Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band

Part 5

Chapter 53,273 wordsPublic domain

Eben so fromm und aufmerksam glaube ich nun die meisten _Ihrer_ Schriften, gelesen und wieder gelesen zu haben. Nicht _alle_, denn vieles von den neuern ist mir unbekannt geblieben in diesem Nordischen Winkel, vorzüglich von dem, was hie u. da in Zeitschriften abgedruckt worden. Um so sehnsuchtsvoller erwarte ich nun die Sammlung Ihrer _sämmtlichen Werke_, die ich schon bei meinem Berliner Buchhändler bestellt habe. Einen _innerlich_ und _äusserlich_ so reichen, durch seine _Eigenthümlichkeit_ ehrfurchtgebietenden Dichter, wie Tiek, betrachte ich nehmlich gerne wie den _Strasburger Münster_. Wer möchte hier _einzeln_ abgebrochene Zierrathen u. Figuren bewundern? -- Wer den Eindruck dieser andächtigen Begeisterung nicht in sich aufzunehmen vermag; wer sich dem Genuß des _Ganzen_ nicht unbedingt hingiebt, -- der mag ja lieber freundliche Gartenhäuser beschauen, oder zierliche Nachbildungen alterthümlicher Tempel anstaunen! -- Es mag immer bloß ein eigenthümliches Gefühl sein, _Schmeichelei_ ist es wenigstens _nicht_, wenn ich freimütig bekenne, daß mir _Ihr_ Dichtergenius so gar _mehr_ „~_of a piece_~“ scheint, wie Göthes, dem übrigens wohl niemand eine vielseitigere Bewunderung zollt, als ich. Aber daß Ihre Muse, seitdem ich inniger mit ihr vertraut worden, die _gemütlichste_ Lebensgefährtin gewesen, die mein späteres Leben überall begleitet, überall _frisch u. jugendlich_ erhalten hat, -- _das_ ist eben der eigentliche Gegenstand dieses _Danksagungs-Schreibens_; denn bloß als ein _solches_ müssen Sie diese unbedeutenden Blätter betrachten. Ist doch die Samlung Ihrer kleinen Gedichte schon seit Jahren mein _Gesangbuch_ gewesen -- _hier_ vorzüglich, wo ich von allen meinen ehemaligen _Glaubensgenossen_ so entfernt, und so vereinsamt zurückblicke nach dem gelobten Lande meiner genußreichen Jugend. Mag es sein, daß _deutsches Blut_, von väterlicher und mütterlicher Seite, noch immer in meinen Adern siedet, das kein Nordwind zu kühlen vermag, -- _Deutschland_ ist u. bleibt auf ewig das wahre Vaterland meines _Geistes_ u. meines _Herzens_, und diese lebendige Anhänglichkeit an das „_Land der Eichen_“ ist mir nicht _angebildet_ worden durch meine dortige Erziehung, sondern diese hat jene nur früher u. vollständiger in mir _entwickelt_. Auch ist jenes _Gefühl_ nicht etwa durch spätes Entbehren in diesem Augenblick unruhiger geweckt worden. Schon vor einigen und 20 Jahren durchglühte mich diese Vorliebe so kräftig, daß Göthe mich einmal im Scherze: „einen ~Allemand enragé~“ nannte, u. mich rieth nach England zu reisen, wo man mich mit dem Gruß empfangen würde: „~_No German nonsense swells my British heart._~“ (ein Vers aus einer damals eben erschienen Satire: ~Pursuits of Literature~.)

Wohl habe ich seitdem einen bedeutenden Theil meines zersplitterten Lebens in Frankreich u. England zugebracht; aber mich dort nur um so lebhafter überzeugt, daß der Reichthum des _geistigen Lebens_ sich in diesen beiden Ländern mit dem _Deutschen_ keinesweges messen kann. Und doch gehör’ _ich_ zu denjenigen, die sich auch in der Fremde leicht ansiedeln. Ueberall suchte ich dort mir Sprache, Sitten u. Ansichten der Einwohner so freisinnig, wie möglich anzueignen, weil man nur dadurch Nutzen u. Freude hat von seinen Reisen und seinen vielseitigen Beobachtungen. Aber auch _das_ ist ja ein seltener Vorzug des Deutschen Genius, daß er das Vortreffliche des _Fremdartigen_ oft treuer u. reiner in sich aufnimmt, als die Eingebornen selbst. Daß _Sie_ den Shakespeare unstreitig richtiger fassen u. erklären, als alle die kunstrichterischen John Bulls, deren ich, während meines Aufenthalts in London, so _viele_ zusammenbrachte, daß solche jetzt 27! dicke Oktavbände füllen. -- Aber _mir_ wenigstens hat das _Einseitige_ jener feingeschliffenen Ausbildung der _Nichtdeutschen_, den _Reichthum_ der einheimischen nur um so lieber und theurer gemacht. --

