Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band

Part 4

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hatten im Verlaufe dreier Wochen zweimal die Gefälligkeit, meine beabsichtigten Besuche bei Ihnen abweisen zu laßen. Diese waren zu keinem andern Zwecke als zu dem einer einfachen Begrüssung intendirt. Da Sie nun dieser leztern sich zu begeben so entschieden gesonnen sind, bleibt mir blos noch die Ehre, Ihnen anzuzeigen, daß ich mit derselben Entschiedenheit Ihres Willens und des darin sich characteristisch spiegelnden Benehmens gegen mich, eingedenk sein werde.

_Dresden_, 12. Januar 1840.

~Dr.~ G. _Bacherer_.

=Baudissin, Wolf Heinr. Friedr. Carl, Graf.=

Geboren den 30. Januar 1789 zu Rantzau. --

Es gehört mit zu den landläufigsten Ungerechtigkeiten der mystischen sogen. „moralischen Person“ _Publikum_ geheißen, daß allzuhäufig, wenn vom verdeutschten Shakespeare die Rede ist, wie er unter der Firma „Schlegel-Tieck“ kursirt, der Name dieses Mannes verschwiegen bleibt. Ja, sieht man doch Theateranzeigen genug, auf denen zu lesen steht: „Othello -- oder Lear, übersetzt von Tieck.“ Gerade diese Dichtungen, so wie noch mindestens zehn andere in der Sammlung enthaltene Uebertragungen, hat der vortreffliche Graf geliefert, der nach zurückgelegter diplomatischer Wirksamkeit in Stockholm, Wien, Paris, sich 1827 zu _Dresden_ niederließ. Weshalb dort? Das künden uns die schönen Worte im ersten der nachstehenden Briefe -- (leider haben sich in T.’s Nachlaß nur deren drei vorgefunden!) -- welche lauten: „_Ich weiß kaum wie ich vorher gelebt habe, ehe ich Sie lesen und reden hörte?_“ - Drei feste Bänder: persönliche Freundschaft, poetische Begeisterung, wissenschaftliches Streben fesselten ihn an Tieck. Er gehörte zu den Auserwählten, welche von Meister Ludwig nicht mehr _empfingen_, als sie ihm zu _geben_ im Stande waren. Er hat dem geliebten Freunde unermüdlich treu, thätig, fördernd und aufopfernd zur Seite gestanden. Aus dem Schüler ward bald ein selbstständiger Meister. Nachdem er schon lange vorher (1819) Sh’s K. Heinrich VIII. in eigner Verdeutschung erscheinen lassen, gab er später (1836) Ben Johnson und dessen Schule, ein bedeutendes Werk, heraus. Außerdem rührt von ihm die, durch Tieck eingeführte, Sammlung Shakspeare’scher (?) Jugendarbeiten: Eduard III. -- Thomas Cooxwell -- Oldcastle -- Londoner Verschwender in musterhafter Uebertragung her. Im Jahre 1848 edirte er aus mittelhochdeutscher Litteratur: Iwein mit dem Löwen und Wigalois.

I.

Dienstag Morgen.

Wollen Sie uns die Freude machen, mein verehrtester Gönner, Morgen Mittag um halb 3 mit uns zu essen? Sie würden Frau v. Hardenberg hier finden, u. außer ihr die beyden Extremen des menschlichen Alters ihren Bruder Cay u. Dahl’s.

Ich wünsche fast daß Fr. v. Rehberg den Heinrich VIII. noch verschiebe damit es uns heut wieder so gut werde wie gestern. Wenn Sie den jungen Hauch um seines Enthusiasmus willen geliebt haben so hoffe ich von Ihnen für mein Zuhören gebilligt zu werden; ich weiß kaum wie ich vorher gelebt habe ehe ich Sie lesen und reden hörte, u. kann mir das Paradies ohne die Sonnabende bey Ihnen, u. die Pirnaische Gasse, gar nicht mehr vorstellen.

Ganz der Ihrige

_W. Baudissin_.

II.

Mittwoch Morgen.

