Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band

Part 6

Chapter 63,459 wordsPublic domain

Sobald das Jubelfest vorüber war, und die darüber abgefasten Verhandlungen gedruckt worden, unternahm ich wieder ~con amore~ die Bearbeitung der Dramatischen Versuche, die ich Dir zu widmen wünschte. Allein jetzt ist ein neues Hindernis eingetreten, welches mich auf längere Zeit jeder litterarischen Beschäftigung zu entreißen droht. Seine Majestät, mein Allergnädigster König, haben Seine Absicht zu äusern geruht -- mich zum Ober-Intendenten der öffentlichen Gebäude und überdieß zum beständigen Präses der Akademie der freyen Künste zu ernennen. Zwar habe ich mir, mit ehrfurchtvoller Dankbarkeit, jenes hohe Vertrauen unterthänigst verbeten; aber Seine Majestät haben keinen andern bisher ernennen wollen und wenn Sr. Majestät Wunsch zum Befehl übergeht, werde ich demselben natürlich um so mehr Folge leisten müßen, da ich noch kürzlich ebenso viele als unverdiente Beweise Seiner königlichen Gnade erhalten habe, -- der große Polar-stern, das Comthur-Band der Ober-Beamten des Seraphiner-Orden, &c. -- so daß ich mich jetzt ausstaffiren kann wie jener alte Mann, von dem Du einst erzähltest, daß er einen ganzen Büschel von Bändern an der Brust trüge. Sollte ich indeßen nebst der neuen, wovon jetzt die Rede ist, auch meine bisherigen Amtsgeschäfte versehen, so würde mir schwerlich Zeit zu litterarischen Beschäftigungen übrig bleiben, welches mir sehr leid wäre und schwerlich könnte ich Dich auch dann, wie es meine Absicht gewesen, nächstes Jahr in Dresden besuchen, und vielleicht gar einen Abstecher nach Italien machen[3]. Doch das Alles steht in Gottes Hand, und Der lenkt alles zum Besten.

Mit der innigsten Freude haben wir vernommen daß Dein und der Deinigen Gesundheits Zustand fortwährend Gut gewesen und daß Deine Feder uns jedes Jahr neue Meisterwerke schenkt. Ein ausschließend litterarisches Leben, wie das Deinige wäre auch bey dem hundertsten Theil Deines schöpferischen Geistes beneidenswerth, aber nur als Schriftsteller zu leben ist bey uns in Norden fast Beyspiellos. Unsere Litteratoren sind entweder Bischöfe Beamte und Lehrer bey den Universitäten, oder Reichstagsrepräsentanten und Publicisten. Außerdem nehmen unsere Akademien viele Zeit weg. Meine Wenigkeit, z. B. befindet sich Mitglied von 5 solchen hier in Stockholm, die zum Theil wöchentlich Zusammenkünfte haben. Bisweilen gewähren sie doch einige Freude, diejenige zum Beispiel die ich jetzt erfahre indem ich Dir, im Namen der Akademie der Geschichte, der Alterthümer und der schönen Wißenschaften, beygebendes Diplom übergebe, deßen Einladung die Akademie Dich ersucht, als einen Beweis ihrer ausgezeichneten und erfurchtvollen Hochachtung für Deine unsterblichen litterarischen Verdienste gütigst annehmen zu wollen. Haller, Goethe und Schiller sind, unter Deinen Landsleuten, früher Mitglieder dieser Akademie gewesen, und unter den jetzt lebenden auswärtigen Mitgliedern zählen wir Heeren und Sismondi. Dein vortrefflicher Fürst, Prinz Johann, geruhte im vorigen Jahr die Einladung zum Ehren-Mitgliede anzunehmen.

