aber die jetzige sich mir darbietende Gelegenheit, Brief und Anlagen sicher in Ihre Hände zu bringen.
Schon vor 6 Jahren war ich so frei, Sie zu einer Unternehmung einzuladen, welche kurz darauf, theils durch die Unzulänglichkeit des Buchhändlers, theils durch meine Versetzung hieher einschlief. Damals waren Sie so gütig, mir für mein Pantheon gefällige Beiträge zu versprechen und jetzt nehme ich Ihre Güte wieder in Anspruch, indem ich mir zu meinen wöchentl. Nachrichten, deren erste neue Hefte ich das Vergnügen habe, Ihnen beikommend zu überreichen, Ihre gütige Hülfe erbitte.
Den Umfang, welchen ich dem Ganzen zu geben wünsche, zeigen die bis jetzt vollendeten Hefte; vieles kann nur Stückwerk, nur hingeworfener Gedanke sein, die Mangelhaftigkeit des Ueberblicks, der jetzt nur erlaubt ist, muß es entschuldigen. Nach gediegenen, tüchtigen und eingreifenden Aufsätzen verlange ich aber sehr und dringend und so wendet sich denn vorzüglich auch meine Bitte zu Ew. Wohlgeboren:
mich freundlichst mit den schon einmal früher versprochenen Aufsätzen zu erfreuen.
Besonders würden mich auch Beiträge über Kunst des Mittelalters sehr erfreuen. Da ich zugleich Herausgeber und Verleger bin, so erlauben Sie mir, daß ich mich als dieser frei erkläre. Bei der Lauigkeit und Schlechtigkeit des Buchhandels, besonders hier in Breslau, konnte ich nicht darauf rechnen, einen Verleger zu finden, der das kostspielige Unternehmen übernahm. Vielfach herum zu fragen und abschlägige Antworten zu hören, dazu war ich doch zu stolz. Ich unternahm es daher auf eigene Kosten und habe gesehen, daß die Liebe zur Vorzeit noch immer mehr Wort als That ist, indem ich bis jetzt kaum über die Hälfte der Kosten gedeckt bin. Demungeachtet werde ich, da ich das Unternehmen für ein ersprießliches halte, es auch im folgenden Jahre fortsetzen, kann aber freilich Ihnen keinen Ehrensold anbieten (!). Versichern kann ich indessen, daß, sobald ein Vortheil sich ergiebt, ich mich auch immer nur als Haushälter ansehen und jeglichem meiner Herren Mitarbeiter nach Maßgabe des Einkommens auch die gehabte Arbeit und Mühe vergüten werde.
Erlauben Sie mir noch ein paar Worte über den Brief, der mit diesem zugleich kommt, oder der vielmehr dies Schreiben nur mitnimmt. Herr Hermann[6] wünscht und bittet um Ihr Urteil über seine Arbeit. Es ist ein guter, bescheidener Mann, dem es mit der Sache, welche er treibt, ernst ist und er fürchtet daher kein Urteil, welches zur Besserung seines Unternehmens gereichen kann.
Raumer und Hagen werden jetzt in Venedig sein. Von diesem habe ich erst ein paar Zeilen erhalten, jener ist fleißiger: Beide haben schon manches Wichtige aufgefunden.
Indem ich mich Ihrer Gewogenheit empfehle, füge ich noch die Bitte hinzu, mich mit einer gütigen Antwort und wo möglich gleich mit Beiträgen zu erfreuen und versichere mit größter Hochachtung und Ergebenheit zu sein
Ew. Wohlgeboren
gehorsamer Diener _Büsching_.
=C.=
Wer ist diese C? und welchen Sinn haben ihre sublimen Geständnisse, die für uns Geheimnisse bleiben? Welche Beziehung auf Tieck’s Verhältniß zu ihr? Lebt noch jemand, der sie zu enträthseln verstünde? Schwerlich! -- So mögen sie denn gleich einer Blüthe aus seinem Frühling aufbewahrt werden! Ist ja doch jegliche Blüthe ein Mysterium!