„Mit dem ~rost-beef~ u. dem Porter vertrage ich mich schon ganz einheimisch; den _Kohlendampf liebe_ ich sogar, -- schrieb ich aus London an eine Freundin in Berlin, -- die _Aussenwelt_ genügt hier vollkommen, aber mein _inneres Leben_ schnappt überall vergebens nach _Deutscher Luft_, u. mein _Geist_ vermißt sehnsuchtsvoll _Deutsche Freiheit_!“ -- Von _Frankreich_ lassen Sie uns nicht sprechen. Die Pariser _Kinderschuhe_ hatten _wir_ doch wohl schon ausgetreten, lange ehe _Ludwig Filipps_ „freisinnige“ Unterthanen anfingen, dramatische Stiefel und lange Beinkleider nach deutschem Schnitt nothdürftig zusammen zu pfuschern; und ihren Victor Hugo zu einem Shakespeare aufzustutzen. Uebrigens lieb’ ich die _Franzosen_ sehr, so lange sie _Kunst und Leben leicht und scherzhaft_ nehmen. Nur der großartige Ernst scheint ihrer Natur nicht angeboren, weswegen auch ihre Staatsumwälzung so jämmerlich mißglückte.

Freilich sagte mir _Chenier_ einmal mit großer Selbstgefälligkeit: „Ich habe wirklich Schillers Don Carlos _durchgeblättert_; man muß auch das _Mißlungene_ nicht verachten. Das Unglück Deutscher Dichter ist, daß sie nun einmal _ohne Geschmack geboren_ sind, und von eigentlicher _Kunst_ u. _Gemütsschilderungen_ nicht einmal von unsern _großen Meistern_ etwas =gelernt haben=. Ich _gedenke nun_ =selbst=, _einen Filipp II._ zu _schreiben_!“ --

Dagegen habe ich wohl manchmal auch von den Bessern der _Unsrigen_ hören müssen: „die _deutsche_ Art u. Kunst sei allerdings reich, tief u. vielseitig, dafür scheine sie aber auch immer nur ein _unendliches Bruchstück_ bleiben zu wollen.“ Dies liesse sich wohl auch in einem gewissen Sinne behaupten; erinnert mich aber an ein sinniges Wort der sel. Varnhagen, als jemand in ihrer kleinen Gesellschaft sagte, „es ist doch Schade, daß der _Faust_ nur ein _Bruchstück_ wäre.“ -- „_Schade_?! rief sie aus. Als wäre das nicht gerade das größte Verdienst dieses unendlichen Gedichts! Gerade dadurch ist es ja eine so treue Darstellung der ganzen Menschheit; denn was ist _sie_, das Leben u. die Welt _für uns_ anders, als ein ewig anziehendes, ewig unvollendetes Bruchstück? Göthe _darf_ das Gedicht nicht fortsetzen, oder gar vollenden, wenn sein Gemählde noch dem _Urbilde_ gleich bleiben soll; denn all unser Denken, Träumen u. Ahnen; alle unsre geistige u. sinnliche Liebe, alles was wir von Gott, oder dem Teufel uns einbilden; -- Genuß, Sehnsucht, Verzweiflung, Tugend und Verbrechen -- _alles_ enthält schon dieses überreiche Bruchstück eines _unendlichen Kunstwerks_.“

Und nach dieser Ansicht zweifle ich sehr, ob meine Freundin den _2ten Theil_ des Faust für eine Vollendung des ursprünglichen Gedichts hätte gelten lassen. --

_Ich_ würde also auch mit denen nicht streiten, die etwa alle _Ihre_ Dichtungen zusammengenommen, als ein solches _unendliches Bruchstück_ des großen Weltgedichtes betrachten möchten. Bleibt das _Vollendete_ des Lebens nicht in jeder Rücksicht bloß ein Gegenstand der Ahnung und der Sehnsucht?