Herzlichen Dank für alle Freundschaft und Güte, die Du so vielen meiner Landsleute erzeigt hast! Du errichtest Dir dadurch auch ein Pantheon von dankbaren Herzen hier im Norden. Auch ist kein litterarischer Name hier so geliebt und verehrt als der Deinige. Möchtest Du nur nicht ermüden die Lappländischen Pilger aufzunehmen! Aber es ist nicht möglich ihr Verlangen Dich zu sehen und zu hören im Zaum zu halten, und es giebt keinen Schweden deßen Weg durch Deutschland geht, der sich nicht ein Wort der Empfehlung an Dich ausbittet. Jetzt sind ihrer drey im Anzuge, welche Du mir gütigst erlauben wirst bey dieser Gelegenheit anzumelden, nämlich ein junger Bildhauer Herr Zuarnström (eine ganz Nordische Natur) der sich nach Rom begiebt, und ein Hr. Arwidson, sein Reisgefährte, ein sehr litterarisch gebildeter Mann, mit gründlichen Kenntnißen und einen scharfen, selbständigen Verstande. Sie werden sich etwa ein Monath in Dresden aufhalten und es wäßert ihnen schon den Mund nach einer Vorlesung aus den Shakespeare. Mein dritter Landsman, welcher Dir auf seiner Rückreise aus dem Carlsbade im August seine Aufwartung zu machen gedenkt, ist mein bester Schul- und Jugendfreund, der Baron v. Sprengporten, jetzt Oberstadthalter in Stockholm, ein vortrefflicher und sehr unterrichteter Mann, der ohne Anspruch Dichter zu seyn recht hübsche Verse schreibt und ein besonderer Freund der Deutschen und Englischen Litteratur ist.

Die Gesundheit meiner Frau ist Gottlob, ziemlich gut gewesen; aber Sie sehnt sich, ebenso wie ich, nach Dresden wo wir uns noch beßer befanden. Melde ihren und meinen herzlichen Gruß an Deine ganze liebenswürdige Umgebung. Auch viele Empfehlungen an unsere theuren und achtungswerthen Freunde v. Lüttichau, Carus, Sternberg, Dahl u. a. -- Lebe wohl, geliebter und vortrefflicher Freund, und vergiß nicht Deinen bis in den Tod unveränderlich

ergebenen

_Bernh. v. Beskow_.

V.

_Stockholm_, den 18. August 1836.

_Theuerster Freund_,

der Ueberbringer dieser Zeilen[4] ist der Königl. Bibliothekar Rydquist, der zugleich in der Schwedischen Akademie mein ~Amanuensis~ ist, ein in der Geschichte der Litteratur sehr bewanderter Mann, deßen Schrifte von den hiesigen Akademien mehrmals gekrönt worden, und der besonders durch zwey Werke, nähmlich eine „vergleichende Characteristik der älteren und neueren Litteratur“ und eine „Untersuchung über die ältesten Schauspiele des Nordens“ Aufsehen erregt hat. Er hat überdieß mehrere Jahre hindurch eine Zeitung für die Litteratur und schöne Kunst herausgegeben, welche sich vor allen andern in diesem Fach hieselbst erschienenen rühmlich ausgezeichnet hat. Zu der Reise die er jetzt nach Italien unternimmt, hat er sowohl vom Könige als von der Schwedischen Akademie Unterstützung erhalten, und da ich ihm keinen größeren Gefallen thun kann, als wenn ich ihm eine Gelegenheit verschaffe Deine Bekanntschaft zu machen, so verlaße ich mich auch diesmal auf die Güte die Du so vielen meiner Landsleute erzeigt hast, diesem, auf welchen ich einen besonderen Werth setze, zu Deinen Abendgesellschaften den Zutritt zu verstatten. Er wird sich wahrscheinlich eine oder ein paar Wochen in Dresden aufhalten.

Bis jetzt bin ich, Gott sey Dank, von der neuen Amtsgeschäften frey geblieben, womit ich, laut meines letzten Briefes (vom 19. July) bedroht war, und ich drücke daher fleißig an dem Werke, welches ich Dir zu widmen wünsche. (Hr. Rydquist kennt es schon und kan davon einigen Bescheid geben.) Darf ich meine jetzige Freiheit ungestört genießen, so hoff’ ich zuverläßig künftigen Sommer eine Reise nach Dresden machen zu können, wohin wir, meine Frau so wohl als ich, uns so innig sehnen.