Ich wollte erst sagen, ich könnte noch nicht schreiben, ich wollte erst wieder zu mir selbst kommen, -- aber warum das gegen Sie, der Sie mein Gemüth in seiner Verwirrung besser erklären werden, als es das gelungendste Bemühen mich auszusprechen, thuen könnte. -- Wie unaussprechlich hat mich Ihr Brief gerührt. -- Ich bin eigentlich betäubt und fühle mich recht stumpf in diesem Augenblick, aber doch lege ich allen Werth des schönsten Andenkens auf ihn und fühle daß meinem Herzen nichts von der Existenz geraubt werden kann, die in diesem unbegreiflich schicksalvollen Jahre, wie nach einer Auferstehung über mich gekommen ist und ich weiß in diesem Augenblick kein anderes Wort ihm Erlösung zu geben, als Sie meinen theuersten Lehrer zu nennen. -- Dies ist das Gefühl, was mir im ersten Augenblick Ihrer Bekanntschaft, so wunderbar gegen Sie erschien, und wovon ich seitdem die Spur in der schönsten Ruhe meines Gemüthes und in der Art erfahren habe, womit ich das Leben ergreife -- und laße. -- Ich habe Glauben, das fühle ich. -- Wenn ich auf meine erste Kindheit und Jugend zurücksehe, erkenne ich ihn als meinen Engel, ich kann ihm folgen in alle den Irrthümern von denen er mich nicht retten konnte, und finde ihn wieder in den tausend Erlösungen, die mir immer das Bild jener letzten waren, nach der ich mich jetzt mit Liebe und Wonne und nicht mehr mit Ungestüm sehne. -- Aber daß Sie dies Wort über mich aussprechen mußten. -- Ich kann nicht sagen wie ich das gegen Sie empfinde. -- Alles Räthselhafte meines Gemüths, hat sich plötzlich in mir gelöst, ich fühle daß ich der Verklärung wirklich nahe bin, die Sie mir verkündigt haben. -- Gleich nach Ihrer letzten Abreise von M. fühlte ich dies mit einer Gewalt daß ich Unrecht that, Ihnen nicht damals zu schreiben. -- Jetzt ist mir unter den vielfachen Anfechtungen der Freude diese unaussprechliche klare Stille entschwunden. -- Aber ich weiß es, Ihre wohlthätige milde Gegenwart giebt Sie mir wieder und dann wird es mein Entzücken und meine Heilung seyn, meine ganze Seele zu Ihnen sprechen zu laßen. --
C.
=Carové, Friedr. Wilh.=
Geb. den 20. Juni 1789 in Koblenz, 1811 ~Conseiller auditeur~ beim Apellationsgerichtshof zu Trier, 1814 Einnehmer beim Rheinzollamt in Gernsheim, 1818 Doktor der Philosophie, Hegels Schüler, 1819 Privatdocent in Breslau, später in Frankfurt, Heidelberg, München &c. Philosophischer Schriftsteller, Gegner des Katholicismus, als welcher er sich in „Die allein selig machende Kirche“ (1826) u. a. Werken ausspricht. Er hat vielerlei historisch-politische, auch literargeschichtliche Schriften publicirt.
_Heidelberg_, d. 27. 9. 1820.
_Verehrtester Freund!_
Es freut mich, nun endlich Ihrem Wunsche entsprechen zu können, indem ich Ihnen den Band alter englischer Schriften, von welchem ich Ihnen einigemale Meldung gethan, hiermit übersende. Sollten Sie dessen gelegentliche Benutzung in 3 Monaten beenden können, so würde es mir angenehm seyn, ihn demnächst durch Buchhändlergelegenheit zurückzuerhalten, da ich die erste darin enthaltene Abhandlung, entweder ganz oder im Auszuge, als höchst wichtigen Beitrag zur Hexengeschichte wie zum Somnabulismus, dem Publikum mitzutheilen gesonnen bin. --
Von meiner Reise sage ich nur wenig, da Ihnen die Städte und Gegenden, die ich durchwandert, schon durch Selbstsicht bekannt sind.