_Theuerster Freund!_

Wenn ich nicht allen Glauben an poetische Gerechtigkeit, Nemesis und Vorsehung aufgeben soll, so erfüllen Sie die Bitte, die ich Ihnen halb verzweifelt und erschöpft an’s Herz lege: lassen Sie Herrn von Bülow die zweite Hälfte der Abschrift Ihrer Novelle zur Strafe dafür collationiren, daß er Ihnen einen solchen heillosen Abschreiber empfohlen! Wäre ich der -- -- -- oder sonst ein Tyrann, ich ließe ihn stäupen. Hier in diesem constitutionellen gebildeten Lande sollte man ihn in die Kleinkinderschule schicken, oder in’s Hospital thun. Mitunter sind seine Confusionen höchst ergötzlich; er schreibt ganz getrost: Mineralog statt Monolog, Kaffe statt Kuß, die Dummen statt die Damen, Fußweg statt Kunst, Signalisten-Corps statt Diplomatisches, u. s. w. Aber dergleichen Redeblumen können doch zuletzt für die unzähligen Verwünschungen und Seufzer nicht trösten, die seine incurable Stupidität uns erpreßt.

Ich hätte während ich Ihnen diese Zeilen schreibe, noch eine halbe Seite mehr nachsehen können; aber ohne Scherz und Uebertreibung, ich habe in diesen Tagen besonders viel zu thun, und kann, wenn die Correktur eilt, sie nicht wohl übernehmen. Sie selbst sollen sich auf keine Weise damit befassen. Aber finden Sie nicht vielleicht Jemand Anders? Ihre Handschrift lieset sich vortrefflich -- (!!) -- und macht gar keine Schwierigkeit. -- (??) --

Dann habe ich Ihnen noch einen Wunsch vorzutragen. Es hieß gestern, Frau von Savigny werde Donnerstag abreisen. Wenn das, wie ich noch nicht recht glaube, wirklich der Fall ist, müßte ich wohl heute Abend zu ihr gehn, und würde dann inständigst bitten, mir für den ~Every Man in his humour~ irgend einen andern Abend bestimmen zu wollen. Bleibt sie aber, so komme ich auf jeden Fall. Mein Diener soll Ihnen darüber mündlichen Bescheid ertheilen.

Ganz der Ihrige

_W. Baudissin_.

III.

_Dresden_, den 7. November.

Ich sende Ihnen, theurer verehrtester Freund, anliegend einen Brief den mir ~Dr~. Minckwitz für Sie eingehändigt, um Ihnen ans Herz zu legen, Sie möchten seiner Uebersetzungen gedenken, falls nach der Antigone noch andre Sophocleische Trgödien zur Aufführung kommen sollten. Fast war mir’s leid als ich den Auftrag übernahm, denn er kam mir vor wie ein böses Omen: ich will mich immer noch nicht an den Gedanken gewöhnen daß Sie, dem zu Liebe ich recht eigentlich mich entschieden hatte manchen andern Rücksichten entgegen wieder nach Dresden zurückzukehren, vielleicht nun ganz in Berlin zu bleiben entschloßen sind. Wenn’s aber denn wirklich so wäre, so sollen Sie mein erster, u. Ihre hiesigen Freunde u. ich selbst mein zweyter Gedanke seyn, u. ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem gewiß sehr schönen u. erweiterten Wirkungs-Kreise.

Ich habe Ihnen von meiner Sommerreise her noch angelegentliche Grüße zu bestellen von Loebell, von dem vortrefflichen, Sophien u. mir sehr lieb gewordnen Immermann, u. von Herrn v. Uechtritz. Eben so trägt mir meine Frau das allerherzlichste für Sie auf, u. wird sich sehr oft mit mir nach Ihnen sehnen: wir beyde bitten uns der Gräfin, so wie Herrn v. Raumer, bestens zu empfehlen, u. Agnes zu grüßen. -- Auf eine Antwort von Ihnen dürfen weder Minckwitz noch ich hoffen: sollten Sie aber Notiz von seinem Anerbieten nehmen, so schriebe vielleicht Agnes ein paar Zeilen? --

Mit treuster Freundschaft und Verehrung

der Ihrige

_W. Baudissin_.