Meine Frau empfiehlt sich freundschaftlichst Dir und den Deinigen, womit ich meinen herzlichen Gruß an Deine ganze Umgebung und alle unsere Freunde in Dresden verbinde. Lebe wohl, theuerster Freund, und behalte, wie bisher, in wohlwollendem Andenken

Deinen

unveränderlichen Freund _Bernh. v. Beskow_.

VI.

_Stockholm_ 22. December 1838.

_Theuerster Freund!_

Für die frohe Ueberraschung die Du mir durch Deinen letzten freundschaftsvollen Brief geschenckt hast, kann ich Dir nicht warm genug danken. Ich erhielt ihn so eben durch den jungen Schauspieler, der von Deutschland zurückgekommen ist. -- Es ist, wie Du sagst, zu traurig, daß die Menschen die sich etwas zu sagen haben, getrennt sind und wie in eine Verbannung leben. Um so viel schätzbarer ist jede schriftliche Mittheilung von einem in der Ferne lebenden Freunde. Dein schöner Brief hat mich in Deinen Kreis zurückgeführt und alle frohe, nur zu bald verfloßene Stunden, die ich in dem gemüthlichen Dresden verlebte, in mein Gedächtniß zurückgerufen.

Besonders danke ich Dir für alle Güte, die Du meinen Landsleuten erweißest. Du bist einer der vorzüglichsten Schutzgeister der Schweden auf Deutscher Erde. Auch bewahren sie als das schönste Andenken ihrer Wanderung, die Erinnerung Dich gesehen, mit Dir gesprochen, und Dich lesen gehört zu haben. Deine hiesigen, Dir persöhnlich ergebenen Bewunderer bilden eine Colonie die mit jedem Jahre zuwächst. Welchen Einfluß Du seit 30 Jahren auf die Schwedische Litteratur ausübst, ist Dir bereits bekannt, wie auch daß verschiedene Deiner Werke in unsere Sprache herübergetragen sind. Wahrscheinlich weist Du auch schon aus erster Hand, daß Oehlenschläger angefangen hat Deine Novellen zu übersetzen. Dieser guter Freund hat auch mir die unverdiente Ehre erzeigt meine (Dir zugeeigneten) Dramatischen Studien ins Dänische hinüberzutragen. In Deutschland und Dänemark wird die eigentliche schöne Litteratur noch mit Wärme von dem Publikum umgefast. Hier hingegen kann sich nunmehr fast gar keine Schriftstellerey ohne Zusatz von Politik auf allgemeine Theilnahme Rechnung machen. Kannengießerey, schmähende und gaukelnde Tageblätter, haben beynahe alle andere Lectüre verdrängt, und es wird Dich wundern zu erfahren, daß ein hiesiger Publicist, wie man sagt, eine jährliche Einnahme von 40,000 Rtlr. (Reichstahler) Schwedisch Banco hat, das heist mehr für einen Jahrgang Tageblätter als alle beßere Schriftsteller Schwedens zusammengenommen mit allen ihren Werken verdient haben. So lange sich die Kannengießerey und der Tadel innerhalb der gesetzlichen Schranken halten, ist davon nichts zu sagen; wenn aber solches zu hemmenden Maßregeln herausfordert, wenn die hemmenden Maßregeln Mord und Todtschlag nach sich ziehen und der Streit über das Aeußerungsrecht sich endlich in einen Kampf um Leben und Eigenthum auflösen kann, dann wird die Preßfreyheit, anstatt ein Mittel zu Aufklärung und Veredlung zu seyn, eine Losung zur Anarchie und Pöbelherrschaft. In solchem Fall habet Ihr in Deutschland nicht viel Ursache über eine beschränktere Preßfreyheit zu klagen.