In München freute es mich so liberale Anstalten zum Genuß und zum Studium der Kunstwerke vorzufinden, die man in Dresden einigermaßen vermißt. Auch scheint der geistvolle Cornelius dort eine freiere Strebung unter den werdenden Künstlern zu erregen. --
In Tyrol und besonders zu Innsbruck gedachte ich oftmals dankbar Ihres freundlichen Rathes, auf meiner Wanderung doch nicht die stattlichen Gebirglagerungen dieses Landes ungesehen zu lassen. Denn, wenn auch die Schweizer Jungfrau alle anderen jemals gesehenen Naturgrößen überglänzt und in Dämmerung hinabgesetzt hat, so ragen doch aus dieser auch die Tyroler Berge noch abendgeröthet hinaus. Wer freilich die Herrlichkeit der natürlichen Welt in einem einzigen Bilde vereint zu sehen wünscht, der kann nur auf dem königlichen Rhigi seines Wunsches Ziel erreichen. --
In Strasburg sah ich den auswandernden Görres. Die alte Welt hilft ihm die neueste ertragen und tragen. Mögen die Blitze am sonnenhellen Firmamente seine Feinde zur besseren Gesinnung hinüberschüttern, da das Wetterleuchten unbeachtet vorübergegangen. -- Auch der bekannte Seher _Müller_[7] aus hiesiger Umgegend sah schon im vorigen November gewaltigen Krieg gegen Italien. Dieser soll jedoch, wie ich heute aus seinem eigenen Munde vernommen, der letzte seyn vor tausendjährigem Frieden. -- Des Mannes schlichtes unbefangenes Wesen flößt Glauben ein an seine Worte. (!)
Von meinem Thun und Treiben weiß ich nichts Erhebliches mitzutheilen. Noch lebe ich nur dem Studium und der Selbstverarbeitung, und ob ich um Ostern lehrend wieder auftrete, lasse ich für jetzt noch unbestimmt. Was Noth thut, ist Mehr, als sich in kurzer Frist erarbeiten läßt. -- Nur Schelver, den tieffühligen trefflichen Mann sehe ich oft; ausserdem einsam. --
Möge Ihnen und Ihren Lieben, die ich freundlichst grüße, Gesundheit fröhliche Tage bereiten, und mir Ihr freundliches Angedenken unverloren bleiben.
Mit inniger Verehrung
Ihr ergebenster
_F. W. Carové_.
~P. S.~ Ihre Güte wird mir verzeihen, wenn ich einen Brief an Friedrich mit der Bitte beilege, denselben gefälligst an seine Bestimmung befördern zu wollen.
=Carus, Karl Gustav.=
Geboren am 3. Januar 1789 zu Leipzig, Hof-Leibarzt und Geheimerrath in Dresden, berühmt durch seine Werke in verschiedenen Gebieten des Wissens und der Kunst: Briefe über Landschaftsmalerei (1831) -- System der Physiologie (1838-40) -- Goethe (1843) -- Psyche (1846) -- Physis (1847) -- Nicht zu vergessen ein, wahrscheinlich nur als Manuskript für Freunde gedruckter, kleiner, und dennoch großer Aufsatz über journalistische Schriftstellerei, der damals schon ein ernstes Wort zu seiner Zeit, heute hunderttausendfältig aufgelegt werden sollte. Es thut wohl, einem Manne, der uns im Leben kalt, zurückhaltend, fast vornehm-abstoßend erschien, hier so vertraut und innig liebevoll zu begegnen. Auch Einer der bedeutenden Menschen, die Goethe hoch über Alles stellend, Tieck vollständig zu würdigen wußten. Das sind die glorreichsten Zeugen für Meister Ludwig.
I.
(ohne Datum.)
_Lieber Freund!_
Ich bitte um den 3. Theil meiner Physiologie. Können Sie vielleicht die Urania beifügen damit wir Ihrer Waldeinsamkeit uns erfreuen können, so werden wir Ihnen sehr dankbar seyn.