„Warum Schmachten? Warum Sehnen? Alle Thränen ach! sie trachten weit nach Ferne, wo sie wähnen schönre Sterne!“ --

Was gäbe ich nicht darum, mein edler Freund, wenn ich jetzt nur einige Stündchen mit Ihnen verplaudern könnte, vorzüglich auch über _Göthe_, den so _sinnlich-klaren_, u. doch in mancher Rücksicht so unerforschlichen _Proteus_. Wie viele _Fragezeichen_ habe ich nicht überall an den Rand gezeichnet, worauf Sie mir vielleicht antworten könnten, auch wo diese Antworten Ihnen nicht erleichtert würden durch übereinstimmende Gesinnung, sondern bloß durch scharfsinnigeres Ahnungsvermögen eines so nahverwandten Genius. Wie tief bedauere ich, daß ich die Zeit unsers Beisammenseins nicht mehr benuzte; denn verloren war bei mir nie etwas, noch so früh empfangenes, sondern wucherte gewöhnlich das ganze Leben hindurch, wenn es auch spät erst zur Frucht reifte. ~O! mihi praeteritos referat si _Jupiter_ annos!~“

Und doch war jene Zeit ein herrlicher, unvergeßlicher Frühling! Einer mit dem ich damals das geistige Leben am vertraulichsten durcharbeitete, war _Friedrich Schlegel_, den ich immer den _Dichter_ nannte, während sein Bruder mir bloß _der Dichtende_ hieß. Als Tiefdenker mir unendlich überlegen, fand er doch bald so viel Empfänglichkeit in mir, daß er behauptete noch niemand gefunden zu haben, mit dem er sich so allseitig hätte mittheilen können, ohne in Streit zu gerathen, auch wo wir noch so entgegengesetzte Grundsätze verriethen.

Nach seinem Uebertritt zur römischen Kirche, schrieb mir Schleiermacher: „Kanst Du mir diesen Schritt unsers Freundes wohl näher erklären? Ich frage _Dich_, weil er mir selbst gesagt, er hätte mit Keinem so ernst u. so offenmütig, wie mit Dir, das _Christenthum_, nach allen dessen Richtungen durchgeforscht. Ich kann mir _seine_ =innern= Gründe unmöglich denken; u. _weltliche_ mag ich bei einem _solchen Manne_ durchaus nicht annehmen.“

Allein ich hatte damals _Schl._ in mehreren Jahren nicht gesprochen; wohl aber haben seine spätern Schriften mich mit =seinem= _Katholizismus_ versöhnt. Es scheint nehmlich, daß, wenigstens gleichzeitig mit diesem Uebergang, auch eine wirkliche _Sinnesänderung_ bei ihm vorgegangen; denn wie _mild_, _billig_ und wahrhaft _christlich_ finden wir ihn, selbst in seinen spätern =Streit=_schriften_, wenn wir solche mit den frühern vergleichen. _Jacobi_ machte dieselbe =Bemerkung,= u. schrieb mir einmal: „Hätten Sie wohl je geglaubt, daß Fr. Schlegel u. ich einander bei Gegenständen der Vernunftforschung so freundlich und _christbrüderlich_ begegnen würden?“ -- Eine große Hinneigung zur _Neuplatonischen_ Auffassung des Christenthums hatte ich früh in ihm entdeckt, welche mir nun durchaus nicht zusagte. Dagegen versicherte ich ihm, man könne dem Christenthum nicht inniger zugethan sein, wie ich, wenn man nur nicht forderte, daß ich ein _strengerer Christ_ sein solte, als -- _Christus_ selbst. Ich hätte nehmlich überall gefunden, selbst bei meinen _Hernhutern_, wiewohl da seltener, daß die eifrigsten Christen sich in 2 ganz bestimmte Klassen abtheilen ließen. Die einen wären die _Gelehrten_, oder _Historischen_, denen das sich nach u. nach entwickelte _Lehrgebäude_ des Glaubens wichtig u. heilig sei -- die Rechtgläubigen jeder Kirche, -- die andern hingegen empfänden bloß ein tiefes Bedürfniß, sich die _Gesinnungen_, die ganze _Denk- u. Empfindungsweise_ des Erlösers kindlich anzueignen. Ihnen ist das wichtigere, „den Willen desjenigen zu thun, der _Ihn_ gesandt hat, u._ dadurch inne_ zu _werden_, ob seine Lehre von Gott sei.“ -- Alle Spizfindigkeiten der Kirchengelehrten scheinen ihnen unwesentlich. Die _Dreieinigkeit_ macht ihnen keinen Kummer, u. selbst von _Christus_ mögen Sie wohl sagen wie Haller von seiner Geliebten:

„Ich strebe nicht Dich zu _vergöttern_, _die Menschheit_ ziert _Dich allzusehr_.“ --

Zu dieser 2ten Klasse nun bekenne ich mich mit aller Innbrunst des Herzens, u. aller Freiheit der Seele. -- Dabei leugne ich keinesweges, daß nicht beide Eigenschaften sehr glücklich vereinigt werden können; nur _allgemein_ kann dies nicht angenommen werden; u. ohne diese _christliche Gesinnung_, scheint mir die gelehrte _Rechtgläubigkeit_ von sehr geringem Werth. -- Daher hat auch A. W. Schlegel mich u. die Frau von Staël schrecklich ermüdet durch seine streitsüchtigen Anempfehlungen eines solchen gelehrten _Katholizismus_. --

Hier aber müssen Sie mir erlauben, eine ähnliche Bemerkung zu machen über die verschiedenartigen Schüler u. Anbeter der _Muse_, zumahl dies Sie selbst etwas näher angeht. Ich theile nehmlich diese ebenfalls in 2 sehr bestimmte Klassen. Die _wirklichen_ Dichter, die Selbstschöpfer im Reiche des Genius, die Beherrscher der Einbildungskraft und der Seelenvermögen; -- dann aber die „_poetischen Menschen_“, die zwar für allen Reichthum der Dichtung die regsamste Empfänglichkeit besitzen, die aber keine _Kraft_ von der Natur empfingen, selbst _hervorzubringen_ was sie im Geist so lebhaft anschauen. Sie verwandeln gewissermassen ihr ganzes Leben, die sie umgebende Wirklichkeit, ihr Denken u. ihr Gefühl zu einem _Gedicht_; aber _stummgeboren_ vermögen sie was ihr inneres bewegt, nicht auszuhauchen in Gesang u. Rede.

Daß selbst die _Halbgötter_ der ersten Klasse nicht immer diese _innerliche Poesie_ der zweiten in einem gleich hohen Grade besitzen, glaube ich nur zu oft wahrgenommen zu haben, und jene _Stummgeborenen_, zu denen ich, Leider selbst gehöre, müssen sich nur damit trösten, daß gerade diese nie zur Flamme auflodernde Glut ihr inneres Leben gewöhnlich länger warm und jugendlich erhält.

Freilich ist es eine herrliche Erscheinung der Menschheit, wenn ein hoher Genius diese oft gesonderten Eigenschaften in sich vereinigt, und dies, liebster Tieck! ist nach meiner Ueberzeugung, _Ihr glückliches_ Loos. Sie sind doch unstreitig ein _großer Dichter_, aber welcher Kenner entdeckt nicht zugleich in dem kleinsten Ihrer Lieder den echt-_poetischen Menschen_, der so freundlich anzieht, u. Zutrauen einflößt, während man den ersten bewundert? Sie sehen, ich spreche so offen mit Ihnen, wie mit einem Dritten, ich erkläre nur _mein_ dankbares Gefühl für Sie -- denn ein plattes _Lob_ wäre von meiner Seite schon anmaßend. In dieser Rücksicht stehen _Sie_ uns offenbar näher als _Göthe_ -- dessen Seele, ich möchte sagen nicht _jungfräulich_ genug ist, um ein so _kindliches Gemüt_ zu besitzen. --