=Baudissin, Karl, Graf.=

Der Schreiber nachstehenden Schreibens ist des edlen Grafen Wolf naher Verwandter, dessen Töchter bei ihrem Oheim längere Zeit in Dresden verweilten. Die älteste, von der ebenfalls im Briefe Erwähnung geschieht, lebt gegenwärtig als Gemahlin des K. H. Gesandten in Wien, und wird als kunstsinnige, hochgebildete Dame allgemein verehrt.

Graf _Karl_, ihr Vater, ist Verfasser des Buches „der Geist in der Natur.“

Sein Sohn _Adalbert_, eben so bekannt durch die wechselvollen Schicksale reich-bewegten Lebens, als beliebt im Fache humoristisch-romantischer Erzählungen, entwickelt ein fruchtbares auf vielfache Erfahrungen gestütztes, und durch diese gefördertes Talent.

_Horsens,_ den 14. December 1830.

_Verehrtester Herr Hofrath!_

Selbst auf die Gefahr hin, Ihnen lästig zu fallen stehe ich nicht länger an, einige Zeilen an Sie zu richten. Die Erzählungen meiner Tochter Bella enthalten unzählige Beweise, wie viel Freundlichkeit und Güte Sie ihr erweisen, und meine älteste Tochter hat neulich, gleich nach ihrer Ankunft in Dresden, die zuvorkommendste Aufnahme in Ihrem Hause erfahren. Erlauben Sie mir, Ihnen und den Ihrigen meinen Dank für so viele Güte abzustatten, welches zu thun mir eine um so größere Freude gewährt, als ich dadurch Gelegenheit erhalte, gegen einen Mann, dessen Schriften mir so theuer sind, meine Verehrung auszusprechen. Wären Sie Herr Hofrath nicht gewohnt, in weit treffenderen Worten als ich es vermag, den Eindruck geschildert zu sehen den Ihre Schriften in der Seele des Lesers zurücklassen, so würde ich es versuchen, und Ihnen erzählen, wie ich noch jetzt keine gewirkte Tapete ohne Schauder betrachten kann, weil ich vor 20 Jahren Ihren Karl von Berneck gelesen habe; wie ich meinen Kindern, wenn sie Abends um mich versammelt sind, Ihre Märchen erzähle, und mich im blonden Eckbert und den Haimondskindern fast nie der Thränen erwehre; und wie Franz Sternbald und die Herzensergießungen eines Klosterbruders in meinem Innern einen Frühling der Gefühle, ein tönendes sonniges Leben hervorriefen, wie noch keine Musik, kein plastisches Kunstwerk dieß an mir vermogt haben.

Keine Prosa spricht mich so an, reißt mich so mit sich fort, wie die Ihrige. Denn während mir Goethe’s Prosa incorrekt und eckig (!?) vorkömmt; Schiller hochtrabend, und die mehrsten Schriftsteller matt; fühle ich mich bey der Ihrigen von Empfindungen durchglüht, die ich nicht beschreiben kann. Wie sehr beneide ich meine Kinder, die das Glück haben Sie selbst Ihre Schriften vorlesen zu hören, und deren Genuß durch solchen Vortrag noch erhöht wird. Ich schmeichle mir oft mit der Hoffnung, daß es mir, dem Bewohner der ~ultima Thule~ noch möglich seyn wird Dresden zu besuchen, wo sich jetzt so Vieles meinem Herzen Theures aufhält. Auf diesen Fall erlauben Sie Herr Hofrath daß ich mich zu einer Vorlesung bei Ihnen anmelde, wo es mich zugleich freuen wird, Ihnen mündlich sagen zu können, mit welcher Verehrung und Hochachtung ich bin