Wundere Dich daher nicht, wenn ich Dir unter dergleichen Verhältnißen nicht Vieles über die Schwedische Litteratur sagen kann. Die Dichter haben ihre Leyern an die Weidenbäume gehängt, um sie nicht von Steinen zerschmettert zu sehen. Geyer allein hat mit diesem Jahre eine litterarische Monatschrift angefangen, die aber gleich zur Politik übergegangen ist und wahrscheinlich in ihrem Fortgange nur dieses Fach umfaßen wird. -- --

Meine Frau ist unbeschreiblich dankbar für Dein gütiges Andenken und bittet mich Dich und Deine liebenswürdige Umgebung herzlichst zu grüßen. Auch ich bitte um meine ehrerbietige Empfehlung an die Damen, bey denen ich mich auch durch beygehende kleine Romanze von meiner Fabrik in Erinnerung zu bringen wünsche. Sie hatte das Glück bey ihnen und besonders bey der Gräfin Beyfall zu finden, als ich dieselbe zuletzt in ihrem Salon sang. -- Grüße auch herzlich S. Ex. v. Lüttichau, Carus, Sternberg und andere Freunde! Mein inniger Wunsch ist Dich künftiges Jahr in dem lieben Dresden wiederzusehen. Gott schenke Dir und den Deinigen fortdauernde Gesundheit, Freude und Wohlseyn, dies wünscht Dein unveränderlich und

dankbarst ergebener Freund _Bernh. v. Beskow_.

VII.

_Stockholm_ den 20. Nov. 1839.

_Theuerster Freund!_

Es ist nun so lange her seitdem ich das Vergnügen hatte mich bey Dir in Erinnerung zu bringen, daß ich nicht umhin kann die Gelegenheit zu benutzen, die sich jetz darbietet Dir mit einem Freunde dem Major v. Hazelius, einige Zeilen zu übersenden. Dieser Freund ist Adjutant bey unserm Kronprinzen, ein ausgezeichneter Verfaßer in den Kriegs-Wißenschaften, ein Mann von weitumfaßender Bildung und warmem Gefühl für Poesie und Kunst. Auch ist er mit Atterbom, Geyer, und Deinen Schwedischen Freunden nahe verbunden.

Durch die Landsleute die in den letzten Zeiten Dresden besuchten, habe ich mit Freude Dein Wohlbefinden erfahren, wie auch daß Du noch immer in der ewigen Jugend der Dichtkunst fortlebst. Dies ist schön -- beneidenswerth hätte ich gesagt, wenn Freundschaft und Neid vereinbar wären. Was mich betrifft, so haben sich die finstern und rauhen Geister der Amtsprosa meiner immer mehr und mehr bemächtigt und mich aus dem Lustgarten der Dichtung erbärmlich verjagt. Zwar blicke ich noch sehnsuchtsvoll und verstohlen dahin zurück; allein ich fürchte daß ich deßen Luft nicht ahtmen werde ehe ich mich jenseits der Ostsee, in Dresden oder am Rhein, in der Schweiz oder in Italien befinde. Mit den ersten Tagen des künftigen Jahres fängt der Reichstag in Stockholm an, der wahrscheinlich, wie gewöhnlich, 18 Monate dauert. Die poetische Stimmung, welche Partei-Streitigkeiten, Haß und Neid erzeugen können, kann man leicht vorhersehen. Wie gerne hätte ich nicht meine Vaterstadt grade in dem gegenwärtigen Zeitpunkt verlaßen, aber da ich leider Representant bin, und da alle diejenigen welche der Sache der Ruhe und der Ordnung angehören in einer Zeit, wie die jetzige ist, auf ihrem Posten seyn müßen, so halte ich es für Pflicht, der mitbürgerlichen Obliegenheit meine einzelne Neigung zu opfern. In so fern ich es vermeiden kann werde ich freylich nicht an den Debatten Theil nehmen; aber wegen der Ausschüße und der Votirungen muß man doch zugegen seyn.

Mein letztes poetisches Werk ist eine Dramatische historische Schilderung, Gustav Adolph in Deutschland genannt. Ich bin seitdem mit einigen Commentaren zu unserm originellen Kunstphilosophen Ehrenswärd beschäftigt gewesen allein diese Arbeit ist so oft unterbrochen worden daß ich nicht weiß wann sie beendigt werden kann. Ich erinnere mich nicht, ob ich in irgend in einem vorhergehenden Briefe erwähnt habe, daß unser Freund Oehlenschläger vom welchem meine Dramatische Studien ins Dänische übersetzt worden sind, dieselbe nun auch in _Deutsche_ Tracht gekleidet hat. Dieses freuet mich um so mehr, da sie dadurch auch meinen Deutschen Freunden bekannt werden können.