Begreifen Sie also nun, woher ich den Mut genommen habe, mich so ausführlich mit Ihnen zu unterhalten, als hätten wir uns vor wenig Tagen gesprochen. -- Ich setze nehmlich voraus, daß der _poetische Mensch_ in Ihnen noch eben so jugendlich u. umgänglich ist, wie zu der Zeit, die ich noch so lebhaft in mein Gedächtniß zurückrufe. Von mir kann ich wenigstens ehrlich versichern, daß ich den _Jahren_ keine Macht über mein inneres Leben gönne. Schon auf der Schule kamen Schleiermacher u. ich überein, daß ein früheres, oder späteres _Altwerden_ des geistigen Menschen, doch eine wahre _Niederträchtigkeit_ sei, welches immer eine schlechte Erziehung, oder eine leichtsinnig verschwendete Jugend verriethe. Auch hat er bis zu seinem Tod diese Wahrheit bestätigt; und als er mich kurz vorher besuchte, konnten wir an einander nicht die mindeste Veränderung gewahr werden. Freilich war er ein par Jahr jünger, als ich, dafür aber doch _älter_ als _Sie_, für den also gar keine Entschuldigung gilt, wenn Sie schon aufhören wollten, ein _Jüngling_ zu sein.

Ohne allen Scherz: ich wüste nicht, daß ich seit meinem 20. Jahre irgend eine Verwandlung erlitten hätte. _Ernst_ war schon das Gemüt des Jünglings, u. eben deswegen, hat bei mir die Heiterkeit u. der Frohsinn immer auf einem so sichern Grunde geruht. Meine Freude am Leben, u. selbst an allen Liebhabereien des Geistes, u. der Empfindungen ist noch ganz die nehmliche. Vorzüglich sind aber Wissenschaften und Künste noch immer eine unerschöpfliche Quelle eines fortdauernden Lebensgenusses. Und wie dankbar gedenke ich auch in dieser Hinsicht meiner gründlichen Erziehung auf einer _Deutschen_ Schule. Alles dort eingesammelte habe ich das ganze Leben hindurch so treu aufbewahrt, daß ich es immer mit Sicherheit wieder hervorsuchen kann, wenn es auch Jahrzehende hindurch völlig geschlummert. Schleiermacher war ganz verwundert, als er mich jezt viel tiefer eingeweiht fand in allen Geheimnissen griechischer Schriftsteller, als auf der Universität, wo wir uns Tag u. Nacht mit ihnen beschäftigten. Dies gab uns Gelegenheit vor hiesigen Gelehrten mit unsern Herrnhutischen Schulen zu prahlen, die wir beide nirgends übertroffen gefunden. Zufällig wurde behauptet: daß die Kunst _Lateinische Verse_ zu machen, heute zu Tage völlig ausgestorben sei, auch diejenigen, welche in der Jugend sich damit beschäftigt hätten, würden keinen Versuch mehr darin wagen. -- „Was meinst _Du_? sagte Schleiermacher, Du galtest ja sonst für einen geübten Lateinischen Dichter.“ -- „Ich meine, antwortete ich, daß man _nichts vergißt,_ was man _gründlich gelernt_ hat, und ich nehme noch eine Wette an, ob ich gleich in beinah 40 Jahren keinen Lateinischen Vers geschrieben habe.“ -- u. so schickte ich unsern Upsaliensern bald darauf ein ziemlich langes Gedicht, für welches sie mich auf meine alten Tage noch zum Magister machen wollten. Auch hatte ich wirkl. kaum 10 Zeilen geschrieben, als es mir vorkam, als hätte ich eine seit Jahren verschlossene Schublade geöfnet, in der ich noch alles in der vollkommensten Ordnung wieder fand. Wer _vergißt_ denn jemals, was er wirklich treu u. redlich =geliebt= hat. Ein _gutes, vielseitiges Gedächtniß_ steht immer in Verhältniß zu der Menge von Gegenständen, die uns einst eine lebendige Theilnahme eingeflößt haben, u. selten nimmt das Gedächtniß früher ab, als das _Herz_ vertrocknet. --

Uebrigens muß ich mich wohl auf _Gelehrsamkeit_ beschränken, da ich als „_Stummgeboren_“ nichts besseres thun kan, u. da mir die hiesige Alltagswelt zu _blaß_ ist, um mich ihr oft hinzugeben. Genußreicher finde ich freilich mein kleines Museum, wo mir immer noch die _Tage_ zu kurz scheinen, um solche nicht wie sonst durch halbe Nächte zu verlängern.