_Ihr_

ergebenster _C. Baudissin._

=Bauer, Caroline.=

Diese Schauspielerin, welche auf der Bühne -- wie im Leben die ersten Rollen sehr wohl zu behaupten verstand, und dann plötzlich, unter noch immer räthselhaften Verhältnissen von beiden Schauplätzen verschwand, ohne daß es Einem ihrer ehemaligen Verehrer gelungen wäre, etwas bestimmtes über ihre späteren Schicksale zu erforschen, war bei Tieck sehr beliebt und geachtet. Sie wußte ihn zu behandeln, gab sich in seinem Hause nur als lernende Hörerin, und deutete seine Schwächen zu ihrem Vortheile aus. Er schwor darauf, daß sie auf ihn schwöre -- und wer er besser wußte, hütete sich wohl ihn zu enttäuschen. Da nahm er denn leicht äußerliche Anmuth und Glätte für innerliches, künstlerisches Walten. Sie war eine geschickte, elegante Darstellerin. Mehr nicht. Sie galt lange, und an vielen Orten, wo sie triumphirte, für eine große Schauspielerin. Aber niemals wären auf sie die Worte anzuwenden gewesen: „Hast Du mir Thränen in’s Auge gelockt und Lust in die Seele!“

_Bremen,_ den 24. Mai.

_Hochverehrter Freund!_

Beinahe vom Ende der Welt -- sende ich Ihnen die _herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstage_! meine Mutter schließt denselben die innigsten mit an, und beide hoffen wir Sie gesund und heiter wiederzusehen.

Während Sie theurer Freund, das schöne Frühjahr in aller Ruhe genießen, habe ich sehr unruhige, aber auch angenehme Tage verlebt. --

Hamburg hat mir sehr gefallen, das Haus fand ich gar nicht zu groß, das Publikum sehr freundlich -- aber die Gesellschaft schlechter wie eine herumziehende Truppe. Die Enghaus ist fort, Schmidt, Lenz zu stumpf, Hr. Baison ist der einzig helle Punkt, die _Perle_ der Gesellschaft! Das ist viel gesagt. Wenn Schröder die Vorstellung der ~Donna Diana~ gesehen! Denken Sie Geehrter Freund, daß ~Perin~ nicht im Standte war _ein_ Lächeln dem Publikum zu entlocken -- _Niemand_ erhielt ein Zeichen des Beifalls, 4 mal versuchte ich Leben in diese Maße zu bringen. Dann sagte ich der Direction aufrichtig: mit solcher Umgebung könnte ich nicht weiter spielen. Die Stumme von ~Portici~ gieng sehr brillant da brauchte ich nur die Münk zur Unterstützung.

Hier geht unter Rottmayers Leitung alles beßer, und ich athmete leichter als ich in der „~Stuart~“ auftrat. -- Schwärmerei nach der Mode macht sich gut, wenn alles so wie hier rasch in einander greift.

Rottmayer ist ein vorzüglicher Künstler, und gebildeter Mann, gewiß werden Sie ihn, mein Geehrter Herr Hofrath recht lieb gewinnen. Er empfiehlt sich _ganz ergebenst_, wenn er zu Gastrollen kommt möchte er den Klingsberg in „der unglücklichen Ehe durch Delicatesse“ spielen, da würden wir dies schöne Stück geben können, doch ich komme in’s Plaudern und raube Ihre Zeit, also mündlich hole ich nach, ich habe viel, viel zu erzählen! --

Nur noch die schönsten Empfehlungen! an Frau Gräfin! so wie Ihren lieben Fräulein Töchtern viel Herzliches! --

Auf frohes Wiedersehen! Verehrter Freund!

Hochachtungsvoll und bestens ergebene

_Caroline Bauer_.

=Bauernfeld, Eduard von.=

Geb. zu Wien 1804, dort angestellt in einem kaiserl. Amte. Lustspieldichter von großem Rufe, dessen „Bürgerlich und Romantisch“ -- „Bekenntnisse“ -- „Tagebuch“ -- „Großjährig“ -- und viele andere, mit verdientem Glücke über alle deutschen Bühnen gingen und zum Theil noch lebendig sind. Auf ernsterem Gebiete zeichnete ihn „Ein deutscher Krieger“ aus. Sein Dialog ist eben so reich an guten Gedanken wie an sinnvollen und feinen Wendungen. Gesammelt sind seine dramatischen Arbeiten in den „Lustspielen“ (1833) -- und dem „Theater“ (1836-37). Er hat Mehreres aus dem Englischen übersetzt, und zwar meisterhaft. Z. B. den Coriolanus, der in einer Gesammt-Edition Shakespeares (Wien, bei Sollinger) steht, welche leider, wie es damals üblich, viel Nachdruck, unter A., den ganzen Schlegelschen Shakespeare enthält.