Noch immer hoffe ich auf die Verwirklichung eines meiner schönste Träume für die Zukunft, nämlich Dich wieder in Dresden besuchen und in Deinem Abendkreise eines poetischen Lebens genießen zu können. Meine Frau theilt lebhaft diesen Wunsch und bittet um ihren herzlichen Gruß an Dich und Deine Umgebung, womit ich den meinigen an Deine Damen verbinde. Empfiehl uns auch unsern übrigen Dresdener-Freunden, besonder Excellenz Lüttichau, Carus, Sternberg, Dahl u. a. -- Gott erhalte Dich und die Deinigen; Er gebe Euch Glück und Gesundheit, und laße Euch alle wohl gehen! Lebe wohl und erfreue gelegentlich mit ein paar Zeilen

Deinen

unveränderlich ergebenen Freund _Bernh. v. Beskow_.

N. S. Wenn ich das Datum meines Briefes betrachte so finde ich, das es heute gerade 20 Jahre sind, seitdem ich Deine Bekanntschaft machte, die meinem Leben so manche schöne und unvergeßliche Stunde gewährt hat. Wollte Gott, daß ich Dir heute über 20 Jahre wieder schreiben und Dich daran erinnern, oder, noch lieber, daß ich das Andenken davon in Dresden mit Dir feyern könnte!

VIII.

_Stockholm_ den 27. July 1841.

_Theuerster Freund!_

Es ist wieder jetzt eine geraume Zeit, seitdem ich von mir hören ließ, und ich kann deswegen nicht umhin des Hr. Hofpredigers ~Dr.~ v. Lagergrens Reise durch Dresden zu benutzen, um mich bei Dir in Erinnerung zu bringen. Oder bist Du vielleicht jetzt nicht in Deiner ehemaligen, poetischen, kunstreichen Heimat, in Deutschlands Florenz? -- Man sagt, Du seyst von dem Könige von Preußen eingeladen worden jährlich einen Theil des Sommers bey Ihm zuzubringen. Immerhin. -- Wo Du auch seyn magst, ist mein Herz immer bey Dir, und wenn Dich auch dieser Brief nicht erreicht, so umschweben Dich doch stets meine wärmsten Wünsche für Dein Wohlgehen!

Ueberbringer dieser Zeilen, der Königl. Hofprediger ~Dr.~ v. Lagergren, ein Schüler unsers verewigten ausgezeichneten Dichters und Redners des Erzbischofs Wallin, ist, ohne Rücksicht auf seine geistliche Gelehrsamkeit, ein Mann von ausgedehnter und feiner Bildung, und in Litteratur, Kunst und Musik wohl bewandert; auch als Repräsentant ist er auf unsrem Ritterhause aufgetreten, und Du kanst also von Ihm manche interessante Aufschlüße über unser Land, unsere Litteratur und unsere übrige Stellung erhalten. Er reist über Dresden nach München, Wien, Florens, Rom und Neapel, und zurück über die Rhein-Gegenden, und Paris. Sollte es Deine Zeit Dir erlauben diesen rechtschaffenen und achtungswerthen Mann mit einer Eintrittskarte an einen Deiner Freunde in irgend einer von jenen Städten zu beehren, so würde ich Dir dafür besonders verbunden seyn. Meine eigenen Verbindungen mit dem Auslande sind leider fast zergangen.

Mein Schneckenleben dauert noch immer fort wie bisher. Ungeachtet siebenjähriger Vorsätze, Wünsche und Bemühungen, eine alltägliche Frohnarbeit los zu werden und den freyen Wanderstab ergreifen zu können, sitze ich hier in der Bergskluft und habe noch keine nähere Aussicht auf Befreyung, als die, welche ich während der ganzen Zeit hatte, nämlich die Hoffnung auf das _nächste Jahr_. Manche Verhältniße halten mich hier zurück, unter anderen der Wunsch unseres fast 80-jährigen Königs daß diejenigen, der Er mit dem Nahmen seiner Ergebenen und Freunde beehrt, hier bleiben möchten. -- Meine litterarische Laufbahn ist während der letzten Jahre unterbrochen gewesen. Die Politik reißt Alles mit sich fort. Auch zählen wir gegenwärtig in unserm wenig bevölkerten Lande 70 bis 80 Kannengießerische Zeitungen (eine jährliche Sündflut von politischen Flugschriften und Scharteken ungerechnet) und nur _ein einziges_ litterarisches Wochenblatt mit einem höchst beschränkten Publikum. -- ~Dii meliora!~ --