_Wie_ wollte ich aber noch mit Ihnen die herrlichen Gegenden um Dresden durchwandern, wo der Jüngling bisweilen an _einem_ Tage 6 bis 7 Meilen zu Fuße machte; u. ich hoffe _Sie_ sollten mich da noch so _ungealtert_ finden, wie eine hiesige Freundin, die mich neulich fragte: „Waren Sie denn in _Ihrer Jugend_ wirklich auch _so jugendlich_ wie _jezt_?“ -- -- Ach! mein _Deutschland_! und mein Knabenfrohes _Sachsen_!

„Ach! wie sehnt sich für und für schönes Land! mein Herz nach Dir! Werd’ ich nie Dir näher kommen, Da mein Sinn so zu dir steht? Kömmt kein Schifchen angeschwommen, Das dann unter Segel geht? -- _Doch mich halten harte Bande!_“

Und nun, mein edler Freund! mit der innigsten brüderlichen Umarmung

Ganz der Ihrige

_v. Beskow_.

II.

_Stockholm_ am 8. Juny 1835.

_Theuerster Freund!_

Ueberbringer Dieses ist der Hr. Hagberg, der Weltweisheit Doctor, und Sohn eines unserer vorzüglichsten Kanzelredner und Kirchenväter. Dieser junge Reisende besitzt ein hübsches poetisches Talent und hat zweymahl den Preis der Schwedischen Akademie erhalten, nämlich für ein Gedicht über _Gustav Adolph den Großen_ und für eine Uebersetzung von Tassos _~Gerusalemme liberata~_. Auch ist er bey der Universität in Upsala Docens der Griechischen Sprache. Da er auf seiner Reise nach Italien im vorbeygehen Dresden zu besuchen gedenkt, habe ich mir das Vergnügen nicht versagen können, mich durch ihn bey Dir in Erinnerung zu bringen, und ihm überdies, mittelst dieser Zeilen die Freude zu verschaffen, Deine und der Deinigen Bekanntschaft zu machen, wovon er mich oft, als von einer der theuersten Rückerinnerungen an meine Wanderungen in fremden Ländern, hat sprechen hören.

Die letzten Nachrichten die ich aus Dresden gehabt, sind von Baron v. Lüttichau. Er meldet daß Du, zu unserer großen Freude, frisch und gesund bist, daß aber, leider, in dem Befinden Deiner Frau keine verbesserung vorgegangen ist. Dieser letztere Umstand geht uns herzlich nahe, und wir hoffen und wünschen innig, daß dieses bald einen Uebergang habe. Was uns betrifft sind wir Gottlob! jetzt beyde gesund und meine Frau hat sich bey der Diät, die der vortreffliche Carus ihr vorgeschrieben hat, besonders wohl befunden. Grüß ihn tausendfach und herzlich!

Diesen Sommer bringen wir auf einem Landgut zwey Meilen von der Hauptstadt zu; aber nächstes Jahr hoffen wir, geliebt es Gott! wieder eine Reise südwärts machen zu können, und werden dann gewiß Dresden besuchen. -- Was hast Du jetzt vor? -- Was geschieht in der Deutschen Litteratur? -- Wie steht es mit Eurem Theater? -- Wie befinden sich unsere Freunde? -- Dies sind Fragen, die wir so gern beantwortet hätten, die aber in die leere Luft verhallen.

Der Doctor Hagberg wird nähere Nachrichten von uns ertheilen können. Leb’ indessen wohl, theuerster Freund! Empfange die herzlichen Grüße meiner Frau an Dich, und unsere gemeinschaftliche an Deine ganze liebenswürdige Umgebung, und an alle unsere Freunde in Dresden -- das liebe Dresden! -- Noch einmahl, lebe wohl! und vergiß nicht gänzlich

Deinen

beständigen Freund

_Bernh. v. Beskow_.

III.

_Stockholm_ den 16. Juli 1835.