Die zwei hier mitgetheilten Briefe betreffen seinen „Fortunat,“ einen Versuch hochromantischer Gattung im Drama, der sehr viel Schönheiten bietet und der wohl verdient hätte, von anderen deutschen Bühnen, außerhalb Oesterreich, wieder aufgenommen zu werden. -- Aber wem fällt so etwas ein? Wir haben ja Ueberfluß an poetischen Neuigkeiten.

I.

Wien d. 29. Septemb. 1834.

_Hochverehrter Herr!_

Das beiliegende Schauspiel „Fortunat“ wage ich Ihnen, hochverehrter Herr, zur Einsicht vorzulegen, eh’ ich es noch einem Theater zur Aufführung übergebe. Ich gestehe, daß mich dieser Stoff seit Jahren beschäftigt, und daß ich mir eigentlichst Mühe gab, dasjenige, was mir daran poetisch erschien, in dramatischer, wo möglich in theatralischer Form wieder zu geben. Natürlich konnt’ ich zu diesen Zwecken nur einige Umrisse der ursprünglichen Fabel beibehalten, und war gewisser Maßen gezwungen, die dramatische Handlung erst zu erfinden. Bei solchem Verfahren würde ich mich glücklich preisen, wenn es mir nicht mißlungen ist, den Sinn und Geist der Fabel auch in dieser veränderten Form nicht verwischt zu haben. Der erste Akt meines Schauspiels bildet eine Art Vorspiel: Fortunat als Jüngling im elterlichen Hause; dieser Theil unterscheidet sich in Ton und Darstellungsweise wesentlich von den übrigen Akten, worin die Abentheuer behandelt sind, die sich mehr dem Heroischen nähern. Der Schluß soll mit dem Anfang wieder zusammen greifen. Um das Theater-Publikum, welches leider ein allzu großer Feind des Phantastischen ist, auf das Wunderliche des Inhalts vorzubereiten, hab’ ich noch einen Prolog beschlossen, welchen Fortuna halten soll. --

Ich kann es mir nicht bergen, daß meine bisherigen theatralischen Arbeiten mir bei Ihnen, hochverehrter Herr, keinesweges das Zutrauen erwecken werden, daß ich einem Stoff, wie der vorliegende, gewachsen sei; allein auch bei jenen, mehr im französischen Sinne geschriebenen Lustspielen leitete mich eine Absicht, welche Sie vielleicht nicht ganz mißbilligen werden, wenn Sie mir in der Folge etwa gestatten, mich hierüber näher zu erklären.

Indem ich Ihrem Urtheil über die vorliegende Arbeit mit Verlangen entgegen sehe, unterzeichne ich mich mit Hochachtung

Hochverehrter Herr

Ihren

ganz ergebensten

_Eduard v. Bauernfeld_, (J. P. Sollingers Buchhandlung in der obern Bäckerstraße.)

II.

Wien d. 28. März 1835.

_Verehrter Herr!_

Ihre aufmunternden Zeilen über Fortunat kamen eben wenige Tage an vor der Aufführung dieses Stücks in einem hiesigen Vorstadttheater. Das Stück -- fiel durch. Das Publikum schien das Volksmährchen gar nicht zu kennen, wunderte sich über den Sekel u. s. w. Zudem hatten Saphir mit seinen Anhängern und andere Uebelgesinnte Parthei gebildet; überdieß besitzen die beiden _Holtei’s_, welche z. 1. M. als engagirte Mitglieder spielten (Vasko und Rosamunde), keine Freunde unter den Schreibern der hiesigen Journale, welche, wie fast überall, in den schlechtesten Händen sind. Am zweiten Abend ging die Sache besser, u. Holtei’s wurden gerufen. Uebrigens wurde mir bei dieser Sache klar, daß das Stück auch auf unserm Hoftheater nicht gefallen hätte, und zwar nicht nur wegen seiner dramatischen Gebrechen, sondern hauptsächlich deßhalb, weil das Wiener-Publikum für das Freiere und Phantastische durchaus keinen Sinn mitbringt. So wurde ein Meisterwerk unserer Literatur „der Prinz v. Homburg“, mit welchem ich meinen Versuch natürlicher Weise nicht von Ferne zu vergleichen wage, auf den Hoftheater förmlich ausgelacht. -- Sollten Sie, hochverehrter Herr, trotz jenes Erfolges dennoch die Aufführung des Fortunat beabsichtigen (welcher auch vom Berliner Hoftheater angenommen wurde), so werde ich so frei seyn, Ihnen in der Folge einige Abänderungen und Abkürzungen vorzuschlagen, welche sich bei der zweiten Darstellung als zweckmäßig erwiesen. --