Ihre Entschuldigung beim Prinzen habe bestens gemacht und der Prinz benutzte nur diese Gelegenheit um Ihnen das Manuskript über Dante wieder in Erinnerung bringen zu lassen. Oder haben Sie es schon an Förster gegeben? --
Hoffentlich sind Sie wieder ganz wohl! -- Ich werde mich nächstens davon persönlich zu überzeugen suchen!
Ihr
treu ergebener _Carus_.
II.
_Dresden_ d. 30/4 43.
_Mein verehrter Freund!_
Ich wünschte Sie hätten sehen können, wie sehr Alle die Meinigen sich erfreuten als ich ihnen sagen konnte: „seht hier einen Brief von unserm theuren Tiek!“ selbst die etwas wehmüthige Stimmung des Briefes welche aussprach, Sie haben uns noch lieb und werth und sähen sich zuweilen gern noch bei uns, that dem Herzen wohl! -- Möge indeß bald alles was noch von Krankheit obschwebt sich verlieren und ein recht heiterer Sommer Ihnen wieder volle Freude des Daseyns und gewohnte Wirksamkeit geben! Wir hoffen daß auch dann noch unser Andenken Ihnen den Wunsch giebt wieder einmal in unsrer Nähe zu weilen!
Fräulein von Hagn haben wir leider nicht bei uns gesehen. Sie gab den Brief ab als niemand zu Hause war, ich bin zweimal bei ihr gewesen um ihr meine Dienste anzubieten und traf sie nicht zu Hause. Bei Serre’s war eine Soirée veranstaltet wohin sie kommen sollte und kam nicht -- so daß wir sie nur ein paarmal auf dem Theater gesehen haben. Sie gefiel mir besonders in „Voltaire’s Ferien“ und noch besser im „Tagebuch.“ Weniger in der „Schule des Lebens“ -- aber auch welch ein Stück! -- übermäßig erbärmlich -- mit „einem übermäßigen Mangel an Witz“ ausgestattet[8]. -- Ueberhaupt ist unser Schauspiel -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Neulich sah man -- -- -- Shakespear hat in jener Nacht sich gewiß 3 mal von einer Seite zu andern gekehrt! -- Ich höre indeß daß es bei Ihnen nicht besser geht und dort Ihre Lehren auch in den Wind gehen! -- O Himmel! --
Kommt Ihnen denn die Lust nicht, wieder etwas zu schreiben oder zu dictiren? -- Wir schmachten oft danach wieder einmal etwas von Ihnen zu lesen!
Ich gebe diesen Brief dem Vater unsrer Frau von Lüttichau mit. Die liebe Frau hat auch viel Noth gehabt. Sie soll jetzt wieder Eselsmilch trinken und ich hoffe daß sie dabei sich wieder mehr erholt.
In einigen Wochen hoffe ich Ihnen mein Büchlein über Göthe senden zu können welches ich in diesem Winter vollendet habe, möge es Ihnen Freude machen, es sind mancherlei Gedanken hinein verwebt worden.
Die Meinigen grüßen Sie herzlich. Empfehlen Sie uns der gnädigen Gräfin! und bleiben Sie gut
Ihrem
_Carus_.
III.
_Dresden_ d. 26/7 43.
_Mein theurer verehrter Freund!_
Erlauben Sie daß ich Ihnen beiliegend mein Büchlein von Göthe sende und um freundliche Aufnahme desselben bitte. -- Sehr würde es mich freuen wenn Sie mir über dasselbe schreiben und mir die Gedanken mittheilen wollten die Ihnen bei dessen Lectüre gekommen sind.
Wir haben jeden der von Berlin kommenden Freunde immer sorgfältig über Ihr Befinden ausgefragt, und uns gefreut fast durchgängig nur gute Nachrichten aus Ihrem Hause zu vernehmen. Möge das immer so fort gehen und bald alle Spur des erlittnen Unfalles vollkommen verwischt seyn! --