_Theuerster Freund!_

Ob ich gleich neulich einem auf Reisen gehenden Landsmanne, dem Hr. Doct. Hagberg aus Upsala, einige Zeilen an Dich mitgab, so kann ich doch nicht umhin die Gelegenheit zu benutzen, die sich jetzt mir wieder darbietet, Deine Schwedischen Freunde, die sich so oft mit Dankbarkeit und Sehnsucht Dresdens, Deiner und der Deinigen erinnern, Deinem uns so theuren Andenken zu empfehlen. Gern wäre ich statt des Briefes selbst gekommen; doch der Erfüllung dieses Wunsches darf ich erst in einem Jahre vielleicht entgegensehen. Dann hoff ich mich aber auch los und ledig machen zu können.

Ueberbringer dieses Schreibens ist ein junger, liebenswürdiger Dichter, Herr Böttiger, der Zweymahl von der Schwedischen Akademie belohnt worden ist; nähmlich für ein Gedicht über _Gustav Vasa_ und für ein anderes _Gustav Adolph bey Lützen_ genannt. Außerdem hat er mehrere lyrische Gedichte herausgegeben wovon eine Samlung in kurzer Zeit drey Ausgaben erlebt hat -- eine bey uns sehr seltene Erscheinung, zumahl in einer so antipoetischen Zeit, wie die unsrige, und bey dem wenig zahlreichen Publicum, worauf ein Schwedischer Schriftsteller zu rechnen hat. Hr. Böttiger ist Doctor der Weltweisheit und Docens wie auch Unterbibliothekar bey der Universität in Upsala. Sein anspruchloser, liebenswürdiger und rechtschaffener Charakter hat ihm in der Heimath allgemeiner Liebe und Achtung erworben, und ich vermuthe daß er auch jenseit des Meeres Freunde und gleichsinnige Herzen finden wird.

Die Gesundheit meiner Frau fährt fort sich zusehends zu verbeßern. Sie läßt Dich und Deine liebe Umgebung tausendfach grüßen. Bestelle auch meinen herzlichen Gruß an Deine sämtliche Hausgenoßen und alle unsere Dresdener Freunde. Als ein wohlgemeintes Andenken von Schweden und Deinen hiesigen Freunden habe ich dem ~Dr.~ Böttiger ein paar Schaumünzen mitgegeben, um sie Dir zu überbringen. Dieselben stellen Tegnér und Berzelius vor, und gehören zu einer Samlung deren Herausgabe ich hieselbst besorge.

Lebe wohl und vergiß nicht

Deinen

unveränderlichen Freund

_Bernh. v. Beskow_.

IV.

_Stockholm_, den 19. July 1836.

_Theuerster Freund!_

So lange habe ich die Beantwortung Deines herzlich willkommenen, freundschaftlichen Briefes verzögert, daß ich fast gewärtig seyn muß, die Dinte in der Feder vor Scham darüber erröthen zu sehen. Daß jedoch dieser Verzug nicht von Undankbarkeit oder Vergeßlichkeit herrührte, davon kanst Du doch völlig überzeugt seyn. Es war aber mein Wunsch meiner Antwort einen grösern und dauerhaftern Beweis meiner Erkentlichkeit beyzufügen, und zwar durch das Werk, welches Du mir erlaubt hast mit Deinem Nahmen zu schmücken. Die Bemühung diesem Werke eine Abfaßung zu geben, wodurch es nicht gar zu unwürdig werden möchte Dir zugeignet zu werden, erforderte natürlicher Weise einige Zeit; und doch wäre das Buch bereits in Deinen Händen wenn mir nicht unglücklicherweise eine der Amtsverrichtungen, deren ich mehr habe als ich brauche, ein anderes Geschäft, das keinen Aufschub duldete, auferlegt hätte. Die Schwedische Akademie sollte nehmlich ihr Jubeljahr feyern, und als beständiger Sekretär derselben muste ich über alles was wir in diesen 50 Jahren -- nicht gethan einen ausführlichen Bericht verfaßen. Dies war in der That ein sauberes Stück Arbeit; doch zog ich mich zwischen „_Dichtung und Wahrheit_“ so ziemlich aus der Sache, und die Akademie sagte bey der Auflesung des Aufsatzes wie unser (weiland) gutmüthiger König Adolph Friederich, als der Hofkanzler den Ständen den Bericht über die von Seiten der Regierung genommenen Maßregeln vorlaß: „_Haben Wir das alles gethan?_“