Für den übrigen Inhalt Ihres Briefes, welche eine weit bessere Meinung für mich ausspricht, als ich bisher im Stande war zu verdienen, danke ich mit aufrichtigem Herzen. Schon in meinen frühesten Jünglingsjahren hatten, nebst Göthe und Shakespeare, Ihre Werke den größten Einfluß auf mich ausgeübt. Ich schrieb wohl über ein Dutzend Stücke beiläufig in den Manieren aller dieser Meister, worin sich vielleicht ~disjecta membra poëtae~ entdecken lassen; aber das Ganze blieb stets ungenügend. In der Folge fühlte ich ein brennendes Bedürfniß, das Theater kennen zu lernen. So kamen denn jene leichten Lustspiele zum Vorschein, bei denen, ich weiß es wohl, häufig das Poetische einer gewissen Technik aufgeopfert wurde, die sich aber der Theater-Schriftsteller durchaus erwerben muß. Dabei erschien mir die natürliche Auffassung moderner Zustände auch in das Feld der Poesie zu gehören, u. im bisherigen Deutschen Lustspiel noch wenig bebaut. -- Schlimm ist’s, daß nun gerade der Versuch, wo ich der Poesie näher zu kommen dachte, verunglücken soll. Das soll mich jedoch nicht abhalten, dasjenige, was ich im Gefühl und im Gedanken einmal als das Richtige erkannt habe, mit Bedacht fortzubilden. Ist meine Kraft zu gering, dann hilft freilich die gute Absicht zu Nichts. Steht mir nur der Zeitgeschmack und die Gemeinheit entgegen, dann hoffe ich noch durchzudringen.

Verzeihen Sie, verehrter Herr, daß ich Sie mit einem so weitläufigen Schreiben belästige; aber ich fühlte ein wahres Bedürfniß, Ihnen den Gang meiner poetischen Bildung einiger Maßen darzulegen, da ich Ihnen, ohne Sie persönlich zu kennen, so Vieles verdanke.

Sollten Sie mir einige billigende Worte entweder selbst schreiben oder durch Rettich mittheilen wollen, so werden Sie dadurch sehr beglücken

Ihren

dankbaren Verehrer _Bauernfeld_. (J. P. Sollingers Buchhandlung in der obern Bäckerstraße.)

=Beskow, Bernh. v.=

Geb. am 19. April 1796 zu Stockholm, Hofmarschall, längere Zeit hindurch Theater-Intendant. Seine bedeutendsten dramatischen Werke sind: Erich XIV. -- Hildegard -- Torkel Knutson -- Gustav Adolph in Deutschland. -- Seine erste Dichtung war (1819) Carl XII.

Die von ihm vorgefundenen hier mitgetheilten Briefe werden jedweden unbefangenen Leser für den ausgezeichneten Menschen einnehmen. Der erste, in welchem er das lange, durch Trennung und Zeit verstummte Verhältniß zwischen sich und Tieck wieder belebend auffrischt, erscheint uns wie ein wichtiges Dokument. So feurig, so wahr, so überzeugend hat vielleicht noch kein Deutscher für deutsches Verdienst gesprochen, als dieser schwedische Hofmarschall. Was er bei Gelegenheit britischer Commentatoren des Shakespeare über die unschätzbare Eigenschaft des Deutschen sagt, fremden Werth in seiner ganzen Bedeutung anerkennend zu durchdringen, sollte in Erz gegraben werden. Welch’ ein Geist in diesem Manne, welche Seele, welches Herz! Nun, Tieck muß es tief empfunden haben. Schon nach Verlauf einiger Monate, wie das zweite Schreiben beweiset, begrüßen sie sich mit dem brüderlichen _Du!_ -- Damit ist Tieck in reiferen Jahren nicht freigebig gewesen.