Meine Frau bittet um ihren herzlichen Gruß, womit ich meine Empfehlung an Deine Damen verbinde. Grüße auch von uns alle Dresdener-Freunde und gedenke Deines bis in den Tod

ergebenen Freundes _Bernh. v. Beskow_.

N. S. Hast Du etwa Oehlenschlägers Uebersetzung von meinen Dramatischen Studien gesehen? -- Hat sich irgend eine Deutsche Zeitung oder Zeitschrift darüber ausgesprochen? Aus der litterarischen Welt dringt keine Kunde mehr zu mir.

IX.

_Stockholm_ den 25. October 1844.

_Theuerster Freund!_

Im Januar Monat dieses Jahrs sandte ich Dir von Rom aus einen Brief, den Du, wie ich vermuthe, richtig empfangen hast. Ich hatte damals die Hoffnung auf meiner Rückreise den Weg über Berlin nehmen zu können. Späterhin eingetroffene Umstände, (worunter das Hinscheiden des damaligen Königes und der bald darauf zusammenberufene Reichstag) nöthigten mich indessen die Reise nach dem Vaterlande zu beschleunigen und den Weg über Paris zu nehmen. Die Freude Dich wiederzusehen mußte daher bis zu meiner nächsten Reise ins Ausland aufgeschoben werden, und damit, hoffe ich, wird es nicht gar zu lange dauern. Unterdessen ist es mir ein Vergnügen, Dir zu der Ehrenbezeugung, welche unser jetziger König Dir bey seiner Krönung durch das Nordstern-Kreuz ertheilt hat, Glück zu wünschen. Es ist dieselbe Zierde welche Linné und Haller getragen haben, und welche bey uns die größten Litterarischen Verdienste auszeichnet, weshalb sie auch nicht unter den vielen Beweisen von der Achtung der Zeitgenoßen fehlen mußte, welche Dir von so vielen Ländern aus dargereicht wurden.

Auch ist es mir eine Freude gewesen, durch den berühmten Jakob Grimm, der uns vor einiger Zeit besuchte, Dein Wohlbefinden zu erfahren. Wenn Du Grimm siehst so grüße ihn herzlich von mir. Meine Frau, deren Gesundheit während des Aufenthalts in Italien beträchtlich gewonnen hat, bittet um ihren freundschaftlichsten Gruß an Dich und an die Gräfinn, welcher Du auch meine ehrerbietige Empfehlung machen wirst. Lebewohl, theuerster Freund, und bewahre stets im wohlwollendem Andenken

Deinen

ergebensten _Bernh. v. Beskow_.

=Böttiger, Karl August.=

Geboren den 8. Juni 1760 zu Reichenbach im sächsischen Voigtlande, gestorben den 17. November 1835 zu Dresden, wo er von 1804 bis 1821 Studiendirektor des Pagenhauses, späterhin der Ritterakademie gewesen. Alle Welt weiß von seiner früheren Stellung als Gymnas.-Direktor und Oberkonsist.-Rath zu Weimar; von seinem wissenschaftlichen Verkehr mit den größten Geistern; von seiner gediegenen Alterthumskunde; von seinen zahlreichen und gelehrten Werken in diesem Gebiete; -- aber auch von seinen kritisch-theatralischen „Entwickelungen“ und breiten Recensionen --. Letztere zogen ihm damals, wo Iffland in W. Gastrollen gegeben, den scharfen Ausfall im Gestiefelten Kater zu. Und es ist ein wohlthuender Beweis von der Versönlichkeit des Alters, daß zwischen ihm und Tieck in Dresden ein unverstellt herzlicher Umgang möglich wurde, der allen alten Groll aufhob. Deß’ zum Zeichen stehe dies kleine Briefchen (das einzige welches vorlag) hier abgedruckt, obgleich es kürzer ist, wie die Vorrede dazu.