I.

Stockholm den 28. Februar 1835.

Sie haben mich ein par mal durch Nordische Reisende so freundlich grüssen lassen, daß ich mir den Genuß nicht länger versagen kann, Ihnen selbst meinen Dank abzustatten, nicht bloß für diese Gütige Erinnerung „aus den Tagen, die nicht mehr sind,“ sondern noch für so manche Wohlthaten, die ich Ihnen, dem herrlichen, vertraulichen Dichter, seit so vielen, einsamen Jahren noch schuldig bin.

Sie müssen nehmlich wissen, mein edler vortreflicher Freund! daß ich _nach_ unsrer Trennung noch viel vertrauter _mit Ihnen gelebt_, gedacht, geschwärmt und das innere schöne Leben genossen habe, als einst bei der persönlichen Gegenwart, in dem geistreichen, von unserm guten Burgsdorf gebildeten Gesellschaftskreise.

Bei unsrer ersten Bekanntschaft war _mein_ Geist noch etwas zu _klassisch_ gestimmt, um sich in _Ihren_ selbständigen freien Dichtungen überall heimisch zu fühlen. Ich hatte mich in früher Jugend so tief verirrt im Dickicht trübseliger Schwärmerei, und mich so mühselig zum Licht emporgearbeitet, daß ich noch lange eine Art von Scheu behielt, selbst vor jeder _dichterischen_ Dämmerung, wo solche mir etwa mehr _Abend-_ als _Morgenröthe_ zu verkündigen schien. Dagegen hatte mir vom Anfange an Ihr geflügelter _Genius_ grosse Ehrfurcht eingeflößt, und noch anziehender fand ich den _Menschen_ in Ihnen. Es freut mich noch, daß ich Ihren Werth so zeitig gefühlt hatte; denn als ich einer sehr geistreichen Freundin aus jener Zeit Ihren _Abdallah u. Lowell_ geliehen hatte, und sie, etwas kunstrichterisch, anmerkte: „es schiene ihr immer etwas anmassend, wenn ein „_junger Mensch_“ mit Werken anfinge, welche die ganze _Reife_ eines Göthe forderten, um eigenthümlichen Werth zu haben,“ so hatte ich schon den Mut, ihr zu antworten: „Wenn ich mich nicht sehr irre, so werden _Sie_ noch einmal die Werke _dieses_ jungen Menschen neben die _Göthischen_ in Ihrer Büchersamlung aufstellen.“

Seit dieser Zeit nun schmeichle ich mir einer Ihrer _besten Leser_ gewesen zu sein, was überhaupt meine Stärke ausmacht; denn mein _eigenes_ Schreiben, oder Dichten, hat meinem Geist eigentlich nur zur _Bewegung_ gedient, wodurch die Gesundheit eines tüchtigen _Lesers_ gehörig befördert wird. Auch besitze ich, Gottlob, Sinn und Gemüt genug, um bei reich-begabten Schriftstellern alles mitzuentdecken, was sie nicht selten bloß dem _Weissen_ zwischen den Zeilen anvertraut haben. Der sel. Schleiermacher bat mich einmal, seine „Kritik der Sittenlehre“ für eine gelehrte Zeitung zu beurtheilen. Ich entschuldigte mich aber damit, daß ich das Buch wahrscheinlich nicht hinlänglich verstanden hätte; denn an mehrern Stellen folgerte ich aus dem innern Zusammenhang seiner Begriffsentwickelungen etwas viel Bedenklichers, als was er selbst zu lehren schien. Darauf antwortete er mir scherzend: „Eben deswegen, weil ich Dich als einen so guten und gründlichen _Leser_ kenne, wollte ich daß _Du_ gewisse Dinge zur Sprache bringen solltest, die ich meine Gründe hatte, hier nicht näher zu erörtern. Die von Dir gerügte Zweideutigkeit ist unverkennbar für den Selbstdenker, aber _absichtlich_; und Du kannst überzeugt sein, daß unsre alltäglichen Bücherrichter sich nicht dabei aufhalten werden.“ --