Von Hause den 12. July 1835.

_Verehrtester Herr Hofrath._

Bis ich mich selbst bedanken komme, empfangen Sie vorläufig meinen aufrichtigsten Dank für so zuvorkommende Güte in Mittheilung von Bettina’s Briefen.

Ich fürchte mein litterarischer Optimismus wird an dieser Klippe doch Schiffbruch leiden und verspreche schnelle Zurücksendung.

Ich bitte um die Erlaubniß, in den nächsten Tagen Ihnen einige Minuten rauben zu dürfen.

Sie wissen, daß Raupach die ehrenwerthe Struve’sche Trinkgesellschaft (??) mit einer Menagerie verglichen hatte. Am Morgen nach seiner Abreise fand man neben der Liste einliegen: Der Bär ist nach Bern abgereiset.

Mögen Sie wohl seyn! Ich werde mich Ende dieses Monats einige Tage in Teplitz erfrischen.

Hochachtungsvoll und treu- ergebenst

_Böttiger_.

=Boisserée, Sulpice.=

Ueber die Verdienste, welche sich dieser außerordentliche Mann, im Vereine mit seinen Brüdern: Melchior und Baptiste Bertram um Studium und Geschichte altdeutscher Kunst erworben, ist kein Wort weiter nöthig. Im Jahre 1831 ging von ihm das große Werk aus, welches den Kölner Dom in seiner ganzen erhabenen Gesammtheit zur Anschauung brachte, und dadurch gab eigentlich B. den ersten entscheidenden Impuls zum Ausbau dieses bewundernswürdigen Denkmals aus großer Zeit. -- Die von ihm hier mitgetheilten vier Briefe reichen von 1815 (B. ist 1783 zu Köln geboren) bis 1835. Der erste derselben möchte in seiner, nur kunsthistorischen Mittheilungen gewidmeten, Ausführlichkeit vielen unserer Leser zu lang dünken. Doch da er von Tieck ausdrücklich für die Aufnahme bezeichnet worden, durfte er nicht zurückgelegt werden.

I.

_Heidelberg_ am 25. November 1815.

Werther Freund, auf Ihre lieben freundlichen Klagen über mein Stillschweigen hätte ich ebengleich antworten sollen, und habe es auch in Gedanken gethan, aber dafür die Feder anzusetzen, war mir bisher wegen unaufhörlichen Geschäften kleinen Reisen und allerley Zerstreuungen rein unmöglich.

Daß wir Ihre Freundschaft nicht vergeßen, daß wir Sie lieb behalten, wird Ihnen Ihr Freund Burgsdorf geschrieben und gesagt haben.

Ihr Andenken an die sterbende Maria und Ihr lebhafter Wunsch, den Meister dieser Herrlichen Bildes zu kennen, freut uns von ganzem Herzen; es geschieht uns gar zu selten, daß Sinn und Geistvolle Freunde unsere Forschungen in der alten Kunstgeschichte mit uns theilen, noch weniger, daß einer, wie Sie, mehrere Jahre lang seine Aufmerksamkeit auf einen einzigen und Hauptgegenstand wendet.

Die Frage nach dem Meister unseres Bildes war eine der wichtigsten und schwierigsten zugleich; sie konnte nicht beantwortet werden, ohne die ganze altniederländische Kunstgeschichte neu zu beleben, darum gelang es uns auch erst im vorigen Jahr, nach einer vierten Kunstreise in Braband, sie mit voller Gewißheit zu entscheiden. -- Ihre Fragen und Bemerkungen geben uns nun ein angenehmes Wiederspiel unserer eigenen Forschungen, sie kommen der Wahrheit sehr nahe, ohne sie erreichen zu können, weil es an Mannichfaltigkeit der vergleichbaren Werke und an festen Punkten fehlt; dabey aber geben sie uns eine gar schöne Bestätigung unseres Urtheils über die Dresdener Bilder, welches natürlich eine bedeutende Stelle in dem Kreise unserer Untersuchung einnimmt.